Sri Aurobindo Digital Edition
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  1. DIE MUTTER
  2. Der sonnenhelle Pfad

Kapitel 19

TUGEND, REINHEIT, FREIHEIT

Lache mit dem Herrn

Die Tugend hat ihre Zeit immer damit verbracht, auszumerzen, was immer sie am Leben für schlecht befand, und wenn alle Tugenden der verschiedenen Länder zusammengebracht worden wären, existierten sehr wenige Dinge weiter.

Die Tugend nimmt für sich in Anspruch, nach Vollkommenheit zu streben, aber Vollkommenheit ist eine Totalität. Deshalb widersprechen diese beiden Bewegungen einander. Eine Tugend, die beseitigt, reduziert, Grenzen festsetzt und eine Vollkommenheit, die alles annimmt, nichts zurückweist, sondern jedes Ding auf dessen Platz verweist, können offensichtlich nicht miteinander harmonieren.

Das Leben ernstzunehmen besteht im allgemeinen aus zwei Bewegungen: die erste besteht darin, Dingen Wichtigkeit zu verleihen, die wahrscheinlich keine haben, und die zweite will das Leben auf eine gewisse Anzahl von Eigenschaften reduzieren, die als rein und der Existenz für würdig erachtet werden. Bei einigen Menschen… wird diese Tugend dürr, trocken, grau, aggressiv und findet überall Makel, in allem, das frei, froh und glücklich ist.

Die einzige Methode, das Leben zu vervollkommnen – ich meine natürlich hier, das Leben auf Erden – ist die, aus einer Höhe herabzublicken, die es erlaubt, es als ein Ganzes zu sehen, nicht nur in seiner gegenwärtigen Gänze, sondern in seiner Gesamtheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: was es war, was es ist und was es sein wird – man muss fähig sein, alles zugleich zu erfassen. Denn das ist die einzige Möglichkeit, allem seinen Platz zuzuweisen. Nichts kann ausgeschlossen werden, nichts sollte ausgeschlossen werden, sondern jedes Ding muss an seinen Platz in einer allumfassenden Harmonie mit all dem Übrigen sein. Und dann wären alle diese Dinge, die dem puritanischen Geist so „schlecht“, so „tadelnswert“, so „unannehmbar“ erscheinen, Bewegungen der Freude und Freiheit in einem vollständig göttlichen Leben. Und dann hinderte uns nichts mehr daran, dieses wundervolle Lachen des Höchsten, der unendliche Freude daran findet, sich selbst unendlich leben zu sehen, zu kennen, zu verstehen, zu fühlen und zu erleben.

Dieses Entzücken, dieses wunderbare Lachen, das jeden Schatten, jeden Schmerz, jedes Leiden auflöst! Du musst nur tief genug in dich hineingehen, um die innere Sonne zu finden, dich von ihr durchfluten zu lassen. Und dann gibt es nur noch eine Kaskade harmonischen, lichtvollen, sonnenhellen Lachens, welches keinen Raum für irgend einen Schatten oder Schmerz mehr übrig lässt…

Und diese Sonne, diese Sonne göttlichen Lachens ist in der Mitte aller Dinge, die Wahrheit aller Dinge. Wir müssen lernen, sie zu sehen, zu fühlen, sie zu leben.

Und deshalb sollten wir die Menschen meiden, die das Leben ernst nehmen. Sie sind sehr langweilig.

Sobald die Atmosphäre gewichtig wird, kannst du sicher sein, dass irgend etwas nicht stimmt, dass ein störender Einfluss besteht, eine alte Gewohnheit versucht, sich wieder geltend zu machen, was nicht akzeptiert werden sollte. All dies Bedauern, all diese Reue, dieses Empfinden, unwert zu sein, schuldig zu sein – und dann, einen Schritt weiter, und du erlebst das Gefühl von Sünde. Oh! All das scheint mir einem anderen Zeitalter anzugehören, einem Zeitalter der Finsternis.

Doch all das, was fortbestehen will, was versucht, sich festzuhalten und auszuharren, all diese Verbote und die Gewohnheit, das Leben in zwei Teile zu zerschneiden – in kleine und große Dinge, das Heilige und das Profane.… „Was!“ sagen die Leute, die vorgeben, ein spirituelles Leben zu führen, „wie kannst du solch kleine Dinge, solche unbedeutenden Dinge zum Gegenstand spiritueller Erfahrung machen?“ Und dennoch ist dies eine Erfahrung, die immer konkreter und realer wird, selbst auf materieller Ebene: Es ist nicht so, als gäbe es „einige Dinge“, wo Gott ist und „andere Dinge“, wo er nicht ist. Der Herr ist immer da. Nichts nimmt Er ernst, alles erfreut Ihn, und Er spielt mit dir, falls du zu spielen verstehst. Du vermagst das nicht, Leute können nicht spielen. Aber wie gut Er das kann! Wie gut spielt Er! Mit allem, mit den kleinsten Dingen: du musst etwas auf den Tisch legen? Glaube nicht, du müsstest denken, arrangieren, nein, lass uns spielen: lass uns dieses hier, jenes dort hinlegen, und dieses so. Und ein anderes Mal ist es wieder anders… Welch ein Spiel und welch ein Spaß!

So sind wir also übereingekommen, dass wir versuchen werden zu lernen, mit dem Herrn lachen zu können.

Das Bedürfnis, tugendhaft zu sein

Im Grunde ist dieser Wille im Menschen nach Reinheit, nach dem Guten – welcher sich in der gewöhnlichen Mentalität als das Bedürfnis, tugendhaft zu sein, ausdrückt – das große Hindernis für wahres Selbst-Geben. Das ist der Ursprung der Falschheit und darüber hinaus die eigentliche Quelle der Heuchelei – die Weigerung, den eigenen Anteil der Bürde der Schwierigkeiten auf sich zu nehmen…

Versuche nicht, tugendhaft zu erscheinen. Erkenne, wie weit du geeint bist, eins mit allem, was anti-göttlich ist. Nimm deinen Teil der Last, akzeptiere, dass du selbst unrein und falsch bist, und auf diese Weise wirst du imstande sein, den Schatten anzunehmen und ihn darzubieten. Und so weit, wie du dazu fähig bist, werden sich die Dinge ändern.

Bemühe dich nicht darum, unter den Reinen zu sein. Akzeptiere es, bei jenen zu sein, die sich in der Dunkelheit befinden und gib es alles hin in vollständiger Liebe.

Vollständige Reinheit

Liebe Mutter, rein zu sein – was heißt das?

Rein zu sein, was heißt das? Man ist nur dann wahrhaft rein, wenn das ganze Wesen in all seinen Elementen und all seinen Bewegungen voll und ausschließlich am göttlichen Willen festhält. Das ist in der Tat totale Reinheit. Sie hängt nicht ab von irgendeinem moralischen oder sozialen Gesetz, irgendeiner mentalen Übereinkunft. Es hängt allein davon ab: wenn alle Elemente und alle Bewegungen des Wesens ausschließlich und uneingeschränkt am Göttlichen Willen festhalten.

…Sobald du von Reinheit sprichst, entsteht vor dir ein moralisches Monument, welches deinen Begriff vollständig verfälscht. Und merke: es ist unendlich viel leichter, aus sozialer Sicht moralisch zu sein als aus spiritueller. Vom sozialen Standpunkt aus moralisch zu sein, verlangt nur achtzugeben, nichts zu tun, dem andere nicht zustimmen. Das mag in gewisser Hinsicht schwierig sein, aber es ist dennoch nicht unmöglich. Und es mag einer, wie ich bereits sagte, ein Denkmal von Unaufrichtigkeit und Unreinheit sein und sich dennoch so verhalten. Währenddessen rein zu sein in spiritueller Sicht bedeutet Wachsamkeit, Bewusstsein und eine Aufrichtigkeit, die aller Prüfung standhält.

Nun möchte ich euch wachsam machen gegenüber… Leuten, die in ihrem vitalen Bewusstsein leben und sagen: „Ich stehe tatsächlich über allen moralischen Gesetzen, ich folge einem höheren Gesetz, ich bin frei von allen moralischen Gesetzen.“ Und das behaupten sie, weil sie ihrem liederlichen Lebenswandel frönen wollen. Diese Leute unterliegen einer doppelten Unreinheit: einer spirituellen und zusätzlich einer sozialen. Und diese sind für gewöhnlich sehr von sich eingenommen, und sie bestehen auf ihrem Wunsch, ihr Leben in beispielloser Schamlosigkeit zu verbringen. Aber solche Leute wollen wir nicht.

Dennoch sind die, die ich am schwierigsten zu bekehren fand, die besonders respektablen Leute. Es tut mir leid, aber mit respektablen Leuten habe ich viel mehr Mühe gehabt als mit denen, die es nicht waren, weil sie sich selbst derartig hochschätzten, dass es unmöglich war, sie zu öffnen. Aber die wahre Sache ist schwierig. Das bedeutet, man muss sehr wachsam und sehr selbstkontrolliert, sehr geduldig sein und über einen nie versagenden guten Willen verfügen. Man darf es nie versäumen, einen kleinen Anteil Demut zu entwickeln, einen ausreichenden, und man darf sich niemals mit dem Maß an Aufrichtigkeit, das man besitzt, zufriedengeben. Man muss immer mehr wollen.

Das Recht, frei zu sein

Viele Male warnt uns Sri Aurobindo in seinen Schriften, vor allem in Die Synthese des Yoga, vor den Vorstellungen jener, die glauben, sie könnten die Sadhana ohne strikte Selbstkontrolle üben und die allen Arten von Inspirationen Aufmerksamkeit schenken, welche sie in ein gefährliches Ungleichgewicht führen, wo all ihre unterdrückten, geheimen Begierden nach außen drängen unter dem Vorwand der Befreiung von gewöhnlichen Konventionen und gewöhnlicher Vernunft.

