Kapitel 2

Dichterische Schau und das Mantra

Worte Sri Aurobindos

Vision ist die charakteristische Kraft des Dichters, so wie scharfes Denken die wesentliche Gabe des Philosophen und analytische Beobachtung der natürliche Genius des Naturwissenschaftlers ist. Der Kavi1 war in der Vorstellung der Vorväter der Seher und Offenbarer der Wahrheit, und obgleich wir uns von jenem Ideal weit genug entfernt haben, um von ihm nunmehr nur die Freude des Ohrs und die Unterhaltung der ästhetischen Veranlagung zu verlangen, bewahrt doch alle große Dichtung instinktiv etwas von jener höheren Tendenz ihres eigenen Ziels und ihrer eigenen Bedeutung. Da Dichtung Kunst ist, muss sie denn auch versuchen, uns zur Schau zu verhelfen, und da sie sich an die inneren Sinne richten muss, – denn das Ohr ist nur physisches Tor und selbst dort richtet sich ihr wirklicher Reiz an das innere Hören, – und ihr Ziel ist, uns im Inneren erleben zu lassen, was der Dichter in seinen Vers hineingelegt hat, ist es eine innere Schau, die er in uns öffnet, und diese innere Schau muss intensiv in ihm gewesen sein, bevor er sie in uns erwecken kann.

Daher waren die größten Dichter stets jene, die eine große, starke, interpretative und intuitive Schau von Natur, Leben und Mensch hatten, und deren Dichtung sich daraus in einer höchsten offenbarenden Kundgebung erhob. … Schau ist die wesentliche dichterische Gabe. Der archetypische Dichter in einer Welt von ursprünglichen Ideen ist, so können wir sagen, eine Seele, die in sich selbst innig diese Welt schaut und all die anderen, Gott, Natur und das Leben der Wesen sieht, und von ihrem Zentrum eine Woge von schöpferischem Rhythmus und Wortbilder ausströmen lässt, die zum Ausdruckskörper der Schau werden. Die großen Dichter sind jene, die in einem gewissen Maß diese ideale Schöpfung wiederholen, kavayah satyasrutah, Seher der dichterischen Wahrheit und Hörer ihres Wortes.

Der Dichter-Seher sieht anders, denkt anders, drückt sich in ganz anderer Weise aus als der Philosoph oder der Prophet. Der Prophet verkündet die Wahrheit als das Wort, das Gesetz oder den Befehl des Ewigen, er ist der Verkünder der Botschaft; der Dichter zeigt uns Wahrheit in ihrer Kraft der Schönheit, in ihrem Symbol oder Bild, oder offenbart sie uns in den Wirkensweisen der Natur oder den Funktionen des Lebens, und wenn er all dies getan hat, ist sein Werk getan; er braucht nicht ihr ausdrücklicher Sprecher oder offizieller Bote zu sein. Die Aufgabe des Philosophen ist es, die Wahrheit auszumachen und ihre Teile und Aspekte in intellektuelle Beziehung zueinander zu setzen; die Aufgabe des Dichters ist es, Aspekte der Wahrheit in ihren lebendigen Bezügen zu erfassen und zu verkörpern, oder vielmehr – denn jenes ist eine zu philosophische Sprache – ihre Grundzüge zu sehen und, angeregt durch die Schau, in der Schönheit ihres Bildes zu schaffen.

…die Urkraft der Dichtung liegt in ihrer Schau, nicht in ihrem intellektuellen Gedankenmaterial, und ihre Sicherheit liegt darin, an diesem Urprinzip der Schau festzuhalten; ihr Konzept, ihr Gedanke, Gefühl, ihre Darstellung, Struktur, müssen daraus entstehen oder dorthin aufsteigen, bevor sie ihre vollendete Form annimmt. Die dichterische Schau der Dinge ist nicht eine Kritik des Lebens, nicht seine intellektuelle oder philosophische Betrachtung, sondern eine Seelenschau, ein Ergreifen durch den inneren Sinn. Auch das Mantra ist nicht in seiner Substanz oder Form eine poetische Verkündigung von philosophischen Wahrheiten, sondern eine rhythmische Offenbarung oder Intuition, die sich aus der Schau der Seele von Gott, Natur, ihrer selbst, der Welt und der inneren, dem äußeren Auge verborgenen, Wahrheit all dessen ergibt, das sie bewohnt, den Geheimnissen ihres Lebens und Seins.

