Kapitel 11

Der Meister der Werke

Der Meister und Bewirker unserer Werke ist der Eine, der Universale und Höchste, der Ewige und Unendliche. Er ist das transzendente unbekannte oder unerkennbare Absolute, das unausgedrückte und unmanifestierte Unausdrückbare über uns. Er ist aber auch das Selbst aller Wesen, der Meister aller Welten, der alle Welten transzendiert, das Licht und der Lenker, der All-Schöne und All-Selige, der Geliebte und der Liebende. Er ist der Kosmische Geist und allschöpferische Energie rings um uns. Er ist der uns Immanente. All das ist er, und er ist Jenes, das mehr ist als alles, was ist. Obwohl wir das nicht erkennen, sind wir doch ein Sein aus seinem Sein, eine Kraft aus seiner Kraft. Wir sind bewusst mit einem Bewusstsein eins, das aus dem seinigen kommt. Selbst unser sterbliches Dasein ist aus seiner Substanz geschaffen, und in unserem Inneren wohnt ein Unsterbliches, das ein Funke ist aus seinem Licht und seiner Seligkeit, die nie vergehen. Das Ziel jedes Yoga ist (ob auf dem Weg des Wissens, des Wirkens, der Liebe oder auf anderen Wegen erreicht), dieser Wahrheit unseres Wesens inne zu werden, sie zu realisieren und hier oder anderswo wirksam zu machen.

Doch der Durchgang dorthin ist lang und das Mühen darum beschwerlich, bis wir ihn mit Augen schauen können, die wahrhaft sehen. Noch länger und schwieriger muss unser Ringen sein, wenn wir uns selbst in sein wahres Ebenbild umgestalten wollen. Der Meister des Werks offenbart sich dem Suchenden nicht sofort. Immer wirkt zwar seine Macht hinter dem Vorhang. Sie wird uns aber nur dann offenbar, wenn wir der egoistischen Auffassung absagen, als ob wir selbst die Wirkenden seien. Seine direkte Macht wird entsprechend stärker wirksam, je konkreter die Ausschaltung unseres Ich wird. Erst wenn unsere Unterwerfung unter seine Göttliche Shakti absolut geworden ist, werden wir das Recht haben, in seiner absoluten Gegenwart zu leben. Nur dann können wir sehen, wie sich unser Wirken natürlich, vollständig und einfach in die Prägeform des Göttlichen Willens ergießt.

Darum muss es bei unserem Aufstieg hin zu dieser Vollkommenheit Stufen und Grade geben, wie sie auch beim Fortschritt zu jeder anderen Vollkommenheit auf jeder Ebene der Natur vorhanden sind. Die Schau der vollen Herrlichkeit mag uns schon vorher zuteil werden, plötzlich oder allmählich, ein einziges Mal oder oft. Bevor wir aber die Grundlage vollständig gelegt haben, ist diese Erfahrung nur eine summarische und konzentrierte, keine andauernde und alles umhüllende: sie ist noch keine bleibende Gegenwart. Die reiche Fülle und die unendlichen Inhalte der Göttlichen Offenbarung kommen erst danach und entfalten Ihre Macht und ihre Bedeutung in Stufen. Es mag auf den Gipfelhöhen unserer Natur schon zu einer stetigen Schau gekommen sein. Die vollkommene Einstimmung unserer niederen Wesensseiten tritt aber nur in Graden ein. Jeder Yoga erfordert als erstes Glauben und Geduld. Die brennende Glut des Herzens und die gewaltsamen Bemühungen des übereifrigen Willens, mit denen der Suchende das Himmelreich im Sturm erobern will, können zu schlimmen Reaktionen führen, wenn sie es verschmähen, sich ihr heftiges Vorgehen von diesen bescheideneren und ruhigeren Hilfskräften unterstützen zu lassen. Bei dem langen schwierigen Weg des Integralen Yoga müssen ein integraler Glaube und eine unerschütterliche Geduld mitwirken.

Es ist schwer, diesen Glauben und diese Beharrlichkeit auf dem rauen, engen Weg des Yoga zu erwerben oder zu praktizieren, weil unser Herz und unser Mental ungeduldig sind und weil der Wille unserer rajasischen Natur zwar eifrig aber nicht ausdauernd ist. Die vitale Natur des Menschen hungert immer nach der Frucht ihrer Arbeit. Sie verliert den Glauben an das Ideal und an die Führung, wenn ihr die Frucht scheinbar versagt oder lange vorenthalten wird. Das Mental des Menschen urteilt stets nach der äußeren Erscheinung der Dinge, da das die erste, tief eingewurzelte Gewohnheit der intellektuellen Vernunft ist, auf die der Mensch ein so übermäßiges Vertrauen setzt. Nichts ist für uns leichter, als Gott in unserem Herzen anzuklagen, wenn wir lange leiden oder im Finstern straucheln. Dann schwören wir dem Ideal ab, das wir uns vor Augen gestellt hatten. Dann sagen wir vielleicht: „Ich hatte mein Vertrauen auf den Höchsten gesetzt; er hat mich aber im Stich gelassen, und ich bin in Leiden, Sünde und Irrtum gefallen.“ Oder auch: „Ich hatte mein ganzes Leben an eine einzige Idee gewagt! Nun widersprechen ihr die harten Tatsachen der Erfahrung und widerlegen sie. Es wäre besser gewesen, ich hätte, wie die anderen Menschen, die Begrenzungen akzeptiert und wäre, wie sie, auf dem sicheren Boden der normalen Erfahrung weitergegangen.“ In solchen Augenblicken – die manchmal häufig sind und lange dauern – vergessen wir alle unsere höheren Erfahrungen, und unser Herz verschließt sich in seine eigene Verbitterung. Bei diesen dunklen Wegstrecken ist es möglich, dass wir für immer fallen oder dass wir uns von der göttlichen Arbeit abkehren.

Wenn man lange und beharrlich auf diesem Pfad gegangen ist, wird der Glaube des Herzens auch unter dem heftigsten Gegendruck stark bleiben. Selbst wenn er verborgen oder scheinbar ganz unterdrückt ist, wird er doch bei der ersten Gelegenheit wieder hervortreten. Eine höhere Macht als unser Herz oder unser Intellekt hält ihn aufrecht, auch wenn wir noch so große Fehltritte begehen und immer wieder versagen. Selbst der erfahrene Sadhaka erlebt solche Schwankungen oder Trübungen, die sein Vorwärtsgehen verzögern; für den Neuling sind sie äußerst gefährlich. Darum ist es nötig, dass wir von Anfang an verstehen und akzeptieren, dass dieser Pfad hart und schwierig ist, damit wir fühlen, wie notwendig ein Glaube ist, der zwar dem Intellekt blind zu sein scheint, der aber weiser ist als unsere vernünftelnde Intelligenz. Dieser Glaube ist eine Hilfe von oben. Er ist der strahlende Abglanz von einem verborgenen Licht, das den Intellekt und seine Gegebenheiten übertrifft. Er ist das Herz eines geheimen Wissens, das nicht von der Gnade der unmittelbaren Erscheinung lebt. Wenn unser Glaube ausharrt, wird er in seinen Werken gerechtfertigt und schließlich in die Selbst-Offenbarung eines göttlichen Wissens emporgehoben und von diesem umgestaltet. Wir sollen immer dem ausdrücklichen Gebot der Gita gehorchen: „Den Yoga muss man ständig praktizieren mit einem Herzen, frei von Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit.“ Dem zweifelnden Intellekt sollen wir immer wieder das Versprechen des Meisters vorhalten: „Ich will dich gewiss von aller Sünde und von allem Bösen befreien, sei unbesorgt.“ Am Ende wird alles Flackern des Glaubens aufhören. Dann werden wir Gottes Antlitz schauen und stets die Göttliche Gegenwart fühlen.

