Kapitel 1

Willst du ein wahrer Vollbringer göttlicher Werke sein

Worte der Mutter

Wie sollten wir nun vorgehen, wenn die Sadhana nicht persönlicher, sondern kollektiver Natur ist?

Man muss sich weiten.

Die Arbeit ist komplizierter, komplexer und benötigt mehr Stärke, eine größere Weite, mehr Geduld, Toleranz und Ausdauer.

Dennoch, wenn jeder in einer vollkommenen Weise das tut, was er zu tun hat, dann bilden alle zusammen eine einzige Person, die die Sadhana für alle tut. Wenn es fünfzig Leute gibt, die den Integralen Yoga praktizieren, und nur einer tut die Arbeit, dann tut er sie für alle. Wenn aber jeder von den fünfzig es für alle tut, dann tut er es tatsächlich für eine Person, denn jeder arbeitet für jeden. Dies sollte unter allen eine Einheit schaffen, die stark genug ist, um den einen ununterscheidbar vom anderen zu machen. Und das ist der ideale Weg, dass alle zusammen nur einen Körper bilden, eine Persönlichkeit, die gleichzeitig und unterschiedslos für sich selbst und für andere arbeitet.

Um die Wahrheit zu sagen, ist dies die erste Frage, die sich stellte, als ich Sri Aurobindo begegnete. Sollten wir eine intensive individuelle Sadhana machen und uns aus der Welt zurückziehen, das heißt keinen Kontakt mit anderen mehr haben, um so ans Ziel zu gelangen und uns danach auf andere einzulassen? Oder sollte man alle anderen mit derselben Aspiration kommen, die Gruppe sich natürlich und spontan bilden lassen und alle gemeinsam auf das Ziel zuschreiten? Beide Möglichkeiten waren gegeben.

Die Entscheidung war keine verstandesmäßige, überhaupt nicht. Ganz natürlich und spontan bildete sich die Gruppe und brachte sich als zwangsläufige Notwendigkeit ein. Es war keine Wahl mehr zu treffen. Und wenn du einmal auf diese Weise anfängst, ist es gelaufen, du musst bis zum Ende hindurchgehen.

Wenn du die Arbeit allein tun willst, ist es absolut unmöglich, sie auf eine vollständige Art zu tun, denn das gesamte physische Wesen, wie vollkommen es auch sein mag, selbst wenn es von einer ganz und gar höheren Qualität ist und selbst wenn es für eine ganz spezielle Arbeit geschaffen wurde, kann immer nur ein Teil und begrenzt sein. Es repräsentiert nur eine Wahrheit, ein Gesetz der Welt; es mag ein äußerst komplexes Gesetz sein, aber es ist nur ein Gesetz – was in Indien Dharma genannt wird –, und die Gesamtheit der Umwandlung kann nicht durch das allein, durch einen einzigen Körper gemacht werden. Deshalb wurde die Vielfalt spontan geschaffen.

Du kannst ganz allein deine eigene Vollkommenheit erlangen. Du kannst in deinem Bewusstsein endlos und vollkommen werden. Die innere Verwirklichung ist grenzenlos. Die äußere Verwirklichung ist dagegen zwangsläufig begrenzt, und wenn du deshalb eine allgemeinere Aktion willst, bedarf es einer minimalen Anzahl an Personen.

Eine ganz alte Tradition setzt die Zahl auf zwölf fest. Aber angesichts der Komplexität des modernen Lebens scheint dies nicht mehr ausreichend. Eine repräsentative Gruppe wird benötigt. Und deshalb repräsentiert jeder von euch, auch wenn euch das nicht bewusst ist, eine der Schwierigkeiten, die es für die Transformation zu überwinden gilt. Das schafft viele Schwierigkeiten. Es gibt mehr als eine Schwierigkeit. Ich glaube, ich habe vor einiger Zeit gesagt, dass jeder von euch eine Unmöglichkeit repräsentiert, die aufzulösen ist, und erst wenn alle Unmöglichkeiten aufgelöst sind, wird das Werk vollendet sein.

Und jetzt bin ich etwas freundlicher, ich spreche nicht von Unmöglichkeiten, sondern von Schwierigkeiten; denn vielleicht handelt es sich nicht länger um Unmöglichkeiten.

