Kapitel 10

Die drei Qualitäten der Natur

Über die natürliche Wirkensweise der niederen Prakriti hinauszukommen, ist für die Seele unerlässlich, wenn sie in ihrem Selbst und ihren Werken frei werden soll. Es ist kein Ideal für die Seele, sich nur harmonisch dieser aktuellen universalen Natur zu unterwerfen, was für die natürlichen Instrumente die Voraussetzung ist für gutes, vollkommenes Wirken. Vielmehr soll die Seele Gott und seiner Shakti allein untertan sein und dadurch Meisterschaft über ihre Natur erlangen. Als Bevollmächtigter des Höchsten Willens und als dessen Kanal soll sie durch ihre Schau, durch ihre Bewilligung oder Verweigerung bestimmen, wie die aufgespeicherte Energie, die Umweltbedingungen und der Rhythmus der kombinierten Bewegung die von Prakriti für die Arbeit der natürlichen Instrumente, also für das Mental, das Leben und den Körper, zur Verfügung gestellt werden, verwendet werden sollen. Die niedere Natur kann aber nur dann bemeistert werden, wenn sie von oben her beherrscht und verwendet wird. Dazu müssen wir in den Bereich jenseits von ihren Kräften, Erscheinungsformen und Qualitäten des Wirkens gelangen. Sonst bleiben wir ihren Bedingungen unterworfen und werden hilflos von ihr beherrscht; wir sind dann nicht Im Geiste frei.

Die Vorstellung von den drei wesenhaften Qualitäten (guna) der Natur ist eine Schöpfung der alten indischen Denker. Ihre Wahrheit leuchtet nicht sofort ein, da sie das Ergebnis eines langen psychologischen Experimentierens und tiefer, innerer Erfahrung war. Wenn man keine solche lange innere Erfahrung hat, sich selbst nicht bis ins Innerste beobachtet und nicht intuitiv die Naturkräfte wahrnimmt, ist es schwierig, sie genau zu verstehen und wirksam zu verwenden. Dennoch können bestimmte allgemeine Andeutungen dazu helfen, dass der Suchende auf seinem Weg der Werke die Kombinationen seiner eigenen Natur versteht, analysiert und durch seine Zustimmung oder Ablehnung beherrscht. Diese Qualitäten werden in den indischen Büchern die Beschaffenheit Gunas genannt. Ihre Namen sind sattva, rajas, tamas. Sattwa ist die Kraft des Gleichgewichts und tritt in seiner Qualität als das Gute, die Harmonie, als Frohsinn und als das Lichte hervor. Rajas ist die Kraft der bewegten Energie und äußert seine Qualität als Kampf und Ringen, Leidenschaft und Aktion. Tamas ist die Kraft der Unbewusstheit und Trägheit; es drückt sich in der Qualität der Verfinsterung, der Unfähigkeit und des Mangels an Aktivität aus. Die Unterscheidungen werden zwar gewöhnlich nur für die psychologische Selbst-Analyse verwendet, sie gelten aber auch in der physischen Natur. In jedem Ding und in jeder Existenz in der niederen Prakriti sind die Mächte dieser drei Qualitäten enthalten. Der Ablauf ihrer Aktivität und ihre dynamische Form sind das Ergebnis des aufeinander Einwirkens der Gunas.

Jede belebte oder unbelebte Gestaltung in der Natur befindet sich in einem ständig neu hergestellten Gleichgewicht der in Bewegung befindlichen natürlichen Kräfte. Sie ist einem unendlichen Strom hilfreicher, störender oder zerstörender Kontakte mit anderen Kräfte-Kombinationen in ihrer Umwelt ausgesetzt. Die Natur unseres Mentals, Lebens und des Körpers ist nichts anderes als eine solche formgebende Kombination von Kräften und ihr Gleichgewicht. In der Art, wie wir die Kontakte aus unserer Umgebung aufnehmen und auf sie reagieren, bestimmen die drei Qualitäten das Temperament des Empfängers und den Charakter seiner Reaktion. Ist er träge und untauglich, dann erduldet er sie ohne eine ausgesprochene Reaktion, ohne eine Regung der Selbstverteidigung oder die Fähigkeit, sie sich oder sich ihnen anzupassen. Das ist die Qualität des Tamas, die Art der Stumpfheit. Die typischen Merkmale des tamas sind intellektuelle Blindheit und Unbewusstheit, Untüchtigkeit an Leistung und Verstand, Schwerfälligkeit, Faulheit und Tatenlosigkeit, mechanische Routine und Betäubung des Mentals, Schläfrigkeit im Lebensgefühl und ein Schlummern der Seele. Wenn das Tamas nicht durch andere Elemente korrigiert wird, resultiert aus ihm nur die völlige Auflösung der Form oder des Gleichgewichts der Natur ohne irgendeine Neuschöpfung, ohne ein neues Gleichgewicht der Energien und ohne Kraft zu einem dynamischen Vorwärtskommen. Im Kern dieser trägen Kraftlosigkeit liegt das Prinzip der Unwissenheit und eine Unfähigkeit oder träge Unwilligkeit, den Anreiz oder Angriff des Kontaktes der Umweltkräfte, ihre Anregung oder ihr Drängen nach einer frischen Erfahrung zu verstehen, anzunehmen und zu verwenden.