Der Meister unserer Werke respektiert unsere Natur, gerade wenn er sie umwandelt. Er wirkt stets durch die Natur und nicht durch eine willkürliche Laune. Diese unsere unvollkommene Natur enthält die Materialien für unsere Vollkommenheit, wenn sie sich auch noch unfertig, entstellt, am falschen Ort, in Unordnung zusammengewürfelt oder in unvollkommener Ordnung befinden. Dieses ganze Material soll geduldig vervollkommnet, geläutert, reorganisiert, neu geformt und umgestaltet werden. Wir sollen es nicht in Stücke zerhacken, von uns abhauen, vernichten oder verstümmeln. Wir sollen es nicht einfach durch Zwang oder Verleugnung ausmerzen. Diese Welt ist zusammen mit uns, die wir in ihr leben, Gottes Schöpfung und Manifestation. Er geht mit ihr und uns in einer Weise um, die unser enges und unwissendes Mental erst dann verstehen kann, wenn es in das Schweigen versinkt und sich für ein göttliches Wissen öffnet. In unseren Irrtümern liegt der Stoff einer Wahrheit verborgen, die danach ringt, unserer tastenden Intelligenz ihre Bedeutung zu offenbaren. Der menschliche Intellekt schneidet den Irrtum zugleich mit der Wahrheit aus. Dann ersetzt er beides durch eine neue Konstruktion aus halber Wahrheit und halbem Irrtum. Die Göttliche Weisheit duldet aber, dass unsere Irrtümer so lange fortdauern, bis wir zu jener Wahrheit gelangen können, die unter jeder sie verfälschenden Verhüllung verborgen und dadurch geschützt ist. Unsere Sünden sind die falsch gelenkten Schritte einer Macht, die sucht. Sie strebt jedoch nicht nach Sünde, sondern nach Vollkommenheit, nach etwas, das wir göttliche Tugend nennen könnten. Oft sind die falschen Dinge die Verhüllungen einer Eigenschaft, die so umgewandelt werden muss, dass sie aus dieser hässlichen Maske befreit wird. Sonst hätten sie in der vollkommenen Vorsehung der Dinge nicht existieren oder fortdauern dürfen. Der Meister unserer Werke ist weder ein Pfuscher noch ein nur gleichgültig Beobachtender; er treibt mit dem Luxus unnötiger Übel kein leichtfertiges Spiel. Er ist klüger als unsere Vernunft und weiser als unsere Tugend.

Unsere Natur irrt sich nicht nur in ihrem Wollen und ist in Ihrer Erkenntnis unwissend; sie ist auch an Macht schwach. Doch die Göttliche Kraft ist da und will uns, wenn wir auf sie vertrauen, lenken. Sie wird unsere Unzulänglichkeiten ebenso wie unsere Fähigkeiten für ihre göttliche Absicht verwenden. Der Erfolg bei unseren unmittelbaren Absichten bleibt deshalb aus, weil Gott dieses Versagen beabsichtigt hat. Oft ist unser Fehlschlag oder Misserfolg der rechte Weg zu einer eher wahren Verwirklichung, als sie uns durch einen unmittelbaren völligen Erfolg erreichbar gewesen wäre. Wenn wir leiden, soll dadurch etwas in uns für die seltenere Möglichkeit einer tieferen Freude zubereitet werden. Wenn wir straucheln, sollen wir am Ende das Geheimnis eines vollkommeneren Gehens lernen. Selbst den Frieden, die Reinheit und Vollkommenheit sollen wir nicht in wilder Eile erjagen wollen. Den Frieden müssen wir wohl erlangen. Das darf aber nicht der Friede einer leeren, verödeten Natur oder der vernichteten, verkrüppelten Befähigungen sein, die nur deshalb zur Unruhe unfähig sind, weil wir sie so lähmten, dass sie keine Intensität; kein Feuer und keine Kraft mehr erleben können. Die Reinheit muss unser Ziel sein. Es darf jedoch nicht zur Reinheit einer des Lebens entleerten, öden, starren Kälte kommen. Vollkommenheit wird von uns gefordert. Das wäre aber keine Vollkommenheit, die ihren Horizont in engen Grenzen hält oder die willkürlich unter die sich stets erweiternde Liste des Unendlichen einen Schlusspunkt setzt. Unser Ziel ist, uns in die göttliche Natur umzuwandeln. Diese Natur des Göttlichen ist aber kein mentaler oder moralischer, sondern ein spiritueller Zustand, den wir nur schwer erlangen können, ja den wir uns mit unserer Intelligenz nur schwer vorzustellen vermögen. Der Meister unseres Werks und unseres Yoga weiß, was getan werden muss. Wir sollen ihm erlauben, dieses durch seine eigenen Mittel und auf seine eigene Weise zu vollbringen.

Alle Vorgänge in der Unwissenheit sind in ihrem Kern und Wesen vom Ego bestimmt. Nichts wird uns schwerer, als von diesem Egoismus frei zu werden, solange wir die Personalität noch zulassen und an einem Handeln im Halbdunkel und mit halber Kraft unserer unfertigen Natur hängen. Es ist leichter, das Ego dadurch auszuhungern, dass wir den Impuls zum Handeln ausschalten, oder das Ich dadurch zu vernichten, dass wir alle Regungen unserer Personalität ausmerzen. Es ist leichter, dieses Ego emporzusteigern in ein selbstvergessenes Versunkensein im Trancezustand des Friedens oder in eine Verzückung göttlicher Liebe. Unser sehr viel schwierigeres Problem liegt darin, wie wir die wahre Person befreien und wie wir ein göttliches Menschsein erlangen, das reines Gefäß für die göttliche Kraft und vollkommenes Werkzeug für göttliches Wirken sein wird. Da muss man Schritt für Schritt festen Boden erringen. Wir müssen eine Schwierigkeit nach der anderen gründlich erleben und völlig bemeistern. Das kann aber nur die Göttliche Weisheit und Macht für uns leisten. Sie wird gewiss alles für uns tun, wenn wir uns ihr in rückhaltlosem Glauben überantworten, uns in ihr Wirken fügen und Gott mit der Beharrlichkeit des Mutes und der Geduld zustimmen.

Der erste Schritt auf diesem langen Weg besteht darin, dass wir alle unsere Tätigkeiten dem Göttlichen in uns und in der Welt als ein Opfer darbringen. Das ist eine Haltung des Mentals und des Herzens, die wir zwar am Anfang ohne große Schwierigkeit einnehmen, die wir aber nur sehr schwer mit einer absoluten und alles durchdringenden Aufrichtigkeit durchhalten. Der zweite Schritt besteht darin, dass wir allen Hang zu der Frucht unseres Wirkens aufgeben. Die einzig wahre, unerlässliche und äußerst erstrebenswerte Frucht des Opfers, – das eine, was Not tut, – ist die Göttliche Gegenwart, des Göttlichen Bewusstseins und seiner Macht in unserem Inneren. Wenn wir das erlangt haben, wird uns auch alles andere zuteil werden. Das ist eine Transformation des egoistischen Willens in unserem vitalen Wesen, unserer Wunsch-Seele und Wunsch-Natur, und das ist weit schwieriger als das andere. Der dritte Schritt ist, dass wir die zentrale Ichhaftigkeit und auch jenes Ich-Empfinden verlieren, wir selbst seien die Wirkenden. Das ist die allerschwerste Transformation. Ohne dass die beiden ersten Schritte geleistet sind, können wir das nicht in vollkommener Weise tun. Jene ersten beiden Schritte können nicht vollendet werden, wenn nicht der dritte dazukommt, um die Bewegung zu krönen und durch das Auslöschen des Egoismus auch den eigentlichen Ursprung des Begehrens auszumerzen. Wenn dieser niedere Ego-Sinn aus seiner Natur ausgerottet ist, kann der Suchende erst seine eigene wahre Person erkennen, die, als Teil und Macht des Göttlichen, immer über ihm steht. Dann kann er jede andere Kraft zur Motivierung seines Handelns aufgeben, weil nur noch der Wille der Göttlichen Shakti in ihm wirkt.

