Kapitel 5
Die Synthese der Yoga-Systeme
Da jede Yoga-Schule naturgemäß in ihren Methoden einen Teil des komplexen integralen menschlichen Wesens herausgreift und versucht, dessen höchste Möglichkeiten zu entfalten, sieht es so aus, als ob eine umfassend verstandene und angewandte Synthese aller dieser Verfahren sehr wohl zu einem Integralen Yoga führen könnte. Sie gehen jedoch in ihren Tendenzen so weit auseinander, sie sind in ihren Formen so stark spezialisiert und ausgearbeitet, und sie haben sich in dem gegenseitigen Kampf ihrer Ideen und Methoden seit langem so verfestigt, dass wir nicht leicht entdecken können, wie wir sie recht vereinigen sollen.
Wollte man sie ohne Unterscheidung en bloc miteinander kombinieren, dann gäbe es keine Synthese sondern eine Konfusion. Auch wäre es in der kurzen Spanne unseres menschlichen Lebens und bei unseren begrenzten Energien nicht leicht, jede einzelne Methode nacheinander zu praktizieren, ganz zu schweigen von der Vergeudung von Mühe und Arbeit bei einem so schwerfälligen Unternehmen. Manchmal werden wohl Hatha-Yoga und Raja-Yoga auf derartige Weise nacheinander praktiziert. In einem einzigartigen Beispiel aus neuerer Zeit, im Leben von Ramakrishna Paramhansa, sehen wir einen Mann von ungeheurer spiritueller Befähigung, der zuerst geradewegs zur göttlichen Realisation eilt und sozusagen das Reich Gottes mit Gewalt an sich reißt, dann aber jede einzelne Yoga-Methode, eine nach der anderen, praktiziert und sich aus jeder mit einer unglaublichen Raschheit ihre Substanz aneignet. Dabei kehrt er immer wieder in das Herz des ganzen Yoga zurück: in die Realisation Gottes und in den Besitz des Göttlichen Wesens durch die Macht der Liebe, durch die Ausweitung der eingeborenen Spiritualität in verschiedenartiger Erfahrung und durch das spontane Spiel einer intuitiven Erkenntnis. Ein solches Beispiel kann aber nicht verallgemeinert werden. Auch war sein Ziel ein spezielles, an seine Zeit gebundenes: er wollte in der großen entscheidenden Erfahrung einer Meister-Seele die so notwendige einzige Wahrheit für die zerteilte Welt, um welche die heftig einander bekämpfenden Sekten und Schulen ringen, durch ein Beispiel aufleuchten lassen, dass sie alle nur die Formen und Fragmente einer einzigen integralen Wahrheit sind; alle ihre Disziplinen arbeiten ja durch ihre verschiedenen Methoden auf eine einzige höchste Erfahrung hin. Das eine, was not tut, ist, das Göttliche zu erkennen, es zu sein und zu besitzen. Das schließt alles Übrige in sich ein; alles führt zu diesem Ziele hin. Nach diesem einzigen Gut sollen wir trachten. Wenn wir es erlangt haben, wird uns alles Übrige, das der göttliche Wille noch für uns ausersehen hat, in jeder nötigen Form und Manifestation auch zuteil werden.
Die von uns erstrebte Synthese kann also weder durch eine Kombination aller Yoga-Methoden noch durch deren aufeinanderfolgendes Praktizieren erreicht werden. Wir können sie nur dadurch bewirken, dass wir die Formen und Äußerlichkeiten der Yoga-Disziplinen beiseite lassen und statt dessen ein einziges, allen gemeinsames zentrales Prinzip herausgreifen. Dieses wird dann an der geeigneten Stelle und im richtigen Verhältnis die besonderen Prinzipien einbeziehen und verwenden. Ferner müssen wir eine zentrale dynamische Kraft auswählen, die das gemeinsame Geheimnis der auseinandergehenden Methoden ist und darum eine natürliche Auswahl und Kombination ihrer unterschiedlichen Energien und verschiedenen Verwendbarkeiten organisieren kann. Das war das Ziel, das wir uns am Anfang vor Augen stellten, als wir eine vergleichende Untersuchung der Methoden der Natur und der Methoden des Yoga unternahmen. Wir wenden uns nun wieder unserem Bemühen um die Synthese zu und können vielleicht eine definitive Lösung wagen.
Wir beobachten zunächst, dass in Indien neben den anderen Systemen noch ein bedeutungsvolles Yoga-System existiert, das seiner Natur nach synthetisch ist und sich auf ein großes zentrales Prinzip der Natur und auf eine große dynamische Kraft der Natur aufbaut. Es ist ein selbständiger Yoga und keine Synthese der anderen Schulen. Dieses System ist die Methode des Tantra. Aufgrund gewisser Entwicklungen ist der Tantra-Yoga bei denen, die keine Tantriker sind, in Misskredit gekommen. Daran waren besonders die Entwicklungen seines „Pfades linker Hand“, des Vama Marga, schuld, die nicht nur die Dualität von Tugend und Sünde überwinden und durch eine spontane Rechtschaffenheit des Handelns ersetzen wollten, sondern aus der Zügellosigkeit eine Methode uneingeschränkter sozialer Unmoral zu machen schienen. Trotzdem war der Tantra-Yoga in seinem Ursprung ein großes mächtiges System, das sich auf Ideen gründete, die wenigstens zum Teil richtig waren. Selbst seine Einteilung in die „Pfade rechter und linker Hand“, Daksina Marga und Vama Marga, fußt auf einer gewissen gründlichen Beobachtung. Im alten symbolischen Sinne unterschieden die Begriffe Daksina und Vama zwischen dem Weg des Wissens und dem Weg des Ananda: Die Natur im Menschen entledigt sich selbst – durch die richtige Unterscheidung zwischen Macht und Verwendung – ihrer eigenen Energien, Elemente und Wirkungsmöglichkeiten, oder die Natur im Menschen befreit sich dadurch, dass sie in Macht und praktischer Verwendung voller Freude ihre eigenen Energien, Elemente und Wirkensmöglichkeiten annimmt. Auf beiden Wegen traten aber schließlich Verdunkelung der Grundsätze, Entstellung der Symbole und Niedergang ein.
Wenn wir hier von den aktuellen Methoden und Praktiken absehen und das zentrale Prinzip untersuchen, finden wir, dass sich der Tantra-Yoga ausdrücklich von den vedischen Yoga-Methoden unterscheidet. In einem gewissen Sinne sind zwar alle Yoga-Schulen, die wir bisher untersuchten, in ihrem Prinzip vedantisch. Ihre Kraft liegt in der Erkenntnis, und ihre Methode ist das Erkennen, obwohl dieses nicht immer durch die Unterscheidung mittels des Intellekts erworben wird, sondern statt dessen das Wissen des Herzens sein mag, das in Liebe und Glauben seinen Ausdruck findet, oder ein Wissen im Willen, das sich durch das Handeln auswirkt. In diesen Yoga-Arten ist der Herr des Yoga der Purusha, die Bewusste Seele, die weiß, beobachtet, zu sich hinzieht und lenkt. Im Tantra-Yoga dagegen ist die Herrin vielmehr Prakriti, die Natur-Seele, die Energie, der Wille-in-der-Macht, also die exekutive Seite im Universum. Der tantrische Yogin sucht dadurch, dass er diesen Willen-in-der-Macht erforschte und seine innersten Geheimnisse, seine Methode, sein „Tantra“ verwandte, die Ziele dieser Disziplin zu erreichen: Meisterschaft, Vollkommenheit, Befreiung und Seligkeit. Statt sich von der geoffenbarten Natur und ihren Schwierigkeiten zurückzuziehen, stellte er sich ihnen, nahm er sie in den Griff und überwand sie. Wie es aber der allgemeinen Tendenz bei der Prakriti entspricht, verlor der tantrische Yoga weithin sein Prinzip in ihrem Getriebe und wurde zu einer Methode von Formeln und okkultem Mechanismus, die zwar, wenn sie richtig angewandt wird, immer noch machtvoll ist, die aber von der Klarheit ihrer ursprünglichen Absicht herabsank.