Andererseits kann der Empfänger der Kontakte der Natur, von ihren Kräften berührt und angeregt, herausgefordert oder angegriffen, auf ihren Druck zustimmend oder ablehnend reagieren. Mit ihrer Erlaubnis, Ermutigung oder unter ihrem Zwang kann er kämpfen, Widerstand leisten, sie zu bewältigen suchen, über seine Umwelt herrschen oder sie an sich reißen, seinen Willen durchsetzen, ringen, Neues schaffen und erobern. Das ist die Qualität des Rajas, die Art der Leidenschaft, der Aktion, des Durstes unseres Begehrens. Aus dem Rajas entsteht Kampf, Umwandlung und neue Schöpfung, Sieg und Niederlage, Freude und Leiden, Hoffnung und Enttäuschung. Diese Energien bauen das bunte Haus des Lebens, an dem Rajas seine Freude hat. Sein Wissen ist aber ein unvollkommenes oder falsches Wissen. Dadurch kommt es immer wieder zu ignorantem Krafteinsatz, zu Irrtum, zu unrichtiger Anpassung, zum Leid aus Neigungen, zum enttäuschten Begehren, zum Kummer des Verlierens und Versagens. Die Gabe des Rajas ist eine bewegende Kraft, Energie, Aktivität, die Macht, die erschafft, handelt und überwinden kann. Rajas macht aber seine Bewegungen im Schein der falschen oder Halblichter der Unwissenheit und wird durch die Einwirkung der dämonischen Mächte des Asura, Rakshasa und Pishacha verderbt. Die anmaßende Unwissenheit des menschlichen Mentals, seine selbstzufriedenen Entstellungen und dünkelhaften Irrtümer, Stolz, Eitelkeit und Ehrgeiz, Grausamkeit, Tyrannei, brutaler Zorn und Gewalttätigkeit, Egoismus, Gemeinheit, Heuchelei und Verrat, abscheuliche Niedertracht, Lust, Gier und Habsucht, Eifersucht, Neid, abgrundtiefe Undankbarkeit – all das entstellt die Erden-Natur und entspringt aus dieser zwar unentbehrlichen, aber starken und gefährlichen Tendenz in der Natur.

Das verkörperte Wesen ist nicht allein auf diese beiden Qualitäten der Prakriti begrenzt. Es gibt noch eine bessere und erleuchtete Art, wie der Mensch mit den Einwirkungen seiner Umwelt und mit dem Strom der Weltkräfte umgehen kann. Wir können sie mit klarem Verstehen und in gelassener Haltung annehmen und entsprechend auf sie reagieren. Diese Qualität des natürlichen Wesens hat die Macht, weil sie Verständnis aufbringt, auch Sympathie zu empfinden. Sie ergründet, kontrolliert und entfaltet den Drang der Natur und ihre Aktionsweisen. Sie besitzt eine Intelligenz, die in ihre Prozesse und deren Bedeutung eindringt. Sie kann sich an diese angleichen und sie deshalb verwenden. Es gibt dann eine erleuchtete Reaktion, die von den Kontakten nicht überwältigt wird, sondern das Beste aus allen Dingen angleicht, korrigiert, harmonisiert und auswählt. Das ist die Qualität des Sattwa, die Tendenz der Natur, die von Licht und harmonischer Ausgeglichenheit erfüllt ist. Sie strebt nach dem Guten, dem Wissen, nach tiefer Freude und Schönheit, nach Frohsinn, rechtem Verstehen, dem Gleichgewicht der Kräfte und nach gerechter Ordnung. Das Temperament des Sattwa ist die reiche Fülle einer hellen Klarheit des Wissens und einer ausstrahlenden Wärme des Mitfühlens und der innigen Nähe. Die Natur des Sattwa verleiht uns in vollkommenem Maße eine Feinheit und Erleuchtung, eine beherrschte Energie, eine vollendete Harmonie und Ausgeglichenheit des ganzen Wesens.