Dieser letzte integralisierende Gang zur Vollkommenheit geschieht in Stufen. Wir können das nicht auf einmal und ohne lange Vorbereitungswege leisten, die uns ihr fortschreitend näherbringen und sie zuletzt möglich machen. Die erste Haltung, die wir einnehmen müssen, ist die, dass wir aufhören, uns selbst als die Wirkenden zu betrachten. Wir sollen uns klar und deutlich nur als eines der Werkzeuge der kosmischen Kraft verstehen. Am Anfang erfahren wir diese nicht als die einzige Kraft, es sind viele kosmische Kräfte, die uns anzutreiben scheinen. Doch wir können auch diese dazu verwenden, unser Ego zu nähren, und das befreit unser Mental, nicht den Rest unserer Natur. Selbst wenn wir dessen bewusst werden, dass alles das Wirken einer einzigen kosmischen Kraft und des hinter ihr stehenden Göttlichen ist, braucht uns das noch nicht zu befreien. Wenn das Ego-Bewusstsein, wir selbst seien die Wirkenden, schwindet, kann immer noch das Ego-Gefühl, Instrument zu sein, jenes ersetzen oder unter dieser Maske fortbestehen lassen. Das Leben der Welt ist voller Beispiele eines Egoismus dieser Art. Sie kann anmaßender und ungeheuerlicher sein als irgendeine andere. Dieselbe Gefahr besteht im Yoga. Da wird ein Mensch zum Führer der anderen oder ragt in mehr oder minder hohem Grad über sie hinaus. Dabei fühlt er sich von einer Macht erfüllt, von der er weiß, dass sie größer ist als seine eigene Ego-Kraft. Vielleicht nimmt er ein Schicksal wahr, das durch ihn handelt, einen geheimnisvollen unergründlichen Willen oder ein Licht von großer Strahlungskraft in seinem Inneren. Seine Gedanken, Handlungen oder sein schöpferisches Genie zeitigten außerordentliche Ergebnisse. Er bewirkt eine schreckliche Zerstörung, die einen neuen Weg für die Menschheit freimacht, oder einen großen Aufbau, in dem sie eine Weile in ihrer Entwicklung ausruhen kann. Entweder ist er eine Geißel der Menschheit oder ein Bringer von Licht und Hell, ein Schöpfer von Schönheit oder ein Bote der Erkenntnis. Auch wenn sein Werk und dessen Erfolge sich in kleinerem Maßstab auswirken und nur einen begrenzten Bereich umfassen, geht mit dem allem das starke Empfinden einher, dass er ein Werkzeug ist, ein für seine Mission und für sein Wirken Erwählter. Die Menschen, die dieses Schicksal und diese Kräfte haben, gewinnen leicht die Überzeugung, sie seien bloß Instrumente in der Hand Gottes oder des Schicksals, und sie erklären sich öffentlich als solche. Doch gerade in solcher Erklärung erkennen wir einen intensiveren, übertriebenen Egoismus, als ihn die gewöhnlichen Menschen durchzusetzen den Mut haben oder die Kraft besitzen, ihn in ihrem Inneren zu beherbergen. Wenn Menschen dieser Art von Gott sprechen, wollen sie eigentlich ein Bild von ihm aufrichten, das in Wirklichkeit nur eine riesige Projektion ihrer selbst oder ihrer eigenen Natur ist. Dabei trägt und nährt sie eine Vergöttlichte Wesenheit nach dem Typus ihres eigenen Wollens und Denkens, eigener Wesensart und Kraft. Diesem vergrößerten Ebenbild ihres Egos dienen sie als ihrem Meister. Allzu oft geschieht das auch im Yoga bei Menschen von einer starken, jedoch groben vitalen Natur oder von einer mentalen Art, die sich zu leicht übersteigert, wenn sie Ehrgeiz, Stolz oder das Begehren nach Größe in ihr spirituelles Suchen eindringen und die Reinheit ihres Motivs verderben lassen. Dann steht ein maßlos gewordenes Ego zwischen ihnen und ihrem wahren Wesen. Es giert für seine eigenen persönlichen Zwecke nach der Kraft aus einer höheren unsichtbaren Macht – göttlicher oder ungöttlicher Art –, die durch sie handelt und deren sie vage oder intensiv bewusst werden. Eine nur intellektuelle Erkenntnis oder das vitale Empfinden einer Kraft, die größer ist als die unsrige, und das Bewusstsein, dass wir durch sie getrieben werden, reicht also nicht aus, uns vom Ego zu befreien.

Diese Wahrnehmung, dieses Empfinden einer größeren Macht in oder über uns, die uns bewegt, ist keine Halluzination und kein Größenwahn. Menschen, die so fühlen und sehen, besitzen eine umfassendere Schau als gewöhnliche Menschen. Sie sind einen Schritt über die begrenzte physische Intelligenz hinausgegangen. Sie haben aber nicht das Schauen in seiner ganzen Fülle oder die direkte Erfahrung. Weil sie in ihrem Mental nicht klar und in der Seele nicht voll bewusst sind und weil ihr Erwachen mehr in ihren vitalen Bereichen als bis hinein in die spirituelle Substanz ihres Selbstes erfolgte, können sie nicht die bewussten Instrumente des Göttlichen werden oder den Meister von Angesicht zu Angesicht schauen. Vielmehr werden sie von Ihrer eigenen fehlbaren und unvollkommenen Natur gebraucht. Das Höchste, das sie vom Göttlichen schauen können, ist ein Schicksal oder eine kosmische Kraft. Sie geben den Namen Gottes einer Gottheit begrenzten Ranges oder, was schlimmer ist, einer titanischen oder dämonischen Macht, die Gott verhüllt. Selbst manche Gründer von Religionen haben das Gottesbild einer Sekte, einen nationalen Gott, eine Macht des Schreckens oder der Strafe oder das geheimnisvolle Gottwesen einer Liebe, Barmherzigkeit und Tugend von der Art des Sattwa errichtet. Sie alle scheinen den Einen und Ewigen nicht geschaut zu haben. Das Göttliche akzeptiert das Bild, das sie sich von ihm machen, und tut sein Werk in ihnen durch dieses Medium. Da aber jene eine Kraft in ihrer unvollkommenen Natur nur intensiver empfunden wird und wirkt, als in anderen Religionen, kann auch das sie bewegende Prinzip des Egoismus in ihnen intensiver sein als in anderen. Sie befinden sich noch in der Macht eines übertriebenen Egos von der Art des Rajas oder des Sattwa. Dieses steht zwischen ihnen und der integralen Wahrheit. Auch das hat seinen Sinn. Es ist ein Anfang, wenn auch von der wahren, vollkommenen Erfahrung noch weit entfernt. Viel Schlimmeres muss über jene Menschen kommen, die zwar die menschlichen Schranken irgendwie durchbrechen können, aber weder Reinheit noch Wissen besitzen. Sie können leicht zu Instrumenten einer anderen Macht als der des Göttlichen werden. Allzu oft dienen sie dann, wenn sie seinen Namen verwenden, unbewusst seinen Masken, den schwarzen Gegenkräften, den Mächten der Finsternis.

Unsere Natur muss eine Behausung der kosmischen Kraft sein, jedoch nicht in ihrem niederen Aspekt oder in ihren Bewegungen von der Art des Rajas oder des Sattwa. Vielmehr soll sie dem universalen Willen allein im Lichte eines höheren, befreienden Wissens dienen. In der Haltung des Werkzeugs darf es keinen Egoismus irgendeiner Art geben, gerade dann nicht, wenn wir uns der Größe der in uns wirkenden Kraft völlig bewusst sind. Jeder Mensch ist bewusst oder unbewusst das Instrument einer universalen Macht. Aber abgesehen von der Gegenwart im Inneren gibt es keine so wesentliche Unterscheidung zwischen der einen und einer anderen Aktion, zwischen der einen Art von Instrumentation und einer anderen, dass sie einen Schutz garantieren könnte gegen die Torheit eines egoistischen Hochmuts. Das Unterscheidungsvermögen zwischen Wissen und Unwissenheit ist eine Gnade des Geistes. Der Atem der göttlichen Macht weht, wo er will. Er erfüllt heute den einen und morgen den anderen mit dem Wort oder der Vollmacht. Wenn der Töpfer das eine Gefäß vollkommener formt als das andere, liegt das Verdienst dafür nicht beim Topf sondern beim Schöpfer. Darum darf es keine solche mentale Haltung in uns geben: „Das ist meine eigene Stärke,“ oder „Schau, wie Gottes Macht in mir wirkt!“ Vielmehr muss unsere Haltung so sein: „Eine Göttliche Macht wirkt in diesem Mental und Körper, und sie ist dieselbe, die am Werk ist in allen Menschen, im Tier, in der Pflanze und im Metall, in bewussten, lebendigen Wesen und Geschöpfen ebenso wie in denen, die unbewusst und unbelebt zu sein scheinen.“ Wenn diese weite Auffassung von dem Einen, das in allen wirkt, und von der ganzen Welt als des gleichen Werkzeugs für göttliches Wirken und für stufenweise Offenbarung seines Selbst von uns zutiefst erfahren wird, hilft das, allen Egoismus der Rajas-Art aus uns auszumerzen. Selbst das Ich-Empfinden der Sattwa-Art wird Immer mehr aus unserer Natur schwinden.

