Kapitel 11
Aphorismen
Einblicke
Wahres Heldentum findet sein Sinnbild nicht in der Pracht und Majestät von glänzender Rüstung und Ausstattung, noch sieht es seinen Ruhm in den Trophäen von tausend Siegen; denn sein Gleichnis ist der Heilige Krieg, worin die Macht und Gewalt des Ewigen durch willige Hände spielt, und seine Glorie ist der Lorbeerkranz der Wonne, mit dem Gott die beherzten Kämpfer Seiner Sache krönt.
Nicht jener ist der Philosoph, der Wunder des Schlussfolgerns vollbringt und den Beifall eines intellektuellen Zeitalters gewinnt, vielmehr der, dessen Organon ein scharf gewetztes Werkzeug ist, womit Gott in die Festungen von Vorurteil, Pedanterie, Irrtum und Obskurantismus vorstößt.
Gurutum wird seinen Gipfel dann erreichen, wenn es den Blick des Jüngers auf dessen eigene Gottheit lenkt; denn nicht im geborgten Licht einer einzigen Aureole, sondern im ureigenen Glanz einer strahlenden Galaxie von Pionieren kündigt sich die Morgenröte des kommenden Zeitalters an.
Der wahre Reformer ist nicht bloß ein mitleidsvoller Bekämpfer von Missständen, der auf die umfriedeten Bollwerke der Gesellschaft losgeht und die Gewalt seines Angriffs von außen auf verfestigte Gewohnheiten und Bräuche richtet; der eigentliche Erneuerer ist jener, der die Kollektive Seele in den Tiefen seines Wesens verwirklicht hat und mit untrüglicher, aus innerer Erleuchtung geborener Zielsicherheit und dem bewussten Allvermögen eindringlichen Willens Ströme aussendet, die vom Mittelpunkt des Gesellschaftslebens bis an die Oberfläche wirken und die abscheulichen Usurpatoren von Gottes Throne stoßen.
Der Ruhm des Kreuzes zieht mehr an als der Lorbeer des Sieges. Dennoch muss der Lorbeer, und nicht das Kreuz, unser Ziel sein.
Der Mensch ist hinter dem Guten her, zieht sich aber auch das Böse zu, weil die zwei verflochten sind. Wer im Selbste jenseits von ihnen thront, erfreut sich beider; denn sie sind Noten einer einzigen Tonleiter.
Entsagung lässt stofflich verarmen, Materialismus spirituell. Ganzheitlicher Reichtum kommt von einem göttlichen Leben, das sich der Innewohnenden Gottheit weiht und ein dynamisches Zentrum und Werkzeug von Gottes Schöpferkraft wird.
Bloße Verehrung erzeugt einen intellektuellen Zwerg, bloßes Wissen einen unvollkommenen Darsteller in Gottes Schauspiel. Nur in einen hingegebenen Geist gießt Gott sowohl liebende Verehrung als auch lebendiges Wissen und macht diese zur doppelten Grundlage machtvollen Wirkens.
In jedem Zeitalter hat der Mensch die Ankunft eines Messias oder eines Lehrers erwartet und die höchste Glorie darin gefunden, Jünger oder Anhänger zu sein. Aber der kommende Lehrer wird in jedem Einzelnen sowohl Messias wie Jünger, Lehrer wie Schüler aufzeigen und seinem Blick die immerwährende Glorie einer vollkommenen Gottheit enthüllen.
Gott ist gleichermaßen in Freude und Leid, in Sieg und Niederlage. Und der Krieger in Seiner Sache schreckt nicht vor dem Leid zurück noch fürchtet er sich vor der Niederlage; denn er sieht die Göttliche Strategie, die sich manchmal in Schmach und Lächerlichkeit zurückzieht, um die satanische Kraft der frohlockenden Widersacher zu erschöpfen und dann mit gewaltiger Wucht vorwärts zu stürmen und zu siegen.
Bislang hat die Menschheit Gott zu hoch über sich gestellt, um einander wirklich nahezukommen. Aber auf der Übereinstimmung des Menschlichen mit dem Göttlichen wird die Grundlage der künftigen Zeitalter der Menschheit ruhen.
In Seinem Evolutionsanstieg bewegt Gott sich nicht nur von Erfolg zu Erfolg; denn oft benutzt Er Sieg und Niederlage, Ehre und Schande als den zweifachen Prozess einer erblühenden Bewegung.
Der Neue Yoga beginnt da, wo alle Bemühung um persönliche Erlösung endet, wo sich das Selbst des Einzelnen dem Selbst der Menschheit weiht und voranschreitet, ein universales und göttliches Leben zu verwirklichen.
Die pfingstlichen Schauer der Inspiration ergießen sich auf den, der beständig für Gott arbeitet, und nicht auf den, der untätig darauf wartet, dass Inspiration zu ihm komme und ihn zum handeln bewege.
Erst wenn die großartigen Tempel der Erde aufgehört haben, unseren Gott zu monopolisieren und Er im Flug eines Sperlings und in der Hacke eines Arbeiters wahrgenommen wird, kann die Menschheit aufgehen.
Nicht im begierigen Herfallen der Sinne über die Dinge der Erde, sondern im spirituellen Erfreuen an den Sinnesobjekten besteht der Genuss des integralen Yogin.