In dieser zentralen tantrischen Auffassung haben wir die eine Seite der Wahrheit, die Verehrung der Energie, der Shakti, als der alleinigen wirksamen Kraft, mit deren Hilfe man alles erreichen kann. Das andere Extrem bekommen wir im vedantischen Begriff, dass die Shakti eine Macht der Illusion ist. Das Vedanta sucht nach der Realisation des schweigenden inaktiven Purusha, der uns von den Täuschungen befreit, die durch die aktive Energie hervorgerufen werden. In einer integralen Auffassung ist aber der Purusha, die Bewusste Seele, der Herr, und die Natur-Seele ist seine ausführende Energie. Der Purusha besitzt die Natur des Sat; er ist das bewusste reine, unendliche Selbst-Sein. Die Shakti oder Prakriti hat die Natur des Chit; sie ist die verwirklichende Macht des reinen, unendlichen, seines Selbst bewussten Seins des Purusha. Die Beziehung beider zueinander liegt zwischen den Polen von Ruhe und Aktivität. Wenn die Energie völlig von der Seligkeit ihres bewussten Selbst-Seins absorbiert ist, herrscht die Ruhe. Wenn sich der Purusha in die Aktivität seiner Energie ergießt, kommt es zur Aktion, zur Schöpfung und zur Freude, zum Ananda des Werdens. Ist aber Ananda der Schöpfer und Erzeuger allen Werdens, dann ist seine Methode das Tapas, die Kraft des Purusha-Bewusstseins. Dieses ruht in sich, auf seiner eigenen unendlichen Entfaltungsmöglichkeit im Dasein und erzeugt aus ihr schöpferische Wahrheiten oder Real-Ideen, vijnana, die aus einem allwissenden und allmächtigen Selbst-Sein hervorgehen. Sie besitzen darum die Gewissheit ihrer eigenen Erfüllung und enthalten in sich die Natur und das Gesetz ihres eigenen Werdens in den Begriffen des Mentals, des Lebens und der Materie. Die eigentliche Grundlage jedes Yoga ist es, dass das Tapas letztlich allmächtig ist und dass die Idee unfehlbar zu ihrer Erfüllung kommt. Diese Begriffe machen wir im Menschen durch den Willen und Glauben wirksam, durch einen Willen, der letztlich selbst-effektiv ist, da er aus der Substanz des Wissens besteht, und durch einen Glauben, der im niederen Bewusstsein der Widerschein einer Wahrheit oder einer Real-Idee ist, die in der Welt der Erscheinung noch nicht verwirklicht wurde. Von dieser Selbst-Gewissheit der Idee spricht die Gita: „Alles, was eines Menschen Glaube oder die gewisse Idee in ihm ist, das wird er.“
Wir sehen also, welches von einem psychologischen Gesichtspunkt aus – und Yoga ist nichts anderes als eine praktische Psychologie – der Begriff der Natur ist, von dem wir auszugehen haben. Sie ist die Selbst-Verwirklichung des Purusha durch seine Energie. Die Bewegung der Natur ist jedoch eine zweifache, eine höhere und eine niedere oder – wenn wir diesen Begriff vorziehen – eine göttliche und eine ungöttliche. Diese Unterscheidung existiert aber nur für praktische Zwecke. Denn es gibt ja nichts, was nicht göttlich wäre, und von einem umfassenderen Gesichtspunkt her ist diese Unterscheidung, wörtlich genommen, ebenso bedeutungslos wie die zwischen natürlich und übernatürlich; denn alles, was ist, ist natürlich. Alle Dinge sind in der Natur, und alle Dinge sind in Gott. Für unsere praktischen Zwecke gibt es jedoch einen wirklichen Unterschied. Die niedere Natur, die wir erkennen, die wir sind und bleiben müssen, solange der Glaube in uns nicht umgewandelt ist, wirkt durch die Begrenzung und Zerteilung. Sie trägt den Charakter der Unwissenheit an sich und findet ihren Höhepunkt im Leben des Egos. Die höhere Natur dagegen, nach der wir streben, wirkt durch die Einung der Gegensätze und die Überwindung der Begrenzung. Sie trägt das Gepräge des Wissens und gipfelt in dem göttlichen Leben. Das Ziel des Yoga ist, dass wir aus der niederen in die höhere Natur hinübergelangen. Dieser Übergang könnte dadurch bewirkt werden, dass man der niederen Natur entsagt und sich in die höhere flüchtet – das ist die gewöhnliche Auffassung vom Yoga –, oder dadurch, dass die niedere Natur umgewandelt und in die höhere Natur emporgehoben wird. Gerade das muss das Ziel eines Integralen Yoga sein.
In beiden Fällen ist aber das Mittel, durch das wir in das höhere Dasein emporkommen, schon in der niederen Natur enthalten. Die Yoga-Schulen wählen sich daraus entweder ihren Ausgangspunkt zur Verwirklichung eines diesseitigen höheren Lebens oder ihre Pforte zur Flucht in ein jenseitiges höheres Leben. Sie spezialisieren sich auf bestimmte Wirkensweisen der niederen Prakriti und wenden diese auf das Göttliche hin. Das normale Wirken der Natur in uns ist jedoch eine integrale Bewegung, in der der ganze Komplex unserer Elemente von unserer Umgebung beeinflusst wird und diese ihrerseits beeinflusst. Der Yoga der Natur ist die Gesamtheit des Lebens. Der Yoga, den wir suchen, muss also ein integrales Wirken der Natur sein. Der Unterschied zwischen dem Yogin und dem natürlichen Menschen besteht darin, dass der Yogin das niedere Wirken der Natur, die im Ego, durch das Ego und durch die Gegensätze wirkt, durch integrales Wirken der höheren Natur zu ersetzen sucht, die in und durch Gott und durch das Geeintsein wirkt. Wäre wirklich nur das unser Ziel, aus der Welt zu Gott zu fliehen, dann wäre eine Synthese unnötig und Zeitverschwendung. Dann müsste es unser einziges praktisches Ziel sein, einen unter den tausend Pfaden, die zu Gott führen, auszuwählen, von allen Abkürzungswegen den kürzest möglichen zu benutzen und keine Zeit damit zu verschwenden, die verschiedenen Methoden des Yoga zu erforschen, die alle in diesem gleichen Ziel enden. Wenn aber unsere Absicht eine Transformation unseres integralen Wesens in die Begriffe des Gott-Seins ist, wird eine Synthese notwendig.
Die Methode, die wir anzuwenden haben, besteht also darin, unser ganzes bewusstes Wesen in Beziehung und in Kontakt mit dem Göttlichen zu bringen und Gott anzurufen, dass Er unser ganzes Wesen in das Seinige umwandelt. So wird in einem gewissen Sinne Gott selbst, die wahre Person in uns, zum Sadhaka unseres Sadhana und bleibt doch auch der Meister des Yoga, der die niedere Person in uns als Mittelpunkt für eine göttliche Umgestaltung und als Instrument für unsere eigene Vervollkommnung verwendet. In Wirklichkeit bringt der Druck des Tapas in uns – nämlich die Kraft des Bewusstseins das in der Idee der göttlichen Natur zentriert ist – auf das, was wir in unserer Gesamtheit sind, seine eigene Verwirklichung zustande. Das göttliche allwissende und allwirksame Wesen kommt in unser verdunkeltes und begrenztes Wesen hernieder. Es erleuchtet fortschreitend die ganze niedere Natur, es führt ihr immer neue Kraft zu und ersetzt schließlich alle Ausdrucksformen des niederen menschlichen Lichtes und des sterblichen Wirkens durch seine Aktivität.
In den psychologischen Bereich übertragen bedeutet diese Methode, dass sich das Ego mit seinem ganzen Funktionsgebiet und mit seinem ganzen Apparat dem Jenseits-vom-Ego mit dessen ungeheurem und unberechenbarem, aber immer unfehlbarem Wirken unterwirft. Das ist ganz gewiss kein Abkürzungsweg und keine leichte Sadhana. Sie verlangt einen kolossalen Glauben, einen absoluten Mut und darüber hinaus eine unerschütterliche Geduld. Sie verläuft nämlich auf drei Stufen, von denen nur die letzte wirklich beseligend oder rasch erfolgreich sein kann: das Ego versucht, in den Kontakt mit dem Göttlichen zu kommen; die ganze niedere Natur wird durch das göttliche Wirken tiefgreifend, völlig und darum auch mühevoll darauf vorbereitet, die höhere Natur zu empfangen und zu dieser zu werden; schließlich folgt die völlige Transformation. Tatsächlich ersetzt jedoch die göttliche Stärke, oft unbeachtet und hinter der Verhüllung, unsere Schwäche durch sich selber und unterstützt uns bei allem Versagen unseres Glaubens, unseres Mutes und unserer Geduld. Sie „lässt den Blinden sehen und den Lahmen über die Berge schreiten“. Der Intellekt wird eines Gesetzes gewahr, das dauernd freundlich auf ihn einwirkt, und einer Hilfe, die ihn stärkt. Das Herz spricht von dem Meister aller Dinge, vom Freund des Menschen oder von einer universalen Mutter, die uns bei all unserem Straucheln immer wieder aufrichtet. Darum ist dieser Pfad zugleich der denkbar schwerste und doch, wenn man ihn mit der Größe dessen vergleicht, worum er ringt und was er erstrebt, der leichteste und allersicherste.
Es gibt drei wichtige Züge des Handelns, wenn die höhere Natur integral auf die niedere einwirkt. Zunächst handelt sie nicht nach einem festgelegten System und in einer bestimmten Reihenfolge, wie das bei den spezialisierten Yoga-Methoden der Fall ist. Vielmehr wirkt sie frei, einmal hier und einmal dort, und doch stufenweise immer intensiver und zielvoller, so wie es durch das Temperament des einzelnen Menschen, in dem sie wirkt, bestimmt wird. Sie gebraucht die Läuterung und Vervollkommnung der verwendbaren Materialien, die seine Natur darbietet, und ebenso die Widerstände, mit denen sie opponiert. In gewissem Sinne hat darum im Integralen Yoga jeder Mensch seine eigene Yoga-Methode. Doch gibt es gewisse allgemeine Grundzüge des Wirkens, die für alle gelten und es uns möglich machen, zwar gewiss kein Routinesystem, wohl aber ein gewisses Shastra, eine wissenschaftliche Methode des synthetischen Yoga zu konstruieren.
