Kapitel 2

Die drei Stufen der Natur

In den vergangenen Entwicklungen des Yoga erkennen wir also eine Tendenz zur Spezialisierung und Absonderung, die – wie alles in der Natur – ihre Rechtfertigung und sogar ihre nützliche Notwendigkeit besaß. Nun suchen wir aber nach einer Synthese der spezialisierten Ziele und Methoden, die als Konsequenz dieses Vorgangs in Erscheinung traten. Um bei unserem Bemühen weise geführt zu sein, müssen wir zuerst das allgemeine Prinzip und die diesem Impuls zur Absonderung zugrunde liegende Absicht erkennen. Sodann sollen wir den besonderen praktischen Zweck verstehen, auf den sich die Methode jeder Schule des Yoga gründet. Das allgemeine Prinzip müssen wir in den universalen Wirkensweisen der Natur selbst erforschen. Darum sehen wir in ihr keine trügerische, illusionäre Aktivität einer die Wirklichkeit entstellenden Maya, sondern die kosmische Energie und das Wirken Gottes selbst in Seinem universalen Sein, das von einer ungeheuren, unendlichen und dennoch genauestens auswählenden Weisheit inspiriert ist und diese in Formen ausdrückt, prajna prasrta purani, „eine Weisheit, die von dem Ewigen seit Uranfang ausgegangen ist“ (Upanishad). Zum Verständnis der einzelnen praktischen Zwecke müssen wir eindringlich die verschiedenen Methoden des Yoga betrachten und unter der Masse ihrer Einzelheiten die Leitidee, der sie dienen, und die ursprüngliche Kraft unterscheiden, die ihre Verwirklichungsprozesse entstehen lässt und mit Energie durchdringt. Dann können wir leichter das eine gemeinsame Prinzip und die eine gemeinsame Macht entdecken, aus der alle ihr Dasein und die Tendenz ableiten, auf die sie unterbewusst hinsteuern und in der sie sich darum auch bewusst alle vereinigen können.

Die fortschreitende Selbst-Manifestation der Natur im Menschen, die man in moderner Sprache seine Evolution nennt, muss notwendig von drei aufeinanderfolgenden Elementen abhängen: von dem, was sich bereits entwickelt hat, von dem, was sich dauernd im Zustand bewusster Evolution befindet, und von dem, was erst entwickelt werden muss. Das letztere kann – wenn auch noch nicht auf die Dauer, so doch gelegentlich – schon zur Entfaltung gekommen sein. Vielleicht existiert es auch schon mit einer gewissen Regelmäßigkeit der Wiederholung in primitiven oder in anderen schon weiter entwickelten Gestaltungen, vielleicht sogar in einigen wenn auch seltenen Menschen, die der höchstmöglichen Verwirklichung unseres gegenwärtigen Menschseins nahe sind. Der Gang der Natur ist ja nicht auf ein regelmäßiges mechanisches Vorwärtsmarschieren gedrillt. Sie greift ständig über sich selbst hinaus, auch wenn sie es mit nachfolgenden bedauerlichen Rückzügen bezahlen muss. Sie macht Sprünge; sie leistet sich glänzende mächtige Ausbrüche; sie hat ungeheure Realisationen. Manchmal stürmt sie leidenschaftlich in der Hoffnung vorwärts, das Himmelreich mit Gewalt erobern zu können. Wenn sie so über sich selbst hinausdrängt, offenbart sie das, was in ihr das Göttliche oder auch das Diabolische ist, jedenfalls aber das, was ihr in beiden Fällen am mächtigsten dazu dient, rasch ihrem Ziele näher zu kommen.