Man kann nur frei werden, indem man zu den Höhen hoch über den menschlichen Leidenschaften emporstrebt. Nur wenn man eine höhere, selbstlose Freiheit erreicht und alle Begierden und Impulse abgeworfen hat, hat man das Recht, frei zu sein. Doch sollten sich Leute, die sehr vernünftig, sehr moralisch gemäß gewöhnlicher sozialer Gesetze sind, nicht selbst für weise halten, denn ihre Weisheit ist eine Illusion und enthält keine tiefe Wahrheit.

Jemand, der das Gesetz bricht, muss über dem Gesetz stehen. Jemand, der Konventionen ignoriert, muss über Konventionen stehen. Jemand, der alle Regeln verachtet, muss über allen Regeln stehen. Und der Beweggrund dieser Befreiung sollte niemals ein persönlicher, ichbezogener sein: der Wunsch, einen Ehrgeiz zu befriedigen, seine Persönlichkeit zu erhöhen durch ein Gefühl der Überlegenheit, und aus Verachtung für andere sich selbst an die Spitze der Herde zu setzen und sie mit Herablassung zu betrachten. Sei auf der Hut, wenn du dich überlegen fühlst und ironisch auf andere herabblickst, als wolltest du sagen: „Aus diesem Stoff bin ich nicht mehr gemacht!“ Das ist der Augenblick, in dem du vom Pfade abweichst und in Gefahr bist, in einen Abgrund zu stürzen.

Freiheit: kein Befriedigen

Sollte sich irgend einer vorstellen, er könne zur anderen Seite hinübergehen, ohne durch dieses Stadium [moralischer Vollkommenheit] hindurchzugehen, würde er Gefahr laufen, einen großen Fehler zu begehen und vollkommene Freiheit mit vollkommener Schwäche hinsichtlich seiner niederen Natur verwechseln.

Es ist fast unmöglich, sich vom mentalen – das gilt selbst für das vollkommenste und bemerkenswerteste Wesen – zu einem wahren spirituellen Leben zu entwickeln, ohne für einen gewissen Zeitraum, wie kurz er auch immer sein mag, dieses Ideal moralischer Vollkommenheit verwirklicht zu haben. Viele Menschen versuchen, eine Abkürzung zu benutzen und wollen ihre innere Freiheit geltend machen, bevor sie all die Schwächen der äußeren Natur überwunden haben. Sie sind in großer Gefahr, sich selbst etwas vorzumachen. Das wahre spirituelle Leben, vollkommene Freiheit, ist etwas viel Höheres als die höchsten moralischen Verwirklichungen, aber man muss achtgeben, dass diese sogenannte Freiheit nicht Nachsicht [gegenüber sich selbst] und ein Verachten aller Regeln ist.

Man muss höher gehen, immer höher, höher. Um nichts weniger, als was die Höchsten der Menschheit erreicht haben.

Man muss fähig sein, spontan all das zu werden, von dem die Menschheit sich vorstellt, es wäre das Höchste, Schönste, Vollkommenste, Selbstloseste, Umfassendste, Beste, bevor man seine spirituellen Schwingen öffnet und auf all das von oben herabblickt als etwas, das immer noch zum individuellen Selbst gehört, um dann in eine wahre Spiritualität einzugehen, welche keine Grenzen kennt, welche in integraler Weise Unendlichkeit und Ewigkeit lebt.

Freiheit und Askese

Frei zu sein von aller Bindung bedeutet nicht, vor jeglicher Gelegenheit zur Bindung davonzulaufen. All diese Leute, die auf ihrer Askese bestehen, rennen nicht nur davon, sondern warnen andere, es nicht zu versuchen!

Das scheint mir so offenkundig. Wenn du es nötig hast, vor einer Sache zu fliehen, um sie nicht zu erfahren, heißt das, du stehst nicht über ihr, du befindest dich noch auf derselben Ebene.

Alles, was unterdrückt, schwächt oder schmälert, kann keine Freiheit bringen. Freiheit muss in der Ganzheit des Lebens und in allen Empfindungen erfahren werden.

Tatsächlich habe ich mich ausgiebig mit diesem Thema befasst, auf der rein physischen Ebene… Um jenseits jeglichen möglichen Irrtums zu gelangen, neigen wir dazu, jede Gelegenheit zum Irren auszuschließen. Du hörst zum Beispiel zu sprechen auf, wenn du keine nutzlosen Worte sprechen willst. Menschen, die ein Schweigegelübde ablegen, halten dies für Kontrolle des Sprechens – das ist nicht wahr! Es heißt nur, die Gelegenheit zum Sprechen und daher nutzlose Dinge zu sagen auszuschalten. Das gilt auch für die Nahrungsaufnahme: nur das essen, was notwendig ist.… Aber die natürliche Neigung ist zu fasten – es ist ein Fehler!

Aus Angst, in unserem Handeln Fehler zu begehen, hören wir auf, überhaupt irgend etwas zu tun. Aus Angst in unseren Reden zu irren, hören wir auf zu sprechen. Aus Angst zu essen um der Freude des Essens willen, essen wir gar nicht – das ist keine Freiheit, es heißt einfach, die Manifestation auf ein Minimum zu reduzieren. Die natürliche Folge ist das Nirwana. Doch wenn der Herr nur das Nirwana wollte, existierte nur das Nirwana! Es ist offenkundig, dass Er sich die Koexistenz aller Gegensätze vorstellt und dass dies für Ihn der Beginn einer Totalität sein muss. Wenn man fühlt, man sei dazu bestimmt, kann man offensichtlich nur eine seiner Manifestationen wählen, das heißt die Abwesenheit von Manifestation. Aber es ist dennoch eine Beschränkung. Und es ist nicht der einzige Weg, Ihn zu finden, weit gefehlt!

Es ist eine sehr verbreitete Neigung, welche wahrscheinlich von einer Anregung aus dem Altertum herrührt oder von einem Mangel oder einer Unfähigkeit – reduzieren, reduzieren, die eigenen Bedürfnisse reduzieren, die Aktivitäten, die Worte, die Nahrung, das tätige Leben – und all das wird so eng. In seinem Bestreben, keinen Fehler mehr zu begehen, meidet man jede Gelegenheit, in der das geschehen kann. Es ist keine Heilung.

Aber der andere Weg ist sehr, sehr viel schwieriger.

(Schweigen)

Nein, die Lösung ist, nur unter göttlichem Impuls zu handeln, nur unter göttlichem Impuls zu sprechen, nur unter göttlichem Impuls zu essen. Das ist die Schwierigkeit, denn natürlich verwechselst du unmittelbar den göttlichen Impuls mit deinen persönlichen Regungen.

Ich nehme an, dies war die Vorstellung all der Verfechter des Verzichts: alles von außen oder von unten Kommende zu eliminieren, so dass man, falls sich etwas von oben manifestieren sollte, in der Verfassung wäre, es zu empfangen. Aber kollektiv gesehen, könnte dieser Prozess Tausende von Jahren dauern. Aus individueller Sicht ist es möglich. Doch dann muss man die Sehnsucht nach dem wahren Impuls intakt halten – nicht die nach „vollständiger Befreiung“, sondern die nach aktiver Identifikation mit dem Höchsten, das heißt nur zu wollen, was Er will, nur zu tun, was Er möchte: zu existieren durch und in Ihm allein. Man kann es mit der Methode des Verzichts versuchen, sie ist jedoch für jemanden, der sich selbst von anderen abtrennen will. Kann es aber in diesem Fall irgendeine Ganzheit geben? Das scheint mir unmöglich.

Öffentlich kundzutun, was man tun möchte, ist eine beträchtliche Hilfe. Es mag Widerspruch, Hohn, Konflikte herausfordern, aber das wird weitgehend ausgeglichen durch die öffentliche „Erwartung“, sozusagen dadurch, was andere Leute von dir erwarten. Das war sicherlich der Grund für jene Roben (die ockerfarbigen Roben der Sannyasins): die Menschen wissen zu lassen. Natürlich, das kann dir die Verachtung, den schlechten Willen einiger Menschen einbringen, aber dann gibt es all jene, die fühlen, sie dürften nicht eingreifen oder sich nicht einmischen, dass es nicht ihre Angelegenheit ist.

Ich weiß nicht warum, aber mir schien es immer wie ein Sich-Brüsten – es mag nicht so sein und in einigen Fällen ist es nicht so, aber dennoch ist es eine Art, den Leuten zu sagen: „Schau, so bin ich.“ Und, wie ich sagte, das hilft vielleicht, aber es hat seine Schattenseiten. Es ist ein weiteres kindisches Verhalten. All diese Dinge sind Mittel, Stufen, Schritte, aber… wahre Freiheit heißt frei sein von allem – auch von allen Hilfsmitteln.

(Schweigen)

Es ist eine Einschränkung, Einengung, während die wahre Sache ein Sich-Öffnen, Weiten, ein Identifizieren mit dem Ganzen bedeutet.

Wenn du reduzierst, reduzierst, dich selbst reduzierst, dann erlebst du nicht das Gefühl, dich selbst zu verlieren, es nimmt dir die Angst davor, dich zu verlieren – du wirst etwas Festes und Kompaktes. Aber wenn du die Methode des Sich-Weitens wählst – das größtmögliche Weiten – darfst du keine Angst davor haben, dich selbst zu verlieren.

Es ist sehr viel schwieriger.

Freiheit und Dienen

Äußerlich kann man sich nicht vorstellen, wie man sich gleichzeitig in Freiheit und Knechtschaft befinden kann, aber es gibt eine Haltung, die beides miteinander versöhnt und sie zu einem der glücklichsten Zustände materieller Existenz erhebt.