Entsagung ist nur dann Feigheit, wenn sie die Sinnesobjekte meidet und in der Einsamkeit des Waldes oder im Meditationsraum Zuflucht sucht; sie übertrifft jedoch die höchste Furchtlosigkeit, wenn sie inmitten der Sinnesobjekte und vor den Wellenschlägen von Begierde und Leidenschaft hehren göttlichen Gleichmut lebt.
Fürchte nichts und niemand, verabscheue nichts, hasse keinen, sondern tue das deinige mit Kraft und Mut: So wirst du sein, was du wahrhaft bist, ein Gott in deinem Sieg, ein Gott in deiner Niederlage, ein Gott selbst in deinem Tod oder deiner Qual – ein Gott, der nicht besiegt wird und der nicht sterben kann.
Der Anfang und das Ende
Wer kennt den Anfang der Dinge, und welch mentaler Geist hat je ihr Ende erfasst? Sagen wir Anfang, sehen wir dann nicht die ganze Ewigkeit der Zeit sich darüber dehnen, wo das, was begonnen hat, nicht war? Stellen wir uns ebenso ein Ende vor, dann wird unsere Schau endlosen Raumes inne, der sich über den angenommenen Endpunkt hinaus erstreckt. Und selbst Formen – beginnen und enden sie? Oder verschwindet ewige Form von einer ihrer Leinwände?
Das Experiment des menschlichen Lebens auf einer Erde wird nicht zum ersten Mal angestellt. Es wurde bereits millionenfach aufgeführt, und das lange Schauspiel wird noch millionenfach wiederholt werden. Bei all unserem jetzigen Tun, in unseren Träumen, unseren Entdeckungen, unseren raschen oder schwierigen Errungenschaften profitieren wir unterbewusst von der Erfahrung zahlloser Vorläufer, und unsere Arbeit wird Frucht tragen auf uns unbekannten Planeten und in noch unerschaffenen Welten. Der Plan, die Bedingungen und die Ausgestaltung unterscheiden sich ständig, werden aber stets von den Regeln einer ewigen Kunst bestimmt. Gott, Mensch und Natur sind die drei immerwährenden Sinnbilder.
Die Vorstellung ewiger Wiederkehr erschreckt den mentalen Geist, der in der Minute, der Stunde, den Jahren und Jahrhunderten, in all den unwirklichen Befestigungen des Endlichen verschanzt ist. Aber die starke Seele, bewusst ihres eigenen unsterblichen Wesens und des unerschöpflichen Ozeans ihrer fortwährend strömenden Energien, erschauert dabei vor unbegreiflicher Verzückung. Hinter dem Gedanken hört sie das kindliche Gelächter und die Ekstase des Unendlichen.
Gott, Mensch und Natur – was sind diese drei? Woher rühren ihre Unterschiedlichkeiten? Zu welch beschreibbarer Vereinigung schreitet die anwachsende Summe ihrer Begegnungen? Blicken wir über die Stunden und Augenblicke hinaus! Reißen wir den Zaun der Jahre und die Mauer der Konzepte von Jahrhunderten und Jahrtausenden nieder und durchbrechen die Schranken unseres Kerkers! Denn alle Dinge versuchen, unseren Blick auf die zeitlichen Interessen, Vorstellungen und Erkenntnisse unserer Menschlichkeit zu konzentrieren. Wir müssen aber über sie hinausschauen, um zu erkennen, wem sie dienen und wofür sie stehen. Nichts auf der Welt lässt sich durch sich selbst verstehen, sondern nur durch das, was jenseits davon ist. Wird das gewusst, so lässt sich alles andere verstehen.
Eine beginnende und endlose Ewigkeit und Unendlichkeit, in der teilbare Zeit und Raum zu bestehen vermögen, ist die Gussform des Daseins. Es gelingt ihnen zu dauern, weil sie von Gottes Blick auf Sich selbst in den Dingen aufrechterhalten werden.
Gott ist alles Dasein. Dasein ist eine Darstellung unbeschreibbaren Seins. Sein ist weder ewig noch zeitlich, weder unendlich noch begrenzt, weder eines noch vieles; es ist nichts, was irgendein Wort unserer Sprache beschreiben oder irgendein Gedanke unserer Mentalität erfassen kann. Das Wort Dasein schränkt es ungebührlich ein; Ewigkeit und Unendlichkeit sind zu geringe Vorstellungen; der Begriff Sein ist ein X, das nicht für einen unbekannten, sondern für einen unkennbaren Wert steht. Alle Werte gehen von Brahman aus, Brahman selbst aber ist jenseits aller Werte.
Dies Dasein ist eine unberechenbare Tatsache, in der sich alle möglichen Gegensätze treffen; in Wahrheit sind seine Gegensätze Identitäten.
Es ist weder eines noch vieles und doch sowohl eines wie vieles. Zahllosigkeit wächst darin und setzt sich fort, bis sie Einheit erreicht; zerbrochene Einheit kann nicht vor der Zahllosigkeit haltmachen.