Kein Dasein ist ausschließlich in einer einzigen Form dieser Qualitäten der kosmischen Kraft ausgeprägt. In jedem Menschen und überall sind alle drei gegenwärtig. Ihre hin und hergehenden Beziehungen und einander durchdringenden Einflüsse kombinieren sich ständig und trennen sich wieder. Oft kommt es zu einem Konflikt, einem Ringen der Kräfte, einem Kampf um die Vormacht der einen über die andere. Sie alle besitzen in größerem oder geringerem Maß oder Grad, oft sogar in einem kaum wahrnehmbaren Minimum, die Qualität des Sattwa, ihre klaren Züge oder nicht geordneten Tendenzen von Licht, Klarheit und Frohsinn, eine feine Anpassung an die Umwelt und ein Mitgefühl mit ihr, Intelligenz, Ausgeglichenheit, das rechte Mental, das rechte Wollen und Fühlen, den wahren Impuls, die Tugend und die Ordnung. Alle besitzen aber auch die Qualitäten des Rajas, dessen Impulse, stürmische Ausbrüche des Begehrens, der Leidenschaft und des Kampfes, der Verkehrtheit, Falschheit und des Irrtums, der nicht balancierten Freude und des Leids, den aggressiven Drang, zu arbeiten und eifrig zu erschaffen, sowie starke, kühne, feurige oder wilde Reaktionen auf den Druck der Umwelt und auf die Anstürme und Verlockungen des Lebens. Alle haben ferner Zustände von Tamas und dessen stets verfinsternde Eigenschaft, ihre Augenblicke oder Anfälle der Unbewusstheit, ihre lang andauernde Gewohnheit oder vorübergehende Tendenz zur Resignation oder zu einem stumpfen Hinnehmen. Sie leiden an Schwäche der Konstitution oder an Anfällen von Müdigkeit, Nachlässigkeit und Indolenz. Sie versinken in Unwissenheit und Unfähigkeit, in Depression und Furcht, in ein feiges Zurückweichen. Oder sie unterwerfen sich der Umwelt oder dem Druck von Menschen, Ereignissen und Kräften. Jeder Einzelne von uns besitzt in mancher Tendenz der Energie seiner Natur oder in manchen Selten seines Mentals und Charakters die Qualitäten des Sattwa, in anderen die des Rajas, in wieder anderen die des tamas. Je nachdem die eine oder andere Qualität gewöhnlich sein allgemeines Temperament, den Typus seines Mentals und die Richtung seines Handelns beherrscht, sagt man von ihm, er sei ein Mensch nach der Art des Sattwa, des Rajas oder des Tamas. Wenige Menschen werden aber ständig durch eine einzige Qualität bestimmt, und kein Mensch besitzt ausschließlich nur eine einzige. Die Weisen sind nicht immer völlig weise, und die Intelligenten sind oft nur in bestimmten Beziehungen intelligent. Der Heilige unterdrückt in sich manche unheiligen Regungen, und ein gemeiner Mensch ist nicht völlig böse. Auch der Dümmste hat seine versteckten unausgelebten oder unentwickelten Fähigkeiten. Der Furchtsamste zeigt auf seine Art Anwandlungen von Mut. Der Hilflose und Schwächling besitzt in seiner Natur eine verborgene Seite der Stärke. Die Gunas, die in einem verkörperten Wesen besonders hervortreten, sind nicht sein wesenhafter Seelen-Typus. Vielmehr zeigen sie nur an, welche Gestaltung der Mensch für dieses Leben oder während seiner gegenwärtigen Existenz und in einem bestimmten Augenblick seiner Evolution in der Zeit angenommen hat.

