Kapitel 3
Die Dichtung der Zukunft
Worte Sri Aurobindos
Die Dichtung der Zukunft muss, wenn die Ausführungen, die ich gemacht habe, fundiert sind, ein Problem lösen, das der Kunst poetischer Sprache neu ist, eine Äußerung der tiefsten Seele des Menschen und des universalen Geistes in Dingen, nicht nur mit einer anderen und einer vollständigeren Schau, sondern in der innersten Sprache der Selbsterfahrung der Seele und der Schau des spirituellen Wesens. Der Versuch, in der Dichtung die innersten Dinge des Geistes auszudrücken oder eine seelische und spirituelle Schau zu gebrauchen, die verschieden ist von der mehr äußerlichen Vorstellung und Intelligenz, wurde gewiss schon vorher unternommen, aber zum größten Teil und außer in seltenen Augenblicken einer ungewöhnlich inspirierten Sprache hat sie mehr eine Art Form oder Symbol gebraucht als eine direkte Sprache innerster Erfahrung; oder aber, wo sie eine solche Sprache gebraucht hat, geschah es innerhalb des begrenzten Bereiches einer rein inneren Erfahrung wie in der erhabenen philosophischen und spirituellen Dichtung der Upanishaden, dem Ausdruck eines spezifischen seelischen Gefühls der Natur, das bei fernöstlichen Dichtern oder der poetischen Darstellung mystischer Zustände oder einer besonderen religiösen Emotion und Erfahrung gewöhnlich ist, wovon wir einige Beispiele in Europa und viele in der Literatur von Westasien und Indien finden. Es ist eine andere und viel umfassendere kreative und interpretative Bewegung, die wir jetzt in ihren ersten Stadien sehen, eine Ausweitung des inneren Weges der Schau auf äußere nicht minder als auf innere Dinge, auf alles, was uns subjektiv ist, und alles, was objektiv ist, ein Sehen durch eine nähere Identität im Selbst des Menschen mit dem Selbst der Dinge und des Lebens und der Natur und all dessen, was ihm im Universum begegnet. Der Dichter muss die Sprache dieser Identitäten finden, und selbst Symbol und Figur müssen, wenn sie hereingebracht werden, um die direktere Äußerung zu unterstützen, in einer anderen Art gebraucht werden, weniger als ein Schleier, mehr als eine wirkliche Entsprechung.
Die erste Grundbedingung des vollständigen Hervortretens dieser neuen poetischen Inspiration und dieser weiteren und tieferen Bedeutung poetischer Sprache muss die Vollendung einer bislang nur anfänglichen spiritualisierten Tendenz unseres allgemeinen menschlichen Fühlens und Verstehens sein. Gegenwärtig ist das menschliche Mental damit beschäftigt, die Grenzen zweier Reiche zu überschreiten. Er tritt hervor aus der Periode eines aktiven und meist materialistischen Intellektualismus in Richtung auf ein primäres intuitives Suchen, wohin das Streben des Intellekts nach Wahrheit im ureigenen Trieb seines eigenen Impulses durch eine Art Schlüpfen über unerwartete Grenzen gebracht wurde. Es gibt daher ein ungewisses Suchen in vielen Richtungen, von denen einige nur als Übergangsbemühung Wert besitzen, und, wenn sie das Ende und die abschließende Bewegung sein könnten, uns nur in eine brillante Korruption und Dekadenz führen mögen. Es gibt einen vitalistischen Intuitivismus, der manchmal eine mehr subjektive, manchmal eine mehr objektive Form annimmt und inmitten zweifelhafter Lichter auf der Grenze verweilt und nicht durch seine eigenen recht dicken und oft grellen Strahlen und Farben zu einer feineren und wahreren spirituellen Schau vordringen kann. Es gibt einen emotionalen und nervlichen psychischen Intuitivismus, halb hervortretend aus dem vitalistischen Motiv und halb verwickelt in ihm, der oft eine seltsame Schönheit und seltsamen Glanz hat, manchmal befleckt ist mit morbiden Farbtönen, manchmal in einem vagen Nebel gleitet, manchmal – und