Kapitel 12

Folgen des Eintritts in das innere Wesen

Das erste Ergebnis des Eintritts: eine Führung durch die Seele

Worte Sri Aurobindos

Zerspringt die Verkrustung der äußeren Natur, fallen die Wände der inneren Abtrennung, bricht das innere Licht durch, das innere Feuer brennt im Herzen, die Substanz der Natur und der Stoff des Bewusstseins verfeinern sich zu größerer Subtilität und Reinheit, die tieferen seelischen Erfahrungen, solche, die nicht allein von innerer mentaler oder innerer vitaler Art sind, werden in dieser subtileren, reineren und feineren Substanz möglich. Die Seele beginnt, sich zu enthüllen, die seelische Personalität erlangt ihre volle Gestalt. Nun offenbart sich die Seele, die seelische Wesenheit, als das zentrale Seiende, das Mental, Leben und Körper samt allen anderen Mächten und Funktionen des Geistes trägt und erhält. Sie übernimmt ihre höhere Funktion, die Natur zu führen und zu beherrschen. Eine Lenkung und Regierung von innen fängt an, die jede Regung unter das Licht der Wahrheit stellt, alles zurückweist, was falsch und dunkel ist, was sich der göttlichen Verwirklichung widersetzt. Jeder Bereich des Wesens, jeder Winkel, jede Ecke wird mit dem irrtumsfreien seelischen Licht aufgehellt, jede Bewegung, Gestaltung, Richtung, Neigung von Denken und Wollen, Gefühl und Empfindung, Wirkung und Gegenwirkung, Motiv und Planung, Neigung und Begehren, Gewohnheit des bewussten oder unbewussten Physischen, selbst das, was am meisten verborgen, getarnt, stumm und entlegen ist. Ihre Verwirrungen werden zerstreut, ihre Verstrickungen aufgelöst, ihre Unklarheiten, Täuschungen und Selbst-Täuschungen genau aufgezeigt und beseitigt. Alles wird geläutert und in Ordnung gebracht; die ganze Natur wird harmonisiert, auf die seelische Note abgestimmt und spirituell geordnet. Dieser Prozess mag je nach der noch in der Natur übrig gebliebenen Finsternis und Widersetzlichkeit rasch oder langsam verlaufen. Es geht aber unbeirrbar weiter, solange er noch nicht vollständig ist. Als endgültiges Ergebnis wird das bewusste Wesen ganz und gar dazu befähigt, spirituelle Erfahrungen aller Art zu machen. Es wird hingelenkt zur spirituellen Wahrheit von Denken, Fühlen, Empfinden und Handeln. Es wird auf die richtigen Reaktionen eingestimmt, befreit von der Dunkelheit und Sturheit des trägen Tamas, vom Trubel, den Verwirrungen und unreinen Leidenschaften von Rajas mit seiner ruhelosen, unharmonischen Dynamik, von den erleuchteten Starrheiten und Engstirnigkeiten von Sattwa oder von den unausgeglichenen Kräfteverhältnissen eines nur konstruierten Gleichgewichts, die für die Unwissenheit charakteristisch sind.

Das zweite Ergebnis des Eintritts: ein Einströmen aller Arten von spiritueller Erfahrung

