Teil 2 WIEDERGEBURT
Kapitel 1
Allgemeine Vorstellungen zur Wiedergeburt
Worte Sri Aurobindos
Du solltest einen weit verbreiteten Irrtum hinsichtlich der Reinkarnation vermeiden. Die allgemeine Vorstellung ist, dass Titus Balbus als John Smith wiedergeboren wird, als ein Mensch mit der gleichen Persönlichkeit, dem gleichen Charakter und den gleichen Fähigkeiten, die er in einem früheren Leben besaß, mit dem einzigen Unterschied, dass er Mantel und Hosen trägt statt einer Toga und dass er Cockney-Englisch spricht statt des volkstümlichen Lateins. Das ist nicht der Fall. Es hätte nicht den geringsten Sinn, die gleiche Persönlichkeit oder den gleichen Charakter Millionen Male vom Anbeginn der Zeit bis an ihr Ende zu wiederholen. Die Seele tritt um der Erfahrung willen in die Geburt ein, um des Wachstums und der Entwicklung willen, bis sie das Göttliche in die Materie bringen kann. Es ist das zentrale Wesen, das sich inkarniert, nicht die äußere Persönlichkeit – die Persönlichkeit ist lediglich eine Form, die sich das zentrale Wesen in diesem einen Leben für seine Erfahrungen schafft. In einer anderen Geburt wird es sich eine andere Persönlichkeit schaffen, andere Fähigkeiten, ein Leben, das anders verläuft. Angenommen, Virgil würde wiedergeboren, dann könnte er sich durchaus in einem oder zwei weiteren Leben wieder der Poesie zuwenden, doch würde er vermutlich nicht wieder ein Epos schreiben, sondern eher eine leichte, doch elegante und schöne Lyrik, derart, wie er sie in Rom schreiben wollte, aber nicht dazu kam. In einem weiteren Leben würde er vielleicht überhaupt kein Dichter sein, sondern ein Philosoph und Yogi, der die höchste Wahrheit zu erreichen und auszudrücken sucht, denn auch dies war ein unverwirklichter Zug seines Bewusstseins in jenem Leben. Und vielleicht ist er zuvor ein Krieger oder Herrscher gewesen und hatte Taten wie Aeneas oder Augustus vollbracht, die er später dann besungen hat. Und so weiter – auf die eine oder andere Weise entfaltet das zentrale Wesen einen neuen Charakter, eine neue Persönlichkeit, es wächst und entwickelt sich und geht durch alle Arten der Erderfahrung.
In dem Maße, wie das sich entfaltende Wesen weitergeformt und reicher und komplizierter wird, sammelt es gleichsam Persönlichkeiten an. Manchmal verbergen sie sich hinter den aktiven Elementen und bringen etwas Farbe in diese, einen charakteristischen Zug, hie und da eine Fähigkeit, oder aber sie befinden sich im Vordergrund, und es entsteht eine vielschichtige Persönlichkeit, ein vielseitiger Charakter oder ein vielseitiges, ja gleichsam universales Talent. Wenn aber eine frühere Persönlichkeit, eine frühere Fähigkeit voll in Erscheinung tritt, dann nicht deshalb, um das zu wiederholen, was bereits getan wurde, sondern um die gleiche Fähigkeit in neue Formen und Umrisse zu gießen und zu einer neuen Harmonie des Wesens zu verschmelzen, die nicht die Wiederholung dessen sein wird, was vorher war. Daher darfst du nicht erwarten, das zu sein, was der Krieger und Dichter waren. Einige der äußeren kennzeichnenden Eigenschaften mögen wiederkehren, jedoch in sehr veränderter Form und neuer Zusammenstellung. Die Energien werden in eine andere Richtung gelenkt, um das zu vollbringen, was vorher nicht vollbracht wurde.
Noch etwas anderes. Nicht die Persönlichkeit, sondern der Charakter ist bei der Wiedergeburt von vordringlicher Wichtigkeit – das seelische Wesen ist es, das hinter der Evolution der menschlichen Natur steht und sich mit ihr entfaltet. Die Seele, sobald sie sich vom Körper löst und das Mental und Vital auf dem Weg zu ihrem Ruheplatz zurücklässt, bewahrt den Kern der Erfahrungen – nicht die physischen Ereignisse, nicht die vitalen Regungen, nicht den mentalen Aufbau, nicht die Fähigkeiten oder Charaktere, sondern etwas Wesentliches, das sie aus ihnen bezieht, etwas, das man das göttliche Element nennen könnte, um dessentwillen das Übrige bestand. Und das ist die immerwährende Hinzufügung, durch die man dem Göttlichen entgegenwächst. Daher hat man auch meist keine Erinnerung an die äußeren Ereignisse und Umstände des vergangenen Lebens, die zwar in einer Art keimhafter Erinnerung vorhanden sind, gewöhnlich aber nicht in Erscheinung treten – für eine derartige Erinnerung hätte eine kraftvolle Entwicklung auf ein ununterbrochenes Fortbestehen des Mentals, Vitals und selbst des feinen Physischen stattfinden müssen. Das, was das göttliche Element im Großmut des Kriegers war, das, was sich in seiner Treue, in seinem Adel, seinem Edelmut zeigte, das, was das göttliche Element in der harmonischen Geistigkeit und weitherzigen Vitalität des Dichters war und das sich in ihnen ausdrückte, wird erhalten bleiben und in einer neuen Harmonie des Charakters einen neuen Ausdruck finden, oder aber es wird, wenn sich das Leben dem Göttlichen zuwendet, als eine Fähigkeit für die Verwirklichung oder die Arbeit, die für das Göttliche zu geschehen hat, in Erscheinung treten.