Was die Natur für uns entwickelt und wofür sie ein gesichertes Fundament geschaffen hat, ist unser körperliches Leben. Sie hat dazu eine gesicherte Kombination und Harmonie zwischen den beiden niederen, jedoch am fundamentalsten nötigen Elementen für unser Handeln und für unseren Fortschritt auf Erden geschaffen. Das ist einerseits die Materie, die – wie sehr sie auch der allzu ätherische Spirituelle verachten mag – unser Fundament und die Grundvoraussetzung für alle unsere Energien und Verwirklichungen ist. Andererseits ist es die Lebensenergie, die das Mittel für unsere Existenz in einem materiellen Körper ist und gerade in ihm die Basis für unsere mentalen und spirituellen Betätigungen darstellt. Sie hat mit Erfolg eine gewisse Stabilität ihres stetigen materiellen Ablaufs erlangt, der konstant, dauerhaft genug und zugleich auch genügend geschmeidig und veränderlich ist, so dass der Körper dem sich in der Menschheit manifestierenden Gott eine geeignete Wohnstätte und ein Instrument für seine fortschreitende Offenbarung darbieten kann. Das ist der Sinn jener Fabel in der Aitareya Upanishad, die erzählt, die Götter hätten die ihnen vom Göttlichen Selbst nacheinander angebotenen Tiergestalten abgelehnt; sie hätten erst, als ihnen der Mensch vorgestellt wurde, ausgerufen: „Dieser ist wirklich vollkommen gestaltet!“ und zugestimmt, dass sie in seine Gestalt eingehen wollten. Die Natur hat auch einen brauchbaren Kompromiss zwischen der Trägheit der Materie und dem aktiven Leben hergestellt, das in ihr lebt und sich von ihr nährt. Dadurch wird nicht nur die vitale Existenz erhalten und gefördert, sondern es werden auch die vollen Entfaltungen des Mentals ermöglicht. Dieses Gleichgewicht bildet den Grundzustand der Natur im Menschen und wird in der Sprache des Yoga sein grobstofflicher Körper genannt, der sich aus der materiellen Hülle, der „Nahrungs-Schale“, annakosa, und dem nervlichen System, dem vitalen Träger, pranakosa, zusammensetzt.

Wenn also dieses Kräfteverhältnis auf der niederen Stufe die Basis und das erste Mittel für die höheren Bewegungen ist, welche die universale Macht im Sinne hat, und wenn es das Medium darstellt, in dem sich das Göttliche hier zu offenbaren sucht – wenn also das indische Wort wahr ist, der Körper sei das Instrument, das uns für die Erfüllung des geltenden Gesetzes unserer Natur verliehen worden ist –, dann muss jede endgültige Abkehr vom körperlichen Leben auch eine Abwendung von der vollkommenen Fülle göttlicher Weisheit und eine Zurückweisung ihrer Ziele bei ihrer irdischen Manifestation sein. Eine solche Ablehnung mag für gewisse einzelne Menschen die richtige Haltung aufgrund eines geheimen Gesetzes ihrer Entwicklung sein. Das ist aber niemals das für die Menschheit vorgesehene Ziel. Kein Integraler Yoga darf darum den Körper missachten oder es zur zwingenden Voraussetzung für vollkommene Spiritualität machen, dass er zunichte gemacht oder abgelehnt wird. Vielmehr sollte die Vervollkommnung auch des Körpers der höchste Triumph des Geistes sein. Das körperliche Leben ebenfalls göttlich zu machen, muss Gottes endgültiges Siegel auf Sein Schöpfungswerk im Universum sein. Der Widerstand, den der Körper dem Geist entgegenstellt, ist kein Grund dafür, dass man das Körperliche ablehnt. Für die undurchschaubare Vorsehung sind unsere größten Schwierigkeiten auch unsere günstigsten Gelegenheiten. Wo eine außerordentliche Schwierigkeit in der Natur auftaucht, ist das ein Zeichen für uns, dass wir auch einen außerordentlichen Sieg erringen und ein entscheidendes Problem lösen sollen. Darin liegt keine Warnung vor einer heimtückischen Falle, der wir ausweichen sollten, oder vor einem Feind, der für uns zu stark ist, so dass wir vor ihm fliehen müssten.

