Kapitel 2
Über das Lesen von Büchern
Worte Sri Aurobindos
Es (Lesen) bringt einen nicht in einem wirklichen Sinn voran – es führt einen vom mehr physischen zum mentaleren Teil des äußeren Bewusstseins.
Worte Sri Aurobindos
Gute Bücher zu lesen kann im frühen mentalen Stadium hilfreich sein, – sie bereiten das Mental vor, bringen es in die richtige Atmosphäre, können einem sogar, wenn man sehr sensibel ist, einige flüchtige Blicke auf die Verwirklichung auf der mentalen Ebene bringen. – Danach verringert sich der Nutzen, – du musst jedes Wissen und jede Erfahrung in dir selbst finden.
Worte Sri Aurobindos
Ein philosophisches oder religiöses System ist… gegeben, damit der mentale Geist etwas haben möge, auf dem er stehen kann, während wir in der Prakriti handeln.
Worte Sri Aurobindos
Es reicht nicht, uns mit dem Lesen von Schriften oder intensiver philosophischer Argumentation um ein intellektuelles Verstehen des Göttlichen zu bemühen, denn am Ende unserer langen mentalen Arbeit könnten wir alles wissen, was über den Ewigen gesagt wurde, und alles besitzen, was über den Unendlichen gelehrt wurde, und ihn trotzdem überhaupt nicht kennen. Diese intellektuelle Vorbereitung kann tatsächlich die erste Stufe eines kraftvollen Yoga sein, aber sie ist nicht unbedingt notwendig: es ist kein Schritt, den alle machen müssen oder angewiesen werden zu gehen.
Worte Sri Aurobindos
Aber weder Gedanken noch Worte können die ewige Wahrheit erfassen.
Worte der Mutter
Intellektuelle Weiterentwicklung ist für die Vorbereitung eines guten, weiten, geschmeidigen und reichen mentalen Instrumentes unentbehrlich, aber dessen Einfluss endet dort.
Wenn man über das Mental hinausgehen will, ist es öfter ein Hindernis als eine Hilfe, denn ein verfeinerter und gebildeter mentaler Geist findet in sich selbst seine Befriedigung und versucht selten, still zu werden, um darüber hinauszugehen.
Worte der Mutter
Solange ihr euch, euer Gehirn heranbilden müsst, werdet ihr diesen starken Drang zu studieren spüren; aber wenn das Gehirn gut ausgebildet ist, wird der Geschmack am Studieren langsam abklingen.
Worte der Mutter
Das Wenige, das ihr von selbst verstehen könnt, ist besser und wirksamer als ein Ozean an Erklärungen von jemand anderem.
Worte der Mutter
Wenn ihr ein Buch mit einer profunden Lehre verstehen wollt, müsst ihr fähig sein, es mit einem stillen mentalen Geist zu lesen. Ihr müsst innehalten und den Inhalt tief in euch einsinken lassen, in den Bereich, wo es keine Worte mehr gibt, und von dort langsam wieder zu eurem äußeren Bewusstsein und seinem oberflächlichen Verstehen zurückkehren. Aber wenn ihr die Worte in euren äußeren mentalen Geist eindringen lasst und versucht, die beiden einander anzupassen, habt ihr ihren wirklichen Sinn und ihre Kraft völlig verfehlt. Es gibt kein vollkommenes Verstehen, außer ihr seid eins mit dem unausgesprochenen Geist, der hinter den Worten liegt.
Worte der Mutter
Lass dies die Notwendigkeit in deinem Leben sein: das Göttliche zu verwirklichen.
Kapitel 3
Spontane und mentalisierte Erfahrungen
Worte der Mutter
Wie kann man die Yogashakti wecken?
Es hängt von Folgendem ab: wenn man denkt, dass dies das Allerwichtigste in eurem Leben ist. Das ist alles.
Einige Leute setzen sich hin und meditieren, konzentrieren sich auf die Basis der Wirbelsäule und wollen sie unbedingt erwecken, aber das reicht nicht. Wenn es wirklich das Wichtigste in eurem Leben ist, wenn alles Übrige seinen Geschmack, seine Wichtigkeit verloren zu haben scheint und kein Interesse mehr weckt, wenn man spürt, dass man hierfür geboren wurde, dass man hierfür auf der Erde ist, und dass es die einzige Sache ist, die wirklich zählt, dann genügt es.
