Kapitel 1

Savitri

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„Savitri„, das Gedicht, das Wort Sri Aurobindos, ist die kosmische Antwort auf die kosmische Frage. Und Savitri, die Person, die Gottheit, die Göttliche Frau, ist die Antwort des Göttlichen auf das menschliche Streben.

Die Welt ist ein großes Fragezeichen. Sie ist ein ewig und immer wiederkehrendes Rätsel. Der Mensch hat sich diesem Rätsel gestellt und versucht, zu einer Lösung zu kommen, seit ihm ein Mental zum Suchen und Fragen gegeben wurde.

Was ist dieses Universum? Woher ist es gekommen? Wohin geht es? Welchen Sinn hat all das? Warum ist der Mensch hier? Was ist das Objekt seiner Existenz?

Solcherart ist das menschliche Streben. Und Ashwapati beginnt auf seiner Suche, die Welt zu erkunden und zu verstehen, was sie ist und wie sie aufgebaut ist. Er betrachtet ihren Aufstieg Stufe für Stufe, Bewusstseinsebene für Bewusstseinsebene. Er erklimmt die Treppen, nimmt Kenntnis von den Arten und Wirkensweisen einer jeden und geht weiter, bereichert durch die Erfahrungen, die alle zu seinem sich entwickelnden Bewusstsein beitragen. Er stellt fest, dass der Aufstieg von der Unwissenheit zum Wissen verläuft. Der Mensch beginnt vom dunkelsten Grund der Unwissenheit, gleichsam vom Festgestein des Felsens, dem Körper, der materiellen Existenz. Unwissenheit ist hier absolute Unbewusstheit. Aus der totalen Abwesenheit von Bewusstsein beginnt das Wesen zu erwachen und sich zu einem sich allmählich entwickelnden, sich ausweitenden, vertiefenden und erhöhenden Bewusstsein zu erheben. Auf diese Weise schreitet Ashwapati voran und steigt von einem rein körperlichen Leben und Bewusstsein die nächste Sprosse der Leiter hinauf, zum ersten Auftreten und Ausdruck der Lebenskraft, dem vitalen Bewusstsein, zu den Energien und Formen des kleinen, niederen Vitals. Er geht weiter, steigt auf, und dort findet er ein mit der Dunkelheit vermengtes, zunehmendes Licht. Die Unwissenheit beginnt, ihre harten und dunklen Umhüllungen eine nach der anderen abzuwerfen und Platz zu machen für ausgerichtete und motivierte Energien. Er begegnet zu diesen Ebenen gehörenden Wesen und Kreaturen, die dort herumkrabbeln, greifen und klettern, und die von den Gesetzen bewegt werden, die diese Bereiche beherrschen. So gelangt Ashwapati in das höhere Vital, an die Grenze des Mentals.

Ashwapati sieht nun mit großer Klarheit, dass all diese Welten und die Wesen und Kräfte, die sie bewohnen, geplagt sind, als sei ein Balken unheilvoll auf ihre Körper gebrandmarkt. Trotz des inneren Drangs nach Aufstieg ist der Weg keine gerade Straße, sondern verläuft verschlagen und krumm und biegt in Nebenwege und Sackgassen ab. Die natürlichen, auf die Wahrheit gerichteten Bewegungen sind korrumpiert und verdreht. Hier herrschen Unwahrheiten und Anmaßungen in variierendem Ausmaß. Ashwapati versuchte die Ursache all dessen zu erkennen. Er tritt also hinter sie, taucht hinab und kommt in einen Bereich, der der Ursprung und die Basis der ganzen Unwissenheit, der Finsternis und der Unwahrheit zu sein scheint. Er kommt in das eigentliche Herz der Nacht, in den Abgrund des Bewusstseins. Dort trifft er die Mutter des Bösen und die Söhne der Dunkelheit. Er steht vor

…dem Tor eines falschen Unendlichen,

Einer Ewigkeit verhängnisvoller Absolutheiten…1

Hier sind die Kräfte, die alles herabziehen und ins Verderben locken, was das Streben des Menschen und der Drang der Welt aus des Göttlichen Dingen auszudrücken und zu erbauen versuchen. Dies ist die Welt, in der die Kräfte des ursprünglichen Unbewussten ihr primitives Spiel finden. Sie sind dunkel und gefährlich, sie erbeuten die Wesen der Erde, die nicht damit zufrieden sind, Vasallen der Dunkelheit zu sein, sondern versuchen, zum Licht zu gelangen.

Gefährlich ist diese Passage für den himmlischen Aspiranten:

Wo der rote Wolf am furtlosen Strom wartet

Und des Todes schwarze Adler in den Abgrund schreien…2

Er muss absolut wachsam sein, absolut auf der Hut, absolut aufrichtig.

Hier muss der Reisende des aufsteigenden Pfads –

Denn Königreiche der Hölle wagend windet sich die himmlische Route –

Innehalten oder den gefährlichen Ort langsam passieren,

Ein Gebet auf seinen Lippen und den großen Namen.3

Doch es gibt kein Entkommen. Der göttliche Reisende muss dieses Gebiet durchqueren, denn es liegt auf seinem Weg zum Ziel. Nicht nur das, es ist auch notwendig, durch diese Nacht zu gehen. Denn Ashwapati…

Kannte den Tod als einen Keller im Haus des Lebens,

Fühlte in der Zerstörung den eiligen Schritt der Schöpfung,

Kannte Verlust als Preis für einen himmlischen Gewinn

Und Hölle als Abkürzung zu den Toren des Himmels.4

Ashwapati gelangt nun in die höheren, leuchtenden Regionen. Er betritt Bereiche mit einem größeren Atem und einer weiteren Bewegung – das höhere Vital, und dann die noch leuchtenderen Regionen des höheren Mentals. Er erreicht die Himmel, wo die unsterblichen Weisen und die Gottheiten und Götter selbst wohnen. Ashwapati erkennt, dass sogar sie nur Teilwahrheiten, nur verschiedene Aspekte der Einen jenseitigen Wirklichkeit sind, wahr, aber begrenzt. Daher lässt er alles hinter sich und erreicht die einzige und alleinige Wirklichkeit, die transzendentale Wahrheit der Dinge, den unermesslichen und unendlichen und ewigen Zustand, die unbewegliche Existenz und das Bewusstsein und die Seligkeit.