Worte Sri Aurobindos

Das ist das erste Ergebnis. Das zweite ist ein freies Einströmen aller Arten von spiritueller Erfahrung: Erfahrungen des Selbsts, Erfahrungen des Ishwara und der Göttlichen Shakti, Erfahrungen des kosmischen Bewusstseins, unmittelbare Berührung mit den kosmischen Kräften und mit den geheimen Bewegungen der universalen Natur, seelisches Mitfühlen und Einheit, innere Kommunikation und vielfacher Austausch aller Art mit den anderen Wesen und mit der Natur, Erleuchtungen des Mentals durch das Wissen, Erleuchtungen des Herzens durch Liebe, fromme Hingabe, spirituelle Freude und Ekstase, Erleuchtungen der Sinne und des Körpers durch höhere Erfahrung, Erleuchtungen dynamischen Handelns in der Wahrheit und der umfassenden Weite eines geläuterten Mentals, Herzens und der Seele, die Gewissheiten des göttlichen Lichts und der Führung, die Freude und Macht der göttlichen Kraft, die im Willen und in der Lebensführung wirkt. Diese Erfahrungen kommen, weil sich das innere und innerste Wesen und seine Natur nach außen hin öffnen. Denn nun tritt die Seelen-Macht eines nie irrenden ursprünglichen inneren Bewusstseins in das Kräftespiel ein, seine Schau, seine Einwirkung auf die Dinge, die jeder anderen mentalen Erkenntnis überlegen ist. Dort gibt es, dem seelischen Bewusstsein in seinem reinen Wirken eingeboren, ein unmittelbares Empfinden der Welt und ihrer Wesen, direkten Kontakt mit ihnen, unmittelbare Berührung mit dem Selbst und mit dem Göttlichen, ein unmittelbares Wissen und Schauen der Wahrheit und aller Wahrheiten, ein ohne Vermittlung eindringendes spirituelles Empfinden und Fühlen, direkte Intuition des rechten Willens und rechten Handelns, eine Macht zu regieren und eine Ordnung des Seienden zu schaffen, ohne dass das vordergründige Selbst danach zu suchen braucht, vielmehr von innen her, aus der inneren Wahrheit des Selbsts und der Dinge und aus den geheimen Wirklichkeiten der Natur.

Manche dieser Erfahrungen können schon durch ein Sich-Öffnen des inneren Mentals und vitalen Wesens eintreten, durch das innere und umfassendere subtile Mental, das Herz und das Leben in uns, ohne dass die Seele, die seelische Wesenheit, voll hervortritt, da auch dort die Macht zu einem unmittelbaren Kontakt des Bewusstseins vorhanden ist. Die Erfahrung könnte aber dann von vermischter Art sein. Denn es könnte dabei nicht nur das subliminale Wissen, sondern auch die subliminale Unwissenheit hervortreten. Leicht könnte es dabei zu einer ungenügenden Ausweitung des Wesens kommen, zu einer Begrenzung durch eine mentale Idee, durch ein zu enges und auswählendes Gefühl oder durch die Form des Temperaments, so dass nur ein unvollkommenes Erschaffen und Wirken des Selbsts zustande käme und nicht das freie Hervortreten der Seele. Kommt aber das seelische Wesen nicht oder nicht vollständig in den Vordergrund, könnten gewisse Erfahrungen, solche höheren Wissens und einer größeren Kraft sowie ein Überschreiten der gewöhnlichen Grenzen zu einem aufgeblähten Ego führen. Sie würden dann statt des Aufblühens dessen, was göttlich und spirituell ist, einen Ausbruch des Titanischen oder Dämonischen hervorrufen. Sie könnten auch Organisationen oder Mächte herbeirufen, die, wenn auch nicht verhängnisvoller, so doch von machtvoller, aber niederer kosmischer Art sind. Regiert und lenkt jedoch die Seele, bringt sie in alle Erfahrungen die Tendenz von Licht, Einbeziehung, Harmonie, Rechtschaffenheit, wie sie der seelischen Wesenheit eigen ist. Eine seelische oder, in weiterem Sinn, seelisch-spirituelle Transformation dieser Art wäre bereits eine gewaltige Umwandlung unserer mentalen menschlichen Natur.

