Kapitel 18
WORTE, MEINUNGEN, URTEILE
Dein Mantra
Wenn du spielst und plötzlich spürst, dass etwas schiefgeht – du begehst Fehler, bist unaufmerksam, manchmal mischen sich gegenläufige Strömungen in das ein, was du tust – wenn du dann die Gewohnheit entwickelst, automatisch in diesem Moment wie mit einem Mantra zu rufen, ein Wort zu rufen, ein Wort zu wiederholen, das hat eine außerordentliche Wirkung. Du wählst dein Mantra; oder genauer, es kommt eines Tages spontan in einem Augenblick der Schwierigkeit zu dir. In einer Zeit, in der die Dinge sehr schwierig sind, wenn du einen Schmerz empfindest, Sorge, wenn du nicht weißt, was geschehen wird, springt es plötzlich in dir auf, das Wort springt in dir auf. Es kann für jeden ein anderes sein. Aber wenn du es dir merkst und es jedes Mal, wenn du einer Schwierigkeit gegenüberstehst, wiederholst, wird es unwiderstehlich. Wenn du zum Beispiel das Gefühl hast, krank zu werden, wenn du fühlst, dass du das, was du tust, schlecht tust, wenn du spürst, dass etwas Böses dich angreifen wird, dann.… Doch es muss etwas Spontanes im Wesen sein, es muss aus dir aufschießen, ohne dass du darüber nachzudenken brauchst: du wählst dein Mantra, weil es ein spontaner Ausdruck deiner Sehnsucht ist. Es mag ein Wort sein, zwei oder drei Worte, ein Satz, das hängt von jedem einzelnen selbst ab, aber es muss ein Klang sein, der in dir einen bestimmten Zustand hervorruft. Wenn du das dann hast, versichere ich dir, dass du durch alles ohne Schwierigkeit hindurchgehst.… Das Beste ist, wenn dieses Wort spontan in dir auftaucht. Du rufst in einem Augenblick höchster Not (mentaler, vitaler, physischer, emotionaler Art, wie auch immer), und es steigt plötzlich in dir auf, zwei oder drei Worte, gleichsam magische Worte. Du musst sie dir merken und die Gewohnheit entwickeln, sie in Augenblicken, wenn Schwierigkeiten auftauchen, zu wiederholen. Wenn du diese Gewohnheit annimmst, wird es eines Tages ganz spontan zu dir kommen: das Mantra erscheint im Augenblick der Notlage. Du wirst dann erkennen, dass die Wirkungen wundervoll sind. Aber es darf nichts Künstliches sein oder etwas, über das du willkürlich entscheidest: „Ich werde diese Worte benutzen“, noch sollte jemand anderes dir anraten: „Oh, weißt du, dieses ist sehr gut!“ – es ist vielleicht für ihn gut, aber nicht für jeden.
Sprich nur die notwendigen Worte
Ich schlage vor, jeder von euch sollte versuchen – oh, nicht lange, nur eine Stunde täglich – nichts als die absolut notwendigen Worte zu sprechen. Nicht eines mehr, nicht eines weniger.
Nimm eine Stunde deines Lebens, die, die für dich die günstigste ist, und beobachte dich selbst während dieser Zeit genau und sprich nur die absolut notwendigen Worte.
Zu Beginn wird die erste Schwierigkeit die sein zu wissen, welche diese Worte sind und welche nicht. Das ist bereits ein Studium in sich selbst, und du wirst jeden Tag Fortschritte machen.
Als nächstes wirst du erkennen, dass es, solange man nichts sagt, nicht schwierig ist, vollkommen schweigsam zu bleiben, aber sobald du zu sprechen beginnst, wirst du immer oder fast immer zwei oder drei oder zehn oder zwanzig nutzlose Worte sagen, wofür nicht die geringste Notwendigkeit bestand.
