Kapitel 2

Indien wird vereint und eins sein

Worte Sri Aurobindos

…das Licht, das uns zur Freiheit, wenn auch noch nicht zur Einheit geführt hat, brennt noch und wird weiter brennen, bis es obsiegt. Ich glaube fest daran, dass eine große und geeinte Zukunft die Bestimmung dieser Nation und ihrer Völker ist. Die Macht, die uns durch so viele Kämpfe und Leiden zur Freiheit gebracht hat, wird auch, durch welche Mühen oder Schwierigkeiten auch immer, das Ziel erreichen, das die Gedanken des gefallenen Staatsführers zum Zeitpunkt seines tragischen Endes so ergreifend beschäftigte; so wie diese Macht uns die Freiheit gebracht hat, wird sie uns die Einheit bringen. Es wird ein freies und geeintes Indien geben, und die Mutter wird ihre Söhne um sich scharen und sie zu einer einzigen nationalen Kraft im Leben eines großen und geeinten Volkes zusammenschweißen.

Die Einheit Indiens wurde langsam durch den Druck von oben und die Schaffung einer Reaktion von unten vorbereitet. Nur wenn diese Reaktion eine selbstbewusste Demokratie gebiert, die nach Einheit und Freiheit strebt und der eigenen Mündigkeit vertraut, kann der Traum von einem Vereinigten Indien verwirklicht werden.

Spiritualität bedeutet nicht die Gestaltung der gesamten Art des nationalen Wesens gemäß den begrenzten Dogmen, Formen und Lehren einer bestimmten Religion, wie es oft genug von den alten Gesellschaften versucht wurde, eine Vorstellung, die kraft alter mentaler Gewohnheit und Assoziation noch in vielen Gemütern fortlebt. Ganz offensichtlich wäre ein solcher Versuch, selbst wenn er wünschenswert wäre, unmöglich in einem Land, in dem es eine so große Vielfalt religiöser Anschauungen gibt und das zudem drei so unterschiedliche Hauptformen wie Hinduismus, Islam und Christentum beherbergt, ganz zu schweigen von den zahllosen besonderen Unterformen, denen diese zur Geburt verhalfen. Spiritualität ist viel umfassender als jede spezifische Religion, und in den weiter gefassten Vorstellungen von ihr, die jetzt bei uns aufkommen, bleibt selbst die größte Religion nichts weiter als eine Sekte oder ein Zweig der einen universalen Religion. In der Zukunft werden wir unter Religion die Suche des Menschen nach dem Ewigen verstehen, nach dem Göttlichen, dem größeren Selbst, der Quelle der Einheit, sowie seine Bemühung, zu einer Angleichung zu gelangen, einer wachsenden Annäherung der Werte des menschlichen Lebens an die ewigen und göttlichen Werte.

Es gibt zwei Aspekte der Religion: wahre Religion und Religiosität. Wahre Religion ist spirituelle Religion. Sie sucht im Geist zu leben, jenseits des Intellekts, der Ästhetik, des ethischen und praktischen Wesens des Menschen, und sie erstrebt, diese Teile unseres Wesens mit dem höheren Licht und Gesetz des Geistes zu erfüllen und zu lenken. Religiosität dagegen verschanzt sich hinter enger, pietistischer Erhöhung der niederen Wesensteile oder misst intellektuellen Dogmen, Formen und Zeremonien, einem festgelegten und strengen Moralkodex, einem religiös-politischen oder religiös-sozialen System übertriebenen Wert bei. Wohl sollten alle diese Dinge keineswegs vernachlässigt werden, da sie nicht im geringsten wertlos oder unnötig sind. Auch sollte eine spirituelle Religion die Hilfe von Formen, Zeremonien, Glaubenssätzen oder Systemen nicht missachten. Im Gegenteil, die Menschheit bedarf ihrer, da ihre niederen Wesensteile erhoben und verklärt werden müssen, ehe sie spiritualisiert werden, ehe sie den Geist unmittelbar fühlen und seinem Gesetz gehorchen können. Das denkende und vernunftbegabte Mental bedarf oft einer intellektuellen Formel, einer Form oder Zeremonie für das ästhetische Temperament oder für andere Teile des vorrationalen Wesens, eines Moralkodex für die vitale Natur des Menschen in ihrer Hinwendung zum inneren Leben. Aber all dies kann nur Hilfe und Stütze sein. Es ist nicht die Essenz selbst. Eben weil es den rationalen und vorrationalen Wesensteilen zugehört, kann es nichts anderes sein. Stützt man sich allzu sehr auf diese Formen, können sie sogar das überrationale Licht verdunkeln. So, wie diese Hilfen sind, müssen sie dem Menschen angeboten und von ihm benutzt, nicht aber dürfen sie ihm als einziges Gesetz mit unbeugsamem Willen aufgezwungen werden.