Sobald der Sadhaka einmal hinter die Einwirkung der Prakriti in seinem Inneren oder von außen her zurückgetreten ist, ohne sich einzumischen, ohne sie abzuändern oder zu verhindern, ohne selbst zu wählen oder zu entscheiden, und sobald er ihr Kräftespiel zulässt, den Ablauf analysiert und beobachtet, entdeckt er, dass ihre Qualitäten nur durch sich selbst (und nicht von ihm) bedingt werden. Sie wirken wie eine Maschine, die man einmal anlaufen ließ und die nun aufgrund ihrer eigenen Konstruktion und der sie antreibenden Kräfte von selbst weiterarbeitet. Die Kraft und der Antrieb rühren von Prakriti her und nicht von dem Geschöpf. Dann versteht der Sadhaka erst richtig, wie irrig sein Eindruck war, sein eigenes Mental sei der Täter seines Wirkens. Sein Mental war dabei nur ein kleiner Teil von ihm und in viel stärkerem Maß eine Schöpfung, ein Mechanismus der Natur. Unablässig hatte die Natur mittels ihrer eigenen Qualitäten gearbeitet, indem sie die drei allgemeinen Guna sich so bewegen ließ, wie etwa ein Mädchen mit seinen Puppen spielt. Das Ego des Sadhaka war dabei nur Instrument und Spielzeug. Alles war das Kräftespiel der Natur, dem die Seele, von diesem angezogen, gewonnen und unterworfen, ihre passive Zustimmung gab. Sie bestimmte seinen Charakter und seine Intelligenz, seine moralischen Eigenschaften und mentalen Mächte, seine Schöpfungen, Werke und Errungenschaften, seinen Zorn und seine Langmut, seine Grausamkeit und seine Barmherzigkeit, seine Liebe und seinen Hass, seine Sünde und seine Tugend, sein Licht und seine Finsternis, seine Leidenschaft der Freude und seine Angst des Leidens. Die Determiniertheit durch die Natur oder Kraft ist jedoch nicht alles. Seine Seele hat dabei auch ein Wort mitzusprechen. Das ist aber die verborgene Seele, der Purusha, und nicht das Mental oder das Ego, da diese beiden keine unabhängigen Wesenheiten sondern Teile der Natur sind. Die Zustimmung der Seele ist für dieses Kräftespiel notwendig. Sie kann durch inneren schweigenden Willen als der Herr, der die Sanktion erteilt, das Prinzip des Kräftespiels bestimmen und in seine Kombinationen eingreifen, wobei es die Rolle der Natur und ihr Vorrecht bleibt, die Ausführung im Denken, Wollen, Handeln und Impuls zu vollziehen. Der Purusha kann eine Harmonie diktieren, die von der Natur geschaffen werden muss. Dabei greift er nicht in ihre Funktionen ein, sondern richtet bewusst seinen Blick auf sie, und Prakriti überträgt diesen dann, sogleich oder nach manchen Schwierigkeiten, in die ihr vom Purusha aufgetragene Idee, in einen dynamischen Anstoß, in eine bedeutungsvolle Gestaltung.

Es ist ersichtlich, dass wir uns von der Einwirkung der beiden niederen Guna unbedingt freimachen müssen, wenn wir unsere gegenwärtige Natur in eine Macht und Form des göttlichen Bewusstseins und in ein Werkzeug seiner Kräfte umwandeln wollen. Tamas verfinstert das Licht des göttlichen Wissens und hindert es daran, in die dunklen und dumpfen Winkel unserer Natur einzudringen. Tamas lähmt unsere Befähigungen und nimmt uns die Macht weg, auf einen göttlichen Impuls zu reagieren. Es raubt uns die Energie, uns umzuwandeln, und den Willen, weiter fortzuschreiten und uns für eine höhere Shakti formbar zu machen. Rajas verdirbt unser Wissen, macht unsere Vernunft zum Mittäter bei Lüge und Falschheit und zum Anstifter für jede unrichtige Regung. Es verwirrt und verrenkt unsere Lebenskraft und ihre Impulse und zerrüttet die Harmonie und Gesundheit des Körpers. Rajas reißt alle hochsinnigen Ideen und hochgemuten Regungen an sich und verwendet sie für seinen falschen, egoistischen Gebrauch. Selbst die göttliche Wahrheit und die göttlichen Einflüsse können, wenn sie in die Erdebene herunterkommen, diesem Missbrauch und dieser Beschlagnahme nicht entgehen. Solange das tamas unerleuchtet und das Rajas nicht umgewandelt ist, können wir unmöglich zu einer Verwandlung in das göttliche Wesen und göttliche Leben kommen.

Es könnte so aussehen, als ob wir ausschließlich das Sattwa zuhilfe zu nehmen brauchten, um einen Ausweg zu finden. Hier besteht aber eine Schwierigkeit: Keine dieser Qualitäten kann sich aus eigener Kraft gegen die beiden anderen, Genossen und Rivalen, durchsetzen. Wenn wir die Qualität des Begehrens und der Leidenschaft als die Ursache der Verwirrung, des Leidens, der Sünde und des Kummers ansehen, bemühen wir uns und arbeiten daran, sie zu unterdrücken und niederzuhalten. Dann geht wohl Rajas unter, aber dafür erhebt sich Tamas. Denn wenn das Prinzip der Aktivität gelähmt ist, nimmt die Trägheit seinen Platz ein. Durch das Prinzip des Lichts kann wohl ein stiller Friede und Frohsinn, eine Erkenntnis, eine Liebe und ein rechtes Empfinden bewirkt werden. Wenn dabei aber Rajas fehlt oder völlig unterdrückt ist, wird die Stille in der Seele leicht zu einer Ruhe der Untätigkeit, die kein festes Fundament für eine dynamische Umwandlung ist. Die Natur erlangt dann zwar vielleicht ein richtiges Denken und rechtes Handeln, sie wird gut, mild und ausgeglichen. Das alles bleibt aber wirkungslos, denn sie nimmt in ihren dynamischen Teilen die kombinierte Qualität des Sattwa-Tamas an, sie wird neutral, blass an Farbe, unschöpferisch und aller Macht entleert. Zwar kommt es vielleicht nicht zu einer mentalen oder moralischen Verfinsterung. Es fehlen aber auch die intensiven Sprungfedern des Handelns. Und das ist eine stark behindernde Beschränkung und eine andere Art Unfähigkeit. Das tamas- Prinzip wirkt sich in doppelter Welse aus: es widersetzt sich dem Rajas durch seine Trägheit, und es widersteht dem Sattwa durch seine Unerleuchtetheit, Enge und Unwissenheit. Wenn die beiden anderen Qualitäten unterdrückt werden, strömt tamas in den Leerraum ein, um ihren Platz einzunehmen.