Worte der Mutter
Dann gibt es Leute, die einiges gelernt haben, die mehr oder weniger Okkultisten sind oder die auf eine kindische Weise an die Wiedergeburt glauben – dass nämlich einfach eine kleine Person ein physisches Kleid angelegt hat, einen Körper, und fällt das Kleid ab, dann wird ein anderes genommen und wieder ein anderes … wie eine Puppe, die man umzieht. Für sie ist es so: Man wechselt den Körper, wie man ein Stoffkleid wechselt. Es gibt sogar welche, die allen Ernstes Bücher geschrieben haben, um uns alle ihre Leben, vom Affen an, zu erzählen! Das ist absolute Kinderei! Denn in 999 Fällen von tausend ist es lediglich die winzige seelische Formation im Zentrum des Wesens, die den Tod überdauert. Alles Übrige löst sich auf, zerfällt hier und dort in kleine Stücke, die Individualität besteht nicht weiter. Wie viele Male kommt es denn in einem Leben vor, dass das seelische Wesen bewusst an dem teilhat, was das physische Wesen tut? … Ich spreche nicht von jenen, die Yoga praktizieren und etwas diszipliniert sind, ich spreche von Durchschnittsmenschen, die ein seelisches Vermögen haben, deren seelisches Wesen also bereits genügend geformt ist, um ins Leben eingreifen und es leiten zu können – manche verbringen Jahre und Jahre ohne ein seelisches Eingreifen. Und dann kommen sie und erzählen einem, in welchem Land sie (in früheren Leben) geboren wurden, wie ihre Eltern waren und das Haus, wo sie wohnten, das Kirchturmdach und das Wäldchen daneben sowie sämtliche kleinen Ereignisse ihres Daseins! Das ist Blödsinn, weil solche Dinge alle ausgelöscht sind und gar nicht mehr existieren. Eine Erinnerung dagegen, wie man sie haben kann, geht auf einen bestimmten Augenblick zurück, auf besondere Umstände – es handelt sich da gewissermaßen um lebenswichtige Momente –, wo plötzlich auf einen inneren Ruf hin oder durch eine unbedingte Notwendigkeit das Seelische teilnimmt, wo es auf einmal eingreift: Und das gräbt sich dann in das seelische Gedächtnis ein. Hast du das seelische Gedächtnis, so hast du die Erinnerung an eine Gesamtheit von Umständen eines Augenblicks im Leben, besonders vom inneren Gefühl, vom Bewusstsein jenes bestimmten Augenblicks. So geht das dann ins Bewusstsein über, vielleicht zusammen mit einigen Beziehungen, mit all dem, was dich damals umgab, möglicherweise mit einem gesprochenen Wort, einem gehörten Satz. Am wichtigsten jedoch ist der Seelenzustand, in dem man sich befand: Dieser bleibt ganz klar eingeprägt. Das sind die Anhaltspunkte des seelischen Lebens, die Dinge, die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben und an dessen Gestaltung beteiligt waren. Und wenn du dann dein Seelisches beständig, bleibend und klar wiederfindest, erinnerst du dich an Dinge von dieser Art. Es kann davon eine Anzahl geben, doch sind sie wie Blitze in einem Dasein, und man kann nicht sagen: „Ich war diese oder jene Persönlichkeit, ich hieß so und so, ich tat dies und das und so weiter.“ Oder es bedeutet, dass in einem solchen Augenblick (was selten der Fall ist) genügend Umstände herrschten, um Ort und Zeitpunkt in einem bestimmten Land und einer Epoche erkennen zu lassen. Das kann vorkommen.
Natürlich nimmt das Seelische immer mehr teil, und die Gesamtheit der Erinnerungen nimmt zu. Dann erst kann man ein Dasein nachbilden, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Man kann sagen, dass man zu bestimmten Zeitpunkten „so war“, oder „es war so“. Zeitpunkte, ja, entscheidende Augenblicke des Daseins… Dazu ist ein Wesen nötig, das sich gänzlich mit der Seele identifiziert, das sein ganzes Dasein um sie herum angeordnet, das sein ganzes Sein geeint hat – alle Teile, alle Elemente, alle Neigungen des Wesens um das seelische Zentrum herum –, das also aus sich ein einheitliches und einzig dem Göttlichen zugewendetes Wesen gemacht hat: Wenn dann der Körper abfällt, bleibt das bestehen. Es ist ein bewusstes, völlig geformtes Wesen, das sich in einem anderen Leben genau erinnern kann, was ihm geschehen ist. Es kann sogar bewusst von einem Leben in ein anderes übergehen, ohne etwas von seinem Bewusstsein zu verlieren. Wie viele Menschen gibt es auf der Erde, die diesen Zustand erreicht haben?… Wohl nicht viele. Und für gewöhnlich haben sie nicht die geringste Lust, ihre Abenteuer zu erzählen.
