Kapitel 8
Shastra und jenseits des Shastra
Worte Sri Aurobindos
Die Bedeutung des Shastra besteht darin, dass es einen Maßstab außerhalb von uns aufstellt, der verschieden ist von unseren persönlichen Begehrlichkeiten, Vernunftgründen, Leidenschaften und Vorurteilen, also außerhalb steht von unserem Egoismus und unserem eigensüchtigen Willen. Wenn wir unser Leben im richtigen Geist diesem Sittengesetz unterstellen, dann können wir nicht nur die Selbstbeherrschung erlangen, sondern wir können selbst das höhere, lichtvollere – sattwische – Ego, ahankara, auf ein Mindestmaß herabsetzen und uns so auf die Befreiung vorbereiten. In den „Alten Zeiten“ war das Shastra das Sittengesetz der Veden – Vedika Dharma. Es beruhte auf einem gründlichen Wissen von der Psychologie des Menschen und von den Gesetzen des Weltenlaufes. So offenbarte es dem Menschen sein eigenes Wesen und zeigte ihm, wie er im Einklang mit seiner Natur leben solle. Nach diesen offenbarten Gesetzen kamen später die von den Menschen verfassten Sittengesetze, Smritis, welche dasselbe Ziel auf eine viel gröbere Weise dadurch zu erreichen suchten, dass sie die Menschen aufgrund von allgemeinen Charaktertypen in die vier Gesellschaftsklassen, Kasten, einteilten, caturvarnya, von denen die Veden sprechen. Heute ist davon kaum mehr etwas anderes übrig als nur eine blinde mechanische Sitte und eine zum Gewohnheitsrecht erstarrte Sozialordnung –, nicht mehr von erleuchteter, sattwischer Art,sondern von düsterer Trägheit, tamas. Dieses ist keine Disziplin mehr, die auf die Befreiung vorbereitet, sondern es wurde zur reinen Fessel für die Menschen.
So kann selbst das höchste Sittengesetz, Shastra, für die Zwecke des Egoismus missbraucht werden: für den Egoismus der Tugendhaftigkeit und für den Egoismus des Vorurteils und persönlicher Auffassungen. Bestenfalls ist das Sittengesetz ein starkes Mittel zur Vorbereitung auf die Befreiung. Es ist dann der „Brahma, der durch die ursprüngliche Wortenergie wirkt“, sabda-brahma. Wir dürfen uns aber mit einer bloßen Vorbereitung auf die Befreiung nicht zufrieden geben. Sobald uns die Augen geöffnet sind, müssen wir zur tatsächlichen Befreiung vorwärts eilen. Die befreite Seele und der Sadhak, der nach der Befreiung trachtet, und der auch seine Handlungen völlig Gott überantwortet hat, erreicht „die Höhe jenseits vom höchsten Sittengesetz“, sabdabrahmativartate.
Der Sadhaka des Integralen Yoga soll sich daran erinnern, dass kein geschriebenes Shastra mehr sein kann als ein nur teilweiser Ausdruck des ewigen Wissens, wenn auch seine Autorität noch so groß und sein Geist noch so umfassend ist. Er wird es also verwenden; er wird sich aber an keine, auch nicht an die höchste Schrift binden. Wo die Schrift tief, weit und umfassend ist, kann sie auf ihn Einfluss zum höchsten Guten ausüben und von unberechenbarer Wichtigkeit sein. Sie mag sich in seiner Erfahrung mit seinem eigenen Erwachen zu überragenden Wahrheiten und mit seiner Verwirklichung der höchsten Erfahrungen vereinigen. Sein Yoga kann lange Zeit hindurch von einer einzelnen oder von mehreren Schriften nacheinander bestimmt werden. Wenn der Yoga der Linie der großen Hindu-Tradition folgt, kann das etwa durch die Gita, die Upanishaden oder den Veda geschehen. Ein großer Teil der Entwicklung des Yogin kann in seinem Material auch eine reich variierte Erfahrung der Wahrheiten vieler Schriften umfassen; so kann er seine Zukunft durch all das bereichern, was das Beste in der Vergangenheit ist. Schließlich muss er aber doch seinen eigenen Standpunkt einnehmen, oder besser: Er soll, wenn er es vermag, immer und von Anfang an in seiner eigenen Seele leben, jenseits der Begrenzungen des von ihm gebrauchten Wortes. Die Gita erklärt deshalb, dass der Yogin in seiner Entwicklung unabhängig von der geschriebenen Wahrheit sein muss – sabdabrahmativartate –, über allem stehend, was er je hörte und noch zu hören bekommt – srotavyasya srutasya ca. Denn er ist nicht der Sadhaka eines Buches oder vieler Bücher; er ist der Sadhaka des Unendlichen.