Zweitens nimmt der Prozess dieses Yoga, da er ein integraler ist, unsere Natur so an, wie sie, durch unsere vergangene Evolution organisiert, dasteht. Er verwirft nichts Wesentliches; er nötigt aber alles, sich einer göttlichen Umwandlung zu unterziehen. Der mächtige Künstler nimmt jede Seite von uns in Seine Hand und wandelt sie in ein klares Ebenbild von Ihm um, den sie jetzt nur verzerrt darzustellen vermag. In dieser weiter fortschreitenden Erfahrung sehen wir immer deutlicher, wie diese niedere Manifestation konstituiert ist und dass doch alles in ihr, wie entstellt, minderwertig oder gemein es auch aussieht, die mehr oder minder verzerrte oder unvollkommene Gestaltung eines Elements oder einer Wirkensweise innerhalb der Harmonie der göttlichen Natur ist. Wir verstehen immer besser, was die vedischen Rishis meinten, wenn sie davon sprachen, dass die menschlichen Vorväter die Götter so gestalteten, wie der Schmied das Rohmaterial in seiner Schmiede zurechthämmert.
Drittens verwendet die göttliche Macht in uns das gesamte Leben als Material für diesen Integralen Yoga. Sie benutzt jede Erfahrung und jeden äußeren Kontakt mit unserer Welt-Umgebung, wie unbedeutend und verhängnisvoll er auch ist, für das Werk. Jede innere Erfahrung, auch das abstoßendste Leiden und der demütigendste Fall, wird zu einem Schritt vorwärts auf dem Pfad zur Vollkommenheit. So erkennen wir dann in uns selbst mit offenen Augen die Methode Gottes, wie Er mit der Welt umgeht: Seine Absicht, Licht zu schaffen in dem, was verfinstert, Kraft in dem, was schwach und gefallen, und Seligkeit in dem, was leidvoll und elend ist. Wir erkennen, dass die göttliche Methode im niederen und im höheren Wirken dieselbe ist. Nur wird sie in dem ersteren vom Unterbewussten in der Natur zögernd und im Dunkel durchgeführt, während sie im letzteren rasch und zielbewusst wird, wenn das Instrument sich zur Hand des Meisters bekennt. Das ganze Leben ist ein Yoga der Natur, die Gott in ihrem eigenen Inneren zu offenbaren sucht. Der Yoga stellt die Stufe dar, auf der dieses Bemühen im Individuum seiner selbst inne wird und darum richtig zur Erfüllung kommen kann. Alle Vorgänge und Abläufe, die in der niederen Evolution verstreut und nur lose miteinander kombiniert sind, werden in der höheren gesammelt und konzentriert.
Das ist eine integrale Methode und auch ein integrales Ergebnis. Zuerst gewährt sie eine integrale Realisation des Göttlichen Wesens. Das ist aber nicht nur eine Realisation des Einen in seinem Einssein ohne Unterschiedlichkeit. Vielmehr wird dieses auch in der Vielfalt seiner Aspekte wahrgenommen, die alle ebenso für seine vollständige Erkenntnis durch das relative Bewusstsein notwendig sind. Das ist also nicht nur die Realisation des Einsseins im Selbst, sondern ebenso des Geeintseins in der unendlichen Unterschiedlichkeit der Wirkensweisen, der Welten und der Geschöpfe.
Darum führt ein Integraler Yoga auch zu einer integralen Befreiung. Das ist nicht nur die Freiheit, die aus einem ununterbrochenen Kontakt des individuellen Menschen in allen seinen Wesensschichten mit dem Göttlichen, sayujya-mukti, herrührt, wodurch es, selbst in seinem Getrenntsein und sogar innerhalb der Gegensätzlichkeiten, frei wird. Das ist auch nicht nur die salokya-mukti, in der das ganze bewusste Dasein im gleichen Seins-Zustand lebt wie das Göttliche, im Sachchidananda. Vielmehr erwerben wir die göttliche Natur durch die Umwandlung dieses niederen Wesens in das menschliche Ebenbild des Göttlichen, sadharmya-mukti, also die vollständige und endgültige Erlösung von allem, die Befreiung des Bewusstseins von dem vorübergehenden Geprägtsein durch das Ego und sein Einswerden mit dem Einen Wesen, das universal sowohl in der Welt als auch im Individuum ist, das aber auch in transzendenter Weise das Eine ist, sowohl innerhalb der Welt als auch jenseits des ganzen Universums.
Durch diese integrale Verwirklichung und Befreiung kommt es zur vollkommenen Harmonisierung der Ergebnisse des Wissens, der Liebe und der Werke. Denn hier wird man völlig vom Ego befreit und erlangt die Identität im Wesen mit dem Einen in allen und jenseits aller. Da aber das Bewusstsein das dieses Ziel erreicht hat, nicht durch das Erlangte begrenzt wird, gewinnen wir auch das Geeintsein in der Seligkeit und die harmonisierte Unterschiedlichkeit in der Liebe, so dass alle Beziehungen des Spiels der Weltkräfte für uns möglich bleiben, während wir selbst auf den Höhen unseres Wesens das ewige Einssein mit dem Geliebten behalten. Durch eine ähnlich große Weite, in der wir zu einer Freiheit im Geist fähig sind, die das Leben umfasst und keine Flucht aus dem Leben bedingt, können wir, ohne Egoismus, Gebundenheit und Reaktion, in unserem Mental und Körper zu einem Kanal für das göttliche Wirken werden, das sich frei über die Welt hin ergießt.
Die göttliche Existenz ist ihrer Natur nach nicht nur Freiheit, sondern auch Reinheit, Seligkeit und Vollkommenheit. Die Voraussetzung für integrale Freiheit ist eine integrale Reinheit, die uns einerseits dazu befähigt, das göttliche Sein vollkommen in uns selbst widerstrahlen zu lassen, und andererseits seine Wahrheit und sein Gesetz in den Begriffen des Lebens durch das rechte Funktionieren des komplizierten Instruments, das wir sind, auch in unsere äußeren Wesensseiten vollkommen ausströmen zu lassen. Daraus kommt ein integrales Glücksgefühl, in dem wir zugleich das Ananda alles dessen, was in der Welt als die Symbole des Göttlichen geschaut wird, erleben, und ebenso auch das Ananda dessen erfahren, was Nicht-Welt ist. So bereitet der Integrale Yoga eine integrale Vollkommenheit unseres Menschseins als eines Typus des Göttlichen in den Verhältnissen der menschlichen Manifestation vor, eine Vollkommenheit, die sich auf eine gewisse freie Universalität des Wesens, der Liebe und Freude, des Spiels der Erkenntnis, des Spiels des Willens in der Macht und des Willens in einem vom Ego freien Handeln gründet. Auch diese Integration kann durch den Integralen Yoga erlangt werden.
Vollkommenheit hat die Vervollkommnung des Mentals und des Körpers zum Inhalt, so dass die höchsten Ergebnisse des Raja-Yoga und des Hatha-Yoga in dem umfassenden Begriff der Synthese enthalten sein sollen, die von der Menschheit schließlich zustande gebracht wird. Jedenfalls ist eine volle Entfaltung der allgemeinen mentalen und körperlichen Befähigungen und Erfahrungen, die für die Menschheit durch Yoga überhaupt erreichbar ist, in den Bereich der integralen Methode einzubeziehen. Diese besäße aber erst dann eine Daseinsberechtigung, wenn sie für ein integrales mentales und physisches Leben verwendet wird. Ein solches mentales und physisches Leben könnte seiner Natur nach nur eine Übertragung der spirituellen Existenz in ihre richtigen mentalen und physischen Werte sein. So kommen wir dann zu einer Synthese der drei Grade der Natur und der drei Seinsweisen der menschlichen Existenz, die sie entwickelt hat oder noch weiter entwickelt. In das Blickfeld unseres befreiten Wesens und der vervollkommneten Arten des Handelns können wir also das materielle Leben, unsere Basis, ebenso einbeziehen wie das mentale Leben, unser Instrument auf der Zwischenstufe.
Die Ganzheit, nach der wir streben, wäre keine wirkliche, und sie wäre auch noch nicht möglich, wenn sie sich nur auf das Individuum beschränken würde. Da unsere Vollkommenheit erst dann göttlich ist, wenn wir uns im Sein, im Leben und in der Liebe sowohl durch andere Wesen wie durch uns selbst verwirklichen, muss unvermeidlich das Ergebnis und die breiteste Verwendung unserer Freiheit und Vollkommenheit darin bestehen, dass wir unsere Freiheit und ihre Früchte auch den anderen zugute kommen lassen. Der ständige unmittelbare Versuch einer solchen Ausweitung müsste darauf gerichtet sein, diese Freiheit und Vollkommenheit schließlich immer mehr in der Menschheit auszubreiten und sie zuletzt völlig allgemein zu machen.
So würde es also die Krönung unseres individuellen wie auch unseres kollektiven Bemühens sein, dass das normale materielle Leben des Menschen und sein großartiger säkularer Versuch einer eigenen mentalen und moralischen Selbstkultur im Individuum und in der ganzen Menschheit durch diese Integralisierung eines mehr und mehr vollkommenen spirituellen Daseins immer mehr vergöttlicht wird. Das wäre dann die wahre Erfüllung des großen Traumes, der in unterschiedlichen Begriffen von den Religionen der Welt gehegt wird: das Himmelreich in der inneren Welt, verwirklicht durch das Himmelreich in der äußeren Welt.