Freiheit ist eine Art instinktives Bedürfnis, eine Notwendigkeit für die integrale Entwicklung des Wesens. Ihrer Natur nach ist sie eine vollkommene Verwirklichung des höchsten Bewusstseins, sie ist der Ausdruck von Einheit und Einung mit dem Göttlichen, sie ist der wirkliche Sinn des Ursprungs und der Vollendung. Aber weil diese Einheit sich in den Vielen offenbart – in der Mannigfaltigkeit – muss etwas als Verbindungsglied zwischen dem Ursprung und der Manifestation dienen, und das vollendetste Glied, das man sich denken kann, ist Liebe. Und was ist die höchste Ausdrucksform der Liebe? Sich selbst zu geben, zu dienen. Welches ist ihre spontane, unmittelbare, unvermeidliche Bewegung? Zu dienen. In freudiger, vollständiger, allumfassender Hingabe zu dienen.

So ergänzen sich, weit davon entfernt, widersprüchlich zu sein, diese beiden Dinge – Freiheit und Dienen – in ihrer Reinheit und in ihrer Wahrheit. In vollkommener Einheit mit der höchsten Realität findet sich vollkommene Freiheit, denn alle Unwissenheit, alle Unbewusstheit ist eine Fessel, die dich untüchtig, machtlos macht, dich einschränkt. Die geringste Unwissenheit in uns ist eine Beschränkung, man ist nicht länger frei. Solange ein Element von Unbewusstheit im Wesen existiert, besteht eine Begrenzung, eine Knechtschaft. Nur in vollkommener Einheit mit der Höchsten Wirklichkeit kann vollkommene Freiheit bestehen. Und wie soll diese Einheit erreicht werden, wenn nicht durch spontane Selbsthingabe: das Geschenk der Liebe. Und wie ich sagte, der höchste Ausdruck von Freiheit, die höchste Geste der Liebe ist das Dienen.

…Es ist tatsächlich Liebe, welche zur Einheit führt, und Einheit ist der wahre Ausdruck von Freiheit. Und deshalb wenden sich jene, die im Namen des Rechtes auf Freiheit Unabhängigkeit fordern, vollständig von dieser wahren Freiheit ab, denn sie verleugnen die Liebe.

Freiheit und Hingabe

Das ist wirklich bemerkenswert: dass man vollkommen frei ist, wenn man dem Göttlichen vollkommen hingegeben ist, und dies ist die absolute Bedingung für Freiheit, allein dem Göttlichen zu gehören. Du bist frei von der ganzen Welt, weil du nur Ihm gehörst. Und diese Hingabe ist die höchste Befreiung, du bist auch von deinem kleinen persönlichen Ego frei, und von allen Dingen ist das das Schwierigste – und auch das Beglückendste, die einzige Sache, die dir beständigen Frieden, ununterbrochene Freude zu schenken vermag und das Gefühl einer unendlichen Freiheit von allem, das dich herabsetzt, verkümmert, verarmt; und von allem, das in dir die geringsten Sorgen, die geringste Angst zu verursachen imstande ist. Du bist vor nichts mehr bange, du fürchtest nichts mehr, du bist der höchste Meister deines Schicksals, denn es ist das Göttliche, dessen Wille in dir wirkt und dich führt. Doch geschieht das nicht über Nacht: ein wenig Zeit und ein großes Ausmaß an Leidenschaft des Willens, keine Anstrengung zu scheuen und das Herz nicht sinken zu lassen, wenn sich kein Erfolg einstellt, zu wissen, dass der Sieg gewiss ist und dass man ausharren muss, bis er eintritt. So ist das.

Kapitel 20

BEMÜHUNG, GEDULD, FORTSCHRITT

Gehe weiter

Immer nimmt der Mensch eine unbegrenzte Last auf seine Schultern. Er möchte nichts von seiner Vergangenheit fallen lassen, und unter dem Gewicht des nutzlos Angehäuften wird er mehr und mehr niedergedrückt.

Du hast einen Führer für einen Teil des Weges, aber wenn du ihn gegangen bist, verlasse die Straße und den Führer und gehe weiter! Das ist etwas, was Menschen schwierig finden. Wenn sie etwas, das ihnen hilft, zu fassen bekommen haben, klammern sie sich daran, sie wollen sich nicht mehr bewegen. Diejenigen, die mit Hilfe des Christentums Fortschritte gemacht haben, wollen es nicht aufgeben, und sie tragen es auf ihren Schultern. Diejenigen, die mit Hilfe des Buddhismus vorangekommen sind, wollen ihn nicht lassen, und sie tragen ihn auf ihren Schultern. Das hemmt den Fortschritt, und du wirst endlos aufgehalten.

Sobald du eine Stufe überschritten hast, lass los, lass es fallen. Gehe weiter!

Befreie dich von allen Fesseln

Wenn es dein Ziel ist, frei zu sein in der Freiheit des Spirits, musst du dich von allen Fesseln losmachen, die nicht die innere Wahrheit deines Wesens sind, sondern von unbewussten Gewohnheiten stammen. Wenn du es wünschst, dich selbst vollkommen, unumschränkt und ausschließlich dem Göttlichen zu weihen, musst du das in aller Vollständigkeit vollziehen. Du darfst nicht Teile deiner selbst hier und dort gebunden sein lassen…

Wenn du zum Yoga kommst, musst du bereit sein, all deine mentalen Gebäude und vitalen Gerüste zu Bruch gehen zu lassen. Du musst darauf eingerichtet sein, in der Luft zu hängen mit nichts anderem zu deiner Unterstützung als deinem Glauben. Du wirst dein vergangenes Selbst und seine Verhaftungen ganz und gar vergessen, es aus deinem Bewusstsein herausreißen und neu geboren werden müssen, frei von jeder Art von Knechtschaft. Denk nicht daran, was du warst, sondern wonach es dich sehnt zu sein. Sei ganz und gar in dem, was du werden möchtest. Wende dich von deiner toten Vergangenheit ab und schaue geradewegs in die Zukunft. Deine Religion, dein Land, deine Familie liegen dort; es ist das GÖTTLICHE.

Mentale Strukturen und Fortschritt

Ich glaube ganz und gar nicht an Grenzen, die nicht überschritten werden können.

Ich erkenne jedoch die mentalen Strukturen der Menschen sehr deutlich und eine Art Faulheit angesichts der notwendigen Bemühung. Und diese Faulheit und diese Beschränkungen sind wie Krankheiten. Doch sind es heilbare Krankheiten… Wenn du ein normaler Mensch bist, nun, vorausgesetzt, du nimmst die Mühe auf dich und weißt über die Methode Bescheid, ist deine Fähigkeit zum wachsen beinahe unbegrenzt.

Es gibt die Idee, dass jeder einem bestimmten Typ angehört, dass zum Beispiel die Pinie niemals eine Eiche wird und die Palme niemals Weizen. Das ist offenkundig. Es ist aber etwas anderes: es bedeutet, die Wahrheit deines Wesens ist nicht die deines Nachbarn. Doch in der Wahrheit deines Wesens, entsprechend deiner eigenen Gestaltung, sind deinem Fortschritt fast keine Schranken gesetzt. Er ist begrenzt nur durch deine Überzeugung, dass er begrenzt sei und durch deine Unkenntnis des wahren Vorgangs, sonst…

Es gibt nichts, das man nicht zu leisten imstande wäre, vorausgesetzt, man weiß, wie.

Vorgefasste Vorstellungen

Das Beste, was man tun kann, ist, nicht Partei zu ergreifen, keine vorgefassten Vorstellungen oder Prinzipien zu pflegen – oh! Die moralischen Prinzipien, die festen Regeln für das Benehmen, was man tun muss und nicht tun darf, und die Vorurteile aus moralischer Sicht und der des Fortschritts und all die sozialen und mentalen Konventionen… kein schlimmeres Hindernis als das. Es gibt Leute, ich kenne Leute, die Jahrzehnte verloren haben beim Überwinden einer solchen mentalen Konstruktion!… Wenn man einfach offen sein könnte, so – wirklich in Einfachheit offen, nun, diese Einfachheit, die weiß, dass sie unwissend ist – so (Geste, nach oben gerichtet, der Selbstaufgabe), bereit, was auch immer zu empfangen. Dann kann etwas geschehen.

Und natürlich, die Sehnsucht nach Fortschritt, die Sehnsucht nach Wissen, die Sehnsucht nach Umwandlung und vor allem, die Sehnsucht nach Liebe und Wahrheit – wenn man das bewahrt, dann geht es schneller. Wahrlich, ein Verlangen, ein Bedürfnis, ein Bedürfnis.

Das Übrige besitzt keine Bedeutung. Das ist es, dessen man bedarf.

Die Freude am Fortschritt

Es ist der Wille zum Fortschritt und zur Selbstläuterung, welcher das [psychische] Feuer entfacht. Der Wille zum Fortschritt. Diejenigen, die über einen starken Willen verfügen, entzünden, wenn sie ihn dem spirituellen Fortschritt und der Läuterung zuwenden, automatisch das Feuer in sich selbst.

Und jeder Fehler, den man beseitigen oder jeder Fortschritt, den man erreichen will – wenn all das ins Feuer geworfen wird, entbrennt es mit neuer Heftigkeit. Und das ist kein Bild, es ist eine Tatsache im Feinstofflichen. Man kann die Wärme der Flamme spüren, man kann im Feinstofflichen ihr Licht erkennen. Und wenn es etwas in der Natur gibt, was uns am Vorwärtsschreiten hindert und man es in dieses Feuer wirft, beginnt es zu lodern, und die Flamme wird stärker…

Wie kann man Süße und Freude fühlen, wenn man sich in Schwierigkeiten befindet?

Wenn die Schwierigkeit egoistisch oder persönlich ist, wenn man daraus eine Gabe macht und sie in das Feuer der Läuterung wirft, empfindet man unmittelbar die Freude des Fortschritts. Tut man das aufrichtig, gibt es sofort ein Aufwallen von Freude.

Das ist offenkundig das, was getan werden sollte anstelle von Verzweifeln und Klagen. Bringt man es dar und strebt aufrichtig nach Umwandlung und Läuterung, spürt man augenblicklich eine Freude, die aus den Tiefen des Herzens aufspringt. Selbst wenn die Schwierigkeit ein großer Kummer ist, kann man dies mit viel Erfolg vollziehen. Man erkennt, dass hinter diesem Schmerz, ganz gleich wie heftig er sein mag, eine göttliche Freude lebt.