Man kann sich auf die verschiedenen Zentren konzentrieren; aber manchmal konzentriert man sich so lange und mit so viel Mühe und hat trotzdem keinen Erfolg. Und dann, eines Tages erschüttert dich etwas, du fühlst, dass du den Boden verlierst, du musst dich an etwas festhalten. Dann hältst du dich innerlich an der Vorstellung des Eins-Seins mit dem Göttlichen fest, der Vorstellung der göttlichen Gegenwart, der Vorstellung der Transformation deines Bewusstseins. Und du strebst danach, du willst es, du versuchst deine Gefühle, Regungen und Impulse um es herum zu organisieren. Und es kommt.
Einige Leute haben alle möglichen Methoden empfohlen; vielleicht waren es in ihrem Fall erfolgreiche Methoden, aber um die Wahrheit zu sagen, man muss seine eigenen Methode finden. Erfolg tritt erst ein, wenn man das getan hat, von dem man weiß, wie es getan werden muss, nicht vorher.
Wenn man es vorher weiß, macht man eine mentale Konstruktion und riskiert stark, in seinem mentalen Gebäude zu leben, das eine Illusion ist: denn wenn das Mental bestimmte Bedingungen aufbaut und diese dann realisiert sind, bestehen viele Chancen, dass es nur reine mentale Konstrukte sind, nicht die Erfahrung selbst, sondern nur ein Erscheinungsbild. Deshalb denke ich, bei all diesen wirklich spirituellen Erfahrungen ist es weiser, sie zuerst zu machen und dann erst darüber zu wissen. Wenn man darüber weiß, imitiert man sie, man stellt sich vor, sie zu machen; während, wenn man überhaupt nichts über all das weiß – wie die Dinge sind und wie sie geschehen sollten, was geschehen sollte und wie das eintreten könnte, – und ganz still bleibt und in seinem inneren Wesen eine Art Aussortierung macht, kann man plötzlich die Erfahrung machen und dann später wissen, was geschehen ist. Es ist vorbei, und man weiß – danach –, wie es gemacht werden muss, wenn man es getan hat. Auf diese Weise ist es sicher.
Man kann natürlich seine Vorstellungskraft benutzen, sich die Kundalini vorstellen und versuchen, sie zu erwecken. Aber man kann sich auch solche Geschichten erzählen. Ich habe so viele Leute mir Geschichten genau so beschreiben hören, wie sie in Büchern dargestellt werden. Sie kannten alle Begriffe und beschrieben jedes Detail. Und dann stellte ich ihnen nebenbei nur eine kleine Frage wie zum Beispiel, dass sie eine bestimmte Sache gewusst oder gefühlt haben müssten, wenn sie die Erfahrung gemacht hätten. Und weil dies nicht in den Büchern stand, konnten sie nicht antworten.
Mutter, bedeutet dies, dass es dann besser ist nicht zu lesen?
Unter der Bedingung, dass man innerlich wirklich dieses leidenschaftliche Streben hat. Wenn du dafür geboren bist, für den Yoga, und dies ist die Sache, die dein ganzes Leben dominiert, wenn du fühlst, ja, bevor du irgendetwas weißt, dass du unbedingt etwas finden musst, was in dir ist, dann reicht manchmal ein Wort, eine Unterhaltung, die dich lediglich orientiert, – und es genügt. Aber für die, die suchen, die herumtasten, die nicht absolut sicher sind, die hierhin und dorthin gezogen werden, viele Interessen im Leben haben, nicht standfest und in ihrem Willen die Verwirklichung zu erlangen nicht stabil sind, ist es sehr gut zu lesen, denn es bringt sie in Kontakt mit dem Thema, es gibt ihnen einiges Interesse an der Sache.
Was ich meine, ist, dass jede deutliche mentale Formation einer Erfahrung immer eine bestimmte Färbung gibt. Wie es zum Beispiel bei Menschen der Fall ist, die in einer bestimmten Religionsgemeinschaft erzogen worden sind: ihre Erfahrungen werden immer durch diese Religion gefärbt sein. Und tatsächlich, um wirklich einer Sache ganz auf den Grund zu gehen, muss man sich von äußeren Formationen befreien.
Aber es gibt eine Art Lesen, welches in dir ein Interesse an der Sache weckt und dir beim ersten Suchen helfen kann. Wenn man Erfahrungen gehabt hat, braucht man normalerweise den Anstoß durch einen Gedanken oder eine Vorstellung über die Sache, so dass das Bemühen auf bewusstere Weise Form annimmt. Aber je mehr man weiß, umso mehr muss man absolut aufrichtig in seiner Erfahrung sein. Das heißt, man darf nicht die formierende Kraft seines Bewusstseins dazu nutzen, sich das Erlebnis vorzustellen und es so in sich selbst zu kreieren. Vom Gesichtspunkt der Orientierung aus kann es nützlich sein; aber von der Erfahrung selbst aus gesehen, nimmt es ihr ihren dynamischen Wert. Es hat nicht die Intensität einer Erfahrung, die sich einstellt, weil die moralischen und spirituellen Bedingungen, die für ihr Eintreten nötig sind, erfüllt worden sind. Dort gibt es die ganze mentale Konditionierung, die hinzugefügt wird und etwas von der Spontaneität wegnimmt. Alles ist eine Sache der Proportion. Jeder muss die genaue Menge finden, die er braucht: wie viel Lesen, wie viel Meditation, wie viel Konzentration, wie viel… Es ist bei jedem anders.
