Kapitel 2

Die möglichen Formen und Schwierigkeiten

Worte Sri Aurobindos

Voraussichtlich wird es einen zentralisierten Welt-Staat geben oder eine losere Welt-Union. Letztere kann entweder eine eng geschlossene Föderation sein oder eine einfache Konföderation der Völker für die gemeinsamen Zwecke der Menschheit. Die zweite von beiden Formen ist die wünschenswerteste, weil sie weitestgehend das Prinzip der Variation berücksichtigt, das für das freie Spiel des Lebens und gesunden Fortschritt der Menschheit nötig ist. Der Prozess, durch den der Welt-Staat zustande kommen kann, beginnt mit der Schaffung einer zentralen Körperschaft, die zu Beginn sehr begrenzte Funktionen haben wird. Ist diese aber einmal geschaffen, muss sie stufenweise die verschiedenen Maßnahmen zentralisierter internationaler Kontrolle auf sich vereinigen. Ebenso hat der Staat, zuerst in der Form der Monarchie, dann eines Parlaments, stufenweise die ganze Kontrolle des nationalen Lebens an sich gezogen. Wir geraten so in die Nähe des zentralisierten sozialistischen Staates, der keine Seite des individuellen Lebens außerhalb seines Reglements lassen wird. Ein ähnlicher Prozess im Welt-Staat wird schließlich dazu führen, dass er das ganze Leben der Völker in seine Hand nimmt und reglementiert. Das kann letztlich so weit gehen, dass er die nationale Individualität abschafft und deren Einteilungen in rein geographische Gruppierungen nach Departements, Provinzen und Distrikten des einen gemeinsamen Staates verwandelt. Eine solche Eventualität mag heute noch phantastisch oder unverwirklichbar erscheinen, ist aber eine Entwicklungsform, die unter gewissen Umständen, die keineswegs außerhalb des Bereichs des Möglichen liegen, sehr wohl praktikabel und, nachdem ein gewisser Punkt erreicht ist, auch unausweichlich werden kann.

Worte Sri Aurobindos

Die notwendige Folge davon ist eine statische Ordnung der Gesellschaft. Ohne die Freiheit des Individuums kann aber die Gesellschaft nicht fortschrittlich bleiben, macht sie in den ausgefahrenen Geleisen regulierter Vollkommenheit dauernd weiter, das heißt in einem Mechanismus, den man wegen der Rationalität des Systems und der symmetrischen Ordnungsidee, die er verkörpert, so bezeichnet. Die Masse in der Gemeinschaft ist in ihrem Bewusstsein immer konservativ und statisch. Sie bewegt sich nur zögernd im Prozess der unterbewussten Natur vorwärts. Allein das freie Individuum ist der bewusst fortschreitende Mensch. Nur wenn er es vermag, die Masse an seinem schöpferischen und vorwärtsdrängenden Bewusstsein teilnehmen zu lassen, kann es eine fortschrittliche Gesellschaft geben.

Worte Sri Aurobindos

Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen die Vereinigung der Menschheit durch einen Staatsmechanismus zustande gebracht werden kann, einerlei ob durch einen Zusammenschluss von machtvollen und organisierten Staaten, die untereinander in sorgfältig geordneten und gesetzlich geregelten Beziehungen stehen, oder dadurch, dass ein einziger Welt-Staat die gegenwärtige halbchaotische und halbgeordnete Vereinigung der Nationen ersetzt, ob dabei die Form jenes Welt-Staates die eines einzigen Imperiums sein mag, wie einst das Römische Reich, oder ob die Vereinigung in einem föderativen Staatenbund besteht. Solch äußere administrative Vereinigung mag in naher Zukunft beabsichtigt sein, um die Menschheit an die Idee eines gemeinsamen Lebens, an dessen allgemeine Konstitution und Möglichkeit zu gewöhnen. Sie kann aber noch nicht wirklich gesund, dauerhaft oder in jeder Hinsicht für das menschliche Schicksal wohltätig sein, wenn nicht etwas Tieferes, Innerliches und Wirkliches zur Entfaltung kommt. Sonst wird man die Erfahrung der antiken Welt noch einmal in viel größerem Maßstab und unter anderen Umständen wiederholen müssen. Das Experiment wird in sich zusammenbrechen und einem neuen, umformenden Zeitalter der Verwirrung und Anarchie Platz machen. Vielleicht ist auch diese Erfahrung für die Menschheit nötig, doch sollte es uns jetzt möglich sein, sie zu vermeiden, indem wir die mechanischen Mittel unserer wahren Entwicklung unterordnen in einer sittlichen und gar spiritualisierten Menschheit, die in ihrer inneren Seele und nicht nur im äußeren Leben und Körper geeint ist.

Worte Sri Aurobindos

Gewiss ist keine der beiden Alternativen und auch keine der drei Formen, die wir betrachtet haben, über ernste Einwendungen erhaben. Ein zentralisierter Welt-Staat würde den Triumph der Idee einer mechanischen Vereinigung oder der Uniformität bedeuten. Das würde unvermeidlich zur übermäßigen Unterdrückung eines unentbehrlichen Elements kraftvollen menschlichen Lebens und Fortschritts führen, des freien Lebens beim Individuum und der freien Variation bei den Völkern. Wenn diese Unterdrückung permanent wird und alle ihre Tendenzen durchsetzt, muss das zuletzt entweder zum lebendigen Begrabensein, zur Stagnation führen, oder neue rettende, nun aber revolutionäre Kräfte und Prinzipien lehnen sich auf und zertrümmern die alte Struktur…

Auch ein föderatives System würde unvermeidlich danach streben, einen allgemeinen Typus für Leben, Institution und Betätigung des Menschen aufzustellen. Es würde dabei nur das Spiel unwichtiger Variationen zulassen. Aber das Bedürfnis nach Variation in der lebendigen Natur könnte sich nicht immer mit so spärlicher Entfaltungsmöglichkeit zufrieden geben. Gegen eine losere Konföderation lässt sich andererseits der Einwand erheben, sie würde allzu leicht zentrifugalen Kräften eine Handhabe bieten, wo sich solche mit neuer Kraft erheben. Eine lockere Konföderation könnte darum nichts Dauerhaftes sein. Sie muss sich der einen oder anderen Richtung zuwenden. Entweder endet sie bei geschlossener strenger Zentralisation, oder es kommt letztlich zum Auseinanderfallen des losen Verbandes in seine ursprünglichen Elemente.

Worte der Mutter

Die Welt ist eine Einheit – das war schon immer so, und das bleibt auch so für immer, selbst jetzt ist es so –, nicht dass sie die Einheit nicht bekommen hat, dass die Einheit von außen her gebracht und ihr auferlegt werden muss.

Die Welt ist sich lediglich ihrer Einheit nicht bewusst. Sie muss bewusst gemacht werden.

Wir glauben, dass die Zeit jetzt günstig ist für dieses Unterfangen.

Denn eine neue Kraft oder ein neues Bewusstsein oder ein neues Licht – nenne das neue Element wie immer du willst – hat sich in der Welt manifestiert, und für die Welt wird es nun möglich, sich ihrer eigenen Einheit bewusst zu werden.

Worte der Mutter

Eine geeinte Menschheit ist eine grundlegende und existierende Tatsache.

Doch hängt die äußere Einung vom guten Willen und der Aufrichtigkeit der Menschheit ab.

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