Kapitel 8
Bedingungen für das Kommen eines spirituellen Zeitalters
Eine solche Wandlung der mentalen und vitalen Lebensordnung zu einer spirituellen hin muss sich notwendigerweise erst im Individuum und einer großen Zahl von Individuen ereignet haben, ehe sie in der Gemeinschaft wirksam werden kann. Der Geist in der Menschheit enthüllt, entwickelt und formt sich im individuellen Menschen: durch Fortschritt und Gestaltung des Einzelnen offenbart er sich und ermöglicht es dem Mental der Menschheit, sich selbst neu zu erschaffen. Denn das gemeinsame Mental bewahrt die Dinge erst im Unterbewusstsein oder, wenn bewusst, dann auf eine verwirrte, chaotische Art. Nur durch das individuelle Mental vermag die Masse zu einer klaren Erkenntnis zu gelangen und die im unterbewussten Selbst enthaltenen Dinge schöpferisch zu gestalten. Denker, Historiker und Soziologen, die das Individuum gering achten und es in der Masse auflösen möchten oder es im wesentlichen als Zelle, als Atom ansehen, haben nur die dunklere Seite des wahren Wirkens der Natur in der Menschheit erfasst. Da der Mensch weder den materiellen Erscheinungsformen der Natur noch dem Tier ähnelt, sondern die Natur in ihm eine immer bewusstere Entfaltung anstrebt, ist die Individualität in ihm so stark entwickelt und so unbedingt wichtig und unentbehrlich. Zweifellos muss das, was im Individuum zum Ausdruck kommt, was später die Masse bewegt, schon im universalen Mental vorhanden gewesen sein. Das Individuum ist nur ein Werkzeug für seine Offenbarung, Erkenntnis und Entfaltung; es ist aber ein unentbehrliches Werkzeug, nicht nur der unterbewussten Natur, nicht nur eines instinktiven Dranges, der die Menge bewegt, sondern ein unmittelbares Werkzeug des Geistes, für dessen Schöpfung die Natur selbst Werkzeug und Mutterboden ist. Deshalb finden alle größeren Veränderungen ihre erste klare und bedeutsame Auswirkung, ihre unmittelbare Gestaltungskraft im Mental und im Geist eines Individuums oder einer begrenzten Zahl von Individuen. Die Masse folgt, bedauerlicherweise in einer sehr unvollkommenen und verwirrten Art, die oft oder sogar fast immer in einem Versagen, einer Verdrehung des Geschaffenen endet. Wäre dem nicht so, dann hätte die Menschheit Fortschritte machen können mit sieghafter Schnelligkeit anstatt mit schwerfälligen Verzögerungen und bald erschöpften Anläufen, die scheinbar das einzige sind, zu dem sie bisher fähig gewesen ist.
Soll also die spirituelle Wandlung, von der wir sprachen, vor sich gehen, dann müssen zwei Bedingungen auf einen Nenner gebracht werden, die gleichzeitig befriedigt werden müssen, aber sehr schwierig zu vereinen sind. Es muss sowohl das Individuum wie die Individuen geben, die sich im Bild des Geistes zu erblicken, zu entwickeln und neu zu gestalten vermögen und die in der Lage sind, sowohl ihre Idee wie deren Kraft auf die Masse zu übertragen. Zu gleicher Zeit muss es eine Masse geben, eine Gesellschaft, ein gemeinsamen mentalen Geist oder zumindest die Bestandteile eines Gruppenkörpers, die Möglichkeit einer Gruppenseele, die den Geist zu empfangen und sich wirksam einzuverleiben vermag, die zu folgen bereit ist und auch wirklich ankommt, die nicht den ihr selbst innewohnenden Schwächen unterliegt und auf dem Weg vor der entscheidenden Verwandlung anhält oder zurückfällt. Eine solche Gleichzeitigkeit hat es niemals gegeben, wenn auch der Eifer des Augenblicks bisweilen den Anschein hiervon erweckte. Sicherlich wird diese Verbindung der beiden Voraussetzungen eines Tages gelingen. Aber niemand vermag zu sagen, wie viele Versuche zuvor gewagt, wie viele Ablagerungen an spiritueller Erfahrung in der unterbewussten Mentalität der Allgemeinheit angesammelt werden müssen, ehe der Boden bereitet ist. Denn die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg einer so schwierigen Aufwärtsentwicklung, die die Wurzeln selbst unserer Natur berührt, ist immer weniger groß als die zahlreichen Möglichkeiten eines Versagens. Wer den Anstoß gibt, mag selbst unvollkommen sein, mag nicht lange genug gewartet haben, um selbst völlig eins zu werden mit dem Erschauten. Auch die wenigen, die das Amt des Apostels übernahmen, mögen die Kraft des Geistes sich nicht vollkommen einverleibt und in sich ausgestaltet haben. Sie werden diese deshalb noch weiter vermindert der Masse übermitteln, die nach ihnen kommt. Die Gesellschaft mag intellektuell, vital, ethisch und temperamentsmäßig nicht ausreichend vorbereitet sein, so dass die endgültige Annahme der spirituellen Idee durch die Gesellschaft zugleich den Anfang ihres Verfalls und ihrer Verzerrung bedeutet und dies die Auflösung oder die Verminderung des Geistes zur Folge hat. Eine dieser Möglichkeiten oder alle zugleich mögen eintreten. Wie so oft in der Vergangenheit wird sich hieraus ergeben, dass trotz einiger Fortschritte und einiger wesentlicher Veränderungen die entscheidende Wandlung nicht erreicht wurde, die allein die Menschheit in einem göttlicheren Abbild neu zu erschaffen vermag.
Welches wird dann der Zustand der Gesellschaft, welches die Bereitschaft des gemeinsamen Mentals sein, der für diese Wandlung am günstigsten ist, so dass dies, wenn sie auch nicht sofort eintreten wird, so doch in ihrem Weg zumindest entscheidender vorbereitet werden kann, als dies bisher möglich war? Denn das erscheint als die wesentlichste Voraussetzung, nachdem das Unvorbereitetsein, die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft oder des gemeinsamen Mentals immer das hauptsächlichste Hemmnis war. Die Bereitschaft dieses gemeinsamen Mentals ist von allergrößter Bedeutung. Denn selbst wenn die Lebensbedingungen der Gesellschaft und die sie beherrschenden Grundregeln einer spirituellen Wandlung entgegenstehen, selbst wenn sie fast völlig einer vitalen, äußeren, wirtschaftlichen oder mechanischen Ordnung zugehören, wie dies sicherlich bei den Menschenmassen im Augenblick der Fall ist, besteht doch die Hoffnung auf Fortschritt in nicht allzu ferner Zukunft, sobald das gemeinsame Mental des Menschen die Ideen einer höheren Ordnung anzunehmen beginnt, die eines Tages vorherrschen soll, und das menschliche Herz sich des Strebens bemächtigt, das aus diesen Ideen entsteht. Erstes wesentliches Anzeichen einer solchen Entwicklung wird das Wachstum einer subjektiven Idee des Lebens, einer Idee der Seele, des inneren Wesens sein, ihrer Kräfte und Auswirkungen. Dass sich diese Ideen entfalten und ihren Ausdruck finden, dass eine wahre, schöne und förderliche Umwelt entsteht, ist von ausschlaggebender Wichtigkeit. Das alles sind Zeichen, Vorläufer eines subjektiven Zeitalters im Denken und sozialen Streben der Menschheit.
Solche Ideen werden sich wahrscheinlich zuerst in Philosophie, psychologischem Denken, in Kunst, Dichtung, Malerei, Bildhauerei und Musik, in den wesentlichsten ethischen Ideen ausdrücken, in der Ausdehnung subjektiver Grundgedanken auf soziale, vielleicht sogar, wenn dies auch gewisse Gefahren in sich schließt, auf politische und wirtschaftliche Fragen, also auf die harte, widerspenstige, nur einer zweckhaften Behandlung zugänglichen Materie. Wissenschaft oder zumindest die Forschung werden unerwartete, neue Richtungen einschlagen, Wendungen, deren höchst fruchtbaren Untersuchungen die Orthodoxen nur ungern den Namen Wissenschaft zubilligen. Erkenntnisse werden die Trennungswand zwischen Seele und Materie schwächen. Es wird versucht werden, die exakte Wissenschaft auf psychologische und psychische Bereiche auszudehnen, aus der Erkenntnis der Wahrheit heraus, dass diese unter eigenen Gesetzen stehen, die nicht physische sind, die aber doch Gesetze sind, wenn sie auch von den irdischen Sinnen sich nicht fassen lassen und unendlich formbar und subtil sind. Die Religion wird anstreben, sich von ihrem bisherigen Gewicht an toter Materie zu befreien und an den Quellen des Geistes ihre Kräfte neu beleben. Dies alles sind sichere Zeichen einer künftigen Ordnung, zumindest der Wahrscheinlichkeit einer solchen, Zeichen von Bemühungen, die zweifellos gemacht werden, Zeichen eines neuen Strebens, das vielleicht von einem umfassenderen Überblick, einer besser ausgestatteten Intelligenz unterstützt wird, die fähig ist, die sich offenbarende Wahrheit nicht nur zu erfühlen, sondern sie auch zu verstehen. Einige dieser Zeichen lassen sich schon gegenwärtig erkennen, obwohl sie erst zeitweise und zusammenhanglos auftreten und nicht wesentlich genug sind, um Vertrauen und Sicherheit zu geben. Erst wenn diese tastenden Anfänge das Ziel ihres Suchens gefunden haben, können sie tatsächlich einen Einfluss auf die Umbildung des menschlichen Lebens gewinnen. Bis dahin werden sie wahrscheinlich nicht mehr erreichen können als eine innere Vorbereitung. Im übrigen werden grundlegende und umwälzende Experimente zweifelhafter Art mit der umfangreichen, schwerfälligen Maschinerie vorgenommen werden, unter der sich das Leben jetzt stöhnend müht.
Ein subjektives Zeitalter kann lange vor Erreichen der Spiritualität seine Entwicklung unterbrechen. Denn die subjektive Richtung ist nur deren erste Voraussetzung, aber nicht ein Ergebnis, nicht das Ziel. Die Suche nach der Wirklichkeit, nach dem wahren Selbst des Menschen kann sehr wahrscheinlich in jener natürlichen Ordnung verlaufen, die in den Upanishaden in dem tiefen Gleichnis von dem suchenden Weg des Bhrigu, des Sohnes von Varuna, geschildert ist. Dem Sucher erschien zunächst die Materie als letzte Wirklichkeit und das physische, stoffliche Wesen, der äußere Mensch, als unser einziges Selbst und Geist. Später betrachtete er das Leben als diese Wirklichkeit und das vitale Wesen als das Selbst und den Geist. Zum dritten versuchte er die Wirklichkeit im Mental und im mentalen Wesen zu finden. Erst danach konnte er – jenseits des oberflächlichen Subjektiven – durch das supramentale Wahrheitsbewusstsein zu der ewigen, sich segenspendenden, immer schöpferischen Wirklichkeit gelangen, deren Teil alle die vorhergehenden Erkenntnisse nur waren. Da die Menschheit aber im Allgemeinen nicht so ausdauernd sein dürfte wie der Sohn Varunas, wird das Streben wohl frühzeitig ein Ende finden. Nur wenn der Geist ein bestimmtes Ziel erreichen und erkennen will, wird er jede ungenügende Form, sobald sie sich gebildet hat, durchbrechen und das menschliche Denken zu weiterer Erkenntnis und letzten Endes zu der höchsten und herrlichsten von allen vorwärtsdrängen. Etwas Ähnliches hat sich ereignet, aber auf einer sehr äußerlichen und oberflächlichen Weise. Nachdem die Materie, die als Richtschnur den größten Teil des 19. Jahrhunderts beherrscht hatte, dem Menschen den für ihn bisher schwersten Dienst im mechanischen Ablauf des äußeren Lebens aufgebürdet hat, führte uns der erste Versuch eines Durchbruchs zu der lebendigen Wirklichkeit in den Dingen fort von der mechanischen Auffassung des Lebens, der Lebensart und der Gesellschaft zu jenem oberflächlichen Vitalismus, der schon einen Einfluss auf das Denken auszuüben begann, noch ehe die unlösbar miteinander verbundenen Normen gemeinsam den flammenden Scheiterhaufen des Weltkrieges angefacht hatten. Der élan vital brachte uns keine Befreiung, sondern nutzte lediglich den schon bestehenden Mechanismus mit größerer, fieberhafter Intensität, mit dem heftigen Versuch, schneller, intensiver zu leben, mit einem maßlosen Willen nach Tätigkeit und Erfolg, nach Erweiterung der reinen Lebenskraft, nach einer unerhörten Lebensleistung. Das Ergebnis wäre das gleiche gewesen, wenn der Vitalismus weniger oberflächlich und äußerlich gewesen wäre und statt dessen im wahren Sinn subjektiver. Leben, handeln, wachsen, die Lebenskraft steigern, den intuitiven Lebensimpuls verstehen, benutzen und erfüllen, dies alles ist an sich nicht fehlerhaft, sondern wesentlich, solange es auf richtige Weise getan wird. Das heißt, es kommt darauf an, dass es auf ein Ziel jenseits des rein vitalistischen Impulses gerichtet ist und von dem innersten Wesen des Menschen beherrscht wird, das höher ist als das Leben. Die Lebenskraft ist Werkzeug, nicht Ziel. Sie ist auf dem aufwärts steigenden Weg das erste große, subjektive, supraphysische Werkzeug des Geistes und Grundlage aller Handlungen und Bestrebungen. Erkennt die Lebenskraft aber nichts außer sich selbst an, fühlt sie sich zu keinem Dienst an etwas anderem als den Forderungen und Antrieben ihrer eigenen Organisation verpflichtet, wird sie sehr bald der Dampfkraft gleichen, die eine Maschine führerlos treibt, oder einer Maschine, deren Dampfkraft den Führer zum Diener, nicht zum Herrn gemacht hat. Sie wird den Naturkräften der materiellen Welt lediglich noch den zügellosen Antrieb eines hoch strebenden oder in der Breite wirkenden Titanismus – vielleicht sind es auch niedrige dämonische Kräfte – hinzufügen, dessen Diener der Intellekt ist. Dieser Antrieb von maßloser, rastloser Schaffenskraft, Besitzgier und Expansion wird zu etwas Gewaltsamem, Riesigem und „Kolossalem“ führen, das schon von Natur aus zu Übermaß und Verfall verurteilt ist, da es nicht das Licht und die Wahrheit der Seele in sich trägt, noch die Heiligung durch die Götter, durch ihren gleichbleibenden ewigen Willen und ihre Weisheit.
