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  1. ALLES LEBEN IST YOGA
  2. Leben und Yoga – Das große Geheimnis

Kapitel 7

Der Unbekannte

Ich kann euch sagen, was ihr wissen wollt.

Ihr alle hattet eine ähnliche Erfahrung, obgleich eure Tätigkeiten ihrem Wesen und ihrem Ausdrucksfeld nach so unterschiedlich sind. Ihr seid alle sechs, trotz des Erfolges, der euch zuteil wurde, zur selben Schlussfolgerung gelangt. Denn ihr habt alle im Oberflächenbewusstsein gelebt und nur auf die äußeren Erscheinungsformen geachtet, ohne die wahre Wirklichkeit des Universums zu erkennen.

Ihr stellt die Elite der Menschheit dar. Jeder von euch hat den Gipfel des Menschenmöglichen erreicht, ihr steht an der höchsten Stelle der menschlichen Art. Aber auf diesem Gipfel findet ihr euch einem Abgrund gegenüber, und ihr könnt nicht weitergehen. Keiner von euch ist zufrieden, und dennoch weiß keiner von euch, was tun. Niemand findet die Lösung des zweifachen Problems, das der eigene gute Wille und unser augenblickliches Leben darstellt. Ich nenne es ein zweifaches Problem, denn es hat in der Tat zwei Aspekte, einen individuellen und einen kollektiven: wie kann man vollständig das Gute für sich selbst und das Gute für die anderen verwirklichen? Keiner von euch kennt die Lösung dieses Lebensrätsels; denn es kann nicht vom mentalen Menschen gelöst werden, wie entwickelt er auch sein mag. Um die Lösung zu finden, muss man in ein neues und höheres Bewusstsein geboren werden, in das Wahrheitsbewusstsein. Hinter den vergänglichen Erscheinungsformen gibt es eine ewige Wirklichkeit, hinter dieser unbewussten Vielheit, die mit sich selbst in Konflikt steht, gibt es ein einziges, ungetrübtes Bewusstsein, hinter diesen unzähligen und andauernden Falschheiten gibt es eine reine, strahlende Wahrheit, hinter dieser obskuren und verstockten Ignoranz gibt es ein überlegenes Wissen.

Und diese Wirklichkeit ist ganz nahe bei euch, im Zentrum eures Wesens, und ebenso im Zentrum des Universums. Ihr müsst sie nur finden und leben, dann werdet ihr in der Lage sein, alle eure Probleme zu lösen und alle eure Schwierigkeiten zu überkommen.

Ihr werdet vielleicht einwenden, dass genau das alle Religionen sagen: die meisten von ihnen haben von dieser Wirklichkeit gesprochen und sie Gott genannt. Das ist wahr, aber sie haben keine befriedigende Lösung für euer Problem gebracht, keine überzeugende Antwort auf eure Frage; ganz im Gegenteil haben sie völlig dabei versagt, eine Lösung für all die Übel einer leidenden Menschheit zu finden.

Einige dieser Religionen gründeten sich auf prophetische Offenbarungen, andere auf philosophische und spirituelle Ideale. Aber es dauerte nicht lange, und die Offenbarung verwandelte sich in ein Ritual und das philosophische Ideal in Dogmen. Auf diese Weise verschwand die Wahrheit, die sie enthielten. Außerdem, und das muss hervorgehoben werden, bieten alle Religionen dem Menschen – man kann sagen ohne Ausnahme – eine überweltliche Lösung an, die sich auf den Tod, und nicht auf das Leben gründet. Die Lösung sieht so aus: ertrage in einer unabänderlich bösen Welt all dein Elend, ohne dich zu beklagen, dann wirst du für deine Resignation nach deinem Tod belohnt; oder entsage allem Anhangen am Leben, und du wirst endgültig der erbarmungslosen Notwendigkeit, leben zu müssen, entrinnen. Das kann ganz gewiss keine Beseitigung des Leids der Menschen auf der Erde bewirken oder den allgemeinen Zustand der Welt verändern. Ganz im Gegenteil müssen wir, wenn wir eine wahre Lösung für die Konfusion, das Chaos und das Elend der Welt finden wollen, diese Lösung in der Welt selbst finden. In Wirklichkeit kann man sie nur dort finden: sie ist latent bereits da, man muss sie aus dem latenten Zustand befreien. Sie ist weder mystisch noch ist sie Einbildung, sie ist ganz und gar konkret und wird von der Natur selbst bereitgestellt, wenn wir sie zu beobachten wissen. Denn die Natur folgt einer Aufwärtsentwicklung. Aus der einen oder anderen Form oder Spezies lässt sie eine neue entstehen, die fähig ist, etwas mehr von dem universellen Bewusstsein einzukörpern. Alle diese Lebensformen beweisen, dass der Mensch nicht die letzte Stufe der irdischen Evolution ist. Die menschliche Lebensform wird mit Sicherheit von einer neuen abgelöst werden, die im Verhältnis zum Menschen das sein wird, was der Mensch im Verhältnis zum Tier ist: das gegenwärtige menschliche Bewusstsein wird durch ein neues Bewusstsein ersetzt werden, das nicht länger mental, sondern supramental ist. Und dieses Bewusstsein wird einer höheren, einer übermenschlichen oder göttlichen Rasse Geburt verleihen.

Der Augenblick ist gekommen, wo diese Möglichkeit, die schon vor langer, langer Zeit vorausgesehen wurde, eine gelebte Realität auf der Erde werden muss. Und aus diesem Grund seid ihr alle so unzufrieden und habt das Gefühl, dass ihr im Leben nicht das zustande gebracht habt, was ihr eigentlich verwirklichen wolltet. Nur ein radikaler Bewusstseinswandel kann die Welt aus der Trübheit herausbringen, in der sie gefangen ist. Ja, diese Transformation des Bewusstseins, diese Manifestation eines höheren und wahreren Bewusstseins ist nicht nur möglich, sie ist gewiss; sie ist sogar das Ziel unseres Daseins, der eigentliche Sinn unseres Lebens auf der Erde. Zuerst muss das Bewusstsein transformiert werden, dann das Leben und dann die Formen. In dieser Reihenfolge wird die neue Schöpfung stattfinden. Das ganze Wirken der Natur ist in Wahrheit eine progressive Rückkehr zur Höchsten Wirklichkeit, die sowohl Ursprung und Ziel des Universums ist, und zwar sowohl in seiner Totalität als auch in seinem kleinsten Bestandteil; wir müssen konkret werden, was wir essentiell sind. Wir müssen ganzheitlich die Wahrheit, die Schönheit, die Kraft und die Vollkommenheit leben, die in der Tiefe unseres Wesens verborgen ist. Dann wird das ganze Leben der Ausdruck der erhabenen, ewigen, göttlichen Freude werden.

Es folgt ein Augenblick der Stille, während dem sich die sechs Menschen anschauen und Gesten der Zustimmung zeigen. Dann:

Der Schriftsteller:

Deine Worte sind Träger einer überzeugenden Kraft, einer Kraft, die ansteckend wirkt. Ja, wir fühlen, dass sich vor uns ein neues Tor geöffnet hat, dass in unseren Herzen eine neue Hoffnung geboren wurde. Aber es braucht Zeit, um sie zu realisieren, möglicherweise lange Zeit. Jetzt erwartet uns der Tod, das Ende ist nahe. Es ist zu spät.

Der Unbekannte:

Nein, es ist nicht zu spät, es ist nie zu spät.

Lasst uns gemeinsam eine große Aspiration in uns erwecken; lasst uns nach einem Eingreifen der Gnade rufen. Ein Wunder kann immer geschehen. Glaube hat eine überlegene Kraft. Und wenn wir an dem großen Werk teilnehmen sollen, das wir vor uns sehen, dann wird die Gnade eingreifen und unser Leben verlängern. Lasst uns mit der Demut des Weisen und dem einfachen Glauben des Kindes beten; lasst uns mit Ehrlichkeit dieses neue Bewusstsein, diese neue Kraft, diese neue Wahrheit, diese neue Schönheit herabrufen, die sich manifestieren müssen, damit die Erde transformiert werde und das supramentale Leben sich in der materiellen Welt ausdrücken möge.