Eine Unermesslichkeit sinnierte frei von einem Sinn für Raum,

Ein Ewigwährendes abgeschnitten von der Zeit…

Eine absolute Stille, unmitteilbar…5

Hier scheint das Ende seiner Suche zu sein, und man würde dort gerne für immer und ewig in diesem Zustand bleiben,

…geheimnisvoll, undurchdringlich, –

Unendlich, ewig, undenkbar, allein.6

Ashwapati war vielleicht gerade im Begriff, in diese Seligkeit gelockt zu werden, aber plötzlich kommt ihm ein Zweifel, ein Zögern, ein Fragen. Er hört eine Stimme:

Das Ego ist tot, wir sind frei von Sein und Sorge,

Wir sind fertig mit Geburt und Tod und Arbeit und Schicksal.

Oh Seele, es ist zu früh, dich zu freuen!

Du hast die grenzenlose Stille des Selbst erreicht,

Du bist in einen freudigen, göttlichen Abgrund gesprungen,

Aber wohin hast du den Auftrag des Selbst und die Kraft des Selbst geworfen?

Auf welch tote Böschung an der Straße des Ewigen?7

Ashwapati dreht sich um. Eine neue Wahrnehmung, ein neues Bewusstsein beginnt sich in ihm zu öffnen. Ein neuer Drang bewegt ihn. Er muss zu einer neuen Reise aufbrechen, zu einer neuen Suche und Vollendung. Die Welt existiert weder als eine Wahrheit noch als eine Illusion in sich selbst. Sie existiert in und durch die Mutter der Welten. Es gibt ein Motiv in ihrer Existenz und es ist ihr Wille, dass es in dieser Existenz ausgearbeitet wird. Die Welt bewegt sich zur Erfüllung eines Zwecks, der durch das Leben der Erde und das menschliche Leben entwickelt wird. Das unwissende, unvollständige menschliche Leben auf der Erde ist nicht das A und O des Lebens hier. Dieses Leben muss sich in ein Leben des Lichts, der Liebe und der Freude entwickeln, das hier unten vollkommen ist. Die Natur, wie sie jetzt ist, wird in eine neue, reine und strahlende Substanz umgewandelt. Ashwapati ist von diesem neuen Drang erfüllt und von dieser neuen Vision inspiriert. Er sieht und versteht jetzt die Wahrheit seines Lebens, das Ziel, das zu erreichen ist, den großen Traum, der hier auf der Erde in und durch die Materie verwirklicht werden muss. Er erkennt, wie sich die Natur pausenlos und unermüdlich über Äonen hin durch die Ewigkeit vorwärts gearbeitet hat. Er wird nun fast ungeduldig, die Vollendung hier und jetzt zu sehen. Die göttliche Stimme zeigt ihm jedoch die Weisheit des geduldigen Arbeitens und des langsamen Eilens. Die Stimme ermahnt ihn:

Ich bitte dich, dein Flammenherz nicht zu verschmelzen

Mit des Unbeweglichen weiter, gleichgültiger Seligkeit…

Deine Seele wurde geboren, um die geladene Kraft zu teilen,

Gehorche deiner Natur und erfülle dein Schicksal:

Nimm die Schwierigkeit und gottgleiche Mühe an,

Denn der langsame, allwissende Zweck lebt…

Alle Dinge werden sich in Gottes verklärender Stunde ändern.8

Doch ist die menschliche Flamme einmal entfacht, dann ist sie schwer zu löschen. Sie sucht ein unmittelbares Resultat. Sie versteht die Fülle der Zeit nicht. Ashwapati ruft also:

Schwer und lang sind die Jahre, die unsere Arbeit zählt

Und die Siegel auf des Menschen Seele sind noch fest,

Und müde ist der alten Mutter Herz…

Verweile nicht lang mit deiner verwandelnden Hand

Vergeblich auf einen goldenen Stab der Zeit gepresst…

Lass ein großes Wort aus den Höhen gesprochen werden

Und eine große Tat die Türen des Schicksals entriegeln.9

Dieser laute Schrei der menschlichen Seele berührte die Göttliche Mutter und schließlich erhörte sie sein Gebet. Sie antwortete und gewährte der sehnsüchtigen, durstigen Seele ihren mütterlichen Trost:

Oh starker Wegbereiter, ich habe deinen Ruf gehört.

Einer wird hinabsteigen und das eiserne Gesetz brechen…

Ein Samen wird gesät werden in des Todes schrecklicher Stunde,

Ein Zweig des Himmels in menschliche Erde verpflanzt,

Die Natur wird ihren sterblichen Schritt überspringen,

Schicksal wird durch unveränderlichen Willen verändert werden.10

Und Sie selbst kam als Ashwapatis Tochter auf die Erde herab, um die menschliche Arbeit zu übernehmen und das Göttliche Werk zu vollenden.

2

Die Göttliche Mutter ist als ein menschliches Geschöpf auf der Erde. Sie soll die sterbliche Erde in ein unsterbliches Paradies verwandeln. Die Erde ist gegenwärtig eine Bündelung materieller Unbewusstheit. Das Höchste Bewusstsein hat sich selbst als größte Unbewusstheit manifestiert. Das Göttliche hat sich selbst verloren, indem es sich zerrieben und in alle Welt verstreut hat. Daher ist die Unsterblichkeit hier unten im Tod begraben. Die Aufgabe des inkarnierten Höchsten Bewusstseins besteht darin, die todgebundene Göttlichkeit wiederzubeleben, das menschliche Bewusstsein in seinem irdischen Leben von der Dunkelheit der materiellen Unbewusstheit zu befreien und seinen ursprünglichen, strahlenden Zustand des Göttlichen Bewusstseins wiederherzustellen.