Strebe ohne Ungeduld

Strebe intensiv, aber ohne Ungeduld… Der Unterschied zwischen Intensität und Ungeduld ist sehr fein – es ist ein Unterschied der Schwingung. Sie ist subtil, aber darin liegt der ganze Unterschied.

Intensiv, aber ohne Ungeduld. Das ist es. Man muss in dieser Verfassung sein.

Und für eine sehr lange Zeit, eine sehr lange Zeit, muss man mit inneren Resultaten zufrieden sein, das heißt Resultaten in seinen persönlichen und individuellen Reaktionen, seiner inneren Beziehung zur übrigen Welt – man darf nicht erwarten oder vorzeitig wollen, dass sich Dinge erfüllen. Denn unsere Hast verzögert die Dinge gewöhnlich.

Wenn es so ist, dann ist es so.

Wir, ich meine die Menschen, führen ein aufreibendes Leben. Es ist eine Art Halbbewusstheit von der Kürze ihres Lebens. Sie denken nicht daran, aber sie fühlen es halbbewusst. Und deshalb wollen sie immer – schnell, schnell. schnell – von einer Sache zur anderen eilen, eine Angelegenheit schnell erledigen und die nächste angehen, anstatt jedes Ding in seiner eigenen Ewigkeit leben zu lassen. Sie wollen immer: vorwärts, vorwärts, vorwärts… Und die Arbeit ist verdorben.

Lebe in der Ewigkeit

Im menschlichen Bewusstsein ist alles sehr langsam. Wenn wir die Zeit, die notwendig ist, etwas zu verwirklichen, vergleichen mit der durchschnittlichen Lebensspanne eines Menschen, scheint es endlos. Aber glücklicherweise kommt eine Zeit, in der man dieser Auffassung entrinnt, in der man nicht länger entsprechend menschlicher Maßstäbe empfindet. Sobald man wahrhaft mit dem Psychischen in Kontakt ist, verliert man diese Art Enge und auch Qual, diese Qual, die so schrecklich ist: „Ich muss schnell, ich muss schnell sein, es ist nicht viel Zeit, ich muss mich beeilen, es ist nicht viel Zeit.“ Man erledigt Dinge sehr schlecht oder überhaupt nicht mehr. Aber sobald eine Berührung mit dem Psychischen besteht, verschwindet das tatsächlich. Man beginnt, ein wenig weiter und ruhiger und friedvoller zu sein und in der Ewigkeit zu leben.

Zeit: Freund oder Feind?

Wie ist die Zeit ein Freund?

Das hängt davon ab, wie du sie betrachtest. Alles hängt von der Beziehung ab, die du zu ihr hast. Nimmst du sie als einen Freund, so wird sie einer. Siehst du sie als einen Feind an, so wird sie dein Feind.

Aber das ist es nicht, was du fragst. Wonach du fragst ist, wie man fühlt, wann sie ein Freund und wann sie ein Feind ist. Nun, wenn du ungeduldig wirst und dir selbst sagst: „Oh, ich muss es schaffen, dies zu tun, und warum gelingt es mir nicht?“ und du nicht augenblicklich Erfolg hast und in Verzweiflung gerätst, dann ist sie dein Feind. Aber wenn du dir sagst: „Es ist in Ordnung, dieses Mal hat es nicht geklappt, aber nächstes Mal wird es gelingen, und ich bin sicher, irgend wann wird es mir glücken“, dann wird sie dein Freund.

Die Bemühung um Fortschritt

Liebe Mutter, wenn wir eine Anstrengung machen, um es besser zu machen, aber keinen Fortschritt sehen, fühlen wir uns entmutigt. Was können wir am besten tun?

Nicht entmutigt sein! Verzagtheit führt zu nichts. Zunächst einmal ist es das Wichtigste, dass du dir sagst, dass es dir fast vollkommen unmöglich ist zu wissen, ob du einen Fortschritt machst oder nicht, denn sehr oft ist das, was uns als ein Zustand der Stagnation erscheint, eine lange – manchmal lange, aber in jedem Fall nicht endlose – Vorbereitung für einen Sprung nach vorne. Manchmal scheinen wir für Wochen oder Monate auf der Stelle zu treten, und dann taucht plötzlich etwas, das sich vorbereitete, an der Oberfläche auf, und wir erkennen, es gibt eine ganz beachtliche Veränderung und an mehreren Punkten gleichzeitig.

Wie mit allem im Yoga muss die Bemühung um Fortschritt um ihrer selbst willen geleistet werden. Die Freude am Fortschritt, die Sehnsucht danach, müssen in sich selbst genug sein, ganz unabhängig vom Ergebnis. Alles im Yoga muss der Freude am Tun wegen getan werden, und nicht wegen des Resultates, das man erzielen möchte… Tatsächlich gehören im Leben immer in allen Dingen die Resultate nicht uns. Und wenn wir die rechte Haltung wahren wollen, müssen wir spontan handeln, fühlen, denken, streben, denn das ist es, was wir tun müssen und nicht im Hinblick auf den zu erreichenden Erfolg.

Sobald wir an das Resultat denken, beginnen wir zu feilschen, und das nimmt der Bemühung alle Aufrichtigkeit. Du bemühst dich um Fortschritt, weil du in dir das Bedürfnis verspürst, das zwingende Bedürfnis nach Bemühung und Fortschritt. Und diese Bemühung ist das Geschenk, das du dem göttlichen Bewusstsein in dir darbringst, dem göttlichen Bewusstsein im Universum, es ist deine Art, deine Dankbarkeit auszudrücken, dich selbst darzubringen. Und ob das in einem Fortschritt gipfelt oder nicht, ist von keiner Bedeutung. Du wirst fortschreiten, wenn beschlossen ist, dass die Zeit dazu gekommen ist und nicht, wenn du danach verlangst.

Horizontaler und vertikaler Fortschritt

Es gibt ein horizontales Vorwärtskommen zwischen abrupten Aufstiegen. Es ist der Augenblick des abrupten Aufstieges, welcher dir den Eindruck einer Art Offenbarung vermittelt, einer großen inneren Freude. Aber sobald du diese Stufe erklommen hast, müsstest du sie wieder heruntersteigen, falls du sie noch einmal erreichen wolltest. Auf dieser Ebene musst du fortfahren, dich zu rüsten, um die nächste, höhere Stufe zu ersteigen. Diese Dinge, die dir plötzlich eine große Freude verschaffen, sind immer Aufstiege. Aber sie sind immer vorbereitet durch eine langsame Arbeit horizontalen Fortschritts, das heißt man muss immer bewusster werden, sich als der, der man ist, immer vollkommener begründen und daraus all die inneren psychologischen und auch handlungsbezogenen Konsequenzen ziehen. Es ist ein langwährendes Nutzbarmachen eines abrupten Aufstieges, und, wie ich sagte, es gibt zwei Arten von Fortschritt. Aber der horizontale ist unverzichtbar.

Du darfst nicht aufhören, du darfst dich nicht auf diese Weise an den vertikalen Fortschritt klammern und dich nicht mehr bewegen wollen, weil er dir eine Offenbarung geschenkt hat. Du musst ihn hinter dir lassen können, um dich für einen weiteren vorzubereiten.

Wahrer Fortschritt

Wir sind auf der Erde. Der Zeitraum, den wir hier verleben, ist der, in welchem wir einen Fortschritt vollbringen können. Außerhalb des irdischen Lebens vollzieht sich kein Fortschritt. Die irdische, materielle Existenz ist im wesentlichen das Leben des Fortschritts, hier wird er geleistet. Außerhalb ruht man sich aus, oder ist unbewusst oder man kann Phasen der Assimilation, der Rast oder des Unbewusstseins durchlaufen. Aber was die Perioden des Fortschritts betrifft, sie finden auf Erden und im Körper statt. Wenn du also einen Körper annimmst, dann deshalb, um einen Fortschritt zu machen und wenn du ihn verlässt, ist dieser Abschnitt des Fortschreitens vorüber.

Und wahrer Fortschritt ist Sadhana; das heißt es ist der am stärksten bewusste und rascheste Fortschritt. Im anderen Fall schreitet man voran im Rhythmus der Natur, was bedeutet, es kann Jahrhunderte und Jahrhunderte und Jahrhunderte und Jahrtausende dauern, um nur das kleinste Stück fortzuschreiten. Doch wahrer Fortschritt findet durch die Sadhana statt. Im Yoga kann man in kurzer Zeit leisten, was sonst eine Endlosigkeit in Anspruch nimmt. Das vollzieht sich jedoch immer im Körper und immer auf der Erde, nirgendwo anders. Das ist der Grund, weshalb man aus seinem körperlichen Dasein Nutzen ziehen muss und seine Zeit nicht verschwenden, nicht sagen darf: „Ein wenig später, ein wenig später.“ Es ist besser, es sofort zu tun. All die Jahre, die du ohne Fortschritt lebst, sind verschwendet, was du mit Sicherheit später bedauerst.

Du musst dich entscheiden

Du musst dich entscheiden. Es gibt nicht „diese Kraft“, die für dich die Wahl trifft, oder Zufall oder Glück oder Schicksal – das ist nicht wahr. Dein Wille ist frei, er ist mit Vorsatz freigelassen, und du musst dich entscheiden. Du selbst entschließt dich dazu, entweder das Licht zu suchen, oder es nicht zu tun, der Diener der Wahrheit zu sein oder nicht – du selbst. Oder ob du eine Aspiration empfindest oder nicht, du bist es, der die Entscheidung fällt. Und selbst wenn man dir sagt: „Mache deine Hingabe vollständig, und das Werk wird für dich getan“, dann ist das schon in Ordnung, aber um deine Hingabe vollständig zu machen, musst du dich jeden Tag und in jedem Augenblick dazu entscheiden, sonst wirst du es nicht tun, es wird sich nicht von selbst erledigen. Du bist es, der es wollen muss. Geschieht das, läuft alles gut, auch wenn du das Wissen hast, läuft alles gut, und bist du mit dem Göttlichen identifiziert, läuft alles sogar besser, aber bis dahin musst du es wollen, wählen und entscheiden. Lege dich nicht faul mit den Worten schlafen: „Oh, die Arbeit wird für mich getan werden, ich habe nichts anderes zu tun, als mich mit dem Strom dahintreiben zu lassen.“ Außerdem ist es nicht wahr, die Arbeit erledigt sich nicht von selbst, denn wenn die geringste Kleinigkeit die Absichten deines kleinen Willens durchkreuzt, sagt er: „Nein, das nicht!“.… Und dann?