dies ist eine übliche Tendenz – zu einer Übertreibung halb vitalen, halb seelischen Motivs gedehnt wird. Es gibt eine reinere und feinere seelische Intuition mit einem spirituellen Gewebe, jenes, was durch die irischen Dichter in die englische Literatur eingebracht wurde. Die Dichtung von Whitman und seinen Nachfolgern war jene des Lebens, aber eines Lebens, das erweitert, erhöht und erleuchtet ist durch eine starke intellektuelle Intuition des Selbstes des Menschen und der weiten Seele der Menschheit. Und auf der feinsten Erhebung von allem, das bislang erreicht wurde, steht oder vielmehr schwingt und schwebt in einer hohen Zwischenregion die Dichtung Tagores, nicht im vollständigen spirituellen Licht, sondern inmitten einer Atmosphäre, durchsetzt mit ihrem Suchen und ihren Einblicken, eine Schau und Kadenz, die sich in einem seelisch-spirituellen Himmel der subtilen und feinen Seelenerfahrung findet und die Erdtöne durch den Kontakt ihrer Strahlung umwandelt. Der weite Erfolg und Reiz dieser Dichtung ist in der Tat eines der bedeutsamsten Zeichen der Tendenz des Geistes des Zeitalters. Gleichzeitig fühlt man, dass keines dieser Dinge schon die Gesamtheit dessen ist, was wir suchen, oder das definitive Ergebnis und Resultat. Das kann nur sichergestellt werden, wenn sich ein höchstes Licht des Geistes, eine vollkommene Freude und Befriedigung der Feinheit und Vielschichtigkeit einer feineren seelischen Erfahrung und eine umfassende Kraft und Weite der Lebensseele, der Erde gewiss und den Himmeln offen, begegnet haben, einander gefunden haben und zusammen in der höchsten Einheit einer großen poetischen Entdeckung und Äußerung verschmolzen sind.
Es ist möglich, dass die erste Entdeckung dieser Vollkommenheit eher in östlichen Sprachen und durch den Genius östlicher Dichter kommen wird: der Osten hatte stets in seinem Temperament eine größere konstante Nähe zu der spirituellen und seelischen Schau und Erfahrung, und es wird nur eine vollkommene Hinwendung dieser Schau auf das ganze Leben des Menschen, um es zu akzeptieren und zu erleuchten, für die Verwirklichung dessen gebraucht, worauf wir noch warten. Auf der anderen Seite hat der Westen diesen Vorteil, dass er, obgleich er erst jetzt hervortritt – nicht so sehr in das spirituelle Licht wie in einen äußeren halberleuchteten Kreis – und obgleich er durch einen übermäßigen äußeren, intellektuellen und vitalen Druck behindert wird, gegenwärtig ein weiter reichendes Denken und ein mehr suchendes und aktives Auge hat, und wenn diese einmal die rechte Richtung einschlagen, ist der Ausdruck nicht so sehr durch vergangene spirituelle Formen und Traditionen umgrenzt. In jedem Fall ist es das wechselseitige Aufeinanderprallen der orientalischen und westlichen Mentalitäten, – auf der einen Seite das weite spirituelle Mental und innere Auge, das aufs Selbst und äußere Realitäten gerichtet ist, auf der anderen die freie Forschung des Denkens und der Mut der Lebensenergie, die die Erde und ihre Probleme in Angriff nehmen, – was die Zukunft schafft und Erzeuger der Dichtung der Zukunft sein muss. Die Gesamtheit von Leben und Welt und Natur, gesehen, ergründet, akzeptiert – aber gesehen im Licht des tiefsten Geistes des Menschen, ergründet durch das Ergründen des Selbstes des Menschen und das weite Selbst des Universums, akzeptiert im Sinne seiner innersten und nicht nur seiner mehr äußerlichen Wahrheit, die Entdeckung der göttlichen Wirklichkeit in ihm und der göttlichen Möglichkeiten des Menschen, – dies ist die befreiende Schau, nach der unser Geist sucht, und es ist diese Schau, zu der die künftige Dichtung die inspirierende ästhetische Form und die offenbarende Sprache finden muss.
