Kapitel 11
Vollkommen aufrichtig sein
Worte der Mutter
Um vollkommen aufrichtig zu sein ist es unerlässlich, keine Vorliebe, keine Begierde, keine Anziehung für etwas, keinen Ekel, weder Sympathie noch Antipathie, keine Zuneigung und keine Abneigung zu haben. Man muss eine totale, integrale Schau der Dinge haben, in der alles am richtigen Platz ist und in der man gegenüber allen Dingen die gleiche Haltung hat: die Haltung der wahren Schau. Dieses Programm ist für einen Menschen offenbar sehr schwer durchzuführen. Wenn er sich nicht entschlossen hat, sich zu vergöttlichen, scheint es fast unmöglich, dass er von all diesen inneren Gegensätzen frei sein könnte. Und dennoch, solange man sie in sich trägt, kann man nicht vollkommen aufrichtig sein. Automatisch wird das Funktionieren des Mentals, des Vitals und sogar des Physischen verfälscht. Ich betone das Physische, weil sogar das Funktionieren der Sinne verfälscht wird: Man sieht, hört, schmeckt, fühlt die Dinge nicht so, wie sie in ihrer Wirklichkeit sind, solange man eine Vorliebe hat. Solange es Dinge gibt, die dir gefallen, und Dinge, die dir missfallen, solange du für bestimmte Dinge eine Anziehung verspürst und gegen andere eine Abneigung, kannst du die Dinge nicht in ihrer Wirklichkeit sehen; du siehst sie durch deine Reaktion, deine Vorliebe oder deine Abneigung hindurch. Die Sinne sind Instrumente, die sich verfälschen, ebenso wie die Empfindungen sich verfälschen, wie die Gefühle sich verfälschen und wie die Gedanken sich verfälschen. Folglich musst du eine vollkommene Distanziertheit haben, um dir dessen, was du siehst, was du fühlst, was du empfindest und denkst, sicher zu sein. Das ist selbstverständlich keine leichte Aufgabe. Doch bis dies erreicht ist, kann deine Sichtweise nicht restlos wahr sein, und folglich ist sie auch nicht aufrichtig.
Natürlich ist das ein Maximum. Es gibt haarsträubende Unaufrichtigkeiten, die jeder versteht und auf die man nicht nachdrücklich hinzuweisen braucht, wie etwa eine Sache zu sagen und eine andere zu denken, zu behaupten, man tue eine Sache und man macht eine andere, ein Anliegen zu bekunden, das nicht dein wirkliches Anliegen ist. Ich spreche nicht einmal von der eklatanten Lüge, die darin besteht, etwas anderes zu sagen als das, was ist, oder auch von jener diplomatischen Art zu handeln, die darin besteht, dass man eine Sache tut in dem Gedanken, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, dass man eine Sache sagt in der Erwartung, dass sie eine bestimmte Wirkung hervorruft. Jede derartige Berechnung, die dich dazu bringt, dir selbst zu widersprechen, ist von einer ziemlich groben Unaufrichtigkeit, die jeder leicht zu erkennen vermag.
Es gibt jedoch andere, subtilere Unaufrichtigkeiten, die nur schwer zu erkennen sind. Zum Beispiel: Solange du in dir Sympathien und Antipathien hegst, wirst du auf ganz natürliche Weise und spontan einen günstigen Sinneseindruck von dem haben, der dir sympathisch ist, und einen ungünstigen Sinneseindruck von dem, der dir unsympathisch ist. Und auch hier wird der Mangel an Aufrichtigkeit offensichtlich. Dennoch kannst du dich selbst täuschen und nicht bemerken, dass du unaufrichtig bist. Da arbeitest du dann sozusagen mit der gedanklichen Unaufrichtigkeit zusammen, weil es im Grunde je nach den Wesenszuständen oder den Wesensteilen leicht unterschiedliche Unaufrichtigkeiten gibt. Aber der Ursprung dieser Unaufrichtigkeiten wird immer eine analoge Regung sein, die aus der Begierde und aus dem Trachten nach persönlichen Zwecken herrührt – aus dem Egoismus, aus dieser Kombination aller aus dem Egoismus stammenden Begrenzungen und aller aus der Begierde stammenden Entstellungen.
Solange das Ego da ist, kann man im Grunde genommen nicht sagen, ein Wesen sei vollkommen aufrichtig, selbst wenn es sich bemüht, es zu werden. Man muss das Ego überschreiten, sich ganz dem göttlichen Willen überantworten, sich ohne Vorbehalt und ohne Berechnung geben … dann kann man vollkommen aufrichtig sein, aber nicht vorher.
Dies bedeutet nicht, dass man sich nicht bemühen müsste, aufrichtiger zu sein als man ist, und dass man sich sagt: „Schön, ich warte mit dem Aufrichtigsein, bis mein Ego verschwindet“, denn man kann die Worte umkehren und sagen, wenn du es nicht aufrichtig versuchst, wird das Ego nie verschwinden. Folglich ist die Aufrichtigkeit die Grundlage jeder echten Verwirklichung, sie ist das Mittel, der Weg – und sie ist auch das Ziel. Ohne sie strauchelst du mit Sicherheit unzählige Male und musst ständig den Schaden wiedergutmachen, den du dir selbst und anderen zugefügt hast.
Es ist übrigens eine wunderbare Freude, aufrichtig zu sein. Jede aufrichtige Tat trägt in sich ihre eigene Belohnung: das Gefühl der Reinigung, der Erhebung, der Befreiung, die man spürt, wenn man auch nur ein Stückchen der Falschheit zurückgewiesen hat.
Aufrichtigkeit ist der Schutz, der Beistand, der Wegweiser und schließlich die Kraft der Umwandlung.
Worte der Mutter
Bist du ganz und gar aufrichtig, strebst du dauernd danach, im Einklang mit dem höchsten Ideal deines Wesens, der Wahrheit deines Wesens zu leben. Jeden Augenblick in allem, was du denkst, in allem, was du fühlst, und allem, was du tust, versuchst du so völlig wie möglich, so umfassend wie möglich mit dem höchsten Ideal deines Wesens übereinzustimmen oder mit der Wahrheit deines Wesens, sofern du ihrer bewusst bist – dann hast du die wahre Aufrichtigkeit erlangt. Und bist du so, handelst du wirklich nicht aus selbstsüchtigen und auch nicht aus persönlichen Gründen, lässt du dich von deiner inneren Wahrheit führen – bist du also vollkommen aufrichtig –, dann ist es dir absolut gleichgültig, ob dich die ganze Welt auf diese oder jene Weise beurteilt.