Der Mohammedaner, der Hindu, der Buddhist, der Christ wird in Indien nicht aufhören müssen, Mohammedaner, Hindu, Buddhist oder Christ zu sein, um sich zu einer großen und mächtigen indischen Nation zu vereinigen. Hingabe an die eigenen Ideale und Institutionen, mit Toleranz und Respekt für die Ideale und Institutionen anderer Teile der Gemeinschaft, und eine glühende Liebe und Zuneigung für das gemeinsame staatsbürgerliche Leben und Ideal aller – das ist es, was von uns für den Aufbau der wahren indischen Nation jetzt kultiviert werden muss. Der Versuch, sie auf irgendeine andere Weise aufzubauen, wird unmöglich sein, sei es der Weg des Brahmanen, des Christen oder des propagandistischen Mohammedaners ist.

Wir verstehen den Hindu-Nationalismus nicht als eine Möglichkeit unter modernen Bedingungen. Hindu-Nationalismus hatte eine Bedeutung in den Zeiten von Shivaji und Ramdas, als das Ziel der nationalen Wiederbelebung darin bestand, eine mohammedanische Herrschaft zu stürzen, die, einst zur indischen Einheit und Toleranz tendierend, nun unterdrückend und zerstörerisch geworden war. Es war möglich, weil Indien damals eine Welt für sich war und die Existenz zweier geographischer Einheiten, die völlig hinduistisch waren, Maharashtra und Rajputana, ihm eine Grundlage bot. Es war notwendig, weil der Missbrauch ihrer Vorherrschaft durch das mohammedanische Element fatal für Indiens Zukunft war und von daher durch das Wiederaufleben und die Vorherrschaft des Hinduismus abgestraft und korrigiert werden musste. Und weil es möglich und notwendig war, kam es zustande. Aber unter modernen Bedingungen kann Indien nur als Ganzes existieren. Eine Nation hängt für ihre Existenz von geographischer Abgrenzung und geographischer Geschlossenheit ab, davon, ein eigenständiges und separates Land zu besitzen. Die Existenz dieser geographischen Trennung wird letztlich alle Unterschiede in Volk, Sprache, Religion und Geschichte überwinden. Sie hat dies in Großbritannien, in der Schweiz, in Deutschland getan. Sie wird es auch in Indien tun. Aber auch die geographische Geschlossenheit ist notwendig. Mit anderen Worten, das Land muss so in sich geschlossen sein, dass die Kommunikation und die Organisation einer Zentralregierung einfach oder zumindest nicht untragbar schwierig wird. Das Fehlen einer solchen Geschlossenheit ist der Grund, warum große Reiche am Ende in Landesteile zerfallen werden; sie erhalten nicht die Unterstützung jenes unsterblichen und unzerstörbaren nationalen Selbstes, das allein Dauerhaftigkeit gewährleisten kann. Diese Schwierigkeit steht der britischen imperialen Föderation im Wege und ist so groß, dass jeder temporäre Erfolg dieses fadenscheinigen Bestrebens mit Gewissheit zu einem schnellen Zerfall des Reiches führen wird. Außerdem muss es eine vereinigende Kraft geben, die stark genug ist, um aus der geographischen Geschlossenheit und Getrenntheit einen Vorteil zu ziehen – entweder eine weise und geschickt organisierte Regierung mit einer beständigen Tradition der Wohltätigkeit, Unparteilichkeit und Einheit mit der Nation, oder aber ein lebendiges Nationalgefühl, das auf seiner separaten Unverletzlichkeit und Selbstverwirklichung besteht. Das Geheimnis des römischen Erfolges lag in der Organisation einer solchen Regierung; dennoch gelang es mangels geographischer Geschlossenheit nicht, eine weltumspannende römische Nationalität zu schaffen. Das Scheitern der britischen Herrschaft, sich zu verwurzeln, liegt in ihrer Unfähigkeit, mit der Nation eins zu werden, entweder durch die Auslöschung unserer nationalen Individualität oder durch den Verzicht auf den eigenen separaten Stolz und Eigennutz. Diese Dinge sind also notwendig für die indische Nationalität: geographische Eigenständigkeit, geographische Geschlossenheit und ein lebendiger nationaler Geist. Das erste war immer unser und machte Indien von den frühesten Zeiten an zu einem eigenständigen Volk. Das zweite haben wir durch die britische Herrschaft erlangt. Das dritte ist gerade erst entstanden.