Worte Sri Aurobindos
Das Wort hat Macht – sogar das gewöhnliche geschriebene Wort hat eine Macht. Wenn es ein inspiriertes Wort ist, hat es noch mehr Macht. Von welcher Art die Macht ist oder wozu sie verwendet werden soll, hängt von der Natur der Inspiration, vom Thema und dem Wesensteil ab, den das Wort berührt.
3. TEIL
Kapitel 1
Übergang zu einem höheren Prinzip
Seine Schwierigkeit und Möglichkeit
Worte Sri Aurobindos
Die Aufgabe [des Menschen] ist viel komplexer und schwieriger, weil er ein sich entwickelndes Wesen ist. Durch die Evolution der Natur, an der er Teil hat, wurde er mit einer untergeordneten Erkenntnisart ausgestattet, und diese geringere, diese mentale Wissensmacht bildet durch ihre andauernde gewohnte Tätigkeit ein Hindernis für eine neue Formierung, die größer ist als ihre Natur. Eine begrenzte mentale Fähigkeit, die einen begrenzten Sinnen-Mental erhellt, und die Fähigkeit zu einer – nicht immer gut angewendeten – Ausdehnung ihrer selbst durch Gebrauch des Verstandes, sind die Kräfte, durch die er sich zur Zeit von allen anderen irdischen Kreaturen unterscheidet. Dieser Sinnen-Mental, diese Intelligenz, dieser Verstand, wie inadäquat auch immer, sind die Instrumente, in die er gelernt hat sein Vertrauen zu setzen. Er hat mit ihren Mitteln bestimmte Grundlagen geschaffen, an denen er nicht gerne rüttelt, und hat Grenzen markiert, außerhalb derer er alles als Verwirrung, Unsicherheit und gefährliches Abenteuer empfindet. Außerdem bedeutet dieser Übergang zu einem höheren Prinzip nicht nur eine schwierige Umwandlung der Gesamtheit seines mentalen Geistes, Verstandes und seiner Intelligenz, sondern in bestimmtem Sinne eine Umkehrung all ihrer Methoden. Die Seele, die sich über eine bestimmte kritische Linie des Wandels erhebt, sieht alle ihre früheren Handlungen als unwissendes Agieren von minderem Wert an und muss eine andere Art des Wirkens bewerkstelligen, welches einen anderen Ausgangspunkt hat und die Energie des Wesens auf ganz andere Weise in Gang setzt. Wenn ein Tier-Mental aufgerufen wäre, den sicheren Boden der Sinnesimpulse, des sinnlichen Verstehens und Instinktes bewusst für das Abenteuer einer vernunftbegabten Intelligenz zu verlassen, könnte es sich erschreckt und unwillig von dieser Mühe abwenden. Der menschliche Geist wäre hier aufgerufen, einen noch größeren Wandel vorzunehmen. Und obschon im Umfang seiner Möglichkeiten abenteuerlustig und seiner selbst bewusst, könnte er dies als nicht durchführbar ansehen und das Wagnis ablehnen. In der Tat ist der Wandel nur möglich, wenn es auf unserer gegenwärtigen Bewusstseinsstufe zuerst eine spirituelle Entwicklung gibt. Er kann nur gefahrlos vorgenommen werden, wenn der mentale Geist sich eines größeren Selbst im Innern bewusst geworden ist und, vom Unendlichen angezogen, auf die Gegenwart und Führung des Göttlichen und seiner Shakti vertraut.
