Kapitel 2

Lesungen in „Savitri“

1

Ein Wächter des ungetrösteten Abgrunds,

Der die lange Qual des Globus erbte,

Eine steinern-stille Gestalt hohen und göttlichen Schmerzes,

Starrte in den Raum mit starren, achtlosen Augen,

Die die zeitlosen Tiefen des Kummers sahen, aber nicht des Lebens Ziel.

Von seiner strengen Göttlichkeit geplagt,

An seinen Thron gebunden, wartete er unbesänftigt

Auf das Opfer ihrer ungeweinten Tränen.1

Das tiefste und grundlegendste Geheimnis des menschlichen Bewusstseins (und tatsächlich des Bewusstseins der Erde) besteht nicht darin, dass es dort ein unverbesserliches Urwesen als sein Grundgestein gibt, ein Wesen, das aus einem Stoff gemacht ist von Unwissenheit, Unbewusstheit und Trägheit, welche die Materie ist. Es besteht darin, dass das versteckte Wesen nicht bloß tote Materie, sondern eine konzentrierte, verfestigte Flamme ist, sozusagen ein unterdrücktes Streben, das im Inneren brennt, umso heftiger, da es nicht formuliert und offen ist. Das Urwesen ist es, das in seinem Leib das ursprüngliche Wesen beherbergt. Dies ist die Unbewusste Gottheit, die Göttin in Schmerzen – Mater Dolorosa – das Göttliche Wesen, das sich selbst vollständig verloren hat, als es sich in Materie umwandelte, und doch immer von der Brunst einer geheimen Flamme bedrängt wird, die es dazu treibt, sich selbst zu erkennen, sich selbst zu finden und wieder sie selbst zu sein. Es ist Rudra, die in der Materie eingerollte Energie, die einer fortschreitenden Evolution in Licht und Bewusstsein entgegendrängt. Das ist es, was Savitri, die materiell und menschlich gewordene universale Göttliche Gnade, im Kern ihres Wesens findet, das Feld und Zentrum eines konzentrierten Kampfes, ein tausendjähriges versteinertes Streben, einen erstarrten Kummer der Zeitalter, eine einsame und betäubte Gottheit in Trance. Diese Gottheit muss erwachen und wirken. Der Gott muss zu sich selbst grausam sein, denn seine Göttlichkeit verlangt, dass er sich selbst überwindet, er kann nicht abdanken und die Natur ihren eigenen Weg gehen lassen, den niederen Pfad der Bequemlichkeit und Flucht. Die Gottheit muss ihre ganze Autorität ausüben, ihren ganzen Druck sich selbst auferlegen – tapas taptvā – und durch diese Hitze der Inkubation die Energie freisetzen, die zum Licht und zu großer Erfüllung führt. In der Zwischenzeit ist die Aufgabe nicht leicht. Die göttliche Lieblichkeit und Fürsorge erhellt diese verhärtete Gottheit, aber die Trägheit des Unbewussten, die „Pani„, versteckt das Licht noch in ihrer felsigen Höhle und will es nicht freigeben. Die Göttliche Gnade ist von all den Tränen der Liebe, des Mitgefühls und der Zärtlichkeit, die sie für die sich mühende Gottheit gesammelt hat, erweicht und hat Mitleid mit dem harten Los einer Menschheit, die an das materielle Leben gefesselt ist und sich dennoch nach Freiheit sehnt und drängt. Die Gottheit ist nicht getröstet oder besänftigt, bis diese Freiheit erlangt ist und Licht und Unsterblichkeit freigegeben wurden. Die Gnade arbeitet langsam, vielleicht auch mühsam, aber sicher auf dieses Ziel hin: Der Stein wird sich eines Tages abnutzen und auflösen. Ist dieser schicksalhafte Tag gekommen?

Dies ist der Sinn des menschlichen Lebens, die Bedeutung auch des ganz gewöhnlichen menschlichen Lebens. Es ist das Feld einer „verheerenden Auseinandersetzung“, einer „grimmigen Frage“, ein ständiger Kampf zwischen zwei gegensätzlichen oder eher noch polaren Kräften, dem Willen oder dem Streben „zu sein“ und dem Willen der Trägheit „nicht zu sein“, die Reibung, um ein Bild des Veda zu benutzen, der zwei Stöcke des heiligen Opferholz, arani, aus dem die Flamme hervorspringen soll. Der Schmerz und das Leiden, denen der Mensch in diesem unglücklichen Tränental durch körperliche Krankheit und Unvermögen, vitale Frustration und mentale Verwirrung unterworfen ist, sind Symbole und Ausdruck eines tieferen grundlegenden Schmerzes. Dieser Schmerz ist der Geburtsschmerz, die Mühsal für die Geburt und Inkarnation eines schlafenden oder toten Gottes. Tatsächlich sind die Leiden und Missgeschicke des Lebens selbst machtvolle Instrumente. Sie führen unausweichlich zur Seligkeit, sie sind der Brennstoff, der das Feuer der Ekstase entzündet, beschleunigt und verstärkt, das am Tag des Sieges in dem vollständigen und integralen spirituellen Bewusstsein auflodern soll. Die Runde des gewöhnlichen Lebens ist nicht vergeblich oder bedeutungslos. Seine belanglosen, unschuldig wirkenden Momente und Ereignisse sind die Schritte der marschierenden Gottheit. Selbst das gewöhnlichste Leben ist ein heiliges Opferritual, dass durch die Opfergaben unserer Erfahrungen, seien sie bitter oder süß, zur Freisetzung und Errichtung der unsterblichen Gottheit im Menschen voranschreitet.

