Kapitel 8
Der heilende Blick
Ich hatte ein süßes kleines Kätzchen, ein ganz gesittetes, wunderbares Kätzchen. Es war im Haus geboren worden, und wie alle Katzen pflegte es mit allem zu spielen, was sich bewegte. Damals befand sich im Haus ein großer Skorpion. Aus Gewohnheit spielte das Kätzchen auch mit diesem – und der Skorpion stach es. Doch war das Kätzchen außergewöhnlich: Es kam zu mir, fast sterbend, und zeigte mir sein Pfötchen mit dem Stich – das Pfötchen war schon geschwollen und in einem schlimmen Zustand. Da nahm ich mein Kätzchen – es war wirklich süß – und legte es auf einen Tisch. Dann rief ich Sri Aurobindo und sagte zu ihm: „Kiki ist von einem Skorpion gestochen worden und muss geheilt werden.“ Das Kätzchen streckte den Hals und blickte Sri Aurobindo mit schon etwas glasigen Augen an. Sri Aurobindo setzte sich vor es hin und blickte es ebenfalls an. Dann war zu sehen, wie das Kätzchen sich allmählich erholte, zu Kräften kam, und nach einer Stunde sprang es auf die Pfoten und lief gesund davon…
Kapitel 9
Die heilende Hand
Es gibt zwei1 Arten, eine Krankheit spirituell zu heilen. Die eine besteht darin, eine Kraft des Bewusstseins und der Wahrheit auf den physisch erkrankten Teil zu richten. In diesem Fall hängt die Wirkung natürlich von der Empfänglichkeit der betreffenden Person ab. Angenommen, die Person sei empfänglich; die Kraft des Bewusstseins wird auf die kranke Stelle gerichtet, und der ausgeübte Druck stellt die Ordnung wieder her. Viele von euch hier können davon erzählen, wie Sri Aurobindo sie geheilt hat. Es war wie eine Hand, die kam und den Schmerz wegnahm. So klar und deutlich ist das.
1 Ansonsten, wenn der Körper gar nicht oder nur unzureichend empfänglich ist, sieht man die innere Entsprechung mit dem psychischen Zustand, der die Krankheit hervorgerufen hat, und wirkt darauf ein.
Kapitel 10
Die Uhren liefen falsch
Die andere Geschichte geschah, als Sri Aurobindo in den Zimmern auf und ab zu schreiten pflegte. Er marschierte mehrere Stunden, das war seine Art zu meditieren. Doch wollte er dabei die Zeit wissen. Darum war in jedem Zimmer eine Uhr angebracht worden, so dass er jederzeit sehen konnte, wie spät es war. Drei Uhren standen da. Die eine befand sich in dem Zimmer, wo ich arbeitete, das war sozusagen sein Ausgangspunkt. Eines Tages kam er und fragte: „Wie spät ist es?“ Er schaute auf die Uhr – sie stand. Er ging ins nächste Zimmer, um zu sehen, wie spät es war – die Uhr stand. Sie war zur selben Zeit stehengeblieben, mit nur ein paar Sekunden Unterschied. Er ging ins andere Zimmer … die Uhr stand. Dreimal dasselbe – alle Uhren standen still! Dann kam er wieder in mein Zimmer und sagte: „Das geht zu weit!“, „This is a bad joke!“ Worauf alle Uhren, eine um die andere, wieder zu laufen anfingen. Ich habe es gesehen, es war ein reizendes Ereignis. Er war verärgert, er sagte: „Das ist ein schlechter Scherz!“ Und alle Uhren liefen wieder!
Kapitel 11
Grausamkeit war für Sri Aurobindo etwas höchst Abscheuliches
Grausamkeit gehörte zu den Dingen, die Sri Aurobindo am meisten zuwider waren, doch sagte er immer, sie sei die Entstellung einer Intensität; man könnte fast sagen, sie ist die Entstellung einer intensiven Liebe, etwas, das sich nicht mit Mittelmäßigem begnügt, sondern das Extreme will, und das ist berechtigt.
Ich habe immer gewusst, dass Grausamkeit, auch Sadismus, ein Bedürfnis nach heftiger, äußerst starker Empfindung ist, um eine dicke Schicht fühlloser Stumpfheit zu durchdringen; es braucht etwas Extremes, damit Tamas [das Prinzip dumpfer Trägheit] fühlen kann.
Kapitel 12
Wunder im Mental
Was Sri Aurobindo betrifft, so weiß ich nur, was er mir mehrere Male gesagt hat. „Wunder“ nennen die Leute nur die Eingriffe in die stoffliche oder die vitale Welt. Und diese Eingriffe sind stets mit Regungen der Unwissenheit und Willkür vermischt. Aber unzählbar sind die Wunder, die Sri Aurobindo im Mental getan hat; doch konnte man sie natürlich nur sehen, wenn man eine gerade, aufrichtige Schau hatte – manche haben es gesehen. Hingegen weigerte er sich – das weiß ich –, irgendein vitales oder stoffliches Wunder zu tun, eben wegen dieser Vermischtheit.
Auch ist es eine Erfahrung, dass man beim gegenwärtigen Zustand der Welt notgedrungen einer Menge lügenhafter Elemente Rechnung tragen muss, wenn man ein unmittelbares vitales oder stoffliches Wunder tut – es wird einfach ein lügenhaftes Wunder, und das kann man nicht zulassen. Ich habe gesehen, was die Leute Wunder nennen, zu einer bestimmten Zeit habe ich viele gesehen; aber das bedeutete, dass einer Menge Dinge ein Daseinsrecht eingeräumt wurde, die für mich unzulässig sind. Was die Leute heutzutage „Wunder“ nennen, wird fast immer von Wesen der vitalen Welt bewerkstelligt oder von Menschen, die mit solchen in Verbindung stehen, und das ist ein Mischmasch – das lässt die Wirklichkeit, die Wahrheit gewisser Dinge gelten, die unwahr sind. Und auf dieser Grundlage wirkt es. Darum ist es unannehmbar.