Kapitel 9
Setze dein Wissen in die Praxis um
Worte der Mutter
In der Zeit, bevor es Druckereien und Bücher gab …, hatte nur der Guru oder der Eingeweihte das Wissen, und er gab es nur an jene weiter, die er dessen würdig erachtete. Und für ihn bedeutete „dessen würdig sein“ in der Regel, das Gelernte in die Tat umzusetzen. Er gab einem eine Wahrheit und erwartete, dass man danach handelte. Und wenn man die Wahrheit in die Tat umgesetzt hatte, willigte er ein, einem eine andere zu geben.
Heute gehen die Dinge völlig anders vor sich. Jeder X-Beliebige kann ein Buch bekommen und es durchlesen, und es steht ihm völlig frei, danach zu leben oder nicht, wie es ihm gefällt. Das ist alles sehr schön, doch in den Gemütern setzt sich ein gewisses Durcheinander fest, und jene, die viele Bücher gelesen haben, bilden sich ein, das genüge, und sie müssten alle möglichen wunderbaren Dinge erleben, weil sie Bücher gelesen haben, und sie hätten es nicht nötig, die Mühe der praktischen Anwendung auf sich zu nehmen. Dann werden sie ungeduldig und sagen: „Wie kommt es, dass ich trotz alledem, was ich gelesen habe, immer noch genau die gleiche Person bin, immer noch dieselben Schwierigkeiten habe und zu keiner Verwirklichung gelangt bin?“ Solche Bemerkungen höre ich ziemlich oft.
Sie vergessen eines, nämlich, dass sie das Wissen – intellektuelles, mentales Wissen – hatten, bevor sie es verdienten, das heißt bevor sie das Gelesene in die Tat umgesetzt hatten, und dass es natürlich an Übereinstimmung fehlt zwischen ihrem Bewusstseinszustand und den Ideen, den Kenntnissen, von denen sie in Ruhe sprechen können, die sie aber nicht praktisch angewandt haben…
Damit will ich sagen, dass man nicht ungeduldig werden darf und folgendes verstehen muss: Um Wissen, welches es auch sei, wirklich zu besitzen, muss man es praktisch anwenden, das heißt seine Natur beherrschen, um dieses Wissen in Taten ausdrücken zu können.
Es ist sinnlos, Bücher mit Anleitungen zu lesen, wenn man nicht entschlossen ist, das zu leben, was sie lehren.
Etwas aufrichtige und regelmäßige Praxis ist mehr wert als eine Menge kurzlebiger Vorsätze.
Es liegt an dir, das Ideal, das dein Verstand dir vorgibt, in der Praxis zu verwirklichen.
Du scheinst bereits sehr bewusst zu sein, was man tun sollte und was nicht, doch bei dir beginnt die Schwierigkeit damit, es in die Praxis umzusetzen. Du solltest nicht um mehr Wissen bitten, sondern um die Kraft und den Mut, das Wenige, das du schon weißt, aufrichtig und gewissenhaft anzuwenden.
Es genügt nicht, zu wissen, man muss praktizieren.
Es genügt nicht, so zu tun, als ob, man muss sein.
Auf dem Pfad der Wahrheit musst du, um mehr zu wissen, das, was du bereits weißt, in die Praxis umsetzen.
Etwas aufrichtige Praxis ist viel mehr wert als eine Menge geschriebener oder gesprochener Worte.
Ein Tropfen Praxis ist besser als ein Ozean von Theorien, Ratschlägen und guter Vorsätze.
Zuhören ist gut, aber nicht ausreichend – man muss verstehen.
Verstehen ist besser, aber immer noch nicht ausreichend – man muss handeln.
Menschen, die nicht leben, was sie denken, sind nutzlos.