Die Ausmerzung dieser Form des Egos führt uns direkt hin zum wahren instrumentalen Wirken, das das Wesen des vollkommenen Karma-Yoga ist. Wenn wir unser Ego als unser Werkzeug hervorheben, mögen wir uns wohl vormachen, wir seien die bewussten Instrumente des Göttlichen. In Wirklichkeit versuchen wir dabei, aus der Göttlichen Shakti ein Werkzeug für unser eigenes Begehren und für unseren egoistischen Zweck zu machen. Selbst wenn das Ego unterworfen, doch nicht ausgemerzt ist, können wir wohl Maschinen des Göttlichen Werkes sein. Wir werden jedoch unvollkommene Werkzeuge sein und das Werk durch unsere mentalen Irrtümer, unsere vitale Entstellung, die hartnäckige Unfähigkeit unserer physischen Natur verfälschen oder behindern. Wenn dieses Ego verschwindet, können wir in Wahrheit nicht nur zu reinen Instrumenten werden, die bewusst jedem Griff der göttlichen Hand, die uns bewegt, zustimmen, sondern wir werden auch unserer wahren Natur inne und zu bewussten Wesensteilen des einen Ewigen und Unendlichen, von der höchsten Shakti für ihre Werke ausgewählt.

Nach der Unterwerfung unseres instrumentalen Ich unter die Göttliche Shakti müssen wir einen noch größeren Schritt tun. Es genügt nicht, dass wir sie als die einzige Kosmische Kraft erkennen, die uns und alle Geschöpfe auf den Ebenen des Mentals, des Lebens und der Materie in Bewegung hält. Das ist die niedere Natur, und es verbleibt eine Unvollkommenheit in den dynamischen Teilen, auch wenn dort das Wissen, das Licht und die Macht des Göttlichen in dieser Unwissenheit verborgen da sind und wirken, auch wenn sie zum Teil deren Hülle durchbrechen und etwas von Ihrem wahren Charakter offenbaren, auch wenn sie von oben herniederkommen und die niederen Wirkensweisen emporheben, ja selbst wenn wir der Eine in einem spiritualisierten Mental, in einer spiritualisierten Lebensbewegung und in einem spiritualisierten Körperbewusstsein verwirklichen. Es kommt nur zu einer stotternden Antwort an die Höchste Macht. Eine Hülle liegt über dem Antlitz des Göttlichen, eine ständige Vermischung mit der Unwissenheit. Erst wenn wir uns für die Göttliche Shakti in der ganzen Wahrheit ihrer Kraft auftun, die über diese niedere Prakriti hinausgeht, können wir vollkommene Werkzeuge ihrer Macht und ihres Wissens werden.

Ziel des Karma-Yoga soll nicht nur Befreiung, vielmehr Vollkommenheit sein. Das Göttliche wirkt durch unsere Natur und im Einklang mit unserer Natur. Wenn unsere Natur unvollkommen ist, wird das Werk auch unvollkommen, vermischt und unzulänglich sein. Es mag sogar durch grobe Irrtümer und Verfälschungen, durch moralische Schwäche und ablenkende Einflüsse stark beeinträchtigt werden. Auch dann wird das Werk des Göttlichen in uns getan. Das geschieht jedoch dann unserer Schwäche entsprechend und nicht im Einklang mit der Stärke und Reinheit seines Ursprungs. Wenn wir nicht einen Integralen Yoga erstreben würden, wenn wir statt dessen nur die Befreiung des Selbst in uns oder das bewegungslose Sein des Purushasuchen würden, der von der Prakritigetrennt ist, könnte diese dynamische Unvollkommenheit bedeutungslos sein. Wir könnten uns in das Schweigen des Geistes zurückziehen und rein und unberührt nur das Wirken der Prakriti beobachten. Dann würden wir still und unverwirrt, nicht deprimiert und nicht entzückt, die Vollkommenheit so wenig als uns zugehörig akzeptieren wie die Unvollkommenheit, das Versagen so wenig wie das Verdienst, die Sünde so wenig wie die Tugend. Wir würden dabei wahrnehmen, dass es die Qualitäten der Natur sind, die sich auf dem Gebiet ihrer Gunas auswirken und diese Vermischung hervorrufen. In der integralen Verwirklichung kann das nur ein Schritt auf dem Wege sein. Das ist nicht der Ort unseres dauernden Verbleibens. Wir erstreben die göttliche Verwirklichung nicht nur in der Reglosigkeit des Geistes, sondern auch in der Bewegung der Natur. Das kann erst geschehen, wenn wir die Gegenwart und die Macht des Göttlichen bei jedem Schritt und in jeder Regung, bei jeder Form unserer Aktivität, bei jeder Wendung unseres Willens, bei allem Denken, Fühlen und Impuls empfinden. Zweifellos können wir sie in gewissem Sinn selbst in der Natur der Unwissenheit fühlen. Dort ist aber die göttliche Macht und Gegenwart vermummt, herabgemindert und in niedrigerer Gestalt. Wir verlangen nach etwas Größerem: unsere Natur soll eine Macht des Göttlichen in der Wahrheit dieses Göttlichen und in dem Licht und der Kraft des ewigen, seines Selbst bewussten Willens und in der Weite des ewigdauernden Wissens sein.

Sobald die Verschleierung durch das Ego beseitigt ist, müssen auch die Hülle der Natur und deren niedere Wirkensweisen entfernt werden, die unser Mental, unser Leben und unseren Körper beherrschen. Sobald die Begrenzungen des Egos zu schwinden beginnen, erkennen wir, woraus die Hülle besteht. Wir entdecken das Wirken der kosmischen Natur in uns. Innerhalb oder hinter der kosmischen Natur empfinden wir die Gegenwart des kosmischen Selbstes und die Kraftentfaltungen des die Welt durchdringenden Ishwara. Der Meister des Instruments steht hinter diesem ganzen Wirken. Selbst innerhalb dieses Wirkens wird seine Hand und der Antrieb durch einen großen lenkenden und bestimmenden Einfluss fühlbar. Wir dienen nun nicht mehr dem Ego oder der Egokraft. Wir gehorchen dem Meister der Welt und seinem evolutiven Impuls. Bei jedem Schritt sagen wir in der Sprache des Sanskritverses: „So wie es mir von Dir verordnet ist, der Du in meinem Herzen Deinen Sitz hast, so, O Herr, handle ich.“ Dieses Handeln kann von zweifacher, sehr verschiedener Art sein: die eine ist nur erleuchtet, die andere ist transformiert und in eine höhere Übernatur emporgehoben. Wir können bei der Methode des Wirkens verbleiben, die durch unsere Natur aufrechterhalten und von ihr befolgt wird, wenn wir durch sie und durch ihre Illusion der Ichhaftigkeit so „umhergetrieben werden, als seien wir auf eine Maschine montiert“ (Gita). Jetzt geschieht das mit vollem Verständnis für die Maschine, wie sie vom Meister der Werke, den wir dahinter fühlen, für seine Absichten mit der Welt gebraucht wird. So weit sind schon manche großen Yogins auf den Ebenen des spiritualisierten Mentals gelangt. Die Bewegung braucht nicht bei dieser Stufe Halt zu machen. Es gibt eine größere supramentale Möglichkeit. Wir können über das spiritualisierte Mental hinauskommen und spontan in der lebendigen Gegenwart der ursprünglichen göttlichen Wahrheitskraft der Höchsten Mutter handeln. Wenn alle unsere Antriebskräfte geeint sind mit ihrer Bewegung und untergegangen sind in ihr, wenn unser Wille eins ist mit ihrem Willen und unsere Energie in die ihrige freigesetzt ist, werden wir ihr Wirken durch uns empfinden als das des Göttlichen, das sich in einer höchsten Weisheitsmacht offenbart. Wir werden dessen inne, dass das Mental, das Leben und der Körper nach ihrer Transformation nur Kanäle eines höchsten Lichtes und einer höchsten Kraft sind, die jenseits von ihnen ist und die unfehlbar in ihren Abläufen wirkt, da sie transzendent und in ihrem Wissen total ist. Wir sollen aber nicht nur die Empfänger, Kanäle und Instrumente dieses Lichtes und dieser Kraft sein, sondern zu einem Teil dieser Weisheitsmacht in unserer eigenen, hoch erhobenen und bleibenden Erfahrung werden.