Es ist weder persönlich noch unpersönlich und doch sowohl persönlich wie unpersönlich. Persönlichkeit ist eine Fiktion des Unpersönlichen, Unpersönlichkeit ist Maske einer Person. Jenes unpersönliche Brahman war die ganze Zeit eine weltübersteigende Persönlichkeit und universale Person, es ist die Wahrheit der Dinge, wie sie durch Leben und Bewusstsein dargestellt wird. „Ich bin“ ist die ewige Aussage. Zergliederndes Denken beseitigt das Ich, aber das Bin bleibt und bringt es zurück. Materialismus ändert das „Ich bin“ zu „Es ist“ womit er gar nichts verändert. Der Nihilist beseitigt sowohl Bin wie Ist, nur um dann herauszufinden, dass sie jenseits auf beiden Seiten seiner Leugnung auf ihn warten.
Untersuchen wir das Unendliche und das Endliche, Form und das Formlose, die Stille und die Aktivität, so werden all unsere Gegensätze gleichermaßen zunichte. Wir können versuchen, soviel wir wollen, Gott erlaubt uns nicht, irgendeinen von ihnen aus Seiner unergründlichen Universalität auszuschließen. Er trägt selbst alle mit Sich in jede Transzendenz.
All dies ist Unendlichkeit, erfasst vom Endlichen, sowie das Endliche, gelebt vom Unendlichen.
Das Endliche ist Vergänglichkeit oder Wiederkehr im Unendlichen, darum ist allein Unendlichkeit völlig wirklich. Da aber jenes Wirkliche stets diesen Schatten seiner selbst wirft, und da seine Wirklichkeit hier erst durch das Endliche fassbar wird, müssen wir annehmen, dass auch die Erscheinung keine bloße Fiktion ist.
Das Unendliche bestimmt sich im Endlichen, das Endliche erfasst sich im Unendlichen. Jedes ist nötig für des anderen vollständige Daseinsfreude.
Das Unendliche hält immer im Endlichen inne; das Endliche gelangt immer zum Unendlichen. Dies ist das Rad, das auf ewig durch Zeit und Ewigkeit kreist.
Gäbe es nichts zu transzendieren, so wäre das Transzendente in seiner eigenen Konzeption unvollständig.
Was wäre der Wert des Formlosen, ließe es sich nicht zur Form herab? Und was für Wahrheit oder Wert hätte irgendeine Form wenn nicht als Maske des Unbestimmbaren und Unsichtbaren?
Aus welchem Hintergrund sind all diese zahllosen Formen hervorgetreten wenn nicht aus den grenzenlosen tiefen des Unermesslichen? Wer sein Wissen nicht im Unwissbaren verloren hat, weiß nichts. Selbst die Welt, die er so weise studiert, betrügt und lacht ihn aus.
Sind wir in das Unwissbare eingetreten, dann wird all dies andere Wissen gültig. Haben wir alle Formen in das Formlose hineingeopfert, dann werden alle Formen geringfügig und zugleich unendlich kostbar.
Das gilt im Übrigen für alles. Keinen Wert hat etwas, dem wir nicht entsagt haben. Opfer ist der große Enthüller der Werte.
Wie alle Worte aus dem Schweigen kommen, so alle Formen aus dem Unendlichen.
Kehrt das Wort in das Schweigen zurück, ist es dann für immer ausgelöscht, oder weilt es in der ewigen Harmonie? Kehrt eine Seele zu Gott zurück, ist sie dann aus dem Dasein getilgt, oder kennt und genießt sie das, worin sie eintritt?
Endet ein Weltall jemals? Besteht es nicht ewig in Gottes Gesamtidee von Seinem eigenen Sein?
Es sei denn, der Ewige wäre von der Zeit wie von einer Last erschöpft, es sei denn, Gott leide an Gedächtnisschwund, wie könnte ein Weltall je aufhören zu sein?
Weder für die Seele noch für das Weltall ist Auslöschung das Ziel, vielmehr ist es für erstere unendlicher Selbstbesitz und für letzteres endlose Verfolgung seiner eignen unwandelbar wandelbaren Rhythmen.
Da zu sein, nicht sich aufzuheben, ist das ganze Ziel und trachten des Daseins.
Wäre Nichts der Anfang, dann wäre Nichts auch das Ende; in dem Fall aber wäre Nichts auch die Mitte.
Wäre unterschiedslose Einheit der Anfang, dann wäre sie auch das Ende. Aber welch anderes Mittelglied könnte es dann geben als unterschiedslose Einheit?
Es gibt eine Logik im Dasein, der sich unser Denken zu entziehen strebt, indem es sich dreht und windet und sich gegen seine eigene letzte Notwendigkeit kehrt, so als versuchte eine Schlange von sich selber loszukommen, indem sie sich um den eigenen Körper wickelt. Lassen wir das Denken doch Schluss machen mit dem Gewirr und stracks an die Wurzel der ganzen Sache gehen, dass es nämlich weder das Erste noch das Letzte, weder Anfang noch Ende, sondern nur Darstellung von Aufeinanderfolgen und Abhängigkeiten gibt.
Aufeinanderfolge und Abhängigkeit sind Gesetze des Blickwinkels; sie lassen sich nicht zum wahren Maß von dem machen, was sie darstellen.
Gerade weil Gott eins, unbestimmbar und jenseits von Form ist, ist Er unendlicher Bestimmung und Eigenschaft, Verwirklichung in unzähligen Formen und der Freude endloser Selbstvervielfachung fähig. Beides gehört zusammen und lässt sich nicht wirklich trennen.
Das Ziel
Sind wir über Kenntnisse hinaus, dann haben wir Wissen. Vernunft war das Mittel; Vernunft ist die Schranke.