Nichts ist getan, bis alles getan ist

In der alten chaldäischen Tradition gab man den jungen Novizen bei ihrer Einkleidung in die weiße Robe oft ein Bild. Man sagte ihnen: „Versuche nicht, die Flecken einen nach dem anderen zu entfernen, das ganze Gewand muss gereinigt werden.“ Versuche nicht, Fehler um Fehler zu korrigieren, Schwäche um Schwäche zu überwinden, das bringt dich nicht weit. Das gesamte Bewusstsein muss sich wandeln, eine Bewusstseinswende muss sich vollziehen, ein Emporheben aus dem Zustand, in dem man sich befindet, in Richtung auf einen höheren, von welchem aus man alle Schwächen, die man heilen möchte, meistert, und von dem aus man eine volle Schau über das zu vollendende Werk besitzt.

Ich glaube, es war Sri Aurobindo, der Folgendes sagte: Die Dinge liegen so, dass man behaupten kann, nichts ist getan, bis alles getan ist. Ein Schritt voran ist nicht genug, eine vollständige Umwandlung ist notwendig.

Wie oft habe ich Menschen, die sich bemühten, sagen hören: „Ich strenge mich an, aber welchen Nutzen hat das? Jedes Mal, wenn ich glaube, etwas erreicht zu haben, entdecke ich, dass ich wieder ganz von vorne anfangen muss.“ Das geschieht, weil sie versuchen vorwärtszukommen, während sie stillstehen, sie bemühen sich um Fortschritt, ohne ihr Bewusstsein zu verändern. Die gesamte Betrachtungsweise muss umgestellt werden, das ganze Bewusstsein muss aus den alten Geleisen heraus, in welchen es festgefahren ist, um aufzusteigen und die Dinge von oben zu schauen. Nur auf diese Weise werden sich Siege nicht in Niederlagen verwandeln.

„Andere tun es nicht“

Was mich davon abhält, mich dem (göttlichen) Einfluss zu öffnen, ist diese Einflüsterung: „Wozu Eile, warum so bald, da die anderen es nicht tun?“

Das ist eine erschreckende Plattheit!

Und selbst wenn du das alleinige und einzige Wesen in der ganzen Schöpfung sein müsstest, das sich selbst vollständig in aller Reinheit dem Göttlichen darbrächte, und wenn du der einzige wärst, natürlich von jedem absolut missverstanden, verspottet, lächerlich gemacht, gehasst, selbst wenn dir das geschähe, gäbe es keinen Grund, es nicht zu tun. Man muss entweder ein Scheinkünstler oder ein Dummkopf sein. Weil andere es nicht tun? Was macht es aus, ob sie es tun oder nicht? „Nun gut, die ganze Welt mag den falschen Pfad beschreiten, mich interessiert das nicht. Es gibt nur eine Sache, mit der ich befasst bin, den rechten Weg zu gehen. Was andere tun, wie könnte mich das betreffen? Es ist ihre Angelegenheit, nicht meine.“

Das ist die schlimmste aller Sklavereien!

Dein bester Freund

Dein bester Freund ist nicht derjenige, der dich darin bestärkt, auf deine niederste Stufe herabzusinken, dich ermuntert, törichte Dinge mit ihm zu unternehmen oder mit ihm in schlechte Umgangsweisen zu verfallen oder der, der dich für all die hässlichen Dinge, die du tust, rühmt, das ist ganz klar.

Wir mögen die Gesellschaft eines Menschen nicht, der von einer ansteckenden Krankheit befallen ist und meiden ihn mit Bedacht. Im allgemeinen wird er isoliert, damit sich die Krankheit nicht ausbreitet. Aber die Ansteckung durch Laster und schlechtes Benehmen, die Ansteckung durch Verworfenheit, Falschheit und das, was minderwertig ist, ist unendlich viel gefährlicher, als die durch irgendeine Krankheit, und genau das muss sorgfältig verhindert werden. Du musst den als deinen besten Freund ansehen, der dir mitteilt, er wünsche nicht an irgend einer schlechten oder gemeinen Tat teilzunehmen, denjenigen, der dir den Mut gibt, niedrigen Versuchungen zu widerstehen. Er ist dein Freund. Er ist derjenige, dem du dich anschließen musst und nicht jemandem, mit dem du Spaß hast und der deine üblen Neigungen stärkt.

Das ist alles.

Nun, wir wollen auf diesen Punkt nicht zu ausführlich eingehen, und ich hoffe, dass diejenigen, die ich im Sinn habe, verstehen, was ich gesagt habe.

Tatsächlich solltest du dir nur solche zu Freunden wählen, die weiser sind als du selbst, solche, deren Gesellschaft dich adelt und dir hilft, dich zu meistern, fortzuschreiten, in besserer Weise zu handeln und klarer zu sehen. Und schließlich, der beste Freund, den man haben kann – ist das nicht das Göttliche, dem man alles sagen, alles offenbaren kann? Denn dort ist die wirkliche Quelle allen Mitgefühls, aller Macht, jeglichen Irrtum zu tilgen, wenn er nicht wiederholt wird, den Weg zu wahrer Verwirklichung zu öffnen. Er ist es, der alles verstehen, alles heilen und dir auf dem Pfade immer helfen kann, dir helfen kann, nicht zu versagen, nicht zu wanken, nicht zu fallen, sondern geradewegs auf das Ziel zuzugehen. Er ist der wahre Freund in guten und in schlechten Tagen, der eine, der dich verstehen, heilen kann und immer da ist, wenn du ihn brauchst. Wenn du ihn aufrichtig rufst, ist er immer da, dich zu führen und dir Mut zu machen – und dich in der wahren Weise zu lieben.

Kapitel 21

DAS GÖTTLICHE, DIE WELT UND DER MENSCH

Verlasse dich allein auf das Göttliche

Es gibt etwas, was du lernen musst, verlasse dich niemals auf irgend jemanden oder irgend etwas, was immer das sein mag, außer auf das Göttliche. Denn wenn du dich auf irgend jemanden stützt, um Beistand zu erhalten, so wird diese Stütze brechen, dessen magst du sicher sein. Von dem Augenblick an, in dem du mit Yoga beginnst (ich spreche immer von denen, die Yoga praktizieren, nicht vom gewöhnlichen Leben), für jemanden, der Yoga übt, ist die Abhängigkeit von jemand anderem gleichbedeutend damit, diese Person in einen Vertreter der göttlichen Kraft verwandeln zu wollen. Du darfst nun sicher sein, es gibt nicht einen unter Hundertmillionen, der diese Last zu tragen imstande ist: er wird unmittelbar zerbrechen. Deshalb verfalle niemals in die Haltung, auf Unterstützung, Hilfe, Trost zu hoffen, außer vom Göttlichen. Das gilt uneingeschränkt. Ich bin niemals, nicht ein einziges Mal, jemandem begegnet, der versucht hätte, sich an etwas anzuklammern, um Halt zu finden (jemand, der Yoga macht oder mit Yoga in Berührung gekommen ist) und nicht getäuscht worden wäre – es bricht, es kommt zu einem Ende, man verliert den Rückhalt. Dann sagt man: „Das Leben ist schwer“ – es ist nicht schwer, aber man muss wissen, was man tut. Suche nirgendwo anders Hilfe als beim Göttlichen. Suche niemals Befriedigung anderswo als beim Göttlichen. Suche niemals die Befriedigung deiner Bedürfnisse bei irgend jemand anderem als beim Göttlichen – niemals und für gar nichts. Alle deine Bedürfnisse können nur vom Göttlichen erfüllt werden. Alle deine Schwächen können nur vom Göttlichen getragen und geheilt werden. Es allein ist fähig, dir zu geben, dessen du jeweils bedarfst, immer, und wenn du versuchst, irgend eine Befriedigung oder Unterstützung oder Hilfe oder Freude oder – der Himmel weiß was, bei irgend jemand anderem zu finden, wirst du immer eines Tages auf deine Nase fallen, und das schmerzt stets, manchmal sogar sehr.

Bitte das Göttliche

Wenn man zum Beispiel etwas wissen will oder Führung braucht oder irgend etwas anderes, wie kann man es entsprechend seines Bedürfnisses vom Göttlichen bekommen?

Indem man es darum bittet. Wenn du Ihn nicht darum bittest, wie kannst du es erhalten?

Wenn du dich dem Göttlichen zuwendest und volles Vertrauen zu Ihm hast und Ihn bittest, wirst du empfangen, was du benötigst – nicht notwendigerweise das, was du dir vorgestellt hast. Doch das, dessen du wirklich bedarfst. Aber du musst Ihn darum bitten.

Du musst diesen Versuch aufrichtig unternehmen. Du darfst dich nicht mit Hilfe aller möglicher äußeren Mittel darum bemühen und es dann vom Göttlichen erwarten, ohne dass du Ihn je darum gebeten hast. Wenn du möchtest, dass dir jemand etwas gibt, dann bittest du ihn doch darum, nicht wahr? Und wieso erwartest du vom Göttlichen, dass Er dir das Gewünschte gibt, ohne dass du Ihn darum gebeten hast?

Das Göttliche finden

Liebe Mutter, wie können wir das Göttliche, das in uns verborgen ist, finden?

