Kapitel 11

Die Schau und der Segen

Nichts regte sich mehr jetzt im weiten sinnenden Raum:

Eine Stille kam über die lauschende Welt,

Eine stumme Unermesslichkeit vom Frieden des Ewigen.

Doch das Herz Aswapatis antwortete ihr,

Ein Schrei inmitten des Schweigens der Weiten:

„Wie soll ich zufrieden bleiben mit sterblichen Tagen

Und dem stumpfen Maß der irdischen Dinge,

Der ich hinter der kosmischen Maske

Die Glorie und die Schönheit deines Angesichts gesehen habe?

Hart ist das Los, an das du deine Söhne bindest!

Wie lang soll unser Geist mit der Nacht noch kämpfen

Und Niederlage erdulden und das brutale Joch des Todes,

Wir, die wir Gefäße sind einer todlosen Kraft

Und Erbauer der Gottheit des Menschengeschlechts?

Und wenn dein Werk es ist, das ich unten tue

Inmitten des Irrtums und Verschwendens menschlichen Lebens,

In dem vagen Licht des Menschen halbbewusstem Mental,

Warum bricht kein ferner Schimmer herein von dir?

Ewig gehen Jahrhunderte und Jahrtausende dahin.

Wo in dieser grauen Existenz ist der Strahl deines Kommens?

Wo ist das Donnern der Schwingen deines Sieges?

Wir hören nur die Füße vorübergehender Götter.

Gemäß einem Plan im okkulten ewigen Mental,

Aufgezeichnet der zurück- und vorwärtsgerichteten Schau,

Wiederholen Äonen immer wieder ihre unabänderliche Runde,

Bauen Zyklen alles wieder neu und streben immer weiter.

Alles, was wir getan haben, ist immer noch zu tun.

Alles zerbricht und alles erneuert sich und ist sich gleich.

Riesige Umwälzungen des Lebens unfruchtbaren Kreisens,

Die neugeborenen Zeitalter vergehen wie die alten,

Als wahrte das traurige Rätsel noch sein Recht,

Bis alles getan ist, wofür dieser Schauplatz geschaffen ward.

Zu gering ist die Stärke, die jetzt mit uns geboren wird,

Zu schwach das Licht, das sich durch die Lider der Natur stiehlt,

Zu dürftig die Freude, die sie sich mit unserem Schmerz erkauft.

In einer rohen Welt, die ihre eigene Bedeutung nicht kennt,

Leben wir gedankengeplagt auf dem Rad der Geburt

Als Instrumente eines Impulses, der nicht der unsrige ist,

Gedrängt zu erringen mit unserem Herzblut als Preis

Halbwissen, Halbschöpfungen, die bald schon Überdruss bereiten.

Eine vereitelte unsterbliche Seele in vergänglichen Gliedern,

Behindert und zurückgeschlagen mühen wir uns nach wie vor;

Vernichtet, enttäuscht, verbraucht überleben wir dennoch.

Unter Qualen arbeiten wir daran, auf das in uns

Ein weitsichtigerer Mensch mit edlerem Herzen erstehe,

Ein goldnes Gefäß der inkarnierten Wahrheit,

Der Vollstrecker des göttlichen Unterfangens hier,

Ausgerüstet, den irdischen Leib Gottes zu tragen,

Kommunikant und Prophet und Liebender und König.

Ich weiß, dass deine Schöpfung nicht scheitern kann:

Denn sogar durch den Nebel sterblichen Denkens

Sind deine mysteriösen Schritte unfehlbar,

Und trägt Notwendigkeit auch des Zufalls Gewand,

Birgt sie doch in den blinden Wechseln des Schicksals

Die bedächtig ruhige Logik des Schreitens der Unendlichkeit

Und die unantastbare Abfolge ihres Willens.

In aufsteigenden Stufen ist alles Leben festgelegt

Und unerbittlich ist das evolvierende Gesetz;

Im Anfang ist das Ende schon angelegt.

Dies seltsam irrationale Produkt aus dem Schlamm,

Dieser Kompromiss zwischen Tier und Gott,

Ist nicht die Krone deiner wundersamen Welt.