In gleicher Weise sind die vitalen und nervlichen Energien in uns für einen großen nützlichen Zweck da. Auch sie verlangen nach der göttlichen Verwirklichung ihrer Möglichkeiten zu unserer letzten Vollkommenheit. Die große Rolle, die diesem Element im universalen Plan zugeteilt ist, wird von der umfassenden Weisheit der Upanishaden besonders stark hervorgehoben: „Wie die Speichen eines Rades in seiner Nabe, so wird in der Lebensenergie alles fest zusammengehalten: das dreifache Wissen, das Opfer, die Macht der Starken und die Reinheit der Weisen. Unter der Herrschaft der Lebensenergie steht alles, was in dem dreifachen Himmel geordnet ist“ (Prasna Upanishad II, 6 und 13). Darum wäre es kein Integraler Yoga, wenn man diese nervlichen Energien abtöten, sie in eine entnervte Stille zwingen oder als die Ursache schädlicher Handlungen ausrotten würde. Sie wurden ja mit dem Blick auf das Ziel hin erschaffen und in uns entfaltet, dass sie geläutert und nicht zerstört, vielmehr umgewandelt, beherrscht und nutzbringend verwendet werden.

So hat also die Natur das körperliche Leben mit einer solchen Stärke für uns als ihre Basis und ihr erstes Instrument entwickelt. Unser mentales Leben hat sie dann als ihr unmittelbar darauffolgendes Ziel und als ihr höheres Instrument gestaltet. In ihren gewöhnlichen höheren Absichten ist das ihr vornehmster, sie leitender Gedanke. Dieses Ziel verfolgt sie ständig – außer in den Perioden der Erschöpfung und Zurückgezogenheit in eine entspannte, dämmrige Stille zur Sammlung neuer Kräfte –, wenn sie sich von den Schalen ihrer anfänglichen vitalen und körperlichen Verwirklichungen frei machen kann. Hier, im mentalen Menschen, müssen wir nun eine äußerst wichtige Unterscheidung treffen. Der Mensch trägt in sich nicht nur ein einziges Mentalwesen sondern ein doppeltes und dreifaches: das materielle und das nervliche Mental, das rein intellektuelle Mental, das sich von den Täuschungen des Körpers und der Sinne befreit, und ein göttliches Mental oberhalb des Intellekts, das sich seinerseits von den unvollkommenen Methoden der logisch urteilenden und fantasiebegabten Vernunft unterscheidet. Das Mental ist im Menschen zunächst in das Leben des Körpers verstrickt; in der Pflanze ist es noch völlig darin eingehüllt und auch im Tier noch ganz darin gefangen. Das Mental akzeptiert dieses Leben zunächst nicht nur als seine anfängliche, sondern als seine ganze Grundvoraussetzung für seine Betätigungen und macht sich zum Diener seiner Bedürfnisse, als ob diese der ganze Zweck des Daseins wären. Jedoch ist das körperliche Leben im Menschen nur eine Basis und nicht sein Zweck und Ziel; es ist seine erste Voraussetzung, aber nicht sein letzter determinierender Sinn. Nach zutreffender Auffassung der Alten ist der Mensch im wesentlichen Denker, der Manu, das mentale Wesen, welches das Leben und den Körper beherrscht (Mundaka Upanishad II. 2. 7.). Er ist nicht mehr das Tier, das von ihnen beherrscht wird. Die wahre menschliche Existenz beginnt also erst dann, wenn die intellektuelle Mentalität aus der materiellen hervortritt und wenn wir immer mehr im Mental unabhängig von der nervlichen und körperlichen Vorherrschaft leben und im Maße dieser Freiheit dazu fähig sind, das Leben und den Körper in richtiger Weise anzunehmen und richtig zu verwenden. Denn das wahre Mittel zur Meisterschaft ist das Freisein von ihnen und nicht eine geschickte Untertänigkeit. Das hohe menschliche Ideal besteht darin, dass wir die Bedingungen unseres körperlichen Wesens frei und nicht unter Zwang annehmen, sie ausweiten und immer mehr verfeinern.