Dieser kollektive Charakter der Sadhana ist der Grund dafür, dass ich von Anfang an – und jetzt, wo unsere Gruppe so stark angewachsen ist, habe ich noch mehr Grund dazu – antworte, wenn jemand zu mir kommt und sagt, ich habe draußen eine Menge Probleme, und ich schaffe es nicht, damit fertig zu werden, und deshalb will ich hierher kommen, weil mir das helfen wird: „Nein, hier wird es noch schwieriger für dich, deine Probleme werden deutlich größer werden, denn es werden nicht mehr nur isolierte Schwierigkeiten sein, sondern kollektive Schwierigkeiten werden dazukommen. Es werden alle Reibungen, Kontakte, Reaktionen, alles was von außen kommt, dich als Test genau in deinem schwachen Punkt treffen, im sensibelsten Bereich. Hier wirst du genau das Wort und den Satz hören, den du nicht hören wolltest, und von den Leuten wird genau die Geste kommen, die dich verletzen wird. Immer wieder wirst du dich dem Umstand, der Tatsache, dem Gegenstand oder was auch immer, jedenfalls von allen genau der Sache gegenüber sehen, die du am wenigsten geschehen lassen wolltest. Und genau das passiert und passiert mehr und mehr, weil du deinen Yoga nicht für dich allein, sondern automatisch, ohne es zu wissen, für alle tust.“

Wenn also Leute hierherkommen und mir sagen, „Ich komme, um Frieden und Ruhe zu finden und Muse, um meinen Yoga zu machen,“ dann sage ich ihnen: „Das ganz sicher nicht! Geh sofort woanders hin, du wirst überall anders ruhiger sein als hier.“ Wenn aber jemand kommt und zu mir sagt, „Ich spüre, dass ich mich dem göttlichen Werk weihen muss. Ich komme, um zu arbeiten, um mich nützlich zu machen und ich bin bereit, jedwede Arbeit auszuführen“, dann sage ich ihm: „Es ist in Ordnung, wenn du den guten Willen, die Ausdauer und die Fähigkeit hast. Wenn du aber Abgeschiedenheit für deine innere Entwicklung suchst, dann ist es besser für dich, woanders hinzugehen. Wenn du nicht in der Lage bist, Frieden und Abgeschiedenheit in dir selbst zu schaffen, dich genug zu isolieren, um nach innen zu gehen, wenn du nicht in der Lage bist, dies unter den Bedingungen des alltäglichen Lebens zu tun, dann ist dies mit Sicherheit nicht der Ort, an dem du es können wirst; und deine erste Schwierigkeit wird genau darin bestehen, dass du dich von allem und jedem bedrängt fühlst und nicht in der Lage sein wirst, dich abzuschotten.“

Und das Gleiche gilt für alle. Leute, die einen schlechten Charakter haben, die zum Beispiel schnell ärgerlich werden, werden hier schlimmer als im normalen Leben, weil sie in der Welt von allen möglichen Notwendigkeiten des Lebens im Zaum gehalten werden – zum Beispiel werden sie hinausgeworfen, wenn sie sich verärgert gegen ihren Vorgesetzten auflehnen. Hier dagegen werden sie nicht hinausgeworfen, sondern es wird ihnen lediglich gesagt: „Versuche, dich zu kontrollieren.“

Es gibt einen weiteren Grund, warum deine Schwierigkeiten sich hier vermehren werden. Denn dies hier ist der Ort der Verwirklichung.

Im Leben bist du unbewusst, du existierst in einer recht vagen Halb-Bewusstheit. Du weißt nichts über dich, außer Scheinbarem, weiter nichts. Du bist und bleibst immer unfähig, deine Mission zu erfüllen, deshalb triffst du nicht auf Hindernisse und bist nicht im Kern der Schwierigkeit. Du bist lediglich eine Erscheinung, du bist voll und ganz eine Erscheinung. Deine Defizite sind klein, deine Tugenden sind klein, deine Fähigkeiten sind mittelmäßig und deine Schwierigkeiten auch. Du bist ganz und gar mittelmäßig, die ganze Zeit.

Erst, wenn du dich auf den Pfad der Verwirklichung begibst, werden deine Möglichkeiten real, und sofort werden deine Schwierigkeiten größer. Naturgemäß intensivieren sich die Dinge.