Lästern erniedrigt dich
Es gibt ein Stadium, in welchem eine einfache Unterhaltung, die dich zwingt, auf der Stufe des gewöhnlichen Lebens zu verbleiben, Kopfschmerzen hervorruft, dir den Magen umdreht und, falls sie fortdauert, Fieber verursachen kann. Ich spreche natürlich von der Sorte Klatsch und Tratsch Unterhaltung. Ich glaube, dass außer einigen wenigen Ausnahmen, jeder dieser Tätigkeit frönt und über Dinge spricht, über welche er Schweigen bewahren sollte oder über anderes plappert. Es wird so natürlich, dass du dich nicht davon gestört fühlst. Wenn du aber auf diese Weise fortfährst, hinderst du dein Bewusstsein vollständig daran, aufzusteigen. Du bindest dich selbst mit eisernen Ketten an das gewöhnliche Bewusstsein, und das Werk im Unbewussten bleibt unverrichtet oder hat nicht einmal begonnen. Diejenigen, die emporsteigen wollen, haben schon genug Schwierigkeiten, ohne nach Unterstützung von außen zu suchen.
Natürlich, die Anstrengung, das Bewusstsein auf einer hohen Stufe zu halten, ist zu Beginn ermüdend, wie die Übungen, die du zur Muskelbildung ausführst. Doch du gibst deshalb die Gymnastik nicht auf! Auch mental musst du dasselbe tun. Du darfst deshalb deinem Mental nicht erlauben, auf eine niedrige Stufe herabzusinken: klatschen erniedrigt dich, und willst du Yoga praktizieren, musst du dich dessen enthalten, das ist alles.
Dein Denken erweitern
Du bist mit jemandem zusammen. Diese Person sagt etwas zu dir, du widersprichst ihr (wie es gewöhnlich geschieht, einfach aus einem Widerspruchsgeist heraus), und ihr fangt an zu argumentieren. Natürlich werdet ihr zu gar nichts kommen, außer einem Streit, falls ihr unfreundliche Naturen seid. Aber wenn du dir, statt in deinen eigenen Vorstellungen und Worten zu verharren, selbst sagst: „Warte ein wenig, ich will versuchen, zu verstehen, warum er so zu mir spricht. Ja, warum sagte er mir das?“ Und du konzentrierst dich: „Warum, warum, warum?“ Du stehst da, nur so, und bemühst dich. Die andere Person fährt fort zu erzählen, nicht wahr? – und ist obendrein sehr glücklich, denn du widersprichst ihr nicht länger! Sie spricht übersprudelnd und ist sicher, dich überzeugt zu haben. Dann konzentrierst du dich mehr und mehr auf das, was sie sagt, und spürst, dass du dich allmählich durch ihre Worte in ihr Mental hineinversetzt. Wenn du derart in ihren Kopf eindringst, dringst du plötzlich in ihre Art des Denkens ein, und dann, stell dir das vor, verstehst du, warum sie auf solche Weise zu dir spricht! Und dann, wenn du über eine einigermaßen rasche Auffassungsgabe verfügst und das, was dir gerade gelungen ist zu verstehen, mit dem verknüpfst, was du bereits wusstest, dann hast du die zwei Dinge zusammen und kannst die Wahrheit finden, die beide miteinander aussöhnt. Und dann hast du wahrhaft einen Fortschritt gemacht. Und das ist die beste Methode, sein Denken zu erweitern.
Wenn du eine Auseinandersetzung beginnst, verhalte dich sofort still, unmittelbar. Du musst schweigen, darfst überhaupt nichts sagen und dann versuche, den Sachverhalt aus der Sicht des anderen zu betrachten – das wird nicht dazu führen, dass du deine eigene Sichtweise verlierst, ganz und gar nicht! Aber du wirst imstande sein, beide zusammenzuführen. Und du wirst wahrlich einen Fortschritt getan haben, einen wirklichen Fortschritt.
Sich in anderer Leute Angelegenheiten mischen
Welche ist die beste Haltung? Die des Eingreifens oder die der Nichteinmischung? Welche ist besser?
Ah, genau das ist es, um einzugreifen, musst du sicher sein, dass du recht hast. Du musst sicher sein, dass deine Schau der Dinge überlegen ist, wahrer oder der der anderen vorzuziehen. Dann ist es immer weiser, nicht einzugreifen – Leute tun das ohne Sinn und Verstand, einfach nur, weil sie der Gewohnheit verfallen sind, anderen ihre Meinung mitzuteilen.