Passage durch einen dazwischen liegenden Zustand – Intuition:
Worte Sri Aurobindos
Die Lösung des Problems dieser Umwandlung liegt zuerst im Durchgang durch einen Vermittlungszustand und im Erfahren der Hilfe durch eine schon im menschlichen Mental wirkenden Macht, die wir als etwas ihrer Natur oder wenigstens ihrem Ursprung nach Supramentales erkennen können: die Fähigkeit zur Intuition, einer Kraft, deren Gegenwart und Wirken für uns erfahrbar wird. Wenn sie handelt, sind wir von ihrer höheren Wirksamkeit, Kraft, direkten Inspiration und ihrem Licht beeindruckt, können sie aber nicht so verstehen oder analysieren, wie wir das Arbeiten unseres Verstandes verstehen oder analysieren. Der Verstand kann sich selber verstehen, aber nicht, was jenseits von ihm liegt, – von jenem kann er sich nur eine allgemeine Form oder Repräsentation vorstellen. Das Supramental allein kann die Methode seines eigenen Wirkens erkennen. Die Kraft der Intuition handelt momentan meistens auf verborgene Weise, geheim, und in das Handeln des Verstandes und der normalen Intelligenz involviert oder meistens von diesen verschleiert. Wenn sie in einer klaren, separaten Aktion hervortritt, zeigt sie sich nur gelegentlich, in Teilen, fragmentiert und von periodischem Auftreten. Sie wirft ein plötzliches Licht, macht einen leuchtenden Vorschlag oder bringt eine einzelne brillante Lösung hervor oder verstreut eine kleine Anzahl isolierter oder miteinander verbundener Intuitionen, glänzenden Unterscheidungen, Inspirationen oder Offenbarungen. Und sie überlässt es dem Verstand, Willen, mentalen Sinn oder der Intelligenz, diese Saat der Hilfe, die von den profundesten Höhen unseres Wesen zu ihnen gekommen ist, nach ihrem Belieben zu verwenden. Die mentalen Kräfte nehmen diese Dinge sofort in Besitz, manipulieren und benutzen sie für unsere mentalen oder vitalen Zwecke, um sie den Formen des geringeren Wissens anzupassen, sie mit den mentalen Inhalten und Suggestionen zu überdecken oder zu infiltrieren. Oft verändern sie dabei die Wahrheit der Intuitionen und engen ihre potentielle Erleuchtungskraft durch dieses Hinzufügen und ihre Unterwerfung unter die Forderungen des geringeren Akteurs ein. Fast immer verkleinern sie sie sofort, indem sie ihnen keine Möglichkeit geben sich zu festigen. Oder sie verstärken sie, indem sie auf ihnen oder eher auf der Form bestehen, die die Art zu denken ihnen überwirft und dabei die größere Wahrheit ausschließt, welche der bessere Gebrauch der intuitiven Kraft ihnen gegeben haben könnte. So handelt die Intuition beim Eingreifen in die normalen mentalen Vorgänge wie durch Blitze, die einen leuchtenden Ausblick auf die Wahrheit ermöglichen. Aber sie ist kein dauerhaftes Sonnenlicht, welches das Königreich unseres Denkens, Willens, Fühlens und Handelns in seiner ganzen Reichweite sicher erhellt.
Zwei Linien des Fortschritts, die verfolgt werden müssen:
Worte Sri Aurobindos
Es wird sofort klar, dass es zwei Linien des Fortschritts gibt, denen wir folgen müssen, und die erste ist, das Handeln der Intuition zu erweitern und es dauerhafter, beharrlicher, regelmäßiger und umfassender zu machen, bis es unserem Wesen so vertraut und normal ist, dass es alles Wirken des gewöhnlichen Mentals und dessen Platz im ganzen System übernehmen kann. Dies kann nicht zur Gänze getan werden, so lange das gewöhnliche Mental weiterhin seine Macht unabhängigen Handelns und Intervenierens oder seine Gewohnheit, sich des Lichtes der Intuition zu bemächtigen und es für seine eigenen Zwecke zu manipulieren, behauptet. Die höhere Geisteshaltung kann nicht vollkommen oder gefestigt sein, so lange es der niederen Intelligenz gelingt, sie zu entstellen oder sogar irgendetwas von seinen eigenen Beimischungen hineinzubringen. Und dann müssen wir entweder den Intellekt und intellektuellen Willen und die anderen niederen Betätigungen zum Schweigen bringen und nur Raum für das intuitive Handeln lassen, oder wir müssen das niedere Handeln festhalten und durch den steten Druck der Intuition transformieren. Oder es muss eine Abwechslung und Kombination beider Methoden geben, wenn das der natürlichste oder überhaupt mögliche Weg ist. Die aktuelle Durchführung und Erfahrung des Yoga zeigt die Möglichkeit mehrerer Methoden oder Bewegungen auf, von denen keine allein zu einem vollständigen praktischen Ergebnis führt, obschon es auf den ersten Blick scheinen mag, dass logischerweise jede von ihnen dies erreichen sollte oder könnte. Und wenn wir lernen, auf keiner bestimmten Methode als der einzig richtigen zu bestehen, und die ganze Bewegung einer größeren Führung überlassen, sehen wir, dass der göttliche Herr des Yoga seine Shakti beauftragt, die eine oder andere zu verschiedenen Zeiten und alle gemäß des Bedarfs und der Art des Wesens und der Natur kombiniert zu verwenden.