Kapitel 2
Der Prozess der Wiedergeburt
Worte der Mutter
Nehmen wir einen göttlichen Funken, der durch Anziehung, Affinität und Auswahl einen Anfang von seelischem Bewusstsein um sich ansammelt (diese Arbeit ist schon in den Tieren gut zu erkennen – glaube nicht, du wärst ein außergewöhnliches Geschöpf, du allein hättest ein seelisches Wesen und die ganze übrige Schöpfung nicht! Das beginnt im Mineral, in der Pflanze ist es ein wenig weiter entwickelt, und bei den Tieren gibt es einen ersten Schimmer seelischer Gegenwart). Dann kommt eine Zeit, wo dies seelische Wesen genügend entwickelt ist, um ein unabhängiges Bewusstsein und einen persönlichen Willen zu besitzen. Nachdem es unzählige mehr oder weniger individualisierte Leben hinter sich hat, wird es sich seiner selbst bewusst, seiner Bewegungen und der Umwelt, die es für seine Entwicklung gewählt hat. Erreicht es einen gewissen Stand der Wahrnehmung, so bestimmt es – gewöhnlich in der letzten Minute des Lebens, das es gerade auf der Erde geführt hat – die Bedingungen, unter denen es sein nächstes Leben verbringen wird. Hier muss ich dir nun etwas ganz Wichtiges sagen: Das seelische Wesen kann sich nur im physischen Leben und auf der Erde bilden und Fortschritte machen. Sobald es einen Körper verlässt, geht es in eine Ruhe ein, die je nach seiner eigenen Wahl und dem Grad seiner Entwicklung mehr oder weniger lange dauert – eine Ruhe des Verarbeitens, des passiven Fortschritts sozusagen, eine Ruhe passiven Wachstums, das diesem seelischen Wesen erlauben wird, zu neuen Erfahrungen weiterzugehen und aktivere Fortschritte zu machen. Doch wenn es ein Dasein beendet hat (was gewöhnlich erst geschieht, wenn getan ist, was es tun wollte), hat es bereits die Umwelt und den ungefähren Ort auf der Erde, die Bedingungen und die Art des Lebens gewählt, in das es geboren werden will, sowie ein genaues Programm der Erfahrungen, durch die es gehen muss, um den gewünschten Fortschritt machen zu können.
Worte der Mutter
Wenn das seelische Wesen in die Welt kommt, wählt es die Form im Voraus, die es annehmen will?
Das ist eine interessante Frage. Es kommt darauf an. Wie ich vorhin sagte, gibt es seelische Wesen, die im Werden und im Fortschreiten begriffen sind. Diese können ganz am Anfang meist nicht viel entscheiden, wenn sie aber auf einer bestimmten Entwicklungs- und Bewusstseinsstufe angelangt sind (meistens, wenn sie sich noch in einem physischen Körper befinden und die Summe ihrer Erfahrungen ein bestimmtes Maß erreicht hat), dann entscheiden sie, welches der Bereich ihrer nächsten Erfahrung sein soll.
Ich kann dir Beispiele eher äußerlicher Art nennen. Ein seelisches Wesen hatte zum Beispiel das Bedürfnis, die Erfahrung von Autorität, von Macht zu machen, um zu wissen, welche Reaktionen es gibt und wie man alle diese Regungen zum Göttlichen hinwenden kann: zu lernen, was einen ein Leben der Macht lehren kann. Es verkörperte sich in einem König oder einer Königin, erfreute sich einer gewissen Macht, und während dieser Zeit machte es seine Erfahrungen und gelangte an die Grenze seines Erfahrungsbereiches. Nun weiß es, was es wissen wollte, und geht wieder weg. Es verlässt seinen nutzlos gewordenen Körper und bereitet sich auf die nächste Erfahrung vor. Zu diesem Zeitpunkt also, wenn das seelische Wesen noch in diesem Körper weilt und wahrgenommen hat, was es lernte, trifft es seine Entscheidung für das nächste Mal. Und gelegentlich sind das Bewegungen von Wirkung und Gegenwirkung: Da es einen ganzen Bereich untersucht hat, empfindet es das Bedürfnis, den entgegengesetzten Bereich zu untersuchen. Und sehr oft wählt es ein Leben, das gerade das Gegenteil des eben vergangenen ist. So sagt es, bevor es weggeht: „Nächstes Mal nehme ich in jenem Bereich Geburt an.“ Nimm zum Beispiel an, das seelische Wesen hätte einen solchen Stand der Entwicklung erreicht, dass es gern die Chance hätte, am physischen Körper arbeiten zu können, um ihn zu befähigen, bewusst mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten, und um ihn zu transformieren. Es verlässt also diesen Körper, in dem es Macht, Autorität, Wirkungsmöglichkeit hatte, diesen Körper, den es für seine Entwicklung benutzte. Es sagt sich: „Das nächste Mal werde ich in einem neutralen Milieu Geburt annehmen, weder niedrig noch hoch, dort, wo es nicht nötig ist (wie soll man sagen?), ein sehr nach außen gewandtes Leben zu führen, wo man weder große Macht hat noch in großem Elend lebt.