Kapitel 6
Manifestation des Supramentals – Seine zwei Aspekte
Das Supramental ist die Seins-Stufe jenseits von Mental, Leben und Materie, und so, wie sich Mental, Leben und Materie auf der Erde manifestiert haben, muss sich auch das Supramental im unabdingbaren Lauf der Dinge in dieser Welt der Materie manifestieren. Ein Supramental ist tatsächlich schon hier, aber es ist verborgen hinter diesem manifestierten Mental, Leben und der Materie und handelt noch nicht offen oder in seiner eigenen Macht. Wenn es handelt, tut es das durch diese geringeren Kräfte, abgewandelt durch sie und deshalb noch nicht erkennbar. Nur durch das Sich-Nähern, Ankommen und Herabsteigen kann das Supramental auf der Erde freigesetzt werden und sich im Handeln unserer materiellen, vitalen und mentalen Teile offenbaren, so dass diese niederen Kräfte Teil einer gänzlich göttlichen Aktivität unseres ganzen Wesens werden können. Dies ist es, was uns eine vollkommen verwirklichte Göttlichkeit oder das göttliche Leben bringen wird. Tatsächlich ist es so, dass das in der Materie verborgene Leben und Mental sich hier realisiert haben, denn nur, was im Innern verborgen ist, kann evolvieren, sonst gäbe es kein Entstehen.
Die Manifestation eines supramentalen Wahrheitsbewusstseins ist deshalb die kapitale Realität, die das göttliche Leben ermöglichen wird. Das göttliche Leben wird vollkommen und absolut sein, wenn alles Denken, alle Impulse und Handlungen von einem aus sich selbst existierenden und leuchtend selbsttätigen Wahrheitsbewusstsein beherrscht und geleitet werden, und unsere ganze Natur aus ihm gemacht ist. So, wie es ist, in Wirklichkeit, wenn auch nicht in der Erscheinung der Dinge, ist es ein geheimes selbst-existierendes Wissen und eine Wahrheit, die daran arbeitet, sich in der Schöpfung hier zu manifestieren. Das Göttliche ist schon in uns immanent, wir selbst sind jenes in unserer innersten Wirklichkeit. Und es ist diese Wirklichkeit, die wir manifestieren müssen; sie ist es, die unser Verlangen nach einem göttlichen Leben begründet und die Erschaffung des göttlichen Lebens sogar in dieser materiellen Existenz notwendig macht.
Eine Manifestation des Supramentals und seines Wahrheits-Bewusstseins ist dann naturnotwendig; sie muss sich in dieser Welt früher oder später ereignen. Aber sie hat zwei Aspekte, eine Herabkunft von oben, einen Aufstieg von unten, eine Selbstoffenbarung des Geistes und eine Evolution der Natur. Der Aufstieg ist notwendigerweise eine Anstrengung, eine Arbeit der Natur, ein Drang ihrerseits, ihre niederen Teile durch einen evolutionären oder revolutionären Wandel, eine Anpassung oder Transformation in die göttliche Wirklichkeit zu erheben. Das mag durch einen Prozess und Fortschritt oder durch ein schnelles Wunder geschehen. Die Herabkunft oder Selbstoffenbarung des Geistes ist ein Handeln der höchsten Wirklichkeit von oben, welche die Verwirklichung möglich macht, und sie kann entweder wie die göttliche Hilfe, die die Erfüllung des Fortschritts oder Prozesses oder wie die Bewilligung des Wunders erscheinen. Evolution, wie wir sie in dieser Welt sehen, ist ein langsamer und schwieriger Prozess und braucht tatsächlich ganze Zeitalter, um dauerhafte Ergebnisse hervorzubringen; aber dies liegt daran, dass sie von Natur aus ein Hervortreten aus nichtbewussten Anfängen ist, ein Start von Nichtwissen aus und ein Wirken in der Unwissenheit der naturhaften Wesen durch etwas, was wie eine unbewusste Kraft erscheint. Es kann im Gegenteil aber auch eine Evolution in Licht und nicht länger in Dunkelheit sein, in der das sich entwickelnde Wesen ein bewusster Teilhaber und Mitarbeiter ist. Und genau dies ist es, was hier geschehen muss.
Kapitel 7
Die Mutter: Der Zweck Ihrer Verkörperung
Die Mutter kommt, um das Supramental herabzubringen, und es ist diese Herabkunft, die ihre vollständige Manifestation hier möglich macht.