Alle konzentrieren sich schweigend. Wieder spricht der Unbekannte:

„O Höchste Wirklichkeit, gib, dass wir ganzheitlich dies wundervolle Geheimnis leben mögen, das uns jetzt enthüllt wird.“

Alle wiederholen das Gebet und bleiben weiter konzentriert. Plötzlich ertönt die Stimme des Künstlers:

Seht! Seht!

Ein Schiff erscheint als kleiner Punkt am Horizont und kommt langsam näher. Ausrufe. Der Unbekannte sagt:

Unser Gebet wurde erhört.

Wenn das Schiff klar sichtbar ist, springt der Athlet auf eine Seite des Rettungsbootes, zieht sein Taschentuch hervor und winkt damit. Das Schiff kommt näher. Der Wissenschaftler ruft:

Sie haben uns gesehen. Sie kommen!

Und der Unbekannte sagt langsam:

Hier ist Segnung, hier ist neues Leben.

Der Vorhang fällt.

Teil 2 WORTE SRI AUROBINDOS

Kapitel 1

Yoga und Fertigkeit in der Arbeit

Yoga, sagt die Gita, ist Fertigkeit in der Arbeit, und mit dieser Formulierung meinte die alte Schrift, dass die Transformation des Geistes und des Seins, der sie den Namen Yoga gab, einen vollkommenen inneren Zustand und ein vollkommenes inneres Vermögen mit sich bringe, aus dem das richtige Prinzip des Handelns und das richtige spirituelle und göttliche Ergebnis der Arbeit ganz natürlich hervorgingen wie ein Baum aus seinem Samen. Sie meinte damit nicht, dass der kluge Feldherr oder Politiker oder Rechtsanwalt oder Schuhmacher den Namen Yogin verdiene; sie meinte nicht, dass jede Art von Fertigkeit in den Werken Yoga sei, sondern mit Yoga meinte sie einen spirituellen Zustand universaler Ausgewogenheit und Gotteinung, und mit der Fertigkeit des yogischen Arbeiters meinte sie eine vollkommene Anpassung der Seele und ihrer Instrumente an den Rhythmus der göttlichen und universalen Prakriti, befreit von den Fesseln des Egoismus und den Begrenzungen des Sinnen-Mentals.

Im Wesentlichen ist Yoga ein allgemeiner Begriff für die Prozesse und das Ergebnis von Prozessen, durch die wir unsere gegenwärtigen Seinsweisen transzendieren oder ablegen und uns zu einer neuen, höheren und umfassenderen Bewusstseinsweise erheben, die nicht die des gewöhnlichen animalischen und intellektuellen Menschen ist. Yoga ist die Ersetzung des egoistischen Bewusstseins durch ein universales oder kosmisches Bewusstsein, das auf das überkosmische, transzendente Unbenennbare ausgerichtet oder von ihm durchdrungen ist, das die Quelle und der Träger aller Dinge ist. Yoga ist der Übergang des menschlichen denkenden Tieres zum Gottesbewusstsein, von dem es herabgestiegen ist. Bei diesem Aufstieg finden wir viele Ebenen und Stufen, eine Hochebene nach der anderen des Berges, dessen Gipfel die Wahrheit der Dinge berührt; aber auf jeder Stufe gilt das Wort der Gita in immer höherem Maße. Schon ein wenig von diesem neuen Gesetz und dieser inneren Ordnung befreit die Seele von der großen Gefahr, die sie auf ihrem Abstieg in die Welt überwältigt hat, von der Gefahr der Unwissenheit, durch die der unerleuchtete Verstand, und sei er noch so scharf und klug, immer gebunden und begrenzt sein muss, von der Gefahr des Kummers und der Sünde, durch die das ungeläuterte Herz, auch wenn es den reichsten Purpur der Sehnsucht und des Gefühls trägt, immer Unreinheit, Leiden und Elend erleiden muss, und durch die Nichtigkeit seiner Werke, denen der unentwickelte Wille des Menschen, auch wenn er noch so heftig und mächtig oder olympisch und siegreich ist, ewig unterworfen sein muss. Der Zweck des Yoga besteht darin, uns ein Tor zu öffnen, um aus dem Teufelskreis unseres gewöhnlichen menschlichen Daseins auszubrechen.

Der Begriff der Werke ist im Denken der Gita der weitest mögliche. Alles Wirken der Natur im Menschen ist eingeschlossen, sei es innerlich oder äußerlich, sei es mental oder körperlich, sei es groß oder klein. Von der Mühsal des Helden bis zur Mühsal des Schusters, von der Arbeit des Weisen bis zum einfachen körperlichen Vorgang des Essens ist alles eingeschlossen. Die Suche nach dem Selbst durch das Denken, die Verehrung des Höchsten durch die Emotionen des Herzens, das Sammeln von Mitteln, Material und Fähigkeiten und deren Einsatz im Dienst an Gott und den Menschen stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Buddha, der unter dem Bo-Baum sitzt und Erleuchtung erlangt, der Asket, der still und unbeweglich in seiner Höhle sitzt. Shankara, der durch Indien stürmt, mit allen Menschen debattiert und sehr aktiv das Evangelium des Nichttuns predigt, leistet in dieser Hinsicht eine große und kraftvolle Arbeit. Aber während die äußere Handlung die gleiche sein mag, gibt es einen großen inneren Unterschied zwischen der Handlung des gewöhnlichen Menschen und der Handlung des Yogin, einen Unterschied im Zustand des Seins, einen Unterschied in Kraft und Fähigkeit, einen Unterschied in Wille und Temperament.

Was wir tun, entspringt dem, was wir sind. Das Seiende ist sich dessen bewusst, was es ist; dieses Bewusstsein äußert sich als Wissen und Kraft; die Werke sind das Ergebnis dieser doppelten Kraft des Seienden in Aktion. Mental, Leben und Körper können nur aus dem wirken, was in dem Sein enthalten ist, dessen Kräfte sie sind; und das meinen wir, wenn wir sagen, dass alle Dinge ihrer Natur gemäß wirken. Das göttliche Dasein ist reines und unbegrenztes Sein im Besitze seiner selbst, es ist sat; was immer es in seiner grenzenlosen Reinheit des Selbstbewusstseins hervorbringt, ist Wahrheit seiner selbst, satya; das göttliche Wissen ist Wissen der Wahrheit, der göttliche Wille ist Kraft der Wahrheit, die göttlichen Werke sind Worte und Idole der Wahrheit, die sich in mannigfaltigen Formen und durch viele Stufen und in unendlichen Beziehungen verwirklichen. Aber Gott ist nicht durch ein bestimmtes Werk oder einen Augenblick der Zeit oder ein Feld des Raumes oder ein Gesetz der Beziehung begrenzt oder gebunden, denn Er ist allumfassend und unendlich. Er ist auch nicht durch das Universum begrenzt, denn seine Unendlichkeit ist nicht kosmisch, sondern überkosmisch.

Aber das individualisierte Wesen ist oder handelt so gebunden und begrenzt, weil es das besondere Werk des Daseins, das es ist, und den besonderen Augenblick der Zeit und das Feld des Raumes, in dem es tatsächlich wirkt, und die besonderen Bedingungen, die in dem Werk und in dem Augenblick und in dem Feld herrschen, so betrachtet, als wären sie selbst existierende Wirklichkeiten und die verbindliche Wahrheit der Dinge. Er hält sich selbst, sein Wissen, seine Kraft und seinen Willen, seine Beziehungen zur Welt und zu seinen Mitmenschen, sein Bedürfnis nach ihnen und sein Verlangen nach ihnen für die hinreichende Wahrheit und Wirklichkeit, für den Ausgangspunkt aller seiner Werke, für die zentrale Tatsache und das Gesetz seines Universums. Und aus diesem egoistischen Irrtum erwächst eine alles verderbende Falschheit. Denn das Besondere, das Individuelle kann kein Selbstsein, keine Wahrheit, keine gültige Kraft haben, es sei denn, es besinnt sich leicht und bezieht sich auf das Allgemeine, auf das Allsein, das Allwissen, den Allwillen und folgt seiner wahren Tendenz zur Selbstverwirklichung und zur unermesslichen Freude an sich selbst. Denn das Universale ist nicht irgendeine Gruppe oder ein erweitertes Ego, nicht die Familie, die Gemeinschaft, die Nation oder gar die ganze Menschheit, sondern ein Unendliches, das alle diese Kleinheiten weit übersteigt.