Es ist gut, eine Göttliche Lehre zu lesen.
Es ist besser, sie zu lernen.
Das Beste ist, sie zu leben.
Alle Theorien, alle Lehren sind letztlich nichts als Sicht- und Ausdrucksweisen. Selbst die höchsten Offenbarungen sind nicht mehr wert als die Kraft der Verwirklichung, die mit ihnen einhergeht.
Am Anfang des Kapitels Die Tausende im Dhammapada wird gesagt, dass ein einziges Wort, das dir Frieden schenkt, mehr wert ist als tausende von Worten ohne Sinn – jeder X-Beliebige kann sie verstehen –, doch es heißt auch, dass das Wort, welches Frieden gibt, mehr wert ist als tausende von Worten, die die Aktivität des Mentals befriedigen, aber keine psychologische Auswirkung auf dein Wesen haben.
Im Grunde genommen ist es so: Hast du etwas gefunden, das die Kraft hat, dir zu einem Sieg über deine Unbewusstheit oder deine Trägheit zu verhelfen, musst du die Wirkung, die durch dieses Wort oder diesen Satz hervorgerufen wurde, bis zum Ende ausschöpfen, ehe du andere zu suchen beginnst.
Es ist weitaus wichtiger, der Praxis einer Wirkung, die man durch eine irgendwie erlangte Idee erzielte, bis zum Ziel nachzugehen, als zu versuchen, eine Menge Ideen in seinem Kopf zu sammeln. Die Ideen können zu ihrer Zeit sehr nützlich sein, wenn man sie im richtigen Augenblick wirksam werden lässt und man darüber hinaus das Ergebnis dieser dynamischen Ideen, die die Kraft haben, dich einen inneren Sieg erringen zu lassen, bis zu den äußersten Grenzen ausdehnt. Man sollte sich also als sein Hauptziel, wenn nicht gar als das einzige Ziel setzen, in der Praxis zu realisieren, was man weiß, statt in sich ein Wissen anzusammeln, das nur theoretisch bleibt.
Man könnte es so zusammenfassen: Setze das, was du weißt, vollständig in die Praxis um, dann kannst du dein theoretisches Wissen sinnvoll bereichern.
Worte Sri Aurobindos
Meide die fruchtlosen Fallen einer leeren Metaphysik und den trockenen Staub einer öden Intellektualität. Nur jenes Wissen lohnt es zu haben, das für lebendige Wonne genutzt werden kann und sich umsetzen lässt in Temperament, Tätigkeit, Schöpferkraft und Sein.
Werde und lebe das Wissen, das du hast; dann ist dein Wissen der lebendige Gott in dir.
Der Lotus ewigen Wissens und ewiger Vollkommenheit ist eine Knospe in uns. Sie öffnet sich rasch oder allmählich, ein Blütenblatt nach dem anderen, durch eine Aufeinanderfolge von Verwirklichungen, sobald sich das Mental des Menschen dem Ewigen zuzuwenden beginnt und sein Herz, nun nicht mehr durch sein Haften an den endlichen Erscheinungen zusammengepresst und eingeengt, von einer wachsenden Liebe zu dem Unendlichen glüht. Von nun an werden das ganze Leben, alles Denken, jede kräftige Entfaltung der Befähigungen, alle aktiven oder passiven Erfahrungen zu vielen Schockwirkungen, wodurch die Umhüllungen der Seele zerrissen und die Hindernisse gegen ihr unvermeidliches Aufblühen beseitigt werden. Wer den Unendlichen erwählt, ist selbst vom Unendlichen erwählt worden. Er hat die göttliche Berührung empfangen, ohne die es für ihn kein Erwachen und kein Sich-öffnen des Geistes gibt; wer diese aber einmal empfangen hat, kann sich dessen sicher sein, dass er zu Gott gelangt, ob nun rasch im Verlauf eines einzigen menschlichen Lebens oder geduldig durch viele Stadien des Kreislaufs der Existenz im manifestierten Universum.