Ich weiß, es wird die nichtbewussten Zellen einst durchdringen,

Eins mit Natur und höhengleich mit Himmel,

Ein Geist, der weit ist wie das fassende Firmament

Und durchflutet von Ekstase aus unsichtbaren Quellen,

Ein Gott, herabgekommen und größer durch den Fall.

Eine Macht erhob sich aus der Zelle meines Schlummers.

Ablegend das schleppende Hinken der Stunden

Und das unbeständige Blinzeln sterblichen Sehens,

Dort, wo der Denker schläft in zu viel Licht

Und unduldsam das einsam allgewahrende Auge flammt,

Hörend das Wort des Schicksals aus dem Herz des Schweigens

Im endlosen Augenblick der Ewigkeit,

Sah sie die Werke der Zeit von der Zeitlosigkeit her.

Überschritten waren die bleiernen Formeln des Mentals,

Überwunden das Hindernis sterblichen Raumes:

Das sich entfaltende Bild zeigte das, was kommen wird.

Ein gigantischer Tanz Shivas zerriss die Vergangenheit;

Es war ein Donnern wie von Welten, die einstürzen;

Die Erde wurde mit Feuer und dem Gebrüll des Todes überrannt,

Mit Getöse eine Welt zu erschlagen, die sein Hunger erschaffen hat;

Es war ein schriller Klang von Flügeln der Zerstörung:

Der Schlachtruf des Titanen war in meinen Ohren,

Aufruhr und Lärm ließen die gepanzerte Nacht erbeben.

Ich sah die flammenden Pioniere des Allmächtigen

Über die himmlische Schwelle, die ins Leben führt,

In Massen auf den Bernsteinstufen der Geburt herniederkommen;

Vorläufer einer göttlichen Schar,

Von den Pfaden des Morgensterns her kamen sie

In den kleinen Raum des sterblichen Lebens.

Ich sah sie die Dämmerung eines Zeitalters durchqueren,

Die sonnenäugigen Kinder einer wunderbaren Morgenröte,

Die großen Schöpfer mit der weiten Stirn der Ruhe,

Die wuchtigen Bollwerkbrecher der Welt

Und Ringer mit Vorsehung in deren Listen des Willens,

Die Arbeiter in den Steinbrüchen der Götter,

Die Botschafter des Unmitteilbaren,

Die Architekten der Unsterblichkeit.

Sie kamen in die gefallene menschliche Sphäre,

Gesichter, auf denen die Glorie des Unsterblichen noch lag,

Stimmen, die noch mit Gottes Gedanken kommunizierten,

Körper, die schön gestaltet waren durch das Licht des Geistes,

Tragend das magische Wort, das mystische Feuer,

Tragend den dionysischen Kelch der Freude,

Nahende Augen eines göttlicheren Menschen,

Lippen, singend eine unbekannte Hymne der Seele,

Füße, widerhallend in den Korridoren der Zeit.

Hohe Priester der Weisheit, Süße, Macht und Seligkeit,

Entdecker der sonnenhellen Wege der Schönheit

Und Schwimmer durch die lachend feurigen Fluten der Liebe

Und Tänzer unter den goldnen Toren der Verzückung,

Ihr Schritt wird eines Tages die leidende Erde wandeln

Und das Licht auf dem Antlitz der Natur rechtfertigen.

Obwohl Schicksal im hohen Jenseits verweilt

Und das Werk, dem unsere Kraft des Herzens galt, vergeblich scheint,

Wird doch alles vollbracht, für das wir unsere Schmerzen trugen.

Wie in den alten Zeiten nach dem Tier der Mensch gekommen ist,

Wird nun ganz gewiss dieser hohe göttliche Nachfolger kommen

Hinter des Menschen fruchtlos sterblichem Schreiten,

Hinter seinem vergeblichen Mühen, Schweiß, Blut und Tränen:

Wissen wird er, was sterbliches Mental kaum zu denken wagt,

Tun wird er, was das Herz des Sterblichen sich nicht zutraute.