Sind wir über Bemühungen hinaus, dann haben wir Macht. Anstrengung war das Mittel, Anstrengung ist die Schranke.
Sind wir über Vergnügungen hinaus, dann haben wir Seligkeit. Begierde war das Mittel, Begierde ist die Schranke.
Sind wir über die Individualisierung hinaus, dann sind wir wahre Person. Ego war das Mittel, Ego ist die Schranke.
Sind wir über das Menschentum hinaus, dann sind wir der Mensch. Das Tier war das Mittel, das Tier ist die Schranke.
Wandle die Vernunft in geordnete Intuition; sei ganz und gar Licht. Das ist dein Ziel.
Wandle Anstrengung in gleichmäßiges, freies Strömen von Seelenstärke; sei ganz und gar bewusste Kraft. Das ist dein Ziel.
Wandle Vergnügen in gleichmäßige und gegenstandslose Ekstase; sei ganz und gar Seligkeit. Das ist dein Ziel.
Wandle das gesonderte Einzelwesen in die Welt-Person; sei ganz und gar das Göttliche. Das ist dein Ziel.
Wandle das Tier in den Hirten der Herden; sei ganz und gar Krishna. Das ist dein Ziel.
Was ich jetzt nicht vermag, zeigt an, was ich künftig vollbringen werde. Das Gefühl von etwas Unmöglichem ist der Anfang aller Möglichkeiten. Weil dies zeitliche Universum ein Paradox und eine Unmöglichkeit war, erschuf es der Ewige aus Seinem Wesen.
Das Unmögliche ist nur eine Summe größerer, noch unverwirklichter Möglichkeiten. Es verhüllt einen vorgerückten Abschnitt, eine noch unvollendete Reise.
Willst du, dass die Menschheit weiterkomme, so tritt alle vorgefassten Meinungen mit Füßen. Derart getroffen, erwacht das Denken und wird schöpferisch. Sonst bleibt es in mechanischer Wiederholung befangen und hält dies fälschlich für seine wahre Betätigung.
Sich um die eigene Achse zu drehen ist nicht die einzige Bewegung für die menschliche Seele. Es gibt noch ihr Kreisen um die Sonne einer unerschöpflichen Erleuchtung.
Sei dir erst deiner selbst im Innern bewusst, dann denke und handle. Alles lebendige Denken ist eine Welt in Vorbereitung; alles wirkliche Tun ist ein offenbarter Gedanke. Die stoffliche Welt besteht, weil eine Idee in göttlicher Selbstbewusstheit zu spielen begann.
Denken ist weder Haupt- noch Ursache des Daseins, sondern ein Werkzeug des Werdens: ich werde, was ich in mir sehe. Alles, was Denken mir eingibt, kann ich tun; alles, was Denken in mir enthüllt, kann ich werden. Das sollte des Menschen unerschütterlicher Glaube an sich selbst sein, denn Gott wohnt in ihm.
Immerfort zu wiederholen, was der Mensch schon getan hat, ist nicht unsere Aufgabe, sondern zu neuen Verwirklichungen und ungeahnten Meisterschaften vorzustoßen. Zeit, Seele und Welt sind uns als Feld gegeben, Schau, Hoffnung und schöpferische Vorstellung dienen uns als Eingeber, Wille, Gedanke und Arbeit sind unsere all-wirksamen Mittel.
Was gibt es Neues, das wir noch zu erlangen hätten? Liebe, denn bisher haben wir es nur zu Hass und Selbstgenuss gebracht; Wissen, denn bisher haben wir es nur zu Irrtum, Feststellung und Meinung gebracht; Seligkeit, denn bisher haben wir es nur zu Vergnügen, Schmerz und Gleichgültigkeit gebracht; Macht, denn bisher haben wir es nur zu Schwäche, Anstrengung und vereiteltem Sieg gebracht; Leben, denn bisher haben wir es nur zu Geburt, Wachstum und Sterben gebracht; Einheit, denn bisher haben wir es nur zu Krieg und Bündnis gebracht.
In einem Wort: Gottheit; uns neu zu schaffen nach dem göttlichen Bild.
Die Wonne des Seins
Wäre Brahman nur eine unpersönliche Abstraktion in ewigem Widerspruch zur augenscheinlichen Tatsache unseres konkreten Daseins, so wäre Aufhören das rechte Ende der Angelegenheit; aber auch Liebe, Wonne und Selbstbewusstheit zählen.
Das Weltall ist nicht bloß eine mathematische Formel zur Erarbeitung des Verhältnisses gewisser mentaler Abstraktionen, sogenannter Zahlen und Prinzipien, um am Ende zu einer Null oder einer leeren Einheit zu kommen, noch ist es bloß ein physikalischer Vorgang, der eine bestimmte Kräftegleichung ausdrückt. Es ist die Wonne eines in sich selbst Verliebten, das Spiel eines Kindes, die endlose Selbstvervielfachung eines Dichters, der von Seiner eigenen endlosen Schöpferkraft berauscht ist.
