Kapitel 1
Was ist Wille?
Worte Sri Aurobindos
Was Wille bedeutet:
Die Kraft des Wesens in einer bewussten Handlung ist Wille…
Worte Sri Aurobindos
[Der Wille ist] eine bewusste Kraft, die mit einer Erkenntnis und einem Ziel handelt.
Worte Sri Aurobindos
[Unterschied zwischen Aspiration und Wille] Die Aspiration ist ein Ruf an die Göttliche Kraft, um zu wirken – der Wille ist selbst eine Kraft, die eingesetzt wird, um zu wirken oder Ergebnisse zu erreichen oder hervorzubringen.
Worte Sri Aurobindos
Was im Ego zum Begehren wird, ist im Geist Wille.
Worte Sri Aurobindos
Es ist dieses Chit [Chit ist das reine Bewusstsein], das sich so verändert, dass es auf der Wahrheitsebene zum Supramental wird, auf der Mentalebene zur mentalen Vernunft, zum Willen, zur Emotion, zur Empfindung, auf den niederen Ebenen zu den vitalen oder physischen Instinkten, Impulsen, Gewohnheiten einer obskuren Kraft, die nicht im unmittelbaren bewussten Besitz ihrer selbst ist. Alles ist Chit, weil alles Sat ist; alles ist eine verschiedenartige Bewegung des ursprünglichen Bewusstseins, weil alles eine verschiedenartige Bewegung des ursprünglichen Seins ist.
Worte Sri Aurobindos
Der Wille des menschlichen Wesens:
Der Wille ist Kratu, die wirksame Kraft hinter der Handlung. Er ist von der Wesensart des Bewusstseins; er ist Energie des Bewusstseins, und obwohl er in allen Formen, ob bewusst, unter- oder überbewusst, vital, physisch oder mental, vorhanden ist, gelangt er nur dann zu seinem eigentlichen Reich, wenn er im Mental auftaucht. Er benutzt die mentale Fähigkeit des Gedächtnisses, um die Aktivitäten des Individuums miteinander zu verbinden und bewusst auf das Ziel zu lenken.
Worte Sri Aurobindos
Die Essenz des göttlichen Willens ist, dass in ihm Bewusstsein und Energie, Wissen und Kraft eins sind. … Es ist dieser göttliche Wille, der das Universum lenkt; er ist eins mit allen Dingen, die er miteinander verbindet, und sein Sein, sein Wissen, sein Wirken sind untrennbar miteinander verbunden. Was er ist, das weiß er; was er weiß, das tut und wird er.
Sobald aber das egoistische Bewusstsein auftaucht und sich einmischt, gibt es eine Störung, eine Spaltung, ein falsches Wirken. Der Wille wird zu einem Trieb, der sein geheimes Motiv und Ziel nicht kennt, das Wissen wird zu einem zweifelhaften und partiellen Strahl, der nicht im Besitz des Willens, der Tat und des Ergebnisses ist, sondern nur danach strebt, sie zu besitzen und zu erfahren. Das liegt daran, dass wir nicht im Besitz unseres Selbstes, atmavan, unseres wahren Wesens sind, sondern nur im Besitz des Egos. Was wir sind, wissen wir nicht; was wir wissen, können wir nicht zur Wirksamkeit bringen.
Worte Sri Aurobindos
Der Wille des Menschen in der Unwissenheit wirkt im Schein partiellen Lichtes, öfter eines nur flackernden Lichtes, das ebenso irreführt wie erleuchtet. Das Mental ist Unwissenheit, die geltende Maßstäbe des Wissens zu errichten strebt. Sein Wille ist Unwissenheit, die geltende Maßstäbe rechten Handelns aufstellen möchte. Sein Mentalwesen ist infolgedessen eher ein Reich, das mit sich selbst zerfallen ist, eine Idee, die mit anderen Ideen in Konflikt steht. Der Wille befindet sich oft im Widerstreit mit dem Ideal des Rechten oder mit dem intellektuellen Wissen. Der Wille selbst nimmt verschiedene Gestalten an: als Wille der Intelligenz, Wünsche des Gefühls-Mentals, Begierden der Leidenschaft und des vitalen Wesens, als Impulse und blinder oder halbblinder Zwang der nervlichen und der unterbewussten Natur. Alle diese Willenstendenzen führen keineswegs zur Harmonie; bestenfalls kommt es zu einer zweifelhaften Harmonie innerhalb der Disharmonien. Der Wille des Mentals und des Lebens tastet unsicher bei seinem Suchen nach der rechten Kraft, dem rechten Tapas, die man in ihrem wahren, vollen Licht und als wirkliche Leitung nur im Einswerden mit dem spirituellen und supramentalen Wesen erlangen kann.