Man kann das Mental nichts lehren, was nicht bereits als potentielles Wissen in der sich entfaltenden Seele des Geschöpfes enthalten ist. So ist auch die Vollkommenheit, derer der äußere Mensch fähig ist, nur eine Verwirklichung der ewigen Vollkommenheit des Geistes in seinem Inneren. Wir erkennen das Göttliche und werden zum Göttlichen, weil wir Dieses bereits in unserer geheimen Natur sind. Alles Belehren ist ein Enthüllen, alles Werden ist ein Entfalten. Das Geheimnis liegt darin, wie man zum Selbst gelangt. Die Mittel und der Vorgang dabei sind das Wissen vom Selbst und ein ständig wachsendes Bewusstsein.
Kapitel 10
Grundlegende Herangehensweise an die Werke Sri Aurobindos und der Mutter
Nolini Kanta Gupta
Warum lesen wir die Werke Sri Aurobindos und der Mutter? Und wenn wir sie lesen, wie sollen wir sie lesen?
Lesen wir um des Studiums willen, um Dinge zu kennen, um Wissen zu erlangen? Das ist ein zweitrangiger Aspekt, ein Gewinn, den wir nebenbei erzielen. Der wirkliche Zweck des In-Kontakt-Kommens mit den Worten der Mutter und Sri Aurobindos ist, bewusst zu werden, Bewusstsein zu erlangen, mehr und mehr bewusst zu werden, das Bewusstsein immer mehr zu erweitern. Zu verstehen, das heißt mit dem Mental zu verstehen und die Schriften der Mutter und Sri Aurobindos intellektuell zu erfassen, ist ziemlich schwierig. Der leichtere, der richtige Weg wäre es, die Atmosphäre der Welt, die sie mit ihren Worten erschaffen haben, zu betreten, die Schwingungen, die die Worte aussenden, zu spüren. Denn die Worte, die sie geäußert haben, sind nicht bloß Worte, die den Wörterbüchern entnommen oder in ihnen gefunden werden; sie sind nicht bloß Klänge, tote Silben. Sie sind lebendige Wesen, Symbole des Bewusstseins, von dem ich gerade gesprochen habe. Diese Symbole, die Symbole des Bewusstseins sind, leuchten, sie verströmen überall hin Licht, sie sind voller Kraft und dehnen ihre Kraft überall hin aus, sie sind lebendig und sie sind voller Freude. Es ist diese innere Welt, die hinter der äußeren Welt der Worte liegt, mit der man zuerst in Kontakt und sich ihrer bewusst sein muss, bevor man ein mentales Verstehen haben kann; mit anderen Worten: Du musst die richtige Haltung kultivieren, dein Bewusstsein in Einklang mit dem Bewusstsein bringen, welches die Worte der Mutter und Sri Aurobindos hervorgebracht hat. Du musst sozusagen einen Sprung, ein Bad in den Fluten wagen und von der Liebkosung des Elementes durchtränkt sein, um in lebendige Berührung mit der Substanz der Worte zu kommen und über deren Bedeutung hinaus zu gehen, und wenn nötig, sie sogar zu umgehen. Du musst mit dem lebendigen Saft, dem rasa, in Kontakt kommen, der sich in die Schöpfung verströmt hat. Wenn du davon gekostet hast, dann – er hat sein eigenes Licht –, wird er dich automatisch mit seinem Strahlen durchfluten. Die Wonne des Badens in der lebendigen Quelle wird sich in Rhythmen von Erkenntnis und wirklichem Verstehen ausdrücken.
Dies sollte jedenfalls die Grundlage der Herangehensweise an die Werke der Mutter und Sri Aurobindos sein. Du magst eine prächtige intellektuelle Ausrüstung und alle die Informationen, die die Wissenschaften und Philosophien gesammelt haben, besitzen, du magst die ganze Entwicklung menschlichen Wissens bis zur heutigen Zeit studiert haben –, dies sind alles weniger bedeutende Lichter, sie erklären nicht das Licht, vor dem du stehst. Dieses Licht wird durch seinen eigenen Widerschein oder seine Ausstrahlung in dir aufgezeigt und erkannt, dem kleinen Licht, das in dir ist, deine Seele.
Tatsächlich hat es Fälle gegeben, in denen große Intellektuelle, namhafte Gelehrte sich von den einfachsten wunderbaren Aussagen der Mutter und Sri Aurobindos um ihre Fassung gebracht sahen. Andererseits konnten einfachere Gemüter ohne Bildungslast oder überhebliche Pedanterie mit dem reinen Lichtstrahl in der Tiefe ihres Bewusstseins den verborgenen Sinn erfassen und entschleiern.