Das haben wir viele, viele Male erklärt. Aber das erste ist, es zu wollen und genau zu wissen, dass es zuerst kommt, vor allen anderen Dingen, dass dies die wichtige Sache ist. Das ist die erste Bedingung. Das Übrige mag später folgen, dies ist die wesentliche Bedingung. Siehst du, wenn du dir hin und wieder, von Zeit zu Zeit, wenn du nichts zu tun hast und alles gut läuft und du unbeschäftigt bist, plötzlich sagst: „Ah, ich würde so gerne das Göttliche finden!“ – nun, dies – auf diese Weise kann es hunderttausend Jahre dauern.

Aber wenn es die wichtige Angelegenheit ist, die einzige Sache, die zählt, und alles andere danach kommt und du nichts anderes als das willst, dann – das ist die erste Bedingung. Du musst dies erst fest begründen, später können wir über das sprechen, was folgt. Zuerst nur dies, dass alles andere nicht zählt, dass nur dies zählt, dass man bereit ist, alles aufzugeben, um das zu erhalten, dass dies die einzige Sache von Bedeutung im Leben ist. Dann versetzt man sich selbst in die Lage, einen Schritt vorangehen zu können.

Das Göttliche kennenlernen

Verstehst du, der einzige Weg, das Göttliche kennenzulernen, besteht darin, sich mit Ihm zu identifizieren. Es gibt keinen anderen, es gibt nur diesen, diesen einzigen Weg. Daher, sobald du Meister dieser Methode bist, vermagst du dich zu identifizieren. Dann wählst du dir den Gegenstand der Identifikation. Du möchtest dich mit dem Göttlichen identifizieren. Aber solange du nicht weißt, wie, werden ständig hundert und eine Sache deinen Pfad kreuzen, die dich hierhin und dorthin zerren und dich zerstreuen, und du wirst es nicht fertigbringen, dich mit Ihm zu identifizieren. Aber wenn du gelernt hast, das zu tun, dann brauchst du nur noch die Identifikation auf etwas zu richten, sie dort festzumachen, wo du sie wünschst und sie dort zu halten, bis du ein Ergebnis erzielst. Es wird sehr schnell eintreten, wenn du deine Kraft zur Identifikation meisterst. Ja, das wird sehr schnell gehen. Ramakrishna pflegte festzustellen, die Zeit könne sich zwischen drei Tagen, drei Stunden und drei Minuten bewegen. Drei Tage für sehr langsame Leute, drei Stunden für die, die ein wenig schneller sind, drei Minuten für jene, denen es eine Gewohnheit ist.

Gott hat Sinn für Humor

Jemand hat mich gefragt: „Wie ist es Gott möglich, sich einem Ungläubigen zu offenbaren?“ Das ist sehr komisch. Denn wenn es Gott gefällt, sich einem Ungläubigen zu offenbaren, sehe ich nicht, was ihn davon abhalten würde!

Im Gegenteil, Er hat Sinn für Humor – das hat uns Sri Aurobindo schon viele Male gesagt, dass der Höchste Sinn für Humor hat, dass wir diejenigen sind, die Ihn zu einem düsteren und unveränderlich ernsten Charakter machen wollen – und er mag es sehr unterhaltend finden, zu erscheinen und einen Ungläubigen zu umarmen. Jemanden, der nur einen Tag vorher erklärte: „Gott existiert nicht. Ich glaube nicht an Ihn. All das ist Torheit und Unwissenheit…“ Er zieht ihn in seine Arme, Er presst ihn an sein Herz – und Er lacht ihm ins Gesicht.

Alles ist möglich, selbst Dinge, die unserer kleinen und beschränkten Intelligenz absurd erscheinen.

Der Atheist und der Gläubige

„Der Atheist ist Gott, der mit sich selbst Versteck spielt; aber ist der Theist ein irgendwie anderer? Nun, vielleicht; denn er hat den Schatten Gottes gesehen und klammert sich daran.“ (Sri Aurobindo, Thoughts and Aphorisms)

Was bedeutet das, „Gott, der mit sich selbst Versteck spielt“?

Beim Versteckspiel verbirgt sich eine Person und die andere sucht. Auf diese Weise verbirgt sich Gott vor dem Atheisten, der sagt: „Gott? Ich sehe ihn nicht, ich weiß nicht, wer er ist; deshalb gibt es ihn nicht.“ Aber der Atheist weiß nicht, dass Gott auch in ihm ist. Und daher ist es Gott, der seine eigene Existenz verleugnet. Ist das nicht ein Spiel? Und dennoch wird ein Tag kommen, an dem er von Angesicht zu Angesicht sich selbst gegenübergestellt sieht und gezwungen ist, seine Existenz anzuerkennen.

Der Gläubige wähnt sich dem Atheisten überlegen, aber alles, was er von Gott zu erhaschen vermochte, war Sein Schatten, und er hält an diesem Schatten mit der Vorstellung fest, es wäre Gott selbst. Besäße er ein wahres Wissen von Gott, dann wüsste er, dass Gott alle Dinge und in allem ist. Dann ließe er davon ab, sich irgend jemandem überlegen zu fühlen.

Die materielle Welt

Ist nicht diese unsere materielle Welt auf einer sehr niederen Stufe auf der Leiter der Weltsysteme, die die Schöpfung begründen?

Unsere ist die am meisten materielle Welt, aber nicht notwendigerweise „nieder“, mindestens nicht aus diesem Grund. Wenn sie tief unten steht, dann deshalb, weil sie finster und unwissend, nicht weil sie materiell ist. Es ist ein Fehler, „Materie“ als ein Synonym für Dunkelheit und Unwissenheit zu setzen. Und die materielle Welt ist nicht die einzige, in der wir leben: sie ist vielmehr eine von vielen, in denen wir gleichzeitig existieren, und in einer Beziehung die wichtigste von allen. Denn diese Welt der Materie ist der Konzentrationspunkt aller Welten. Sie ist das Feld der Gestaltwerdung aller Welten. Sie ist der Ort, wo alle Welten sich manifestieren müssen. Gegenwärtig ist sie disharmonisch und verdunkelt. Aber das ist nur eine Störung, ein falscher Start. Eines Tages wird sie schön werden, rhythmisch, von Licht erfüllt; denn das ist die Bestimmung, für die sie erschaffen wurde.

Das Göttliche ist kein Fremder

Aber warum will sich das Göttliche in diesem Chaos auf der Erde manifestieren?

Weil Er genau deshalb die Erde erschaffen hat, aus keinem anderen Beweggrund. Die Erde ist Er Selbst in entstellter Form, und Er möchte sie in ihrer Wahrheit wiedererrichten. Die Erde ist nicht etwas von Ihm Getrenntes und Ihm fremd. Sie ist eine verzerrte Form Seiner Selbst, welche wieder zu dem werden muss, was sie ihrem Wesen nach war, das heißt, das Göttliche.

Warum ist Er uns dann ein Fremder?

Aber er ist kein Fremder, mein Kind. Du hältst Ihn dafür, aber Er ist es nicht, nicht im geringsten. Er ist der Kern deines Wesens – ganz und gar nicht fremd. Du magst Ihn nicht kennen, aber Er ist kein Fremder. Er ist der wahre Kern deines Wesens. Ohne das Göttliche würdest du nicht existieren. Ohne das Göttliche könntest du nicht einmal den millionenstel Bruchteil einer Sekunde existieren.

Gott und seine Schöpfung

Menschen sind von der christlichen Vorstellung eines „Schöpfergottes“ so tief geprägt – der Schöpfung auf der einen Seite und Gott auf der anderen. Wenn du darüber nachdenkst, weist du es zurück, aber es hat deine Empfindungen und Gefühle durchtränkt. Deshalb schreibst du spontan, instinktiv, beinahe unbewusst, alles Gott zu, was du als das Beste und Schönste erachtest und vor allem das, was du erreichen, verwirklichen möchtest. Natürlich passt jeder seinen Gottesbegriff an sein Bewusstsein an, aber der entspricht immer seiner Auffassung vom Besten. Und das ist auch der Grund, warum du instinktiv, spontan, unbewusst entsetzt bist von der Idee, dass Gott Dinge sein kann, die du nicht magst, denen du deine Zustimmung versagst oder die du nicht für das Beste hältst.

Ich beschreibe das absichtlich ziemlich kindlich, damit ihr das richtig verstehen könnt. Aber es ist so – ich bin sicher, weil ich es ziemlich lange an mir selbst beobachtet habe, wegen der unbewussten Strukturen der Kindheit, der Umgebung, der Erziehung, etc. Du musst fähig sein, das Bewusstsein des Einsseins in den Körper zu pressen, das absolute, ausschließliche Einssein des Göttlichen – ausschließlich in dem Sinne, dass nichts existiert außer in diesem Einssein, selbst die Dinge, die wir äußerst abstoßend finden…

Aber es ist Er. Es gibt nichts außer Ihm. Das ist es, was wir uns von morgens bis abends und von abends bis morgens wiederholen sollten, weil wir es jeden Augenblick vergessen.

Es gibt nur Ihn. Es gibt nichts außer Ihm. Er allein existiert, es gibt keine Existenz außer Ihm, es gibt nur Ihn!

Gott und das Universum

Es gibt nur eine einzige Lösung für dieses Problem – keine Unterscheidung zwischen Gott und dem Universum zu machen. Das Universum ist das in den Raum projizierte Göttliche, und Gott ist das Universum in dessen Ursprung. Es ist dasselbe Ding unter dem einen oder dem anderen Aspekt. Und du kannst sie nicht trennen. Es ist das Gegenkonzept zu dem des „Schöpfers“ und seines „Werkes“. Nur, es ist sehr bequem, vom Schöpfer und seinem Werk zu sprechen, es erleichtert die Erklärung und macht die Lehre sehr einfach. Aber es ist nicht die Wahrheit. Und dann sagst du: „Wie kann es sein, dass Gott, der allmächtig ist, es zulässt, dass die Welt so ist?“ Das ist jedoch deine eigene Vorstellung! Das ist so, weil du dich selbst mitten in einem Feld von Umständen befindest, die dir sehr unangenehm erscheinen, deshalb projizierst du sie auf das Göttliche und sagst ihm: „Warum hast du eine solche Welt erschaffen?“ – „Ich habe sie nicht gemacht. Das hast du selbst getan. Und wenn du wieder Ich-selbst wirst, wirst du es so nicht länger empfinden. Was dich so fühlen lässt, ist die Tatsache, dass du nicht mehr Ich-selbst bist.“ Das ist es, was er dir zur Antwort geben könnte. Und es ist Tatsache, dass kein Problem übrig bleibt, wenn es dir gelingt, dein Bewusstsein mit dem göttlichen Bewusstsein zu einen. Alles erscheint ganz natürlich und einfach und in Ordnung und genau so, wie es sein sollte.

