Kapitel 12
Die innere Wahrheit entdecken
Worte der Mutter
Es gibt eine weitere Eigenschaft, die in einem Kind von sehr jungem Alter an kultiviert werden muss: das ist das Gefühl von Unbehagen, einer moralischen Unstimmigkeit, die es spürt, wenn es gewisse Dinge getan hat; nicht, weil ihm gesagt wurde, es solle sie nicht tun, nicht, weil es Bestrafung fürchtet, sondern spontan. Wenn ein Kind zum Beispiel einen Kameraden boshaft verletzt, wird es, wenn es in seinem normalen, natürlichen Zustand ist, Unbehagen fühlen, ein tiefes Bedauern in seinem Wesen, weil das, was es getan hat, seiner inneren Wahrheit entgegensteht.
Denn trotz aller Lehren, trotz allem, was das Denken denken kann, gibt es etwas in den Tiefen, was ein Gefühl einer Vollkommenheit hat, einer Größe, einer Wahrheit, und dem schmerzhaft widersprochen wird von allen Regungen, die sich dieser Wahrheit widersetzen. Wenn ein Kind nicht von seinem Milieu verdorben wurde durch beklagenswert schlechte Beispiele in seiner Umwelt, das heißt, wenn es sich in seinem normalen Zustand befindet, spontan, ohne dass ihm etwas gesagt wird, so wird es ein Unbehagen fühlen, wenn es etwas gegen die Wahrheit seines Wesens getan hat. Und genau hierauf muss sich später seine Bemühung um Fortschritt gründen.
Denn wenn du eine Lehre finden möchtest, eine Doktrin, auf der du deinen Fortschritt gründen kannst, wirst du nie etwas finden – oder genauer gesagt, du wirst etwas anderes finden, denn entsprechend dem Klima, dem Alter, der Zivilisation, ist die Lehre, die gegeben wird, recht entgegengesetzt. Wenn der eine sagt, „dies ist gut“, wird ein anderer sagen, „nein, das ist schlecht“ und mit der gleichen Logik, derselben Überzeugungskraft. Deshalb kann man darauf nicht bauen. Die Religion hat immer versucht, ein Dogma aufzustellen, und sie wird dir sagen, dass, wenn du dem Dogma entsprichst, du dich in der Wahrheit befindest, und wenn du es nicht tust, bist du in der Falschheit. Aber all das hat nie irgendwohin geführt und nur in Verwirrung geendet.
Es gibt nur einen wahren Führer, das ist der innere Führer, der nicht über das mentale Bewusstsein wirkt.
Wenn ein Kind aber eine katastrophale Erziehung bekommt, wird es ganz natürlich immer hartnäckiger versuchen, in sich diese kleine wahre Sache auszulöschen und manchmal gelingt es ihm so gut, dass es allen Kontakt damit verliert, ebenso wie die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu entscheiden. Daher bestehe ich darauf und sage, dass Kindern von Kindheit an beigebracht werden muss, dass es eine innere Wirklichkeit gibt – in ihnen selbst, in der Erde, im Universum – und dass sie, die Erde und das Universum, nur als eine Funktion dieser Wahrheit existieren, und dass, wenn sie nicht existierte, das Kind nicht bestehen würde, nicht einmal die kurze Zeit, die es da ist, und dass sich alles auflösen würde, sobald es entsteht. Und weil dies die wirkliche Basis des Universums ist, ist es ganz natürlich auch dies, was triumphieren wird; und alles, was sich diesem widersetzt, kann nicht so lange bestehen wie dieses, denn Jenes, das Ewige, ist an der Wurzel des Universums.
Es geht natürlich nicht darum, dass man einem Kind philosophische Erklärungen gibt, aber man könnte ihm sehr wohl das Gefühl dieser Art innerer Behaglichkeit geben, der Genugtuung, und – manchmal – einer intensiven Freude, wenn es dieser sehr kleinen, stillen Sache in sich gehorcht, wodurch es davon abgehalten wird, zu tun, was ihr entgegensteht. Auf einer Erfahrung dieser Art kann die Lehre begründet werden. Dem Kind muss der Eindruck vermittelt werden, dass nichts andauern kann, wenn es in sich nicht diese wahre Genugtuung hat, die allein von Dauer ist.
Worte der Mutter
Kann ein Kind sich dieser inneren Wahrheit wie ein Erwachsener bewusst werden?