Worte Sri Aurobindos

Die einzige Schöpfung, die hier irgendeinen Platz hat, ist die supramentale Schöpfung, das Herabbringen der göttlichen Wahrheit auf die Erde, nicht nur in das Mental und Vital, sondern auch in den Körper und die Materie. Unser Ziel ist nicht, alle „Beschränkungen“ zu beseitigen, damit sich das Ego ausbreiten kann, oder der Erfüllung der Ideen des menschlichen Mentals oder den Begierden der egozentrischen Lebenskraft freien Lauf zu lassen oder unbeschränkten Spielraum zu schaffen. Keiner von uns ist hier, um das zu tun, „was uns gefällt“, oder eine Welt zu erschaffen, in der wir am Ende in der Lage sein würden, das zu tun, was uns gefällt. Wir sind hier, um das zu tun, was das Göttliche will, und eine Welt zu erschaffen, in welcher der Göttliche Wille seine Wahrheit manifestieren kann, die nicht länger mehr durch menschliche Unwissenheit deformiert oder durch vitales Begehren entstellt und falsch gedeutet wird. Die Arbeit, die der Sadhak des supramentalen Yoga zu leisten hat, ist nicht seine eigene Arbeit, für die er seine eigenen Bedingungen festlegen kann, sondern die Arbeit des Göttlichen, die er gemäß den Bedingungen zu verrichten hat, die vom Göttlichen festgelegt wurden. Unser Yoga wird nicht unseretwillen ausgeübt, sondern um des Göttlichen willen. Nicht unsere eigene persönliche Offenbarung haben wir zu suchen, die Offenbarung des individuellen Ego, von allen Schranken und Banden befreit, sondern die Offenbarung des Göttlichen. Aus dieser Offenbarung muss unsere eigene spirituelle Befreiung, Vollendung und Vollkommenheit hervorgehen und ein Teil davon sein, aber nicht in einem egoistischen Sinn oder für einen egozentrischen oder selbstsüchtigen Zweck. Auch darf diese Befreiung, Vollendung und Fülle nicht um unseretwillen, sondern sie muss um des Göttlichen willen gesucht werden. Ich hebe diesen Wesenszug der [supramentalen] Schöpfung hervor, weil ein fortwährendes Vergessen dieser einfachen und zentralen Wahrheit, eine bewusste, halb-bewusste oder völlig unwissende Verwirrung darüber die Ursache der meisten vitalen Aufsässigkeiten war, die manche individuelle Sadhana hier verdorben und den Fortschritt in der allgemeinen inneren Arbeit sowie die spirituelle Atmosphäre gestört hat.

Worte Sri Aurobindos

Betrachte dein Leben als etwas, das dir ausschließlich für das göttliche Werk gegeben ist und dafür, der göttlichen Manifestation zu dienen. Begehre nichts als die Reinheit, die Kraft, das Licht, die Weite, die Ruhe und das Ananda des göttlichen Bewusstseins und sein Drängen zur Umwandlung und Vervollkommnung deines Mentals, Lebens und Körpers. Erbitte nichts als die göttliche, spirituelle und supramentale Wahrheit, ihre Verwirklichung auf Erden und in dir und in allen, die berufen und auserwählt sind, und die nötigen Voraussetzungen für ihre Erschaffung und ihren Sieg über alle gegnerischen Kräfte.

Worte Sri Aurobindos

Willst du ein wahrer Vollbringer göttlicher Werke sein, muss dein erstes Ziel darin bestehen, von jeglichem Begehren und aller Eigenliebe völlig frei zu werden. Dein ganzes Leben muss eine Darbringung und ein Opfer an den Höchsten sein; das einzige Motiv deines Handelns sei zu dienen, zu empfangen, zu erfüllen und ein Werkzeug zu werden, das die Göttliche Shakti in ihrem Wirken offenbart. Du musst im göttlichen Bewusstsein wachsen, bis es keinen Unterschied mehr gibt zwischen deinem Willen und ihrem, keinen anderen Antrieb als ihren Anstoß in dir, kein Handeln, das nicht ihr bewusstes Wirken in dir und durch dich ist.

Bis du zu dieser vollständigen dynamischen Identifikation imstande bist, musst du dich als eine Seele und einen Körper betrachten, erschaffen zu ihrem Dienst, als jemand, der alles um ihretwillen tut. Auch wenn die Vorstellung des selbständig Handelnden in dir stark ist und du das Gefühl hast, dass du es bist, der handelt, so muss es dennoch für sie getan werden.

Worte Sri Aurobindos

Die Ausübung dieses Yoga erfordert eine ständige innere Besinnung auf das eine zentrale befreiende Wissen… In allem ist das eine Selbst, das eine Göttliche ist alles. Alle sind im Göttlichen, alle sind das Göttliche, und es gibt nichts anderes im Universum – dieser Gedanke oder dieser Glaube ist der ganze Hintergrund, bis er die gesamte Substanz des Bewusstseins des Arbeitenden wird. Ein Erinnern, eine dynamische Meditation dieser Art muss und wird sich am Ende in eine tiefe und ununterbrochene Vision und in ein lebendiges und allumfassendes Bewusstsein dessen verwandeln, woran wir uns so machtvoll erinnern oder worüber wir so beständig meditieren.