Rufen wir andererseits Rajas zu Hilfe, damit es diesen Irrtum korrigiert und sich mit Sattwa verbünden soll, um durch das Zusammenwirken mit ihm das dunkle Prinzip auszumerzen, wird unser Handeln zwar auf eine höhere Stufe emporgehoben. Es ist aber dort wieder dem Rajas mit seinem Ungestüm, seiner Leidenschaft, Enttäuschung, seinen Leiden und seinem Zorn unterworfen. Diese Regungen können dann an Ausmaß, Geist und Aktion noch viel mehr verstärkt werden als zuvor. Das ist gewiss nicht der Friede, die Freiheit, Macht und Selbstbemeisterung, nach der wir streben. Wo immer das Begehren und das Ego ihre Schlupfwinkel haben, hausen bei ihnen auch die Leidenschaft und die Verwirrung und nehmen an ihrem Leben Anteil. Wenn wir einen Kompromiss unter den drei Qualitäten etwa in der Weise suchen, dass das Sattwa lenkt und die anderen sich unterordnen, sind wir nur zu einer abgemilderten Wirkensweise im Spiel der Natur gekommen. Wir haben zwar ein neues Gleichgewicht erlangt. Spirituelle Freiheit und Meisterschaft sind aber nicht in Sicht; sie sind immer noch eine in weiter Ferne liegende Hoffnung.

Eine radikal andersartige Bewegung muss uns von den Gunas wegbringen und über sie emporheben. Der Irrtum muss aufhören, der das Wirken der Qualitäten der Natur überhaupt akzeptiert. Denn solange deren Aktivität fortdauert, ist unsere Seele in ihre Operationen verwickelt und ihrem Gesetz unterworfen. Wir müssen ebenso über Sattwa wie über Rajas und tamas hinauskommen. Die goldene Kette der ersteren soll ebenso zerrissen werden wie die Fesseln aus Blei und die mit einer anderen Legierung verzierten Bande der letzteren. Zu diesem Zweck schreibt die Gita eine besondere Methode der Selbstdisziplin vor. Wir sollen aus der Aktion der Qualitäten in unser Selbst-Wesen zurücktreten. Ihre unsteten Prozesse sollen wir als Beobachter, als Zeugen wahrnehmen und dabei unseren Stand oberhalb der wogenden Kräfte der Natur einnehmen. Der Zeuge beobachtet sie wohl. Er bleibt aber unparteiisch und neutral, über sie und ihre Ebene erhaben. Er steht in seinem eigentlichen ursprünglichen Stand hoch über ihnen. Der Beobachter schaut auf sie und beobachtet sie, wie sie in Wellen emporsteigen und zurücksinken. Er akzeptiert sie in keinem Augenblick und greift auch nicht in ihren Lauf ein. Zuerst müssen wir die Freiheit des apersonalen Beobachters erlangen. Dann erst kann die Beherrschung durch den Meister, den Ishwara, kommen.