Als Erbe all der Plackerei der menschlichen Zeit

Wird er die Bürde der Götter auf sich nehmen;

Das ganze himmlische Licht wird der Erde Gedanken besuchen,

Die Macht des Himmels wird den irdischen Herzen Stärke verleihen;

Der Erde Taten werden die Höhe des Übermenschen berühren,

Der Erde Schau sich weiten in das Unendliche.

Noch unverändert schwer wiegt die unvollkommene Welt;

Die herrliche Jugend der Zeit ist vorüber und hat versagt;

Schwer und lang sind die Jahre, die unser Mühen zählt,

Und noch immer sind die Siegel fest auf des Menschen Seele

Und müde ist das Herz der uralten Mutter.

O Wahrheit, geschützt in deiner geheimen Sonne,

Stimme ihres mächtigen Sinnierens in verschlossenen Himmeln

Über entrückte Dinge in ihren lichten Tiefen,

O Weisheitsglanz, Mutter des Universums,

Schöpferin, Künstlerbraut des Ewigen,

Zögere nicht länger mit deiner umgestaltenden Hand,

Die vergebens drückt auf den einen goldnen Riegel der Zeit,

Als wage Zeit es nicht, ihr Herz für Gott zu öffnen.

O strahlende Quelle der Welt Wonne,

Weltfrei und unerreichbar darüber,

O Seligkeit, die du immer tief verborgen zuinnerst wohnst,

Während die Menschen dich außen suchen und nie finden,

Mysterium und Muse mit hieratischer Zunge,

Verkörpere die weiße Leidenschaft deiner Kraft,

Zur Erde sende eine lebendige Gestalt von dir.

Erfülle einen einzigen Moment mit deiner Ewigkeit,

Lass deine Unendlichkeit in einem Körper leben,

All-Wissen ein Mental in Lichtmeere hüllen,

All-Liebe wenigstens in einem Menschenherzen pochen.

Unsterblich, betretend die Erde mit sterblichem Fuß,

Alle Schönheit des Himmels häufe in irdischen Gliedern an!

Allmacht, gürte mit der Macht Gottes

Bewegungen und Augenblicke eines sterblichen Willens,

Packe eine einzige menschliche Stunde voll mit ewiger Macht

Und mit einer einzigen Geste wandle alle künftige Zeit.

Lass ein großes Wort von den Höhen her sprechen

Und eine einzige große Tat die Tore des Schicksals öffnen.“

Sein Gebet sank hinab in die widerstrebende Nacht,

Niedergedrückt von tausend Kräften, die verwehren,

Als wäre es zu schwach zum Höchsten aufzusteigen.

Doch da erhob sich eine weite einwilligende Stimme;

Der Geist der Schönheit offenbarte sich im Klang:

Licht umflutete die Stirn der herrlichen Vision

Und auf ihren Lippen nahm die Freude des Unsterblichen Gestalt an.

„O starker Vorläufer, ich vernahm deinen Ruf.

Eine wird herniederkommen und brechen das eiserne Gesetz,

Wandeln das Verhängnis der Natur allein durch des Geistes Macht.

Ein grenzenloses Mental, das die Welt in sich enthalten vermag,

Ein liebliches und stürmisches Herz von glühender Gemütsruhe

Wird kommen, bewegt von den Leidenschaften der Götter.

Alle Mächte und Größen werden sich in ihr vereinen;

Himmlisch wird Schönheit auf Erden wandeln,

Wonne wird schlafen im Wolkennetz ihres Haares,

Und in ihrem Körper wird wie auf seinem heimatlichen Baume

Der unsterbliche Gott der Liebe seine glorreichen Flügel schlagen.

Eine Musik von sorglosen Dingen wird ihren Zauber weben;

Die Harfen der Vollendeten werden ihre Stimme begleiten,

Die Ströme des Himmels werden in ihrem Lachen plätschern,

Ihre Lippen werden Honigwaben Gottes sein,

Ihre Glieder seine goldnen Gefäße der Ekstase,

Ihre Brüste die Verzückungsblumen des Paradieses.