Das ist Savitris Mission. Diese Mission hat zwei Teile oder Phasen. Die erste ist die Vorbereitung, die zweite die Vollendung. Savitri, der menschlichen Verkörperung, waren dafür nur zwölf Monate ihres irdischen Lebens gegeben. In dieser kurzen Zeitspanne musste sie die ganze Vorbereitung erledigen. Sie kannte ihre Aufgabe von Geburt an, sie war sich ihrer Natur und der Mission, die ihr anvertraut war, bewusst. Nun begegnet sie der Krise. Der Tod steht vor ihr. Was ist zu tun, wie soll sie vorgehen? Ihr war gesagt worden, sie müsse den Tod besiegen, sie müsse unsterbliches Leben auf der sterblichen Erde etablieren. Die Göttliche Stimme ertönt:

Erhebe dich, oh Seele, und besiege Zeit und Tod.11

Ja, sie ist bereit, das zu tun, aber nicht für sich selbst, sondern für ihre Liebe, für das Wesen, das das Leben ihres Lebens ist. Savitri ist das Göttliche Bewusstsein, aber hier im sterblichen Körper ist sie in das menschliche Bewusstsein gekleidet. Es ist das menschliche Bewusstsein, das sie hinauf und nach jenseits führen muss, und im menschlichen Bewusstsein und durch dieses muss die Göttliche Verwirklichung ausgedrückt und umgesetzt werden. Die menschliche Savitri erklärt: Wenn der Tod besiegt ist, so ist es, damit Satyavan ewig mit ihr leben wird. Sie scheint zu sagen: Ich möchte den lebenden Satyavan und mich für immer mit ihm vereint sehen. Ich brauche kein irdisches Leben mit ihm. Wenn nötig, bin ich lieber in einer anderen Welt mit ihm, fern von der Finsternis und dem Tumult dieser Erde hier.

Meine Kraft ist mir genommen und dem Tod gegeben,

Warum sollte ich meine Hände heben, um die Himmel zu schließen…

Warum sollte ich mit den unnachgiebigen Gesetzen der Erde kämpfen

Oder des Todes unvermeidliche Stunde hinauszögern?

Sicher ist es am besten, mein Schicksal anzunehmen

Und den Schritten meines Geliebten dicht zu folgen

Und durch die Nacht zu gehen von der Dämmerung zur Sonne…12

Doch eine donnernde Stimme kam herab und erschütterte Savitri bis in den Grund ihrer Existenz.

Und was wird deine Seele sagen, wenn sie erwacht und erkennt,

Die Arbeit blieb ungetan, für die sie kam?13

So wurde Savitri nun mit einer sehr ähnlichen Krise konfrontiert wie jene, der sich Ashwapati stellen musste. Beide befanden sich an einem Scheideweg zwischen den reinen Freuden der Himmel, fern der Erde, oder in der Welt, um auf irdischem Boden zu arbeiten. Savitris Seele war ihr nun in ihrer ganzen Fülle enthüllt. Sie sah das mächtige Schicksal, für das sie herabgekommen war und das große Werk, das sie hier auf der Erde zu erfüllen hatte – keine persönliche oder individuelle menschliche Zufriedenheit oder Erfüllung, sondern eine kosmische Vollendung, eine globale menschliche Verwirklichung. Die Gottheit in Savitri ist jetzt voll erwacht, in ihrer Fülle etabliert, das inkarnierte Göttliche in menschlicher Gestalt. Alle Gottheiten, alle Emanationen der Göttinnen traten nun in sie ein und formten die Totalität ihrer mächtigen Statur.

Hier beginnt dann die zweite Phase ihrer Mission, ihr Werk und ihre Errungenschaft, der Sieg über den Tod. Nur der Göttliche Mensch kann den Tod besiegen. Savitri folgt dem Tod Schritt für Schritt und lüftet allmählich das Geheimnis des Todes, seine Persönlichkeit und seine wahre Mission, obwohl der dunkle Gott denkt, er sei es, der Satyavan und Savitri mit sich fort nimmt in sein eigenes Heim, in seine schwarze Auslöschung. Denn das ist der Tod in seiner ersten Erscheinung, er ist völlige Zerstörung, Nichtigkeit, Nicht-Existenz. Die mächtige Gottheit erklärt Savitri, der sterblichen Frau, daher gebieterisch:

Dies ist meine stille, dunkle Unermesslichkeit,

Dies ist das Haus der ewig währenden Nacht,

Dies ist die Heimlichkeit des Nichts,

Das die Eitelkeit der Wünsche des Lebens begräbt…

Hoffst du noch immer zu bleiben und zu lieben?14

Der Tod ist tatsächlich nicht nur eine Zerstörung des Körpers, in Wirklichkeit ist er Nichts, Nichtsein. In dem Moment, in dem sich Sein, Existenz und Wirklichkeit manifestiert und sich als materielle Tatsache begründet haben, ist auch ihr Gegenteil herausgekommen und hat sich gegen sie gestellt, Nichtsein, Nicht-Existenz und Nicht-Wirklichkeit. Gegen ein immerwährendes Ja wurde ein immerwährendes Nein gestellt. Und dieses immerwährende Nein beweist sich tatsächlich als die größere Wirklichkeit, es hat sich um jedes einzelne Atom des Universums gewunden. Das ist es, was sich im materiellen Bereich als unwiederbringliche Zersetzung der Energie ausgedrückt hat, und in der sterblichen Welt bedeutet es Verleugnung und Zweifel und Falschheit. Es ist das, was Versagen ins Leben bringt, und Frustration, Elend und Kummer. Aber dann drang Savitris Vision darüber hinaus und sie sah, dass der Tod ein Weg ist, das Ziel schneller und vollständiger zu erreichen. Die Negierung ist ein scheinbares Hindernis, um die Geschwindigkeit des Prozesses, durch den die Welt und die Menschheit umgestaltet und neu geschaffen wird, zu erhöhen, zu reinigen und zu intensivieren. Dieser schreckliche Gott verfolgt das menschliche Bestreben bis zum Ende, bis er denkt, dass nichts mehr zu tun ist. Dann ist auch seine Mission erfüllt. Wir werden hier an eine Parallele in Goethes Konzeption der Rolle des Satan, dem Negativen Prinzip, in menschlichen Angelegenheiten erinnert. Satan ist nicht nur ein zerstörender Teufel, er ist auch ein konstruktiver Engel. Denn er ist es,

der antreiben und pachten

und sich abmühen muss, um der Schöpfung zu dienen,

wann immer

des Menschen Bemühungen unter das ihm angemessene Niveau sinken.