Der grundlegende Vorteil bei diesem Vorgang der Loslösung besteht darin, dass wir unsere eigene Natur und die gesamte Natur immer besser verstehen. Der ohne eine anhaftende Bindung beobachtende Zeuge kann deutlich, ohne im mindesten durch seinen Egoismus blind gemacht zu sein, das Spiel der Qualitäten der Unwissenheit betrachten und es bis in all seine Verzweigungen, Verhüllungen und Subtilitäten hinein verfolgen. Dieses Spiel ist voll von Tarnung, Vermummung, Fallstricken, Verrat und List. Durch lange Erfahrung belehrt, kann er, jeglichen Wirkens und aller Bedingungen ihres Zusammenspiels bewusst, in der weisen Kenntnis aller ihrer Abläufe nicht mehr durch ihre Anstürme besiegt, in ihren Netzen überrascht und durch ihre Verkleidungen getäuscht werden. Dabei erkennt er auch, dass das Ego nichts weiter ist als ein Mittel für ihr Zusammenwirken und für diese dauernde Verknotung. Wenn er das einsieht, wird er von der Illusion seiner niederen egoistischen Natur befreit. So entrinnt er dem Egoismus der Sattwa-Qualität im Altruisten, Heiligen und Denker. Er schüttelt auch das Rajas des Ichsüchtigen ab, das seine Lebensimpulse kontrolliert. Nun ist er nicht länger der beflissene Diener des Eigennutzes, der verwöhnte Gefangene oder mühselige Galeerensklave der Leidenschaft und des Begehrens. Mit dem Licht des Wissens vernichtet er das egoistische tamas in seinem ignoranten und passiven Wesen, das dumpf und ohne Intelligenz an den gewöhnlichen Kreislauf des menschlichen Lebens gebunden ist. Da er überzeugt und bewusst geworden ist, was für ein Laster der Ego-Sinn seinem Wesen nach in all unserem persönlichen Wirken ist, sucht er nicht weiter nach einem Mittel, sich im Rahmen des Egos des Rajas oder des Sattwa zu korrigieren oder zu befreien, er schaut vielmehr nach oben, über die Instrumente und Wirkensweisen der Natur hinaus, allein zu dem Meister alles Wirkens und zu seiner erhabenen Shakti, zur höchsten Prakriti. Dort allein ist alles Wesen rein und frei; dort allein ist die Herrschaft einer göttlichen Wahrheit möglich.

Bei diesem Gang nach vorwärts ist der erste Schritt eine gewisse, von allem Anhaften freie Überlegenheit über die drei Qualitäten der Natur. Die Seele bleibt im Inneren abgesondert und frei von der niederen Prakriti. Sie ist nicht in ihre gewundenen Gänge verwickelt, sondern steht neutral und froh über ihr. Die Natur wirkt zwar immer im dreifachen Kreislauf ihrer alten Gewohnheiten weiter: Begehren, Kummer und Freude greifen unser Herz an; die Funktionen unseres Wesens versinken in Tatenlosigkeit, Verfinsterung und Ermattung; und dann kehren das Licht und der Friede wieder in das Herz, das Mental und den Körper zurück. Jedoch die Seele steht unwandelbar und unberührt durch diese Veränderungen darüber. Die beobachtende Seele bleibt unbewegt vom Kummer und Begehren der niederen Organe. Sie lächelt über ihre Freuden und ihr Ringen. Sie schaut dem Versagen und den Finsternissen des Denkens, der Wildheit oder Schwäche des Herzens und der Nerven zu und wird dadurch nicht überwältigt. Sie unterliegt keinem Zwang und bleibt auch frei von der Gebundenheit an die Erleuchtungen des Mentals mit ihrem Trost, von seinem Empfinden der Erleichterung oder der Macht, wenn das Licht und der Frohsinn zurückkehren. Sie selbst geht in all dem nicht unter, sondern wartet unbewegt auf die Anregungen durch einen höheren Willen und auf die Intuitionen durch ein größeres erleuchtetes Wissen. Da sie das fortgesetzt tut, wird sie allmählich selbst in ihren dynamischen Seiten frei vom Widerstreit der drei Qualitäten, von ihren unzulänglichen Werten und ihren einengenden Beschränkungen. Nun fühlt diese niedere Prakriti immer stärker eine zwingende Einwirkung vonseiten einer höheren Shakti. Die alten Gewohnheiten, an die sie sich so sehr geklammert hatte, empfangen nun keine weitere Sanktion mehr. Darum stellen sie sich immer seltener ein und verlieren immer mehr ihre Kraft der Wiederkehr. Schließlich erkennt die Seele, dass sie zu einem höheren Wirken und zu einem besseren Stand berufen ist. Sie unterwirft sich, wenn auch noch langsam und widerstrebend, anfangs sogar mit einem starken und lang anhaltenden Widerwillen und einer strauchelnden Unwissenheit. Sie ändert nun die ganze Richtung ihres Wegs und bereitet sich auf die Umwandlung vor.