Das sich so im Menschen entwickelnde mentale Leben ist jedoch kein allgemeiner Besitz der Menschheit. Tatsächlich könnte es so aussehen, als sei es in seiner ganzen Fülle nur in den individuellen Persönlichkeiten entfaltet und als sei das Mental in einer großen Menge, ja sogar in der Mehrheit, nur als ein kleiner, schlecht organisierter Teil ihrer normalen Natur vorhanden oder überhaupt noch nicht entwickelt und nur latent vorhanden, so dass es kaum aktiviert werden kann. Gewiss ist das mentale Leben noch keine vollkommene Evolution in der Natur; im menschlichen Tierwesen hat es noch keine sichere und dauerhafte Grundlage. Das Kennzeichen dafür ist, dass man das schöne vollkommene Gleichgewicht zwischen Vitalität und Materie, also den gesunden, robusten und langlebigen menschlichen Körper gewöhnlich nur bei denjenigen Rassen oder Klassen der Menschheit findet, die die Mühsal des Denkens, seine Beunruhigungen und Spannungen überhaupt ablehnen oder nur mit ihrem materiellen Mental denken. Der zivilisierte Mensch muss erst ein Gleichgewicht zwischen dem voll aktiven Mental und dem Körper herstellen. Er besitzt es normalerweise noch nicht. Das zunehmende Mühen um ein intensiveres mentales Leben scheint sogar oft eine wachsende Unausgeglichenheit zwischen den menschlichen Elementen hervorzurufen, so dass berühmte Wissenschaftler das Genie als eine Form der Geisteskrankheit, als ein Ergebnis der Degeneration und als eine pathologische Erscheinung der Natur beschreiben konnten. Die zur Rechtfertigung solcher Übertreibungen herangezogenen Phänomene weisen aber, wenn man sie nicht für sich, sondern im Zusammenhang mit allen anderen wichtigen Gegebenheiten betrachtet, auf eine ganz andere Wahrheit hin. Das Genie ist ein besonderer Versuch der universalen Energie, die Entfaltung unserer intellektuellen Kräfte in einem solchen Grad zu beschleunigen und zu intensivieren, dass sie für jene machtvolleren, unmittelbaren und raschen Fähigkeiten zubereitet sind, die das Kräftespiel des supra-intellektuellen oder göttlichen Mentals konstituieren. Darum ist die Unausgeglichenheit weder Missbildung noch unerklärliche Erscheinung, sondern ein folgerichtiger nächster Schritt der Natur in der rechten Linie ihrer Evolution. So wie sie das körperliche Leben mit dem materiellen Mental in Einklang brachte, so harmonisiert sie es auch mit dem Kräftespiel der intellektuellen Mentalität. Obwohl diese die Tendenz hat, die ganze tierhafte und vitale Lebenskraft zu unterdrücken, sollte und brauchte das doch keine aktiven Störungen hervorzurufen. Die Natur schießt zwar bei ihrem Versuch, eine noch höhere Ebene zu erreichen, immer über ihr Ziel hinaus. Schließlich sind die Störungen, die durch ihr Vorgehen verursacht werden, nicht so groß, wie man das oft darstellt. Einige sind nur die noch unfertigen Anfänge neuer Manifestationen. Andere sind ein leicht korrigierbarer Vorgang des Zerfalls, der oft neue Aktivitäten hervorbringt. Stets sind sie aber ein niedriger Preis für die weitreichenden Resultate, welche die Natur im Auge hat.