So durchdringt ein letzter Schrei, der Schrei eines verzweifelten, sterbenden Todes, das Universum und stellt Savitri vor eine letzte Herausforderung:

Oh menschliche Klägerin der Unsterblichkeit,

Offenbare deine Macht, enthülle deines Geistes Kraft,

Dann werde ich dir Satyavan zurückgeben.

Oder, wenn die Mächtige Mutter bei dir ist,

Zeige mir ihr Gesicht, damit ich sie verehren kann,

Lass todlose Augen in die Augen des Todes schauen…15

Der Wunsch des Todes und auch sein Gebet werden erfüllt. Er sieht Savitri in die Augen, aber dies ist nicht die Savitri, gegen die er gekämpft hat. Wessen Stimme ist das?

Ich grüße den allmächtigen und siegreichen Tod,

Du grandiose Finsternis des Unendlichen…

Ich habe dir deine scheußliche Schreckensgestalt gegeben

Und dein scharfes Schwert des Grauens und Kummers und Schmerzes,

Um die Seele des Menschen zu zwingen, um das Licht zu kämpfen…16

Was danach geschieht, ist etwas seltsames, ungeheures und wundersames. Überall blitzte Licht auf, eine springende Feuerzunge breitete sich aus und die dunkle Form des Todes wurde verbrannt, aber nicht zu Asche, sondern zu glühenden Lichtfunken:

Sein Körper wurde vom Licht verzehrt, sein Geist verschlungen.17

So kam der Tod zu seinem Tod, nicht zum Tod in Wirklichkeit, sondern zu einer neuen Inkarnation. Der Tod kehrte zu seiner ursprünglichen göttlichen Wirklichkeit zurück, einer Emanation der Göttlichen Mutter.

Ein geheimer Glanz erhob sich enthüllt zur Sicht,

Wo einst die riesige verkörperte Leere gestanden hatte.

Der trüben Maske der Nacht war ein wunderbares Gesicht gewachsen.18

In diesem Bereich reinen transzendenten Lichts standen sich die menschliche Savitri und der verwandelte Satyavan gegenüber.

3

Savitri ist in die unsterbliche, leuchtende Welt eingetreten, in der es nur makellose Schönheit, ungetrübte Freude und eine unermessliche, selbst gesammelte Kraft gibt. Savitri hörte die melodische Stimme des Göttlichen:

Du hast nun das Elend der Erde und ihre unmöglichen Bedingungen verlassen, du hast das Reich ungebundener Glückseligkeit erreicht und musst nicht mehr zu deinem alten turbulenten Leben zurückkehren. Verweilt ihr beide hier und genießt ewige Seligkeit.

Aber Savitri antwortete entschieden und unbewegt:

Ich steige zu deinem immerwährenden Tag nicht auf,

So wie ich auch deine ewige Nacht abgelehnt habe…

Die Erde ist der auserwählte Ort der mächtigsten Seelen,

Die Erde ist der Kampfplatz des heldenhaften Geistes…

Eure Dienste sind auf Erden größer, König,

Als all die herrlichen Freiheiten des Himmels.19

Noch einmal muss Savitri, wie Ashwapati, zwischen zwei Schicksalen wählen, zwischen zwei Seelenbewegungen, obwohl die Wahl schon getroffen worden ist, bevor ihr die Entscheidung angeboten wurde. Ashwapati musste, wie wir wissen, den unveränderlichen, transzendenten Zustand des reinen Lichts verlassen, um in das niedere irdische Licht einzutauchen. Auch Savitri traf, als Prototyp menschlichen Bewusstseins, ihre Wahl und wandte sich dem Licht der Erde zu.

Der Rishi der Upanishad verkündet: Wer nur die Unwissenheit verehrt, geht in die Dunkelheit. Wer aber nur das Wissen verehrt, geht in eine noch dunklere Dunkelheit. Diese Welt des absoluten Lichts, die Savitri den „immerwährenden Tag“ nennt, ist das, was der upanishadische Rishi als das goldene Lid auf dem Gesicht der Sonne erkennt und beschreibt. Die Sonne ist das vollständige, integrale Licht der Wahrheit in seiner ganzen Fülle. Die goldene Bedeckung muss entfernt werden, wenn man die Sonne selbst sehen will. Um das integrale Leben zu leben, muss man die integrale Wahrheit besitzen.

Daher kommt Savitri auf die Erde hinunter und steht auf ihrem willkommenheißenden Boden. Sie spricht zu Satyavan, als würde sie ihn dafür trösten, dass sie ihre eigene Wohnstatt im Himmel aufgegeben hat, um unter den sterblichen Menschen zu leben:

Die Berührung des Himmels erfüllt unsere Erde, aber löscht sie nicht aus…

Noch bin ich die, die zu dir kam, mitten im Rascheln

Der sonnenbeschienen Blätter am Rande dieses Waldes…

Alles was ich zuvor war, bin ich dir noch immer…20

Die ganze Menschheit und die ganze Welt geben Satyavans Gedanken und Gefühlen voll Freude und Dankbarkeit eine Stimme und äußern dieses Mantra als Danksagung:

Wenn sie es ist, von der die Welt gehört hat,

Wundert euch über keinen glücklichen Wandel mehr.21

4

In ihren Gebeten und Meditationen sagt die Mutter:

Weil der Mensch das Mahl abgelehnt hat, das ich mit so viel Liebe und Sorgfalt zubereitet habe, habe ich Gott angerufen, es zu nehmen.

Mein Gott, Du hast meine Einladung angenommen. Du bist gekommen, um an meinem Tisch zu sitzen, und Du hast mir im Tausch gegen meine armselige, bescheidene Gabe die letzte Befreiung gewährt.