Die statische Freiheit der Seele, die nicht mehr nur beobachtet und weiß, wird durch eine dynamische Transformation der Natur gekrönt. Die ständige Vermischung der drei Qualitäten und ihre unausgeglichene Einwirkung aufeinander in unseren drei Instrumenten des Mentals, des Vitals und des Körpers verläuft jetzt nicht mehr so, wie es früher das Normale war, verworren, gestört und unangemessen in Aktion und Bewegung. Vielmehr wird eine andere Aktion möglich, die anfängt, wächst und Höhe gewinnt. Sie wirkt in einem wahren Sinne erleuchteter, natürlicher und normaler, dem tiefsten göttlichen Zusammenspiel von Purusha und Prakriti entsprechend, obwohl das für unsere gegenwärtige unvollkommene Natur noch etwas supranatürliches und übernormales ist. Der Körper, der die Voraussetzung für das physische Mental schafft, verlangt nicht länger nach Trägheit des tamas, das immer dieselbe unwissende Bewegung wiederholt. Er wird zum passiven Feld und Werkzeug für eine größere Kraft und ein stärkeres Licht. Er reagiert auf jede Anforderung der Kraft des Geistes. Er unterstützt jede andere Art und Intensität einer neuen göttlichen Erfahrung. Unsere vitalen Wesensseiten mit ihrer ständigen Bewegung und Dynamik, unser nervliches, emotionales, empfindendes und wollendes Wesen dehnen sich machtvoll aus und ermöglichen die unermüdliche Betätigung und selige Freude am höheren Erleben. Sie lernen zugleich auch, auf dem Fundament einer weiten, vom Selbst beherrschten und im Selbst ausgeglichenen Stille zu stehen. Diese ist an Kraft äußerst fein, in ihrer Ruhe göttlich, sie exaltiert sich nicht in der Freude und wird nicht vom Kummer aufgeregt und vom Schmerz gequält, von Begehren und lästigen Impulsen hin und hergerissen und nicht durch Unfähigkeit und Stumpfsinn gelähmt. Die Intelligenz, das denkende, verstehende und reflektierende Mental, legt seine aus dem Sattwa herrührenden Begrenzungen ab und öffnet sich für ein wesenhaftes Licht und einen wesenhaften Frieden. Ein unendliches Wissen bietet uns seine herrlichen Bereiche an, ein Wissen, das nicht aus mentalen Konstruktionen besteht, das nicht durch eine Meinung und Idee gebunden oder von einer strauchelnden ungewissen Logik oder von der ärmlichen Unterstützung durch die Sinne abhängig ist. Vielmehr ist es seiner selbst gewiss, authentisch, all-durchdringend, all-umfassend, eine Seligkeit und ein Friede ohne Grenzen. Dieses Wissen braucht nicht erst von der hemmenden Mühsal einer schaffenden Energie und einer dynamischen Aktion befreit zu werden; es erschöpft sich auch nicht in einem begrenzten Glücksempfinden; es existiert vielmehr aus dem Selbst und schließt alles ein. Diese höheren Kräfte ergießen sich in immer umfassender werdende Bereiche und durch immer breitere und zahlreichere Kanäle, um die ganze Natur in Besitz zu nehmen. Eine höhere Kraft, Seligkeit und Erkenntnis, deren Ursprung jenseits des Mentals, des Lebens und des Körpers liegt, nehmen diese in ihre Macht, um sie in ein göttlicheres Bild umzugestalten.

Hier kommen wir über die Disharmonien der dreifachen Qualität unserer niederen Existenz hinaus. Wir stehen am Anfang der Erfahrung einer höheren dreifachen Qualität göttlicher Natur. Dort gibt es keine Verfinsterung durch Tamas und keine Trägheit. Tamas wird durch einen göttlichen Frieden ersetzt; ruhige ewige Ausgeglichenheit breitet sich aus. Aus ihr geht wie aus einem erhabenen Urgrund der Konzentration in der Stille das Kräftespiel des Handelns und des Wissens hervor. Nun gibt es auch keine ungestüme Energie des Rajas mehr, kein freudvolles oder leidvolles Ringen beim Handeln, Erschaffen und Besitzen, kein fruchtbares Chaos eines verworrenen Impulses. Rajas wird durch eine Macht ersetzt, die im Besitz des Selbst bleibt. Das unbegrenzbare Wirken ihrer Kraft erschüttert, selbst in ihren machtvollsten Intensitäten, nicht das unbewegliche Gleichgewicht der Seele und stört nicht die ungeheuer hohen und tiefen Himmel und die erleuchteten Abgründe Ihres Friedens. Hier gibt es nicht mehr das konstruierende Licht des Mentals, das mit seinem Schein die Wahrheit fangen und einsperren will. Hier hört auch jene unsichere inaktive Ruhe auf. Sattwa wird durch eine Erleuchtung und eine spirituelle Seligkeit ersetzt, die mit der Tiefe und unendlichen Existenz der Seele identisch ist, durchdrungen von einem direkten, authentischen Wissen, das unmittelbar aus den verhüllten Herrlichkeiten der geheimen Allwissenheit entspringt.