Die weiteste Synthese einer denkbaren Vollkommenheit ist das Bemühen, das derer würdig ist, die in ihrer gottinnigen Schau Ihn wahrnehmen, der verborgen in der Menschheit wohnt.
Teil 3 DIE INTEGRALE UMWANDLUNG
Das Ziel unseres Yoga ist die Verwirklichung Gottes und der Ausdruck Gottes.
– Sri Aurobindo
Über all den Komplikationen der sogenannten menschlichen Weisheit steht die leuchtende Einfachheit der Gnade des Göttlichen – bereit zu handeln, wenn wir es Ihr erlauben.
– Die Mutter
Kapitel 1
Das Supramental und das göttliche Leben
Ein göttliches Leben auf Erden, unser Ideal, kann sich nur durch eine spirituelle Wandlung unseres Seins verwirklichen, und durch eine radikale und fundamentale Wandlung, eine Evolution oder Revolution, unserer Natur. Das verkörperte Wesen auf Erden müsste sich von der Beherrschung durch seine Schleier des Mentals, des Vitals und des Körpers freimachen und in das volle Bewusstsein und den Besitz seiner spirituellen Wirklichkeit eintreten; und auch seine Natur müsste sich von jenem Bewusstsein und jenen Bewusstseinsmächten, die zu dem mentalen, vitalen und physischen Wesen gehören, befreien und in das höhere Bewusstsein und die größeren Kräfte des Wesens, in das weitere und freiere Leben des Geistes erheben. Zwar würde es diese alten Hüllen nicht verlieren, wohl aber deren Undurchsichtigkeit und das Unvollkommene ihrer Ausdrucksfähigkeit, sie würden zu wahren Trägern der Offenbarung werden; sie würden sich in Ordnungen des Lichtes verwandeln, in Mächte des spirituellen Lebens, in Gefäße spirituellen Daseins. Aber auch das könnte nur geschehen, wenn Denken, Leben und Körper durch eine überlegenere Seinsstufe, eine überlegenere Wesensmacht aufgegriffen und verwandelt würden, nämlich das Supramental, das ebenso unermesslich hoch über unserer unvollkommenen mentalen Natur steht, wie diese über der Natur des animalischen Lebens und der beseelten Materie und diese ihrerseits wieder über der bloß materiellen Natur.
Das Supramental ist seinem eigentlichen Wesen nach ein Wahrheitsbewusstsein, ein Bewusstsein, allezeit frei von jener Unwissenheit, die in unserem derzeitigen natürlichen oder evolutionären Dasein das Fundament bildet, und von der aus die Natur in uns zu Selbstwissen und Welt-Wissen, zu einem richtigen Bewusstsein und dem richtigen Gebrauch unseres Daseins im Weltall zu gelangen versucht. Dem Supramental wohnt dieses Wissen und diese Macht des wahren Daseins inne, weil es ein Wahrheitsbewusstsein ist; sein Weg ist geradeaus und kann unmittelbar zu seinem Ziel führen, sein Kraftfeld ist weit und kann sogar unbegrenzbar gemacht werden. Denn seine wahre Natur ist Wissen: Es braucht nicht Wissen zu erwerben, sondern besitzt es von Natur aus; es geht nicht von Nichtwissen oder Unwissen aus zu irgendeinem unvollkommenen Licht hin, sondern von Wahrheit zu größerer Wahrheit, von richtiger Schau zu tieferer Schau, von Intuition zu weiterer Intuition, von Erleuchtung zu äußerster, grenzenloser Lichtfülle, von wachsender Weite zur völligen Grenzenlosigkeit, zur eigentlichen Unendlichkeit. Auf seinen Gipfeln besitzt es das göttliche Allwissen und die göttliche Allmacht, und sogar im Entfaltungsprozess seiner eigenen gradweisen Selbstoffenbarung, durch den es dann im Laufe der Zeit seine eigenen höchsten Höhen enthüllt, muss es seiner wahren Natur gemäß von Unwissen und Irrtum wesenhaft frei sein: Es geht von Wahrheit und Licht aus und bewegt sich immer in Wahrheit und Licht. So wie sein Wissen immer in der Wahrheit ist, so auch sein Wille; es geht nicht tölpelhaft mit den Dingen um und strauchelt nicht auf seinem Weg. Im Supramental geben auch die Gefühle und Empfindungen nichts von ihrer Wahrheit auf, machen keine Fehler oder Fehltritte, weichen nicht vom Richtigen und Wirklichen ab und können weder Schönheit noch Wonne missbrauchen, noch ihre göttliche Geradheit verdrehen. Im Supramental können auch die Sinne nicht verführt werden oder verrohen; in dieser Grobheit und Schwerfälligkeit besteht ihre Unvollkommenheit hier, was unsere Unwissenheit zu Vorwürfen, Missbrauch und Misstrauen veranlasst. Sogar eine unvollständige Aussage des Supramentals ist eine Wahrheit, die zu weiterer Wahrheit führt, und sein unvollendetes Wirken ein Schritt zur Vollkommenheit. Die Führung, das ganze Leben und Wirken des Supramentals ist naturgemäß vor den Irrtümern und Ungewissheiten bewahrt, die unser Anteil sind; es bewegt sich sicher seiner Vollendung zu. Sobald das Wahrheitsbewusstsein hier sein eigenes, natürliches Fundament aufgebaut hat, wird die Entwicklung des göttlichen Lebens ein Wachsen in Freude sein, ein Aufbruch durch das Licht in die Seligkeit, Ananda.
Das Supramental ist eine ewige Wirklichkeit des göttlichen Seins und der göttlichen Natur. Auf seiner eigenen Ebene existiert es bereits, hat es immer existiert, besitzt es sein eigenes wesentliches Gesetz des Seins; es braucht nicht erschaffen zu werden oder emporzutauchen oder sich aus einer Involution in der Materie oder aus einem Nicht-Sein ins Da-Sein zu entwickeln, wie unser Denken sich das vorstellt, das seinen eigenen Ansichten nach so aus dem Vitalen und der Materie aufgetaucht ist, oder sich aus seiner Involution in Leben und Materie evolviert hat. Die Natur des Supramentals ist immer dieselbe: ein wissendes Wesen, das von Wahrheit zu Wahrheit schreitet und das erschafft, oder vielmehr offenbart, was kraft seines Vorher-Wissens offenbart werden muss, nicht zufällig, sondern aus einer Bestimmung heraus, die durch sein Wesen bedingt ist, und aus der Notwendigkeit der Dinge an sich und deshalb unumgänglich. Ebenso unumgänglich wird seine Offenbarung des göttlichen Lebens sein; sein eigenes Leben auf seiner eigenen Ebene ist göttlich, und wenn das Supramental auf die Erde herabsteigt, wird es notwendigerweise das göttliche Leben mit sich bringen und hier beheimaten.
Die Ebene des Supramentals liegt über dem Mental, dem Leben und der Materie, und so, wie Denken, Leben und Materie sich auf Erden offenbart haben, so muss sich auch das Supramental im unvermeidlichen Verlauf der Entwicklung in dieser Welt der Materie offenbaren. Tatsächlich gibt es hier schon ein Wahrheitsbewusstsein, aber involviert, verschleiert hinter diesem offenbarten Mental, dem Leben und der Materie und noch nicht sichtbar, oder in seiner ihm eigenen Machtfülle tätig: Wenn es wirkt, dann durch diese minderen Kräfte und abgewandelt durch deren Charakter und deshalb noch nicht erkennbar. Nur durch das Herannahen und die Ankunft des herabsteigenden Supramentals kann dieses auf Erden frei werden und sich im Wirken unserer materiellen, vitalen und mentalen Schichten enthüllen, so dass diese niederen Kräfte Anteil an einer total vergöttlichten Aktivität unseres ganzen Wesens haben; und das wird uns eine vollkommen verwirklichte Göttlichkeit oder das göttliche Leben auf Erden bringen. Tatsächlich sind Leben und Mental, die in der Materie involviert waren, hier auf Erden wirklich geworden, denn nur was involviert ist, kann evolvieren, eine andere Art von Offenbarung gibt es nicht.
Die Offenbarung eines supramentalen Wahrheitsbewusstseins ist deshalb die Grundvoraussetzung, die ein göttliches Leben möglich machen wird. Erst wenn alle Denkvorgänge, alle Impulse und alles Handeln von einem aus sich selbst existierenden und leuchtenden automatischen Wahrheitsbewusstsein regiert und geleitet werden, wenn unsere ganze Natur aus ihm besteht, aus seinem Stoff aufgebaut ist, dann wird das göttliche Leben vollkommen und absolut sein. Sogar jetzt ist ein geheimes, aus sich selbst lebendes Wissen, eine Wahrheit dabei, sich hier in unserer Schöpfung zu offenbaren, wenn auch nicht augenscheinlich, so doch in Wirklichkeit. Das Göttliche wohnt bereits in uns, wir selbst sind es unserer innersten Wirklichkeit nach, und diese Wirklichkeit ist es, die wir zu offenbaren haben; sie gibt uns die Sehnsucht nach einem göttlichen Leben ein und macht die Schöpfung eines göttlichen Lebens sogar hier in diesem irdischen Dasein notwendig.