Das dritte Ergebnis des Eintritts: eine Öffnung nach oben und die Herabkunft

Worte Sri Aurobindos

Aber diese ganze Umwandlung und Erfahrung würde sich, auch wenn sie in Wesen und Art seelisch und spirituell ist, hinsichtlich ihrer Einwirkung auf das Leben noch auf der mentalen, vitalen und physischen Ebene vollziehen. Ihr dynamisches Ergebnis1 wäre ein Aufblühen der Seele in Mental, Vital und Körper. In Handeln und Form wäre sie aber, wenn auch umfassender, emporgehoben und verfeinert, in den Grenzen einer niederen Instrumentation eingeengt. Sie wäre ein Spiegelbild, eine abgewandelte Manifestation der Dinge, deren volle Wirklichkeit, Intensität, Weite, Einheit und Verschiedenheit an Wahrheit, Macht und Seligkeit höher sind als wir, höher als das Mental, darum auch höher als jede Vollkommenheit in den eigenen Gestaltungen des Mentals, der Grundlagen oder des Überbaus unserer gegenwärtigen Natur. In die seelische oder seelisch-spirituelle Umwandlung muss eine höchste spirituelle Transformation eingreifen. Die seelische Bewegung nach innen zum inneren Wesen hin, zum Selbst und zur Göttlichkeit in uns muss dadurch vervollständigt werden, dass wir uns nach oben zu einem erhabenen spirituellen Zustand hin oder einem höheren Sein öffnen. Wir können das tun, indem wir uns in das, was über uns ist, aufschließen, indem sich das Bewusstsein in die Bereiche der obermentalen und supramentalen Natur erhebt, in denen das Empfinden für das Selbst und den Geist unverhüllt und beständig vorhanden ist. In ihnen wird die selbst-erleuchtete Instrumentation des Selbsts und des Geistes nicht eingeschränkt und zerteilt wie in unserer Mental-, Lebens- und Körper-Natur. Auch das macht die seelische Umwandlung möglich. Wie sie uns öffnet für das kosmische Bewusstsein, das jetzt noch durch viele Wände der begrenzenden Individualität vor uns verborgen ist, macht sie uns auch den Zugang frei zu dem, was unserer normalen Art jetzt noch überbewusst ist, da es durch den starken, festen, hellen Verschluss des Mentals vor uns verborgen ist – des Mentals, das begrenzt, zerteilt, sondert. Dieser Verschluss wird dünner, spaltet sich und zerbricht, oder er öffnet sich und verschwindet unter dem Druck der seelisch-spirituellen Umwandlung und durch das natürliche Drängen des neuen spiritualisierten Bewusstseins zu dem hin, das es hier ausdrückt. Dieses Bewirken einer Öffnung mit ihren Konsequenzen könnte aber gar nicht stattfinden, käme es nur zu einem teilweisen seelischen Hervortreten, das mit der Erfahrung der Göttlichen Wirklichkeit innerhalb der normalen Grade des spiritualisierten Mentals zufrieden ist. Wenn jedoch das Bewusstsein irgendwie zur Erfahrung des Daseins dieser höheren übernormalen Ebenen wach geworden ist, kann ein Verlangen nach ihnen den Verschluss brechen oder einen Spalt weit öffnen. Das kann lange vorher stattfinden, bevor die seelisch-spirituelle Umwandlung vollständig ist oder auch bevor sie anfing oder weit fortschritt, weil die seelische Persönlichkeit die Überbewusstheit wahrnahm und sich nun eifrig auf sie konzentriert. Als Ergebnis des Strebens danach oder einer inneren Bereitschaft dafür kann es zu früher Erleuchtung von oben oder dazu kommen, dass diese obere Membran zerreißt. Das kann auch eintreten, ohne dass man danach verlangt oder ohne dass es durch einen bewussten Teil des Mentals herbeigerufen wurde, vielleicht durch eine geheime subliminale Notwendigkeit oder durch Einwirkung und Druck von den höheren Ebenen her, durch etwas, das wir als Berührung durch das Göttliche Wesen, als Berührung des Geistes fühlen – und dessen Resultate können außerordentlich machtvoll sein. Wenn es durch vorzeitiges Drängen von unten bewirkt wurde, können dabei Schwierigkeiten und Gefahren auftreten, die fehlen, wenn das seelische Wesen hervortritt, bevor wir Zutritt bekommen zu den höheren Bereichen unserer spirituellen Evolution. Die Entscheidung darüber liegt nicht immer bei unserem Willen. Denn die Vorgänge der spirituellen Evolution in uns sind sehr unterschiedlich. Je nach der Richtung, in der sie verläuft, wird auch die Wendung sein, die in jeder kritischen Phase von der Bewusstseins-Kraft bei ihrem Drängen nach höherer Selbst-Offenbarung und Gestaltung unseres Daseins eingeschlagen wird.