Für ein Kind ist dies sehr klar, denn es ist eine Wahrnehmung ohne Komplikationen von Wort oder Gedanken – es gibt jenes, was ihm ein gutes Gefühl gibt, und jenes, was es sich unbehaglich fühlen lässt (es ist nicht notwendigerweise Freude oder Sorge, die nur kommen, wenn die Sache sehr intensiv ist). Und all dies ist sehr viel klarer im Kind als in einem Erwachsenen, denn der letztere hat immer einen mentalen Geist, der tätig ist und seine Wahrnehmung der Wahrheit benebelt.
Einem Kind Theorien zu geben, ist völlig nutzlos, denn sobald sein Mental erwacht, wird es tausend Gründe finden, um deinen Theorien zu widersprechen, und es wird recht haben. Diese kleine wahre Sache im Kind ist die göttliche Gegenwart im Seelischen – sie ist auch vorhanden in Pflanzen und Tieren. In Pflanzen ist es nicht bewusst, in Tieren beginnt es bewusst zu sein, und in Kindern ist es sehr bewusst. Ich habe Kinder gekannt, die sich im Alter von fünf Jahren ihres seelischen Wesens sehr viel bewusster waren als mit vierzehn, und mit vierzehn mehr als mit fünfundzwanzig; und vor allem verlieren sie in dem Augenblick, wo sie zur Schule gehen, wo sie alle Arten von intensiver mentaler Schulung bekommen, was ihre Aufmerksamkeit auf den intellektuellen Teil ihres Wesens richtet, verlieren sie dort fast immer und fast vollständig diesen Kontakt mit ihrem seelischen Wesen.
Wenn du nur ein erfahrener Beobachter wärest, wenn du sagen könntest, was in einer Person vor sich geht, indem du ihr einfach in die Augen schaust!… Es heißt, dass die Augen der Spiegel der Seele sind; das ist eine volkstümliche Art, es zu sagen, aber wenn die Augen nicht das Seelische ausdrücken, so deshalb, weil es sehr weit hinten liegt, von vielen Dingen verschleiert. Schau also sorgfältig kleinen Kindern in die Augen, und du wirst eine Art Licht sehen – einige beschreiben es als offenherzig – aber so wahr, so wahr, das mit einem wundersamen Gefühl die Welt betrachtet. Dieses Gefühl ist die Verwunderung des Seelischen, das die Wahrheit sieht, aber nicht viel von der Welt versteht, denn sie ist ihm zu fern. Kinder haben dies, doch indem sie mehr lernen, intelligenter werden, mehr geformt sind, wird dies ausgelöscht, und man sieht alle Arten von Dingen in ihren Augen: Gedanken, Wünsche, Leidenschaften, Bosheit – aber diese Art kleine Flamme, die so rein ist, ist nicht mehr da. Und du kannst sicher sein, es ist der mentale Geist, der da hereingekommen ist, und das Seelische ist sehr weit in den Hintergrund getreten.
Selbst ein Kind, dessen Gehirn nicht hinreichend entwickelt ist, um zu verstehen, – wenn du ihm einfach eine Schwingung des Schutzes oder der Zuneigung oder Zuwendung oder des Trostes übermittelst, wirst du sehen, dass es positiv reagiert. Aber wenn du z.B. einen Jungen von vierzehn nimmst, der zur Schule geht, der gewöhnliche Eltern hat und schlecht behandelt wurde, so steht sein mentaler Geist sehr im Vordergrund; es ist etwas Hartes in ihm, das seelische Wesen hat sich zurückgezogen. Solche Jungen reagieren nicht auf die Schwingung. Man könnte sagen, sie bestehen aus Holz oder Gips.
Worte der Mutter
Es ist recht deutlich, dass alles Böse – zumindest was wir Böses nennen – alle Falschheit, alles, was der Wahrheit entgegensteht, alles Leiden, aller Widerstand das Resultat einer Störung des Gleichgewichts ist. Ich glaube, dass jemand, der die höhere Schau hat, sogleich sieht, dass es sich so verhält. Nun kann die Welt sich nicht auf einer Störung des Gleichgewichts gründen, denn wenn es so wäre, wäre sie lange schon verschwunden. Man fühlt, dass am Ursprung des Universums ein höchstes Gleichgewicht gewesen sein muss, und vielleicht, wie wir neulich sagten, ein progressives Gleichgewicht, ein Gleichgewicht, das das genaue Gegenteil von all dem ist, was man uns lehrte und was wir von Gewohnheit her ‚Böse‘ nennen. Es gibt kein absolut Böses, aber ein Übel, eine mehr oder minder teilweise Störung des Gleichgewichts.
Man kann einem Kind dieses Wissen sehr einfach übermitteln; man kann mit Hilfe materieller Dinge zeigen, dass ein Objekt hinfällt, wenn es sich nicht im Gleichgewicht befindet, dass nur Dinge im Gleichgewicht ihre Stellung behalten und andauern können.