Dein mentales Verstehen, dein intellektuelles Begreifen kann oder wird zur Freude deiner Entdeckung beitragen –, die sich nachträglich oder am Ende einstellt, wenn dein Gehirn, dein physischer Verstand vom Strom des inneren Lichts durchflutet worden und rein, formbar und gelehrig geworden ist.
In anderer Hinsicht musst du, um die Wahrheit zu verstehen – die Wahrheit, die die Worte der Mutter und Sri Aurobindos ausdrücken –, damit anfangen, sie zu leben, ihr nicht nur mit dem Mental, nicht einmal nur mit deinem Herzen näher zu kommen, sondern sie selbst in deinem Körper zu besitzen. Die Mutter sagt, wahres Verstehen kommt durch das Verstehen des Körpers. Wirklich, das wahre Ziel der Erkenntnis ist nicht bloß zu wissen, sondern zu sein.
Kapitel 11
Sri Aurobindo lesen
Nolini Kanta Gupta
Ich hörte, dass du etwas über Sri Aurobindo und die Mutter von mir wissen möchtest. Aber da gibt es drei Arten der Herangehensweise: Du möchtest etwas über sie wissen, etwas von ihnen wissen oder sie kennenlernen wollen. Natürlich ist Letzteres das Beste. Tatsächlich, wenn du etwas wirklich wissen willst, musst du es werden. Werden verleiht das wirkliche Wissen. Aber was bedeutet Sri Aurobindo und die Mutter werden? Ein Teil von ihnen werden, ein integraler Bestandteil ihres Bewusstseins – das ist es, wofür wir hier sind. Und wenn du das tun kannst, weißt du genug…
Ich sagte dir einmal, wie man Sri Aurobindo und die Mutter studieren oder welche Herangehensweise man wählen sollte, wenn man sie lesen oder ihre Schriften verstehen will. Da gibt es zwei Dinge: Studieren und Lesen; ich machte einen Unterschied zwischen beiden. Sri Aurobindo zu studieren ist – ich würde nicht sagen fruchtlos, das ist ein zu starkes Wort, aber es kann nur eine Hilfe oder ergänzender Weg sein. Studium bedeutet: Du nimmst den Text, du verstehst mental jedes Wort und jeden Satz. Wenn du etwas nicht verstehst, nimmst du ein Lexikon und versuchst, die durch Worte ausgedrückte äußere Bedeutung zu erfassen. Das kann notwendig sein, aber es ist nicht der Weg, sich mit ihren Werken zu befassen.
Sie einfach auf die richtige Weise zu lesen, ist genug. Lies, es ist nicht wichtig, was du verstehst und was nicht, lies einfach und warte in einer aufmerksamen Stille. Beim Studieren näherst du dich ihnen mit deinem äußeren Mental, deiner äußeren Intelligenz. Aber was in dem Text enthalten ist, liegt außerhalb deines Mentals, außerhalb deiner Intelligenz. Und mental zu verstehen bedeutet, du treibst deinen Intellekt in diese Sache hinein. Es ist ein Bemühen und bringt dich nur an die Außenseite der Sache. Es ist eine Übung deines Gehirns, auf diese Weise hervorgebracht, aber es bringt dich nicht sehr weit. Stattdessen, angenommen du könntest dein mentales Bewusstsein beruhigen, still machen, und nur lesen, ohne unnötig zu versuchen zu verstehen, und darauf achten, dass das, was da in dem Text ist, in dich eingeht… Statt dass dein Mental vorausstürmt, vorwärts drängt und versucht, die Sache zu erfassen, lass sie in dich hineinkommen, denn was da in den Schriften ist, sind keine Worte und Sätze, totes Material, es ist etwas sehr Lebendiges, etwas Bewusstes, das sie in den Worten, Sätzen und dem Klang und Rhythmus ausgedrückt haben. Und ich möchte dir sagen, dass jeder Satz, irgendwo, nicht zu sprechen von „Savitri“, ein lebendiges Wesen ist, mit dem du dich bekannt machen musst, – nicht, dass du es verstehen oder erklären kannst –, sondern er ist ein lebendiges Wesen, eine Wesenheit, ein Freund, sogar ein Geliebter, den du kennenlernen musst. Und ein solcher Versuch von dir wird belohnt. Du wirst viel mehr Freude haben. Vielleicht fragst du: „Bloß weil ich ein Buch öffne und lese, wie kann das, was in den Zeilen steht, zu mir kommen?“ Aber ich sage, dass es lebendige Wesenheiten sind – wenn du dich ihnen mit dem richtigen Geist näherst, kommen sie in dich hinein. Das Bewusstsein, das Wesen jeder Zeile kommt zu dir. Und du wirst sehen, wie schön es ist. Dies ist eine Herangehensweise der Liebe, nicht des Intellekts um zu verstehen und zu erklären. Nimm zum Beispiel die allererste Zeile von „Savitri“:
„Es war die Stunde, bevor die Götter erwachen.“
Es ist ein Mantra, eine lebendige Person, wie schön es, du musst nicht viel verstehen – und eine ganze Welt eröffnet sich.