Auch die Universalisierung seiner selbst reicht zur Befreiung nicht aus, obwohl sie ihn praktisch freier und seinem Wesen nach der wahren Freiheit näher bringt. Sich mit dem Universalen in Einklang zu bringen, ist ein Schritt, aber jenseits des Universalen und es lenkend und bestimmend ist die suprakosmische Unendlichkeit; denn auch das Universum hat keine Selbstexistenz, Wahrheit oder Gültigkeit, es sei denn, es ist Ausdruck des göttlichen Seins, Wissens, Willens, der göttlichen Macht und Wonne Dessen, der alles Universum übersteigt, so dass man bildlich sagen kann, Er habe mit einem winzigen Fragment Seines Wesens und einem einzigen Strahl Seines Bewusstseins alle diese Welten geschaffen. Deshalb muss das universalisierte Mental von seinem kosmischen Bewusstsein zum Überirdischen aufschauen und von dort seinen ganzen Sinn für das Wesen und die Bewegung der Werke ableiten. Dies ist die grundlegende Wahrheit, von der das yogische Bewusstsein ausgeht; es hilft dem Individuum, sich zu universalisieren und dann die kosmische Formel zu transzendieren. Und diese Transformation wirkt sich nicht nur auf seinen Seinszustand aus, sondern auch auf sein aktives Bewusstsein in den Werken.

Die Gita sagt uns, dass die Gelassenheit von Seele und Geist Yoga ist und dass diese Gelassenheit die Grundlage des Brahman-Zustandes ist, jenes hohen unendlichen Bewusstseins, das der Yogi anstrebt. Gelassenheit des mentalen Geistes bedeutet Universalität; denn ohne Universalität der Seele mag es einen Zustand der Gleichgültigkeit geben oder eine unparteiische Selbstbeherrschung oder eine wohl beherrschte Gleichförmigkeit des Temperaments, aber das ist nicht das, was gemeint ist. Die Gelassenheit, von der die Rede ist, ist nicht Gleichgültigkeit oder Unparteilichkeit oder Ausgeglichenheit, sondern eine grundsätzliche Verbundenheit mit allen Menschen und allen Dingen und Ereignissen, weil alles als das Eine wahrgenommen wird. Eine solche Gelassenheit, so meint man irrtümlich, sei mit dem Handeln unvereinbar. Keineswegs; es ist der Irrtum des animalischen und intellektuellen Menschen, der meint, Handeln sei nur möglich, wenn es von seinen Hoffnungen, Ängsten und Leidenschaften diktiert wird oder von den eigenwilligen Vorlieben des Gefühls und des Intellekts, die sich durch die Illusionen der Vernunft rechtfertigen. Das könnte so sein, wenn das Individuum der eigentliche Akteur und nicht nur ein Instrument oder ein sekundäres Mittel wäre; aber wir wissen gut genug, denn Wissenschaft und Philosophie versichern uns derselben Wahrheit, dass das Universale die Kraft ist, die durch den Schein unserer Individualität wirkt. Der individuelle mentale Geist, der sich anmaßt, in erhabener Unwissenheit und Verachtung des Universalen für sich selbst zu entscheiden, arbeitet offensichtlich auf der Grundlage einer Unwahrheit und eines Irrtums und nicht im Wissen und Wollen des Zehnten. Denn von einer Unwahrheit oder Halbwahrheit auszugehen und mit Hilfe von Irrtümern zu arbeiten und zu einer anderen Unwahrheit oder Halbwahrheit zu kommen, die wir sofort ändern müssen, und die ganze Zeit zu klagen und zu ringen und zu leiden und keinen sicheren Ruheplatz zu haben, das kann man gewiss nicht Fertigkeit in den Werken nennen. Aber das Universale ist in allem gleich, und daher sind seine Entscheidungen nicht eigenwillige Vorlieben, sondern werden von der Wahrheit des göttlichen Willens und Wissens geleitet, die unbegrenzt und weder Unvermögen noch Irrtum unterworfen ist.

Der Zustand seines Seins, der den Yogin vom gewöhnlichen Menschen unterscheidet, besteht also darin, dass er sich von der Grundlage vollkommener Gelassenheit zum Bewusstsein der einen Existenz in allem und der alles umfassenden Existenz erhebt und in dieser Existenz lebt und nicht in den Mauern seines Körpers oder seines persönlichen Temperaments oder seines begrenzten Mentals. Mental, Leben und Körper sieht er als kleine Dinge, die sich in seinem Wesen ereignen, verändern und entwickeln. Nein, er sieht das ganze Universum als etwas, das in ihm selbst geschieht, nicht in seinem kleinen Ego oder Mental, sondern in diesem riesigen und unendlichen Selbst, mit dem er sich nun ständig identifiziert. Alles, was im Universum geschieht, sieht er als in diesem Wesen entstehend, aus der göttlichen Existenz und unter dem Druck der göttlichen Wahrheit, des Wissens, des Willens und der Macht. Er beginnt, bewusst an ihrem Wirken teilzuhaben und alle Dinge im Lichte dieser göttlichen Wahrheit und Herrschaft zu sehen; und auch wenn seine Handlungen mehr in bestimmten Bahnen verlaufen als in anderen, so ist er doch nicht durch sie gebunden oder durch seine eigenen Leidenschaften und Vorlieben, durch sein Tasten, Suchen und Aufbegehren von der Wahrheit aller anderen Dinge ausgeschlossen. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Erweiterung des Blicks auch eine Erweiterung des Wissens bedeuten muss. Und wenn es wahr ist, dass Wissen Macht ist, dann muss es eine wachsende Kraft für die Werke bedeuten. Das wäre gewiss nicht der Fall, wenn der Yogin weiterhin im Lichte seines individuellen Denkvermögens, seiner Vorstellungskraft und seines Willens handeln würde; denn der Intellekt und alles, was von ihm abhängt, kann nur auf der Grundlage starrer Grenzen und ausschließlicher Festlegungen wirken. Dementsprechend steht die fortwährende Tätigkeit des unerleuchteten Intellekts und seiner Diener im Widerspruch zu dem neuen Zustand des Bewusstseins und Wissens, der aus dieser größeren Existenz hervorgeht, und kann, solange sie aktiv bleiben, weder vollkommen noch sicher sein; denn das Bewusstsein wird durch die Beanspruchung ihres engen Wirkens fortwährend in das niedere Feld der Ego-Gewohnheit hinabgezogen. Aber der Yogin hört allmählich auf, nach der Wahl seiner intellektuellen oder emotionalen Natur zu handeln. Ein anderes Licht geht auf, eine andere Kraft und Präsenz tritt ein, andere Fähigkeiten erwachen anstelle der alten menschlich-tierischen Kombination.