2

Savitri, die Göttliche Gnade in menschlicher Form, ist auf der Erde. Das Göttliche Bewusstsein hat seinen eigenen höchsten transzendenten Zustand verlassen, um in das menschliche Bewusstsein einzutreten und am irdischen Leben teilzuhaben. Es hat eine sterbliche Gestalt angenommen, um hier unten zu leben und zu wohnen. Nur so kann sie die niedere, animalische Natur in die göttliche Natur umwandeln, den Menschen zur Gottheit erheben und aus der Erde den Himmel erschaffen:

Eine Verschwenderin ihrer reichen Göttlichkeit,

Hatte sie ihr Selbst und alles, was sie war, dem Menschen geliehen,

In der Hoffnung ihr größeres Wesen einzupflanzen,

So dass der Himmel auf sterblichem Boden heimisch werde.2

Aber die Aufgabe ist nicht einfach. Das Fleisch ist schwach. Es ist unfähig, den Atem der Unsterblichkeit zu halten oder zu empfangen. Nicht nur das, es hat eine positive Abneigung, einen bösen Willen: Es ist widerspenstig und der Berührung des Geistes gegenüber ablehnend. Materie ist stumpfsinnig und dumpf, dunkel und starrsinnig. Die Sterblichkeit liebt ihr sterbliches Heim und klammert sich eifersüchtig und ausschließlich daran fest. Das irdische Wesen erkennt das Geschenk und den Segen nicht, das ihm an seine eigene Tür gebracht wurde, und kann es nicht wertschätzen. Es muss es nur empfangen und anerkennen, um vor all der Unwissenheit und dem Kummer, der Machtlosigkeit und dem Tod gerettet zu werden. Die Göttliche Mutter hat sich selbst vergessen, sie hat sich selbst für die Erde so klein und nah und heimisch gemacht, wie jedes irdische Geschöpf, wie irgendeiner von uns. Sie hat alle Beschränkungen und Demütigungen auf sich genommen, die ganze Last eines Erdenlebens, und diese sterbliche Atmosphäre mit ihrer Gegenwart beehrt. Aber …

Schwer ist es, die Natur der Erde zum Wandel zu bewegen,

Sterblichkeit kann die Berührung des Ewigen kaum ertragen:

Sie fürchtet die reine, göttliche Unduldsamkeit

Dieses Angriffs aus Äther und aus Feuer,

Sie grummelt über ihr sorgloses Glück,

Beinahe mit Hass weist sie das Licht zurück, das sie bringt, …3

So wie „Sterblichkeit die Berührung des Ewigen kaum erträgt„, ist jedoch auch das Ewige der sterblichen Natur gegenüber unduldsam, nur ist es nicht auf die unwissende, blinde, zimperliche, schwächliche, menschliche Weise unduldsam, sondern auf eine göttliche Weise, denn es ist mit den Waffen des Lichts und des Wissens ausgerüstet, es greift mit seiner leuchtenden Kraft an, der Energie des Äthers und des Feuers, die höheren und edleren Elemente gegen die dichte, dunkle, einfältige Erde, dem niedersten Element, das das menschliche Bewusstsein umhüllt. Die Sterblichkeit ist tatsächlich in den verworrenen Strahl aus Freude und Leid, aus Lachen und Weinen, aus Licht und Schatten verliebt und kann über die ungetrübte, reine Freude in der Ewigkeit nicht kontemplieren. In der heiteren, dünnen Luft der Unsterblichkeit geht ihr die Luft aus, sie sehnt sich nach der Terra Firma, dem Schlamm und Schleim. Das menschliche Bewusstsein ist vor dem Hund des Himmels durch die Korridore der Zeit geflohen, und trotzdem wird es am Ende gefangen und in der göttlichen Umarmung ganz in die Substanz des Göttlichen Selbst verwandelt werden. Der ganze Widerwille, Protest und Aufruhr ist dazu gedacht, die letztendliche Vereinigung in etwas Vollkommenes, Makelloses und Absolutes zu schmieden und zu hämmern.

1 Sri Aurobindo: Savitri, SABCL, Vol. 28, p. 10.

2 Ibid., p. 7.

3 Ibid.

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