Kapitel 11
Schritte, um sich aus der Unwissenheit zu lösen
Die Natur hat aus diesem Grund das Ego erfunden, damit das Individuum sich aus der Unwissenheit oder dem Unbewussten der Masse lösen und zu einer lebendigen Unabhängigkeit im mentalen Denken, der Lebenskraft, Seele und dem Geist gelangen und sich mit der Welt um sich herum koordinieren kann, aber nicht in ihr ertrinkt oder – abgetrennt – nichtexistent und ineffektiv ist. Denn das Individuum ist tatsächlich Teil des kosmischen Seins, aber es ist auch mehr, es ist eine Seele, die aus dem Transzendenten herabgekommen ist. Es kann dieses nicht sofort manifestieren, weil es dem kosmischen Nichtbewussten zu nahe und dem ursprünglichen Überbewussten nicht nahe genug ist. Es muss sich selbst als das mentale und vitale Ego entdecken, bevor es sich als Seele oder Geist erkennt.
Doch seine egoistische Individualität zu entdecken bedeutet nicht sich selbst zu kennen; das wahre spirituelle Individuum ist nicht das mentale Ego, das vitale oder das physische Ego: zuerst ist diese Regung eine Arbeit des Willens, der Kraft und egoistischen Selbstbehauptung und erst in zweiter Linie des Wissens. Deshalb muss eine Zeit kommen, in der der Mensch unter die unklare Oberfläche seines egoistischen Wesens schauen und sich selbst erkennen muss; er muss sich aufmachen den wirklichen Menschen zu entdecken. Ohne das würde er nicht über die primäre Erziehung der Natur hinauskommen und niemals ihre tieferen und größeren Lehren entdecken. Wie groß sein praktisches Wissen und seine Tüchtigkeit auch sein mögen, er würde nur ein klein wenig höher stehen als die Tiere. Zuerst muss er seine Augen der eigenen Psychologie zuwenden und ihre natürlichen Elemente unterscheiden, – Ego, mentaler Geist und seine Instrumente, das Vital und der Körper, – bis er entdeckt, dass seine ganze Existenz eine andere Erklärung als das Wirken der natürlichen Elemente und ein anderes Ziel für seine Aktivitäten als die egoistische Selbstbestätigung und Befriedigung braucht. Er kann sie in der Natur und der Menschheit finden und hierdurch seinen Weg zur Entdeckung seiner Einheit mit dem Rest seiner Welt beginnen: er kann sie in der Übernatur suchen, in Gott, und auf diese Weise seinen Weg zur Entdeckung seines Einsseins mit dem Göttlichen finden. Eigentlich erprobt er beide Wege und versucht, immer schwankend, in sich die sukzessiven Lösungen zu verankern, die am besten mit den verschiedenen Teil-Entdeckungen übereinstimmen können, welche er bei seinem zweigleisigen Suchen und Finden gemacht hat.
Aber was er durch all das in diesem Stadium wirklich versucht zu entdecken, zu wissen und zu erfüllen, ist er selbst. Seine Kenntnis der Natur und sein Wissen über Gott sind nur Hilfen auf dem Weg zu Selbsterkenntnis, Vervollkommnung seines Wesens und Erreichen des höchsten Zieles seines individuellen Selbst-Seins…
Darum beginnt die höhere Selbsterkenntnis, sobald der Mensch über seine Beschäftigung mit der Beziehung von Natur und Gott zu seinem oberflächlichen Wesen, seinem am meisten offenkundigen Selbst hinausgekommen ist. Ein Schritt besteht darin, zu erkennen, dass dieses Leben nicht alles ist, sich der Vorstellung seiner eigenen zeitlichen Ewigkeit anzunähern, sich konkret jener subjektiven Dauerhaftigkeit bewusst zu werden, die die Unsterblichkeit der Seele genannt wird. Wenn er weiß, dass es Zustände jenseits des Materiellen gibt, und Leben vor und nach ihm, jedenfalls ein früheres und ein nachfolgendes Dasein, ist er auf dem Weg, seine temporäre Unwissenheit loszuwerden durch sein sich Weiten über die unmittelbaren Momente der Zeit hinaus bis zum Genuss der eigenen Ewigkeit. Ein anderer Schritt vorwärts liegt in der Erfahrung, dass sein äußerer Wachzustand nur einen kleinen Teil von ihm darstellt, sowie im Beginn des Auslotens des abgründigen Nichtbewussten, den Tiefen des Unterbewussten und Feinstofflichen, und dem Erklimmen der überbewussten Höhen. Auf diese Weise leitet er die Beendigung seiner psychologischen Selbst-Unwissenheit ein. Ein dritter Schritt besteht im Erkennen, dass es etwas anderes als seine Instrumente des Mentals und Lebens und des Körpers gibt: nicht nur eine unsterbliche, sich immer weiter entwickelnde individuelle Seele, die seine Natur unterstützt, sondern ein ewiges unveränderliches Selbst und einen Geist. Dieser Schritt beinhaltet auch das Erkennen der Kategorien seines spirituellen Wesens, bis er entdeckt, dass alles in ihm ein Ausdruck des Geistes ist, und er die Verbindung zwischen seinem niederen und höheren Sein deutlich wahrnimmt. So macht er sich daran, die angeborene Unkenntnis seines Selbstes zu beheben. Indem er Selbst und Geist entdeckt, entdeckt er Gott. Er findet heraus, dass es ein Selbst jenseits des Temporären gibt: er erlangt im kosmischen Bewusstsein die Vision jenes Selbstes als die göttliche Wirklichkeit hinter der Natur und dieser Welt der Wesen. Sein mentaler Geist öffnet sich für den Gedanken oder das Spüren des Absoluten, das sich im Selbst, im Individuum und im Kosmos so vielfältig ausdrückt. Das kosmische, das egoistische und das ursprüngliche Nichtwissen beginnen ihren starren Griff zu lockern. In seinem Versuch, sein Dasein in diesem sich weitenden Selbstwissen zu formen, werden Lebens-Sicht und Motiv, Denken und Handeln stufenweise verwandelt und transformiert. Die faktische Unkenntnis seiner selbst, seiner Natur und seines Lebenszieles verringert sich: er hat seinen Fuß auf den Weg gesetzt, der aus der Falschheit und dem Leid einer begrenzten und unvollständigen Existenz zu einem perfekten Besitzen und Genießen eines wahren und vollkommenen Seins führt.