Kapitel 13
Die Fülle der vierfachen Personalität
Worte Sri Aurobindos
Der Wissenschaftler kann der Wahrheit nicht in Freiheit und Vollkommenheit dienen, wenn er nicht den intellektuellen und moralischen Mut, den Willen, die Kühnheit und Stärke besitzt, neue Bereiche des Wissens zu erschließen und zu erobern. Sonst wird er zu einem Sklaven des beschränkten Intellekts, zu einem Diener oder bestenfalls zum Priester eines erstarrten Wissens. (Aus diesem Grunde war es vielleicht der Kshatriya, der Mut, Kühnheit und Eroberungsgeist auf dem Gebiet des intuitiven Wissens und der spirituellen Erfahrung einsetzte und als erster die großen Wahrheiten des Vedanta entdeckte.) Der Gelehrte kann sein Wissen nicht zum Vorteil anderer verwerten, wenn er sich nicht anpassen kann, um seine Wahrheiten für die Praxis des Lebens auszuarbeiten. Er lebt nur in der Ideenwelt und kann seine Erkenntnis nicht voll dem Leben weihen, wenn in ihm nicht der Geist herrscht, den Menschen, der Gottheit im Menschen und dem Meister seines Wesens zu dienen. Der Machtmensch muss seine Kraft und Stärke durch Wissen, das Licht der Vernunft, der Religion oder des Geistes erleuchten, erheben und lenken, sonst wird er zum gewalttätigen Asura. Er muss auch seine Kraft geschickt zu gebrauchen lernen und sie in eine Ordnung einfügen, um sie schöpferisch und nutzbringend anzuwenden und seinen Beziehungen zu den Menschen anzupassen. Sonst wird seine Kraft zur reinen Antriebsgewalt, die wie ein Sturm über das Feld des Lebens hinwegfegt und in ihrem Wüten mehr zerstört als konstruktiv schafft. Auch muss er zum Gehorsam fähig sein und seine Stärke im Dienst an Gott und der Welt einsetzen. Sonst wird er zum selbstsüchtigen Gebieter und Tyrannen und übt brutalen Zwang über Seele und Körper der Menschen aus. Der produktiv denkende und arbeitende Mensch muss aufgeschlossen und wissbegierig sein, Ideen und Kenntnisse haben, sonst bewegt er sich nur in der Routine seiner Funktionen, ohne in immer weitere, höhere Bereiche emporzuwachsen. Er muss Mut und Unternehmungsgeist besitzen. Den Geist des Dienens muss er zur Grundlage seines Handelns und Produzierens machen, damit er nicht nur einnimmt, sondern auch hergibt, nicht nur Vermögen ansammelt und sein Leben genießt, sondern bewusst dazu beiträgt, das Leben seiner Umgebung durch das, was er selbst profitiert, ertragreich zu gestalten. Der arbeitende und dienende Mensch wird zum völlig abhängigen Kuli und Sklaven der Gesellschaft, wenn er sein Schaffen nicht durch Wissen, Ehrgefühl, Aspiration und Fleiß bereichert. Denn er kann nur zu den höheren Dharmas aufsteigen, wenn er sein Mental und seinen Willen höherem Verstehen und Gebrauch öffnet. Die höhere Vollkommenheit des Menschen tritt erst dann ein, wenn er sich so ausweitet, dass er alle Mächte in sich entfaltet, wenn auch eine von ihnen die Führung über die anderen behalten mag. So macht er seine Natur immer umfassender, bis sie die abgerundete Fülle und universale Tüchtigkeit vierfachen Geistes besitzt. Der Mensch ist nicht zum ausschließlichen Typus eines einzelnen dieser Dharmas zurechtgeschnitten. Vielmehr wirken in ihm alle diese Mächte, wenn auch zunächst noch in Verwirrung. Von einer Wiedergeburt zur anderen bildet er sie aus. Ja, er kann sogar im selben Leben von der einen zur anderen Macht fortschreiten, bis er sein inneres Sein voll entfaltet hat. Unser Leben umfasst alles: Es ist Forschen nach Wahrheit und Wissen, Ringen und Kämpfen unseres Willens mit uns selbst und mit den uns umgebenden Kräften, ständiges Produzieren, Anpassung und Anwendung der Fähigkeit auf das Material des Lebens sowie Opfer und Dienst.
Das alles sind die gewöhnlichen Aspekte der Seele, solange sie ihre Kraft innerhalb der Natur zur Auswirkung bringt. Wenn wir aber näher an unser inneres Selbst kommen, steigt in uns eine Ahnung und Erfahrung dessen auf, was in diesen Gestaltungen involviert war. Wir können es von diesen Formen loslösen, hinter ihnen stehen und sie so in Betrieb setzen, als ob eine allgemeine Gegenwart und Macht auf das besondere Schaffen dieses lebendigen, denkenden Mechanismus einwirken würde. Das ist die Kraft der Seele an sich, die lenkend über den Mächten der Natur steht und sie zur Erfüllung bringt.