Wir können vom Höchsten als von einem Mathematiker sprechen, der eine kosmische Summe in Zahlen ausdrückt, oder als von einem Denker, der durch Experiment ein Problem des Kräftegleichgewichts und der Verhältnisse von Prinzipien löst: aber wir sollten von Ihm auch sprechen als von einem Liebenden, einem Musiker universaler und einzelner Harmonien, einem Kind, einem Dichter. Die gedankliche Seite genügt nicht; auch jene der Wonne muss voll erfasst werden: Ideen, Kräfte, Existenzen und Prinzipien sind leere Formen, erfüllt sie nicht der Atem der Wonne Gottes:
Dies sind Bilder, aber alles ist ein Bild. Abstraktionen geben uns den reinen Begriff von Gottes Wahrheiten; Bilder geben uns jedoch ihre lebendige Wirklichkeit.
Wenn Idee, Kraft umarmend, die Welten zeugte, so zeugte die Wonne des Seins die Idee. Weil das Unendliche unzählbar Wonne in sich empfing, darum gelangten Welten und Universen in das Dasein.
Bewusstheit des Seins und Wonne des Seins sind die ersten Eltern. Sie sind auch die letzten Transzendenzen. Unbewusstheit ist nur eine dazwischen liegende Ohnmacht des Bewussten oder sein dunkler Schlaf; Schmerz und Selbstauslöschung sind nur Wonnen des Seins, die vor sich selber flieht, um sich anderswo oder anders wiederzufinden.
Die Wonne des Seins ist nicht auf die Zeit beschränkt; sie ist ohne Ende oder Anfang. Gott tritt aus einer Daseinsform heraus, nur um in eine andere einzugehen.
Und was ist schließlich Gott? Ein ewiges Kind, das ein ewiges Spiel in einem ewigen Garten spielt.
Mensch, der Purusha
Gott kann nicht aufhören, sich zur Natur niederzuneigen, noch der Mensch, zur Gottheit emporzustreben. Das ist die ewige Beziehung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen. Scheinen sie sich voneinander abzukehren, so nur, um sich inniger zu begegnen.
Im Menschen wird sich die Welt-Natur ihrer selbst wieder bewusst, damit sie den größeren Sprung zu ihrem Genießer hin tun könne. Dieser Genießer ist es, den sie unwissentlich besitzt, den Leben und Empfindung besitzen und zugleich leugnen, den sie leugnen und zugleich suchen. Die Welt-Natur kennt Gott nur darum nicht, weil sie sich selbst nicht kennt; sobald sie das tut, wird sie die unvermischte Wonne des Seins kennen.
In der Einheit zu besitzen ist das Geheimnis, und nicht in ihr sich zu verlieren. Gott und Mensch, Welt und Jenseits werden eins, wenn sie einander kennen. Ihre Trennung ist die Ursache der Unwissenheit, wie Unwissenheit die Ursache des Leidens ist.
Zuerst sucht der Mensch blind und weiß nicht einmal, dass er sein göttliches Selbst sucht; denn er beginnt im Dunkel der stofflichen Natur, und noch wenn er anfängt zu sehen, ist er lange geblendet von dem Licht, das in ihm wächst. Auch Gott antwortet dunkel auf sein Forschen; Er sucht des Menschen Blindheit und freut sich daran wie an Kinderhänden, die nach der Mutter tappen.
Gott und Natur sind wie ein Knabe und ein Mädchen bei verliebtem Spiel. Sie verstecken sich und laufen, wenn erblickt, voreinander davon, um sich suchen, jagen und fangen zu lassen.
Der Mensch ist Gott, der sich vor der Natur verbirgt, dass er sie durch Kampf, Beharrlichkeit, Gewalt und Überraschung besitzen möge. Gott ist der universale und transzendente Mensch, der sich vor seiner eigenen Individualität im menschlichen Wesen verbirgt.
Das Tier ist der in ein Fell verkleidete Mensch auf vier Beinen; der Wurm ist der auf die Entwicklung seines Menschentums zukriechende Mensch. Sogar die groben Formen der Materie sind der Mensch in seinem unfertigen Körper. Alles ist Mensch, der Purusha.
Denn was verstehen wir unter Mensch? Eine unerschaffene und unzerstörbare Seele, die Wohnung nahm in einem Mental und Körper, die aus ihren eigenen Elementen gemacht sind.
Das Ende
Die Begegnung von Mensch und Gott bedeutet immer ein Eindringen und Eintreten des Göttlichen in das Menschliche und ein Sich-Versenken des Menschen in die Göttlichkeit.
Doch ist jenes Versenken nicht von der Art einer Selbstvernichtung. Auslöschung ist nicht die Erfüllung all dieser Suche und Leidenschaft, dieses Leidens und Entzückens. Das Spiel wäre nie begonnen worden, müsste es derart enden.
Wonne ist das Geheimnis. Lerne das reine Entzücken kennen, und du kennst Gott.
Was war denn der Anfang der ganzen Geschichte? Dasein, das sich aus schierem Entzücken am Sein vervielfachte und in zahllose Trillionen von Formen tauchte, um sich unzählig wiederzufinden.
Und was liegt in der Mitte? Trennung, die zu vielfältiger Einheit strebt, Unwissenheit, die zu einer Fülle mannigfaltigen Lichtes sich hin bemüht, Schmerz, der in den Wehen unvorstellbarer Ekstase liegt. Denn das alles sind dunkle Erscheinungsformen und entstellte Schwingungen.
Und was ist das Ende der ganzen Geschichte? Wie Honig, der sich selbst und all seine Tropfen zusammen kosten würde, und all seine Tropfen würden einander und jeder die ganze Wabe als sich selbst kosten, so dürfte es am Ende mit Gott und der Seele des Menschen und dem Weltall sein.