Wenn sich der Zustand des Wesens ändert, müssen sich auch der Wille und das Temperament ändern. Schon in einem frühen Stadium beginnt der Yogin, seinen persönlichen Willen unterzuordnen, oder er unterwirft sich ganz natürlich dem Gefühl des höchsten Willens, der ihn nach oben zieht. Anfangs bewegt er sich unwissend, unvollkommen und ungeschickt, mit vielen Rückschlägen und Rückfällen im persönlichen Leben und Handeln, aber mit der Zeit wird er immer mehr mit seiner Quelle in Einklang gebracht, und schließlich verschmilzt der persönliche Wille nach oben und auf allen Wegen mit dem Universellen und Unendlichen und gehorcht bedingungslos dem Transzendenten. Diese Verwandlung, dieses Aufsteigen und Ausdehnen bedeutet auch nicht die Vernichtung der im Individuum wirkenden Willenskraft, wie sich das der intellektuelle Mensch vielleicht vorstellt, sondern sie steigert sie zu ungeheurer Kraft und verleiht ihr unendliche Ruhe und ewige Geduld. Auch das Temperament wird von allen Fesseln der Spannung und des Begehrens, von allem Drang der Leidenschaft und dem Schmerz der freiwilligen Selbsttäuschung befreit. Die Begierde, selbst die beste, führt immer zu Beschränkung und Verdunkelung, zu eifriger und ausschließender Auswahl und sicherem Druck, zu hartnäckigem Ausschließen dessen, was nicht sein darf, zu Ausgrenzung und ungeduldigem Aufbegehren gegen göttliche Verweigerungen und Zurückhaltungen. Es erzeugt Zorn und Kummer, Leidenschaft und Eigensinn, und diese bewirken, dass die Seele ihr göttliches Gedächtnis oder ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein, ihre Selbsterkenntnis und ihre gleiche Sicht der Wahrheit der Dinge verliert. Daher sind Begierde und ihre Nachkommenschaft unvereinbar mit der Fertigkeit in den Werken, und ihr Fortbestehen ist ein Zeichen für einen unvollkommenen Yoga.

Nicht nur der Wille und die grundlegende Erkenntnis der Dinge müssen sich ändern, sondern eine neue Kombination von Fähigkeiten tritt an die Stelle der alten. Denn wenn der Intellekt nicht die ganze mentale Arbeit für uns verrichten oder in seinem unerleuchteten Zustand überhaupt arbeiten soll, und wenn der Wille in Form von Wünschen, Sehnsüchten, intellektuellen Vorlieben nicht unser Handeln bestimmen und erzwingen soll, dann ist es klar, dass andere Kräfte des Wissens und des Wollens erwachen müssen, die entweder den Intellekt und die intellektuellen Vorlieben ersetzen oder die einen erleuchten und leiten und die anderen umwandeln und beherrschen. Andernfalls wird entweder die Handlung nicht stattfinden, oder ihre Impulse werden mechanisch und chaotisch sein, selbst wenn das statische Wesen glücklich erweitert wird; denn sie werden aus dem Universalen und nicht aus dem Persönlichen entspringen, aber aus dem Universalen in seiner niederen Formel, die die unberechenbare Handlung des Herzens und des Mentals zulässt. Solche Fähigkeiten und neue Kombinationen von Fähigkeiten können auftauchen und tun es auch, und es sind Erleuchtungen und Kräfte, die in direktem Kontakt und in Harmonie mit dem Licht und der Kraft der Wahrheit stehen; daher müssen sie in dem Maße, in dem sie sich manifestieren und ihre Funktionen übernehmen, die Kraft, die Subtilität und die Vollkommenheit der Fertigkeit des Yogin in seinen Werken erhöhen.

Aber die größte Fertigkeit in den Werken des Yoga ist das, was dem animalischen Menschen als seine größte Untauglichkeit erscheint. Denn alle diese schwierigen Errungenschaften, wird er sagen, können zu allem führen, was du willst, aber wir müssen unser persönliches Leben verlieren, unsere persönlichen Ziele aufgeben, unser persönliches Wollen und Vergnügen aufgeben, und ohne diese kann das Leben nicht lebenswert sein. Das Ziel aller Fertigkeiten in den Werken muss nun offensichtlich sein, das beste Wohlergehen zu sichern, entweder für uns selbst oder für andere oder für das Ganze. Der gewöhnliche Mensch nennt es Wohlergehen, sich für einen Augenblick einen solchen vergänglichen Gegenstand zu sichern und dafür durch ein Meer von Kummer, Leid und schmerzhafter Arbeit zu waten, um dann auf der Suche nach einem neuen vergänglichen Gegenstand noch tiefer in dasselbe leidvolle Element zu fallen. Die große Kunst des Yoga besteht darin, diesen Schwindel des mentalen Geistes und seiner Begierden und Dualitäten aufgedeckt zu haben und den Weg zu dauerhaftem Frieden, universaler Freude und allumfassender Zufriedenheit gefunden zu haben, die man nicht nur selbst genießen, sondern auch mit anderen teilen kann. Auch dies ergibt sich aus dem Wandel unseres Daseins, denn die reine Wahrheit des Daseins trägt auch die ungetrübte Wonne des Daseins in sich, sie sind im Zustand des Unendlichen untrennbar. Um die Bilder der vedischen Seher zu gebrauchen, wird durch Yoga Vanilla in uns geboren, ein weiter Himmel des spirituellen Lebens, das Göttliche in seinem weiten Sein und seiner unendlichen Wahrheit; in diese Weite erhebt sich Mitra, der Herr des Lichts und der Liebe, der alle unsere Aktivitäten des Denkens und Fühlens und des Willens aufnimmt, sie zu einer göttlichen Harmonie verbindet, unsere Bewegung lenkt und unsere Werke diktiert; Durch diese Weite und diese Harmonie erscheint Aryaman in uns, das Göttliche in seiner erleuchteten Macht, seiner erhobenen Seinskraft und seinem alles beurteilenden, wirkungsvollen Willen; und durch die drei kommt der innewohnende Bhaga, das Göttliche in seiner reinen Glückseligkeit und allumfassenden Freude, der den bösen Traum unserer unruhigen und geteilten Existenz vertreibt und alle Dinge im Licht und in der Herrlichkeit von Aryamans Macht, Mitras Liebe und Licht, Varunas Einheit besitzt. Diese göttliche Geburt soll der Sohn unserer Werke sein; und was kann es für eine größere Fertigkeit oder eine praktischere und souveränere Scharfsinnigkeit geben, als dies zu schaffen?

Kapitel 2

Der Göttliche Arbeiter

Der ganze Karma-Yoga der Gita besteht darin, dass wir die göttliche Geburt erlangen: eine vergöttlichende neue Geburt der Seele in ein höheres Bewusstsein, und dass wir göttliche Werke tun, und zwar bevor diese Geburt erreicht ist, als Mittel, sie zu erlangen, wie auch als Ausdruck des höheren Bewusstseins, nachdem die Geburt erlangt ist. Die Gita versucht nicht, diese Werke durch irgendwelche äußeren Kennzeichen zu definieren, an denen die neue Geburt für den äußeren Betrachter erkennbar ist und durch die Kritik der Welt bemessen werden könnte. Sie weist sogar absichtlich die gewöhnlichen ethischen Unterscheidungen zurück, nach denen sich die Menschen im Licht der menschlichen Vernunft zu orientieren suchen. Die Kennzeichen, nach denen sie göttliche Werke unterscheidet, sind alle tief innerlich und subjektiv. Das Merkmal, an dem sie erkennbar sind, ist unsichtbar, spirituell und jenseits des Ethischen.

Die göttlichen Werke sind nur durch das Licht der Seele erkennbar, aus der sie kommen. Die Gita sagt: „Was das Handeln und was das Nicht-Handeln ist, darüber sind sogar die Weisen verwirrt und voller Illusionen“, weil sie mit ihrer Beurteilung nach praktischen, ethischen und intellektuellen Maßstäben, nach den äußeren Zufalls-Erscheinungen urteilen und nicht bis an die Wurzel der Sache gehen. „Ich will dir dieses Handeln erklären, durch dessen Erkenntnis du von allen Übeln erlöst wirst. Man muss verstehen, was Handeln ist, auch verstehen, was falsches Handeln ist, und man muss verstehen, was Nicht-Handeln ist. Im Dickicht und Wirrwarr verläuft der Weg des Wirkens.“ Handeln in der Welt ist wie ein tiefer Wald, gahana, durch den sich der Mensch, so gut er kann, hindurchtastet, erleuchtet durch das Licht der Ideen seiner Zeit, durch die Maßstäbe seiner Persönlichkeit und seiner Umgebung, oder besser vieler Zeiten, vieler Persönlichkeiten, Schichten des Denkens und der Moral aus vielen sozialen Entwicklungsstufen. All das ist unentwirrbar vermischt: das Zeitbedingte und Konventionelle inmitten von allem Anspruch auf Absolutheit und unveränderliche Wahrheit, das Empirische und das Irrationale nebeneinander, obwohl beide die rechte Vernunft nachäffen. Und wenn schließlich der Weise inmitten von alledem eine höchste Fundierung in einem feststehenden Gesetz und einer ursprünglichen Wahrheit sucht, sieht er sich gezwungen, die letzte, äußerste Frage zu stellen: Ist nicht alles Handeln und Leben an sich eine Illusion, eine Falle? Ist es nicht die letzte Zuflucht der müden, enttäuschten menschlichen Seele, mit dem Wirken aufzuhören, akarma? Aber, sagt Krishna, in dieser Sache sind sogar die Weisen verwirrt und voll Täuschung. Denn Erkenntnis und Erlösung kommen durch Handeln, durch Werke, nicht durch Nicht-Handeln.