Weisheit wird sie tragen in ihrem stimmlosen Busen,

Stärke wird bei ihr sein wie ein Schwert des Siegers

Und aus ihren Augen wird die Seligkeit des Ewigen blicken.

Ein Same wird gesät in die schreckliche Stunde des Todes,

Ein Zweig des Himmels sich verpflanzen auf menschlichem Boden;

Überspringen wird Natur die Stufe ihrer Sterblichkeit;

Gewandelt wird Schicksal durch einen unwandelbaren Willen.“

Wie eine Flamme in endlosem Licht vergeht,

Unsterblich erloschen in ihrer Quelle,

Verschwand die Pracht und verstummte das Wort.

Ein Widerhall der Wonne, die einst nahe war,

So reiste die Harmonie zu einer fernen Stille,

Eine Musik, verklingend im Ohr der Trance,

Eine Kadenz, gerufen von fernen Kadenzen,

Eine Stimme, die vibrierend in verhallenden Weisen entschwebt.

Von sehnender Erde zog ihre Gestalt sich zurück,

Nähe versagend den sich selbst überlassenen Sinn,

Aufsteigend zu ihrem unerreichbaren Heim.

Einsam, strahlend, leer lagen die inneren Gefilde da;

Alles war unausgefüllter übermäßiger Geist-Raum,

Gleichgültig, öde, eine Wüste hellen Friedens.

Dann rührte sich eine Linie am fernen Rande der Ruhe:

Eine irdische Woge, warmlippig, gefühlvoll, sanft,

Ein Gemurmel und Lachen, lebhaft und vielraunig,

Kam gleitend herein auf weißen Füßen des Klanges.

Aufgeschlossen war das Herz der tiefen Glorie des Schweigens;

Die absoluten regungslosen Schweigsamkeiten

Gaben sich dem Atem sterblicher Luft hin,

Die Himmel der Trance, grenzenlos aufgelöst,

Zerfielen zu wachem Mental. Ewigkeit

Senkte ihre unsagbaren Lider

Über ihre Einsamkeiten, der Kenntnis unzugänglich,

Hinter dem stimmlosen Mysterium des Schlafes.

Die grandiose Pause, die weite Befreiung schwand.

Im Lichte sich rasch entfernender Ebenen,

Die vor ihm flüchteten wie vor einer Sternschnuppe,

Gedrängt, das menschliche Haus in der Zeit zu füllen,

Kehrte seine Seele zurück in die Hast und den Lärm

Der ungeheuren Geschäftigkeit geschaffener Dinge hier.

Ein Triumphwagen für die Wunder des Himmels,

Breit abgestützt, um auf Feuerrädern die Götter mitzuführen,

So fegte er flammend durch die spirituellen Tore.

Der sterbliche Trubel nahm ihn hier in Empfang.

Und wieder bewegte er sich inmitten materieller Szenerien,

Erhoben durch Eingebungen aus den Höhen

Und in den Pausen des bauenden Gehirns

Berührt von Gedanken, die das unergründliche Gewoge der Natur

Streifen und zurückfliegen an verborgene Ufer.

Der ewige Sucher auf dem äonischen Gebiet,

Bedrängt von dem unnachgiebigen Druck der Stunden,

War wieder stark für große schnellfüßige Taten.

Wach unter dem unwissenden Gewölbe der Nacht,

Sah er das unzählige Volk der Sterne

Und hörte das Fragen der unbefriedigten Flut

Und mühte sich mit dem Formenmacher, messendem Mental.

Ein Wanderer von den okkulten unsichtbaren Sonnen,

Erfüllend das Schicksal der vergänglichen Dinge,

Ein Gott in der Gestalt des aufgerichteten Tieres,

Hob er seine Stirn der Eroberung zu den Himmeln empor

Und gründete das Imperium der Seele

Auf der Materie und ihrem begrenzten Universum

Wie auf einem festen Fels in grenzenlosen Meeren.

Der Herr des Lebens nahm seine mächtigen Runden

Im kargen Feld des zweideutigen Erdballs wieder auf.