Vielleicht kommen wir, wenn wir alle Umstände betrachten, zu dem Schluss dass das mentale Leben überhaupt nicht erst als eine neuerliche Erscheinung im Menschen hervortritt, sondern dass es in ihm die rasche Wiederholung einer früheren Errungenschaft ist, von der sich die Energie in der Menschheit leider zurückgezogen hatte. Vielleicht ist der „Wilde“ gar nicht so sehr der Urahne des zivilisierten Menschen als vielmehr der degenerierte Abkomme einer vorhergehenden Zivilisation. Wenn auch die intellektuelle Leistung tatsächlich ungleich verteilt ist, so ist doch die Befähigung dazu überall verbreitet. Man hat in Einzelfällen festgestellt, dass sogar jener Rassetypus, den wir als den niedersten ansehen, nämlich der Schwarzafrikaner, direkt aus der unvordenklichen Barbarei Zentralafrikas, ohne eine neue Blutbeimischung und ohne auf die Generationen der Zukunft zu warten, zur intellektuellen Kultur, wenn auch noch nicht zu den intellektuellen Leistungen des ihn beherrschenden Europäers, befähigt ist. Selbst in der Masse scheinen die Menschen unter günstigen Umständen nur einige wenige Generationen zu brauchen, um große Strecken der Zivilisation zurückzulegen, die offensichtlich sonst nur in Zeiträumen von Jahrtausenden durchmessen werden. Der Mensch ist also entweder durch seinen Vorzug, ein mentales Wesen zu sein, von der vollen Bürde der langsamen Gesetze der Evolution befreit, oder er stellt bereits ein hohes Niveau materieller Befähigung für die Tätigkeiten intellektuellen Lebens dar und kann diese unter günstigen Umständen und in der rechten anregenden Atmosphäre immer mehr entfalten. Den „Wilden“ macht nicht die fehlende mentale Befähigung zum intellektuellen Leben aus, sondern die Tatsache, dass er lange die Gelegenheit dazu versäumte und davon abgeschnitten war, so dass sich der aufweckende Impuls zurückzog. Barbarei ist ein Schlaf im Mittelzustand der Evolution, keine ursprüngliche Finsternis.

Außerdem stellt sich dem aufmerksamen Beobachter der ganze Zug modernen Denkens und Mühens als eine große bewusste Anstrengung der Natur im Menschen dar, ein allgemeines Niveau intellektueller Ausstattung, Befähigung und weiterer Möglichkeit dadurch herzustellen, dass die von der modernen Zivilisation dem mentalen Leben gebotenen Gelegenheiten universal gemacht werden. Selbst die einseitige Beschäftigung des westlichen Intellekts, des Vorkämpfers dieser Tendenz, mit der materiellen Natur und den äußeren Seiten des Daseins ist ein notwendiger Teil des Ringens dieser Tendenzen. Die Natur will dadurch eine ausreichende Grundlage im physischen Wesen und in den vitalen Energien des Menschen sowie in seiner materiellen Umgebung herstellen, damit sich seine mentalen Möglichkeiten voll entfalten können. Der Sinn und Drang dieser ungeheuren Bewegung drückt sich durch leicht verständliche Zeichen aus: Ausbreitung der Erziehung, Fortschritt der rückständigen Rassen, Aufstieg unterdrückter Klassen, Vermehrung der Arbeit sparenden Vorrichtungen, Bewegung in der Richtung auf ideale soziale und ökonomische Verhältnisse, Arbeit der Wissenschaft für die Besserung der Gesundheit, längere Lebensdauer und gesunde Körperlichkeit in einer zivilisierten Menschheit. Vielleicht werden nicht immer die richtigen, mindestens nicht die wirksamsten Mittel dazu angewandt. Ihre Absicht ist jedoch auf das rechte vorläufige Ziel gerichtet: auf einen gesunden individuellen und sozialen Körper und auf die Befriedigung der legitimen Bedürfnisse und Forderungen des materiellen Mentals, auf ausreichende Entspannung, Erholung und auf gleiche allgemeine Entwicklungsmöglichkeiten, so dass die gesamte Menschheit – nicht mehr nur eine bevorzugte Rasse, Klasse oder ein Einzelner – die Freiheit besitzt, ihr emotionales und intellektuelles Wesen bis zu seiner vollen Befähigung zu entwickeln. Zur Zeit mag dabei noch das materielle und ökonomische Ziel vorherrschen. Dahinter wirkt jedoch immer der höhere und größere Impuls, oder er wartet in Reserve.