Der Herr veranstaltet ein Schauspiel

Wenn man aufmerksam hinschaut, muss man annehmen, dass der Herr ein phantastisches Schauspiel für sich Selbst veranstaltet! Dass die Manifestation ein Schauspiel ist, dass Er für sich Selbst und mit sich Selbst in Szene setzt.

Er nimmt den Standort des Betrachters ein, und Er schaut auf sich Selbst. Und um sich Selbst beobachten zu können, muss Er das Konzept von Raum und Zeit akzeptieren, sonst kann Er das nicht! Und unmittelbar beginnt die ganze Komödie. Aber es ist eine Komödie, nichts anderes.

Doch wir nehmen sie sehr ernst, weil wir Marionetten sind! Sobald wir jedoch aufhören, welche zu sein, können wir recht klar erkennen, dass es sich um eine Komödie handelt.

Für einige Menschen ist es auch eine echte Tragödie.

Ja, wir sind diejenigen, die es tragisch machen. Wir sind diejenigen, die es tragisch machen…

Verstehst du, nur der, der dem Spiel zusieht, ist nicht beunruhigt, weil er alles kennt, was geschehen wird, und er besitzt ein umfassendes Wissen von allem – allem, was geschieht, geschehen ist und geschehen wird – und es ist alles da, als eine Gegenwart für ihn. Und so sind es die anderen, die armen Schauspieler, die nicht einmal wissen, nicht einmal ihre Rolle kennen! Und sie sorgen sich in großem Maße, denn sie werden dazu veranlasst, etwas darzustellen und wissen nicht, was es ist. Das ist etwas, was ich gerade sehr stark empfunden habe: wir alle führen ein Stück auf, aber wir wissen nichts darüber, weder wo es hinführt oder herkommt, noch, was es als Ganzes bedeutet. Wir wissen kaum – unvollkommen – was wir von Augenblick zu Augenblick tun sollen. Unser Wissen ist unvollkommen. Und deshalb sorgen wir uns! Aber wenn man alles weiß, kann man nicht länger beunruhigt sein, man lächelt. Er muss großen Spaß haben, aber wir… Und dennoch ist uns die volle Macht gegeben, uns in gleicher Weise zu vergnügen wie Er.

Wir geben uns einfach keine Mühe.

Der Herr spielt mit all diesem

Wenn man die positive Erfahrung der einen und einzigen Existenz des Höchsten gewonnen hat und dass es nur der Höchste ist, der mit sich selbst spielt, anstatt etwas Beunruhigendem und Unangenehmem oder Besorgniserregendem, dann erlebt man ganz im Gegenteil eine Art uneingeschränkter Sicherheit.

Die einzige Wirklichkeit ist der Höchste. Und all das ist ein Spiel, das er für sich selbst spielt. Ich empfinde das als viel tröstlicher als den entgegengesetzten Standpunkt.

Und schließlich ist das die einzige Gewissheit, dass all dies etwas Wunderbares werden kann…

Du wirst sehen, es gibt einen Augenblick, in dem man sich selbst oder das Leben nicht mehr ertragen kann, es sei denn, man nimmt die Haltung an, dass es der Herr ist, der alles ist. Siehst du, dieser Herr, wie viele Dinge besitzt Er, Er spielt mit all diesem – Er beschäftigt sich damit, die Positionen zu wechseln. Und deshalb, wenn man dies, dies Ganze sieht, fühlt man das unermessliche Wunder, und dass all unsere wundervollsten Sehnsüchte durchaus möglich sind und sogar übertroffen werden. Dann ist man getröstet. Sonst ist die Existenz… es ist ganz trostlos…

Die gegenwärtige Seinsweise ist eine Vergangenheit, welche wahrlich nicht länger bestehen sollte. Wohl aber die andere: „Ah! Endlich! Endlich! Das ist es, wozu es eine Welt gibt!“

Und alles andere bleibt ganz genau so konkret und real – es wird nichts Nebelhaftes! Es ist genau so konkret und real, aber… aber es wird göttlich, weil… weil es das Göttliche ist. Es ist das Göttliche, das spielt.

Erlaube dem Herrn, alles zu tun

Nun, wenn ich beginne, auf diese Weise zu schauen (die Mutter. schließt die Augen), dann sind da zwei Dinge zur gleichen Zeit: dieses Lächeln, diese Freude, dieses Lachen sind da und solcher Frieden! Solch voller, lichterfüllter, allumfassender Frieden, in welchem es keine Konflikte, keine Widersprüche mehr gibt. Es bestehen keine Konflikte mehr. Es ist eine einzige, lichtvolle Harmonie – und dennoch existiert alles, was wir Irrtum, Leiden, Elend nennen, alles ist da. Es eliminiert nichts. Es ist eine andere Weise zu sehen.

(Langes Schweigen)

Es kann keinen Zweifel geben, dass es schließlich nicht so schwierig ist, wenn du aufrichtig daraus herauskommen willst: Du brauchst nichts zu tun, du musst nur dem Herrn gestatten, alles zu tun. Und Er macht alles. Er macht alles. Es ist so wunderbar, so wunderbar!

Er nimmt alles an, selbst das, was wir eine gewöhnliche Intelligenz nennen, und Er lehrt dich, sie beiseite zu legen, zur Ruhe zu bringen: „Nun ist es genug, sei still, rühre dich nicht, belästige mich nicht, ich brauche dich nicht.“ Dann geht eine Tür auf – du empfindest nicht einmal, dass du sie öffnen musst, sie steht weit offen, du wirst zur anderen Seite hinübergebracht. All das wird von jemand anderem getan, nicht von dir. Und dann wird die andere Methode unmöglich.

All das… oh, diese gewaltige Mühsal des Mentals, das darum kämpft zu verstehen, das sich abrackert und sich selbst Kopfschmerzen verschafft!… Es ist absolut nutzlos, absolut nutzlos, es hat keinen Sinn, es steigert nur die Verwirrung.

Du wirst einem sogenannten Problem gegenübergestellt: was solltest du sagen, tun, wie solltest du handeln? Es gibt nichts zu tun, nichts, du musst dem Herrn nur sagen: „Da, siehst du, so ist es“, das ist alles. Und dann bleibst du sehr ruhig. Und dann, ganz spontan, ohne darüber nachzudenken, ohne Reflexion, ohne Berechnung, nichts, nichts, ohne die leiseste Anstrengung – tust du, was getan werden muss. Das heißt, der Herr tut es. Er arrangiert die Umstände, Er arrangiert die Leute. Er legt die Worte in deinen Mund oder deine Feder. – Er tut alles, alles, alles, alles. Du brauchst nichts mehr zu tun, als dir zu gestatten, froh zu leben.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die Menschen es nicht wirklich wollen.

Aber den Grund vorher freizuräumen, die Arbeit, vorher den Grund freizuräumen, ist schwierig.

Nicht einmal das brauchst du zu tun! Er tut das für dich.

Aber sie brechen beständig ein: das alte Bewusstsein, die alten Gedanken…

Ja, sie versuchen, wieder einzudringen, gewohnheitsmäßig. Du brauchst nur zu sagen: „Herr, siehst du, siehst du, so ist es“ – das ist alles. „Herr, siehst du, siehst du dies, siehst du das, sieh diesen Dummkopf hier“ – und es ist unmittelbar vorbei. Und es ändert sich von selbst, mein Kind, ohne die geringste Mühe. Einfach aufrichtig zu sein, das heißt wahrhaft zu wollen, dass die Dinge recht sind. Dir ist vollkommen bewusst, dass du nichts daran ändern kannst, dass du die Fähigkeit nicht hast… Aber es gibt immer etwas, das es selbst tun möchte. Das ist das Problem, ansonsten…

Nein, du magst von einem ausgezeichneten guten Willen erfüllt sein, und dann möchtest du es tun. Das kompliziert alles. Oder aber du besitzt keinen Glauben, du glaubst, Gott wird nicht fähig dazu sein, es zu tun und dass du es selbst tun musst, weil Er es nicht kann! (Die Mutter lacht) Diese, diese Art Dummheit ist sehr verbreitet. „Wie kann Er die Dinge sehen? Wir leben in einer Welt der Falschheit, wie kann Er Falschheit sehen und…“. Aber Er sieht das Ding, wie es ist! Genau so, wie es ist!

Ich spreche nicht von Menschen ohne Intelligenz. Ich spreche von Leuten, die intelligent sind und sich bemühen – es gibt eine Art der Überzeugung wie dieser, selbst bei denen, die wissen, dass wir in einer Welt von Unwissenheit und Falschheit leben und dass es einen Gott gibt, der All-Wahrheit ist. Sie sagen: „Genau deshalb, weil Er All-Wahrheit ist, versteht Er nicht. (Die Mutter lacht) Er versteht unsere Falschheit nicht, ich muss selber damit fertig werden.“ Das ist sehr stark, sehr weit verbreitet. Ah, wir komplizieren alles für nichts und wieder nichts.