Wenn sich der Spalt im Verschluss des Mentals öffnet, offenbart sich unserer Schau etwas, das über uns ist, oder wir erheben uns zu diesem, oder seine Mächte kommen in unser Wesen herab. Bei dieser Schau sehen wir über uns eine Unendlichkeit, eine ewige Gegenwart oder ein unendliches Sein, eine Unendlichkeit von Bewusstsein, eine Unendlichkeit von Seligkeit, – ein grenzenloses Selbst, ein grenzenloses Licht, eine grenzenlose Macht, ein grenzenloses Entzücken. Vielleicht ist auf lange Zeit alles, was erreicht wird, deren gelegentliche, häufige oder ständige Schau und eine Sehnsucht, ein Streben danach. Man kommt aber nicht weiter, weil sich zwar das Mental, das Herz oder eine andere Seite des Wesens für diese Erfahrung geöffnet hat, die niedere Natur jedoch als Ganzes noch zu schwer und unklar ist für weiteres. Statt dieses ersten umfassenden Gewahrwerdens von unten her oder als Folge davon, kann es aber zu einem Aufschwung des Mentals zu Höhen über ihm kommen. Vielleicht erkennen wir die Art dieser Höhen noch nicht, können wir sie noch nicht klar unterscheiden, doch macht sich eine gewisse Auswirkung dieses Aufstiegs fühlbar. Oft werden wir auch eines unendlichen Emporkommens und einer Rückkehr bewusst, doch bleibt uns keine unmittelbare Erinnerung, keine Übertragung dieses höheren Zustands. Denn das alles ist für das Mental überbewusst. Wenn sich dieses dorthin erhebt, ist es zuerst nicht fähig, hier sein Vermögen bewusster Unterscheidung und definierender Erfahrung zu behalten. Wenn diese Macht aber allmählich erwacht und wirkt und das Mental stufenweise in dem bewusst wird, was für es überbewusst war, beginnt die Erkenntnis und Erfahrung der höheren Ebenen des Seins. Diese Erfahrung steht im Einklang mit dem, was uns durch die erste Öffnung unseres inneren Schauens eingebracht wird: Das Mental erhebt sich in eine höhere Ebene des reinen Selbsts. Es wird schweigend, ruhig, unbegrenzbar. Oder es steigt weiter empor in Regionen von Licht oder Glückseligkeit oder in Ebenen, wo es eine unendliche Macht oder eine göttliche Gegenwart fühlt. Oder es erfährt die Berührung durch die göttliche Liebe oder Schönheit, die Atmosphäre eines umfassenderen, größeren und erleuchteteren Wissens. Bei der Rückkehr bleibt der spirituelle Eindruck bestehen. Nur die mentale Wiedergabe davon ist oft verzerrt und bleibt als eine nur vage oder bruchstückhafte Erinnerung. Das niedere Bewusstsein, von dem der Aufschwung ausging, fällt in das zurück, was es vorher war, wozu nur noch eine ungenaue oder nur eine erinnerte, aber nicht mehr dynamische Erfahrung hinzukommt. Im Lauf der Zeit können wir diesen Aufstieg nach Belieben machen; das Bewusstsein bringt dann von seinem zeitweiligen Aufenthalt in diesen höheren Gefilden des Geistes eine Nachwirkung zurück oder behält sonst einen Gewinn. Bei vielen finden diese Erlebnisse des Aufschwungs in Trance statt. Sie sind aber sehr wohl in einer Konzentration des wachen Bewusstseins möglich oder, wenn dieses Bewusstsein genügend seelisch geworden ist, auch in jedem Augenblick ohne besondere Konzentration, wenn wir von jenen Höhen angezogen werden oder uns zu ihnen hinwenden. Wenn diese beiden Arten einer Berührung mit dem Überbewussten auch stark erleuchtend, ekstatisch oder befreiend sein mögen, sind sie doch an sich noch nicht ausreichend wirksam. Wenn es zur vollen spirituellen Transformation kommen soll, ist mehr notwendig: ein dauernder Aufstieg aus dem niederen in das höhere Bewusstsein und ein wirkungsstarkes dauerndes Herabkommen der höheren Natur in die niedere.

1 Das seelische und das spirituelle Sich-öffnen können mit ihren Erfahrungen und Folgen vom Leben weg- oder zu einem Nirvana hinführen. Wir betrachten sie hier aber einzig und allein als Stufen einer Transformation der Natur.