Wir können jedoch schon, bevor wir diese letzte Vollendung erreichen, Einheit mit dem Göttlichen im Wirken in seiner extremen Ausweitung, wenn auch noch nicht auf seinen lichtvollsten Höhen, erfahren. Wir beobachten dann nicht länger nur die Natur oder die Qualitäten der Natur. Vielmehr gewahren wir in unseren physischen Bewegungen, in unseren nervlichen und vitalen Reaktionen und im mentalen Wirken eine Kraft, die größer ist als Körper, Mental und Leben. Diese nimmt unsere begrenzten Instrumente in ihren Besitz und setzt alle ihre Bewegungen in Gang. Wir haben dann nicht mehr das Empfinden, als ob wir selbst uns bewegen, denken oder fühlen, sondern dass Jenes sich in uns bewegt, in uns denkt und fühlt. Diese Kraft, die wir fühlen, ist die universale Kraft des Göttlichen. Sie ist die eine Energie, die existiert und allein das universale und individuelle Wirken ermöglicht, einerlei, ob sie dabei verhüllt oder enthüllt ist, direkt handelt oder die Verwendung ihrer Macht durch Wesen im Kosmos gestattet. Diese Kraft ist das Göttliche selbst im Körper seiner Macht. Alles ist jene Macht des Wirkens, die Macht des Denkens und Wissens, die Macht der Meisterschaft und des Genießens, die Macht der Liebe. Wenn wir immer und in allem, in uns selbst und in den anderen, des Meisters der Werke bewusst geworden sind, wie er sie durch die Kraft, die er selbst ist, besitzt, bewohnt und sich ihrer erfreut und wie er selbst durch sie zu allen Wesenheiten und Geschehnissen wird, sind wir auf göttliche Weise mit ihm durch die Werke einsgeworden. Durch diese Erfüllung im Wirken werden wir auch all jenes erlangt haben, was die anderen durch die absolute Hingabe in der Liebe oder durch das reine Wissen gewannen. Es steht uns aber noch ein anderer Schritt bevor, zu dem wir berufen sind: ein Aufstieg aus dieser kosmischen Identität in die Identität mit der Göttlichen Transzendenz.

Der Meister unserer Werke und unseres Wesens ist nicht nur eine Gottheit, die hier in unserem Inneren wirkt. Er ist auch nicht nur der kosmische Geist oder sonst eine Art universaler Macht. Die Welt und das Göttliche sind nicht ein und dasselbe, wie das uns eine gewisse Art pantheistischen Denkens glauben machen möchte. Die Welt ist eine Ausstrahlung (Emanation). Sie hängt von etwas ab, das sich in ihr manifestiert, das aber nicht durch sie begrenzt wird. Das Göttliche ist nicht allein nur hier. Es gibt auch ein Jenseits, eine ewige Transzendenz. Auch das individuelle Wesen ist nach seiner spirituellen Seite nicht nur eine Gestaltung in der kosmischen Existenz. Unser Ich, unser Mental, Leben und Körper sind zwar dieses auch. Aber der unwandelbare Geist und die unvergängliche Seele in uns sind aus der Transzendenz hervorgegangen.

Der Ursprung unseres Wesens, unserer Werke und ihr Meister ist ein Transzendentes Wesen. Es steht jenseits aller Welt und Natur, hält sie jedoch in Besitz. Es ist mit einem Wesensteil von sich aus in die Welt herniedergekommen und gestaltet sie in das, was sie jetzt noch nicht ist. Der Sitz dieses Transzendenten Bewusstseins ist oben, in der Absolutheit des göttlichen Daseins und dort ist auch die absolute Macht, Wahrheit und Seligkeit des Ewigen. Von diesem Transzendenten kann sich unsere Mentalität keinen Begriff bilden. Selbst unsere höchste spirituelle Erfahrung ist nur ein geringer Widerschein davon im spiritualisierten Mental und Herzen, ein blasser Schatten, eine schwache Verdünnung. Doch geht von diesem Transzendenten etwas aus wie eine goldene Korona aus Licht, Macht, Seligkeit und Wahrheit: ein göttliches Wahrheitsbewusstsein – wie es die alten Mystiker nannten –, ein Supramental, eine Gnosis. Mit ihr steht die Welt des niederen Bewusstseins bei ihrem Durchgang durch die Unwissenheit in geheimer Beziehung. Denn jenes Supramental allein erhält sie Im Dasein und hindert sie, sich wieder aufzulösen und in ein Chaos zu zerfallen. Die Mächte jedoch, die wir jetzt mit Gnosis, Intuition und Erleuchtung zu bezeichnen pflegen, sind nur die abgeschwächten Lichter jenes höchsten flammenden Ursprungs. Zwischen der höchsten menschlichen Intelligenz und jenem Transzendenten liegen viele Ebenen eines emporsteigenden Bewusstseins, die höchsten mentalen und die übermentalen, die wir erst erobern müssen, bevor wir dorthin gelangen oder ihre Größe und Herrlichkeit zu uns herabbringen können. Zwar ist dieser Aufstieg und Sieg schwierig; er ist jedoch die Bestimmung des menschlichen Geistes. Jenes erleuchtete Herniederkommen, das Herabbringen der göttlichen Wahrheit, ist das unvermeidliche Ziel der wirren Evolution der Erdnatur. Die uns bestimmte höchste Höhe ist der Grund und Zweck der Evolution, unser höchster Zustand und die Deutung unserer irdischen Existenz. Obwohl das transzendente Göttliche als der Purushottama im geheimen Herzen unseres Mysteriums hier existiert, ist er doch durch die vielen Umhüllungen und Verkleidungen seiner magischen weltweiten Yoga-Maya verborgen. Nur wenn die Seele hier im Körper emporsteigt und den Sieg erringt, können die Umhüllungen wegfallen. Dann vermag die Macht der höchsten Wahrheit dieses verworrene Gewebe von Halbwahrheit, das zu einem schöpferischen Irrtum wird, und dieses auftauchende Wissen, das durch sein Herabsinken in die Nichtbewusstheit der Materie verwandelt wurde und nun langsam zu sich selbst in eine effektive Unwissenheit zurückkehrt, zu ersetzen.

Hier in der Weit wirkt, auch wenn sie insgeheim hinter allem Dasein existent ist, nicht die Gnosis, sondern ein Zauberwerk von Wissen-Unwissenheit, eine unberechenbare, uns nur als mechanisch erscheinende Maya des Obermentals. Wir nehmen das Göttliche hier in doppelter Weise wahr. Der einen Art unseres Schauens offenbart es sich als ein ausgeglichener, inaktiver, apersonaler Beobachter-Geist, als ein unbeweglicher zustimmender Purusha, der nicht durch die Gunas, den Raum oder die Zeit gebunden ist, dessen Hilfe oder Zustimmung unparteiisch dem Spiel jeglichen Wirkens und aller Energien erteilt wird, das der transzendente Wille einmal zuließ und autorisierte, damit sie im Kosmos ihre Erfüllung finden. Dieser Beobachter-Geist, dieses reglose Selbst in den Dingen, scheint keinen Willen und keine Bestimmung auszuüben. Wir gewahren jedoch, dass gerade seine Passivität und seine schweigende Gegenwärtigkeit alle Dinge dazu zwingt, sich trotz ihrer Unwissenheit auf ein göttliches Ziel hin zu bewegen. Durch ihr Zerteilt-sein hindurch zieht es sie zu einem noch nicht realisierten Einssein hin. Jedoch scheint es, als ob kein unfehlbarer höchster Göttlicher Wille existiere, sondern nur eine weithin entfaltete Kosmische Energie oder ein mechanischer ausführender Prozess, die Prakriti. Das ist die eine Seite des kosmischen Selbst. Die andere Seite stellt sich uns als ein universales Göttliches dar, geeint in seinem Sein, vielfältig in Personalität und Macht, das uns, wenn wir in das Bewusstsein seiner universalen Kräfte eintreten, ein Empfinden von unendlichen Eigenschaften, unendlichem Willen und Wirken, ein weltweites Wissen und eine einzige, jedoch zahllos vielfältige Seligkeit zuteil werden lässt. Durch es werden wir mit allen Geschöpfen im Dasein nicht nur in ihrer Wesenhaftigkeit, sondern auch im Spiel ihrer Aktivität geeint. Wir schauen uns in ihnen allen, und sie alle in uns selbst. Wir nehmen alle Erkenntnis, alles Denken und Fühlen wahr als die Regungen des einzigen Mentals und Herzens. Jegliche Energie und Aktion erkennen wir als die Kraftwirkungen des einzigen Willens in seiner Macht. Alle Materie und Form erscheinen uns als Teilchen des einzigen Körpers. Alle Personalitäten werden uns zu Projektionen dieser einzigen Person. Alle Ich-Formen sind Entstellungen des einen und allein wirklichen „Ich“ im Sein. In ihm befinden wir uns nicht länger abgesondert für uns, sondern wir verlieren unser aktives Ego in der universalen Bewegung in gleicher Weise, wie wir unser statisches Ego durch jenen Beobachter, der ohne Qualitäten und an nichts gebunden und verhaftet dasteht, in den universalen Frieden eingehen lassen.