Was ist also die Lösung? Welcher Art sind die Werke, durch die wir von allen Übeln des Lebens erlöst werden sollen: von diesem Zweifel, von diesem Irrtum und Kummer, von diesem vermischten und unreinen Ergebnis selbst unserer reinsten Handlungen, die wir mit den besten Absichten tun, von diesen Millionen Formen von Übel und Leiden? Die Antwort lautet: Es sollen keine äußeren Unterscheidungen getroffen werden. Keine Arbeit der Welt soll verachtet werden. Du sollst um die menschlichen Betätigungen keine Abgrenzungen, keinen Zaun errichten. Im Gegenteil, alle Handlungen sollen getan werden, jedoch von einer Seele, die im Yoga mit dem Göttlichen geeint ist, yuktah krtsna-karma-krt. Akarma, das Aufgeben des Handelns, ist nicht der rechte Weg. Wer die Einsicht der höchsten Vernunft erlangt hat, nimmt wahr, dass solches Nicht-Handeln in sich selbst ein ständiges Wirken ist, da auch es dem Wirken der Natur und ihren Eigenschaften unterworfen ist. Jenes Mental, das seine Zuflucht zur physischen Untätigkeit nimmt, steht unter der Selbsttäuschung, dass es, und nicht die Natur, der Täter der Werke sei. Es hat die Trägheit mit Freiheit verwechselt. Es sieht nicht, dass die Natur selbst in dem, was absolute Trägheit, größer als die von Stein und Erdklumpen, zu sein scheint, am Wirken ist und unbehindert ihren festen Zugriff ausübt. Im Gegenteil, in der reißenden Flut der Handlung ist die Seele frei von ihren Werken, sie ist nicht der Täter, nicht gebunden durch das, was getan wird. Und nur wer in der Freiheit der Seele lebt, nicht in der Gebundenheit an die Qualitäten der Natur, der allein hat die Erlösung von seinen Werken. Das meint die Gita zweifellos, wenn sie sagt: Der im Handeln das Nicht-Handeln erkennen kann und das Handeln noch weitergehen sieht, wenn er aufhört zu wirken, ist der Mensch wahrer Vernunft und Unterscheidung. Diese Aussage steht im Zusammenhang mit der Sankhya-Unterscheidung zwischen Purusha und Prakriti, zwischen der freien, inaktiven Seele, die immer still, rein und inmitten des Wirkens unbewegt ist, und der stets aktiven Natur, die gleicherweise in Trägheit und Untätigkeit aktiv ist wie in der offenkundigen Unruhe und sichtbaren Eile ihres Arbeitens. Das ist die Erkenntnis, die uns das höchste Bemühen der unterscheidenden Vernunft, buddhi, verschafft. Wer sie besitzt, ist deshalb der wahrhaft vernünftige Mensch, der unterscheiden kann, sa buddhiman manusyesu, nicht der verwirrte Denker, der Leben und Werke nach den äußeren, unsicheren und vergänglichen Kriterien der niederen Vernunft beurteilt. Darum hat der befreite Mensch keine Furcht vor dem Handeln. Er ist es, der alle Werke im weitesten Umfang und universal verrichtet, krtsna-karma-krt. Er tut sie nicht wie andere, der Natur unterworfen, sondern gelassen in der Seelenruhe, heiter im Yoga geeint mit dem Göttlichen. Das Göttliche ist der Herr seiner Werke. Der Mensch ist nur deren Weg mittels der Werkzeuge seiner Natur, die ihres Herrn bewusst und ihm ergeben ist. Durch die flammende Stärke und Reinheit seiner Erkenntnis werden alle seine Werke wie in einem Feuer verbrannt. Sein Mental bleibt ohne Makel oder entstellendes Merkmal durch sie ruhig, schweigend, unverwirrt, hell und frisch und rein. Alles in dieser befreienden Erkenntnis zu tun ohne den persönlichen Egoismus, der Täter sein zu wollen, ist das erste Kennzeichen des göttlich Wirkenden.

Das zweite Kennzeichen ist das Freisein vom Begehren. Denn wo es den persönlichen Egoismus des Täters nicht gibt, wird Begehren unmöglich. Es wird ausgehungert, versinkt aus Mangel an Unterstützung ins Nichts und stirbt an Erschöpfung. Nach außen hin scheint der befreite Mensch Tätigkeiten aller Art wie andere Menschen zu unternehmen, vielleicht in größerem Maßstab, mit machtvollerer Willens- und Antriebskraft. Denn die Macht des göttlichen Willens wirkt in seiner aktiven Natur. Aber dieser Mensch hat aus all seinen Vorhaben und Unternehmungen den minderwertigen Begriff und den niederen Willen des Begehrens völlig verbannt, sarve sama rambhah kamasan kalpavarjitah. Er hat jeden Hang zu den Früchten seines Wirkens aufgegeben. Wo man nicht um der Frucht, um des Lohnes willen wirkt, sondern allein als ein apersonales Instrument des Meisters der Werke, kann Begehren keinen Raum finden, – nicht einmal das Begehren, erfolgreich zu wirken, da der Erfolg dem Herrn gehört und von ihm, nicht aber vom persönlichen Willen und Bemühen bestimmt wird, und es entfällt auch der Wunsch, um der Anerkennung des Herrn und seiner Zufriedenheit willen zu dienen. Denn der wirklich Wirkende ist der Herr selbst. Aller Ruhm gehört einer der Gestaltungen seiner Shakti, die ihre Sendung in der Natur erfüllen, nicht der begrenzten menschlichen Persönlichkeit. Das menschliche Mental und die Seele des befreiten Menschen tun nichts, na kincit karoti. Auch wenn er sich durch seine Natur im Handeln ganz einsetzt, ist es doch die Natur, die vollziehende Shakti, ist es die bewusste Göttin, die das Werk tut, regiert vom Innewohnenden Göttlichen.