Aber das Land, das swadesh, das die Basis und das Fundament unserer Nationalität sein muss, ist Indien, ein Land, in dem Mohammedaner und Hindus vermischt und Seite an Seite leben. Welche geografische Basis kann eine Hindu-Nationalität besitzen? Maharashtra und Rajasthan sind keine getrennten geographischen Einheiten mehr, sondern lediglich Provinzabteilungen eines einzigen Landes. Die allererste Voraussetzung für einen Hindu-Nationalismus fehlt. Die Mohammedaner begründen ihre Eigenständigkeit und ihre Weigerung, sich zuerst als Inder und danach als Mohammedaner zu betrachten, mit der Existenz großer mohammedanischer Nationen, mit denen sie sich trotz unserer gemeinsamen Geburt und unseres Blutes mehr verwandt fühlen als mit uns. Die Hindus haben keine solche Möglichkeit. Auf Gedeih und Verderb sind sie an den Boden und nur an den Boden gebunden. Sie können ihre Mutter nicht verleugnen, noch können sie sie verstümmeln. Unser Ideal ist daher ein indischer Nationalismus, der in seinem Geist und seinen Traditionen weitgehend hinduistisch ist, weil der Hindu das Land und das Volk geschaffen hat und aufgrund der Größe seiner Vergangenheit, seiner Zivilisation, seiner Kultur und seiner unbesiegbaren Lebenskraft darauf beharrt, es zu bewahren, ein Nationalismus, der aber auch weit genug ist, um den Moslem und seine Kultur und Traditionen einzuschließen und in sich aufzunehmen.

Einer Sache können wir sicher sein, dass die hinduistisch-mohammedanische Einheit nicht durch politische Anpassungen oder Schmeicheleien des Kongresses herbeigeführt werden kann. Sie muss tiefer im Herzen und im Verstand gesucht werden, denn dort, wo die Ursachen der Uneinigkeit liegen, müssen auch die Heilmittel gesucht werden. Wir werden gut daran tun, wenn wir versuchen, das Problem zu lösen. Wir müssen uns daran zu erinnern, dass Missverständnisse die Hauptursache unserer Differenzen sind, dass Liebe Liebe erzwingt und dass Stärke die Starken versöhnt. Wir müssen uns bemühen, die Ursachen der Missverständnisse durch eine bessere gegenseitige Kenntnis und Sympathie zu beseitigen; wir müssen die unbeugsame Liebe des Patrioten auf unseren muslimischen Bruder ausdehnen, immer daran denkend, dass auch in ihm Narayana wohnt und auch ihm unsere Mutter einen festen Platz in ihrem Schoß gegeben hat; aber wir müssen aufhören, uns ihm falsch zu nähern oder ihm aus einer selbstsüchtigen Schwäche und Feigheit zu schmeicheln. Wir glauben, dass dies der einzige praktische Weg ist, mit dieser Schwierigkeit umzugehen. Als politische Frage interessiert uns das hinduistisch-mohammedanische Problem überhaupt nicht, als nationales Problem ist es von höchster Bedeutung. Wir werden es zu einem Hauptteil unserer Arbeit machen, Mohammed und den Islam vor unseren Lesern in ein neues Licht zu stellen, gerechtere Ansichten über die mohammedanische Geschichte und Kultur zu verbreiten, den Platz des Moslems in unserer nationalen Entwicklung und die Mittel zur Harmonisierung seines Gemeinschaftslebens mit dem unseren zu würdigen, ohne die Schwierigkeiten zu ignorieren, die uns im Wege stehen, sondern das Beste aus den Möglichkeiten der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Verständnisses zu machen. Intellektuelle Sympathie kann nur zusammenbringen, allein die Sympathie des Herzens kann vereinen. Aber das eine ist eine gute Vorbereitung für das andere.