Eine Offenbarung des Supramentals und seines Wahrheitsbewusstseins ist also unausweichlich; sie muss in dieser Welt früher oder später stattfinden. Sie vollzieht sich allerdings in zwei Bewegungen: der Herabkunft von oben und dem Aufstieg von unten, der Selbstoffenbarung des Geistes und der Entwicklung in der Natur. Der Aufstieg ist für die Natur notwendigerweise mühevoll und wird aus einem Drang oder Impuls heraus getan, ihre niederen Schichten durch eine evolutionäre oder revolutionäre Wandlung emporzuheben und durch eine Bekehrung oder eine Transformation ihrer göttlichen Wirklichkeit zuzuwenden, und dies kann entweder durch einen fortschreitenden Prozess oder durch ein Wunder geschehen. Der Herabstieg oder die Selbstoffenbarung des Geistes ist ein Akt der höchsten Wirklichkeit von oben her, der die Verwirklichung möglich machen wird, und kann uns entweder als die göttliche Hilfe erscheinen, die die Erfüllung des Fortschrittsprozesses mit sich bringt, oder als das Zulassen eine Wunders. Entwicklung, wie wir sie in dieser Welt beobachten, ist ein langsamer und schwieriger Prozess und braucht gewöhnlich ganze Zeitalter, um bleibende Resultate zu erzielen, und zwar deshalb, weil sie ihrer Natur nach ein Zu-Tage-Treten aus unbewussten Anfängen darstellt, ein Beginnen im Nicht-Wissen und – in der Unwissenheit der natürlichen Wesen – ein Wirken dessen, was eine unbewusste Kraft zu sein scheint. Im Gegensatz dazu ist aber auch eine Entwicklung im Lichte statt im Dunkel möglich, an der das sich entfaltende Wesen bewusst teilnimmt und mitwirkt, und genau das muss geschehen. Selbst in der Bemühung und im Aufstieg von der Unwissenheit zum Wissen muss dies, wenn nicht ganz, so doch teilweise, das Bestreben auf den Höhen unserer Natur sein; und es muss dies ganz und gar unser Anliegen werden, wenn die letzte Bewegung auf die spirituelle Wandlung, Verwirklichung und Transformation einsetzt. Dies muss umso mehr der Fall sein, wenn die Trennlinie zwischen Unwissen und Wissen überschritten wird und die Entwicklung von Wissen zu größerem Wissen übergeht, von Bewusstsein zu größerem Bewusstsein und von Sein zu größerem Sein. Da besteht dann keine Notwendigkeit mehr für die Langsamkeit der gewöhnlichen Entwicklung; hier kann es schnell zur Umkehr kommen, schnell von Transformation zu Transformation gehen, und das würde unserem normalen gegenwärtigen Denkwesen wie eine Kette von Wundern vorkommen. Eine Entwicklung auf supramentalen Höhen könnte durchaus diesen Charakter haben; es könnte aber genauso gut, wenn sich das Wesen entsprechend entscheiden sollte, einen gemächlicheren Übergang von einem supramentalen Zustand oder einem Gleichgewicht der Dinge zu einer nächsthöheren, jedoch immer noch supramentalen, zu einer göttlichen Ebene geben, eine göttliche Stufenfolge, ein freies Wachsen zum höchsten Supramental hin oder gar darüber hinaus zu jetzt noch unerträumten Ebenen des Seins, des Bewusstseins und der Seligkeit, Ananda.
Das supramentale Wissen, das Wahrheitsbewusstsein des Supramentals, ist in sich eins und allumfassend; selbst wenn eine freiwillige Selbstbegrenzung des Wissens vorkommt, oder nur eine anscheinende Teiloffenbarung, so ist das gewollt; die Begrenzung resultiert nicht in einer Art von Unwissenheit und geht auch nicht von ihr aus, sie stellt auch kein Verleugnen oder Zurückhalten des Wissens dar, denn die ganze restliche Wahrheit, die nicht ausgedrückt wurde, steht dahinter. Vor allem aber gibt es keine Widersprüche: Was auch immer dem Verstand gegensätzlich scheinen mag, trägt hier seine eigene richtige Relation und die versöhnende Übereinstimmung in sich selbst, falls tatsächlich so etwas wie Versöhnung nötig wäre, denn die Harmonie in diesen anscheinenden Gegensätzen ist vollkommen. Das Mental neigt dazu, Persönliches und Unpersönliches einander gegenüberzustellen, als ob sie Gegensätze wären; das Supramental aber sieht und versteht sie als auf der untersten Stufe sich ergänzende und sich gegenseitig erfüllende Kräfte der einen Wirklichkeit, und – noch charakteristischer – als sich gegenseitig durchdringend und untrennbar und selbst als diese eine Wirklichkeit. Die Person hat ihren Aspekt der Unpersönlichkeit, unabtrennbar von ihr selbst, ohne den sie nicht sein könnte, was sie ist, oder nicht ihr ganzes Selbst: Das Unpersönliche ist in Wahrheit nicht etwa ein Zustand des Daseins, ein Zustand des Bewusstseins und ein Zustand der Seligkeit, sondern ein aus sich selbst existierendes Wesen, seiner selbst bewusst und erfüllt von seiner eigenen, in sich ruhenden Seligkeit – denn Seligkeit ist die eigentliche Substanz seines Wesens – und so letztlich die eine, einzige und unbegrenzbare Person: der Purusha. Im Supramental begrenzt das Endliche nicht das Unendliche, zerteilt es nicht, fühlt sich dem Unendlichen gegenüber nicht als Gegensatz; vielmehr fühlt es seine eigene Unendlichkeit: Das Relative und das Zeitliche stellen keinen Gegensatz zur Ewigkeit dar, sondern deren, in richtige Beziehung gesetzte Aspekte, des Ewigen natürliches Wirken oder sein unvergänglicher Charakterzug. Zeit ist da nur das Ewige in seiner Ausdehnung, und das Ewige kann im Augenblicklichen erlebt werden. So ist immer das ganze Göttliche im Supramental gegenwärtig, und es bedarf keiner Theorie einer Illusion oder einer sich selbst widersprechenden Maya1, um seine Daseinsweise zu rechtfertigen. Hiernach leuchtet ein, dass das Göttliche dem Leben nicht zu entfliehen braucht, um sich selbst oder seine Wirklichkeit zu finden; es besitzt immer beides, entweder im kosmischen Leben oder in seinem transzendenten Dasein. Das göttliche Leben kann nicht im Widerspruch zum Göttlichen oder zur höchsten Wirklichkeit stehen; es ist ein Teil dieser Wirklichkeit, einer ihrer Aspekte oder eine ihrer Ausdrucksformen und nichts anderes. Das Leben auf der supramentalen Ebene besitzt die ganze Gottheit, und wenn das Supramental auf die Erde herabsteigt, so muss es diese Gottheit mit sich bringen und deren vollen Besitz hier möglich machen.
Das göttliche Leben wird denjenigen, die sich darauf einlassen und es besitzen, einen wachsenden und schließlich vollständigen Besitz des Wahrheitsbewusstseins und all dessen, was es mit sich bringt, schenken, d.h. die Verwirklichung des Göttlichen im Selbst und des Göttlichen in der Natur. Alles, was der Gottsucher angestrebt hat, wird sich in seinem Geiste und in seinem Leben erfüllen, sowie er sich der spirituellen Vollendung nähert. Er wird sich der transzendenten Wirklichkeit bewusst, besitzt in der Selbst-Erfahrung das höchste Sein, das höchste Bewusstsein und die höchste Seligkeit und wird eins mit Sachchidananda2. Er wird eins werden mit dem kosmischen Sein und mit der universalen Natur: Er wird die Welt in sich enthalten, in seinem eigenen kosmischen Bewusstsein, und er wird sich selbst eins fühlen mit allen Wesen; er wird sich selbst in allen sehen und alle in sich selbst, und vereint und wesens-eins geworden sein mit dem Selbst, das zu allen Wesen geworden ist. Er wird die Schönheit des All-Schönen wahrnehmen und das Wunder des All-Wunderbaren; er wird am Ende in die Seligkeit des Brahman eingehen und dauernd in ihr leben, und für all dies ist es nicht notwendig, dem Dasein aus dem Wege zu gehen oder die Vernichtung der spirituellen Person in irgendeinem selbstauslöschenden Nirvana zu suchen. Er kann das Göttliche in seinem Selbst wie auch in der Natur verwirklichen. Die Natur des Göttlichen ist Licht, Macht und Seligkeit: Er kann das göttliche Licht, die Macht und die Seligkeit über sich fühlen und wie sie in ihn herabsteigen und jede Fiber seiner Natur, jede Zelle und jedes Atom seines Wesens erfüllen, wie sie seine Seele, sein Denken, sein Leben und seinen Körper überfluten und ihn gleich einer unendlichen See umgeben und die Welt ausfüllen, wie sie all sein Fühlen, seine Sinne und sein Erleben durchtränken und damit sein Leben wahrlich absolut göttlich machen. Dieses und alles andere, was spirituelles Bewusstsein ihm bringen kann, wird das göttliche Leben ihm geben, wenn es seine äußerste Vollständigkeit und Vollkommenheit erreicht hat und das supramentale Wahrheitsbewusstsein in ihm ganz erfüllt ist; aber auch vorher schon kann er etwas von all dem erreichen, darin wachsen und leben, sobald das Supramental in ihn herabgestiegen ist und die Führung seines Daseins übernommen hat. Er wird alle göttlichen Beziehungen leben; die Dreieinigkeit des Wissens um das Göttliche, der Werke für das Göttliche und der Hingabe an das Göttliche wird sich in ihm auftun und auf eine äußerste Selbst-Hingabe, auf die Hingabe seines ganzen Seins und seiner Natur dringen. Er wird in und mit Gott leben; er wird sozusagen Gott besitzen, ja in ihn eintauchen und alle trennende Persönlichkeit vergessen, ohne sie jedoch in der Selbst-Auslöschung zu verlieren. Die Liebe zu Gott und alle Süße dieser Liebe wird ihm bleiben, die Seligkeit der Berührung genauso wie die Seligkeit des Eins-Seins und die Seligkeit des Verschiedenseins in der Einheit. All die unendlichen Erfahrensbereiche des Unendlichen werden ihm gehören und alle Freuden des Endlichen in der Umarmung des Unendlichen.