Jenseits der Subjektivität des vitalen Selbstes aber kann es einen bewussten, ja sogar mentalen Subjektivismus geben, der sich zunächst vielleicht an die schon erkannte Idee von der Seele als tätigem Leben anlehnen und diese weiter ausbauen wird. Er mag einem stark mentalisierten Pragmatismus gleichen, der sich aber später möglicherweise zu der höheren Idee des Menschen als einer Seele erhebt, die sich selbst im Leben und Körper individuell und kollektiv durch das Spiel eines sich immer stärker ausbreitenden mentalen Wesens entwickelt. Diese größere Idee würde erkennen, dass die Aufwertung des menschlichen Wesens nicht allein durch materielle Leistung oder durch das umfassende Spiel seiner vitalen und dynamischen Kräfte geschieht, die mit Hilfe des Verstandes die Energie der physischen Natur zur Befriedigung der eigenen Lebensinstinkte zu meistern suchen. Nicht nur durch Intensivierung seiner gegenwärtigen Lebensweise, sondern durch die Größe seines mentalen und seelischen Wesens, durch eine Erkenntnis, die seine höhere Natur und deren Kräfte hervorruft, kann der Mensch sich erheben. In diesem Fall würde er das Leben als eine Gelegenheit zu Freude und Macht des Wissens, zu Freude und Macht der Schönheit ansehen, zu Freude und Macht seines Willens, der nicht nur die physische Natur, sondern auch die vitale und mentale Natur zu beherrschen vermag. Dann könnte er das bisher noch nicht erahnte Geheimnis seiner Gedanken- und Lebensmächte entdecken und sie zu seiner Befreiung aus den Begrenzungen und Fesseln seines körperlichen Lebens einsetzen. Auf diese Weise könnte der Mensch zu neuen seelischen Beziehungen, zu einer überlegeneren, sich in der Handlung selbsterkennenden Kraft der Ideen gelangen, könnte er die Hindernisse von Entfernung und Teilung durch seine inneren Möglichkeiten überwinden, die selbst die letzten, wunderbaren Leistungen der materiellen Wissenschaft in den Schatten stellen würden. Eine solche Entwicklung aber ist weit genug entfernt von den Träumen der Menschheit. Und doch gibt es gewisse schwache Anzeichen und Vorhersagen einer solchen Möglichkeit; Ideen dieser Art verkörpern schon zahlreiche Menschen, die vielleicht eine heute noch unerkannte Vorhut der Menschheit darstellen. Es ist nicht unmöglich, dass schon heute unter dem Horizont ein Licht verborgen ist, das auf seinen Aufstieg in aller Herrlichkeit wartet und das durch die noch verworrenen Stimmen eines neuen Morgen angekündigt wird.
Würde sich eine solche Wendung im Denken, Streben und in den Lebensideen des gemeinsamen Mentals bemächtigen, so würde dies zweifellos eine Umwälzung des ganzen menschlichen Kosmos bedeuten. Von Anbeginn an würde dieses einen neuen Ton, eine andere Atmosphäre, einen höher strebenden Geist, einen weiteren Horizont und größere Ziele erhalten. Es würde sich vielleicht ohne weiteres eine Wissenschaft entwickeln, die sich die Kräfte der physischen Welt tatsächlich und nicht nur begrenzt und mechanisch unterwerfen und möglicherweise die Tore zu anderen Welten öffnen würde. Eine Vollendung würde in Kunst und Schönheit erreicht werden, der gegenüber die Werke der Vergangenheit verblassen würden und die die Welt von der heute erstaunlich weitgehenden Herrschaft zweckmäßiger Hässlichkeit befreien könnte. Eine solche Wendung würde einen engeren und freieren Austausch zwischen der Mentalität der Menschen und hoffentlich auch einen freundlicheren zwischen Herz und Leben der Menschen auslösen. Die Menschen aber sollten sich noch nicht mit diesem Erfolg begnügen, sondern könnten zu wesentlicheren Zielen fortschreiten, von denen diese nur die Anfänge sind. Wohl würde dieser mentale und seelische Subjektivismus seine Gefahren haben, größere sogar als diejenigen, die den vitalen Subjektivismus erwarten, da auch seine auswirkenden Möglichkeiten größere wären. Im Gegensatz zum vitalistischen Subjektivismus aber, der dazu nicht in der Lage ist, besäße er die Fähigkeit zu klärender Unterscheidung, zu starker Sicherung und großer, befreiender Erleuchtung.
Dies ist vielleicht eine notwendige Stufe der menschlichen Entwicklung, die mit viel Schwierigkeiten von der Materie zum Geist führt. Es war einer der Hauptfehler der früheren Versuche einer Spiritualisierung der Menschheit, dass der materielle Mensch durch eine Art plötzlichen Wunders unmittelbar spiritualisiert werden sollte. Wenn dies auch möglich sein könnte, es würde ein solches Wunder doch wahrscheinlich nicht von Dauer sein, denn es überspringt die Stufen des Aufstiegs, lässt die dazwischen liegenden Ebenen unbetreten und vermag sie deshalb nicht zu meistern. Beim Einzelnen mag ein solcher Schritt Erfolg haben – indisches Denken würde sagen, bei denen, die sich durch frühere Daseinsformen dafür vorbereiten –, bei den meisten aber muss er versagen. Über diese Einzelnen hinaus würde ein erzwungenes Wunder des Geistes erschlaffen. Nicht fähig, durch innere Kraft zu verwandeln, sucht die neue Religion ihr Heil im Mechanischen, verfängt sich in den Drehungen ihrer eigenen Werkzeuge, verliert die Verbindung mit dem Geist und geht schnell zugrunde oder verfällt langsam. Dies ist das Schicksal aller Versuche des vitalistischen, intellektuellen und mentalen wie des spirituellen Strebens, den Menschen mit Vorrang oder ausschließlich in seinem physischen Mental anzusprechen. Ein solcher Versuch scheitert an dem vom Menschen selbst geschaffenen Mechanismus, der ihn zum Sklaven und Opfer der Maschine macht. Dies ist die Rache unserer materiellen, selbst mechanisch gewordenen Natur gegenüber solchem gewaltsamen Bemühen, das sie unter ihre Kontrolle bringt infolge der ihrem eigenen Gesetz dargebrachten Zugeständnisse. Soll die Menschheit spiritualisiert werden, dann muss sie zunächst in ihrer Mehrheit das materielle und vitale Wesen aufgeben und zu einem seelischen und wirklich mentalen Wesen werden. Es mag fraglich sein, ob ein solcher Fortschritt der Masse, eine solche allgemeine Bekehrung möglich ist. Sollte dies nicht der Fall sein, dann ist die Spiritualisierung der Menschheit als Gesamt nur ein Trugbild.
Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, muss es als wesentliches Zeichen, als große Verheißung angesehen werden, dass das Rad der Zivilisation seine bisherige und gegenwärtige Aufwärtsdrehung von einer festen physikalischen Erkenntnis aus zu einer Erweckung innerer höherer Kräfte hin begann, die zwischen Materie und Geist vermitteln. Der menschliche Intellekt wurde dabei zunächst veranlasst, die Möglichkeiten des Materialismus durch ungeheure Leistungen in Leben und Welt auszuschöpfen auf der Grundlage der Materie als einziger Wirklichkeit, der Materie als Ewigkeit, der Materie als Brahman, annam brahma. Später entwickelte sich die Grundauffassung, dass das Dasein eine große Schwingung des machtvollen, sich entfaltenden Lebens sei, Schöpfer der Materie. So wurde das Sein auf der Grundlage des Lebens als ursprünglicher Wirklichkeit angesehen, das Leben als das große Ewige, prano brahma, erkannt. Heute hat der menschliche Verstand schon im Keim eine neue Vorstellung in Vorbereitung, die Entdeckung eines großen, sich selbst ausdrückenden und sich selbst findenden inneren Mentals als beherrschende Kraft des Daseins, das sich von unserer oberflächlichen Mentalität unterscheidet. Das ist der umfassende Versuch, mit unseren Möglichkeiten und unserer Lebensweise auf der Grundlage des Mentals, des großen Ewigen, mano brahma, als der ursprünglichen Wirklichkeit zu leben. Es wäre ein Zeichen des Versprechens, wenn diese Auffassungen schnell aufeinander folgen und intensiv nacheinander die Möglichkeiten jeder dieser Ebenen lebendig machen würden. Denn dies würde zeigen, dass es eine Bereitschaft in unserer unterbewussten Natur gibt, und dass wir nicht auf jeder Stufe Jahrhunderte verbringen müssten.
Trotzdem muss ein subjektives Zeitalter für die Menschheit ein Abenteuer voller Gefahren und Unsicherheiten darstellen, wie dies bei allen großen Abenteuern der Menschenart der Fall gewesen ist. Sie mag lange wandern, bis sie sich selbst findet. Vielleicht findet sie sich niemals und muss wieder zurückschwingen zu neuer Wiederholung des Zyklus. Das wahre Geheimnis kann nur entdeckt werden, wenn auf der dritten Stufe, in dem Zeitalter des erkennenden Subjektivismus, die Idee sich durchsetzt, dass das Mental selbst nur eine zweitrangige Macht des spirituellen Wirkens ist, dass der Geist das große Ewige ist, die wirkliche und trotz der vielen offenen und verborgenen Ausdrucksformen einzige Wirklichkeit, ayam atma brahma. Erst dann werden wir am Anfang des wirklichen, entscheidenden Strebens stehen, Leben und Welt erforschen, erkennen und nach jeder Richtung als den sich selbst findenden und als sich selbst ausdrückenden Geist behandeln. Dann erst wird ein spirituelles Zeitalter der Menschheit möglich sein.
Der Versuch, dieses Ereignis einigermaßen zu erklären – und eine nicht angemessene Erklärung wäre fruchtlos –, bedürfte eines oder zwei weiterer Bände. Denn wir müssten von einer Erkenntnis sprechen, die selten und überall erst in den Anfängen vorhanden ist. Für heute genügt es festzustellen, dass eine spirituelle menschliche Gesellschaft in ihrem Streben nach Verwirklichung von drei wesentlichen Wahrheiten des Daseins ausgeht, die die Natur sämtlich durch ihre Gegensätze zu verbergen sucht und die deshalb bisher für die Mehrzahl der Menschen nur Worte und Träume bedeuten: Gott, Freiheit, Einheit, drei Dinge, die eins sind. Denn du kannst Freiheit und Einheit nicht besitzen, wenn du nicht Gott besitzt, wenn du nicht zugleich dein höchstes Selbst und das Selbst aller Geschöpfe besitzt. Was sonst unter Freiheit und Einheit verstanden wird, sind nur Versuche unserer Abhängigkeit, unseres Zersplittertseins, durch Schließen der Augen uns selbst zu entfliehen und Purzelbäume um den eigenen Mittelpunkt zu schlagen. Nur wenn der Mensch imstande ist, Gott zu sehen und zu besitzen, wird er wirkliche Freiheit kennen und zu wirklicher Einheit gelangen. Anders ist dies nicht möglich. Gott wartet nur, dass Er erkannt wird, während der Mensch überall nach Ihm sucht und Bilder des Göttlichen errichtet, in Wirklichkeit aber nur Bilder in seinem eigenen Mental-Ego und Lebens-Ego aufbaut und verehrt. Hört er mit diesem Angeln und Jagen nach dem Ego auf, dann erlangt er seine erste, wirkliche Gelegenheit zu spirituellem Wirken im inneren und äußeren Leben. Dies wird jedoch nicht genügen, aber es ist ein Anfang, ein wahres Tor und keine Scheintür.