“ – einfach ganz neutral, weißt du, ein Leben so in der Mitte. Das wählt es. Es begibt sich wieder in seine seelische Welt zurück zur notwendigen Ruhe und um die gelebte Erfahrung zu assimilieren und die künftige Erfahrung vorzubereiten. Selbstverständlich erinnert es sich an seine Entscheidung, und bevor es wieder hinabsteigt, wenn die Assimilation beendet und die Zeit gekommen ist, wieder auf die Erde hinunterzugehen, kann es von diesem Bereich die materiellen Dinge nicht so wahrnehmen wie wir: Sie erscheinen ihm in anderer Form. Trotzdem sind aber diese Unterschiede vorhersehbar – die Unterschiede des Milieus, die Unterschiede der Tätigkeit in diesem Milieu sind klar erkennbar, gut wahrnehmbar. Ihm ist eine Gesamtschau oder globales Sehen möglich. Es kann wählen. Manchmal wählt es das Land: Will es eine bestimmte Art von Erziehung, Kultur und Einfluss, kann es sein Land im Voraus wählen. Manchmal auch nicht, manchmal wählt es nur sein Milieu und das Leben aus, das es führen will. Und dann, bevor es herabkommt, schaut es nach der Art der Schwingung aus, die es möchte, es erkennt sie ganz klar. Und es ist, als ob es die Stelle anvisierte, auf die es fallen wird. Aber es ist eine Annäherung, denn noch eine andere Voraussetzung ist notwendig: nicht nur seine Entscheidung, sondern eine Empfänglichkeit von unten und eine Aspiration. In dem gewählten Milieu muss jemand leben – meistens ist es die Mutter (manchmal beide Elternteile, aber am unentbehrlichsten ist die Mutter) –, jemand mit einer Aspiration oder Empfänglichkeit, genügend passiv und offen oder aber mit einer bewussten Aspiration nach etwas Höherem. Und dadurch wird für das seelische Wesen ein kleines Licht angezündet. In dieser formlosen Masse, wie sich ihm sein gewünschtes Geburtsmilieu darstellt, wenn da unter dem Einfluss seiner Willensprojektion ein kleines Licht aufleuchtet, weiß das seelische Wesen, dass es dort hingehen soll.
Das ist notwendig, es ist der Grund für die Unterschiede in den Monaten oder vielleicht auch den Tagen, nicht so sehr der Jahre. Nun, dadurch entsteht Ungewissheit, was dazu führt, dass es nicht im Voraus genau sagen kann: „An diesem Datum, an diesem Tag, in diesem Augenblick werde ich geboren.“ Es muss jemanden mit Aufnahmebereitschaft finden. Sobald es diesen findet, stürzt es sich hinunter. Doch was geschieht, ist fast so etwas wie ein Bild: Es gibt den Sachverhalt nicht genau wieder, hat aber sehr viel Ähnlichkeit. Das seelische Wesen stürzt sich in eine Unbewusstheit, denn die physische Welt, auch das menschliche Bewusstsein, welcher Art auch immer, ist im Vergleich zum seelischen Bewusstsein sehr unbewusst. Und es stürzt sich in eine Unbewusstheit. Es ist so, als falle es auf den Kopf. Das betäubt es. Und dann – abgesehen von einigen ganz ganz seltenen Ausnahmen – weiß es meistens lange Zeit nichts. Es weiß nicht mehr, wo es ist, was es tut, warum es da ist, nichts. Und es hat große Schwierigkeiten, sich auszudrücken, vor allem in einem kleinen Baby, das keinen Verstand hat. Es ist nur ein Embryo von Gehirn, das kaum geformt und ohne die nötigen Elemente ist, um sich kundzutun. Es ist also ganz selten, dass das Kind sofort zum Ausdruck bringt, dass es ein außergewöhnliches Wesen enthält… Das kommt vor. Es sind Dinge, von denen wir gehört haben. Es kommt vor, aber meistens dauert es eine gewisse Zeit. Nur langsam erwacht es aus seiner Benommenheit und wird sich darüber klar, dass es aus einem ganz bestimmten Grund und infolge einer Entscheidung da ist. Und meistens fällt das mit der intensiven mentalen Erziehung zusammen, die einem das seelische Bewusstsein vollkommen verschließt. Eine Menge Umstände, Ereignisse aller Art, Gemütsbewegungen, alles mögliche ist nötig, um die inneren Pforten zu öffnen, damit man wieder anfängt, sich daran zu erinnern, dass man eigentlich aus einer anderen Welt gekommen ist und aus einem ganz bestimmten Grund kam.
Sonst, wenn sich alles normal abspielen würde, könnte es sehr schnell eine Verbindung herstellen, sehr schnell. Wenn es das Glück hätte, jemand mit ein klein wenig Wissen um sich zu haben, und wenn es, statt in eine Welt der Unwissenheit zu fallen, auf ein klein wenig Wissen stoßen würde, wäre die Verbindung sehr schnell hergestellt.