Oder nimm den ersten Satz von „Das Göttliche Leben“ – da ist der Wellenrhythmus des unermesslichen Ozeans. Er bringt dir ein Gefühl von Weite, ein Gefühl von Unendlichkeit und trägt dich dorthin. Und, wie ich schon sagte, er ist eine sehr lebendige Wesenheit und Persönlichkeit.
Hier ist die ganze Passage:
„Das früheste Anliegen im erwachten Denken des Menschen und, wie es scheint, sein unentrinnbares und letztes Anliegen ist auch das höchste, das sein Denken sich vorstellen kann – denn es überlebt die längsten Zeiträume des Skeptizismus und kehrt nach jeder Verbannung wieder zurück. Es offenbart sich in der Ahnung der Gottheit, im Impuls zur Vollkommenheit, im Suchen nach reiner Wahrheit und unvermischter Seligkeit, im Empfinden einer geheimen Unsterblichkeit. Die frühen Morgendämmerungen menschlicher Erkenntnis bezeugen dieses ständige sehnsuchtsvolle Streben. Heute sehen wir, dass sich eine Menschheit anschickt, zu ihren ursprünglichen Sehnsüchten zurückzukehren, gesättigt und doch nicht befriedigt von der sieghaften Analyse des Äußeren der Natur. Die älteste Formulierung der Weisheit verspricht auch ihre letzte zu sein: Gott, Licht, Freiheit, Unsterblichkeit.“
Dahinter liegt wirklich eine Persönlichkeit und du musst dich mit dieser Persönlichkeit vertraut machen. Das ist es, wenn ich sagte: werde es, durch eine Annäherung mit Liebe, eine Annäherung mit deiner Seele. Sogar beim Studium solltest du nicht mit dem bloßen Intellekt herangehen, dem bloßen mentalen Verstehen. Gleich welch feines Verstehen oder guten Intellekt du haben magst, sie bringen dich nicht sehr weit. Nur durch deine Seele kannst du weit kommen. Sogar intellektuellen Dingen kannst du dich mit deiner Seele nähern – weil die Seele die Essenz all deiner Fähigkeiten und deines ganzen Wesens ist. Die Seele ist nicht bloß Bewusstsein, bloß ein Wesen, sie versammelt in sich alle Elemente deiner Persönlichkeit. Die Samenkeime deines Mentals, deines Vitals, sogar der physischen Persönlichkeit, der wahren physischen Persönlichkeit sind dort in deiner Seele, und du kannst eine wahre Beziehung mit Dingen und Personen durch diesen Teil deines Wesens – der Seele – herstellen. Und erinnere dich, die Seele ist nicht weit von dir entfernt, denn du bist sie. Eher sind dein Mental, dein Vital und dein Körper weiter von dir entfernt; sie sind nicht deine wahre Persönlichkeit. Es ist die Seele, die dir am nächsten ist.