Der supramentale Wandel ist eine verfügte Sache und in der Evolution des Erdbewusstseins unumgänglich, denn dessen Aufwärtsentwicklung ist nicht beendet und der mentale Geist nicht ihr letzter Gipfel. Aber damit der Wandel kommen, Gestalt annehmen und dauerhaft sein kann, ist ein Ruf von unten erforderlich, mit einem Willen, das Licht nicht zurückzuweisen, wenn es kommt. Und hierfür ist die Bewilligung des Höchsten oben notwendig. Die Kraft, die zwischen der Bewilligung und dem Ruf vermittelt, ist die Gegenwart und Kraft der Göttlichen Mutter. Die Kraft der Mutter und keine menschliche Bemühung und Askese allein können die Kappe und trennende Schicht zerreißen, das Gefäß formen und in diese Welt der Dunkelheit, Falschheit, des Todes und Leidens Wahrheit, Licht, göttliches Leben und den Ananda des Unsterblichen herabbringen.
Kapitel 8
Wenn du diese Transformation ersehnst
Wenn du diese Transformation ersehnst, begib dich vertrauensvoll ohne Nörgelei oder Widerstand in die Hände der Mutter und ihrer Kräfte und lasse sie ungehindert ihre Arbeit in dir tun. Du musst drei Dinge besitzen: Bewusstsein, Flexibilität und vorbehaltlose Hingabe. Denn du musst in deinem mentalen Geist, deiner Seele, deinem Herzen, Vital und sogar den Zellen deines Körpers bewusst sein, dir der Mutter und ihrer Kräfte und deren Wirken bewusst sein; denn obschon sie sogar in deiner Dunkelheit, deinen unbewussten Teilen und Momenten arbeiten kann und dies auch tut, ist es nicht dasselbe, als wenn du eine erwachte und lebendige Kommunikation mit ihr hast. Deine ganze Natur muss sich von ihr formen lassen. – Stelle nicht in Frage, so wie der selbstgenügsame unwissende Geist fragt, zweifelt, streitet und der Feind seiner Erleuchtung und Umwandlung ist; bestehe nicht auf deinen eigenen Regungen wie das Vital des Menschen, das beharrlich jedem göttlichen Einfluss seine hartnäckigen Begierden und seine Feindseligkeit entgegensetzt. Sei kein Hemmschuh und verschanze dich nicht in Unfähigkeit, Trägheit und Dunkelheit, wie es das menschliche körperliche Bewusstsein tut. Im Vergnügen an seiner Kleinheit und Dunkelheit schreit es bei jeder Berührung auf, die seine seelenlose Routine, stumpfsinnige Faulheit oder seinen betäubten Schlummer stört. Die vorbehaltlose Hingabe deines inneren und äußeren Wesens wird diese Plastizität in alle Teile deiner Natur bringen; durch fortwährende Offenheit für die Weisheit, das Licht, die Kraft, Harmonie, Schönheit und Vollkommenheit, die von oben herabfließen, wird überall in dir Bewusstsein erwachen. Sogar der Körper wird erwachen und schließlich sein Unterbewusstsein mit der supramentalen überbewussten Kraft verbinden. Er wird spüren, wie all ihre Kräfte sich von oben, unten und aus der Umgebung her in ihm ausbreiten und er von einer höchsten Liebe und Seligkeit verzückt wird.
Teil 2 SUPRAMENTALE MANIFESTATION
Worte der Mutter
Am 29. Februar eines Schaltjahres gedenken wir des spirituellen Ereignisses, das die Mutter „Die Supramentale Manifestation auf der Erde“ genannt hat. Die Mutter schrieb: „Von jetzt an wird der 29. Februar der Tag des Herrn sein“, und bezeichnete ihn als den „Goldenen Tag“. Auf dieses Ereignis von unglaublicher Wichtigkeit in der spirituellen Geschichte der Erde haben Mutter und Sri Aurobindo für Jahrzehnte hingearbeitet, und Sri Aurobindo hat für dessen schnelleres Kommen im Jahr 1950 seinen Körper hingegeben.
Was an diesem Tag im Jahr 1956 geschah, und was das Wesen der Supramentalen Welt ist, ist dem Verständnis des menschlichen mentalen Geistes in seiner jetzigen Form nicht zugänglich. Die folgenden Seiten enthalten als kurze Einführung einige Anmerkungen der Mutter zu diesem Thema.
Wir schließen das Buch „Zu einer wunderbaren Zukunft“ mit einem Sonnet Sri Aurobindos, „Das Goldene Licht“, welches unser tiefstes Streben repräsentiert und unser unabdingbares Ziel ist.
Kapitel 1
Die supramentale Manifestation auf der Erde
29. Februar 1956
Während der gemeinsamen Meditation am Mittwoch:
Heute Abend war die Göttliche Gegenwart, konkret und materiell, hier unter euch. Ich hatte eine Gestalt von lebendigem Gold, größer als das Universum, und ich stand einer gewaltigen und massiven goldenen Tür gegenüber, welche die Welt vom Göttlichen trennte.
Als ich die Tür anschaute, wusste und wollte ich in einer einzigen Bewegung des Bewusstseins, dass „die Zeit gekommen ist“. Und mit beiden Händen einen mächtigen goldenen Hammer hochhebend tat ich einen Schlag, einen einzigen Schlag auf die Tür, und die Tür wurde in Stücke zerschmettert.