Dennoch bleibt ein Widerspruch zwischen den beiden Grundbegriffen, dem über alles erhabenen göttlichen Schweigen und der alles umfassenden göttlichen Aktion. Wir vermögen ihn vielleicht in uns in gewisser Weise, in einem uns als vollkommen erscheinenden hohen Grade, zu beheben. Das ist aber keine vollständige Lösung, die umwandeln und überwinden kann. Wir besitzen wohl einen universalen Frieden, ein Licht, eine Macht und eine universale Seligkeit. Die Art aber, in der sich alles effektiv ausdrückt, ist nicht die des Wahrheitsbewusstseins, es ist nicht die göttliche Gnosis. Vielmehr unterstützt das nur die Art, wie sich der Kosmische Geist gegenwärtig ausdrückt, wobei wir wunderbar befreit, emporgehoben und erleuchtet sind. Die vieldeutigen Symbole und verhüllten Geheimnisse einer Welt der Unwissenheit werden dadurch nicht transformiert wie bei einer transzendentalen Herabkunft. Wir selbst sind zwar frei, das Erdbewusstsein verbleibt aber mit seiner Gebundenheit. Nur ein noch höheres transzendentales Emporsteigen und Herniederkommen kann diesen Widerspruch völlig auflösen und die Welt vollständig transformieren und befreien.

Es gibt noch einen dritten, intensiv nahen und personalen Aspekt des Meisters der Werke. Er ist der Schlüssel zu seinem erhabenen verborgenen Geheimnis und zur seligsten Freude. Er lässt aus dem Geheimnis der verborgenen Transzendenz und der vieldeutigen Entfaltung der kosmischen Bewegung eine individuelle Macht des Göttlichen hervortreten, die zwischen den beiden Erfahrungen vermitteln kann und uns eine Brücke zwischen beiden schlägt. In diesem Aspekt passt sich die transzendente und die universale Person des Göttlichen unserer individualisierten Personalität an und nimmt personale Beziehung zu uns auf sich. Einerseits identifiziert sie sich mit uns als unser höchstes Selbst. Andererseits ist sie zwar eng mit uns verbunden, aber doch von uns unterschieden als unser Meister und Freund, als unser Liebender und Lehrer, als unser Vater und unsere Mutter, als unser Spielgefährte im großen Weltspiel. In diesem hat er sich vielfältig verkleidet als Freund und Feind, als Helfer und Widersacher. Er hat in allen Beziehungen zu uns und in allen Wirkensweisen, die uns berühren, unsere Schritte hin zu unserer Vollkommenheit und zu unserer Befreiung gelenkt. Durch diese mehr personale Manifestation eröffnet er uns eine gewisse Möglichkeit zur vollständigen transzendentalen Erfahrung. Wir begegnen nun dem Einen nicht nur in der Stille und im Frieden völliger Befreiung, nicht nur mit einer passiven oder aktiven Unterwerfung in unserem Wirken, auch nicht nur durch das Geheimnis des Geeintseins mit einem universalen Wissen und mit einer universalen Macht, die uns erfüllen und lenken. Vielmehr einen wir uns mit ihm im Entzücken einer göttlichen Liebe und Wonne, die sich mächtig über die Haltung eines schweigenden Beobachters und das Wirken einer aktiven Weltmacht hinaus erhebt und positiv ein größeres, beseligenderes Geheimnis vorausahnt. Zu einem so unaussprechlichen Absoluten führt uns nicht so sehr das Wissen empor. Auch die Werke heben uns nicht so hoch über den Weltenablauf hinaus zu dem ihn verursachenden höchsten Wissenden und Meister. Vielmehr birgt in ihrer Hülle leidenschaftlicher Freude diese für uns innigste – wenn auch jetzt noch verhüllte – Erfahrung das tiefe, beseligende Geheimnis der transzendenten Gottheit zusammen mit einer absolut positiven Gewissheit ihres vollkommenen Seins, ihrer alles in sich konzentrierenden Seligkeit und ihres mystischen Ananda.

Die individuelle Beziehung zum Göttlichen wirkt sich nicht immer oder von Anfang an in einer machtvollen Ausweitung oder vollen Überwindung unserer eigenen Begrenzung aus. Am Anfang können wir die Gottheit, die unserem Wesen nahe oder uns immanent ist, nur innerhalb der Reichweite unserer eigenen personalen Natur und Erfahrung erleben: als einen Lenker und Meister, einen Führer und Lehrer, einen Freund und Liebenden. Oder wir fühlen das Göttliche als Geist, als Macht oder Gegenwart, was unsere nach oben strebende und sich dorthin ausweitende Bewegung konstituiert und durch die Kraft jener uns innig nahen Wirklichkeit emporträgt, die in unserem Herzen wohnt, über unserer Natur, oberhalb unserer höchsten Intelligenz waltet. Sein stärkstes Wirken richtet sich auf unsere personale Evolution. Eine persönliche Beziehung macht uns froh und erfüllt uns mit Glück. Wir finden unser Selbst und erlangen unsere Vollkommenheit, indem wir unsere Natur in das göttliche Ebenbild erhöhen. Die Welt außerhalb von uns scheint uns nur als Feld für dieses Wachsen zu existieren, indem sie uns die Materialien dazu oder Hilfs- und Widerstandskräfte liefert, die für die aufeinanderfolgenden Wachstumsstufen notwendig sind. Unsere in dieser Welt geleisteten Werke sind seine Werke. Auch wenn sie einem vorübergehenden universalen Ziel dienen, besteht doch ihr Hauptzweck für uns darin, dass sie unsere Beziehungen zu diesem immanenten Göttlichen nach außen hin dynamisch gestalten oder ihnen im Inneren Macht verleihen. Viele Suchende verlangen nichts weiter, oder sie sehen die Fortsetzung und Erfüllung des spirituellen Aufblühens nur in jenseitigen Himmelreichen. Für sie hat dort die Einung ihren höchsten Grad erlangt und wird an einem ewigen Ort, wo seine Vollkommenheit, Freude und Schönheit wohnt, ewig genossen. Für den Suchenden des Integralen Yoga ist das nicht genug. So intensiv und schön das sein mag, so kann eine solche isolierte höchste persönliche Errungenschaft doch nicht sein ganzes Ziel oder seine völlige Existenz bilden. Es muss für ihn eine Zeit kommen, da sich das Personale in das Universale ausweitet. Dann wird unsere ganze spirituelle, mentale, vitale und sogar physische Individualität universalisiert. Sie wird als Macht einer universalen Kraft und ihres kosmischen Geistes geschaut. Oder unsere Individualität enthält das Universum in sich, in jener unaussprechlichen Weite, die das individuelle Bewusstsein dann überkommt, wenn es seine Fesseln durchbricht und sich aufwärts zum Transzendenten, nach allen Seiten in den Unendlichen verströmt.

In einem Yoga, der ausschließlich auf der spiritualisierten Mental-Ebene gelebt wird, ist es möglich (und üblich), dass diese drei fundamentalen Aspekte des Göttlichen – Gott als der Individuelle oder Immanente, der Kosmische und der Transzendente — als getrennte Realisationen nebeneinander bestehen. Dann erscheint jede für sich ausreichend, um das Sehnen des Suchenden zu befriedigen. Er kann mit dem personalen Göttlichen in der erleuchtenden Kammer seines inneren Herzens allein bleiben und dort das eigene Wesen in das Ebenbild des Geliebten umgestalten. Dann steigt er aus der gefallenen Natur empor, um bei ihm in irgendeinem Himmel des Geistes zu leben. Oder er kann, in die kosmische Weite aufgelöst, vom Ego befreit, seine Personalität so weit aufgeben, dass nur noch die universale Kraft wirkt. Dann genießt er, selbst ganz still, befreit, in der Universalität über den Tod erhaben, bewegungslos im Selbst des Beobachters hier in der Welt die Freiheit des Zeitlosen, gerade wenn er sich ohne Grenzen in den unendlichen Raum und in die endlose Zeit ausdehnt. Schließlich vermag er, in eine unsagbare Transzendenz konzentriert, in das Nirvana zu entkommen und alle Dinge ins Nichts versinken zu lassen, wenn er in einer grenzenlosen Entzückung in Jenes empor fliegt, das ohne jede Verbindung mit dem Diesseits steht; er hat dann seine Personalität abgelegt und seine Arbeit und Mühsal der universalen Kraftentfaltung (dynamis) von sich abgetan.