Den mentalen Geist beruhigen:
Worte Sri Aurobindos
Zuerst kann es so scheinen, dass es der direkteste und richtigste Weg sei, den mentalen Geist vollkommen ruhigzustellen: den Intellekt, das Mental und den persönlichen Willen, das Mental des Begehrens, der Gefühle und Sinne zu beruhigen, und in der perfekten Stille dem Selbst, dem Geist, dem Göttlichen zu erlauben, sich zu offenbaren, und ihn das Wesen mit dem supramentalen Licht, der Macht und dem Ananda erleuchten zu lassen. Und dies ist in der Tat eine große und machtvolle Disziplin. Es ist das ruhige und stille Mental, dass sich mit viel bereiterer und größerer Reinheit als das unruhige Mental und Handeln dem Unendlichen öffnet, den Geist reflektiert, vom Selbst erfüllt wird und wie ein geweihter und gereinigter Tempel die Offenbarung des Herrn vor unserem ganzen Wesen und unserer Natur erwartet. Und es ist auch wahr, dass die Freiheit dieser Stille dem intuitiven Wesen ein umfassenderes Spiel ermöglicht und die großen Intuitionen, Inspirationen, Enthüllungen, die von innen auftauchen oder von oben herabkommen, mit weniger Behinderung und Aufruhr durch das mentale tastende Suchen und Ergreifen zulässt. Es ist deshalb von immensem Gewinn, wenn wir die Fähigkeit erlangen können, immer willentlich eine absolute Ruhe und Stille des Mentals herzustellen, die frei ist von der Notwendigkeit mentaler Gedanken oder Bewegungen und Störungen, und die aus dieser Ruhe heraus in uns nur Denken, Wollen und Fühlen zulässt, wenn die Shakti es will, und es für den göttlichen Zweck notwendig ist. Dann wird es einfacher, Art und Charakter des Denkens, Wollens und Fühlens zu ändern. Allerdings ist es nicht so, dass mit dieser Methode das supramentale Licht sofort das niedere Mental und den reflektierenden Verstand ersetzten wird. Wenn die innere Aktion nach dem Schweigen weitergeht, sogar wenn es dann ein vorwiegend intuitives Denken und Verfahren ist, werden die alten Kräfte immer noch eingreifen – wenn nicht von innen, dann mit hundert Suggestionen von außen, und eine niedrigere Geisteshaltung wird sich einmischen, in Frage stellen oder behindern oder versuchen, die größere Bewegung zu ergreifen und sie dabei herabzusetzen, zu stören oder zu verringern. Deshalb bleibt die Notwendigkeit eines Prozesses der Ausschaltung oder Transformierung der niederen Mentalität immer unerlässlich. Oder vielleicht ist beides zusammen erforderlich, ein Ausschalten von allem, was naturgemäß zum niederen Wesen gehört, seine entstellenden Missgeschicke, seine Geringschätzung von Werten, seine Verzerrung von Inhalten und allem anderen, was die größere Wahrheit nicht in sich halten kann, sowie eine Umwandlung der wesentlichen Dinge, die unser Mental vom Supramental und Geist herleitet, aber auf die Weise der mentalen Unwissenheit darstellt.