Was ist das für ein Bankett, das sie für den Menschen zubereitet hat und das er ablehnte? Es ist nichts anderes als das Göttliche Leben hier unten, das Leben der Götter, die die Unsterblichkeit genießen, voll des höchsten Lichts und der Kraft, der Liebe und Freude. Der Mensch hat es zurückgewiesen, denn für ihn ist es etwas zu Hohes, zu Großes. Weil er ein erdgebundenes Geschöpf mit kleinen Dimensionen ist, kann er nur kleine Dinge ergreifen und anerkennen, kleine Körnchen einer materiellen Welt. Er weist es vor allem aufgrund seiner Unwissenheit zurück. Weder weiß er, dass es solche Dinge wie unsterbliches Leben, Göttlichkeit, ungetrübtes Licht, Liebe ohne Kummer oder eine strahlende, ruhige, unsichtbare Energie gibt, noch ist er in der Lage, sie zu begreifen. Er kennt sie nicht und ist doch arrogant, arrogant in seinem kleinen Wissen, seiner belanglosen Macht, seiner blinden Selbstgenügsamkeit. Außerdem gibt es in ihm neben Unwissenheit und Arroganz auch ein Element der Revolte, denn er ist in seiner Halb-Wahrheit mit seinem unvollkommenen Bewusstsein nie im Frieden, wenn er mit etwas in Kontakt kommt, das über ihn hinausgeht, wenn ein Schatten einer anderen Welt seine Schwelle überschreitet, und er will es nicht anerkennen, sondern leugnet und verflucht es sogar.

Die Göttliche Mutter bringt Trost und Erlösung. Für die Gnade ist das eine so kleine und einfache Sache, dass es ein Wunder ist, wie etwas so einfaches, natürliches und unscheinbares von irgend jemandem abgelehnt werden kann.

Wenn der Mensch keinen Gebrauch für das Geschenk findet, das sie für ihn heruntergebracht hat, wird sie es natürlich wieder nehmen und Ihm zurückgeben, dem es gehört, denn alle Dinge gehören dem Höchsten Herrn, auch Sie gehört Ihm, da Sie eins ist mit Ihm. Die Gita sagt: In der Schöpfung gibt es nichts anderes als das Brahman; der Handelnde, das Handeln und die Handlung sind alle im Wesentlichen Er. In dem Opfer, das dieses bewegende, handelnde Universum ist, sind der Opfernde, das Opfern und das Geopferte, jedes einzelne Element, das Brahmanbrahmārpanam brahma haviḥ.

Diese Geste der Göttlichen Mutter lehrt uns also, wie die Annäherung und Haltung der Menschen in all ihren Aktivitäten sein sollten. In all unseren Bewegungen sollten wir uns immer an Ihn erinnern, uns auf Ihn beziehen und bedenken, dass in letzter Konsequenz jede einzelne Bewegung von Ihm kommt, und wir müssen sie immer Ihm opfern, sie dem elterlichen Ursprung zurückgeben, aus dem sie kommen. Darin liegt die Freiheit, die göttliche Losgelöstheit, die jeder Einzelne immer besitzen muss, um mit Ihm eins zu sein, um die Identität mit Ihm zu spüren.

5

Die menschliche Ablehnung der göttlichen Gnade wurde von Sri Aurobindo in Savitri in vollendeter, dramatischer Form sehr schön und anschaulich beschrieben. Die Ablehnung tritt von den drei einzelnen Teilen des Menschen eine nach der anderen auf. Als erstes ist der Mensch ein materielles Wesen, ein körperliches Geschöpf, und als solches ist er ein Wesen der Ignoranz, des Elends und von brutaler Blindheit. Er weiß nicht, dass es noch etwas anderes gibt, außer seinem gegenwärtigen Zustand des Unglücks und des dunklen Schicksals. Er ist sich nicht einmal bewusst, dass es etwas höheres und nobleres geben kann als die Hässlichkeit, von der er durchdrungen ist. Er lebt im Erdenleben mit einem Erdbewusstsein und bewegt sich mechanisch und hilflos durch die Wechselfälle, über die er keine Kontrolle hat. Trotzdem ist das materielle Leben nicht nur verachtenswert. Hinter seiner Dunkelheit, hinter seiner Traurigkeit, hinter all seinen Unsicherheiten ist die Göttliche Mutter, die es aufrechterhält und es mit ihrer Gnade und Schönheit erfüllt. Sie ist tatsächlich eins mit dieser Welt der Sorgen, sie ist in ihrem unendlichen Mitgefühl und ihrer Liebe zu ihr geworden, so dass dieser ihr materieller Körper sich seiner göttlichen Substanz bewusst werden und ihre wahre Form manifestieren kann. Aber der im egoistischen Bewusstsein individualisierte und getrennte Mensch hat das Gefühl für seine innere Realität verloren und ist nur in Bezug auf seine äußerliche Formulierung lautstark. Für den physischen Menschen ist es daher natürlich, die physische Gottheit in sich abzulehnen. Er verflucht sie sogar und will so weitermachen, wie er ist. Deshalb schreit er aus Ignoranz und Angst:

Ich bin der Mensch der Schmerzen, ich bin der,

Der auf das weite Kreuz des Universums genagelt ist…

Ich schufte wie ein Tier, wie ein Tier sterbe ich.

Ich bin Mensch, der Rebell, ich bin Mensch, der hilflose Leibeigene…

Ich weiß, mein Los wird immer dasselbe sein.

Es ist die Arbeit meiner Natur, die sich nicht ändern kann…

Ich wurde für das Böse gemacht, das Böse ist mein Los,

Böse muss ich sein und durch das Böse leben,

Nichts anderes kann ich tun, als ich selbst zu sein,

Was die Natur gemacht hat, das muss ich bleiben.22

Die Göttliche Glorie manifestiert sich einen Moment lang für das irdische Bewusstsein, aber der Mensch weigert sich, aus seinem Schweinestall gezogen zu werden. Die Gnade zieht sich zurück, aber in ihrem Höchsten Bewusstsein der Einheit und Liebe tröstet sie das gefallene Geschöpf und gibt ihm die Gewissheit:

Eines Tages werde ich zurückkehren, ein Überbringer der Stärke…

Das Elend wird vorübergehen, abgeschafft auf der Erde,

Die Welt wird vom Zorn der Bestie befreit sein…23

Der grundsätzliche Zustand oder die Grundlage des Menschen, tatsächlich der ganzen Schöpfung, ist die Erde, die materielle Organisation. Nach dem Körper folgt als nächstes das Leben, die Lebenskraft. Hier erlangt der Mensch ein größeres, dynamisches Wesen der Energie und kreativen Aktivität. Auch hier auf dieser Ebene ist, was der Mensch ist oder was er erreicht, nur eine Reflexion, ein Schatten, es ist jedoch meistens eine entstellte Ähnlichkeit, eine Abweichung von der göttlichen Wirklichkeit, die sich dahinter verbirgt und sich dennoch halb enthüllt. Diese Gottheit ist die Form der Mutter, die wir als Kali und Durga und Lakshmi unterschiedlich benennen, denn es ist Ihre Gnade, die letztlich in dieser Welt der vitalen Kraft ausgedrückt und erfüllt wird. Aus der verwirklichenden Kraft der Mutter folgt:

Langsam wird das Licht im Osten stärker,

Langsam schreitet die Welt auf Gottes Straße voran.