Aber der seelische Wille und die seelische Entwicklung entziehen sich vollständig allen allgemein üblichen Begriffen von Gerechtigkeit, von Belohnung und Strafe, wie die Menschen sie verstehen. Gewisse Religionen, gewisse Philosophien erzählen einem alle möglichen Geschichten, die ganz einfach die menschlichen Gerechtigkeitsbegriffe auf die unsichtbare Welt anwenden. Das ist dummes Zeug. Denn so ist es überhaupt nicht. Der Begriff von Belohnung und Strafe, so wie der Mensch ihn versteht, ist eine Absurdität. Das lässt sich überhaupt nicht auf die inneren Wirklichkeiten anwenden. Und tritt man dann erst einmal in die wahre spirituelle Welt ein, wird das wahrhaftig zur Torheit. Denn es ist nicht so.
Viele Leute suchen mich auf: „Was habe ich denn in einem früheren Leben getan, dass ich jetzt in so schwierigen Verhältnissen lebe, dass mir so viel Unglück zustößt?“ Und meistens bleibt mir nichts übrig, als ihnen zu sagen: „Sehen Sie denn nicht, dass das ein Segen ist, der auf Ihnen liegt, eine Gnade! Und dass Sie vielleicht in einem früheren Leben gewünscht haben, dass es so ist, damit Sie einen größeren Fortschritt machen können…“ Es sind ganz geläufige Gedanken: „Ach, ich bin krank. Ach, mein Körper ist in schlechtem Zustand, was habe ich getan? Welches Verbrechen habe ich in einem anderen Leben begangen, dass ich in diesem…“ Das sind Kindereien.
Worte der Mutter
Kann ein seelisches Wesen in zwei Körpern wiedergeboren werden?
Das ist nicht ganz so einfach… Das seelische Wesen ist das Ergebnis der Evolution, das heißt des göttlichen Bewusstseins, das sich in der Materie ausbreitete und nach und nach die Materie anhob und sie wachsen ließ, damit sie zum Göttlichen zurückkehren konnte. Das seelische Wesen wurde durch dieses göttliche Zentrum allmählich geformt, durch alle Geburten hindurch. Es kommt der Augenblick, wo es eine gewisse Vollendung erreicht, die Vollendung seines Wachstums und seiner Formung. Und da es nach Verwirklichung, nach einer größeren Vollkommenheit strebt, um das Göttliche besser zu manifestieren, zieht es sehr häufig ein Wesen der Involution an, nämlich eine der Wesenheiten, die zum Obermental gehören, wie Sri Aurobindo es nannte, und diese Wesenheit verkörpert sich dann in diesem seelischen Wesen. Das kann eine dieser Wesenheiten sein, die die Menschen im allgemeinen Götter nennen, Gottheiten irgendwelcher Art. Und wenn diese Verschmelzung stattfindet, wird das seelische Wesen natürlich erhoben und hat an der Natur dieses Wesens teil, das sich in ihm verkörpert. Und nun hat es die Macht, Emanationen auszusenden. Diese Wesen haben die Fähigkeit der Emanation, das heißt, sie lassen einen Teil ihrer selbst aus sich hervorströmen, der dann unabhängig wird und sich in anderen Wesen einkörpert. So können nicht nur zwei, sondern drei, vier, fünf Emanationen entstehen. Es kommt auf den einzelnen Fall an, es kann so ablaufen. Mit anderen Worten, sie können denselben Ursprung haben, einen psychisch-göttlichen, so könnten wir sagen. Und wenn zahlreiche Emanationen erfolgen, fühlen die verschiedenen Personen meistens mit vollem Recht, dass sie das sind, weil sie selbst etwas von dieser Göttlichkeit in sich tragen – es ist gleichsam ein Teil ihrer selbst, der aus ihnen hervorströmte und in einem anderen Wesen selbständig wurde. Das ist keine Selbst-Verdopplung, es ist eine Art Projektion aus sich heraus. (Sich an das Kind wendend, das die Frage gestellt hatte:) Bei einer Verdopplung hat man die Vorstellung, dass die Hälften etwas von ihrer Fähigkeit verloren haben: Wenn du deinen Körper in zwei Teile schneidest, bleibt dir nur die Hälfte. Wenn du aber die Fähigkeit hast, etwas aus dir hervortreten zu lassen, bleibst du ganz, so wie du bist, und gleichzeitig ist da eine andere Tara, die in einer anderen Person ist…
Kapitel 3
Wiedergeburt – Einige Erklärungen
Worte Sri Aurobindos
Du darfst nicht vergessen, dass die Vorstellung einer Wiedergeburt und bestimmter Umstände des neuen Lebens als Belohnung oder Bestrafung von punya [Tugend] oder papa [Sünde] eine unreife, menschliche Vorstellung von „Gerechtigkeit“ ist, ziemlich unphilosophisch, unspirituell und das wahre Ziel des Lebens entstellend. Das Leben auf Erden ist eine Evolution, und die Seele wächst durch Erfahrung, durch ein Ausarbeiten von diesem oder jenem in der menschlichen Natur. Wenn Leiden sich einstellen, dann hat man sie zum Zwecke dieses Ausarbeitens zu erdulden und nicht als ein Urteil, das von Gott oder dem Kosmischen Gesetz verhängt ist über unser Fehlen und Irren, die unvermeidbar sind in der Unwissenheit.