Von welcher Natur wird nun jene weitere Möglichkeit sein, der die Betätigungen des intellektuellen Lebens dienen müssen, wenn die vorläufigen Bedingungen befriedigt sind und wenn dieses große Ringen seine Grundlage gefunden hat? Wäre das Mental tatsächlich der höchste Begriff der Natur, dann müsste die völlige Entfaltung des rationalen und fantasiebegabten Intellekts sowie die harmonische Befriedigung der Emotionen und Empfindungen dafür an sich ausreichen. Wenn aber der Mensch im Gegensatz dazu mehr ist als ein Tierwesen mit Vernunft und Gefühlen und wenn es jenseits von dem, was bisher entwickelt wurde, noch etwas gibt, das erst noch entfaltet werden muss kann es wohl sein, dass die Fülle des mentalen Lebens, die Freiheit, Geschmeidigkeit und weite Befähigung des Intellekts sowie der geordnete Reichtum des Gefühls und der Empfindung, nur ein Übergang zur Entfaltung eines höheren Lebens und machtvollerer Befähigungen ist, die sich erst noch offenbaren sollen. Sie müssen dann das niedere Instrument so in ihren Besitz nehmen, wie das Mental seinerseits den Körper in seinen Besitz genommen hat, damit das physische Wesen nicht länger nur für seine eigene Befriedigung lebt, sondern die Grundlage und die Materialien für eine höhere Wirksamkeit liefert.

Die Behauptung, dass es ein höheres als das mentale Leben gibt, ist die ganze Grundlage der indischen Philosophie. Es zu erwerben und zu organisieren, ist der wahre Zweck, dem die Methoden des Yoga dienen. Das Mental ist nicht der letzte Begriff der Evolution und nicht ihr endgültiges Ziel; es ist, ebenso wie der Körper, nur ein Instrument. Es wird auch in der Sprache des Yoga so benannt, antahkarana, das innere Instrument. Die indische Tradition versichert, dass das, was manifest werden soll, kein neuer Begriff in der menschlichen Erfahrung ist, sondern vorher schon entfaltet war und darüber hinaus die Menschheit in bestimmten Perioden ihrer Entwicklung beherrscht hat. Jedenfalls muss es, um erkannt werden zu können, zu einer bestimmten Zeit wenigstens teilweise entfaltet gewesen sein. Wenn nun seitdem die Natur von ihrer Errungenschaft zurückgesunken ist, so muss der Grund dafür immer in einer nicht realisierten Harmonie gesucht werden. Die Natur ist wieder zu einer bestimmten unzureichenden Gestaltung der intellektuellen und materiellen Grundlage zurückgekehrt, da dort eine gewisse Überspezialisierung der höheren Existenz zum Nachteil der niederen in Erscheinung getreten war.

Worin besteht nun jenes höhere oder höchste Dasein, nach dem unsere Evolution strebt? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir eine besondere Art höchster Erfahrungen behandeln, eine Reihe ungewöhnlicher Erkenntnisse, die man nur schwer in irgendeiner Sprache genauer darstellen kann als im alten Sanskrit, in dem sie allein bis zu einem gewissen Grade systematisiert wurden. Die ihnen einigermaßen nahekommenden Begriffe in der englischen Sprache enthalten andere Assoziationen. Ihre Verwendung kann darum zu vielen, ja zu ernsten Ungenauigkeiten führen. Außerdem kennt die Terminologie des Yoga einen vielfältigen Status unseres Wesens: den Status unseres physischen und vitalen Wesens, der „grobstofflicher Körper“ genannt wird und aus der „Nahrungs-Hülle“ und dem vitalen „Gefäß“ oder „Träger“ zusammengesetzt ist. Dann haben wir den Status unseres mentalen Wesens, das man den „subtilen Körper“ nennt und allein aus der mentalen „Hülle“ und dem mentalen „Gefäß“, manahkosa, besteht. Der dritte ist der höchste, göttliche Status des supramentalen Wesens, der als „Kausal-Leib“ bezeichnet wird und aus einem vierten und fünften „Gefäß“ besteht, die als die Träger des Wissens und der Seligkeit dargestellt werden, vijnanakosa und anandakosa. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht das systematisierte Resultat mentaler Fragestellungen und Schlussfolgerungen. Sie ist keine nur vorübergehende Anordnung von Schlüssen und Meinungen in den Begriffen höchster Wahrscheinlichkeit. Vielmehr ist dieses Wissen eine reine im Selbst existierende und aus dem Selbst erleuchtete Wahrheit. Diese Seligkeit ist keine erhabene Freude des Herzens und der Empfindungen, die immer den Schmerz und das Leiden zum Hintergrund haben, sondern ein Entzücken, das auch im Selbst existiert, unabhängig von Objekten und besonderen Erfahrungen. Es ist die wahre Natur, sozusagen der wahre Stoff einer transzendenten, unendlichen Existenz.