Das ist das höhere Bewusstsein, in das unser niederes Bewusstsein umgewandelt werden soll. Die Natur der Unwissenheit mit ihrer unruhigen, unausgeglichenen Aktivität der drei Qualitäten wird verwandelt in diese höhere erleuchtete Übernatur. Zuerst werden wir von den drei Gunas befreit. Wir sind nicht mehr an sie gebunden und werden nicht mehr von ihnen verwirrt, wir sind nistraigunya. Damit gewinnen wir aber nur den ursprünglichen Zustand der Seele, des Selbst, des Geistes wieder, die nun frei in ihrer bewegungslosen Ruhe die Bewegung der Prakriti in ihrer Kraft der Unwissenheit beobachten. Wenn aber die Bewegung der Prakriti auf dieser Grundlage der Natur auch frei werden soll, muss das durch das Stilllegen alles Wirkens in erleuchtetem Frieden und in einem Schweigen geschehen, in dem alle notwendigen Bewegungen ohne bewusste Reaktion und Teilnahme geleistet werden, ohne dass das Mental oder das Wesen des Lebens die Initiative zum Handeln ergreift, ohne ein Wellengekräusel des Denkens oder einen Wirbel in den vitalen Funktionen. Alles muss durch den Impuls, die Initiative und das Wirken einer apersonalen kosmischen oder transzendenten Kraft getan werden. Ein kosmisches Mental und ein kosmisches Leben, sowie eine kosmische Substanz müssen wirksam eingreifen oder eine transzendente Selbstmacht und Seligkeit, die etwas anderes ist als unser personales Wesen oder seine Gestaltung der Natur. Das ist ein Zustand der Freiheit, den wir im Yoga der Werke erlangen können, wenn wir dem Ego absagen, das Begehren und die personale Initiative ausmerzen und unser Wesen völlig an das kosmische Selbst oder an die universale Shakti hingeben. Das kann auch im Yoga des Wissens dadurch geschehen, dass wir das Denken zum Stillstand bringen, das Mental in das Schweigen versinken lassen und unser ganzes Wesen auftun für das kosmische Bewusstsein, das kosmische Selbst, das kosmische Kräftespiel oder für die erhabene Wirklichkeit. Im Yoga der Hingabe (Bhakti-Yoga) erlangen wir dieselbe Freiheit, wenn wir unser Herz und unsere innere Natur der Hand des All-Seligen, des angebeteten Meisters unseres Daseins überantworten. Die höchste Höhe der Umwandlung tritt aber ein, wenn wir eine noch positivere und dynamischere Transzendenz jenseits von unserem jetzigen Zustand erreichen. Dort werden wir in einen noch höheren spirituellen Zustand, trigunātīta, versetzt und so verwandelt, dass wir in ihm an einer noch größeren spirituellen Kraft teilhaben. Die drei niederen unausgeglichenen Qualitäten gehen in die ausgeglichene dreieinige Qualität einer Stille, eines Lichtes und einer Kraft der Ewigkeit über, in die Ruhe, die Bewegung und die Erleuchtung der göttlichen Natur.

Die höchste Harmonie kann aber erst dann eintreten, wenn der egoistische Wille, das eigene Entscheiden und Handeln aufhören und unsere begrenzte Intelligenz ganz stille geworden ist. Das individuelle Ego muss aufhören zu kämpfen. Das Mental soll in die Stille versinken. Der Begehrens-Wille soll lernen, nicht von sich aus die Initiative zu ergreifen. Unsere Personalität soll mit ihrem Ursprung eins werden. Alles Denken und jegliche Initiative sollen von oben her kommen. Der verborgene Meister unserer Handlungen wird uns immer klarer enthüllt. Er wird aus der sicheren Gewissheit des höchsten Willens und Wissens seine Sanktionen an die Göttliche Shakti erteilen, die dann in uns als in ihrem Instrument alle Werke in einer von ihr geläuterten erhabenen Natur tut. So wird das individuelle Zentrum der Personalität allein die Funktion haben, hier ihre Werke zu tragen und zu fördern. Es wird ihr Empfänger und ihr Kanal, der Reflektor ihrer Macht sein. Es wird erleuchtet an ihrem Licht, ihrer Freude und Kraft teilhaben. Wenn dieses individuelle Zentrum dann handelt, wird es doch nicht selbst der Handelnde sein, und keine Reaktion der niederen Prakriti wird es berühren. So ist es also die erste Voraussetzung, dass wir über die drei Qualitäten der Natur hinauskommen. Der entscheidende Schritt bei dieser Umwandlung ist jedoch ihre Transformation, durch die der Weg der Werke aus der Enge und den Abgründen unserer unerleuchteten menschlichen Natur in die grenzenlose Weite der Wahrheit und des Lichtes emporsteigt.