Sein Siegel ist auf meiner Arbeit, sie kann nicht scheitern,

Ich werde den silbernen Schwung der Himmelstore hören,

Wenn Gott herauskommt, um die Seele der Welt zu treffen.24

Aber der Mensch erkennt diese Göttin aufgrund der Stärke seiner Ignoranz und Arroganz nicht. Wir haben gesagt, die menschliche Kraft ist eine Reflexion, ein Schatten der Göttlichen Kraft. Sehr häufig ist sie jedoch eine verformte, eine pervertierte Göttliche Kraft. Der Mensch ist voll mit seinem egoistischen, vitalen Selbstvertrauen. Er glaubt, es sei sein eigener Wille, der alles verwirklicht, alles was hier erreicht wurde. Was auch immer er erschaffen hat, sei durch die Macht seiner eigenen Leistung geschehen, und welche Werke auch immer in der Zukunft getan werden, sie werden durch die Gnade seines eigenen Genius entstehen. Eine mächtige, vitale Selbstsucht verdunkelt sein Bewusstsein und er versteht nichts und sieht nichts anderes außerhalb der Reichweite dieser begrenzten Sicht. Das ist der Rakshasa, der Asura im Menschen. Hier ist seine Lebensphilosophie:

Ich steige hinauf, ein Anwärter auf den Himmelsthron.

Als Letztgeborener der Erde bin ich der Erste…

Ich bin Gott, noch unentwickelt in menschlicher Form,

Auch wenn er nicht ist, wird er in mir…

Keine Magie kann mein magisches Geschick übertreffen.

Es gibt kein Wunder, das ich nicht vollbringen werde.25

So weist dieses Vitalwesen im Menschen in seinem rakshasischen Hunger und asurischem Eigendünkel die Göttliche Kraft zurück, die in Wahrheit auch hinter ihm steht und ihn unterstützt. Die Göttin folgt ihrer Vorgängerin und geht dahin zurück, von wo sie kam. Sie hinterlässt jedoch ein tröstendes Wort und versichert, dass sie eines Tages zurückkehren wird. Sie wird auf ihre Zeit warten. Für einen Tag…

Soll der Schrei des Ego im Inneren verstummen,

Sein Löwengebrüll, das die Welt als Nahrung fordert,

Alles soll Macht und Wonne und glückliche Kraft sein.26

In seinem Körper ist der Mensch das wilde Tier, im Vital ist er der Rakshasa und Asura. Nun steigt er ins Mental auf. Im Mental ist er das wahre menschliche Wesen und hat seine eigene Menschlichkeit erlangt. Hier hat er das Licht des Wissens empfangen, ein weiteres und tieferes Bewusstsein. Er hat die geheimen Mysterien der Natur entschleiert und verborgene Kräfte zum Spielen gebracht, die unbekannt und ungenutzt waren. All diese Errungenschaften sind für den Menschen möglich geworden, weil es die Mutter des Lichts ist, die hinter ihm gestanden und vorgetreten ist, um etwas von ihrer leuchtenden Präsenz zu verbreiten. Aber der Mensch hat keine Ahnung von der Präsenz dieser leuchtenden Gottheit, sein eigenes Licht war ein Schirm vor dem inneren göttlichen Licht. Für den menschlichen Geist ist es nicht möglich, das höhere Licht zu ergreifen. Sein Bewusstsein und sein Wissen sind zu eng, zu oberflächlich, zu dumpf, um zu verstehen, was darüber hinausgeht. Dieses Göttliche Licht ist auch ein Ding des Wonne, und das Bewusstsein, das es besitzt, ist die wahre Essenz der Freude und der Glückseligkeit. Aber all dies ist dem menschlichen Wissen verborgen. Der Mensch betrachtet Wahrheit als sein Eigentum: Wahrheit und Wirklichkeit entsprechen seinem eigenen Bewusstsein, seinem mentalen Verstehen. Wovon andere als Wirklichkeiten des Geistes, als transzendentale Wahrheiten sprechen, das sind für ihn Illusion und Irrglaube. Das ist üblicherweise als wissenschaftlicher Geist, als das rationale Bewusstsein bekannt. Eine orthodoxe wissenschaftliche Mentalität zeugt in erster Linie von einem überheblichen Selbstvertrauen und einer arroganten Selbstbehauptung. Sie erklärt mit gewaltigem Stolz:

Ich habe die kosmischen Energien zu meinem Nutzen ergriffen.

Ich habe über ihre winzigen Elemente nachgedacht

Und ihre unsichtbaren Atome wurden entlarvt…

Falls Gott am Werk ist, habe ich seine Geheimnisse gefunden.27

Diese Herrschsucht im Menschen scheint jedoch bloße Abwehr zu sein. Sie ist wie eine Maske, eine hohle Erscheinung, denn trotz all seines Wissens hat er am Ende keine Sicherheit gewonnen, keine Absolutheit. Hinter all dem äußeren Bravado, das er entfaltet, liegt ein Gefühl der Hilflosigkeit, das manchmal beinahe so bedauernswert ist wie das eines Kindes. Denn schließlich bemerkt er:

Alles ist Spekulation oder ein Traum.

Am Ende wird die Welt selbst ein Zweifel…28

Es ist wahr, seine Untersuchung des Universums, sein Wissen über die grenzenlose Natur und die unerschöpfliche Vielfalt der Schöpfung haben ihm ein Gefühl für das Endlose und Unerschöpfliche gegeben, aber er hat nicht das nötige Licht und die Fähigkeit, diesen Linien des Unendlichen zu folgen, er schreckt im Gegenteil bei der Berührung mit einer solchen Größe zurück. Sein kleines Menschsein macht ihn hoffnungslos erdgebunden, sein Streben folgt den Linien des geringsten Widerstands:

Unsere Kleinheit rettet uns vor dem Unendlichen.