Gibt es aber für solche psychologischen Begriffe irgendeine Entsprechung im Wirklichen und Möglichen? Jeder Yoga versichert, sie sind seine höchste Erfahrung und sein erhabenstes Ziel. Sie bilden die Leitprinzipien unseres höchstmöglichen Bewusstheitszustandes und unseren weitestmöglichen Seinsbereich. Wir sagen also: Es gibt eine Harmonie höchster Befähigungen, die ungefähr den psychologischen Fähigkeiten der Offenbarung, Inspiration und Intuition entsprechen, die aber nicht in der intuitiven Vernunft oder im göttlichen Mental wirken, sondern auf einer noch höheren Ebene. Sie schauen der Wahrheit direkt ins Angesicht, oder vielmehr: sie leben in der Wahrheit der universalen wie der transzendenten Dinge und sind die Formulierung der Wahrheit und ihr lichtvolles Wirken. Diese Befähigungen sind das Licht einer bewussten Existenz, die über die egoistische hinausgeht und selbst zugleich kosmisch und transzendent und deren Natur die Seligkeit ist. Die Fähigkeiten sind offensichtlich göttlich und im Vergleich zu dem, wie der Mensch gegenwärtig konstituiert ist, übermenschliche Zustände des Bewusstseins und Wirkens. Eine Trinität von transzendentem Sein, Bewusstsein des Selbst und Seligkeit im Selbst, saccidananda, ist tatsächlich die metaphysische Beschreibung des erhabensten Atman. Das ist unserem erwachten Wissen gegenüber die Selbst-Formulierung des Unwissbaren, ob dieses nun als die reine Apersonalität oder als eine kosmische Personalität aufgefasst wird, die das Universum ins Dasein treten lässt. Diese Trinität wird im Yoga auch in ihren psychologischen Aspekten als Zustandsform unseres subjektiven Daseins angesehen, die unserem Wachbewusstsein zwar noch fremd ist, die aber in uns auf einer überbewussten Ebene existiert und zu der wir uns deshalb aufschwingen können.

So ist also der Kausal-Leib (karana), wie sein Name sagt, diese krönende Manifestation gegenüber den beiden anderen, die nur Instrumente sind, der Ursprung und die bewirkende Macht alles dessen, was ihm in der aktuellen Evolution vorausgegangen ist. Alle Betätigungen unseres Mentals sind tatsächlich eine Ableitung, eine Auswahl und – solange sie von der Wahrheit, die insgeheim ihre Quelle ist, abgesondert sind – eine Entstellung des göttlichen Wissens. Unsere Empfindungen und Gefühle stehen in derselben Beziehung zur Seligkeit. Die Kräfte und die Aktivität unserer Nerven verhalten sich in gleicher Weise zu dem vom göttlichen Bewusstsein angenommenen Aspekt von Wille und Kraft. Und genauso ist die Relation unseres körperlichen Wesens zur reinen Essenz jener Seligkeit und Bewusstheit. In gewissem Sinne kann man sich die Evolution, die wir beobachten und als deren irdischen Höhepunkt man uns ansehen kann, als eine umgekehrte Manifestation vorstellen. Durch sie verwenden, entfalten und vervollkommnen jene Mächte in ihrem Einssein und in ihrer Unterschiedlichkeit die unvollkommene Substanz und die Wirkensweisen der Materie, des Lebens und des Mentals, damit diese in ihrer gegenseitigen Beziehung zueinander eine wachsende Harmonie der göttlichen, ewigen Seinszustände zum Ausdruck bringen, aus denen sie geboren wurden. Ist dieses aber die dem Universum zugrunde liegende Wahrheit, dann ist das Ziel der Evolution zugleich auch ihre Ursache. Beides existiert ihren Elementen immanent und wird aus ihnen freigesetzt. Diese Befreiung wäre aber gewiss unvollkommen, wenn sie nur eine Flucht wäre und es keine Rückkehr aus dem Jenseits zu dem Stoff, der diese Elemente enthält, und zu den Wirkensweisen hier unten gäbe, um diese emporzuheben und umzuwandeln. Die Immanenz hätte keinen glaubwürdigen Daseinsgrund, wenn sie nicht ihr Ziel und Ende in einer solchen Umgestaltung finden würde. Wenn aber das Mental zu den Herrlichkeiten des göttlichen Lichtes befähigt ist, wenn menschliches Fühlen und Empfinden in einen Ausdruck höchster Seligkeit umgebildet werden und deren Maß und Rhythmus annehmen kann, wenn menschliches Handeln die Motive einer göttlichen, von Egoismus freien Kraft nicht nur darzustellen sondern sich selbst als solche zu fühlen vermag, wenn auch die körperliche Substanz unseres Wesens stark genug an der Reinheit des erhabenen Wesens teilnehmen und geschmeidige Anpassungsfähigkeit so mit dauerhafter Beständigkeit vereinigen kann, dass sie die höchsten Erfahrungen und wirkenden Mächte fördert und ihre Dauer verlängert, dann wird die lange Arbeit der Natur in einer krönenden Rechtfertigung ihr Ende finden, und ihre Evolutionen werden ihre tiefere Bedeutung offenbaren.

