Kapitel 2
Wie man den Göttlichen Willen erkennt
Worte Sri Aurobindos
Man bedarf eines ruhigen Mentals, um den Göttlichen Willen zu erkennen. In das ruhige, dem Göttlichen zugewandte Mental kommt die Intuition aus dem Göttlichen Willen und auch der rechte Weg, ihn zu erfüllen.
Worte Sri Aurobindos
Sobald das Mental geläutert und die Seele hervorgetreten ist, spürt man den Göttlichen Willen und auch das, was sich ihm widersetzt.
Worte Sri Aurobindos
Ein empfangsbereites Schweigen des Mentals, ein Auslöschen des mentalen Egos und die Zurückführung des mentalen Wesens auf den Platz eines Betrachters, ein enger Kontakt mit der Göttlichen Macht und die Offenheit des Wesens gegenüber diesem einen Einfluss und keinem anderen sind die Bedingungen dafür, ein Instrument des Göttlichen zu werden, von ihm und nur von ihm bewegt zu werden.
Worte Sri Aurobindos
(Immer vom Göttlichen beherrscht zu werden:) Eine fortwährende Aspiration, ein sehnsuchtsvolles Streben danach ist das erste; als nächstes eine Art innerer Stille und ein Zurücktreten von der äußeren Tätigkeit in diese Stille sowie eine Art lauschender Erwartung, nicht eines Klanges, sondern des spirituellen Fühlens oder Befehls des Bewusstseins, der über die Seele erfolgt.
Worte Sri Aurobindos
Was das innere Fühlen anbelangt, so hängt es davon ab, ob man fähig ist, sich nach innen zu wenden. Manchmal kommt es von selbst mit der Vertiefung des Bewusstseins durch Bhakti oder durch etwas anderes, manchmal kommt es durch Übung – gleichsam indem man auf etwas hinweist und dann auf die Antwort hört; „hören“ ist natürlich eine Metapher, doch ist es schwierig, es anders auszudrücken; es bedeutet nicht, dass die Antwort notwendigerweise in Form von gesprochenen oder ungesprochenen Worten kommen muss – obwohl auch dies manchmal geschieht –, sie kann jede Form annehmen. Die Hauptschwierigkeit für die meisten besteht darin, der rechten Antwort sicher zu sein. Hierfür ist es notwendig, mit dem Bewusstsein des Guru innerlich Kontakt aufnehmen zu können – am besten durch Bhakti. Andernfalls kann der Versuch, das rechte Fühlen von innen zu erlangen, eine heikle und schwierige Angelegenheit werden. Folgendes steht ihm im Wege: (1) die übliche Gewohnheit, sich für alles auf äußere Mittel zu verlassen; (2) das Ego, das seine Vorschläge als die richtige Antwort suggeriert; (3) die mentale Aktivität; (4) eindringende Störungen.
Worte der Mutter
Der Wille des Göttlichen ist nicht schwer zu erkennen. Er ist unmissverständlich. Man braucht dazu auf dem Pfad nicht weit fortgeschritten zu sein. Doch musst du auf seine Stimme hören, die leise, ruhige und friedvolle Stimme in der Stille deines Herzens. Wenn du an dieses Lauschen gewöhnt bist und dann etwas dem Göttlichen Willen Entgegengesetztes tust, empfindest du sogleich ein Unbehagen; gehst du aber trotzdem in der falschen Richtung weiter, so erfasst dich eine schwere Verstimmung. Für diese kannst du irgendeine materielle Begründung finden, um auf deinem Weg zu beharren. Dann verlierst du allmählich die Gabe der Wahrnehmung, und schließlich kannst du alles Mögliche begehen, ohne eine Warnung zu erhalten. Wenn du aber umgekehrt beim geringsten Unbehagen innehältst und dein inneres Wesen fragst: „Wo rührt das her?“, so bekommst du die richtige Antwort, und die Sache wird völlig klar. Empfindest du eine leichte Niedergeschlagenheit oder ein leises Unwohlsein, so versuche nicht, dafür eine äußere Erklärung zu finden. Und wenn du in dich gehst, um diesen Vorgang zu ergründen, sei absolut gerade und aufrichtig. Zunächst wird dein Denken irgendeine einleuchtende und vorteilhafte Erklärung liefern. Nimm sie nicht an, sondern blicke darüber hinaus und frage: „Was steht hinter dieser Regung? Warum habe ich das getan?“ Zuletzt entdeckst du in einem Winkel versteckt einen Knick, eine kleine Abweichung oder Entstellung in deiner Haltung, und da sitzt die Ursache der Störung.
Worte der Mutter
Wenn du dem Weg der Hingabe folgst, musst du der persönlichen Anstrengung ein Ende setzen; das heißt aber nicht, dass du auch allen Willen beim Tun aufgeben sollst. Du kannst im Gegenteil die Verwirklichung beschleunigen, indem du deinen Willen dem Göttlichen Willen zugesellst. Auch das ist Hingebung, in anderer Form.
Erforderlich ist nicht eine passive Hingabe, die dich zu einem trägen Klotz werden lässt, sondern dass du deinen Willen dem Göttlichen Willen zur Verfügung stellst.
Wie aber lässt sich das tun, bevor die Einung vollzogen ist?
Du hast einen Willen und du kannst diesen Willen darbringen. Du willst zum Beispiel dir deiner Nächte bewusst werden. Nimmst du nun die Haltung passiver Hingabe ein, würdest du sagen: „Wenn es Gottes Wille ist, dass ich bewusst werden soll, dann werde ich bewusst.“ Bringst du hingegen deinen Willen dem Göttlichen dar, so fasst du einen Entschluss und sagst: „Ich werde mir meiner Nächte bewusst.“ Du hast den Willen, dass es sei; du wartest nicht einfach untätig ab. Die Hingabe kommt ins Spiel, wenn du die Haltung einnimmst, die sagt: „Ich gebe meinen Willen dem Göttlichen. Ich will mit aller Kraft mir meiner Nächte bewusst werden, ich habe aber nicht das Wissen, möge es der Göttliche Wille für mich ausarbeiten.“ Dein Wille muss weiterhin ständig handeln und zwar nicht in der Weise, dass er eine bestimmte Tätigkeit wählt oder etwas Bestimmtes verlangt, sondern als eine inbrünstige Aspiration, die sich auf das zu erreichende Ziel konzentriert. Das ist der erste Schritt. Wenn du wachsam und aufmerksam bist, wirst du sicherlich etwas in Form einer Inspiration empfangen, was zu tun ist, und du machst dich unverzüglich an die Ausführung. Nur darfst du nie vergessen: Hingabe heißt, das Ergebnis deines Handelns anzunehmen, wie es auch sei, selbst wenn es ganz anders ist, als du es erwartet hast. Ist dagegen deine Hingabe von passiver Art, so willst und versuchst du gar nichts; indem du auf das Wunder wartest, schläfst du ganz einfach ein.
Nun, um zu wissen, ob dein Wille oder Wunsch mit dem Göttlichen Willen übereinstimmt oder nicht, musst du achtgeben, ob du darauf eine Antwort erhältst oder nicht, ob du dich bestätigt oder widersprochen fühlst, nicht vom Mental oder vom Vital oder vom Körper, sondern von etwas, das immer tief im inneren Wesen da ist, in deinem Herzen.