Lass das All-Bewusstsein entscheiden

Ich bin vollständig davon überzeugt, dass die Verwirrung in der Welt deshalb besteht, um uns die Fähigkeit zu lehren, von Tag zu Tag zu leben, das heißt nicht mehr damit beschäftigt zu sein, was vielleicht passiert, was passieren wird, sondern sich nur Tag für Tag mit dem auseinanderzusetzen, was man tun muss. Alles Denken, alles Vorplanen, alle Arrangements und all das begünstigen große Unordnung sehr.

Beinahe Minute um Minute zu leben, so zu sein (aufwärtsgerichtete Geste), aufmerksam zu sein nur gegenüber der Sache, die im Augenblick getan werden soll, und dann das All-Bewusstsein entscheiden lassen… Wir sind nie imstande, selbst mit dem größten Weitblick nicht, die Dinge zu erkennen: wir können von den Dingen nur sehr partiell wissen – sehr partiell. Deshalb wird unsere Aufmerksamkeit hierhin und dorthin gezogen, und immer noch gibt es andere Dinge. Indem wir gefährlichen und schädlichen Dingen große Bedeutung beimessen, verstärken wir sie nur (die Mutter versenkt sich in Kontemplation).

Wenn du von der Vorstellung solcher Unordnung und Verwirrung geplagt wirst, musst du nur eines tun, in das Bewusstsein eintreten, wo du nur ein Wesen, ein Bewusstsein, eine Macht siehst – es gibt nur eine einzige Einheit – und all dieses findet innerhalb dieser Einheit statt. Und all unsere unbedeutenden Einsichten und Klugheiten und Urteile und… all das ist ein bloßes Nichts, es ist mikroskopisch im Vergleich mit dem Bewusstsein, das über Allem steht. Deshalb, hätte man das geringste Gespür für den Grund, dessentwegen getrennte Individualitäten existieren, sähe man, dass es nur dazu dient, Aspiration zu ermöglichen, die Existenz der Sehnsucht, dieser Bewegung der Selbstdarbringung und Hingabe, des Vertrauens und des Glaubens. Und dies ist der wahre Grund, weshalb Individuen erschaffen wurden. Und dann, dass du das in aller Aufrichtigkeit und Inbrunst werden sollst… das ist alles, was erforderlich ist.

Es ist alles, was erforderlich ist, es ist das einzige, das einzige, was bleibt; alles Übrige… Truggebilde.

Und in jedem Fall ist es das einzig Gültige: wenn du etwas tun möchtest, wenn du etwas nicht tun kannst, wenn du dich bewegst, wenn der Körper nicht mehr fähig ist, sich zu bewegen… in jedem, jedem Fall, nur das, nur das: in bewussten Kontakt mit dem höchsten Bewusstsein zu kommen, mit ihm vereint zu sein; und… zu warten. So ist es!

Das ist der Zeitpunkt, in dem du den genauen Hinweis dafür bekommst, was du in jeder Minute tun sollst – tun oder nicht tun, handeln oder reglos zu verharren. Das ist alles. Und sogar zu sein oder nicht zu sein. Das ist die einzige Lösung. Stärker und stärker wird die Gewissheit: das ist die einzige Lösung. Alles Übrige ist bloße Torheit!

Dein Wille geschehe

Ist es genug, sich Davon erfüllen zu lassen, gibt es nichts anderes zu tun?

Ich glaube, ich glaube, das ist das einzige. Ich wiederhole immer: „Dein Wille geschehe, dein Wille geschehe, dein Wille geschehe… lass es so sein, wie du es willst, lass mich tun, was du willst, lass mich deines Willens bewusst sein.“

Und auch: „Ohne Dich ist es Tod; mit Dir ist es Leben.“ Mit „Tod“ meine ich nicht physischen Tod – das kann so sein. Es mag sein, dass, verlöre ich jetzt den Kontakt, es das Ende bedeutete, aber es ist unmöglich! Ich habe das Gefühl, dass es… dass ich Das bin – mit all den Störungen, die das gegenwärtige Bewusstsein noch aufweisen mag, das ist alles. Und dann, wenn ich jemanden sehe (die Mutter öffnet ihre Hände, als brächte sie die Person dem Licht dar), wer es auch immer sein mag: so (dieselbe Geste).

(Schweigen)

Die ganze Zeit, es ist lustig, die ganze Zeit habe ich das Gefühl. ich bin ein kleines Baby, das sich anschmiegt – anschmiegt in einem (wie soll ich es nennen?) Göttlichen Bewusstsein – allumfassend.

Der Druck des Bewusstseins

Ihr wisst, ich glaube nicht an äußere Entscheidungen. Ich glaube einfach nur an eine Sache: die Kraft des Bewusstseins, das einen Druck dieser Art hervorbringt (Geste des Drückens). Und dieser Druck steigert sich fortlaufend … was bedeutet, er wird die Leute durchdringen. Ich glaube nur daran – an den Druck des Bewusstseins. Alles Übrige sind Dinge, die der Mensch tut. Er tut sie mehr oder weniger gut, und dann lebt es, und dann stirbt es, und dann ändert es sich, und dann wird es verzerrt, und dann… so ist es mit allem, das er getan hat. Es lohnt die Mühe nicht. Die ausführende Macht muss von oben kommen, so, zwingend (Geste der Herabkunft)! Und was das betrifft, das (die Mutter weist auf ihre Stirn) muss ruhig bleiben. Nicht sagen: „Oh, das darf nicht sein, oh! Dies muss sein. oh! Wir sollten…“ Frieden, Frieden, Frieden. Er weiß besser als du, was erforderlich ist.

ANHANG

Lebensskizze der Mutter

Die Mutter wurde am 21. Februar 1878 in Paris geboren. Mirra, wie das Kind genannt wurde, war die Tochter von Maurice Alfassa, einem Bankier, geboren 1843 in Adrianopolis in der Türkei und von Mathilde Ismaloun, geboren 1857 in Alexandria, Ägypten. Im Jahre 1877 emigrierten die Eltern von Ägypten nach Frankreich und ein Jahr später wurde Mirra geboren. In ihren jungen Jahren wurde Mirra zu Hause erzogen. Im Alter von etwa 14 Jahren besuchte sie ein Studio, um zeichnen und malen zu lernen und später studierte sie an der berühmten Ecole de Beaux Arts. Sie malte nicht nur ausgezeichnet (einige ihrer Werke wurden im Pariser Salon ausgestellt), sondern war auch eine begabte Musikerin und Schriftstellerin.

Über ihr frühes spirituelles Leben schrieb sie: „Zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr offenbarten mir eine Reihe seelischer und spiritueller Erfahrungen nicht nur die Existenz Gottes, sondern die Möglichkeit des Menschen, sich mit Ihm zu einen, Ihn integral in einem göttlichen Leben zu verwirklichen.“ 1905 reiste sie nach Tlemcen in Algerien, wo sie zwei Jahre lang Okkultismus bei einem polnischen Adepten, Max Theon, und seiner Frau Alma studierte. 1906 kehrte sie nach Paris zurück und formte ihre erste Gruppe spirituell Suchender. Zwischen 1911 und 1913 hielt sie zahlreiche Vorträge vor verschiedenen Gruppen in Paris.

Im Alter von 36 Jahren reiste sie per Schiff nach Pondicherry in Indien, um Sri Aurobindo zu treffen. Sie sah ihn am 29. März 1914 und erkannte ihn sofort als denjenigen, der ihre spirituelle Entwicklung viele Jahre innerlich geleitet hatte. Sie blieb elf Monate in Pondicherry, musste dann aber bei Ausbruch des ersten Weltkrieges nach Frankreich zurückkehren. Nach einem Jahr in Frankreich fuhr sie nach Japan, wo sie nahezu vier Jahre lang lebte.

Am 24. April 1920 kehrte die Mutter nach Pondicherry zurück und nahm ihre Arbeit mit Sri Aurobindo wieder auf. Nach ihrer Rückkehr nahm die Zahl der Jünger um Sri Aurobindo allmählich zu. Diese zunächst zwanglose Gruppierung nahm schließlich Form an als Sri Aurobindo Ashram. Von seinen Anfängen im November 1926 überließ Sri Aurobindo das gesamte Material und die spirituelle Führung des Ashrams der Mutter. Unter ihrer Leitung, die eine Spanne von fast fünfzig Jahren umfasste, wuchs der Ashram zu einer großen, vielschichtigen Gemeinschaft an.

1943 eröffnete die Mutter eine kleine Schule, die sich allmählich erweiterte, um schließlich das Sri Aurobindo International Centre of Education zu werden. Ferner gründete die Mutter eine internationale Stadt, Auroville, die „Stadt der Morgendämmerung“, ungefähr 6 km von Pondicherry entfernt. Das war am 28. Februar 1968.

Die Mutter nahm an den täglichen Aktivitäten des Ashrams bis zu ihrem 84. Lebensjahr teil. Im März 1962 zog sie sich in ihre Räume zurück, doch während des folgenden Jahrzehnts leitete sie weiterhin den Ashram und empfing regelmäßig Besucher. Am 17. November 1973, im Alter von 95 Jahren, verließ die Mutter ihren Körper.

Über die Beziehung zwischen der Mutter und sich selbst schrieb Sri Aurobindo: „Das Bewusstsein der Mutter und meines sind dasselbe“; und wiederum: „Es besteht kein Unterschied zwischen dem Pfad der Mutter und dem meinen; wir haben und hatten immer den gleichen Pfad, den Pfad, der zur supramentalen Wandlung und göttlichen Verwirklichung führt…“

An ihrem 90. Geburtstag fasste die Mutter ihr Leben und ihre Arbeit folgendermaßen zusammen: „Die Reminiszenzen sind kurz: Ich kam nach Indien, um Sri Aurobindo zu treffen. Ich blieb in Indien, um mit Sri Aurobindo zu leben. Als er seinen Körper verließ, fuhr ich fort hier zu leben, um seine Arbeit zu tun, die darin besteht, der Wahrheit zu dienen und die Menschheit zu erleuchten, die Herrschaft der Göttlichen Liebe auf Erden zu beschleunigen.“

  1. Glossar
  2. Quellennachweis

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