Eine spiritualisierte Gesellschaft würde, wie es ihre spirituellen Individuen tun, nicht im Ego, sondern im Geist leben, nicht als ein kollektives Ego, sondern als kollektive Seele. Diese Freiheit von dem egoistischen Standpunkt wäre ihr erstes und wesentlichstes Merkmal. Eine solche Befreiung von der Selbstsucht aber wird nicht, wie man dies heute anstrebt, durch Überredung oder Zwang des Individuums zur Aufgabe seines persönlichen Wollens und Strebens erreicht, durch Unterwerfung der wertvollen und schwer erworbenen Individualität unter den kollektiven Willen, unter Ziele und Selbstsucht der Gesellschaft, indem der Einzelne, dem Opfer des Altertums gleich, gezwungen wird, seine Seele auf dem Altar dieses riesigen, gestaltlosen Idols darzubringen. Denn dies wäre nur das Opfer eines kleineren Egoismus für einen größeren – größer an Umfang, aber nicht notwendigerweise an Qualität und Wert. Ein kollektiver Egoismus, der die Summe ist der vereinten Egoismen aller, kann ebensowenig als Gott verehrt werden, denn er ist ebenso befleckt und oft als Fetisch hässlicher, barbarischer als die Selbstsucht des Einzelnen. Der spirituelle Mensch strebt danach, durch den Verlust des Egos das Selbst zu finden, das eins ist in allem, vollkommen und ganzheitlich in jedem. Er sucht durch ein Leben im Geist in das Bild seiner Vollendung hineinzuwachsen, und zwar als Individuum – das ist wichtig zu beachten –, obwohl seine Natur das All umfasst und bewusst in sich einschließt. In den alten indischen Schriften heißt es, dass Vishnu im zweiten Zeitalter, dem Zeitalter der Macht, als König, im dritten, dem Zeitalter des Ausgleichs, als Gesetzgeber, im Zeitalter der Wahrheit aber als Yajna herabsteigt, das heißt als Meister der Werke, die sich in den Herzen seiner Geschöpfe offenbaren. Dieses Königreich Gottes im Innern ist es, das Ergebnis der Findung Gottes in uns selbst und nicht in einem entfernten Himmel, das die Gesellschaftsordnung im Zeitalter der Wahrheit, dem spirituellen Zeitalter, bestimmen und ihr die äußere Gestalt geben wird.
Deshalb müsste eine Gesellschaft, selbst wenn sie erst am Anfang der Spiritualisierung stände, die Offenbarung und Entdeckung des göttlichen Selbstes im Menschen als erstes Ziel aller ihrer Tätigkeit, Erziehung, Weisheit, Wissenschaft, Ethik und Kunst, aber auch ihrer wirtschaftlichen wie politischen Struktur stellen. Eine solche Erziehung würde in gewissem Umfang der kulturellen Erziehung der höheren Klassen in den alten Zeiten der Veden gleichen. Sie würde alles Wissen umfassen, aber das ganze Streben und Ziel, der alles durchdringende Geist wäre nicht auf weltliche Tüchtigkeit gerichtet, sondern auf diese Selbstentwicklung und Selbstfindung des Geistes. Sie würde physikalische und psychische Wissenschaft nicht allein betreiben, um Welt und Natur in ihren Vorgängen kennenzulernen und für materielle Zwecke der Menschheit einzusetzen, sondern um durch, in, unter und über allen Dingen das Göttliche in der Welt und die Wege des Geistes in und hinter seinen Masken kennenzulernen. Die Ethik würde sich zum Ziel setzen, nicht eine neue Ordnung des Tuns aufzustellen, sei es als Ergänzung oder teilweise auch zur Verbesserung des sozialen Gesetzes, denn das soziale Gesetz ist trotz allem nur eine oft grobe, unwissende Regel für das Verhalten der zweibeinigen Menschenherde, sondern um die göttliche Natur im menschlichen Wesen zu entwickeln. Die Kunst würde es zu ihrer Aufgabe machen, nicht nur Bilder der subjektiven und objektiven Welt zu gestalten, sondern sie in einer sinnvollen und schöpferischen Schau zu sehen, die ihre Erscheinungen durchdringt, und würde die ihr zugrunde liegende Wahrheit und Schönheit darstellen, deren Formen, Masken, Symbole und Sinnbilder die uns sichtbaren und unsichtbaren Dinge sind.
Eine spiritualisierte Gesellschaft würde in ihrer Soziologie das Individuum vom Heiligen bis zum Verbrecher nicht als Einheit eines sozialen Problems ansehen, die durch eine geschickt ausgedachte Maschinerie durchgedreht und entweder in eine soziale Form hineingepresst oder aus ihr herausgedrückt wird. Für sie handelte es sich vielmehr um leidende, in einem Netz gefangene Seelen, die zu retten sind, als wachsende Seelen, die von ihrem Wachstum ermutigt werden sollen, als bereits entwickelte Seelen, von denen die niederen, noch nicht reifen, Hilfe und Kraft erhalten können. Ziel ihrer Wirtschaft wäre nicht die Schaffung einer riesigen Produktionsmaschine, zum Zwecke des Wettstreits oder einer uneigennützigen Genossenschaft, sondern den Menschen nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Freude an einer Arbeit zu geben, die ihnen entspricht, freie Muße zu innerem Wachstum und ein einfaches, reiches und schönes Leben für alle. Politik hieße für die spiritualisierte Gesellschaft nicht, die Nationen im Rahmen ihres eigenen, inneren Lebens als ungeheure Staatsmaschinen anzusehen, von Menschen betrieben, die um dieser Maschine willen leben und sie als ihren Gott, ihr größeres Selbst verehren, bereit beim ersten Anruf, andere auf ihrem Altar zu opfern und auch selbst dort zu verbluten, damit die Maschine unversehrt und mächtig bleibt und sogar noch größer, umfassender, nachhaltiger und mechanisch noch leistungsfähiger und ganzheitlicher gemacht wird. Die spiritualisierte Gesellschaft würde sich nicht damit zufriedengeben, dass diese Nationen oder Staaten in den gleichen gegenseitigen Beziehungen verblieben wie bisher, als schädliche Maschinen, die in Friedenszeiten Giftgas aufeinander loslassen und in Zeiten der Auseinandersetzung auf die Bewaffneten und die Millionen Unbewaffneten des anderen Volkes losstürzen mit geladenen Waffen, als Menschen, deren Aufgabe das Morden ist, wie feindliche Panzer auf den neuzeitlichen Schlachtfeldern. Für sie sind die Menschen Gruppenseelen, die die Gottheit in sich schließen und die sich selbst als menschliche Kollektivwesen entdecken, Gruppenseelen, die wie das Individuum ihrer eigenen Natur entsprechend wachsen und durch dieses Wachstum sich selbst gegenseitig und damit der ganzen Menschheit bei dem gemeinsamen Werk helfen sollen. Und dieses Werk wäre die Entdeckung des göttlichen Selbstes in Individuum und Kollektiv, die spirituelle, mentale, vitale und materielle Vollendung der größten, weitesten, reichsten und tiefsten Möglichkeiten in dem inneren Leben aller und in ihrer äußeren Tätigkeit und Natur.
Denn in das Göttliche, das ihnen innewohnt, müssen Mensch und Nation hineinwachsen. Es ist nicht eine äußere Idee oder Regel, die ihnen von außen auferlegt werden muss. Deshalb wird das Gesetz des Wachstums der inneren Freiheit im spirituellen Zeitalter der Menschheit als das entscheidende angesehen werden. Es ist richtig, dass der Mensch, solange er nicht der Selbsterkenntnis wirklich nahegekommen ist und sich darauf eingestellt hat, dem Gesetz des äußeren Zwanges nicht entrinnen kann und alle seine Bemühungen hierzu vergeblich wären. Solange dies andauert, ist er – und muss es sein – der Sklave anderer, der Sklave seiner Familie, seiner Kaste, seines Clans, seiner Kirche, der Gesellschaft und der Nation. Er kann nichts anderes sein, und auch diese können nichts anderes tun, als ihren harten, mechanischen Zwang auf ihn auszuüben, weil sie und er Sklaven ihres eigenen Egos, ihrer eigenen, niederen Natur sind. Wir müssen den Drang des Geistes fühlen und ihm gehorchen, wollen wir unser inneres Recht durchsetzen, fremdem Zwang zu entrinnen. Wir müssen unsere niedere Natur zum willigen Sklaven, zum bewussten und erleuchteten Werkzeug oder zum edlen, dem eigenen Selbst aber noch unterworfenen Teil, Gefährten oder Partner des göttlichen Wesens in uns machen. Denn diese Unterwerfung ist die Bedingung für unsere Freiheit, da spirituelle Freiheit nicht eine egoistische Bestätigung unseres eigenständigen Mentals und Lebens zulässt, sondern Gehorsam gegenüber der Göttlichen Wahrheit in uns fordert, in unseren Gliedern und in allem, das uns umgibt. Doch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Gott die Freiheit der natürlichen Glieder unseres Wesens achtet und ihnen den Raum zum Wachstum in ihre eigene Natur zubilligt, so dass diese durch natürliches Wachstum und nicht durch Selbstauslöschung das Göttliche in sich selbst zu finden vermögen. Die Unterwerfung, die sie letztendlich vollkommen und unbedingt bejahen, muss die freiwillige Unterwerfung der Anerkennung und Sehnsucht sein nach der eigenen Lichtquelle und Kraft, nach dem höchsten Wesen in ihnen selbst. Darum können wir auch in einem noch nicht erneuerten Staat feststellen, dass jenes Wachsen und Tun das gesündeste, wahrste und lebendigste ist, das in größtmöglicher Freiheit geschieht, und dass jedes Übermaß an Zwang entweder dem Gesetz allmählicher Atrophie folgt oder als Ausbruch einer Tyrannei anzusehen ist, die sich nur durch die größte Unordnung wieder verändert oder heilen lässt. Durch die Erkenntnis des eigenen spirituellen Selbstes, oft auch schon durch ernstes Streben nach ihr, befreit sich der Mensch, wie frühen Religionen und frühem Wissen bekannt war, von dem äußeren Gesetz und tritt in die Ordnung der Freiheit ein.
Ein spirituelles Zeitalter der Menschheit wird diese Wahrheit erfahren. Es wird nicht versuchen, den Menschen durch die Maschine vollkommen zu machen oder ihm durch Fesselung seiner Glieder Haltung zu geben. Es wird dem Einzelnen in der Gesellschaft sein höheres Selbst nicht in Gestalt eines Polizisten, Beamten oder Offiziers vorhalten, noch etwa in Form einer sozialistischen Bürokratie oder einer sowjetischen Arbeiterregierung. Sein Ziel wird es sein, möglichst schnell und weitgehend den äußeren Zwang im menschlichen Leben durch Erweckung des inneren göttlichen Dranges des Geistes zu vermindern und alle vorbereitenden Mittel für dieses Ziel einzusetzen. Am Ende wird das spirituelle Zeitalter vor allem, wenn nicht ausschließlich, den spirituellen Einfluss einsetzen, den das spirituelle Individuum – und wie viel mehr sollte dies nicht eine spirituelle Gesellschaft zu tun vermögen – auf seine Umwelt auszuüben vermag. Dieser Einfluss wird in uns trotz aller inneren Widerstände und äußerer Verneinung die Kraft des Lichtes, die Sehnsucht und den Willen wecken, durch die eigene Natur hindurch zum Göttlichen hin zu wachsen. Denn in der vollkommen spiritualisierten Gesellschaft werden, wie von den spirituellen Anarchisten erträumt wird, alle Menschen zutiefst frei sein, und dies wird geschehen, weil die Voraussetzung hierzu erfüllt wurde. Dann wird jeder Mensch nicht sich selbst Gesetz sein, sondern er wird das Gesetz sein, das göttliche Gesetz, weil er eine in der Göttlichen Wirklichkeit lebende Seele ist und nicht ein Ego, das vor allem, wenn nicht ausschließlich, für die eigenen Interessen und Zwecke lebt. Sein Leben wird von dem Gesetz seiner eigenen göttlichen Natur bestimmt werden, die von dem Ego befreit ist.