Selbst wenn du die Schau der wahren Sache hast, ist es sehr selten weise, sich einzumischen. Es ist unerlässlich, wenn jemand etwas tun möchte, was unausweichlich zu einer Katastrophe führen wird. Selbst dann ist Intervention (lächelnd) nicht immer sehr wirkungsvoll.
Tatsächlich ist ein Einschreiten nur gerechtfertigt, wenn du absolut sicher bist, dass du Einsicht in die Wahrheit besitzt; nicht nur das, sondern einen klaren Blick für die Folgen hast. In das Handeln eines anderen einzugreifen – dafür muss man ein Prophet sein, ein Prophet! Und einer von allumfassender Güte und allumfassendem Erbarmen. Man muss sogar den Weitblick über die Konsequenzen haben, die die Intervention im Schicksal des anderen zeitigen wird. Leute geben sich immer gegenseitig Ratschläge: „Tue dies, tu das nicht!“ Ich sehe es: sie haben keinen Begriff davon, in welchem Ausmaß sie Verwirrung und Unordnung vergrößern. Und manchmal beeinträchtigen sie die normale Entwicklung eines Individuums.
Ich betrachte Meinungen immer als gefährlich und in den meisten Fällen als absolut wertlos.
Du solltest dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten einmischen, es sei denn, du wärest zuallererst unendlich viel weiser, als sie es sind – natürlich hält man sich immer für weiser! – aber ich meine es in einer objektiven Weise und nicht aufgrund deiner eigenen Ansichten; es sei denn, du blickst weiter und siehst besser und stehst über allen Leidenschaften, Begierden und blinden Reaktionen. Du musst alle diese Dinge überwunden haben, um das Recht zu besitzen, in das Leben eines anderen einzugreifen – selbst wenn er dich darum bittet. Und wenn er das nicht tut, dann heißt das nichts anderes, als deine Nase in etwas hineinzustecken, das nicht deine Angelegenheit ist.
Andere beurteilen
Wenn deine Schau nicht beständig in allen Dingen die des Göttlichen ist, hast du nicht nur kein Recht, sondern auch keine Fähigkeit, den Zustand zu beurteilen, in welchem sich andere befinden. Und ein Urteil über jemanden zu verkünden ohne unmittelbar, mühelos, über diese Schau zu verfügen, ist genau ein Beispiel für die mentale Anmaßung, von der Sri Aurobindo immer sprach.… Und so geschieht es, dass jemand, der diese Schau, dieses Bewusstsein hat, der fähig ist, die Wahrheit in allen Dingen zu sehen, niemals das Bedürfnis empfindet, über etwas, was immer es sei, zu urteilen. Denn er versteht alles und weiß alles. Deshalb, ein für alle Male, musst du dir sagen, dass du dich in dem Augenblick, in dem du anfängst, Dinge, Menschen, Umstände zu beurteilen, in allumfassendster menschlicher Unwissenheit befindest.
Kurz zusammengefasst könnte man es so formulieren: wenn man versteht, urteilt man nicht länger, und wenn man urteilt, bedeutet das, dass man nicht weiß.
Die Menschheit ist unfähig zu urteilen
Die Schlussfolgerung ist immer dieselbe: die einzig wahre Haltung ist die der Demut, des schweigenden Respektes vor dem, das man nicht kennt und der inneren Sehnsucht, aus seiner Unwissenheit herauszukommen. Eines der Dinge, das den Menschen den größten Fortschritt machen ließe, wäre, dass er Achtung bewiese vor dem, was ihm unbekannt ist, dass er bereitwillig anerkennen würde, dass er unwissend und daher unfähig ist zu urteilen. Wir tun beständig das Gegenteil. Wir geben endgültige Urteile ab über Dinge, über die wir kein wie auch immer geartetes Wissen haben und erklären in entschiedener Weise: „Dieses ist unmöglich. Jenes ist möglich“, wenn wir nicht einmal wissen, wovon wir reden. Und wir setzen überlegene Mienen auf, weil wir Dinge bezweifeln, über die wir niemals irgend ein Wissen besaßen.
Menschen halten den Zweifel für ein Zeichen von Überlegenheit, während er in Wirklichkeit eines von Unterentwicklung ist.
Skeptizismus und Zweifel sind zwei der größten Hindernisse für den Fortschritt. Sie fügen zur Unwissenheit die Anmaßung hinzu.