Daraus folgt nicht, dass das Werk nicht in vollkommener Weise, erfolgreich, mit der rechten gegenseitigen Anpassung von Zweck und Mitteln, durchgeführt würde. Im Gegenteil, vollkommenes Wirken ist eher ein Handeln, das gelassen im Yoga ausgeführt wird, als ein Handeln, das in der Blindheit zwischen Hoffnungen und Ängsten geleistet wird, gelähmt durch die Urteile der unsicher schwankenden Vernunft, die hin- und hergerissen wird von den Besorgnissen des hitzigen menschlichen Willens: Yoga, sagt die Gita an anderer Stelle, ist die wahre Fertigkeit im Wirken, yogah karmasu kausalam. Aber all das wird apersonal getan durch das Handeln eines großen universalen Lichtes und einer Macht, die durch die individuelle Natur hindurch wirksam wird. Der Karmayogin weiß, dass die verliehene Macht dem vorher bestimmten Erfolg angepasst, dass der hinter dem Werk wirkende göttliche Gedanke dem Werk, das er zu tun hat, angemessen, und der Wille in ihm – der nicht ein Wünschen oder Begehren sein kann, sondern ein apersonaler Antrieb der bewussten Macht, der auf ein Ziel hingelenkt wird, das nicht sein eigenes ist – durch die göttliche Weisheit in seiner Kraft und Richtung subtil gelenkt sein wird. Das Ergebnis kann Erfolg sein, wie ihn das gewöhnliche Mental versteht. Es kann auch dem Mental als Niederlage oder Versagen erscheinen. Für ihn selbst ist es immer Erfolg, wie er beabsichtigt ist, nicht von ihm, sondern von dem, der all-weise Wirken und Ergebnis lenkt. Denn der Karmayogin strebt nicht nach Sieg, sondern danach, den göttlichen Willen und die Weisheit zur Erfüllung zu bringen, die ihre Ziele ebenso durch scheinbaren Misserfolg, und da oft mit größerer Kraft, ausarbeitet wie durch sichtbaren Triumph. Arjuna, von dem der Kampf gefordert wird, ist der Sieg zugesichert. Aber selbst wenn ihm eine sichere Niederlage bevorstünde, muss er dennoch kämpfen, weil dies das jetzt ihm bestimmte Werk ist, sein unmittelbarer Anteil an der großen Summe von Energien, durch die der göttliche Wille mit aller Sicherheit vollbracht wird.

Der befreite Mensch hegt keine Hoffnung aus persönlichen Interessen. Er reißt nicht die Dinge an sich, um sie persönlich zu besitzen. Er nimmt das entgegen, was der göttliche Wille ihm zuwendet, begehrt nichts und ist auf niemanden eifersüchtig. Was ihm zufällt, nimmt er ohne Widerwillen und Verhaftung an. Was ihm entgeht, lässt er in den Wirbel der Dinge eingehen, ohne zu murren, ohne Kummer, ohne das Empfinden eines Verlusts. Sein Herz und sein Selbst stehen völlig unter seiner Kontrolle. Sie sind frei von Reaktion und Leidenschaft. Sie antworten nicht verwirrt auf die Berührung der Dinge von außen. Wenn er handelt, ist das eigentlich nur eine physische Betätigung, sariram kevalam karma; Denn alles Wesentliche kommt von oben; es wird nicht auf der menschlichen Ebene hervorgebracht. Es ist nur ein Widerschein des Willens, des Wissens und der Freude des göttlichen Purushottama. Darum ruft er auch nicht durch Druck auf das Handeln und seine Ziele in Mental und Herz jene Reaktionen hervor, die wir Leidenschaft und Sünde nennen. Denn Sünde besteht keineswegs aus einem äußeren Tun. Vielmehr ist sie eine unreine Reaktion des persönlichen Willens, des Mentals und Herzens, die das Tun begleitet oder verursacht. Das Apersonale, das Spirituelle ist immer rein, apapaviddham, und verleiht allem, was es tut, seine eigene unveräußerliche Reinheit. Diese spirituelle Apersonalität ist das dritte Kennzeichen des göttlich Wirkenden. Alle menschlichen Seelen, die eine gewisse Größe und Weite erlangt haben, sind sich in der Tat einer durch sie hindurch wirkenden apersonalen Kraft oder Liebe oder eines Willens und Wissens bewusst. Sie sind aber noch nicht frei von egoistischen Reaktionen ihrer menschlichen Persönlichkeit, die manchmal heftig genug sind. Diese Freiheit hat erst die befreite Seele erlangt. Denn ihr Träger hat seine Persönlichkeit in das Apersonale eingeschmolzen, so dass sie nicht mehr ihm gehört, sondern in die göttliche Person, den Purushottama, aufgenommen ist, der alle begrenzten Eigenschaften in unbegrenzter freier Weise verwendet und durch keine Eigenschaften gebunden ist. Er ist zur Seele geworden, hat aufgehört, nur eine Summe natürlicher Eigenschaften zu sein. Seine für das Wirken der Natur verbleibende äußere Persönlichkeit ist etwas Ungebundenes, Weites, Anpassungsfähiges, Universales. Sie ist eine freie Hohlform zur Aufnahme des Unendlichen. Sie ist eine lebendige Maske des Purushottama.

Das Ergebnis dieses Wissens, dieses Freiseins vom Verlangen, dieser Apersonalität ist der vollendete Gleichmut in der Seele und im Wesen. Gleichmut ist das vierte Kennzeichen des göttlich Wirkenden. Er ist, wie die Gita sagt, über die Dualitäten hinausgekommen: er ist dvandvatita. Er betrachtet, wie wir gesehen haben, mit gleichmütigem Blick, ohne jede Verwirrung in seinem Fühlen, Fehlschlag und Erfolg, Sieg und Niederlage. Aber nicht nur diese, sondern alle Dualitäten sind in ihm überwunden und ausgesöhnt. Die äußeren Unterscheidungen, durch die die Menschen ihre psychische Haltung den Ereignissen der Welt gegenüber bestimmen, haben für ihn nur untergeordnete, instrumentale Bedeutung. Er ignoriert sie nicht, aber er steht über ihnen. Gute Ereignisse und böse Ereignisse, so entscheidend wichtig sie der vom Begehren beherrschten menschlichen Seele sind, der vom Begehren freigewordenen göttlichen Seele sind sie gleichermaßen willkommen, da durch ihre sich mischenden Fäden die sich entwickelnden Formen des ewig Guten herausgearbeitet werden. Ein solcher Mensch ist unbesiegbar, da sich für ihn alles hinbewegt auf den göttlichen Sieg auf dem Kurukshetra der Natur, dharmaksetre kuruksetre, auf dem Feld der Taten, das das Feld des sich entwickelnden Dharma ist. Jede Wendung in diesem Streit ist von dem vorausschauenden Auge des Feldherrn der Schlacht, von dem Herrn des Wirkens und Lenker des Dharma erdacht und geplant. Darum kann den Kämpfer Ehre oder Unehre von Seiten der Menschen ebensowenig erregen wie ihr Lob oder ihr Tadel. Er hat einen höheren, klarsichtigen Richter und einen anderen Maßstab für sein Handeln. Sein Motiv erlaubt ihm keine Abhängigkeit von weltlicher Belohnung. Der Kshatriya Arjuna wertet natürlich Ehre und Ansehen sehr hoch und tut recht daran, dass er sich vor Ehrlosigkeit fürchtet und den Schimpf, ein Feigling zu sein, für schlimmer achtet als den Tod. Denn es ist Teil seines Dharma, dass er das Prinzip der Ehre und den Maßstab des Muts in der Welt aufrechterhält. Aber Arjuna als die befreite Seele braucht sich um all dies nicht zu kümmern. Er muss nur das kartavyam karma, kennen, das Werk, das das höchste Selbst von ihm fordert. Allein das soll er tun und das Ergebnis dem Herrn seiner Handlungen überlassen. Er ist sogar über jene Unterscheidung zwischen Sünde und Tugend hinausgekommen, die für die menschliche Seele so überaus wichtig ist, solange sie noch darum kämpft, die Herrschaft ihres Egoismus auf ein Mindestmaß zu verringern und das schwere, drückende Joch der Leidenschaften zu erleichtern. Der befreite Mensch ist über diese Kämpfe hinausgekommen und hat seine sichere Position in der Reinheit der aus Abstand beobachtenden erleuchteten Seele eingenommen. Sünde ist von ihm abgefallen. Tugend hat er nicht erworben und durch gute Taten vermehrt. Er hat sie auch nicht beeinträchtigt oder dadurch verloren, dass er Böses tat. Vielmehr ist der Gipfel, zu dem er emporgeklommen ist, und der Ort, auf den er seine feste Position gründet, die unveräußerliche und unveränderliche Reinheit einer göttlichen, vom Ich freien Natur. Das Empfinden von Sünde und das Empfinden von Tugend haben hier keinen Ansatzpunkt mehr, sind nicht mehr anwendbar.