Auch ein flüchtiges Aufleuchten dieser höchsten Existenz ist so blendend, und ihre Anziehungskraft nimmt uns so sehr gefangen, dass wir uns nur zu sehr berechtigt fühlen, alles andere zu vernachlässigen und nur noch diesem einen nachzujagen. Selbst wenn wir nach der entgegengesetzten Seite bis zu dem Grad übertreiben würden, dass wir alle Dinge im Mental sehen und das mentale Leben als ein ausschließliches Ideal betrachten, müssten wir doch das Mental als eine wertlose Entstellung der Wahrheit, als unser stärkstes Hindernis, als die Quelle eines illusionären Universums und deshalb als die Verneinung der Wahrheit ansehen. Das Mental selbst müsste also negiert und alle seine Werke und Resultate müssten annulliert werden, wenn wir die endgültige Befreiung erlangen wollen. Das alles ist aber nur eine Halbwahrheit, die darin irrt, dass sie nur die tatsächlichen Begrenzungen des Mentals sieht und die Absichten verkennt, die das Göttliche mit ihm hat. Das letzte und höchste Wissen erkennt und akzeptiert Gott sowohl im Universum wie auch jenseits des Universums. Ein Yoga ist erst dann integral, wenn er das Transzendente gefunden hat und nun wieder in das Universum zurückkehrt, um es in Besitz zu nehmen, wenn er sich also die Macht frei bewahren kann, auf der großen Leiter der Existenz sowohl herab wie hinaufzusteigen. Wenn die ewige Weisheit überhaupt existiert, muss auch die Befähigung des Mentals einen hohen Verwendungszweck und eine höchste Bestimmung haben. Seine Verwendbarkeit wird von dem Platz abhängen, den es im Emporsteigen und Zurückkehren einnimmt, und diese Bestimmung muss eine Erfüllung und Umgestaltung sein, aber keine Ausrottung und Vernichtung.

So nehmen wir also diese drei Stufen in der Natur wahr: Ein körperliches Leben, das die Basis unserer Existenz hier in der materiellen Welt ist; ein mentales Leben, in dem wir hervortreten und durch das wir unser körperliches Dasein zu einer immer höheren Verwendbarkeit erheben und in einer größeren Vollkommenheit ausweiten; schließlich eine göttliche Existenz, die zugleich das Ziel der beiden anderen ist und zu diesen wieder zurückkehrt, um sie zu ihren höchsten Entfaltungsmöglichkeiten zu befreien. Für unsere Anschauung liegt keine dieser drei Stufen jenseits und oberhalb unserer Reichweite oder unterhalb unserer Natur. Keine von ihnen darf in der Meinung zerstört werden, das sei für das Erreichen des höchsten Zieles notwendig. Vielmehr nehmen wir diese Befreiung und Erfüllung an, weil das mindestens ein Teilziel, und zwar ein wichtiges Teilziel des Yoga ist.

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