In diesem Zusammenhang magst du dich daran erinnern, was die Mutter mehr als einmal gesagt hat: Wofür ist man hier? Wofür sind die Kinder hier? Und was gibt sie hier in der Schule, im Playground (Schulhof), in allen Aktivitäten? Es ist nicht die bloße Leistung in den äußeren Aktivitäten, die hier ermöglicht wird, oder die hier ermöglicht werden soll. Denn solche Dinge kann man außerhalb erfolgreicher erlangen – äußere Leistung deines Intellekts, deines Mentals, deiner vitalen Fähigkeiten, deiner physischen Kraft – der russischen oder deutschen Art. Unsere Rekorde entsprechen nicht den ihren, ist es nicht so? Aber wir streben nicht nach diesen Rekorden. Denn, wie die Mutter gesagt hat: „Ich gebe hier etwas, was du an keinem anderen Ort in der Welt bekommen wirst – nirgendwo außer hier.“ Äußerlich magst du eine schlechte Figur abgeben: schlechtere Noten – aber das ist kein Anhaltspunkt für die Wahrheit, die wir hier erlangen. Du erlangst sie, sogar ohne es selbst zu wissen. Wenn du im Schwimmbecken bist, bist du ganz nass geworden, nicht wahr? Du kannst nichts dagegen tun. So ist es auch hier. Sogar ohne dass du es weißt, bist du vom inneren Bewusstsein deiner Seele durchtränkt. Es ist etwas sehr Kostbares – ich würde sagen, das Kostbarste in der Welt. Und hierdurch, wenn du studierst, wenn du lernst – wenn du auf diese Weise herangehst, wirst du einen anderen Geschmack bekommen, ein anderes Interesse an Dingen.
Wenn ich mit Sri Aurobindo zusammen gelesen habe, maß er der Grammatik oder der Sprache nicht so viel Bedeutung bei – nur den grundlegendsten Grammatikregeln, die notwendig waren. Er brachte mich in Kontakt mit dem Leben, der lebendigen Persönlichkeit des Dichters, wie er war, was er in seinem Bewusstsein repräsentierte. Das war das zentrale Thema, denn ein wahrhaft großer Dichter zeichnet sich durch den Zustand seines Bewusstseins aus, und um sein Bewusstsein zu verstehen, musst du dich mit seinem Wesen identifizieren.
Amrita sagte dies auch immer, weil er die Gita von Sri Aurobindo lernte. Er konnte den Geist Krishnas und den Geist Arjunas immer spüren – ihre Beziehungen und die Atmosphäre, die sie schufen. Es ist nicht nur die Lektion in der Schrift, die Lehre, die wichtig ist –, das ist zweitrangig. Die Person ist das Wichtigste. Und der Person in dem Buch oder außerhalb davon kannst du dich nur mit deiner Seele, durch Liebe nähern. Nur die Seele kann lieben.
Ich glaube, ich erzählte dir einmal, dass jemand mich fragte: „Du sprichst von der Seele, aber wo ist sie?“
Ich sagte: „Sie ist sehr nahe bei dir, trotzdem glaubst du es nicht. Wenn du ruhig in dich hinein schaust, wirst du sehen, dass es viele gute Dinge in dir gibt, nicht nur schlechte Dinge –, ein kleines Bisschen vielleicht, Schattierungen oder Schatten vielleicht, aber du weißt, dieses ist ein guter Gedanke in mir, dieses ist ein edler Impuls, ein süßes Gefühl. Jeder hat alle diese Dinge, du musst sie nur erkennen. All das ist der Ausdruck der Seele in dir. Die schönen, die leuchtenden, die edlen Dinge, die dir, in deinem Bewusstsein von Zeit zu Zeit aufscheinen, sie kommen alle von deiner Seele.“ Sogar der größte Schurke hat solche Augenblicke. Du erinnerst dich an Lady Macbeth – bekannt als die grausamste Frau –, die über Duncan sagte: „Ich hätte ihn selbst getötet, aber er sah aus wie mein Vater.“ Nun, das ist das Gefühl, das sogar sie hatte. Deshalb lass uns nicht verzweifeln, nicht einmal der Schwächste von uns sollte verzweifeln. Zu allererst hat jeder eine Seele, und zweitens, haben wir die leuchtend starke Unterstützung der Mutter. Es ist die Natur Gottes, dass Er, sogar wenn du nicht an Ihn denkst, Er an dich denkt. Das ist wahr, sehr wahr, weil du Teil des Göttlichen bist. Nur musst du dich bewusst auf diesen Teil, diesen Anteil konzentrieren. Dann wird er allmählich wachsen.