In erstarrter Pracht einsam und verzweifelt,

Rufe mich nicht, um den großen, ewigen Tod zu sterben…

Menschlich bin ich, menschlich lass mich bleiben,

Bis ich in der Nichtbewusstheit verstumme und entschlafe.29

So wird auch diese Göttin abgelehnt wie ihre früheren Gefährtinnen, die Mutter des Lichts, die Gottheit, die eigentlich die Lenkerin und Herrscherin des menschlichen Schicksals ist. Auch sie wird zurückgewiesen, aber sie beklagt sich nicht. In gelassener Stille bringt sie dem geplagten menschlichen Geist Trost und Hoffnung und kündigt an, sie werde auf dem Höhepunkt ihrer Inkarnation zurückkommen. Göttlich spricht sie:

Eines Tages werde ich zurückkehren, Seine Hand in meiner,

Und du wirst das Gesicht des Absoluten sehen,

Dann wird die heilige Ehe geschlossen,

Dann wird die göttliche Familie geboren.30

6

Der unbewussten und unwissenden menschlichen Natur präsentiert Savitri, die Delegierte des Göttlichen, die Mächte und Persönlichkeiten, die hinter den gegenwärtigen Schwächen des Menschen stehen, diese zerbrochenen Bilder der wahren Wirklichkeiten, die verstreut vor der Existenz liegen. Der Mensch wird bewusst gemacht werden, er wird von Zeit zu Zeit genau durch solche Beziehungen schrittweise bewusst gemacht. Das vedische Bild zeigt eine ewige Abfolge von Dämmerungen, deren Anfang und Ende niemand kennt, eine Schöpfung, die von Licht zu Licht voranschreitet, von Bewusstsein zu höheren Bereichen des Bewusstseins. Vom materiellen Leben durch das vitale und mentale Leben erreicht er zuerst das spirituelle Leben und schließlich das Göttliche Leben. Vom Tier steigt er auf zur Menschheit und am Ende zur Gottheit.

Aber es gibt Vermittler. Die Vollständigkeit der Verwirklichung hängt von der Vollständigkeit der Inkarnation ab. Das Böse im Körper, das Böse im Vital und das Böse im Mental sind, wie auch immer ihre Bösartigkeit und Unnachgiebigkeit sein mag, untergeordnete Mittler, denn sie dienen nur einem mächtigeren Herrn. Die erste ursprüngliche Sünde ist der Tod, der Gott der Verleugnung, der Nicht-Existenz. Das ist die wahre Quelle, fons et origo, die Quelle und der Ursprung all des Unglücks, das Schicksal, das das irdische Leben beinhaltet. Dieser Dämon, dieses Anti-Göttliche muss aufgespürt und zerstört oder in seinen Ursprung aufgelöst werden. Dies ist das Nichts, das das Göttliche negiert – Asat, das versucht, Sat zu annullieren und das diese Welt der Unwissenheit und des Elends erschaffen hat, d.h. die Welt in ihrer äußerlichen, pragmatischen Form. So erkennt Savitri den einen Ursprung und das Heilmittel. Deshalb verfolgt sie den Tod, verfolgt ihn bis zum Ende, d.h. dem Ende des Todes. Die leuchtende Energie des Höchsten steht nun ihrem eigenen Schatten gegenüber und verbrennt ihn. Das flammende Licht dringt in die Substanz der Dunkelheit und macht es zu seiner eigenen umgestalteten Substanz. Das ist dann das Geschenk, das Savitri den Menschen bringt, des Göttlichen eigene Unsterblichkeit, die die Sterblichkeit, die jetzt auf der Erde herrscht, umwandelt.

Mit Blick auf das Erfordernis des Zeitalters ist das Göttliche selbst in der Fülle seiner Göttlichkeit für die entscheidende, kritische und auf eine Art letztendliche Vollendung des evolutionären Dranges der Natur herabgekommen. Denn nur so kann die Erde radikal verändert und gänzlich transformiert werden. Am Anfang kam das Göttliche schon einmal herab, doch indem es sich selbst opferte, wurde es zerrieben und zerstreut und ging in den Winzigkeiten eines universalen, materiellen Unbewussten verloren. Noch einmal muss Er herabkommen, aber diesmal in der höchsten Glorie Seiner siegreichen Leuchtkraft.

Dies ist der okkulte, symbolische Sinn der Geste der Mutter, als sie sich mit ihren Geschenken vom Menschen abwendet und zu Gott selbst zurückkehrt und Ihn als den wichtigsten Ehrengast auf diese Erde einlädt. Oder Er wird, im vedischen Bild, als die flammende Front und als Führer des reisenden Opfers kommen, das diese universale Existenz ist.

Gottes Schuld

Hier ist eine Zeile aus Savitri:

Und beglich hier die Schuld Gottes gegenüber Erde und Mensch…

Welche Schuld hat Gott der Erde und dem Menschen gegenüber? Wir verstehen die Schuld, die der Mensch und die Erde Gott, ihrem Schöpfer, gegenüber haben. Aber was schuldet Gott seiner Schöpfung? Nebenbei lernen wir, dass Gott seine Schulden durch seinen Stellvertreter, seinen Protagonisten auf der Erde, den strebenden Menschen begleicht.

Lasst uns zunächst das Geheimnis von Gottes Schuld dem Menschen gegenüber verstehen. Wir wissen, dass im gewöhnlichen Leben ein Untergebener seinem Vorgesetzten gegenüber eine Pflicht hat, der Kleinere schuldet dem Größeren. Das ist einfach zu verstehen. Genauso hat der Vorgesetzte seinem Untergebenen gegenüber eine Verpflichtung. Das Kind hat eine Schuld den Eltern gegenüber. Die Schuld der Eltern gegenüber dem Kind ist nicht geringer. Die Eltern bringen das Kind nicht nur zur Welt, sie müssen es auch aufziehen, ernähren, fördern, erziehen und es ins Leben einführen. Wir wissen auch, wie es uns die Schriften sagen, dass es eine Schuld gibt, die der Mensch den Göttern gegenüber hat. Das Begleichen der Schuld wird in der Institution des Opfers (yajña) beschrieben. Durch sein Opfer erreicht der Mensch das, was er auf der Erde erreichen muss. Man gibt an die Götter, was man ist und was man hat. Das Opfer gipfelt darin, die Opfergabe zu den Götter zu bringen. Aber das Opfer ist nicht bloß eine einseitige Bewegung, es bringt dem Menschen auch Geschenke von den Göttern, materiellen Wohlstand und spirituelle Erfüllung. Der Mensch erhöht sich selbst auf diese Weise und erhöht dadurch auch die Götter. Die Gabe die der Mensch in seinem Opfer bringt, alle seine Besitztümer, seine irdischen Besitztümer, doch hauptsächlich die Besitztümer seiner inneren Welt, den Reichtum seines Geistes, die Tugenden seines Bewusstseins – sie alle gehen an die Götter und erweitern sie, d.h. sie werden auf der Erde und in der irdischen Existenz und im Dienst am Menschen manifester und machtvoller.