…der eine Dichter mag glänzen in der konkreten Darstellung der Dinge und versagen oder weniger sicher sein in seiner Erfassung des rein Subjektiven, während ein anderer sich frei in den subjektiveren Welten bewegen mag und weniger im Konkreten zu Hause ist; und beide können Dichter hohen Ranges sein. Aber wenn wir die Sache näher betrachten, sehen wir: ebenso wie eine gewisse Objektivität notwendig ist, um Dichtung lebendig zu machen und die gesehene Sache deutlich herauszuheben, so geht auf der anderen Seite selbst die objektivste Darstellung von einer inneren Betrachtung und einem subjektiven Schöpfungsvorgang oder zumindest einer persönlichen Interpretation und Umsetzung der gesehenen Sache aus. Der Dichter erschafft wirklich aus sich selbst und nicht aus jenem, was er äußerlich sieht: so dient äußeres Sehen nur dazu, die innere Schau zu ihrem Werk anzuregen. Andernfalls wäre sein Werk eine mechanische Konstruktion und ein Zusammenfügen, nicht eine lebendige Schöpfung.

Von unserem gegenwärtigen Standpunkt können wir sagen, dass der Dichter Freiheit genießen kann in allem, was nicht wesentliche Materie ist. Gedankliche Materie mag in seinem Werk vorherrschen oder Lebenssubstanz. Er kann den Weg reiner Kraft der Darstellung oder direkter Kraft der Interpretation einschlagen. Er kann diese Welt zu seinem Text machen oder in jenseitige Regionen wandern, oder direkt aufsteigen in das reine Reich des Unendlichen. Um zum Mantra zu gelangen, kann er ausgehen von der Farbe einer Rose, der Kraft oder Schönheit eines Charakters, der Herrlichkeit einer Handlung, oder er kann sich von all diesen Dingen entfernen und in seine eigene verborgene Seele und deren tiefste Regungen vordringen. Eines ist notwendig, dass er in der Lage sein sollte, über das Wort oder Bild, das er gebraucht, oder die Form der Sache, die er sieht, hinauszugehen, dass er nicht von ihnen eingeschränkt wird, sondern in das Licht dessen gelangt, was sie offenbaren können, und sie damit zu überfluten, bis sie ganz von dessen Andeutungen erfüllt sind oder sich sogar in der Offenbarung und Apokalypse zu verlieren scheinen und darin aufgehen. Im besten Fall geht er selbst in der Schau auf; die Persönlichkeit des Sehers verliert sich in der Ewigkeit der Schau, und der Geist von allem scheint allein da zu sein, indem er souverän seine eigenen Geheimnisse enthüllt.

…es genügt nicht für die Dichtung, hohe Intensitäten von Wort und Rhythmus zu erreichen; sie muss, um sie zu füllen, eine entsprechende Intensität der Schau und immer neue und immer höhere oder mehr verinnerlichte Bereiche der Erfahrung haben. Und dies hängt nicht nur von der individuellen Kraft der Schau des Dichters ab, sondern vom Geist seines Zeitalters und Landes, seiner Ebene von Denken und Erfahrung, der Angemessenheit seiner Symbole, der Tiefe seiner spirituellen Verwirklichung. Ein weniger bedeutender Dichter in einem größeren Zeitalter kann uns gelegentlich Dinge schenken, die in dieser Kunstgattung das Werk minder begünstigter Unsterblicher übertreffen. Die religiöse Dichtung der späteren indischen Sprachen bringt uns eine Inbrunst dichterischer Offenbarung, die bei den großen Klassikern fehlt, obgleich kein mittelalterlicher Dichter sich an Kraft mit Valmiki und Kalidasa messen kann. Die modernen Literaturen Europas erreichen gewöhnlich nicht die griechische Vollkommenheit von Harmonie und Form, aber sie präsentieren uns etwas, was die größten griechischen Dichter nicht hatten und nicht haben konnten. Und in unserer Zeit kann ein Dichter von sekundärer Kraft in Augenblicken der Inspiration zu einer Schau gelangen, die die tiefste Seele in uns weit mehr befriedigt als die Schau Shakespeares oder Dantes. Am meisten Verheißung verspricht das jetzt eintretende Zeitalter, sofern die Menschenart ihre höchsten und weitesten sich eröffnenden Möglichkeiten erfüllt und nicht in einem vitalistischen Morast versinkt oder an die materialistische Koppel gebunden bleibt; denn es wird ein Zeitalter sein, in dem alle Welten beginnen, ihre Schleier vor dem Auge des Menschen abzuziehen und seine Erfahrung einzuladen, und er wird der Offenbarung des Geistes nahe sein, von der sie, je nachdem wie wir wollen, die verdunkelnden Schleier, die signifikanten Formen und Symbole oder aber das durchsichtige Gewand sind. Es ist noch ungewiss, zu welcher dieser Erfüllungen uns die Bestimmung hinführt.

1 Das Sanskrit-Wort für Dichter. Im klassischen Sanskrit wird es für jeden Verfasser von Vers oder sogar Prosa verwandt, aber im Vedischen bedeutete es Dichter-Seher, der die Wahrheit sah und in einem subtilen Wahrheitshören das inspirierte Wort seiner Schau fand.

Wir benutzen Cookies

Wir verwenden auf unserer Website nur für den Betrieb notwendige sowie sogenannte Session Cookies, also ausdrücklich keine Werbe- oder Trackingcookies.

Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Website zur Verfügung stehen.