Nichts von dem so Erreichten genügt dem Suchenden, der die weite Vollkommenheit eines integralen Yoga erstrebt. Individuelle Rettung ist ihm nicht genug. Er entdeckt, wie er sich selbst für ein kosmisches Bewusstsein öffnet, das durch seine ungeheure Höhe und Tiefe weit über die schwächere Intensität einer auf das Individuum beschränkt bleibenden Erfüllung hinausgeht, dessen Forderung an ihn unausweichlich ist. Von diesem außerordentlich starken Zwang vorwärtsgetrieben, muss er durch alle absondernden Begrenzungen hindurchbrechen, sich in die Weltnatur ausdehnen und das Universum in sich aufnehmen. Außerdem bedrängt ihn eine dynamische Realisation, die vom Höchsten her auf diese Welt der Wesen einen starken Druck ausübt. Nur wenn er das kosmische Bewusstsein irgendwie zugleich in sich selbst trägt und dennoch darüber hinausreicht, kann er hier diese in ihrer unerhörten Fülle noch nicht hervorgetretene Herrlichkeit zur Manifestation bringen. Aber auch das kosmische Bewusstsein ist noch nicht das letzte Ziel des Suchenden. Es ist noch nicht die ganze Göttliche Wirklichkeit; es ist noch nicht integral. Es gibt ein göttliches Geheimnis hinter der Personalität, das er noch entdecken muss. Dort wartet das Mysterium der Verkörperung der Transzendenz darauf, hierher in die Zeit entbunden zu werden. Im kosmischen Bewusstsein bleibt am Ende doch eine Kluft übrig, eine Gleichung, die nicht aufgeht: da ist ein höchstes Wissen, das befreien, aber keine Wirkung ausüben kann, und eine Macht, die scheinbar ein begrenztes Wissen verwendet oder nach außen die Maske der Unwissenheit trägt. Sie kann zwar erschaffen. Sie erschafft aber eine Unvollkommenheit oder eine vergängliche, begrenzte und gefesselte Vollkommenheit. Auf der einen Seite steht ein freier, undynamischer Beobachter, auf der anderen Seite eine Ausführende Macht des Wirkens, die aber gebunden ist und der nicht alle Mittel für ihr Handeln gewährt werden. Es scheint, als ob die Aussöhnung dieser beiden Gefährten und Widersacher einem Ungeoffenbarten vorbehalten ist, das jenseits von uns liegt, dessen Offenbarung noch hinausgeschoben und zurückgehalten wird. Wenn aber unsere Personalität einfach in eine absolute Transzendenz fliehen würde, ließe sie sich selbst unerfüllt. Dann kommt die Aktion im Universum zu keinem schlüssigen Ziel und kann den integral Suchenden nicht befriedigen. Er fühlt, dass die ewig gültige Wahrheit sowohl eine Macht ist, die erschafft, als auch ein statisches Dasein. Sie ist keine Macht, die einzig und allein einer illusorischen oder unwissenden Manifestation dient. Die ewige Wahrheit kann ihre Wahrheiten in der Zeit manifestieren. Sie vermag ihr Schöpferwerk im Wissen zu tun, nicht nur in der Nichtbewusstheit und in der Unwissenheit. Eine göttliche Herabkunft liegt ebenso im Bereich des Möglichen wie ein Emporsteigen hin zum Göttlichen. Es ist Aussicht vorhanden, ebenso eine zukünftige Vollkommenheit wie eine gegenwärtige Erlösung herniederzubringen. Wenn sich das Wissen des Suchenden ausweitet, erkennt er immer klarer, dass der Meister der Werke um dieses Zieles willen die Seele in sein Inneres einsenkte. Sie wurde als Funke aus dem göttlichen Feuer in die Finsternis entsandt, damit sie dort zu einem Strahlungszentrum des Lichtes wächst, das ewig dauert.

Das Transzendente, das Universale und das Individuelle sind die drei Mächte, welche die ganze Schöpfung überwölben, ihr zugrunde liegen und sie durchdringen. Das ist die erste der Trinitäten. Ebenso gibt es in dem sich entfaltenden Bewusstsein die drei fundamentalen Begriffe. Keiner von ihnen darf missachtet werden, wenn wir die Erfahrung der ganzen Wahrheit unseres Daseins erlangen wollen. Wir erwachen aus dem individuellen Bewusstsein in ein umfassenderes freieres kosmisches Bewusstsein. Wir müssen aber auch aus dem universalen Bewusstsein mit seiner Fülle von Formen und Mächten dadurch herauswachsen, dass wir noch höher über uns hinaus in ein Bewusstsein ohne Begrenzung eintreten, dessen Fundament das Absolute ist. Bei diesem Aufstieg tilgen wir das, was wir hinter uns zu lassen scheinen, nicht wirklich aus. Wir nehmen es vielmehr mit uns empor und gestalten es um. Es gibt eine Höhe, wo diese drei Seiten der Trinität ewig ineinander lebendig sind. Auf jenem Gipfel sind sie in voller Seligkeit in harmonischer Verbindung miteinander geeint. Jenes erhabene Ziel liegt oberhalb der am höchsten und weitesten ausgedehnten spiritualisierten Mentalität, obwohl in dieser ein gewisser Widerschein aus jener erfahren werden kann. Wenn das Mental dorthin gelangen und dort leben will, muss es über sich selbst hinauskommen und in Licht, Macht und Substanz der supramentalen Gnosis umgewandelt werden. Wir können in diesem niederen, herabgeminderten Bewusstsein zwar versuchen, eine Harmonie zustandezubringen; sie muss aber immer etwas Unvollkommenes bleiben. Hier ist zwar eine Koordination jener drei Selten möglich, aber keine spontan ineinander verschmolzene Erfüllung. Darum ist für jede höhere Realisation ein Emporsteigen aus dem Mental zwingend. Andererseits muss zusammen mit dem Emporsteigen oder als dessen Folge die in ihrem Selbst existierende Wahrheit dynamisch herniederkommen, die, in ihr eigenes Licht oberhalb des Mentals erhoben, ewig da ist und aller Manifestation des Lebens und der Materie vorausgeht.

Das Mental ist Maya, sat-asat: es ist der Bereich, in dem das Wahre und das Falsche, das Existente und das Nichtexistente sich gegenseitig umklammern. In diesem vieldeutigen Bereich scheint das Mental zu regieren. Aber selbst in seinem eigenen Reich ist es in Wahrheit ein herabgemindertes Bewusstsein; es gehört nicht zur ursprünglichen, auf vollkommenste Weise alles verursachenden Macht des Ewigen. Selbst wenn das Mental ein Ebenbild der wesenhaften Wahrheit in seiner Substanz irgendwie zu reflektieren vermag, erscheint die dynamische Kraft und Aktion der Wahrheit dennoch in ihm immer gebrochen und zerteilt. Alles, was das Mental fertigbringen kann, ist, dass es die Fragmente zusammensetzt oder aus ihnen eine Einheit ableitet. Die Wahrheit des Mentals ist immer nur eine halbe Wahrheit oder nur ein Steinchen im Zusammensetzspiel. Das mentale Wissen ist Immer relativ, partiell und ohne Beweiskraft. Die aus ihm hervorgehende Aktion und Schöpfung tritt in noch unsicheren Schritten hervor. Präzise ist sie eigentlich nur in engen Grenzen und durch unvollkommene Zusammensetzungen der Teile. Aber selbst in diesem verminderten Bewusstsein offenbart sich das Göttliche als ein Geist im Mental, wie es in derselben Weise als Geist im Leben und, noch viel weniger erkennbar, als Geist in der Materie wirkt. Seine völlige dynamische Offenbarung findet sich jedoch nicht hier. Es kommt im Bereich des Mentals nicht zur vollkommenen Identität mit dem Ewigen. Nur wenn wir die Grenzlinie des Übergangs in ein umfassenderes erleuchtetes Bewusstsein und eine ihres Selbst bewusste Substanz überschreiten, wo die göttliche Wahrheit ursprünglich daheim und kein Fremdling ist, wird sich uns der Meister unseres Daseins in der unvergänglichen integralen Wahrheit seines Wesens, in seinen Machtentfaltungen und Wirkensweisen offenbaren. Nur dort werden seine Werke in uns auch den unbeirrbaren Gang hin zu seinem unfehlbaren supramentalen Ziel annehmen.