Worte Sri Aurobindos
Die üblichen Theorien sind zu mechanisch, ebenso wie die Vorstellung von punya und papa mit ihren jeweiligen Ergebnissen im nächsten Leben. Die Energien eines vergangenen Lebens zeitigen zwar mit Sicherheit Folgen, doch nicht auf der Grundlage dieses ziemlich kindischen Prinzips. Eines guten Menschen Leiden wären der orthodoxen Theorie zufolge der Beweis, dass er ein großer Schurke in einem vergangenen Leben war, und eines schlechten Menschen Gedeihen wäre der Beweis, dass er ziemlich engelhaft bei seinem letzten Erdenbesuch gewesen sein muss und eine große Saat von Tugenden und verdienstvollen Taten säte, um diese Rekordernte von Glück zu erzielen. Zu symmetrisch, um wahr zu sein! Das Ziel des Geborenwerdens ist Wachstum durch Erfahrung, und die Rückwirkungen vergangener Taten finden deshalb statt, damit das Wesen lerne und wachse, und sind nicht als Lutschbonbons für die braven oder als eine Tracht Prügel für die bösen Kinder der Klasse in der Vergangenheit gedacht. Die tatsächliche Billigung für Gut und Böse ist nicht Glück für den einen und Unglück für den anderen, sondern dass uns das Gute einer höheren Natur entgegenführt, die letztlich über das Leiden erhaben ist, und das Schlechte uns zur niederen Natur hinabzieht, die sich immer im Kreis des Leidens und Bösen bewegt.
Worte Sri Aurobindos
Du sagst, menschliche Beziehungen in einem Leben bestünden im darauffolgenden Leben fort und die Aussichten hierfür hingen von der Intensität der Bindung ab. Das mag stimmen, es ist jedoch kein Gesetz – in der Regel wird die gleiche Beziehung nicht ständig wiederholt. Oft treffen sich die gleichen Menschen in verschiedenen Leben immer wieder auf Erden, ihr Verhältnis zueinander ist jedoch ein anderes. Dem Zweck der Wiedergeburt wäre nicht gedient, wenn sich die gleiche Persönlichkeit mit den gleichen Beziehungen und Erfahrungen unaufhörlich wiederholen würde.
Worte Sri Aurobindos
Meist bewahrt die Seele dieselbe Linie des Geschlechtes. Eine Veränderung des Geschlechtes geht in der Regel von den nichtzentralen Teilen der Persönlichkeit aus.
Worte Sri Aurobindos
Es kann scheinbar rückläufige Bewegungen geben [in der Evolution der Seele], doch sind dies nur Zick-Zack-Bewegungen, kein wirkliches Zurückfallen. Es ist eine Rückkehr zu etwas, das noch nicht verarbeitet ist, damit man dann umso leichter vorwärtsschreiten kann.
Nicht die Seele ist es, die zum Tierzustand zurückkehrt, es ist vielmehr ein Teil der vitalen Persönlichkeit, der sich ablösen und in eine Tiergeburt eintreten kann, um dort seine Tierneigungen auszuarbeiten.
An dem allgemeinen Glauben, dass ein habgieriger Mensch zu einer Schlange wird, ist nichts Wahres. Das ist volkstümlich romantischer Aberglaube.
Worte Sri Aurobindos
Doch die Seele – das seelische Wesen –, wenn sie einmal das menschliche Bewusstsein erreicht hat, kann sich ebensowenig in ein niedrigeres Tierbewusstsein zurückwenden, wie sie in einen Baum oder ein kurzlebiges Insekt zurückkehren kann. Es ist jedoch richtig, dass ein Teil der vitalen Energie oder des geformten instrumentalen Bewusstseins der menschlichen Natur dies kann und auch sehr häufig tut, wenn es von etwas im Erdenleben stark angezogen wird.
Kapitel 4
Die Geburt
Worte der Mutter
Letzte Woche habe ich von der Geburt gesprochen: wie die Seele in den Körper kommt, und ich habe dir gesagt, dass dieser Körper fast für alle auf eine sehr unbefriedigende Weise gebildet wird – die Ausnahmen sind so selten, dass sie kaum der Rede wert sind.
Ich habe dir gesagt, dass man durch diese obskure Geburt mit einem enormen physischen Gepäck von Dingen ankommt, die man meistens loswerden muss, wenn man wirklich vorankommen will, und nun ist mir mein eigener Satz zitiert worden, der folgendermaßen lautet:
„Man lässt einen mit Gewalt kommen, man zwingt einem mit Gewalt die Umwelt und mit Gewalt die Gesetze des Atavismus auf.“
Und dann fragte mich der Betreffende, der mir geschrieben hat, wer dieses „man“ nun sei?
