Kapitel 1

Der Knoten der Begierde – Wie man ihn löst

Worte Sri Aurobindos

Da nun auf dem Wege des Wirkens das Handeln der Knoten ist, den wir zuerst aufzulösen haben, müssen wir uns bemühen, ihn dort aufzubinden, wo er zentral geknüpft ist: im Begehren und im Ego. Denn sonst schneiden wir nur ein paar unwichtige äußere Fäden durch, aber nicht den Hauptstrang unserer Gebundenheit. Das sind die beiden Knoten, durch die wir dieser unwissenden und zerteilten Natur unterworfen sind: das Begehren und der Egosinn…

Auf dem Gebiet des Handelns nimmt das Begehren viele Formen an. Am mächtigsten ist die Begierde des vitalen Egos oder das eigensüchtige Streben nach dem Ertrag unserer Werke. Wir mögen dabei als Frucht etwa den Lohn einer inneren Freude an unserem Handeln begehren. Vielleicht ist es der Erfolg einer Lieblingsidee, eines besonders gehegten Wunsches, die Befriedigung egoistischer Gefühle oder der Stolz, dass unsere höchsten Hoffnungen und ehrgeizigen Pläne zum Erfolg kamen. Es kann auch ein äußerer Lohn sein, eine völlig materielle Vergütung: Reichtum, Stellung, Ehre, Sieg, Glück oder irgendeine andere Erfüllung unseres vitalen oder körperlichen Begehrens. Sie alle sind in gleicher Weise die Verführungen, durch die unser Egoismus uns in Fesseln hält. Diese Befriedigungen verführen uns immer wieder dazu, uns als die Herren zu empfinden. Oder sie wirken durch die Idee der Freiheit, während wir doch in Wirklichkeit von irgendeiner groben oder feinen, edlen oder unedlen Form des blinden Begehrens, das die Welt treibt, an der Kandare gehalten, gelenkt, geritten und vorwärtsgepeitscht werden. Darum ist es die Grundregel für das Wirken, die in der Gita niedergelegt ist: wir sollen das Werk, das getan werden muss, tun ohne Verlangen nach seiner Frucht, niskama karma.

Das sieht wie eine ganz einfache Regel aus. Wie schwer ist es jedoch, sie absolut aufrichtig und befreiend vollständig durchzuführen! Bei dem größeren Teil unseres Wirkens verwenden wir diesen Grundsatz recht wenig, wenn überhaupt. Aber auch dann ist das zumeist nur eine Art Gegengewicht gegen das normale Prinzip des Begehrens, um die äußerste Auswirkung jenes tyrannischen Impulses ein wenig zu mildern. Im besten Falle sind wir zufrieden, wenn wir zu einem gemäßigten disziplinierten Egoismus gelangen, der unseren moralischen Sinn nicht zu sehr schockiert und für die anderen Menschen nicht zu brutal anstößig ist. Unserer teilweisen Selbstdisziplin geben wir verschiedene Namen und Formen. Wir gewöhnen uns durch diese Praxis an das Pflichtbewusstsein, an Prinzipientreue, an eine stoische Tapferkeit, eine religiöse Resignation und an eine stille oder ekstatische Unterwerfung unter Gottes Willen. Das ist es aber nicht, was die Gita beabsichtigt, wenn diese Dinge auch an ihrem Orte nützlich sein mögen. Sie erstrebt etwas Absolutes, nicht etwas Herabgemindertes; sie will etwas Kompromissloses, eine Einstellung und Haltung, welche die Grundstimmung der Seele verändert. Ihre Vorschrift ist nicht, dass das Mental den vitalen Impuls beherrschen soll, sondern sie strebt nach der unbeweglichen Stärke eines unsterblichen Geistes.

Als Test dafür empfiehlt sie eine absolute harmonische Ausgeglichenheit des Mentals und des Herzens allen Ergebnissen, allen Reaktionen und Geschehnissen gegenüber. Wenn uns Glück und Unglück, Achtung und Beleidigung, Ansehen und Schmach, Sieg und Niederlage, erfreuliche und leidvolle Ereignisse nicht nur unerschüttert, sondern sogar unberührt und in unseren Gefühlen, Nervenreaktionen und im neutralen Schauen so frei lassen, dass wir an keiner Stelle unserer Natur mehr mit der geringsten Verwirrung oder Vibration reagieren, nur dann besitzen wir die absolute Befreiung, zu der uns die Gita anleitet. Die kleinste Reaktion ist ein Beweis dafür, dass unsere Disziplin noch unvollkommen ist, dass irgendeine Seite in uns noch die Unwissenheit und Gebundenheit als ihr Gesetz akzeptiert und sich noch an die alte Natur klammert. Die Eroberung unseres Egos ist dann nur teilweise vollendet. Sie ist noch unvollkommen oder auf irgendeinem Gebiet, in einem Teil oder Punkt unserer Natur noch nicht wirklich geworden. Dieser kleine Schleuderstein der Unvollkommenheit könnte den ganzen Erfolg des Yoga zu Fall bringen.

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