Dies bedeutet nicht, dass alle menschliche Gesellschaft in die isolierte Handlung von Einzelnen aufgesplittert wird. Denn das dritte Wort des Geistes ist Einheit. Spirituelles Leben ist die Frucht nicht einer gestaltlosen, sondern einer bewussten und vielfältigen Einheit. Jeder Mensch muss in sich selbst durch sein eigenes individuelles Sein in die Göttliche Wirklichkeit hineinwachsen. Darum bedarf der Einzelne in seiner Entwicklung eines gewissen zunehmenden Maßes an Freiheit. Darum ist vollkommene Freiheit Anzeichen und Bedingung eines vollkommenen Lebens. Das Göttliche aber, das der Einzelne in sich selbst erkennt, erschaut er auch in allen anderen und als den gleichen Geist in allen. Darum ist eine wachsende innere Einheit mit den anderen für sein Wesen notwendig und eine vollkommene Einheit Zeichen und Bedingung des vollkommenen Lebens. Dem vollkommenen Gesetz des spirituellen Wesens entspricht nicht nur, das Göttliche in sich selbst zu schauen und zu finden, sondern auch in allen anderen, nicht nur nach der eigenen, individuellen Befreiung oder Vollendung zu streben, sondern auch nach der Befreiung und Vollendung der anderen. Wäre die gesuchte Göttlichkeit eine gesonderte Gottheit in uns selbst und nicht das eine Göttliche, oder suchte der Einzelne Gott für sich selbst allein, dann freilich könnte ein ungeheurer Egoismus das Ergebnis sein, der olympische Egoismus Goethes, der titanische Egoismus in der Vorstellung Nietzsches oder das gesonderte Eigenwissen des Hochmütigen, die Askese des Einsiedlers. Wer aber Gott in allen sieht, wird im Dienst der Liebe Gott frei in allem dienen. Das bedeutet, dass er nicht nur seine eigene Freiheit erstreben wird, sondern die Freiheit aller. Er wird seine Individualität nur in der weitesten Allumfassung als vollendet empfinden, sein eigenes Leben nur in der Einheit mit dem universalen als erfüllt ansehen. Weder für sich selbst noch für den Staat und die Gesellschaft, weder für das individuelle Ego noch für das kollektive wird er leben, sondern für etwas viel Größeres, für Gott in sich selbst und für das Göttliche im Weltall.
Das spirituelle Zeitalter wird anbrechen, wenn das allgemeine Mental des Menschen beginnt, für diese Wahrheit allgemein aufgeschlossen zu sein, wenn es von diesem dreifachen oder dreieinigen Geist erfasst wird oder erfasst zu werden wünscht. Dies bedeutet, dass das Zeitalter der sozialen Entwicklung endet, die wir in ihren unvollkommenen Wiederholungen verfolgt haben, und fortschreitet auf einer neuen aufsteigenden Linie zum neuen Ziele hin. Nachdem die Entwicklung – unserer Annahme entsprechend –, mit einem symbolischen Zeitalter begonnen hatte, in dem der Mensch eine große Wirklichkeit hinter allem Leben empfand, die er in Symbolen zu fassen suchte, wird sie ein Zeitalter erreichen, in dem sie in dieser Wirklichkeit lebt, nicht mit Hilfe von Symbolen noch durch die Kraft einer Norm, einer Übereinkunft oder der individuellen Vernunft und des intellektuellen Willens, sondern in unserer eigenen, höchsten Natur. Dies wird die Natur jener Wirklichkeit sein, die sich in den Bedingungen des irdischen Daseins – die nicht die gleichen wie die augenblicklichen sein müssen – erfüllt. Die Religionen haben dieses mit mehr oder weniger Intuition erkannt, am häufigsten aber – wie in einem dunklen Spiegel – als Königreich Gottes auf Erden empfunden, als inneres Königreich, das im Geist des Menschen ruht und das deshalb – denn das eine ist das materielle Ergebnis der Wirksamkeit des anderen – zugleich auch ein äußeres Königreich im Leben der Völker ist.
Kapitel 9
Das Kommen und Fortschreiten des spirituellen Zeitalters
Wenn ein subjektives Zeitalter als letzter Abschnitt eines sozialen Zyklus in eine spiritualisierte Gesellschaft einmünden und hier Früchte tragen, wenn die Menschheit sich zu einer höheren Stufe hin entwickeln soll, dann genügt es nicht, dass gewisse dieser Wendung des menschlichen Lebens günstige Ideen sich des allgemeinen Mentals der Menschheit bemächtigen, dass sie die üblichen Antriebe des Denkens, der Kunst und Ethik, der politischen Ideale und der sozialen Bemühungen durchdringen oder dass sie selbst in das innerste Denken und Fühlen einströmen. Es ist nicht einmal genug, dass der Gedanke vom Königreich Gottes auf Erden, von der Herrschaft der Spiritualität, Freiheit und Einheit, dass eine wirkliche innere Gleichheit und Harmonie – nicht nur eine äußere und mechanische Angleichung und Beziehung – zum entscheidenden Ideal des Lebens wird. Es ist auch nicht genug, dass dieses Ideal aktiv für möglich, wünschenswert und des Suchens und Erstrebens wert gehalten wird. Es genügt selbst nicht, dass es als vorherrschende Meinung das menschliche Mental erfüllt. Dies alles wäre sicherlich ein sehr großer Schritt vorwärts – wenn man die heutigen Menschheitsideale in Betracht zieht, überhaupt ein Riesenschritt. Es wäre der notwendige Anfang, die mentale Umwelt, die unbedingt notwendig wäre für eine lebendige Umformung der menschlichen Gesellschaft in einen höheren Typus. Für sich allein genommen aber würde es vielleicht nur einen zum Teil fruchtbaren oder einen zwar erfolgreichen, jedoch nur teilweise oder zeitweilig erfolgreichen Versuch darstellen, etwas von dem offenbarten Geist in das Leben und seine Ordnungen zu bringen. Anderes hat die Menschheit in dieser Richtung bisher niemals versucht. Niemals hat sie auch nur dieses wenige gründlich auszuarbeiten gesucht, es sei denn in den Grenzen einer religiösen Ordnung oder einer bestimmten Gemeinschaft. Aber selbst in diesen Fällen tat sie dies mit so ernsten Mängeln und Beschränkungen, dass das Experiment bedeutungslos blieb und keinen Einfluss auf das menschliche Leben ausübte. Wenn wir nicht über das nur Festhalten am Ideal und über seine allgemeinen Einflüsse auf das menschliche Leben hinauswachsen, wird die Menschheit in Zukunft nichts mehr als dies wenige erreichen. Aber mehr tut not. Ein allgemeines spirituelles Erwachen und Sehnen in der Menschheit ist die große wichtige Triebkraft. Die wirksame Kraft muss etwas Größeres sein. Das individuelle Menschentum muss dynamisch in einen spirituellen Typ umgeformt werden.
Allgemein genügt es der Menschheit, sich mit der Sehnsucht nach einem Ideal zufriedenzugeben und sich dessen Einfluss nur teilweise zu unterstellen. Das Ideal soll das ganze Leben nicht umformen, sondern darf es nur mehr oder weniger färben. Oft wird es überhaupt nur als eine Decke, als eine Ausrede benutzt für Dinge, die seinem wahren Geist genau entgegengesetzt sind. Institutionen werden geschaffen, von denen man nur allzu leichthin annimmt, dass sie den Geist der Ideale verkörpern. Die Tatsache, dass ein Ideal vorhanden ist und dass die Menschen unter seinen Institutionen leben, wird als ausreichend angesehen. Ein Ideal zu besitzen, dient geradezu als Entschuldigung dafür, dass man nicht ihm entsprechend lebt. Das Vorhandensein seiner Institutionen genügt, um die Notwendigkeit des Geistes abzuleugnen, aus dem heraus sie geschaffen waren. Spiritualität aber ist schon ihrer Natur nach etwas Subjektives und nicht etwas Mechanisches. Sie ist nur vorhanden, soweit sie innerlich gelebt wird und soweit das äußere Leben diesem inneren Leben entströmt. Symbole, Typen, Konventionen und Ideen genügen nicht. Ein spirituelles Symbol ist nichts als eine bedeutungslose Eintrittskarte, wenn das Symbolisierte nicht im Geist erfahren wird. Eine spirituelle Überlieferung, die ihren spirituellen Sinn verliert oder auf ihn verzichtet, muss zur Lüge werden. Ein spiritueller Typ mag vorübergehend als Form dienen, in die spirituelles Leben einfließen wird, er kann aber auch zu einer Begrenzung und zu einem Gefängnis werden, in dem das Spirituelle erstarrt und verdirbt. Eine spirituelle Idee ist nur so lange eine Kraft, als sie innerlich und äußerlich schöpferisch ist. Wir müssen den pragmatischen Grundsatz, dass Wahrheit das ist, was wir schaffen, dahin erweitern und vertiefen, dass sie das ist, was wir in uns selbst schaffen, mit anderen Worten, was wir werden. Zweifellos gibt es im Jenseitigen ewig spirituelle Wahrheit, die von uns unabhängig ist. Aber sie wird für die Menschheit erst erreichbar, wird erst dann zur irdischen Wahrheit, zur Wahrheit des Lebens, wenn sie gelebt wird. Die göttliche Vollkommenheit besteht immer jenseits von uns. Für den Menschen aber bedeutet Spiritualität, in Bewusstsein und Handeln göttlich werden, innerlich und äußerlich ein göttliches Leben führen. Eine Einschränkung dieses Sinngehalts des Wortes würde ihm nicht gerecht werden und wäre ein Betrug.
Eine solche Wandlung aber kann, wie die subjektiven Religionen erkennen, nur durch die persönliche Wandlung eines jeden menschlichen Lebens erreicht werden. Die Kollektivseele ist hierbei nichts weiter als eine große, halb unterbewusste Quelle des individuellen Daseins. Soll sie eine bestimmte psychologische Gestalt oder eine neue Form des Kollektivlebens annehmen, so kann dies nur durch formendes Wachstum des Individuellen geschehen. Wie der Geist und das Leben der Einzelnen ist, die ein Kollektiv bilden, so wird auch der verwirklichte Geist des Kollektivs und die Kraft seines Lebens sein. Eine Gesellschaft, die nicht durch ihre Menschen, sondern durch ihre Institutionen lebt, ist keine Kollektivseele, sondern eine Maschine. Ihr Leben wird zu einem mechanischen Produkt und hört auf, ein lebendiges Wachstum zu sein. Darum muss einem spirituellen Zeitalter das Erscheinen einer zunehmenden Zahl von Individuen vorangehen, denen das normale intellektuelle, vitale und physische Dasein des Menschen nicht mehr genügt, sondern die erkennen, dass eine größere Entfaltung wahres Ziel der Menschheit ist, dass sie diese in sich selbst zu verwirklichen und andere zu ihr zu führen haben und dass sie diese Entfaltung zum anerkannten Ziel der Menschenart machen müssen. Was sie an Kräften in sich tragen und bisher noch nicht verwirklichten, wird für die Zukunft zu einer tatsächlichen Möglichkeit, je weiter sie voranschreiten und diese Entfaltung Wirklichkeit werden lassen.