Dann stürzten das supramentale Licht, die Kraft und das Bewusstsein in einem ununterbrochenen Strom auf die Erde herab.
Die Erklärung der Mutter (Aus den Tagebüchern zweier Sadhaks)
1
Ihr werdet kaum verstehen, was ich geschrieben habe, versucht aber, euren mentalen Geist still zu halten und es zu empfangen.
Natürlich waren, was mich betraf, keinerlei verbale Formulierungen notwendig. Um es für andere in Worte zu fassen, schrieb ich alles auf. Aber immer wird im Schriftlichen eine Verwirklichung, ein Bewusstseinszustand eingeschränkt: der bloße Akt des Ausdrückens engt die Wirklichkeit in gewissem Maße ein.
Was am 29. Februar 1956 geschah, ist nicht so sehr eine Vision oder eine Erfahrung, als vielmehr etwas Getanes. Während der Abendmeditation im Playground, erhob ich mich in das Supramental und sah etwas, das getan werden musste, und ich tat es.
Es ist interessant, dass die Worte „Die Zeit ist gekommen“, – welche ausdrücken, was ich gleichzeitig wusste und wollte, als ich mich vor dieser gewaltigen Tür fand, auf deren anderer Seite die Welt war, – von mir in Englisch und nicht in Französisch gehört wurden. Es war, als ob Sri Aurobindo sie gesprochen hätte.
Als ich vom Supramental herab kam, nachdem diese Lichtflut sich über das ganze Universum ausgebreitet hatte, dachte ich, dass alle diejenigen, die vor mir im Playground gesessen hatten, flach auf dem Boden liegen würden, weil das Herabströmen so überwältigend war. Aber als ich meine Augen öffnete, sah ich jedermann immer noch aufrecht sitzen: sie schienen sich dessen, was sich ereignet hatte, völlig unbewusst zu sein!
2
Das Wirken des Supramentals in einer personhaften Form gab es seit dem Dezember 1950. Im Januar 1956 erschien mir Sri Aurobindo zwei- oder dreimal und deutete gewissermaßen an, dass die generelle Manifestation sich ereignen würde. Aber als es geschah, geschah es unvermittelt.
An jenem Tag war es völlig unerwartet. Aber alle meine größten Erfahrungen sind auf diese Weise eingetreten. Ich befinde mich in meinem normalen Bewusstsein, und sie ereignen sich ganz plötzlich, als ob sie ihre Realität im stärksten Kontrast und in der größten Anschaulichkeit zeigen wollen. Man erkennt den Wert einer Erfahrung am besten, wenn sie auf diese Weise gemacht wird. Wenn man im Voraus davon in Kenntnis gesetzt wird, fängt das Mental an, eine Rolle zu spielen. Als bei diesem Ereignis das Mental aktiv wurde, befand ich mich schon wieder auf dieser Seite der Tür. Da war nur überall ein prachtvolles Licht. Diejenigen, die im Herzen leben, haben eine größere Chance diese Manifestation zu spüren, als jene, die im Mental leben.
Das Licht strömte zwanzig Minuten lang. Oder eher, ich beobachtete es in der Meditation für zwanzig Minuten und beendete dann die Meditation. Ich konnte sie nicht unendlich lange fortsetzen. Die Leute werden nach einiger Zeit ruhelos. Ich musste eine besondere Anstrengung machen, um in mein äußeres individuelles Selbst zurückzukehren, und konnte nur unter großen Schwierigkeiten ein Wort äußern.
Nur zwei Personen im Ashram und drei Schüler außerhalb spürten, was sich ereignet hatte. Nicht, dass sie wussten, dass es die Supramentale Manifestation war. Aber sie hatten ihretwegen ein ungewöhnliches Erlebnis.
Das Strömen des Lichts dauert an, aber auf dem Balkon ist es besonders konzentriert. Nun, Dinge, die einfach waren, werden erreicht, sozusagen ohne Mühe; Dinge, die schwierig aussahen, erscheinen einfach; und unmögliche Dinge scheinen erreichbar und wahrscheinlich.
Die Manifestation in der universellen Atmosphäre ereignet sich im feinstofflichen Physischen. Im äußeren Physischen ist noch nichts sichtbar. Die Natur hat das Supramental nicht zurückgewiesen, – sie konnte es nicht ablehnen; aber das Supramental ist verschlungen worden und muss sich selbst hervorarbeiten.
Alles hat sich aber verändert, grundlegend verändert. Zuvor geschah das Wirken unter dem Druck des Lichtmentals. Sri Aurobindo hat diesen Sieg errungen. Nun ist es das Supramental, welches direkt leitet und bestimmt. Auch hier ist Sri Aurobindo maßgeblich beteiligt gewesen. Und seine Gegenwart ist immer in mir.