Selbstverständlich hätte ich ausführlicher sein können, aber ich glaubte, mich klar genug ausgedrückt zu haben.
Der Körper wird von einem Mann und einer Frau gebildet, die Vater und Mutter werden, und sie haben nicht einmal die Möglichkeit, das Geschöpf, das sie auf die Erde kommen lassen, zu fragen, ob es ihm genehm ist zu kommen oder ob das seiner Bestimmung entspricht. Und diesem von ihnen gebildeten Körper zwingen sie mit Gewalt, der Gewalt der Notwendigkeit, einen Atavismus, eine Umwelt, später eine Erziehung auf, die für das künftige Wachstum fast immer Hindernisse sind.
Daher habe ich hier gesagt, und ich sage es noch einmal (ich glaubte, mich klar ausgedrückt zu haben), es handelt sich um leibliche Eltern und um den leiblichen Körper, um nichts anderes. Und die Seele, die Geburt annimmt, sei sie nun in der Entwicklung oder voll entwickelt, muss mit den Umständen kämpfen, die ihr durch die tierhafte Geburt aufgezwungen wurden, sie muss kämpfen, um den richtigen Weg zu finden und sich selbst in ihrer Fülle wiederzufinden…
Liebe Mutter, ist es der Mutter und dem Vater möglich, die Seele, die sie sich wünschen, geboren werden zu lassen, sie zu verlangen?
Zu verlangen? Dazu ist eine okkulte Kenntnis nötig, die sie im Allgemeinen nicht besitzen. Möglich ist aber auf jeden Fall, dass sie die Dinge – statt wie ein von einem Instinkt oder einer Begierde getriebenes Tier und ohne es meistens gar zu wollen – aus freiem Willen tun, mit einer Aspiration, sich selbst in einen Zustand sehnsuchtsvollen Strebens versetzen, der dem Beten nahekommt, damit das Wesen, das sie bilden wollen, eine geeignete Form sei, um eine Seele zu verkörpern, die sie in dieser Form zur Inkarnation rufen können. Ich habe Menschen gekannt (sie waren nicht zahlreich, das kommt nicht oft vor, aber ich habe doch welche gekannt), die besondere Umstände auswählten, sich durch besondere Konzentration, Meditation und Aspiration vorbereiteten und sich bemühten, in den Körper, den sie so bildeten, ein außerordentliches Lebewesen kommen zu lassen.
In den Ländern der alten Zeit, und auch jetzt noch in bestimmten Ländern, wurde eine Frau, die ein Kind bekommen sollte, in eine besonders schöne, harmonische und friedvolle Lage versetzt, wo sie sich in einem völlig harmonischen körperlichen Zustand wohlfühlen konnte, damit das Kind unter den bestmöglichen Bedingungen gebildet würde. Das sollte man selbstverständlich tun, weil es im Rahmen der menschlichen Möglichkeiten liegt. Die Menschen sind entwickelt genug, dass dies nicht etwas ganz Außergewöhnliches sein sollte. Und doch ist es etwas ganz Außergewöhnliches, denn sehr wenige denken daran. Dagegen gibt es unzählbar viele Menschen, die Kinder zeugen, ohne es überhaupt zu wollen.
Das wollte ich sagen.
Es ist möglich, eine Seele zu rufen, aber man muss mindestens selbst ein wenig Bewusstsein haben und dann das, was man tut, unter den besten Bedingungen tun wollen.
Mutter, wenn ein Körper gebildet wird, ist dann die Seele, die sich in ihm inkarniert, gezwungen, in diesem Körper zu inkarnieren?
Ich verstehe deine Frage nicht ganz.
Die Bildung des Körpers hängt lediglich von einem Mann und einer Frau ab. Aber ist die Seele, die sich in dem Kind, in dem sich bildenden Körper zeigt, gezwungen, sich in diesem Körper zum Ausdruck zu bringen?
Du meinst, ob sie zwischen verschiedenen Körpern wählen kann?
Ja.
Nicht wahr, es ist trotz allem ganz außergewöhnlich in der ungeheuren Menge der Menschen, dass da eine bewusste Seele ist, die sich aus freiem Willen inkarniert. Das ist ein sehr seltener Fall. Ich habe dir schon gesagt, wenn eine Seele bewusst ist, voll ausgebildet, und sie sich, ganz allgemein, von ihrem seelischen Bereich aus inkarnieren will, versucht sie, nach einem entsprechenden seelischen Licht an einem bestimmten Ort auf der Erde zu sehen. Daher wählt die Seele während ihrer vorhergehenden Inkarnation, vor dem Weggehen, bevor sie die irdische Atmosphäre verlässt, meistens als Ergebnis der Erfahrung, die sie in dem zu Ende gehenden Leben hatte, mehr oder weniger (nicht in allen Einzelheiten, sondern in allgemeiner Form) die Bedingungen ihres zukünftigen Lebens aus. Aber das sind Ausnahmefälle. Wohl ist es möglich, dass wir unter uns darüber sprechen können, aber bei der Mehrheit, der großen Mehrheit der Menschen, sogar bei den Gebildeten, ist keine Rede davon. Und da kommt ein sich bildendes seelisches Wesen, mehr oder weniger ausgebildet, und es durchläuft alle Bildungsstufen, von dem Funken, der ein kleines Licht wird, bis zum vollentwickelten Wesen. Das erstreckt sich über Tausende von Jahren. Dieser Aufstieg der Seele, um ein bewusstes Wesen zu werden, das seinen eigenen Willen hat und über die Wahl seines Lebens entscheiden kann, dauert Jahrtausende.