Die Zunahme an Spiritualität führte in der Vergangenheit meist zu der Entstehung einer neuen besonderen Religion, die sich der Menschheit als neue Weltordnung aufzuprägen suchte. Diese stellte sich aber immer als eine verfrühte, ja sogar als eine falsche Kristallisation heraus, die eine tiefere und ernstere Vollendung eher hinderte als förderte. Das Ziel eines spirituellen Zeitalters der Menschheit muss allerdings mit dem eigentlichen Ziel aller subjektiven Religionen übereinstimmen. Es muss eine neue Geburt, ein neues Bewusstsein, eine Aufwärtsentwicklung des menschlichen Wesens bedeuten, einen Herabstieg des Geistes in unsere Glieder und eine spirituelle Neuorganisation unseres Lebens. Beschränkt man sich aber auf den alten vertrauten Apparat und die unvollkommenen Mittel einer religiösen Bewegung, so wird dies wahrscheinlich zu neuen Fehlern führen. Eine religiöse Bewegung bringt im Allgemeinen eine Welle spiritueller Erregung und Sehnsucht mit sich, die sich auf eine große Zahl Einzelner überträgt. Als Ergebnis werden diese zeitweilig aufwärts streben, doch tatsächlich nur eine halb spirituelle, halb ethische, halb dogmatische Wandlung ihrer Natur erreichen. Nach einer oder zwei, im besten Fall nach einigen Generationen aber beginnt die Welle nachzulassen, und nur das Formgewordene bleibt bestehen. War die Bewegung eine sehr starke und stand an ihrem Ursprung eine sehr große spirituelle Persönlichkeit, dann mag ein zentraler Einfluss und eine innere Disziplin übrig bleiben, die Ausgangspunkt neuer Strömungen werden können. Je weiter eine solche Bewegung sich von ihren Quellen entfernt, um so weniger mächtig und andauernd werden solche Strömungen sein. Denn in der Zwischenzeit wird eine religiöse Ordnung, eine Kirche, eine Hierarchie, ein festgelegtes und nicht mehr entwicklungsfähiges Lebensethos, eine Reihe fester Dogmen, Kulte und Zeremonien entstanden sein, ein geheiligter Aberglauben, ein ausgearbeitetes System für die Erlösung der Menschheit, um die Gläubigen zusammenzuschließen und sie gleichzeitig von der nicht erneuerten äußeren Welt abzusondern. So wird die Spiritualität einem intellektuellen Glauben wie Verhaltensmaßnahmen und Riten des äußeren Lebens immer stärker untergeordnet, wird das Höhere niederen Antrieben, wird das Wesentliche den Hilfsmitteln, Werkzeugen und Nebensächlichkeiten unterstellt. Der zunächst unmittelbare und kraftvolle Versuch, das ganze Leben in spirituelles Sein zu verwandeln, weicht einem von spirituellen Gefühlen beherrschten System von Glauben und Ethik. Aber schließlich wird sogar dieses rettende Gefühlselement von äußeren Mechanismen unterdrückt. So wird das schützende Gebäude zum Grab. Die Kirche setzt sich an die Stelle des Geistes und verlangt ganz allgemein eine formale Unterordnung unter ihre Glaubenssätze, Riten und Ordnungen. Spirituelles Leben wird von einer Minderzahl und nur in den Grenzen der vorgeschriebenen festen Glaubensformeln und Ordnungen geübt. Die Mehrzahl aber bringt nicht einmal eine so schwache Mühe auf und ist zufrieden, das Streben nach einem tieferen Leben durch sorgsame oder oberflächliche Frömmigkeit zu ersetzen. Am Ende stellt sich heraus, dass der Geist in der Religion nur noch ein dünnes, versandetes Gerinnsel ist. Nur die Tatsache, dass in dem eingetrockneten Flussbett der Konvention gelegentlich etwas Wasser fließt, verhindert, dass alles nur noch zu einer Erinnerung in den toten Kapiteln der Zeit wird.
Der Ehrgeiz bestimmter religiöser Glaubensformen, sich als allgemeingültig anzusehen und sich durchsetzen zu wollen, ist mit der Vielfalt der menschlichen Natur und zumindest einem wesentlichen Zug des Geistes nicht vereinbar. Denn der Geist besitzt seiner Natur nach eine umfassende innere Freiheit und Einheit, in die es jedem Menschen seiner eigenen Natur entsprechend hineinzuwachsen erlaubt ist. Ferner besitzen die religiösen Glaubensformen – und dies ist eine weitere Quelle unvermeidlicher Fehler – die allgemeine Neigung, sich an eine jenseitige Welt zu wenden und die Erneuerung des irdischen Lebens nur als zweites Ziel anzusehen. Diese Neigung steigert sich in dem gleichen Umfang, in dem die ursprüngliche Hoffnung auf eine Erneuerung der Menschheit im Diesseits abnimmt. Obwohl zahlreiche neue, spirituelle Wellen mit ihren starken, besonderen Antrieben und Lehren notwendigerweise die Vorläufer eines spirituellen Zeitalters sein müssen, ist es doch notwendig, ihre Ansprüche im allgemeinen Mental der Menschenart und ihrer spirituellen Führer der Erkenntnis unterzuordnen, dass alle Antriebe und Lehren zwar wertvoll, aber doch keine von ihnen von allein gültigem Wert sind, da sie alle nur Möglichkeiten darstellen, aber nicht das einzige, das zu tun notwendig ist. Dieses einzig Wesentliche aber muss den Vorrang haben: die Wandlung des ganzen menschlichen Lebens unter der Führerschaft des Geistes. Der Aufstieg des Menschen zum Himmel ist nicht das Wesentliche, vielmehr ist es sein Aufstieg im Irdischen zum Geist und der Abstieg des Geistes in seine natürliche Menschlichkeit, die Wandlung seiner irdischen Natur. Dies, nicht irgendeine Erlösung nach dem Tod, ist die wirkliche Neugeburt, die die Menschheit erwartet als Krönung ihres langen, dunklen und leidvollen Weges.
Deshalb werden in einem neuen Zeitalter jene Einzelnen der Zukunft der Menschheit am meisten helfen, die eine spirituelle Entwicklung als Ziel und entscheidende Notwendigkeit des Menschen erkennen. Wie einst der Tiermensch den weiten Weg der Wandlung zu einem mentalen und dann als höchstes Ziel zu einem hochentwickelten mentalen Menschentum gehen musste, so ist heute oder in Zukunft eine Entfaltung – dabei ist es gleichgültig, welche Auslegung wir ihr geben oder durch welche Theorie wir sie zu unterstützen suchen – oder Wandlung des gegenwärtigen Typus der Menschheit in einen spiritualisierten die Notwendigkeit für die Menschenart. Sicherlich liegt eine solche Entwicklung in der Absicht der Natur, deren Ideal und Streben sie ist. Dieser Menschentypus wird besonderen Glaubensformen verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstehen und es den Menschen überlassen, die Glaubensformen zu wählen, zu denen sie sich naturnotwendig hingezogen fühlen. Sie werden nur den Glauben an diese spirituelle Wandlung für wesentlich halten, den Versuch, diese zu leben und jedwede Erkenntnis – in welcher Form diese gegossen sein mag, ist dabei nicht ausschlaggebend – in dieses Leben einzubeziehen. Die Menschen werden vor allem nicht den Fehler begehen anzunehmen, dass diese Wandlung durch äußere Systeme und Organisationen erreicht werden kann. Sie werden wissen und niemals vergessen, dass jeder Mensch diese innerlich ausleben muss. Andernfalls kann sie für die Menschheit als Ganzes niemals Wirklichkeit werden. Sie werden in ihrer ureigensten Bedeutung sich die östliche Anschauung zu eigen machen, dass der Mensch das Geheimnis seiner Bestimmung und Erlösung in seinem eigenen Innern suchen muss. Sie werden aber ebenso, wenn auch mit einer anderen Betonung die Wichtigkeit bejahen, die der Westen mit Recht dem Leben und seiner bestmöglichen Erfüllung zuspricht und werden sich eine allgemeine Lebensordnung schaffen. Sie werden die Gesellschaft nicht zu einem dunklen Hintergrund für eine weniger erleuchtete spirituelle Menschheit machen oder zu einem eng umzäunten, erdgebundenen Boden für das Wachstum einer verhältnismäßig seltenen, unfruchtbaren Blume asketischer Spiritualität. Sie werden nicht als Grundsatz annehmen, dass die vielen für immer in den niederen Bereichen des Lebens bleiben müssen und nur wenige in freiere Luft und zum Licht hinaufsteigen dürfen. Sie werden vielmehr von dem Standpunkt der großen spirituellen Wesen ausgehen, die sich um eine Erneuerung des Lebens auf Erden bemühen, und werden trotz früheren Misserfolgen an diese Möglichkeit glauben. Zahlreich müssen zu Beginn die Fehler in allem Großen und Schweren gewesen sein. Aber es kommt eine Zeit, in der die Erfahrung aus vergangenen Fehlern erfolgreich genutzt werden kann, in der sich das Tor, das so lange Widerstand leistete, öffnet. Wie bei allen großen Zielsetzungen und Bemühungen der Menschheit bedeutet hier eine a-priori-Erklärung der Unmöglichkeit ein Zeichen von Unwissenheit und Schwäche. Leitspruch des Suchenden muss das solvitur ambulando [„es wird durch Gehen gelöst“] des Entdeckers sein. Denn nur im Tun lösen sich die Schwierigkeiten. Ein Anfang muss in vollem Ernst gemacht werden. Das Übrige muss der Zeit überlassen werden, die bisweilen ein schnelles Vollbringen schenkt oder aber lange, geduldige Arbeit verlangt.
Was getan werden muss, ist so umfassend wie das menschliche Leben. Darum müssen die Einzelnen, die den Weg weisen, das ganze menschliche Leben zu ihrem Bereich machen. Nichts wird diesen Vorkämpfern fremd sein. Nichts wird außerhalb ihrer Reichweite liegen. Jedes Teil des menschlichen Lebens muss von dem Spirituellem aufgenommen werden – nicht nur das intellektuelle, ästhetische und ethische, sondern auch das dynamische, vitale und physische. Deshalb werden sie nichts, das aus diesen Bereichen hervorgeht, verachten oder ablehnen, wie sehr sie auch auf einer Wandlung im Spirituellen und auf einer Umwandlung der Form bestehen. In jeder natürlichen Kraft werden sie die ihr eigenen Mittel zur Wandlung suchen. In dem Wissen, dass in allem das Göttliche verborgen liegt, werden sie überzeugt sein, dass sie alles zum Mittel spiritueller Selbstfindung gemacht haben, dass alles zum Werkzeug eines göttlichen Lebens verwandelt werden kann. Sie werden die große Notwendigkeit erkennen, das normale in das spirituelle Mental umzuwandeln und dieses Mental seinen höheren Bereichen und einem mehr und mehr ganzheitlichen Tun zu öffnen. Ehe die entscheidende Wandlung sich ereignen kann, muss das tastende, intellektuelle Denken in das klare, erleuchtete, intuitive verwandelt werden. Erst dann vermag es sich in die oberen Bereiche hin zum Obermental, dem Supramental, oder Gnosis, auszuweiten. Der unsichere, tastende, mentale Wille muss zu einem sicheren, intuitiven Willen und zu einem höheren, göttlichen und gnostischen Willen werden. Die seelische Lieblichkeit, das Feuer und das Licht der Seele, hinter dem Herz verborgen, hrdaye guhayam, muss unsere groben Empfindungen, muss den harten Egoismus und die drängenden Wünsche unserer vitalen Natur wandeln. Aber auch alle anderen Glieder unseres Wesens müssen dank der treibenden Kraft und Erleuchtung von oben eine ähnliche Umwandlung erfahren. Die Führer auf dem Wege zur Spiritualität werden auf den Erkenntnissen und Möglichkeiten aufbauen, die frühere Bemühungen in dieser Richtung ergaben, aber sie werden dies nicht tun ohne notwendige, wesentliche Veränderungen. Sie werden sich nicht unbedingt an stereotype, festgelegte Systeme oder an vorhandene Ergebnisse halten, sondern dem Wirken des Geistes in der Natur folgen. Der Geist wird den bisherigen Leistungen bei seinem Aufstieg zur künftigen Größe in der Weise Rechnung tragen, dass er das Frühere stets neu zu entdecken und zu formulieren sucht, es im Mental breiter zusammenfasst und in seiner Tiefe machtvoll neu gestaltet; denn die Wahrheit, die vorher noch nicht erkannt oder noch nicht geordnet war, hat sich für ihn erweitert und verbreitert.
Dieses Bestreben wird sicherlich schon für das Individuum, um vieles mehr aber für die Menschheit eine große und schwierige Arbeit sein. Einmal begonnen, mag sie vielleicht selbst bis zu der ersten entscheidenden Stufe nur langsam vorankommen. Jahrhundertelange Bemühungen mögen erforderlich sein, bis die Fortschritte deutlicher werden. Dies aber ist nicht zu vermeiden. Denn das Grundgesetz solcher Veränderungen in der Natur verlangt eine lange dunkle Vorbereitungszeit, der eine schnelle Ansammlung der Elemente und ihre Konzentration in einer neuen Geburt folgt, eine rasche Änderung, eine Veränderung, die in ihren leuchtendsten Augenblicken nur als Wunder angesprochen werden kann. Auch wenn die erste entscheidende Veränderung geschehen ist, bleibt es gewiss, dass die gesamte Menschheit dieser Entwicklung nicht wird folgen können. Eine große Gruppe wird sich abspalten, die nur imstande ist, in dem Licht zu leben, das vom Geist auf die Ebene des Mentals hinab dringt. Auf einer noch so tieferen Stufe werden die vielen bleiben, die zwar die Einflüsse von oben spüren, doch noch nicht bereit sind für das Licht. Aber auch dies würde eine Wandlung bedeuten, ein Anfang, der weit über alles hinausführt, was bisher erreicht wurde. Eine solche Hierarchie würde nicht, wie in unserem gegenwärtigen Leben, eine egoistische Beherrschung der Unterentwickelten durch die höher Entwickelten bedeuten, sondern die Führung eines jüngeren Bruders der Menschenart durch den älteren, die ständige Bemühung, diesen auf eine höhere spirituelle Ebene mit weiterem Horizont hinzulenken. Auch für die Führenden würde dieser Aufstieg auf die erste spirituelle Stufe nicht eine Vollendung des Weges zum Göttlichen bedeuten, ein Höhepunkt, der auf Erden nichts mehr zu vollbringen übrig ließe. Noch immer werden höhere Bereiche in der supramentalen Welt als Ziel bleiben. Dies wussten die Dichter der Veden, die von dem spirituellen Leben als einem ständigen Aufstieg sprachen:
brahmanas tva satakrato
ud vamsam iva yemire;
yat sanoh sanum aruhat,
bhuri aspasta kartvam, –
Die Priester des Wortes klimmen auf Dir wie auf einer Leiter empor, O Eigner der hundert Kräfte. Von Gipfel zu Gipfel aufsteigend wächst die Erkenntnis, wie viel noch zu leisten übrig bleibt.