Liebe ist der Grundton, Freude die Melodie, Kraft der Zusammenklang, Wissen der Musiker, das unendliche Weltall der Komponist und die Zuhörerschaft. Wir kennen erst die vorbereitenden Misstöne, die ebenso schlimm sind, wie die Harmonie großartig sein wird; bestimmt aber kommen wir zur Fuge der göttlichen Glückseligkeiten.
Die Kette
Die ganze Welt sehnt sich nach Freiheit, und doch ist jedes Geschöpf in seine Ketten verliebt; das ist das erste Paradox und der unauflösbare Knoten unserer Natur.
Der Mensch ist in die Bande der Geburt verliebt; daher ist er auch in die entsprechende Bande des Todes geschlagen. In diesen Fesseln strebt er nach der Freiheit seines Wesens und der Herrschaft seiner Selbst-Erfüllung.
Der Mensch ist in die Macht verliebt; daher ist er der Schwäche unterworfen. Denn die Welt ist ein Meer von Kräftewogen, die ständig aufeinanderstürzen; wer auf dem Rücken einer Welle reiten will, muss unter dem Anprall Hunderter ermatten.
Der Mensch ist ins Vergnügen verliebt; daher muss er das Joch von Kummer und Schmerz auf sich nehmen. Denn unvermischte Verzückung gibt es nur für die freie und leidenschaftslose Seele; doch was im Menschen dem Vergnügen nachjagt, ist eine leidende und angestrengte Energie.
Der Mensch hungert nach Ruhe, aber ihn dürstet auch nach den Erfahrungen eines unsteten Mentals und friedlosen Herzens. Genuss ist für sein Mental etwas Fieberhaftes, Ruhe etwas Träges und Eintöniges.
Der Mensch ist verliebt in die Begrenzungen seines physischen Wesens, und doch verlangt es ihn auch nach der Freiheit seines unendlichen Geistes und seiner unsterblichen Seele.
Und etwas in ihm fühlt sich von diesen Gegensätzen seltsam angezogen; sie machen für sein mentales Wesen das Künstlerische des Lebens aus. Nicht nur der Nektar, sondern auch das Gift reizt seine Neugier und seinen Geschmack.
In alledem liegt ein Sinn, und aus all diesen Widersprüchen gibt es eine Befreiung. Die Natur hat Methode bei jedem Wahnsinn ihrer Verwicklungen, und für die unentwirrbarsten Knoten gibt es eine Lösung.
Tod ist die ständige Frage der Natur an das Leben und ihre Mahnung, dass es sich selbst noch nicht gefunden hat. Würde es nicht vom Tod bestürmt, so bliebe das Geschöpf auf alle Zeiten in einer unvollkommenen Lebensform gefangen. Vom Tod verfolgt, erwacht es zur Idee eines vollkommenen Lebens und macht dazu Mittel und Möglichkeit ausfindig.
Gleicherweise stellt Schwäche die Kräfte, Energien und Größen, auf die wir so stolz sind, auf die Probe und in Frage. Macht ist das Spiel des Lebens, zeigt seine Stufe an und findet den Wert seines Ausdrucks; Schwäche ist das Spiel des Todes, der das Leben in seiner Bewegung verfolgt und die Grenze seiner erworbenen Energie betont.
Schmerz und Leid sind die Mahnungen der Natur an die Seele, dass der Genuss ihres Vergnügens nur eine schwache Andeutung der wirklichen Wonne des Daseins ist. Jeder Schmerz und jede Qual unseres Wesens birgt das Geheimnis einer Flamme der Verzückung, mit der verglichen unsere größten Vergnügungen bloß trübes Geflacker sind. Dies Geheimnis ist es, was für die Seele die Anziehung großer Prüfungen, Leiden und grimmiger Lebenserfahrungen ausmacht, die das nervliche Mental in uns verabscheut und meidet.
Die Rastlosigkeit und rasche Erschöpfung unseres tätigen Wesens und seiner Werkzeuge sind das Zeichen der Natur, dass Ruhe unsere wahre Grundlage ist und Aufregung eine Krankheit der Seele; die Fruchtlosigkeit und Einförmigkeit der bloßen Ruhe ist ihr Hinweis darauf, dass sie auf jener festen Grundlage das Spiel der Tätigkeiten von uns erwartet. Gott spielt immerdar und regt sich nie auf.
Die Grenzen des Körpers sind eine Hohlform; Seele und Geist müssen einströmen, jene aufbrechen und beständig erweitern, bis die Formel der Übereinstimmung zwischen diesem Endlichen und ihrer eignen Unendlichkeit gefunden ist.
Freiheit ist das Gesetz des Wesens in seiner unbegrenzbaren Einheit, sie ist der geheime Meister aller Natur: Dienstbarkeit ist das Gesetz der Liebe im Wesen, das sich freiwillig hingibt, um in der Vielfalt dem Spiel seiner anderen Selbste zu dienen.
Wenn Freiheit in Ketten arbeitet und Dienstbarkeit nicht Gesetz der Liebe ist, sondern der Kraft, dann wird die wahre Natur der Dinge entstellt, und Falschheit bestimmt der Seele Umgang mit dem Dasein.