Arjuna, noch in der Unwissenheit, mag in seinem Herzen den Drang nach Recht und Gerechtigkeit fühlen und daraus den Schluss ziehen, es sei eine Sünde, sich der Schlacht zu entziehen, weil er dadurch die Verantwortung für alles Leiden auf sich lädt, das Ungerechtigkeit, Unterdrückung und das schlechte Karma des Triumphs des Bösen über Menschen und Nationen bringt. Andererseits kann er in seinem Herzen Abscheu vor der Gewalt, dem Blutbad, fühlen und daraus schließen, dass alles Blutvergießen eine Sünde ist, die nichts rechtfertigen kann. Jede dieser beiden Haltungen könnte mit gleichem Recht an Tugend und Vernunft appellieren. Dann würde es vom Menschen, von den Umständen und der Zeit abhängen, welche von diesen für ihn selbst oder für die Augen der Welt schwerer wiegt. Oder er könnte sich einfach durch sein Herz und seine Ehre dazu gedrängt fühlen, seine Freunde gegen seine Feinde zu unterstützen und der Sache des Guten und Gerechten gegen die Sache des Bösen und Schändlichen beizustehen. Seine befreite Seele schaut aber über den Konflikt dieser Maßstäbe hinaus. Er sieht einfach, was das höchste Selbst von ihm als notwendig für die Wiederherstellung oder für die Neuschaffung des sich entwickelnden Dharma verlangt. Er braucht keinen persönlichen Zielen zu dienen, keine persönlichen Gefühle von Liebe oder Hass zu befriedigen. Er vertritt keinen starren, festgelegten Maßstab für sein Handeln, der sich als Barriere dem raschen Vormarsch des menschlichen Fortschritts entgegenstellt oder sich widerspenstig dem Ruf des Unendlichen widersetzt. Er hat keine persönlichen Feinde, die er zu besiegen oder zu erschlagen hätte. Er sieht aber in den Gegnern Menschen, die ihm entgegengestellt worden sind durch die Umstände und den Willen in den Dingen, um durch ihre Opposition dem Gang des Schicksals zu dienen. Gegen sie hegt er keinen Zorn oder Hass. Denn Zorn und Hass sind der göttlichen Art fremd. Unmöglich für seine Ruhe, seinen Frieden, sein allumfassendes Mitfühlen und Verstehen ist das Begehren des Asura, zu zertrümmern und zu erschlagen, was sich ihm entgegenstellt, fern liegt ihm des Rakshasa grimmige Lust am Schlachten. Er hat nicht den Wunsch zu verletzen, er fühlt im Gegenteil eine allumfassende Freundlichkeit, ein Mitleiden, maitrah karuna eva ca. Dies Mitleiden ist aber das einer göttlichen Seele, die die Menschen überschaut. Es umarmt alle anderen Seelen in der eigenen Seele. Es ist nicht das Zurückschrecken von Herz, Nerven und Fleisch, jene gewöhnliche Form menschlichen Mitleids. Er legt auch dem Leben des Körpers keine höchste Bedeutung bei, sondern schaut darüber hinaus auf das Leben der Seele und misst dem Körper nur einen instrumentalen Wert bei. Er stürzt sich nicht unbesonnen in Kampf und Streit. Wenn aber auf den Wogen des Dharma ein Krieg kommt, wird er ihn mit umfassendem Gleichmut, vollkommenem Verstehen und einem Mitgefühl für jene annehmen, deren Macht und Lust an Vorherrschaft er zu zerbrechen, deren Freude an einem erfolgreichen Leben er zu zerstören hat.

Denn in allem schaut er zwei Dinge: das Göttliche, das jedem Wesen in gleicher Weise innewohnt, und die sich verändernde Manifestation, ungleich nur in ihren zeitbedingten Umständen. In Tier und Mensch, im Hund, im unreinen Kastenlosen und im gelehrten, tugendhaften Brahmin, im Heiligen und im Sünder, im gleichgültig, freundlich oder feindlich Gesinnten, in denen, die ihn lieben und in seiner Gunst stehen, und in denen, die ihn hassen und ihm Leid zufügen – in allen schaut der göttlich Wirkende sich selbst, er sieht Gott und hat im Herzen die gleiche gelassene Güte und dieselbe göttliche Zuneigung. Die Umstände mögen einen äußeren Zusammenschluss oder einen äußeren Konflikt bestimmen. Sie können aber niemals seinen gelassenen Blick, sein offenes Herz, sein inneres Umarmen aller beeinträchtigen. Und in all seinen Handlungen wird ihn das selbe Prinzip der Seele leiten, eine vollkommene Gelassenheit, und dasselbe Prinzip des Wirkens: der Wille Gottes in ihm, der ihn handeln lässt für das eine, das nottut, dass die Menschheit sich stufenweise in ihrem Fortschreiten hin zur Göttlichkeit entwickelt.

Wiederum ist das Kennzeichen des göttlich Wirkenden dasselbe wie jenes, das für das göttliche Bewusstsein selbst das Zentrale ist: eine vollkommene innere Freude und ein Friede, der hinsichtlich seiner Quelle und seiner Fortdauer von nichts in der Welt abhängt. Er ist eingeboren, der eigentliche Stoff des Bewusstseins der Seele. Das ist die wahre Natur des göttlichen Wesens. Hinsichtlich seines Glückes hängt der gewöhnliche Mensch von äußeren Dingen ab. Darum treibt ihn das Begehren. Darum hat er Arger und Leidenschaft, Lust und Schmerz, Freude und Kummer. Darum wägt er alle Dinge auf der Waage von Glück und Unglück. Nichts von alledem kann auf die göttliche Seele einwirken. Sie ist immer zufrieden, ohne von irgendetwas abhängig zu sein, nitya-trpto nirasrayah. Denn ihre Wonne, ihr göttlicher Gleichmut, ihre Freude, ihr frohes Licht sind stets im Innern, im Kern der Seele enthalten, atma-ratih, antah-sukho ’ntar-aramas tathantar-jyotir eva yah. Erlebt sie Freude an äußeren Dingen, so nicht um ihretwillen, nicht um dessentwillen, was sie in ihnen sucht, aber entbehren kann. Vielmehr freut sich die Seele um des Selbstes in ihnen willen; weil sie das Göttliche ausdrücken; weil sie in ihnen das findet, was ewig in ihnen ist und was sie nicht entbehren kann. Sie haftet nicht an den äußeren Einwirkungen der Dinge. Vielmehr findet sie überall dieselbe Freude, die sie in sich selbst findet, weil ihr eigenes auch deren Selbst ist; weil sie zu einem einzigen Selbst mit dem Selbst aller Wesen geworden ist; weil sie geeint ist mit dem einen Brahman, das in gleicher Welse in ihnen ist durch all ihre Unterschiede hindurch, brahmayoga-yuktatma, sarvabhutatma-bhutatma. Die Seele jubelt nicht, wenn Erfreuliches sie anrührt, und sie fühlt keine Qualen bei der Berührung durch unerfreuliche Dinge. Weder die Wunden, die ihr die Dinge zufügen, noch die Wunden der Freunde, noch die Wunden von Feinden können die Festigkeit ihres nach außen blickenden Mentals erschüttern oder ihr Herz verwirren, das sie empfängt. Diese Seele ist in ihrem Wesen, wie die Upanishad es ausdrückt, avranam, ohne Wunde oder Narbe. In allen Dingen erlebt sie dasselbe unzerstörbare Ananda, sukham aksayam asnute.