Der Weg der Hingabe:
Worte Sri Aurobindos
Eine zweite Bewegung ist für diejenigen natürlich, die den Yoga vom Ausgangspunkt des Bhakti-Weges her beginnen. Für sie liegt es nahe, den Intellekt und sein Wirken zurückzuweisen und auf die innere Stimme zu lauschen, auf den Impuls oder die Anweisung zu warten – den adesha, nur dem Plan, dem Willen und der Macht des Herrn darin zu gehorchen – dem göttlichen Selbst und Purusha im Herzen der Kreatur, ishvarah sarvabhutanam hrddeshe. Dies ist ein Vorgang, der mehr und mehr dazu führen muss, die ganze Natur intuitiver zu machen, denn die Ideen, der Wille, die Impulse und Gefühle, die vom verborgenen Purusha im Herzen ausgehen, haben diesen direkten intuitiven Charakter. Diese Methode stimmt mit der Wahrheit unseres Herzen überein. Das verborgene Selbst in uns ist ein intuitives Selbst. Es befindet sich in jedem Zentrum unseres Wesens, dem physischen, nervlichen, emotionalen und im Zentrum des Willens, des Begreifens und Erkennens, sowie den höheren mehr spirituellen Zentren. In jedem Teil unseres Wesens gibt es unseren Aktivitäten einen geheimen intuitiven Impuls, der von unserem äußeren mentalen Geist unvollkommen aufgenommen und dargestellt und im äußeren Wirken dieser Wesensschichten in Ausdrucksformen der Unwissenheit verwandelt wird. Das Herz oder emotionale Zentrum des denkenden Wunsch-Mentals ist im gewöhnlichen Menschen am stärksten. Es sammelt oder beeinflusst, wie die Dinge dem Bewusstsein dargeboten werden und wird so zur hauptsächlichen Macht in diesem System. Es ist dieser Ort, von dem aus der in allen Kreaturen wohnende Herr die Wesen, die durch die Maya der mentalen Unwissenheit an die Maschine der Natur gebunden sind, herumwirbelt. Es ist also möglich, alle unsere Handlungsimpulse von diesem intuitiven Selbst und Geist und der immer in uns wohnende Gottheit ausgehen zu lassen, und durch das Ersetzen der Impulse unserer persönlichen und mentalen Natur vom niederen äußeren zu einem anderen, inneren und intuitiven Denken und Handeln von höchst spiritualisiertem Charakter zurückzukommen. Trotzdem kann dieser Vorgang nicht vollkommen sein, denn das Herz ist nicht das höchste Zentrum unseres Wesens; es ist nicht supramental oder direkt durch die supramentalen Quellen bewegt. Ein von ihm ausgehendes intuitives Denken und Wirken ist wahrscheinlich begrenzt, sogar in seiner Intensität geschmälert, mit einer geringeren emotionalen Handlung vermischt und in seiner besten Form erregt und unruhig oder durch eine seltsame oder gestörte Eigenart in seinem Handeln oder wenigstens in vielen seiner Begleiterscheinungen überschießend oder aus dem Gleichgewicht gebracht, was der harmonisierten Vervollkommnung des Wesens abträglich ist. Das Ziel unserer Bemühung um Vervollkommnung muss sein, die spirituelle oder supramentale Aktion nicht länger ein Wunder sein zu lassen – nicht einmal ein häufiges oder andauerndes Wunder – oder nur den leuchtenden Einfluss einer größeren als unserer natürlichen Macht, sondern etwas, das für unser Wesen selbstverständlich und das Gesetz all seines Wirkens ist.
Das Zentrum des Handelns über das Gehirn erheben:
Worte Sri Aurobindos
Das höchste organisierte Zentrum unseres verkörperten Wesens und seines Wirkens ist das oberste mentale Zentrum, welches durch das yogische Symbol des tausendblättrigen Lotus, sahasradala, dargestellt wird. Oben auf seinem Gipfel findet die direkte Kommunikation mit den supramentalen Ebenen statt. So ist es möglich, eine andere und direktere Methode zu wählen: uns nicht in all unserem Denken und Handeln an den im Herz-Lotus verborgenen Herrn zu wenden, sondern an die verhüllte Wahrheit der Gottheit oberhalb des Mentals, und alles durch eine Art Herabkunft von oben zu erlangen, einer Herabkunft, derer wir uns nicht nur spirituell sondern physisch bewusst werden. Der Siddhi oder die Vollendung dieses Vorgangs kann nur zustande kommen, wenn wir das Zentrum des Denkens und bewussten Handelns in die Bereiche oberhalb des physischen Gehirns erheben und spüren können, wie es im feinstofflichen Körper aktiv ist. Wenn wir das Gefühl haben, nicht länger mit dem Gehirn zu denken, sondern im feinstofflichen Körper ober- und außerhalb des Kopfes, ist dies ein sicheres Zeichen der Befreiung von den Grenzen des physischen Mentals. Und obschon dies nicht von Anfang an vollkommen ist oder von sich aus das supramentale Wirken ermöglicht, da der feinstofflichen Körper mental und nicht supramental ist, ist es trotzdem eine subtile und reine Geisteshaltung und ermöglicht eine leichtere Kommunikation mit den supramentalen Zentren. Es wird immer noch niedere Regungen geben, aber dann ist es leichter, zu einer schnellen und klaren Unterscheidung zu kommen. Sie zeigt uns sofort die Abweichung auf, welche das intuitive Denken von der niederen intellektuellen Beimischung unterscheidet, trennt es von seinem mentalen Überzug und weist die bloßen Einfälle des Mentals zurück, die die Form der Intuition imitieren, ohne dieser in ihrem wahren Gehalt zu gleichen. Es wird einfacher sein, die höheren Ebenen des wahren supramentalen Wesens zu unterscheiden, ihre Kraft für die ersehnte Transformation herabzurufen und alles niedere Handeln an die höhere Macht und das Licht zu verweisen, damit sie es ausmustern, ausschalten, reinigen und transformieren und aus allem das richtige Material für die Wahrheit, die in uns etabliert werden muss, auswählen kann. In der Praxis sieht man, dass das Öffnen einer höheren Stufe und deren immer höheren Ebenen sowie die konsequente Umwandlung unseres gesamten Bewusstseins und seines Handelns in den Stoff ihrer Macht und erleuchteten Tätigkeit den größeren Teil der von der göttlichen Shakti verwendeten natürlichen Methode ausmacht.