Du willst nun von einer Seele sprechen, die sagen würde: „Nein, ich lehne diesen Körper ab, ich werde einen anderen suchen“? … Ich sage nicht, das sei unmöglich – alles ist möglich. Es kommt wirklich vor, dass es totgeborene Kinder gibt, was bedeutet, dass keine Seele da war, um sich in ihnen zu inkarnieren. Es kann aber auch aus anderen Gründen sein, es kann auch aus Gründen einer Missbildung sein. Man kann es nicht genau sagen. Ich sage nicht, es sei unmöglich, aber im Allgemeinen, wenn eine bewusste und freie Seele sich entscheidet, wieder einen Körper auf der Erde anzunehmen, arbeitet sie sogar schon vor der Geburt an dem Körper. So hat sie überhaupt keinen Grund, nicht auch die Nachteile hinzunehmen, die aus der Unkenntnis der Eltern entspringen können. Denn sie hat den Ort aus einem Grund gewählt, der nicht in der Unwissenheit lag: Sie hat da ein Licht gesehen – das konnte einfach das Licht einer Möglichkeit sein, aber da war ein Licht, und deshalb ist sie dorthin gekommen. So kann sie sehr wohl sagen: „Ach nein, das gefällt mir nicht“, aber wo sollte sie einen anderen aussuchen, der ihr gefällt? … Das kann geschehen, ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber es ereignet sich sicher nicht sehr oft. Denn wenn die Seele aus dem seelischen Bereich auf die Erde schaut und den Ort ihrer Geburt wählt, sucht sie ihn mit hinreichender Überlegung aus, um sich nicht schwer zu täuschen.
Es ist auch vorgekommen, dass sich Seelen inkarnierten und dann wieder weggegangen sind. Es gibt viele Gründe, um wegzugehen. Wenn Kinder sehr jung sterben, nach einigen Tagen oder einigen Wochen, kann das aus einem solchen Grund sein. Meistens sagt man, es sei deshalb, weil die Seele gerade noch eine kleine Erfahrung gebraucht habe, um ihre Ausbildung zu beenden, und dass sie sie während dieser paar Wochen gehabt und sich dann entfernt habe. Alles ist möglich. Und man müsste, um die Geschichte der Seele zu erzählen, genauso viele Geschichten erzählen, wie für die Geschichte des Menschen nötig sind. Das heißt, es sind unzählige, und die Fälle sind so verschieden wie möglich voneinander.
So ist es eine Kinderei, willkürlich zu entscheiden: „Das ist so und jenes ist nicht so, dies kommt vor und jenes kommt nicht vor.“ Alles kann vorkommen. Es gibt Fälle, die häufiger sind als andere, man kann verallgemeinern. Aber man kann niemals sagen: „Dies ist nicht möglich, und es ist immer so oder immer so.“ So gehen die Dinge nicht vor sich.
Aber in jedem Fall – in jedem –, sogar in den besten Fällen, selbst wenn die Seele bewusst gekommen ist, selbst wenn sie sich bewusst an der Bildung des physischen Körpers beteiligt hat, wird sie doch, solange der Körper auf die übliche tierhafte Art gebildet wird, zu kämpfen haben und all die Dinge, die aus dieser menschlichen Tierhaftigkeit kommen, korrigieren müssen.
Zwangsläufig haben die Eltern eine besondere Entwicklung, sie haben eine besondere gute oder schlechte Gesundheit. Selbst wenn man den besten Fall annimmt, haben sie eine Menge Atavismen, Gewohnheiten, Formationen im Unterbewusstsein und sogar im Unbewussten, die aus ihrer eigenen Herkunft stammen, dem Milieu, in dem sie gelebt haben, dem Leben, das sie führten. Und selbst wenn es hervorragende Menschen sind, haben sie eine Menge Dinge, die dem wahren seelischen Leben völlig entgegengesetzt sind – sogar die besten, sogar die bewusstesten. Und dazu kommt noch alles, was dann so passiert. Selbst wenn man sich viel Mühe mit der Erziehung seiner Kinder gibt, werden sie mit allen möglichen Leuten in Berührung kommen, die einen Einfluss auf sie ausüben, vor allem, wenn sie noch ganz klein sind, und diese Einflüsse treten in das Unbewusste ein, später muss man dagegen ankämpfen. Ich meine: Wegen der Art und Weise, wie der Körper jetzt gebildet wird, hat man selbst in den besten Fällen unzählige Schwierigkeiten zu überwinden, die mehr oder weniger aus dem Unbewussten hervorkommen, die aber an die Oberfläche steigen und gegen die man ankämpfen muss, um ganz frei zu werden und sich normal entwickeln zu können.