Es gibt noch eine andere Einheit, die bisher nur schemenhaft in der Zeremonie des Rakhi symbolisiert wird, eine Einheit, die nicht zustande kommen kann, bis eine vollkommene Kameradschaft im Streben, im Kampf, im Leiden in der ganzen Länge und Breite des Landes geschaffen worden ist, – die Einheit in nationaler Kameradschaft der Kinder einer mächtigen Mutter, unabhängig von ihrer Klasse oder ihrem Status, – indische Brüderlichkeit, die auf indischer Freiheit und indischer Gleichheit basiert.

Einheit und Universalität wären die Grundlage des Bewusstseins der Menschheit und nicht mehr die absondernde Zerspaltenheit … Der Streit zwischen dem Individuum und der Gesellschaft und der verhängnisvolle Kampf zwischen der einen und anderen Gemeinschaft würden dann nicht mehr existieren. Das fest in den verkörperten Wesen gegründete kosmische Bewusstsein würde eine Harmonie zwischen der Unterschiedlichkeit und dem Einssein sichern.

Worte der Mutter

Über „die Karte der Mutter von Indien“, die Pakistan, Nepal, Sikkim, Bhutan, Bangladesch, Burma und Sri Lanka einschließt. Die im ersten Satz erwähnte „Teilung“ ist die von Pakistan und Indien.

Die Karte wurde nach der Teilung erstellt.

Es ist die Karte des wahren Indiens, trotz aller vorübergehenden Erscheinungen, und sie wird immer die Karte des wahren Indiens bleiben, was auch immer die Menschen darüber denken mögen.

Am 2. Juni 1947 hielt Lord Louis Mountbatten, der Vizekönig von Indien, eine Radioansprache, in der er die Trennung Pakistans von Indien und bestimmter anderer Teile Indiens in hinduistische und muslimische Staaten vorschlug. Nachdem sie die Sendung gehört hatte, gab Mutter die folgende Erklärung ab.

Es wurde ein Vorschlag zur Lösung unserer Schwierigkeiten bei der Organisation der indischen Unabhängigkeit gemacht, und er wird von den indischen Führern angenommen – mit welcher Verbitterung und welchem Herzensleid auch immer.

Aber wisst ihr, warum uns dieser Vorschlag gemacht wurde? Um uns die Absurdität unserer Streitigkeiten zu zeigen.

Und wisst ihr, warum wir diese Vorschläge annehmen müssen? Um uns selbst die Absurdität unserer Streitereien zu zeigen.

Natürlich ist dies keine Lösung; es ist ein Test, eine Prüfung, die, wenn wir sie in aller Aufrichtigkeit durchlaufen, uns beweisen wird, dass wir nicht dadurch, dass wir ein Land in kleine Stücke schneiden, seine Einheit und seine Größe herbeiführen können; dass wir nicht dadurch, dass wir Interessen gegeneinander ausspielen, Wohlstand für es gewinnen können; dass wir nicht dadurch, dass wir ein Dogma gegen ein anderes setzen, dem Geist der Wahrheit dienen können. Trotz allem hat Indien eine einzige Seele, und solange wir warten müssen, bis wir von einem einzigen und unteilbaren Indien sprechen können, muss unser Schrei sein:

Möge die Seele Indiens ewig leben!

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