Das Opfer, das vom Menschen angeboten zu den Götter hinausgeht, ist die Sadhana, die innere Disziplin, der er folgt, durch die er sein Wesen mit seinen mentalen und vitalen und physischen Formulierungen zu ihren immer höheren Möglichkeiten auf der Erde erhebt. Die normalen Kräfte und Fähigkeiten den Göttern zu widmen, bedeutet Reinigung und Befreiung von den Fesseln der Unwissenheit und des Egoismus. Dies dient dazu, die Götter für uns lebendig zu machen, sie unserem irdischen Leben und unserem normalen Bewusstsein nahe zu bringen. Das wird mit „die Götter erhöhen“ gemeint, die Pflicht oder Schuld des Menschen den Göttern gegenüber. Als Antwort gibt es eine entsprechende Geste von den Göttern: Mit ihrer verewigenden Wirklichkeit wohnen sie in uns und füllen unser Wesen mit ihren göttlichen Eigenschaften, ihrem Licht, ihrer Energie, ihrer Freude, ihrer Unsterblichkeit. Der Mensch erhöht die Götter und die Götter erhöhen den Menschen, und durch ihr gegenseitiges Erhöhen erlangen sie die höchste Erhöhung, den göttlichen Zustand, so sagt es die Gita.

Nun gehen wir über die Götter hinaus, zum wahren Ursprung, Gott selbst, den Höchsten. Welche Schuld hat Gott, der Höchste, das Göttliche uns Menschen gegenüber? Wir schulden Gott alles, unser Leben, unsere Existenz, unsere Seele und Substanz, die uns von ihm gegeben wurden, wie steht er dann in unserer Schuld? Welche Art von Schuld hat er auf sich geladen, die er seinem Geschöpf, dem Mensch, begleichen muss? Vor allem, weil er der Göttliche Vater ist, muss er die Verantwortung für seine eigene Schöpfung übernehmen und für ihr Wachstum und ihre Verwirklichung und Erfüllung sorgen. Das ist tatsächlich die Rolle des Göttlichen in uns (und über uns und um uns herum), das ist seine Arbeit, die Göttliche Arbeit. Weil er uns (für ein besonderes Experiment des Wachstums und der Entwicklung) aus seinem Bewusstsein herausgestellt hat, ist es auch seine Aufgabe (und Pflicht), uns zu ihm zurückzubringen: Nach einem Prozess der Selbst-Abtrennung folgt ein Prozess der Selbst-Integration. Der Mensch muss, solange er ein getrenntes Bewusstsein ist, dieses getrennte, bewusste Wesen dem ganzen Wesen und Bewusstsein widmen, es zu ihm erheben und es mit ihm vereinen. So entbindet er sich seiner Schuld beim Göttlichen, und die antwortende Gnade des Göttlichen ist die Tilgung der Schuld, die Er gegenüber seinen Geschöpfen hat.

Was über den Menschen gesagt wurde, ist genauso auf die Erde anwendbar. Das Schicksal des Menschen ist das Schicksal der Erde, so wie das Schicksal der Erde das Schicksal des Menschen ist. Denn der Mensch ist ein irdisches Geschöpf, er ist aus der Erde geboren und wächst mit der Erde. Genauso wächst die Erde mit dem Wachstum des Menschen.

In Wirklichkeit ist es Gottes Wachstum im Menschen und in der Erde, das im Wachstum von Mensch und Erde reflektiert und verkörpert wird. Die Schuld, von der gesprochen wird, ist die Schuld Gottes an sich selbst. In anderen Worten ist es eine Aufgabe, eine Mission, die er für seine eigene geheimnisvolle Freude am Dasein auf sich genommen hat.

Die Erde bewegt sich durch den Menschen, der ihr Erblühen ist, weiter und der Mensch bewegt sich durch seinen Stellvertreter weiter, den höheren Menschen, der noch größere Potentiale von Gottes Schöpfung enthüllt und verkörpert, und der das Privileg hat, so bewusst zu sein, dass er mit den Göttern und mit Gott selbst in Kontakt tritt – er ist der Meister der Lebenskraft (aśwapati), er besteigt die Gipfel und bringt die himmlischen Reichtümer und die Göttliche Gnade, die erfüllt, und verwandelt jede Schuld in Guthaben.

1 Sri Aurobindo: Savitri, SABCL, Vol. 28, p. 221.

2 Ibid., p. 230.

3 Ibid., p. 210.

4 Ibid., p. 231.

5 Ibid., p. 308, 310.

6 Ibid., p. 309.

7 Ibid., p. 310.

8 Ibid., pp. 335-336, 341.

9 Ibid., p. 345.

10 Ibid., p. 346.

11 Sri Aurobindo: Savitri, SABCL, Vol. 29, p. 474.

12 Ibid., pp. 474-475.

13 Ibid., p. 475.

14 Ibid., p. 586.

15 Ibid., p. 664.

16 Ibid., p. 666.

17 Ibid., p. 667.

18 Ibid., p. 679.

19 Ibid., p. 686.

20 Ibid., p. 719.

21 Ibid., p. 723.

22 Ibid., pp. 505-507.

23 Ibid., p. 507.

24 Ibid., p. 510.

25 Ibid., pp. 511-512.

26 Ibid., p. 514.

27 Ibid., pp. 518-519.

28 Ibid., S. 519.

29 Ibid., p. 520.

30 Ibid., p. 521.