Die Welt erneuert sich unter einem großen spirituellen Druck, die alten Dinge gehen dahin und die neuen Dinge sind bereit, zu werden, und es mag sein, dass einige der alten Nationen, die Führer der Vergangenheit waren, und die alten Literaturen, die bislang die gewählten Träger starker poetischer Schöpfung waren, sich als unfähig erweisen, den größeren Atem des neuen Geistes zu halten, und dazu verurteilt sind, in die Dekadenz abzusinken. Möglicherweise müssen wir hinsichtlich der künftigen Schöpfung neue poetische Literaturen ins Auge fassen, die noch nicht geboren oder noch in ihrer Jugend und im ersten Entstehen sind oder, obgleich sie etwas in der Vergangenheit vollbracht haben, noch ihre größte Stimme und Weite erreichen müssen. Eine Sprache durchläuft ihren Zyklus und wird alt und vergeht durch viele Krankheiten: sie stagniert vielleicht dadurch, dass ihr Leben einer vergangenen Tradition und Form der Brillanz anhängt, der sie nicht ohne Gefahr für ihr Daseinsprinzip oder ein Anstrengen und Brechen ihrer Möglichkeiten und eine stark kolorierte Dekadenz entkommen kann; oder sie geht – ermüdet in ihrer schöpferischen Kraft – in jene attraktive, aber gefährliche Phase der Kunst um ihrer selbst willen über, die die Dichtung nicht länger zu einem hohen und subtilen Ausströmen von Seele und Leben macht, sondern zu einem hedonistischen Schwelgen und Dilettieren der Intelligenz. Diese und andere Altersanzeichen fehlen nicht in den größeren europäischen literarischen Sprachen, und in einem solchen Stadium wird es ein schwieriges und kritisches Experiment, zugleich eine Umwandlung des Geistes und der inneren Form poetischer Sprache zu versuchen. In der gegenwärtigen Gärung ist noch eine treibende Kraft neuer Potenzialität, ein rettendes Element in der Kraft, die an der Wurzel des Rufs nach Wandel ist, die Kraft des Geistes, immer stark, Leben und Denken umzuwandeln und alles wieder jung zu machen, und wenn einmal diese magische Kraft in ihrer Vollständigkeit akzeptiert werden kann, und vorausgesetzt es gibt kein lang dauerndes Verweilen bei pervertierten Inspirationen oder Halbmotiven, können die alten Literaturen verjüngt in einen neuen schöpferischen Zyklus eintreten.
Es ist die spirituelle Verwirklichung, die die künftige Dichtung fördern muss, indem sie ihr ihr Auge der Schau gibt, ihre Gestalt ästhetischer Schönheit, ihre offenbarende Sprache, und es ist das Erhöhen des Lebens, das sie zu ihrer Substanz machen muss.
Eine weitere kosmische Schau, ein Verwirklichen der Gottheit in der Welt und im Menschen, seiner göttlichen Möglichkeiten ebenso wie der Größe der Kraft, die sich in dem, was er ist, manifestiert, ein spiritualisiertes Erhöhen seines Denkens, Fühlens, Empfindens und Handelns, ein mehr entwickeltes seelisches Mental und Herz, eine wahrere und tiefere Einsicht in seine Natur und die Bedeutung der Welt, ein Hereinrufen göttlicherer Möglichkeiten und spirituellerer Werte in die Intention und Struktur seines Lebens: dies ist es im wesentlichen, wozu die Menschheit aufgerufen ist, und dies ist die Aussicht, die ihr geboten wird durch das sich langsam entfaltende und jetzt deutlicher enthüllte Selbst des Universums. Die Nationen, die diese Dinge am umfassendsten in ihr Leben und ihre Kultur einschließen und dort verwirklichen, sind die Nationen der kommenden Morgendämmerung, und die Dichter, welcher Sprache und Rasse auch immer, die am vollständigsten mit dieser Schau sehen und mit der Inspiration ihrer Äußerung sprechen, sind jene, die die Schöpfer der Dichtung der Zukunft sein werden.