Ist aber erst einmal der Grund gelegt, entwickelt das Übrige sich durch fortschreitende Selbstentfaltung, und die Seele ist ihres Weges gewiss. Auch dies wussten die Sänger der Veden:
abhyavasthah pra jayante,
pra vavrer vavris ciketa;
upasthe matur vi caste,
Aus einem Zustand wird ein Zustand geboren; eine Hülle nach der anderen wird sich des Wissens bewusst; im Schoße der Mutter sieht die Seele.
Dies ist letztendlich die höchste Hoffnung, die mögliche Bestimmung, die sich dem menschlichen Blick öffnet. Es ist eine Möglichkeit, die der Fortschritt des menschlichen Mentals wieder zu entfalten scheint. Nimmt das aufgehende Licht zu, wächst die Zahl der Individuen, die in sich selbst und in der Welt diese Möglichkeit zu verwirklichen suchen, und nähern sie sich immer mehr dem rechten Weg, dann wird sich der im Menschen latente Geist, das verborgene Göttliche, wird sich Sicht und Kraft in immer größerer Fülle als Avatar einer bisher noch nicht erschauten und erahnten Gottheit der Seele der Menschheit bemächtigen und in jene großen Einzelwesen hinabsteigen, in denen das Licht und die Kraft am stärksten sind. Dann wird sich die Wandlung erfüllen, die das menschliche Leben bereit macht, aus seinen augenblicklichen Begrenzungen in weitere und reinere Bereiche aufzusteigen. Dann wird die irdische Entwicklung den großen Sprung aufwärts getan haben, wird der offenbarende Schritt zum göttlichen Wachstum hin vollzogen sein. Diesem Schritt gegenüber bedeutet die Geburt des denkenden und strebenden Menschen aus der tierischen Natur heraus nur eine Vorbereitung und ein Versprechen für etwas, das noch in dunkler Ferne liegt.
Kapitel 10
Das Supramental in der Evolution
Eine neue Menschheit wäre also eine Gattung mentaler Wesen auf Erden und in irdischen Körpern, jedoch befreit von den gegenwärtigen Bedingungen unter der Herrschaft kosmischer Unwissenheit, insofern sie von einem vollkommenen Mental bestimmt werden, einem Mental des Lichtes, das auch eine untergeordnete Wirkung des Supramentals oder Wahrheitsbewusstseins sein könnte, auf jeden Fall aller Möglichkeiten des Mentals mächtig wäre und als Empfänger jener Wahrheit handelt, zumindest als deren nachgeordnete Wirkung in Denken und Leben. Sie könnte sogar Bestandteil dessen sein, was man als göttliches Leben auf Erden beschreiben würde, zumindest als die Anfänge einer Entwicklung des Wissens und nicht mehr völlig oder vorwiegend der Unwissenheit. Wie weit dies ginge, ob es schließlich die ganze Menschheit umfassen würde oder nur den fortgeschrittenen Teil derselben, hängt von der Absicht der Evolution selbst ab, von dem, wohin auch immer der kosmische oder transzendente Wille die Bewegungen des Universums hinzuleiten beabsichtigt. Wir haben nicht nur die Herabkunft des Supramentals auf die Erde vorausgesetzt, sondern auch seine Verkörperung in einer supramentalen Menschheit mit all den natürlichen Folgen und einer neuen Gesamtwirkung, in der die neue Menschheit ihre volle Entfaltung und ihren sicheren Platz in der neuen Ordnung findet.
Doch ist ersichtlich, dass sich all dies nur aus jener Entwicklung ergeben könnte, die bereits auf Erden stattfindet, sich dabei weit über ihre gegenwärtigen Grenzen erstreckt und in eine radikal neue Bewegung übergeht, die von einem neuen Prinzip beherrscht wird, in der Mental und Mensch untergeordnete Elemente sind, das Mental nicht mehr die höchste Errungenschaft und der Mensch nicht mehr der Kopf oder Führer ist. Die Entwicklung, die wir heute um uns herum beobachten, ist nicht von dieser Art und, so könnte man sagen, zeigt nur wenige Merkmale einer solchen Möglichkeit, so wenige, dass die Vernunft, unser gegenwärtig einziger sicherer Führer, keine Veranlassung hat, Vertrauen in sie zu setzen. Die Erde, wie wir sie sehen, mit ihrem tief im Unbewussten und in der Unwissenheit versunkenen und gegründeten Leben, ist einer solchen Ankunft nicht gewachsen. Dank ihrer materiellen Struktur und Begrenzungen ist sie dazu verdammt, ständig der Austragungsort einer weitaus niedrigeren Ordnung zu sein. Man sollte aber hinzufügen, dass es auch für eine solche Ordnung irgendwo einen Platz geben muss, und es für das Supramental keine Notwendigkeit und keinen Ort gibt, um sich hier zu verkörpern, selbst wenn es sich bei ihm nicht um ungerechtfertigte Spekulation sondern um konkrete Wirklichkeit handelt. Das Mental ist kennzeichnend für das ganze Spiel der Erkenntnis, das in der Unwissenheit möglich ist, und muss irgendwo seinen Ort haben, und es dient wohl der Ökonomie der kosmischen Natur am besten, wenn an der Erde als seinem natürlichen Feld festgehalten wird. Eine materialistische Philosophie würde nicht einmal die Möglichkeiten eines göttlichen Lebens in der Materie zugeben. Aber auch eine Philosophie, die eine Seele, den Geist oder ein spirituelles Ziel der evolutionären Bewegung einräumt, könnte sehr wohl der Erde die Fähigkeit zu einem göttlichen Leben absprechen. Ein göttliches Dasein könnte nur erreicht werden durch Verlassen von Erde und Körper. Selbst wenn das kosmische Sein keine Illusion, kein Spiel der Maya ist, wäre ein göttliches oder völlig vergeistigtes Wesen wahrscheinlich nur in einer anderen, weniger materiellen Welt oder nur im reinen Geiste möglich. Auf jeden Fall spricht für die normale menschliche Vernunft alle Wahrscheinlichkeit gegen eine frühe Materialisierung irgendeines göttlichen Wesens auf Erden.
Wenn man außerdem den gegenwärtigen oder sichtbaren Charakter der Entwicklung zu stark hervorhebt, wie es bei uns durch die Naturwissenschaften geschieht, dürfte sich aufdrängen, dass kein Anlass zu der Erwartung besteht, ein höheres Prinzip als das menschliche Mental oder so etwas wie ein übermenschliches Wesen werde in der Welt der Materie auftauchen. Das Bewusstsein hängt selbst von der Materie ab und ist auf materielle Tätigkeiten hinsichtlich seiner Entstehung und Wirkungen angewiesen. Ein unfehlbares Wahrheitsbewusstsein, für das wir das Supramental halten, wäre ein Widerspruch zu diesem Zustand und müsste als Hirngespinst aufgegeben werden. Die Naturwissenschaften betrachten Evolution grundsätzlich als eine Entwicklung von Formen und vitalen Handlungen. Die Entfaltung eines weiteren und fähigeren Bewusstseins ist für sie ein untergeordnetes Ergebnis der Entwicklung von Leben und Form und nicht ein höheres Merkmal oder ein wesentlicher Umstand; sie kann nicht über Grenzen hinausgehen, die der materielle Ursprung von Mental und Leben gesetzt hat. Das Mental hat bewiesen, dass es zu vielen außerordentlichen Leistungen in der Lage ist, aber Unabhängigkeit vom materiellen Organ oder von physischen Bedingungen oder die Befähigung zu etwas wie der Macht unmittelbaren und unbedingten Wissens, das nicht mit Hilfe materieller Mittel erlangt wird, läge jenseits der von der Natur auferlegten Bedingungen. Deshalb kann die Entfaltung des Bewusstseins nicht über einen bestimmten Punkt hinausgehen. Selbst wenn etwas Bestimmtes und Unabhängiges existierte, das wir Seele nennen, wäre es hier durch seine natürlichen Umstände eingeschränkt, da die Materie seine Grundlage, das körperliche Leben seinen Zustand, das Mental sein höchstmögliches Werkzeug bildet. Es gibt keine Möglichkeit für ein Wirken des Bewusstseins außerhalb des Körpers, die die physische, vitale oder mentale Natur übersteigt. Das legt die Grenzen unserer hiesigen Evolution fest.
Man könnte auch der Ansicht sein, es sei keineswegs sicher, dass es existiert, solange sich nicht etwas klar Erkennbares wie das Supramental mit einiger Entschiedenheit und Fülle geoffenbart hat und solange es nicht herabgestiegen ist und von unserem Erdbewusstsein Besitz ergriffen hat. Bis dahin behält das Mental seinen Platz als allgemeiner Schiedsrichter, als Bezugsfeld aller Erkenntnis, ist aber unfähig zu sicherem, unbedingtem Wissen. Es hat alles zu bezweifeln, zu prüfen und doch zu erreichen, kann aber nicht in seinem Wissen, seinen Errungenschaften sicher sein. Dieser Umstand macht ein Prinzip wie das Supramental oder Wahrheitsbewusstsein notwendig für eine verständliche Welt, denn ohne es gäbe es kein Ergebnis, kein Ziel, weder für das Leben noch für die Erkenntnis. Das Bewusstsein kann ohne es nicht zu seinem eigenen Sinn finden, sein höchstes Resultat nicht erzielen. Es würde in Zusammenhangslosigkeit, in einem Fiasko enden. Es ist das eigentliche Ziel seines Seins, sich seiner eigenen und jeglicher Wahrheit bewusst zu werden, aber gerade dies kann es nicht, solange es sich um Wahrheit und Wissen in Unwissenheit und durch Unwissenheit bemühen muss. Es muss aus sich eine Kraft entwickeln oder erreichen, deren wahre Natur darin liegt, in einer Machtvollkommenheit zu sehen, zu erkennen, zu besitzen. Dies ist es, was wir Supramental nennen, und wird dies zugegeben, wird alles andere verständlich. Bis dahin aber sind wir im Zweifel, und man könnte die Meinung vertreten, es gebe selbst dann keine Gewissheit hinsichtlich der Ankunft und Herrschaft des Supramentals, wenn es als Wirklichkeit anerkannt wird. Bis dahin kann alles Bemühen um es scheitern. Es genügt nicht, dass das Supramental eigentlich über uns und seine Herabkunft eine Möglichkeit oder eine künftige Absicht der Natur sein sollte. Wir haben keine Gewissheit, dass diese Herabkunft wirklich eintritt, solange sie nicht zur objektiven Tatsache in unserem irdischen Leben wird. Das Licht hat oft versucht, auf die Erde hernieder zu kommen, aber das Licht bleibt unzureichend und unvollständig. Der Mensch kann das Licht zurückweisen, die Welt ist noch voll von Dunkelheit, und die Ankunft scheint kaum mehr als eine Chance zu sein. Dieser Zweifel ist dank der Ereignisse in der Vergangenheit und der noch gegebenen Möglichkeiten in der Zukunft bis zum gewissen Grade gerechtfertigt. Seine Beharrungskraft würde erst dann verschwinden, wenn das Supramental einst als folgerichtiger Bestandteil des Universums anerkannt ist. Wenn die Evolution von der Materie zum Supramental führt, muss sie auch dahin führen, dass das Supramental in die Materie herniedergebracht wird, und die Folgen sind unausweichlich.