Die Natur fängt mit dieser Entstellung an und spielt mit allen Kombinationen, zu denen sie führen kann, ehe sie die Berichtigung erlaubt. Dann hebt sie die ganze Essenz dieser Kombinationen empor in eine neue und reiche Harmonie der Liebe und der Freiheit.
Freiheit kommt durch Einheit ohne Grenzen; denn dies ist unser wahres Wesen. Wir können die Essenz dieser Einheit in uns selbst gewinnen; wir können ihr Spiel verwirklichen im Einssein mit allen anderen. Diese doppelte Erfahrung ist die vollständige Absicht der Seele in der Natur.
Haben wir unendliche Einheit in uns verwirklicht, dann bedeutet, uns an die Welt hinzugeben, äußerste Freiheit und absolute Herrschaft.
Unendlich, sind wir frei von Tod; denn dann wird das Leben ein Spiel unseres unsterblichen Daseins. Wir sind frei von Schwäche; denn wir sind das ganze Meer, das den tausendfachen Anprall seiner Wogen genießt. Wir sind frei von Kummer und Schmerz; denn wir lernen unser Wesen mit allem, was es berührt, in Einklang zu bringen und in allen Dingen das Wirken und Gegenwirken der Wonne des Daseins zu finden. Wir sind frei von Begrenzung; denn der Körper wird ein Spielzeug des unendlichen Geistes und lernt, dem Willen der unsterblichen Seele zu gehorchen. Wir sind frei von der Fieberhaftigkeit des nervlichen Mentals und des Herzens und dennoch nicht auf die Unbewegtheit beschränkt.
Unsterblichkeit, Einheit und Freiheit ruhen in uns und harren unserer Entdeckung; aber um der Freude der Liebe willen bleibt Gott in uns dennoch der Vielfältige.
Gedanken und Einblicke
Manchen scheint es anmaßend, an eine besondere Vorsehung zu glauben oder sich für ein Werkzeug in den Händen Gottes zu halten; aber ich finde, dass jeder seine besondere Vorsehung hat, und ich sehe, dass Gott sich der Hacke des Arbeiters bedient und im Mund eines kleinen Kindes plappert.
Vorsehung ist nicht nur, was mich aus dem Schiffbruch rettet, in dem alle anderen untergingen. Vorsehung ist auch, was mir die letzte Planke der Sicherheit entreißt, während alle anderen gerettet werden, und mich im einsamen Ozean ertrinken lässt.
Die Siegesfreude ist manchmal geringer als der Reiz von Kampf und Leid; trotzdem sollte der Lorbeer das Ziel der erobernden menschlichen Seele sein und nicht das Kreuz.
Seelen, die nicht streben, sind Gottes Versager; aber die Natur ist zufrieden und vermehrt sie gern, denn sie sichern ihr die Beständigkeit und verlängern ihre Herrschaft.
Nicht die Armen, Unwissenden, Niedriggeborenen und Ungebildeten machen die gewöhnliche Herde aus, sondern all jene, die sich mit Kleinlichkeit und Durchschnittsmenschentum zufrieden geben.
Hilf den Menschen, aber beraube sie nicht der eigenen Energie; führe und lehre sie, aber sieh zu, dass ihre Initiative und Originalität nichts einbüße; nimm andere in dich auf, aber gib ihnen dafür die volle Göttlichkeit ihrer Natur. Wer das vermag, ist der Führende und der Guru.
Gott hat die Welt zum Schlachtfeld gemacht und sie mit dem Stampfen der Streiter und dem Geschrei eines großen Ringens und Kämpfens erfüllt. Willst du Seinen Frieden erschleichen, ohne den Preis zu zahlen, den Er dafür festgesetzt hat?
Misstraue einem scheinbar vollkommenen Erfolg; freue dich, wenn du nach einem solchen immer noch viel zu tun findest, und gehe weiter; denn die Arbeit bis zur wahren Vollkommenheit währt lange.
Es gibt keinen lähmenderen Irrtum, als eine Stufe für das Ziel zu halten oder zu lange an einem Ruheplatz zu verweilen.
Wo immer du ein großes Ende siehst, darfst du eines großen Anfangs sicher sein. Entsetzt eine ungeheure, schmerzvolle Zerstörung dein Mental, so tröste es mit der Gewissheit einer großen und weiten Schöpfung. Gott ist nicht nur in der leisen, ruhigen Stimme, sondern auch im Feuer und im Wirbelsturm.
Je größer die Zerstörung, desto freier die Gelegenheiten zum Schaffen; doch schleppt die Zerstörung sich oft lange und bedrückend hin, und die Schöpfung säumt oder wird in ihrem Triumph unterbrochen. Immer wieder kehrt die Nacht zurück und der Tag stockt oder scheint sogar ein trügerischer Anbruch gewesen zu sein. Verzweifle deswegen nicht, sondern wache und wirke. Wer ungestüm hofft, verzagt schnell: Hoffe weder noch fürchte, sondern sei dir Gottes Absicht und deines Willens, zu vollbringen, gewiss.
Die Hand des göttlichen Künstlers arbeitet oft, als wäre sie ihres Könnens und ihres Materials nicht sicher. Sie scheint zu tasten, zu prüfen und abzulassen, aufzugreifen und wegzuwerfen, dann wieder aufzugreifen, sich anzustrengen und zu versagen, auszubessern und zusammenzuflicken. Überraschungen und Enttäuschungen gehören zu seiner Arbeit, bis alles bereit ist. Was ausgewählt war, wird in den Abgrund des Verworfenen geschleudert; was verschmäht war, wird Eckstein eines mächtigen Bauwerks. Hinter alldem aber ist das sichere Auge eines Wissens, das unsere Vernunft übersteigt, und das langmütige Lächeln einer unendlichen Meisterschaft.