Dieser Gleichmut, diese Apersonalität, dieser Friede, diese Freude und Freiheit hängen nicht ab von einem so äußeren Umstand wie dem des Verrichtens oder Nichtverrichtens von Werken. Die Gita betont wiederholt den Unterschied zwischen der inneren und der äußeren Entsagung, tyaga und sannyasa. Letztere, sagt sie, ist wertlos ohne die erste. Ja, es ist kaum möglich, sie zu erlangen ohne die erste, und sannyasa ist unnötig, wenn die innere Freiheit besteht. In der Tat ist tyaga selbst das wirkliche und ausreichende sannyasa. „Vom Menschen soll man wissen, dass er immer der Sannyasin ist, der weder hasst noch begehrt. Frei von Gegensätzlichkeiten wird er glücklich und leicht von jeder Gebundenheit befreit.“ Die schmerzhafte Disziplin des äußeren Sannyasa, duhkham aptum, ist ein unnötiges Unternehmen. Es ist vollkommen wahr, dass alles Handeln ebenso wie der Erfolg des Handelns hingegeben werden müssen, dass man ihnen entsagt. Das muss aber im Innern, nicht äußerlich geschehen. Sie dürfen nicht an die Trägheit der Natur hingegeben werden, sondern sind als Opfer dem Herrn darzubringen, hinein in die Ruhe und Freude des Apersonalen, aus dem alles Handeln hervorgeht, ohne dass dadurch unser Friede gestört würde. Das wahre Sannyasa des Handelns besteht darin, dass wir das Fundament aller Werke im Brahman legen. „Wer alles Haften an seinem Wirken aufgegeben hat und so handelt, dass er seine Werke auf Brahman legt oder in Brahman gründet, brahmanyadhaya karmani, wird ebensowenig von Sünde befleckt, wie ein Wassertropfen an einem Lotusblatt haftet.“ Darum „verrichten die Yogins um ihrer Selbst-Reinigung willen, sangam tyaktvatmasuddhaye, die Werke mit dem Körper, mit dem Mental, dem Verstehen, oder sogar nur mit den Organen des Handelns, indem sie jede Bindung daran aufgeben. Indem die Seele in Vereinigung mit Brahman ihre Bindung an die Früchte des Handelns aufgibt, findet sie den Frieden, entzückt gegründet in Brahman. Aber die Seele, die nicht mit Brahman geeint ist, haftet am Ergebnis ihres Wirkens und ist an die Aktivität des Begehrens gebunden“. Hat die verkörperte Seele einmal dieses Fundament, die Reinheit, den Frieden erlangt, übt sie völlige Kontrolle über ihre Natur aus, hat sie allen Handlungen durch das Mental innerlich, nicht äußerlich, entsagt, „dann sitzt sie in ihrer neuntorigen Stadt und tut nichts, noch verursacht sie, dass etwas getan wird“. Denn diese Seele ist die eine apersonale Seele in allen, sie ist der alles durchdringende Herr, prabhu, vibhu, der, als der Apersonale, weder die Werke der Welt erschafft noch jene Vorstellung des Mentals, es sei der Täter, na kartrtvam na karmani; und auch nicht die Handlungen mit ihren Ergebnissen verknüpft, und so die Kette von Ursache und Wirkung bildet. All das wird von der Natur im Menschen bewirkt, svabhava, durch sein Prinzip des Selbst-Werdens (das ist die wörtliche Bedeutung des Ausdrucks). Das alles durchdringende Apersonale akzeptiert weder jemandes Sünde noch Tugend. Das sind Dinge, die von der Unwissenheit im Geschöpf erschaffen werden, durch seinen Egoismus, als sei er der Täter, durch seine Unkenntnis von seinem höchsten Selbst, durch seine Verwicklung in die Vorgänge der Natur. Wenn dann die Selbsterkenntnis in ihm befreit ist von dieser finsteren Umhüllung, erhellt diese Erkenntnis wie eine Sonne das wirkliche Selbst in seinem Innern. Dann erkennt er sich selbst als die Seele, erhaben über den Instrumenten der Natur. Er ist rein, unendlich, unverletzlich, unveränderlich, nicht mehr durch irgendetwas beeinträchtigt. Er hegt nicht mehr die Vorstellung, er werde durch das Wirken der Natur gebildet. Durch vollständige Identifikation mit dem Apersonalen kann er sich freimachen von der Notwendigkeit, durch Wiedergeburt in den Gang der Natur zurückkehren zu müssen.

Dennoch hindert ihn diese Befreiung ganz und gar nicht am Handeln. Nur weiß er, dass nicht er der Handelnde ist, sondern dass es die Erscheinungsformen, die Eigenschaften der Natur sind, deren dreifache Gunas. „Der Mensch, der die Prinzipien der Dinge kennt, denkt, während sein Mental im Yoga eins ist (mit dem inaktiven Apersonalen): ich tue gar nichts. Wenn er sieht, hört, schmeckt, riecht, isst, sich bewegt, schläft, atmet, spricht, Stoffe aufnimmt und ausscheidet, seine Augen öffnet und schließt, ist er überzeugt, dass es nur die Sinne sind, die auf die Gegenstände der Sinne einwirken.“ Er selbst ist, gesichert in der unbeweglichen, unveränderlichen Seele, jenseits des Zugriffs der drei Gunas, trigunatita. Er ist weder von der Art des Sattwa, noch von der des Tamas oder des Rajas. Er schaut mit klarem unverwirrten Geist die Abwechslungen der natürlichen Weisen und Eigenschaften in seinem Handeln, ihr rhythmisches Spiel von Licht und Lust, von Aktivität und Kraft, von Ruhe und Trägheit. Diese Überlegenheit der ruhigen Seele, die ihre eigene Aktivität beobachtet, ihr aber nicht involviert ist, dies traigunatitya, ist ebenfalls ein wichtiges Kennzeichen des göttlich Wirkenden. Für sich genommen könnte diese Idee zu einer Lehre führen, die Natur sei mechanisch bestimmt, und die Seele stehe völlig erhaben darüber und sei unverantwortlich. Die Gita vermeidet aber diesen Fehlschluss eines ungenügenden Durchdenkens eindrucksvoll durch die erleuchtende übergöttliche Idee des Purushottama. Sie macht klar, dass es letztlich nicht die Natur ist, die mechanisch ihr eigenes Wirken bestimmt. Es ist der Wille des Allerhöchsten, der sie inspiriert. Er, der bereits die Armee der Dhritarashtrier erschlagen hat, er, dessen menschliches Instrument nur Arjuna ist, eine universale Seele, eine transzendente Gottheit, ist der Herr ihres Bemühens. Wenn wir unser Wirken ganz dem Apersonalen anheimstellen, haben wir ein Mittel, vom persönlichen Egoismus des Täters freizuwerden. Am Ende müssen wir alle unsere Tätigkeiten dem hohen Herrn des Alls übergeben, sarva-loka-mahesvara. Wirke, tue Meinen Willen in der Welt „mit einem Bewusstsein, das mit dem Selbst übereinstimmt, indem du alle deine Handlungen Mir anheimgibst, mayi sarvani karmani sannyasyadhyatmacetasa, befreit von persönlichen Hoffnungen, vom Begehren, vom Gedanken ,ich‘ und ,mein‘, befreit vom Fieber der Seele: Kämpfe!“ Das Göttliche motiviert, inspiriert, determiniert das gesamte Handeln. Die menschliche Seele, apersonal im Brahman, ist der reine schweigende Vermittler seiner Macht. Diese Macht führt in der Natur die göttliche Bewegung aus. Nur von solcher Art sind die Werke der befreiten Seele, muktasya karma. Denn dieser Befreite handelt in keiner Beziehung aus persönlichem Antrieb. Von solcher Art sind die Handlungen des vollendeten Karmayogins. Sie entstehen aus seinem freien Geist und verschwinden, ohne ihn zu beeinträchtigen, wie Wellen, die an der Oberfläche bewusster unveränderlicher Tiefen sich erheben und verschwinden. Gata-sangasya muktasya jnanavasthita-cetasah, yajnayacaratah karma samagram praviliyate.

Bibliographie

Zitat

  • CWSA Vol. 29, p. 285

Das große Geheimnis

  • CWM Vol. 12, pp. 475-96

Yoga und Fertigkeit in der Arbeit

  • CWSA Vol. 13, pp. 119-26

Der Göttliche Arbeiter

  • CWSA Vol. 19, pp. 177-87

Gesamtausgaben

  • CWM: Collected Works of the Mother, 2nd ed., Vols. 1-17
  • CWSA: Complete Works of Sri Aurobindo, 2012, Vols. 1-37

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