Die Herabkunft des Supramentals wird dem, der es in sich aufnimmt und erfüllt ist von seinem Wahrheitsbewusstsein, alle Möglichkeiten des göttlichen Lebens bringen. Es wird ihm nicht nur all die charakteristischen Erfahrungen des göttlichen Lebens bringen, die wir bereits als dem spirituellen Leben zugehörig erkannt haben, sondern auch alles, was wir jetzt davon ausschließen, was aber der Vergöttlichung fähig ist, all das inbegriffen, was überhaupt von der Erdnatur und dem Erdenleben durch die Berührung mit dem Supramental umgewandelt werden und in das offenbarte Leben des Geistes emporgehoben werden kann. Denn ein göttliches Leben auf Erden braucht nichts Abgesondertes zu sein, nichts Exklusives, das mit dem gewöhnlichen irdischen Dasein nichts zu tun hätte: Es wird menschliches Sein und menschliches Leben in sich aufnehmen, wandeln, was umgewandelt werden kann, spiritualisieren, was spiritualisiert werden kann, den Rest seinem Einfluss unterwerfen und eine radikale oder eine läuternde Wandlung bewirken, eine tiefere Gemeinschaft zwischen dem Universellen und dem Individuellen zustande bringen, das Ideal mit der spirituellen Wahrheit durchdringen, deren leuchtender Schatten es ist, und ihr helfen, sich in ein größeres oder zu einem höheren Dasein zu erheben. Das Mental wird sich zu einem göttlicheren Licht des Denkens und Willens emporschwingen, das Leben wird zu tieferem und wahrerem Fühlen und Handeln, zu größerer Macht aus sich selbst, zu höheren Motiven und Zielen getragen werden. Was aber noch nicht zur vollen Wahrheit seines Seins erhoben werden kann, wird dieser Fülle doch näher gebracht werden; was auch zu dieser Wandlung noch nicht bereit ist, wird doch den Weg vor sich geebnet finden, wann immer es in seiner noch unvollendeten Entwicklung zur Selbsterfüllung bereit ist. Sogar der Körper wird sich, wenn er die Berührung des Supramentals ertragen kann, seiner eigenen Wahrheit deutlicher bewusst werden, denn es gibt ein Körperbewusstsein, das seine eigene instinktive Wahrheit und die Fähigkeit zur richtigen Beschaffenheit und zum rechten Wirken besitzt; ja, im Aufbau seiner Zellen und Gewebe ist sogar eine Art unausgelebtes okkultes Wissen vorhanden, das eines Tages bewusst werden und zu der Transformation des physischen Wesens beitragen kann. Die Erdnatur und das Erdbewusstsein müssen erwachen, und das wird, wenn auch nicht der tatsächliche Anfang, so doch zumindest eine wirksame Vorbereitung und der erste Schritt in ihrer Entwicklung zu einer neuen und göttlicheren Weltordnung sein.
Das wäre die Erfüllung des göttlichen Lebens, das die Herabkunft des Supramentals und das Wirken des Wahrheitsbewusstseins all denen bringen würde, – indem es die ganze Natur des Lebewesens erfasst –, die sich ihrer Macht oder ihrem Einfluss öffneten. Als erstes unmittelbares Ergebnis würde es allen dazu Befähigten ermöglichen, in das Wahrheitsbewusstsein einzutreten und alle Regungen der Natur mehr und mehr in die Bewegungen der supramentalen Wahrheit zu verwandeln, in die Wahrheit des Denkens, in die Wahrheit des Wollens, in die Wahrheit des Fühlens, in die Wahrheit des Handelns, in die richtige Beschaffenheit des ganzen Wesens, sogar des Körpers, und schließlich in die Transformation, – eine vergöttlichende Wandlung. Für alle, die sich so öffnen und offenbleiben könnten, gäbe es für diese Entwicklung keine Grenzen, ja sogar keine grundsätzliche Schwierigkeit; denn alle Schwierigkeiten würden sich unter dem Druck des Lichtes und der Macht des Supramentals von oben, die sich in das Mental, das Vital und den Körper ergießen, auflösen. Die Wirkung der supramentalen Herabkunft braucht sich jedoch nicht auf diejenigen zu beschränken, die sich selbst gänzlich so öffnen könnten und braucht sich auch nicht auf die supramentale Wandlung zu beschränken; es könnte auch zu einer kleineren oder sekundären Transformation des mentalen Wesens kommen, und zwar innerhalb eines befreiten und vervollkommneten Bereiches der mentalen Natur. An Stelle des menschlichen Mentals, das jetzt so beschränkt und unvollkommen ist, jeden Augenblick auf alle mögliche Weise von der Wahrheit abweicht oder sie verfehlt, allen Arten von Irrtum offen ist, sogar den Einflüsterungen totaler Lüge und der Verderbtheit der Natur, ein verblendetes Mental, in Nichtbewusstheit und Unwissenheit gefallen, das kaum zu Erkenntnissen durchdringt, ein Intellekt, der höheres Wissen nur in Abstraktionen und indirekten Metaphern wiederzugeben vermag, der sogar die Botschaften der höheren Intuition mit unsicherem und zweifelndem Verständnis begreift und festhält, könnte dann ein befreites wahres Mental auftauchen, das fähig wäre zur freien und äußersten Vervollkommnung seiner selbst sowie seiner Instrumente, ein Leben, das durch ein freies und erleuchtetes Mental geleitet und ein Körper, der für das Licht empfänglich wäre und fähig, all das auszuführen, was ein freies Denkwesen und ein freier Wille von ihm verlangen könnten. Diese Wandlung würde sich nicht nur in einigen Wenigen ereignen, sondern die ganze Menschheit allgemein erfassen. Wenn diese Möglichkeit in Erfüllung ginge, würde der menschliche Traum von Vollendung, von Vervollkommnung ihrer selbst, ihrer gereinigten und erleuchteten Natur, all ihrer Handlungsweisen und ihrer Lebensart nicht mehr länger ein Traum sein, sondern eine Wahrheit, die sich verwirklichen könnte, und die Menschheit wäre dann aus der Umklammerung durch Nichtbewusstheit und Unwissenheit befreit. Das Leben des mentalen Wesens könnte mit dem Leben des Wahrheitsbewusstseins, das dann den höchsten Rang über ihm einnähme, in Harmonie gebracht werden, ja es könnte sogar ein Wirkungsbereich oder ein Anhängsel des Wahrheitsbewusstseins werden, ein Teil und eine Provinz des göttlichen Lebens. Es liegt auf der Hand, dass eine ungeheure Wandlung des menschlichen Lebens unausweichlich wäre, – sogar dann, wenn es nicht bis zur Transformation kommen würde –, sobald das Wahrheitsbewusstsein herabgekommen wäre und eine Ordnung supramentaler Art als führendes Prinzip in der Erdnatur aufgebaut hätte, – so wie das Mental jetzt das führende Prinzip ist –, jedoch mit einer Sicherheit und einer vollkommenen Herrschaft über das irdische Dasein, mit einer Fähigkeit der Transformation aller Wesen auf ihrer Ebene und innerhalb ihrer natürlichen Grenzen, deren das Denkwesen in seiner Unvollkommenheit nicht fähig war.