Gott hat alle Zeit vor sich und braucht sich nicht dauernd zu beeilen. Er ist sich seines Zieles und Erfolges sicher, und es macht ihm nichts aus, sein Werk hundertmal zu zerbrechen, um es der Vollkommenheit näher zu bringen. Geduld ist unsere erste große notwendige Lektion, jedoch nicht die stumpfe Zurückhaltung des Schüchternen, Zweifelnden, Überdrüssigen, Faulen, Ehrgeizlosen oder Schwachen, sondern eine Geduld voll Ruhe und gesammelter Kraft, die wacht und sich vorbereitet für die Stunde schneller und starker Schläge, zwar weniger, doch genug, um das Schicksal zu ändern.
Warum hämmert Gott so grimmig auf seiner Welt herum, tritt und knetet sie wie Teig, wirft sie so oft in das Blutbad und die rote Höllenhitze des Schmelzofens? Weil die Menschheit in ihrer Masse immer noch ein hartes, grobes oder gemeines Erz ist, das sich anders nicht schmelzen und formen lässt; wie das Material, so die Methode. Möge es mithelfen, sich in ein edleres und reineres Metall zu verwandeln, und Gott wird mit ihm sanfter und angenehmer verfahren, es viel reiner und schöner verwenden.
Warum er solches Material wählte oder schuf, wo er doch aus der ganzen unendlichen Möglichkeit wählen konnte? Weil seine göttliche Idee nicht nur Schönheit, Süße und Reinheit vor sich sah, sondern auch Kraft, Willen und Größe. Verachte die Kraft nicht, noch hasse sie wegen der Hässlichkeit einiger ihrer Gesichter, noch wähne, einzig Liebe sei Gott. Alle vollendete Vollkommenheit muss etwas vom Helden und sogar vom Titanen in sich haben. Die größte Kraft aber wird aus der größten Schwierigkeit geboren.
Alles würde sich ändern, könnte der Mensch einmal einwilligen, sich spiritualisieren zu lassen; aber seine mentale, vitale und physische Natur lehnen sich gegen das höhere Gesetz auf. Er liebt seine Unvollkommenheiten.
Der Spirituelle Geist ist die Wahrheit unseres Wesens; Mental, Leben und Körper in ihrer Unvollkommenheit sind seine Masken: in ihrer Vollkommenheit aber sollten sie seine Gussformen sein. Nur spirituell zu sein ist nicht genug; das bereitet zwar eine Anzahl Seelen für den Himmel vor, lässt aber die Erde da, wo sie war. Auch ein Kompromiss ist nicht der Weg zum Heil.
Die Welt kennt drei Arten von Revolution. Die materielle zeitigt große Ergebnisse, die moralische und intellektuelle sind unendlich viel weiter in ihrem Ausmaß und reicher in ihrem Ertrag, aber die spirituellen sind die großen Aussaaten.
Könnte diese dreifache Wandlung in völliger Übereinstimmung zusammentreffen, so würde ein makelloses Werk vollbracht; doch Mental und Körper der Menschheit vermögen ein starkes spirituelles Einströmen nicht vollkommen zu fassen: das meiste wird verschüttet, viel vom Übrigen verdirbt. Viele intellektuellen und physischen Umbrüche benötigt unsere Erdscholle, damit ein kleiner Ertrag aus einer großen spirituellen Aussaat erwachse.
Jede Religion hat der Menschheit geholfen. Das Heidentum mehrte im Menschen das Licht der Schönheit, die Weite und Höhe seines Lebens, sein Streben nach vielseitiger Vollkommenheit; das Christentum gab ihm eine gewisse Schau der göttlichen Liebe und Güte; der Buddhismus wies ihm einen edlen Pfad, weiser, milder und reiner zu werden, Judentum und Islam lehrten ihn fromme Gläubigkeit im Tun und eifrige Hingabe an Gott; der Hinduismus eröffnete ihm die weitesten und tiefsten spirituellen Möglichkeiten. Es wäre etwas Großes, könnten all diese Gott-Visionen zusammenfinden und ineinander aufgehen; aber intellektuelles Dogma und Kult-Egoismus stehen im Wege.
Alle Religionen haben eine Anzahl Seelen gerettet, aber keine hat es bisher vermocht, die Menschheit zu spiritualisieren. Dazu braucht es weder Kult noch Kredo, sondern eine beständige und alles in sich fassende Bemühung spiritueller Selbstentfaltung.
Die Veränderungen, die wir heute in der Welt sehen, sind intellektuell, moralisch und physisch ihrer Idee und Absicht nach: die spirituelle Revolution harrt ihrer Stunde und wirft inzwischen hier und da ihre Wellen. Bis sie kommt, lässt sich der Sinn der anderen nicht verstehen, und bis dahin sind alle Deutungen des gegenwärtigen Geschehens und alle Voraussagen der Zukunft des Menschen eitel. Denn die Natur dieser Revolution, ihre Kraft und ihr Ablauf sind es, die den nächsten Zyklus unserer Menschheit bestimmen werden.