Erhöhen und Weiten unseres Intellekts:
Worte Sri Aurobindos
Die vierte Methode bietet sich auf natürliche Weise der entwickelten Intelligenz an und ist für den denkenden Menschen geeignet. Sie besteht darin, unseren Intellekt zu entwickeln, statt ihn auszuschalten. Wir sollen seine Grenzen aufgeben, seine Fähigkeiten, sein Licht, Ausmaß, seine Intensität und Handlungskraft vergrößern, bis er an das grenzt, was jenseits von ihm liegt. Dann kann er leicht emporgehoben und in jene höhere bewusste Kraft umgewandelt werden. Auch diese Bewegung gründet sich auf die Wahrheit unserer Natur und fließt in den Gang und Ablauf des gesamten Yoga der Selbstvervollkommnung ein. Dieser so von mir beschriebene Vorgang schloss ein Erhöhen und Erweitern unserer natürlichen Instrumente und Kräfte ein, bis sie in ihrer Reinheit und wesentlichen Vollständigkeit die Vorbereitung der Vollkommenheit des gegenwärtigen normalen Wirkens der in uns handelnden Shakti darstellen. Der Verstand und intelligente Wille, Buddhi, ist die größte dieser Kräfte und Instrumente. Er lenkt die übrigen Wesensbereiche des entwickelten menschlichen Wesens und ist derjenige, der ihrer Entwicklung am meisten förderlich ist. Die normalen Aktivitäten unserer Natur sind allesamt für die Vollkommenheit, die wir erstreben, von Nutzen. Sie müssen zu hilfreichem Material umgewandelt werden, und je größer ihre Entwicklung, umso umfassender ist die Vorbereitung für das supramentale Wirken.
Auch das intellektuelle Wesen muss im Yoga von der Shakti aufgenommen und zu seinen vollsten und höchsten Kräften geformt werden. Die nachfolgende Transformation des Intellekts ist möglich, weil alles intellektuelle Handeln sich im Verborgenen vom Supramental ableitet, jeder Gedanke, alles Wollen enthält etwas von seiner Wahrheit, die aber durch das nachrangige Wirken der Intelligenz begrenzt und verändert ist. Die Transformation kann durch die Entfernung der Begrenzung und das Ausschalten des verzerrenden oder entstellenden Elementes erreicht werden. Dies gelingt aber nicht durch das Erhöhen und Vergrößern der intellektuellen Aktivität allein, denn diese ist immer durch die ursprünglich innewohnenden Defekte der mentalen Intelligenz eingeschränkt. Es ist eine Intervention durch die supramentale Energie notwendig, die ein Licht auf die Unzulänglichkeit im Denken, Wollen und Fühlen wirft und sie beseitigt. Auch diese Intervention kann erst vollkommen wirksam sein, wenn sich die supramentale Ebene manifestiert hat und von oberhalb des Mentals agieren kann und nicht mehr von einem verschleierten Hintergrund aus, wie dünn der Schleier auch geworden sein mag. Sie kann in einer offenen und lichtvollen Aktion konstanter werden, bis die vollkommene Sonne der Wahrheit sichtbar wird, ohne dass Wolken ihre Herrlichkeit mindern. Es ist auch nicht notwendig den Intellekt in seiner Selbstständigkeit voll zu entwickeln, bevor man diese Intervention herabruft, damit sie die supramentalen Ebenen erschließt. Die Intervention kann schon früher erfolgen, dabei unmittelbar das intellektuelle Handeln entfalten und es in diesem Prozess in die höhere intuitive Form und Substanz verwandeln.