Hier endet die lange schwierige Reise. Der Meister der Werke wartet nicht, um erst dann den auf dem Weg des Yoga Suchenden in Empfang zu nehmen und auf ihn, sein inneres Leben und seine Handlungen seine Hand zu legen, die ihn bisher insgeheim führte, ihm aber verborgen geblieben oder nur halb fühlbar gewesen war. Er stand schon in der Welt als der Urheber und Empfänger der Werke hinter den dichten Verhüllungen des Nichtbewussten, verkleidet in die Kraft des Lebens und durch Symbol-Gottheiten und Symbol-Gestalten dem Mental sichtbar. Es mag wohl sein, dass er zuerst in diesen Verhüllungen der menschlichen Seele begegnet, die für den Weg des Integralen Yoga bestimmt ist. Ja selbst dann, wenn er noch undeutlichere Masken trägt, kann er von uns als Ideal begriffen oder mental als eine abstrakte Macht der Liebe, des Guten, der Schönheit oder des Wissens erfasst werden. Vielleicht kommt er uns, wenn wir unseren Fuß auf den Weg setzen, verhüllt entgegen im Anruf der Humanität oder eines Willens in den Dingen, der uns dazu antreibt, dass wir die Welt von der Gewalt der Finsternis und der Lüge, vom Tod und Leiden befreien sollen, von dieser mächtigen vierfachen Macht der Unwissenheit. Wenn wir dann den Weg gehen, umhüllt er uns mit seinem weiten, mächtigen, befreienden Apersonalen Wesen. Er naht sich uns aber auch mit dem Angesicht oder der Gestalt einer personalen Gottheit. Wir fühlen in uns und in unserer Umgebung eine Macht, die uns stützt, schützt und liebevoll versorgt. Wir hören eine Stimme, die uns lenkt. Ein bewusster Wille, der größer ist als der unsrige, regiert uns. Eine gebietende Kraft bewegt unser Denken, unser Handeln und sogar unseren Körper. Ein sich stets ausdehnendes Bewusstsein gleicht das unsrige sich an. Ein lebendiges Licht des Wissens erleuchtet alles in unserem Inneren. Eine Glückseligkeit dringt in uns ein. Eine Mächtigkeit übt ihren Druck von oben her konkret, massiv und überwältigend auf uns aus. Sie dringt in uns ein und ergießt sich in den eigentlichen Stoff unserer Natur. Dort, am Ursprung, wohnen Friede, Licht, Seligkeit, Stärke und Erhabenheit. Oder wir fühlen Beziehungen, die persönlich und innig sind, wie das Leben selbst, süß wie die Liebe, allumfassend wie der Himmel, tief wie unergründliche Wasser. Ein Freund geht uns zur Seite. Ein Liebender ist bei uns in der geheimsten Kammer unseres Herzens. Ein Meister des Werks und aller Prüfungen zeigt uns unseren Weg. Ein Schöpfer der Dinge verwendet uns als sein Instrument. Wir ruhen in den Armen der ewigen Mutter. Alle diese für uns begreiflicheren Aspekte Gottes, in denen uns das Unsagbare begegnet, sind Wahrheiten und nicht nur hilfreiche Symbole oder brauchbare Vorstellungen. Je weiter wir vorwärtskommen, desto mehr weichen ihre ersten unvollkommenen Formulierungen unserer Erfahrung einer umfassenderen Schau der einzigen Wahrheit, die hinter ihnen steht. Bei jedem Schritt fallen ihre rein mentalen Masken, und die Aspekte Gottes gewinnen umfassendere, tiefere und uns inniger ansprechende Bedeutung. Am Ende vereinigen alle diese Gottheiten an den Grenzen des Supramentals ihre heiligen Gestaltungen und gehen ineinander über, ohne dass sie als Eigenwesen aufhören würden. Die Göttlichen Aspekte haben sich auf unserem Wege nicht geoffenbart, damit wir sie für nichtig halten. Sie sind keine zeitweiligen spirituellen Zweckhaftigkeiten, etwa Kompromisse mit einem illusionären Bewusstsein oder Traumgestaltungen, die von dem uns unzugänglichen Überbewusstsein des Absoluten geheimnisvoll auf uns projiziert werden. Im Gegenteil, ihre Macht vermehrt sich, und ihre Absolutheit offenbart sich selbst, je näher sie uns zu der Wahrheit hinziehen, aus der sie hervorgehen.

Diese jetzt noch für uns überbewusste Transzendenz ist zugleich eine Macht und ein Dasein. Die supramentale Transzendenz ist kein inhaltsleeres Wunder. Sie ist ein Unausdrückbares, enthält aber zeitlos in sich ihrem Wesen nach alle Dinge, die von ihr ausgegangen sind. Sie behält sie in ihrer höchsten, ewig dauernden Wirklichkeit und in der absoluten Art ihres Wesens, die für sie charakteristisch ist. Verminderung, Teilung, Degradierung rufen hier den Eindruck eines unbefriedigten Problems hervor, eines Geheimnisses der Maya, sie vermindern sich selbst und fallen während unseres Aufstiegs von uns ab. Denn nun nehmen die Göttlichen Mächte ihre wahren Formen an und erscheinen uns immer mehr als die Begriffe einer Wahrheit, die hier im Prozess ihrer Verwirklichung steht. Hier erwacht langsam eine Seele des Göttlichen aus ihrer Involution, ihrer Verhüllung in die materielle Nichtbewusstheit. Der Meister unserer Werke ist nicht ein Meister der Illusionen, sondern eine allerhöchste Wirklichkeit. Er bringt die Wirklichkeiten, die sein eigenes Selbst ausdrücken, hier zur Auswirkung, indem er sie allmählich aus den Kokons ihrer Unwissenheit befreit, in denen sie zum Zweck ihrer evolutiven Manifestation eine Zeitlang schlummern durften. Die supramentale Transzendenz existiert nicht getrennt und beziehungslos zu unserem jetzigen Dasein. Alles hier unten ist aus einem höheren Licht hervorgegangen. In Ihm tritt die Seele aus der Nichtbewusstheit, in die sie eingesenkt worden war, zu ihrem Abenteuer der Evolution hervor. Über diesem Abenteuer der Seele wacht überbewusst die supramentale Transzendenz oberhalb unseres Mentals, bis sie in uns bewusst werden kann. Dann wird sie sich selbst enthüllen und uns durch dieses Hervortreten die ganze Bedeutung unseres eigenen Wesens und unserer Werke offenbaren. Sie wird uns dann das Göttliche enthüllen, dessen vollkommenere Manifestation in der Welt erst deren bis jetzt verborgene Bedeutung offenbaren und vollenden wird.

In dieser Enthüllung wird uns das Transzendente Göttliche immer deutlicher erfahrbar werden als das Erhabene Dasein und als der Vollkommene Ursprung all dessen, was wir eigentlich sind. In gleicher Weise werden wir es immer mehr als einen Meister der Werke und der Schöpfung erkennen, dessen Wille es ist, in das Feld seiner Manifestation immer mehr von seinem eigenen Wesen hineinströmen zu lassen. Das kosmische Bewusstsein und seine Auswirkungen werden nun nicht mehr als ein riesiger regulierter Zufall erscheinen, sondern als das Kraftfeld dieser Manifestation. Hier schauen wir die Gottheit, wie sie als Kosmischer Geist alles regiert und durchdringt, aus der Transzendenz empfängt, was in die Gestaltungen herniederkommt, und es hier entfaltet. Was uns vorher undurchschaubar als Vermummung, als verwirrende Maske erschien, wird uns jetzt transparent als eine klar verständliche Offenbarung. So erlangt das individuelle Bewusstsein seinen wahren Sinn und kommt zu seinem wahren Wirken, da es die Gestaltung einer Seele ist, die vom Höchsten entsandt wurde und, allem gegenteiligen Anschein zum Trotz, den Kern oder „Spiralnebel“ bildet, in dem die Göttliche Mutterkraftr wirkt, um das zeitlos und gestaltlos Göttlichein Zeit und in Materie zu einer siegreich fortschreitenden Verkörperung zu bringen. Das wird sich unserer Schau und Erfahrung immer deutlicher als der Wille des Meisters der Werke und als deren letzte Bedeutung offenbaren, die allein der Weltschöpfung und unserem Wirken in der Welt Licht und Sinn verleiht. Das zu erkennen, es zu erstreben und voll zur Auswirkung zu bringen, ist die uns auferlegte schwere Aufgabe auf dem Weg der Göttlichen Werke im Integralen Yoga.