Es bleibt noch zu bedenken, welcher Art die Hindernisse auf diesem möglichen Wege sein könnten, besonders, welcher Art jene Hindernisse wären, die aus der Natur der irdischen Ordnung und ihrer Funktion als einem Feld der stufenweisen Entwicklung erwachsen, deren Unvollkommenheit – so könnte argumentiert werden – eigentlich die Voraussetzung für die Entwicklung gewesen ist, in der unsere Menschheit eine Stufe darstellt. Wie weit könnte oder würde das Supramental durch seine Gegenwart und Herrschaft diese Schwierigkeit überwinden und dabei doch das Prinzip der Stufenordnung respektieren, und könnte es die falsche Ordnung, die uns durch die Unwissenheit und das Nichtbewusste auferlegt worden sind, berichtigen und durch eine richtige Hierarchie ersetzen, in der Vollkommenheit und Vergöttlichung möglich sein würden? Sicherlich wäre dem Einzelnen der Weg offen, und auch jenen Menschengruppen, die sich vereint um ein vollkommenes individuelles oder kollektives Leben bemühen oder sich nach einem göttlichen Leben sehnen, würde bei der Erfüllung dieses Strebens geholfen werden: Das wäre das mindeste als Folge der Gegenwart des Supramentals. Aber die größere Möglichkeit wäre ebenfalls gegeben und könnte sogar der ganzen Menschheit angeboten werden. Daraus ergibt sich die folgende Frage: Was würde die Herabkunft des Supramentals für die Menschheit bedeuten, was wäre ihr Ergebnis oder ihre Verheißung für das ganze Leben, für die zukünftige Entwicklung und für das Schicksal der menschlichen Rasse?
1 Illusion, das phänomenale Bewusstsein.
2 Absolutes Sein, absolutes Bewusstsein, absolute Seligkeit.
Kapitel 2
Das Supramental und die Menschheit
Welche Folgen also hätte die Herabkunft des Supramentals in unser irdisches Dasein für die Menschheit, für diese Gattung, die in eine Welt der Unwissenheit und Nichtbewusstheit hineingeboren wurde, aber zu einer Aufwärts-Entwicklung ihres Bewusstseins und zum Aufstieg in das Licht, die Macht und die Seligkeit eines spirituellen Wesens und einer spirituellen Natur fähig ist? Die Herabkunft einer so höchst schöpferischen Kraft wie der des Supramentals und seines Wahrheitsbewusstseins in das irdische Leben könnte nicht nur ein neuer Zug oder Faktor sein, der diesem Leben hinzugefügt oder nach vom gebracht würde, ohne irgendeine andere oder doch nur beschränkte Bedeutung und ohne tiefgehende Wirkungen auf den Rest der Erdnatur zu haben. Selbst wenn diese Macht keine andere entscheidende Wirkung auf die materielle Welt haben würde, in die sie herabgekommen ist, um sich ihr mitzuteilen, könnte es nicht ausbleiben, dass ein unermesslicher Einfluss auf die Menschheit als Ganzes ausgeübt, ja eine radikale Wandlung sowohl im Aussehen wie in den Aussichten ihres Daseins hervorgerufen würde. Man kann zu keinem anderen Schluss kommen, als dass diese Beeinflussung und Wandlung äußerst weitreichend, ja enorm wäre: Sie würde nicht nur das Supramental und eine supramentale Rasse von Wesen hier auf Erden beheimaten, sondern auch, und zwar als unvermeidliche Konsequenz, im Bewusstsein des Menschen, dem mentalen Wesen, eine fördernde und transformierende Wandlung im Denkvermögen selbst auslösen; außerdem würde sie eine grundsätzliche und transformierende Wandlung seiner Prinzipien und Lebensformen, seiner Handlungsweisen, seines ganzen Lebensstils und Lebenssinns hervorrufen. Sie würde dem Menschen ganz sicher das Tor zum supramentalen Bewusstsein und zum supramentalen Leben öffnen; denn wir müssen annehmen, dass durch eben solch eine Transformation eine Gattung supramentaler Wesen erschaffen wird, genauso wie die menschliche Rasse selbst durch eine zwar weniger radikale, aber doch beträchtliche Anhebung und Erweiterung des Bewusstseins und durch eine Umwandlung der Instrumentierung des Körpers und seiner ihm innewohnenden und sich entwickelnden mentalen und spirituellen Fähigkeiten und Kräfte aus einem zunächst animalischen Zustand entstanden ist. Aber das Wahrheitsprinzip würde, selbst ohne eine solch vollständige Umwandlung, das Prinzip eines ursprünglichen Nichtwissens, das nach Wahrheit sucht und immer nur zu Teilwissen kommt, so wie wir es hier sehen, soweit ersetzen, dass das menschliche Denkwesen nicht mehr länger der Bürger einer zwielichtigen Welt oder ein Knecht und Helfer der Unwissenheit, der Zulieferant von Mischungen aus Wahrheit und Lüge zu sein brauchte, sondern eine Kraft des Lichtes werden könnte und eines Wissens, das sich selbst findet. Und das Mental könnte sogar im Menschen das werden, was es seinem eigentlichen Ursprung nach ist: Eine untergeordnete, begrenzte und spezielle Tätigkeit des Supramentals und ein genügend erleuchtetes Gefäß der Wahrheit; zumindest würde alle Falschheit aus seinem Tun verschwinden.
Hier könnte man natürlich einwenden, dass dies den ganzen Entwicklungsablauf ändern und aus dem Gleichgewicht bringen, ja einen unheilbaren Riss verursachen würde: der Abgrund zwischen Mensch und Tier wäre nicht mehr überbrückbar und der Weg des Fortschritts abgeschnitten, auf dem die Entwicklung von dem Bewusstsein der Tierheit zu jenem der Göttlichkeit vorwärtsdrängt; denn in der angedeuteten Metamorphose wäre eine Art von Göttlichkeit involviert. Man könnte behaupten, wahrer Fortschritt in der Entwicklung hieße, ein neues Prinzip, einen neuen Grad oder ein neues Stadium zu der bereits entstandenen Ordnung hinzuzufügen, nicht aber ein bereits gegebenes Gepräge abzuwandeln. Als der Mensch auftauchte, behielt das Tier seine Tierheit bei und entwickelte sich nicht etwa zu einem Halbmenschen; all die kleinen Veränderungen des Bewusstseins, der Fähigkeiten oder der Gewohnheiten, die das Zusammenleben der Menschen mit den Haustieren bei diesen hervorrief, oder die ihnen der Mensch durch Training beibrachte, sind nur kleine Abwandlungen der Tierintelligenz. Noch weniger können sich Pflanzen auf das Tierbewusstsein zubewegen, oder gar die rohe Materie sich ihrer selbst auch nur im geringsten, nicht einmal unterbewusst oder halbbewusste gewahr werden oder ansprechbar sein oder reagieren. Der grundsätzliche Unterschied bleibt bestehen und muss auch unverändert in der kosmischen Ordnung bestehen bleiben. Dieser Einwand aber setzt voraus, dass die neue Menschheit insgesamt auf derselben Stufe stehen müsse; es könnten sich aber sehr wohl Abstufungen des Bewusstseins in ihr gebildet haben, die den Abstand zwischen ihren am wenigsten entwickelten Elementen und den höheren Tieren überbrücken würden, die sich zwar nicht zu einer Art Halbmenschen entwickeln, aber doch zu einer höheren tierischen Intelligenz gelangen könnten; denn gewisse Experimente zeigen, dass sie keineswegs gänzlich unbegabt zur Weiterentwicklung sind. Diese Abstufungen würden dem Zweck des Übergangs dienen, genauso wie die am wenigsten entwickelten Menschen auf der gegenwärtigen Skala, ohne eine Lücke zu lassen, die so weit wäre, dass sie die Ordnung im Entwicklungsablauf des Weltalls stören würde. Es gibt ja bereits diesen beträchtlichen Abstand zwischen den verschiedenen Schöpfungsstufen, zwischen Materie und Pflanze, zwischen Pflanzen und niederen Tieren, zwischen den verschiedenen Tiergattungen, und schließlich zwischen dem höchsten Tier und dem Menschen, einen Abstand, der immer vorhanden war, und der wahrlich groß genug ist. Es würde also keinen unheilbaren Bruch in der Entwicklungsordnung geben, und der Abstand zwischen menschlichem und tierischem Mental, zwischen dem neuen Menschentyp und der alten animalischen Ebene wäre nicht so groß, dass er nicht übersprungen werden könnte, oder einen unüberbrückbaren Abgrund für den Übergang einer höchst entwickelten Tierseele zu dem am wenigsten entwickelten Typ der neuen Menschheit darstellte. Es wäre ein Schritt, ein Sprung, so wie jetzt auch, nicht aber von der Stufe des Tieres zu jener der Gottheit, vom Tiermental zum Supramental, sondern von einem höchst entwickelten tierhaften Mental, das sich menschlichen Möglichkeiten zuwenden würde, – denn ohne das könnte es keinen Entwicklungsübergang vom Tier zum Menschen geben – zu einem menschlichen Mental, das zu den Möglichkeiten seiner eigenen höheren noch unerreichten Fähigkeiten erwacht wäre, wenn auch noch nicht zu seiner letzten Vollendung.