Wie die Shakti wirkt:
Worte Sri Aurobindos
Das umfassendste natürliche Handeln der Shakti verbindet alle Methoden. Sie bewirkt – manchmal zu Beginn, manchmal in einem späteren, vielleicht letzten Stadium – die Freiheit spirituellen Schweigens. Sie öffnet das verborgene intuitive Wesen im Mental selbst und gewöhnt uns daran, uns in all unserem Denken und Fühlen, Wollen und Handeln der Initiation des Göttlichen anheimzugeben, der Herrlichkeit und Macht, die jetzt noch in den geheimsten Tiefen des Mentals verborgen ist. Wenn wir bereit sind, hebt sie das Zentrum ihres Wirkens empor und erschließt die supramentalen Ebenen. Sie schreitet auf zweierlei Weise voran – durch eine Aktion von oben herab, die die niedere Natur erfüllt und transformiert, und eine Aktion von unten nach oben, welche alle Energien zu dem erhebt, was über ihnen liegt, bis die Transzendenz erreicht und der Wandel des ganzen Systems umfassend bewirkt ist. Sie nimmt die Intelligenz, den Willen und andere natürliche Kräfte auf und entwickelt sie weiter, aber bringt beständig das intuitive Mental und danach die supramentale Energie hinein, um sie zu verwandeln und effektiver zu machen. Dies alles bewirkt sie nicht in einer starren und mechanischen unabänderlichen Reihenfolge, wie es die Unbeweglichkeit des logischen Intellekts verlangen könnte, sondern frei und flexibel gemäß den Erfordernissen ihrer Aufgabe und den Bedürfnissen der Natur.
Das Ergebnis:
Worte Sri Aurobindos
Das erste Resultat wird nicht die Erschaffung des wahren Supramentals, sondern die Organisation einer vorwiegend oder sogar vollständig intuitiven Mentalität sein, die genügend entwickelt ist, um die gewöhnliche Geisteshaltung und die logische Vernunft des entwickelten menschlichen Wesens zu ersetzen…
Wenn die intuitive Mentalität in ihrer Natur vervollkommnet werden könnte, nicht vermischt mit irgendeinem niederen Element und trotzdem ihrer eigenen Begrenzungen und der Größe der Sache dahinter nicht bewusst, könnte sie einen anderen definitiven Status und eine Zwischenstation in der Evolution wie den instinktiven Geist des Tieres oder das vernunftbegabte Mental des Menschen darstellen. Aber die intuitive Geisteshaltung könnte nur durch die über ihr liegende öffnende Kraft des Supramentals bleibend vollkommen und sich selbst genügend gemacht werden. Jene offenbart sofort die Begrenztheit des intuitiven Mentals und macht aus ihm ein vorübergehendes, untergeordnetes Zwischenglied zwischen dem intellektuellen Mental und der wahren supramentalen Natur. Die intuitive Mentalität ist immer noch ein Mental und nicht die Gnosis.
Bibliographie
Zitat
- CWSA Vol. 13, p. 199
Das Ziel und der Weg
- CWSA Vol. 32, p. 141
Was ist das Mental
- CWSA Vol. 21-22, pp. 173-74
- CWSA Vol. 21-22, pp. 181-83
- CWSA Vol. 21-22, pp. 135-36
- CWSA Vol. 13, pp. 571-72
Was ist das Denken
- CWSA Vol. 23-24, pp. 826-27
- CWSA Vol. 31, p. 48
- CWSA Vol. 31, p. 41
- CWSA Vol. 31, pp. 40-41
- CWSA Vol. 31, pp. 43-44
- CWSA Vol. 29, pp. 301-02
Ruhiger mentaler Geist – Die Grundlage der Sadhana
- CWSA Vol. 29, pp. 149-50
- CWSA Vol. 29, pp. 161-62
- CWSA Vol. 29, pp. 362-63
Wie man Stille praktiziert
- CWM Vol. 12, p. 141
- CWM Vol. 6, pp. 313-14
- CWM Vol. 9, pp. 253-54
- CWM Vol. 4, p. 182
Die vier Hilfen bei der Sadhana
- CWSA Vol. 23-24, pp. 53-58
Über das Lesen von Büchern
- CWSA Vol. 31, p. 61
- CWSA Vol. 31, p. 63
- CWSA Vol. 12, p. 105
- CWSA Vol. 23-24, p. 81
- CWSA Vol. 33-34, p. 276
- CWM Vol. 12, p. 139
- CWM Vol. 12, p. 138
- CWM Vol. 12, p. 214
- CWM Vol. 3, p. 65
- CWM Vol. 14, p. 3
Spontane und mentalisierte Erfahrungen
- CWM Vol. 7, pp. 208-12
- CWSA Vol. 27, p. 714
Übergang zu einem höheren Prinzip
- CWSA Vol. 23-24, pp. 800-09

CWM: Collected Works of the Mother, 2nd ed., Vols. 1-17
CWSA: Complete Works of Sri Aurobindo, 2012, Vols. 1-37