Das ganze Problem dieser Ungewissheit ergibt sich aus der Tatsache, dass wir nicht geradezu auf die ganze Wahrheit der Welt, so wie sie ist, blicken und aus ihr die rechten Schlüsse ziehen bezüglich dessen, was die Welt sein muss und notwendigerweise sein wird. Diese Welt ist zweifellos vorgeblich auf Materie gegründet, ihr höchstes Ziel aber ist Geist, und der Aufstieg zum Geist muss das Ziel und die Rechtfertigung ihres Daseins und der Wegweiser zu ihrem Sinn und Zweck sein. Die natürliche Schlussfolgerung aber, die aus der Überlegenheit und dem Gipfelsein des Geistes gezogen werden muss, wird getrübt durch eine falsche und unvollkommene Vorstellung von Spiritualität, wie sie vom Intellekt in seiner Unwissenheit und auch durch zu hastiges und einseitiges Streben nach Wissen konstruiert worden ist. Den Geist hat man sich nicht als etwas Alldurchdringendes und die geheime Essenz unseres Wesens vorgestellt, sondern als etwas, das nur von den Höhen auf uns herabschaut, uns zu diesen Höhen hinaufzieht und wegführt vom übrigen Sein. So gelangen wir zu der Vorstellung, dass unser kosmisches und persönliches Sein eine große Täuschung und unsere Abkehr von ihm und Auslöschung des Einzelnen wie des Kosmos in unserem Bewusstsein unsere einzige Hoffnung und Befreiung ist. Oder wir entwickeln die Vorstellung von der Erde als einer Welt der Unwissenheit, des Leidens und der Prüfung und hegen einzig die Hoffnung, in jenseitige Himmel zu entkommen. Hier gibt es für uns keine Aussicht auf das Göttliche, ist keine Erfüllung möglich, selbst bei höchster Entwicklung auf Erden im Körper, kommt es nicht zu erfolgreicher Umwandlung, gibt es kein erhabenes Ziel, das im irdischen Sein erarbeitet wird. Wenn aber das Supramental existiert, wenn es herabkommt und zum herrschenden Prinzip wird, wird alles, was dem Mental unmöglich erscheint, nicht nur möglich sondern auch unausweichlich. Wenn wir näher hinsehen, erkennen wir, dass sich Mental und Leben auf ihren Höhen um ihre Vollendung bemühen, um eine Art göttlicher Erfüllung, um ihre eigene Unbedingtheit. Dies und nicht so etwas wie Jenseits oder Nirgendwo ist das wahre Zeichen, der Sinn dieser ständigen Entwicklung, die Mühe kontinuierlichen Gebärens und Wiedergeborenwerdens und der gewundene Aufstieg der Natur. Aber nur durch die Herabkunft des Supramentals und die Vollendung von Mental und Leben durch ihr Hinausgehen über sich selbst, kann die geheime Absicht in den Dingen, der verborgene Sinn von Geist und Natur, gänzlich offenbar und im Ganzen erkennbar werden. Dies ist der evolutionäre Aspekt und Sinn des Supramentals, in Wahrheit das ewige Prinzip, das auch im materiellen Universum verborgen liegt, der geheime Erhalter aller Schöpfung. Es ist jenes, das das Emportauchen des Bewusstseins ermöglicht und den Aufstieg der Natur zur höchsten spirituellen Wirklichkeit erzwingt. Es ist in der Tat eine bereits und stets vorhandene Ebene des Seins, die Verbindung zwischen Geist und Materie, die Wahrheit und Wirklichkeit in sich birgt und den ganzen Sinn und das Ziel des Universums sicherstellt.
Wenn wir unsere gegenwärtigen Vorstellungen von Entwicklung unbeachtet lassen, verändert sich alles, sofern wir das Bewusstsein und nicht Leben und Form als das fundamentale und entscheidende Prinzip der Evolution und sein Auftauchen und die volle Entfaltung seiner Möglichkeiten als das Ziel des evolutionären Dranges betrachten. Die Nichtbewusstheit der Materie kann kein unüberwindbares Hindernis bilden. Denn in dieser Nichtbewusstheit kann ein verborgenes Bewusstsein entdeckt werden, das sich entwickeln muss. Leben und Mental sind Stufen und Werkzeuge dieser Entwicklung. Der zweckvolle Trieb und das zweckgerichtete Wirken der nichtbewussten materiellen Energie entsprechen genau dem, was wir der Gegenwart eines involvierten selbstbewegten Bewusstseins als Eigenschaft zuordnen, das nicht das Denken benutzt gleich dem Mental, sondern geführt wird von einer Art innewohnendem materiellen Instinkt, der in all seinen Schritten praktisch unfehlbar, noch nicht erkennend, aber in wunderbarer Weise schöpferisch ist. Das gänzlich und von Natur aus erleuchtete Wahrheitsbewusstsein, das wir dem Supramental zuordnen, wäre dieselbe Wirklichkeit auf der höchsten Stufe der Entwicklung, endgültig entwickelt und keineswegs mehr gänzlich eingewickelt in die Materie oder teilweise und unvollkommen entwickelt und deshalb der Unvollkommenheit und dem Irrtum ausgeliefert, wie sie in Leben und Mental vorkommen, jetzt im Besitz seiner natürlichen Fülle und Vollendung, leuchtend selbstbewegt und unfehlbar. Damit fallen alle Einwände gegen eine vollkommene Entwicklungsmöglichkeit weg. Diese wäre, im Gegenteil, die unausweichliche Folge, die nicht nur in der Natur im Ganzen, sondern auch in der materiellen Natur enthalten ist.
Bei solcher Betrachtung der Dinge dürfte sich das Universum selbst in seiner Einheit und Ganzheit als die Offenbarung eines einzigen Seins enthüllen, die Natur als seine offenbarende Macht, die Evolution als sein schrittweiser Prozess der Selbstenthüllung hier in der Materie. Wir würden die Reihen göttlicher Welten als eine Aufstiegsleiter von der Materie zum erhabenen Geist erkennen. Es würde sich die Möglichkeit, die Aussicht auf eine höchste Offenbarung durch die bewusste und nicht mehr verschleierte und rätselhafte Herabkunft des Geistes und seiner Mächte in ihrer Fülle selbst in die niederste Welt der Materie ergeben. Das Rätsel dieser Welt brauchte nicht länger ein Rätsel zu sein. Das zweifelhafte Geheimnis der Dinge, ihre Doppelsinnigkeit wäre enträtselt, die wirren Schriften würden lesbar und verständlich. Mit dieser Offenbarung würde das Supramental seinen natürlichen Platz einnehmen und nicht mehr Gegenstand des Zweifelns oder Fragens für eine Intelligenz sein, die durch die Komplexität dieser Welt verwirrt ist. Es würde uns als unausweichliche Folge der Natur des Mentals, des Lebens und der Materie erscheinen, als Erfüllung ihres Sinnes, ihres innewohnenden Prinzips und ihrer Neigungen, als die notwendige Vervollkommnung ihrer Unvollkommenheit, als der Gipfel, zu dem alle hinauf streben, als die Vollendung göttlichen Seins, Bewusstseins und göttlicher Seligkeit, zu denen es hinführt, als das letzte Ergebnis der Hervorbringung der Dinge und als höchstes Ziel dieser fortschreitenden Offenbarung, die wir hier im Leben erkennen.
Das volle Emporkommen des Supramentals mag in einer souveränen Offenbarung vollendet werden, in der Herabkunft in das Erdbewusstsein, dessen Mächte es sich rasch aneignet, sowie durch die Enthüllung seiner ·Formen, die Schöpfung einer supramentalen Menschheit und eines supramentalen Lebens. Dies muss in der Tat das vollständige Ergebnis seines Wirkens in der Natur sein. Aber solches war in der Vergangenheit nicht üblich im evolutionären Verhalten der Natur auf Erden. Es kann wohl sein, dass auch die supramentale Entwicklung ihre eigenen Zeiträume festlegt, wenn es sich hier auch keineswegs um eine Entwicklung ähnlich jener handelt, deren Zeuge die Erde bisher war. Aber wenn sie einmal begonnen hat, muss sich alles unvermeidlich und vollkommen offenbaren, und alle Bereiche der Natur werden größtmöglicher Lichtfülle und Vollkommenheit entgegensehen. Diese Gewissheit berechtigt uns anzunehmen, dass Mental und Menschheit ebenfalls einer Verwirklichung zustreben, die weit über unsere jetzigen Träume von Vollkommenheit hinausreicht. Ein Lichtmental wird an die Stelle der heutigen Verwirrung und Sorge in irdischer Unwissenheit treten. Wahrscheinlich werden sogar jene Teile des Menschengeschlechts, die das nicht erreichen können, dennoch seiner Möglichkeiten gewahr werden und bewusst zu ihm hinstreben. Darüber hinaus wird das Leben der Menschheit erleuchtet, aufgerichtet, beherrscht und harmonisiert durch dieses lichtvolle Prinzip, ja selbst der Körper wird weniger machtlos, dunkel und animalisch in seinen Neigungen, stattdessen zu neuer und ausgeglichener Vollendung befähigt. Auf diese Möglichkeit müssen wir schauen, sie bedeutet eine neue Menschheit, die, erhoben zum Licht, befähigt wäre zu spiritualisiertem Sein und Handeln, offen für die Lenkung durch Licht des Wahrheitsbewusstseins, selbst auf der mentalen Ebene und in ihren eigenen Ordnungen fähig zu etwas, das als Anfang eines vergöttlichten Lebens bezeichnet werden könnte.
Kapitel 11
Die Schau und der Segen
Nichts regte sich mehr jetzt im weiten sinnenden Raum:
Eine Stille kam über die lauschende Welt,
Eine stumme Unermesslichkeit vom Frieden des Ewigen.
Doch das Herz Aswapatis antwortete ihr,
Ein Schrei inmitten des Schweigens der Weiten:
„Wie soll ich zufrieden bleiben mit sterblichen Tagen
Und dem stumpfen Maß der irdischen Dinge,
Der ich hinter der kosmischen Maske
Die Glorie und die Schönheit deines Angesichts gesehen habe?
Hart ist das Los, an das du deine Söhne bindest!
Wie lang soll unser Geist mit der Nacht noch kämpfen
Und Niederlage erdulden und das brutale Joch des Todes,
Wir, die wir Gefäße sind einer todlosen Kraft
Und Erbauer der Gottheit des Menschengeschlechts?
Und wenn dein Werk es ist, das ich unten tue
Inmitten des Irrtums und Verschwendens menschlichen Lebens,
In dem vagen Licht des Menschen halbbewusstem Mental,
Warum bricht kein ferner Schimmer herein von dir?
Ewig gehen Jahrhunderte und Jahrtausende dahin.
Wo in dieser grauen Existenz ist der Strahl deines Kommens?
Wo ist das Donnern der Schwingen deines Sieges?
Wir hören nur die Füße vorübergehender Götter.
Gemäß einem Plan im okkulten ewigen Mental,
Aufgezeichnet der zurück- und vorwärtsgerichteten Schau,
Wiederholen Äonen immer wieder ihre unabänderliche Runde,
Bauen Zyklen alles wieder neu und streben immer weiter.
Alles, was wir getan haben, ist immer noch zu tun.
Alles zerbricht und alles erneuert sich und ist sich gleich.
Riesige Umwälzungen des Lebens unfruchtbaren Kreisens,
Die neugeborenen Zeitalter vergehen wie die alten,
Als wahrte das traurige Rätsel noch sein Recht,
Bis alles getan ist, wofür dieser Schauplatz geschaffen ward.
Zu gering ist die Stärke, die jetzt mit uns geboren wird,
Zu schwach das Licht, das sich durch die Lider der Natur stiehlt,
Zu dürftig die Freude, die sie sich mit unserem Schmerz erkauft.
In einer rohen Welt, die ihre eigene Bedeutung nicht kennt,
Leben wir gedankengeplagt auf dem Rad der Geburt
Als Instrumente eines Impulses, der nicht der unsrige ist,
Gedrängt zu erringen mit unserem Herzblut als Preis
Halbwissen, Halbschöpfungen, die bald schon Überdruss bereiten.
Eine vereitelte unsterbliche Seele in vergänglichen Gliedern,
Behindert und zurückgeschlagen mühen wir uns nach wie vor;
Vernichtet, enttäuscht, verbraucht überleben wir dennoch.
Unter Qualen arbeiten wir daran, auf das in uns
Ein weitsichtigerer Mensch mit edlerem Herzen erstehe,
Ein goldnes Gefäß der inkarnierten Wahrheit,
Der Vollstrecker des göttlichen Unterfangens hier,
Ausgerüstet, den irdischen Leib Gottes zu tragen,
Kommunikant und Prophet und Liebender und König.
Ich weiß, dass deine Schöpfung nicht scheitern kann:
Denn sogar durch den Nebel sterblichen Denkens
Sind deine mysteriösen Schritte unfehlbar,
Und trägt Notwendigkeit auch des Zufalls Gewand,
Birgt sie doch in den blinden Wechseln des Schicksals
Die bedächtig ruhige Logik des Schreitens der Unendlichkeit
Und die unantastbare Abfolge ihres Willens.
In aufsteigenden Stufen ist alles Leben festgelegt
Und unerbittlich ist das evolvierende Gesetz;
Im Anfang ist das Ende schon angelegt.
Dies seltsam irrationale Produkt aus dem Schlamm,
Dieser Kompromiss zwischen Tier und Gott,
Ist nicht die Krone deiner wundersamen Welt.
Ich weiß, es wird die nichtbewussten Zellen einst durchdringen,
Eins mit Natur und höhengleich mit Himmel,
Ein Geist, der weit ist wie das fassende Firmament
Und durchflutet von Ekstase aus unsichtbaren Quellen,
Ein Gott, herabgekommen und größer durch den Fall.