Worte Sri Aurobindos
Man sagt, das Verlangen sei die eigentliche Antriebskraft im menschlichen Leben; würde man es ausschalten, so würden die Quellen des Lebens versiegen. Sein Begehren zu befriedigen, ist des Menschen einziges Vergnügen; wenn man ihm das wegnehmen würde, käme es zur Vernichtung des Lebensimpulses durch quietistisches Asketentum. Die wirkliche Antriebskraft des seelischen Lebens ist aber der Wille. Das Begehren ist nur eine Entstellung des Willens im vorherrschenden körperlichen Leben und im physischen Mental. Die wesenhafte Hinwendung der Seele zum Besitz und Genuss der Welt ist eigentlich ein Wille zur seligen Freude. Der Genuss an der Befriedigung des Verlangens ist nur eine vitale und physische Entwürdigung des Willens zur seligen Freude. Darum ist es wesentlich, zwischen geläutertem Willen und dem Verlangen, zwischen dem inneren, auf die wahre Freude gerichteten Willen und der nach außen strebenden Lust, dem Verlangen des Mentals und dem des Körpers zu unterscheiden.
Worte Sri Aurobindos
Der Göttliche Wille:
Hinter der belanglosen instrumentalen Tätigkeit des menschlichen Willens wirkt etwas ungeheuer Weites, Machtvolles, Ewiges, das den Überblick über die Tendenz des Willens hat und seinen Druck auf seine Einstellung ausübt. In der Natur herrscht eine totale Wahrheit, die größer ist als unsere individuelle Entscheidung. In dieser totalen Wahrheit – oder eigentlich jenseits von ihr und hinter ihr –, regiert das, was alle Ergebnisse entscheidend bestimmt. Seine Gegenwart und sein geheimes Wissen halten im Gang der Natur stetig eine dynamische, fast automatische Ordnung der richtigen Beziehungen, der unterschiedlichen oder immer wiederkehrenden Notwendigkeiten und der unvermeidlichen Schritte des Ablaufs aufrecht. Ein geheimer göttlicher Wille bringt sich ewig und unendlich, allwissend und allmächtig sowohl in den universalen Vorgängen als auch in jedem besonderen Prozess aller dieser erscheinenden vergänglichen und endlichen, unbewussten oder halbbewussten Dinge zum Ausdruck. Das ist jene Macht oder Gegenwart, auf welche die Gita hinweist, wenn sie von dem Herrn im Herzen aller Geschöpfe des Daseins spricht, durch den diese sich so im Kreise drehen, als ob sie durch die Illusion der Natur auf eine Maschine montiert wären.
Dieser göttliche Wille ist für uns keine fremde Macht oder Gegenwart. Er ist uns innig vertraut, und wir selbst sind ein Teil von ihm. Denn unser eigenes höchstes Selbst ist es, das ihn besitzt und trägt. Nur ist das nicht unser bewusster mentaler Wille. Jener göttliche Wille in uns verwirft oft genug das, was unser bewusster Wille akzeptiert, und nimmt das an, was unser bewusster Wille ablehnt. Während dieser geheime Eine alles weiß und jedes Ganze und jegliches Detail kennt, weiß das Mental unserer äußeren Person nur einen ganz geringen Teil der Dinge. Unser Wille wird uns im Mental bewusst; was er weiß, weiß er nur durch das Denken. Der göttliche Wille ist für uns überbewusst, weil er seinem Wesen nach supramental ist; er weiß alles, weil er alles ist. Unser höchstes Selbst, das diese universale Macht besitzt und stützt, ist nicht unser Ego-Selbst und nicht unsere personale Natur. Es ist etwas Transzendentes und Universales, wovon diese untergeordneten Erscheinungen nur etwas wie ein Schaum und eine flutende Oberfläche sind. Wenn wir unseren bewussten Willen unterwerfen und ihn mit dem Willen des Ewigen einswerden lassen, dann, und nur dann, werden wir zur wahren Freiheit gelangen. Wir werden dann in der göttlichen Freiheit leben und uns nicht mehr an diesen gefesselten sogenannten freien Willen klammern, an die Freiheit einer Marionette, die unwissend, illusionär, relativ und an den Irrtum ihrer eigenen unzulänglichen vitalen Motive und mentalen Gedankenbilder gebunden ist.
Worte Sri Aurobindos
Das ist die einzige für einen Menschen mögliche wahre Freiheit: eine Freiheit, die er erlangen kann, wenn er über seine mentale Abgesondertheit hinauswächst und zur bewussten Seele in der Natur wird. Der einzige freie Wille in der Welt ist allein der göttliche Wille, dessen Vollstreckerin die Natur ist. Denn sie ist die Meisterin und Schöpferin aller anderen Willensregungen.