Bibliographie
Zitate
- CWSA Vol. 2, p. 677
- CWM Vol. 12, p. 141
Sri Aurobindo: Der Vorbote der Zukunft
- CWM Vol. 13, p. 4
- CWM Vol. 13, p. 5
- CWM Vol. 13, pp. 22-23
- CWM Vol. 17, pp. 191-92
- CWM Vol. 17, p. 10
- CWM Vol. 13, p. 19
- CWM Vol. 13, p. 19
- CWM Vol. 13, p. 15
- CWM Vol. 13, p. 22
- CWM Vol. 12, pp. 116-17
„Lies Sri Aurobindo“
- CWM Vol. 17, p. 359
- CWM Vol. 12, p. 204
- CWM Vol. 12, p. 214
- CWM Vol. 12, p. 205
- CWM Vol. 12, p. 206
- CWM Vol. 12, p. 206
- CWM Vol. 12, p. 206
- CWM Vol. 12, p. 396
- CWM Vol. 12, p. 205
Wie man Sri Aurobindos Bücher liest
- CWM Vol. 12, p. 203
- CWM Vol. 10, p. 7
- CWM Vol. 4, pp. 198-99
- CWM Vol. 3, p. 65
- CWM Vol. 12, p. 206
- CWM Vol. 12, p. 397
- CWM Vol. 9, p. 250
- CWM Vol. 10, p. 103
- CWM Vol. 12, p. 215
Vermittlung von Sri Aurobindos Werken an Schüler
- CWM Vol. 12, p. 209
- CWM Vol. 12, pp. 210-11
- CWM Vol. 12, pp. 337-38
Wie man Antworten aus Sri Aurobindos Büchern erhält
- CWM Vol. 8, pp. 162-64
Intellektuelle Vorbereitung im Yoga
- CWSA Vol. 23, pp. 81-82
- CWSA Vol. 31, p. 12
- CWSA Vol. 31, p. 11
- CWSA Vol. 31, p. 13
- CWSA Vol. 31, p. 54
- CWSA Vol. 33, p. 276
- CWM Vol. 12, p. 139
- CWM Vol. 3, p. 64
- CWM Vol. 12, p. 397
- CWM Vol. 8, p. 365
- CWM Vol. 16, pp. 194-95
Lesen als Hilfe für die Sadhana
- CWSA Vol. 31, p. 63
- CWSA Vol. 31, p. 73
- CWSA Vol. 31, p. 70
- CWSA Vol. 29, p. 318
- CWSA Vol. 29, p. 254
- CWSA Vol. 31, p. 62
- CWSA Vol. 31, p. 78
- CWSA Vol. 31, p. 63
- CWSA Vol. 31, p. 64
- CWM Vol. 17, p. 144
- CWM Vol. 12, p. 133
- CWSA Vol. 23, p. 81
Shastra und jenseits des Shastra
- CWSA Vol. 15, p. 80
- CWSA Vol. 23, pp. 55-56
Setze dein Wissen in die Praxis um
- CWM Vol. 9, pp. 67-71
- CWM Vol. 10, p. 1
- CWM Vol. 16, p. 272
- CWM Vol. 17, p. 89
- CWM Vol. 17, p. 31
- CWM Vol. 14, p. 208
- CWM Vol. 14, p. 208
- CWM Vol. 14, p. 208
- CWM Vol. 14, p. 208
- CWM Vol. 14, p. 209
- CWM Vol. 14, p. 209
- CWM Vol. 14, p. 209
- CWM Vol. 3, p. 228
- CWSA Vol. 12, p. 443
- CWSA Vol. 23, pp. 53-54
Grundlegende Herangehensweise an die Werke Sri Aurobindos und der Mutter
- Collected Works of Nolini Kanta Gupta Vol. 4, pp. 254-55
Sri Aurobindo lesen
- Collected Works of Nolini Kanta Gupta Vol. 5, pp. 35-39

CWM: Collected Works of the Mother, 2nd ed., Vols. 1-17
CWSA: Complete Works of Sri Aurobindo, 2012, Vols. 1-37