Eine Macht erhob sich aus der Zelle meines Schlummers.
Ablegend das schleppende Hinken der Stunden
Und das unbeständige Blinzeln sterblichen Sehens,
Dort, wo der Denker schläft in zu viel Licht
Und unduldsam das einsam allgewahrende Auge flammt,
Hörend das Wort des Schicksals aus dem Herz des Schweigens
Im endlosen Augenblick der Ewigkeit,
Sah sie die Werke der Zeit von der Zeitlosigkeit her.
Überschritten waren die bleiernen Formeln des Mentals,
Überwunden das Hindernis sterblichen Raumes:
Das sich entfaltende Bild zeigte das, was kommen wird.
Ein gigantischer Tanz Shivas zerriss die Vergangenheit;
Es war ein Donnern wie von Welten, die einstürzen;
Die Erde wurde mit Feuer und dem Gebrüll des Todes überrannt,
Mit Getöse eine Welt zu erschlagen, die sein Hunger erschaffen hat;
Es war ein schriller Klang von Flügeln der Zerstörung:
Der Schlachtruf des Titanen war in meinen Ohren,
Aufruhr und Lärm ließen die gepanzerte Nacht erbeben.
Ich sah die flammenden Pioniere des Allmächtigen
Über die himmlische Schwelle, die ins Leben führt,
In Massen auf den Bernsteinstufen der Geburt herniederkommen;
Vorläufer einer göttlichen Schar,
Von den Pfaden des Morgensterns her kamen sie
In den kleinen Raum des sterblichen Lebens.
Ich sah sie die Dämmerung eines Zeitalters durchqueren,
Die sonnenäugigen Kinder einer wunderbaren Morgenröte,
Die großen Schöpfer mit der weiten Stirn der Ruhe,
Die wuchtigen Bollwerkbrecher der Welt
Und Ringer mit Vorsehung in deren Listen des Willens,
Die Arbeiter in den Steinbrüchen der Götter,
Die Botschafter des Unmitteilbaren,
Die Architekten der Unsterblichkeit.
Sie kamen in die gefallene menschliche Sphäre,
Gesichter, auf denen die Glorie des Unsterblichen noch lag,
Stimmen, die noch mit Gottes Gedanken kommunizierten,
Körper, die schön gestaltet waren durch das Licht des Geistes,
Tragend das magische Wort, das mystische Feuer,
Tragend den dionysischen Kelch der Freude,
Nahende Augen eines göttlicheren Menschen,
Lippen, singend eine unbekannte Hymne der Seele,
Füße, widerhallend in den Korridoren der Zeit.
Hohe Priester der Weisheit, Süße, Macht und Seligkeit,
Entdecker der sonnenhellen Wege der Schönheit
Und Schwimmer durch die lachend feurigen Fluten der Liebe
Und Tänzer unter den goldnen Toren der Verzückung,
Ihr Schritt wird eines Tages die leidende Erde wandeln
Und das Licht auf dem Antlitz der Natur rechtfertigen.
Obwohl Schicksal im hohen Jenseits verweilt
Und das Werk, dem unsere Kraft des Herzens galt, vergeblich scheint,
Wird doch alles vollbracht, für das wir unsere Schmerzen trugen.
Wie in den alten Zeiten nach dem Tier der Mensch gekommen ist,
Wird nun ganz gewiss dieser hohe göttliche Nachfolger kommen
Hinter des Menschen fruchtlos sterblichem Schreiten,
Hinter seinem vergeblichen Mühen, Schweiß, Blut und Tränen:
Wissen wird er, was sterbliches Mental kaum zu denken wagt,
Tun wird er, was das Herz des Sterblichen sich nicht zutraute.
Als Erbe all der Plackerei der menschlichen Zeit
Wird er die Bürde der Götter auf sich nehmen;
Das ganze himmlische Licht wird der Erde Gedanken besuchen,
Die Macht des Himmels wird den irdischen Herzen Stärke verleihen;
Der Erde Taten werden die Höhe des Übermenschen berühren,
Der Erde Schau sich weiten in das Unendliche.
Noch unverändert schwer wiegt die unvollkommene Welt;
Die herrliche Jugend der Zeit ist vorüber und hat versagt;
Schwer und lang sind die Jahre, die unser Mühen zählt,
Und noch immer sind die Siegel fest auf des Menschen Seele
Und müde ist das Herz der uralten Mutter.
O Wahrheit, geschützt in deiner geheimen Sonne,
Stimme ihres mächtigen Sinnierens in verschlossenen Himmeln
Über entrückte Dinge in ihren lichten Tiefen,
O Weisheitsglanz, Mutter des Universums,
Schöpferin, Künstlerbraut des Ewigen,
Zögere nicht länger mit deiner umgestaltenden Hand,
Die vergebens drückt auf den einen goldnen Riegel der Zeit,
Als wage Zeit es nicht, ihr Herz für Gott zu öffnen.
O strahlende Quelle der Welt Wonne,
Weltfrei und unerreichbar darüber,
O Seligkeit, die du immer tief verborgen zuinnerst wohnst,
Während die Menschen dich außen suchen und nie finden,
Mysterium und Muse mit hieratischer Zunge,
Verkörpere die weiße Leidenschaft deiner Kraft,
Zur Erde sende eine lebendige Gestalt von dir.
Erfülle einen einzigen Moment mit deiner Ewigkeit,
Lass deine Unendlichkeit in einem Körper leben,
All-Wissen ein Mental in Lichtmeere hüllen,
All-Liebe wenigstens in einem Menschenherzen pochen.
Unsterblich, betretend die Erde mit sterblichem Fuß,
Alle Schönheit des Himmels häufe in irdischen Gliedern an!
Allmacht, gürte mit der Macht Gottes
Bewegungen und Augenblicke eines sterblichen Willens,
Packe eine einzige menschliche Stunde voll mit ewiger Macht
Und mit einer einzigen Geste wandle alle künftige Zeit.
Lass ein großes Wort von den Höhen her sprechen
Und eine einzige große Tat die Tore des Schicksals öffnen.“
Sein Gebet sank hinab in die widerstrebende Nacht,
Niedergedrückt von tausend Kräften, die verwehren,
Als wäre es zu schwach zum Höchsten aufzusteigen.
Doch da erhob sich eine weite einwilligende Stimme;
Der Geist der Schönheit offenbarte sich im Klang:
Licht umflutete die Stirn der herrlichen Vision
Und auf ihren Lippen nahm die Freude des Unsterblichen Gestalt an.
„O starker Vorläufer, ich vernahm deinen Ruf.
Eine wird herniederkommen und brechen das eiserne Gesetz,
Wandeln das Verhängnis der Natur allein durch des Geistes Macht.
Ein grenzenloses Mental, das die Welt in sich enthalten vermag,
Ein liebliches und stürmisches Herz von glühender Gemütsruhe
Wird kommen, bewegt von den Leidenschaften der Götter.
Alle Mächte und Größen werden sich in ihr vereinen;
Himmlisch wird Schönheit auf Erden wandeln,
Wonne wird schlafen im Wolkennetz ihres Haares,
Und in ihrem Körper wird wie auf seinem heimatlichen Baume
Der unsterbliche Gott der Liebe seine glorreichen Flügel schlagen.
Eine Musik von sorglosen Dingen wird ihren Zauber weben;
Die Harfen der Vollendeten werden ihre Stimme begleiten,
Die Ströme des Himmels werden in ihrem Lachen plätschern,
Ihre Lippen werden Honigwaben Gottes sein,
Ihre Glieder seine goldnen Gefäße der Ekstase,
Ihre Brüste die Verzückungsblumen des Paradieses.
Weisheit wird sie tragen in ihrem stimmlosen Busen,
Stärke wird bei ihr sein wie ein Schwert des Siegers
Und aus ihren Augen wird die Seligkeit des Ewigen blicken.
Ein Same wird gesät in die schreckliche Stunde des Todes,
Ein Zweig des Himmels sich verpflanzen auf menschlichem Boden;
Überspringen wird Natur die Stufe ihrer Sterblichkeit;
Gewandelt wird Schicksal durch einen unwandelbaren Willen.“
Wie eine Flamme in endlosem Licht vergeht,
Unsterblich erloschen in ihrer Quelle,
Verschwand die Pracht und verstummte das Wort.
Ein Widerhall der Wonne, die einst nahe war,
So reiste die Harmonie zu einer fernen Stille,
Eine Musik, verklingend im Ohr der Trance,
Eine Kadenz, gerufen von fernen Kadenzen,
Eine Stimme, die vibrierend in verhallenden Weisen entschwebt.
Von sehnender Erde zog ihre Gestalt sich zurück,
Nähe versagend den sich selbst überlassenen Sinn,
Aufsteigend zu ihrem unerreichbaren Heim.
Einsam, strahlend, leer lagen die inneren Gefilde da;
Alles war unausgefüllter übermäßiger Geist-Raum,
Gleichgültig, öde, eine Wüste hellen Friedens.
Dann rührte sich eine Linie am fernen Rande der Ruhe:
Eine irdische Woge, warmlippig, gefühlvoll, sanft,
Ein Gemurmel und Lachen, lebhaft und vielraunig,
Kam gleitend herein auf weißen Füßen des Klanges.
Aufgeschlossen war das Herz der tiefen Glorie des Schweigens;
Die absoluten regungslosen Schweigsamkeiten
Gaben sich dem Atem sterblicher Luft hin,
Die Himmel der Trance, grenzenlos aufgelöst,
Zerfielen zu wachem Mental. Ewigkeit
Senkte ihre unsagbaren Lider
Über ihre Einsamkeiten, der Kenntnis unzugänglich,
Hinter dem stimmlosen Mysterium des Schlafes.
Die grandiose Pause, die weite Befreiung schwand.
Im Lichte sich rasch entfernender Ebenen,
Die vor ihm flüchteten wie vor einer Sternschnuppe,
Gedrängt, das menschliche Haus in der Zeit zu füllen,
Kehrte seine Seele zurück in die Hast und den Lärm
Der ungeheuren Geschäftigkeit geschaffener Dinge hier.
Ein Triumphwagen für die Wunder des Himmels,
Breit abgestützt, um auf Feuerrädern die Götter mitzuführen,
So fegte er flammend durch die spirituellen Tore.
Der sterbliche Trubel nahm ihn hier in Empfang.
Und wieder bewegte er sich inmitten materieller Szenerien,
Erhoben durch Eingebungen aus den Höhen
Und in den Pausen des bauenden Gehirns
Berührt von Gedanken, die das unergründliche Gewoge der Natur
Streifen und zurückfliegen an verborgene Ufer.
Der ewige Sucher auf dem äonischen Gebiet,
Bedrängt von dem unnachgiebigen Druck der Stunden,
War wieder stark für große schnellfüßige Taten.
Wach unter dem unwissenden Gewölbe der Nacht,
Sah er das unzählige Volk der Sterne
Und hörte das Fragen der unbefriedigten Flut
Und mühte sich mit dem Formenmacher, messendem Mental.
Ein Wanderer von den okkulten unsichtbaren Sonnen,
Erfüllend das Schicksal der vergänglichen Dinge,
Ein Gott in der Gestalt des aufgerichteten Tieres,
Hob er seine Stirn der Eroberung zu den Himmeln empor
Und gründete das Imperium der Seele
Auf der Materie und ihrem begrenzten Universum
Wie auf einem festen Fels in grenzenlosen Meeren.
Der Herr des Lebens nahm seine mächtigen Runden
Im kargen Feld des zweideutigen Erdballs wieder auf.
Bibliographie
Zitat
- CWM Vol. 9, pp. 151-52
Einleitung
- CWSA Vol. 25, p. 220
- CWSA Vol. 25, p. 220-21
Unser Ideal
- CWSA Vol. 13, pp. 140-47
- CWSA Vol. 13, p. 509
Das spirituelle Zeitalter und das Supramental – Die Stunde Gottes
- CWSA Vol. 12, pp. 146-47
Das Ende des Zeitalters des Verstandes
- CWSA Vol. 25, pp. 208-21
Das spirituelle Ziel und das Leben
- CWSA Vol. 25, pp. 222-31
Die Notwendigkeit der spirituellen Transformation
- CWSA Vol. 25, pp. 232-45
Bedingungen für das Kommen eines spirituellen Zeitalters
- CWSA Vol. 25, pp. 246-60
Das Kommen und Fortschreiten des spirituellen Zeitalters
- CWSA Vol. 25, pp. 261-69
Das Supramental in der Evolution
- CWSA Vol. 13, pp. 578-84
Die Schau und der Segen
- CWSA Vol. 33, pp. 341-48
Gesamtausgaben
- CWM: Collected Works of the Mother, 2nd ed., Vols. 1-17
- CWSA: Complete Works of Sri Aurobindo, 2012, Vols. 1-37