Kapitel 18
Wie man zuhört
Hier ist die Angelegenheit noch ernster. Denn ich gebe keine individuelle oder persönliche Antwort. Ich antworte so, dass alle davon profitieren können, und wenn ihr, anstatt zuzuhören, weiterhin denkt, was ihr in eurem eigenen Kopf habt, verliert ihr die Möglichkeit, etwas zu lernen.
Das ist der erste Punkt. Wenn du hier bist, musst du zuallererst zuhören und nicht an andere Dinge denken. Aber das reicht nicht aus, das ist nur der Anfang. Denn es gibt eine gute Art und Weise und viele schlechte Arten des Zuhörens. Ich weiß nicht, ob jemand von euch gerne Musik hört. Aber wenn ihr Musik hören wollt, müsst ihr eine absolute Stille in eurem Kopf schaffen; ihr solltet keinem Gedanken folgen oder ihn annehmen, ihr solltet ganz konzentriert sein, euch zu einer Art Leinwand machen, geräuschlos und unbeweglich. Das ist die einzige Möglichkeit, Musik zu hören und zu verstehen. Wenn du auch nur die kleinste Regung oder Eigensinnigkeit in deinen Gedanken zulässt, wird dir der ganze Wert der Musik entgehen.
Um nun eine Lehre zu verstehen, die nicht von materieller Art ist, die eine Öffnung zu den Dingen im Innern voraussetzt, ist die Notwendigkeit der Stille umso größer. Wenn du aber, anstatt dem Gesagten zuzuhören, auf eine Idee kommst, um eine weitere Frage zu stellen, oder wenn du anfängst, über das Gesagte zu diskutieren, unter dem fadenscheinigen Vorwand, besser zu verstehen, wird alles, was du gehört hast, wie Rauch vergehen, ohne eine Wirkung zu hinterlassen.
Genauso solltest du, wenn du eine Erfahrung machst, solange sie andauert, nicht die Bedeutung dieser Erfahrung zu verstehen versuchen; wenn du das tust, verschwindet sie, oder du verformst und entstellst sie und nimmst ihr ihre ganze Reinheit. Genauso musst du, soll eine spirituelle Erfahrung in dich eindringen, ein absolut ruhiges und regungsloses Gehirn haben, wie ein Spiegel, der nicht nur reflektiert, sondern absorbiert, der es dem Strahl erlaubt, einzutreten und tief in sein Inneres einzudringen, so dass er aus den Tiefen deines Bewusstseins eines Tages in Form von Wissen aufsteigen kann.
Kapitel 19
Wie man gut arbeitet
Deine Arbeit kann nie gut sein, wenn du immer nur an die nächste Sache denkst. Bei der Arbeit ist die Gegenwart das Wichtigste. Die Vergangenheit darf dich nicht zurückwerfen, die Zukunft darf dich nicht nach vorne ziehen. Man muss sich voll und ganz auf die Gegenwart konzentrieren, auf das, was man gerade tut. Du musst so sehr auf das konzentriert sein, was du tust, dass es so ist, als ob die Rettung der ganzen Welt nur von deiner Arbeit abhinge.
…wenn du etwas wirklich Gutes zustande bringen willst, irgendeine Arbeit oder eine beliebige Kleinigkeit, ein Spiel spielen, ein Buch schreiben, ein Bild malen, musizieren oder ein Rennen laufen, ganz gleich was – wenn du es gut machen willst, musst du das werden, was du tust, und nicht eine kleine Person bleiben, die sich beim Tun zuschaut. Denn wenn man sich dabei zuschaut, ist man …, ist man immer noch ein Komplize des Egos. Gelingt es einem innerlich, eins zu werden mit dem, was man tut, ist ein großer Fortschritt gemacht. Auch in den kleinsten Einzelheiten muss man das lernen. Nehmen wir ein sehr amüsantes Beispiel: Du willst eine Flasche in eine andere umfüllen. Du konzentrierst dich. Du kannst es als eine Disziplin versuchen, als eine Art Gymnastik. Nun, solange du die zu füllende Flasche, die gießende Flasche und die Bewegung des Gießens bist, solange du nur dieses bist, geht alles gut. Wenn du aber unglücklicherweise in einem bestimmten Moment anfängst zu denken: „Ah, das geht gut, ich mache das fein“, läuft es im nächsten Augenblick daneben! Es ist bei allem, bei allem, das Gleiche. Darum ist Arbeit ein gutes Mittel der Disziplin, denn wenn du eine Arbeit gut machen willst, musst du die Arbeit werden, statt jemand zu sein, der die Arbeit verrichtet, sonst wirst du es nie gut machen. Wenn du jemand bleibst, „der arbeitet“, und du außerdem die Gedanken schweifen lässt, kannst du sicher sein, dass dir beim Umgang mit zerbrechlichen Dingen diese zerbrechen werden. Wenn du kochst, wird dir etwas anbrennen, oder beim Spielen wirst du alle Bälle verfehlen! Insofern ist Arbeit eine großartige Disziplin. Denn willst du sie wirklich gut machen, ist dies der einzige Weg.
Kapitel 20
Geordnete Arbeit
In der Stube eines alten Bauernhauses stand eine antike Standuhr, die seit mehr als hundertfünfzig Jahren nie aufgehört hatte, treu zu ticken. Jeden Morgen bei Tagesanbruch, wenn der Bauer herunterkam, schaute er als erstes nach der Uhr, um sich zu vergewissern, dass sie richtig ging. Nun geschah es eines Morgens, dass die Uhr zu sprechen begann, als er wie üblich in die Stube ging:
„Seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten“, sagte sie, „habe ich ohne Unterbrechung gearbeitet und die Zeit perfekt eingehalten. Jetzt bin ich müde; habe ich es nicht verdient, mich auszuruhen und mit dem Ticken aufzuhören?“
„Deine Beschwerde ist unberechtigt, meine gute Uhr“, antwortete der kluge Bauer, „denn du vergisst, dass du zwischen jedem Ticken eine Sekunde Pause hast.“
Nach einer kurzen Bedenkzeit begann die Uhr wieder wie gewohnt zu laufen.
Was zeigt uns diese Geschichte? Dass sich bei einer geordneten Arbeit Ermüdung und Ruhe gegenseitig ausgleichen und dass Regelmäßigkeit viel Schmerz und Anstrengung vermeidet.
Kapitel 21
Eine Leitregel
…man kann als Richtschnur nehmen, dass alles, was Frieden, Zuversicht, Freude, Harmonie, Weite, Einheit und zunehmendes Wachstum mit sich bringt oder schafft, von der Wahrheit kommt; während alles, was Unruhe, Zweifel, Skepsis, Kummer, Zwietracht, selbstsüchtige Enge, Trägheit, Entmutigung und Verzweiflung mit sich bringt, direkt von der Falschheit kommt.
Kapitel 22
Handeln in der Stille
Für mich, was ich zu tun versuche, ist das Handeln in der Stille immer weitaus wichtiger…. Die Kraft, die am Werk ist, ist nicht durch Worte begrenzt, und das gibt ihr eine unendlich größere Stärke, und sie drückt sich in jedem Bewusstsein in Übereinstimmung mit seinem eigenen besonderen Modus aus, was sie unendlich wirksamer macht.