Aus dem Eingreifen des Supramentals, der Herabkunft der höchsten schöpferischen Wahrheits-Macht in die Erdnatur, könnte durchaus eine Wandlung im Evolutionsgesetz, in seinen Methoden und seinem System resultieren: Das Prinzip, Entwicklung durch Wissen voranzutreiben, könnte zu einem viel wichtigeren Element innerhalb der Kräfte des materiellen Weltalls werden. Dies könnte in der neuen Schöpfung von Anbeginn an und in wachsendem Maße auf die Ordnung einwirken, die jetzt gänzlich eine Entwicklung in der Unwissenheit ist, und tatsächlich im völligen Nichtwissen des Nichtbewussten ihren Anfang nimmt und sich selbst auf den höchsten Gipfeln ihrer Erkenntnis allenfalls einem geringeren Unwissen nähert, da es eher eine Repräsentation von Wissen ist als dessen direkter und vollständiger Besitz. Wenn der Mensch anfangen würde, die Macht und die Mittel eines höheren Wissens in wirklicher Fülle zu entwickeln, wenn das sich entwickelnde Tier das Tor seiner Denkfähigkeit den Anfängen des bewussten Denkens und sogar einer Art rudimentärer Vernunft öffnen würde – auf seinen höchsten Stufen ist es ja schon jetzt gar nicht so weit davon entfernt –, wenn die Pflanze ihre ersten unterbewussten Reaktionen entwickeln und eine Art elementarer Nervenempfindlichkeit erlangen würde; wenn die Materie, diese blinde Form des Geistes, stärker von der verborgenen Macht, die in ihr ist, belebt würde und den geheimen Sinn der Dinge einem subtileren verallgemeinerten Wahrnehmungsvermögen der neuen menschlichen Intelligenz bereitwilliger preisgeben würde, etwa die okkulten Wirklichkeiten, die sie verdeckt, wie zum Beispiel die Erinnerung an die Vergangenheit, die sie immer, sogar in ihrem dumpfen Nichtbewussten, bewahrt, oder das Wirken ihrer eingeschlossenen Kräfte und der unsichtbaren Regungen, die auf verschleierte Mächte in der materiellen Natur hindeuten, dann wäre dies bereits eine ungeheure Veränderung, die noch größere Veränderungen für die Zukunft versprechen würde; und das würde keine Störung der Weltordnung bedeuten, sondern nur ihre Höherentwicklung. Die Entwicklung würde sich aus sich selbst weiterentfalten und nicht gestört werden oder scheitern.
Es ist schwierig für uns, die Transformation der menschlichen Mentalität, auf die ich hingewiesen habe, theoretisch ins Auge zu fassen oder praktisch als etwas zu akzeptieren, was sich unter der Führung des supramentalen Wahrheitsbewusstseins natürlicherweise als Veränderung ergeben würde, weil unsere Vorstellungen vom Mental in den Erfahrungen der menschlichen Mentalität verwurzelt sind, in einer Schöpfung, die im Nichtbewussten ihren Anfang nimmt und von einem – zunächst fast völligen und dann sich langsam vermindernden – Nichtwissen zu dem hohen Grad eines immer noch mangelhaften Wissens kommt, dessen Rahmen und Methoden unzulänglich sind und das keineswegs den Bedürfnissen eines Bewusstseins entspricht, das immer auf sein eigenes, noch unermesslich fernes Absolutes hinzielt. Die offensichtliche Mangelhaftigkeit und Begrenzung des Mentals im gegenwärtigen Stadium seiner Entwicklung hier halten wir für ein Charakteristikum seiner eigentlichen Natur; in Wirklichkeit aber bedeuten die Schranken, die ihm gesetzt sind, nur zeitweilige Begrenzungen und Maßstäbe seiner noch unbeendeten Aufwärtsentwicklung; die Fehler seiner Methoden und Mittel entstammen seiner Unreife und gehören nicht zu der eigentlichen Natur seines Wesens; obwohl seine Erfolge angesichts der hinderlichen Beschaffenheit des mentalen Wesens, das mit einem irdischen Körper als Instrument belastet ist, erstaunlich sind, liegen sie doch weit unterhalb und nicht etwa jenseits dessen, was ihm einmal in seiner erleuchteteren Zukunft möglich sein wird. Denn das Mental ist seiner wahren Natur nach kein Ausbrüter von Irrtümern, kein Vater der Lügen, das an die Fähigkeit zur Falschheit gefesselt, mit seinen eigenen Fehlern verheiratet, der Führer eines blinden Vitals wäre, was es gegenwärtig viel zu sehr ist, unseren menschlichen Schwächen entsprechend: Seinem Ursprung nach ist es ein Prinzip des Lichtes, ein Instrument, das vom Supramental hervorgebracht wurde, und obwohl es innerhalb von Grenzen wirkt, ja sein Wirken sogar Grenzen schafft, sind diese Grenzen doch nur leuchtende Signale eines besonderen Verfahrens, freiwillige und gewollte Schranken, ein Dienst des Endlichen, das sich unter dem Auge der Unendlichkeit immerzu ausdehnt. Dieser Charakter des Mentals wird sich durch die Berührung mit dem Supramental selbst enthüllen und die menschliche Mentalität zu einem Helfer, zu einem kleineren Instrument des supramentalen Wissens machen. Es wird dem Mental, wenn es nicht mehr länger durch den Intellekt begrenzt ist, sogar möglich sein, einer Art mentaler Gnosis fähig zu werden, einer leuchtenden Reproduktion der Wahrheit in vermindertem Wirken, so dass sich die Macht des Lichtes nicht nur auf seine eigene, sondern auch auf die niedrigeren Ebenen des Bewusstseins ausdehnt, wenn sich diese zu ihrer Selbsttranszendenz erheben. Das Obermental, die Stufe der Intuition, die des Erleuchteten Mentals und jene, die ich das Höhere Mental genannt habe, diese und andere Ebenen einer spiritualisierten und befreiten Mentalität werden fähig sein, in dem emporgehobenen menschlichen Mental und seinem gereinigten und veredelten Empfinden und der Kraft des Lebens und Handelns etwas von ihren eigenen Kräften widerzuspiegeln und den Aufstieg der Seele zu ihren eigenen Hochebenen und Gipfeln eines aufsteigenden Daseins vorzubereiten. Das ist im wesentlichen die Wandlung, die man als ein Ergebnis der neuen Entwicklungsordnung betrachten kann, die den Einflussbereich des Entwicklungsprinzips selbst beträchtlich erweitern würde und auch die Frage beantworten wird, was sich aus der Herabkunft des Supramentals in die Erdnatur für die Menschheit ergibt.
Wenn das Mental, da es aus dem Supramental stammt, selbst eine Kraft des Supramentals, ein Prinzip und eine Macht des Lichtes oder eine Kraft der Erkenntnis ist, die sich spezialisiert hat, um sich einer Absicht unterzuordnen, so nimmt es doch einen anderen Aspekt an, wenn es sich, um seine Aufgabe zu lösen, mehr und mehr von dem supramentalen Lichte, von der unmittelbaren Kraft und der helfenden Erleuchtung durch das supramentale Prinzip trennt. In dem Maße, wie es sich von seiner eigenen höchsten Wahrheit entfernt, wird es zum Erzeuger oder Vater der Unwissenheit und ist damit, oder scheint, die höchste Kraft in einer Welt der Unwissenheit zu sein; es wird selbst vom Unwissen beherrscht und scheint nur noch zu einer teilweisen und unvollständigen Erkenntnis gelangen zu können. Die Ursache für dieses Absinken liegt darin, dass es vom Supramental hauptsächlich für die Arbeit der Differenzierung benutzt wird, die notwendig ist, wenn es eine Schöpfung und ein Universum geben soll. Diese differenzierende Kraft, diese Offenbarung des Einen in den Vielen und der Vielen in dem Einen, gibt es im Supramental selbst, in seiner ganzen Schöpfung; das Eine aber wird niemals in dieser Vielfalt, die sich immer bewusst auf das ewig Eine stützt und ihm auch niemals den Vorrang streitig macht, vergessen oder verloren gehen. Im Mental dagegen nimmt die Differenzierung, die Vielfalt, eine Vorrangstellung ein, und das bewusste Gefühl für die universale Einheit ist verlorengegangen, und das getrennte Einzelwesen scheint für sich selbst und durch sich selbst zu existieren, entweder als ein hinreichend selbstbewusstes Ganzes oder in den unbeseelten Dingen als ein nichtbewusstes Ganzes.
Es sollte allerdings festgehalten werden, dass eine Welt oder eine Ebene des Mentals nicht unbedingt ein Reich des Nichtwissens sein muss, wo Falschheit, Irrtum oder Unwissen einen Platz haben müssen; es kann sich genauso gut um eine freiwillige Selbstbegrenzung der Erkenntnis handeln. Es könnte eine Welt sein, in der sich alle Möglichkeiten, die durch das Mental bestimmt werden könnten, im Laufe der Zeit offenbaren und eine wahre Form und einen Bereich für ihr Wirken als Ausdruck ihrer selbst und ihrer Fähigkeit der Selbstentwicklung, der Selbstverwirklichung gewissermaßen, und der Selbstentdeckung finden könnten. Dem begegnen wir tatsächlich, wenn wir, im seelischen Erlebnis, dem Vorgang der Herabkunft folgen, der als Involution stattfand und der mit der Materie, mit der Erschaffung des materiellen Weltalls, endet. Was wir hier sehen, sind nicht die Ebenen oder Welten der Herabkunft, wo das Mentale und das Leben etwas von ihrer Wahrheit und etwas vom Licht des Geistes, etwas von ihrem wahren und wirklichen Wesen behalten können; hier sehen wir ein ursprünglich Nichtbewusstes, und einen Kampf des Vitals, des Mentals und des Geistes, um aus der materiellen Nichtbewusstheit und dem dadurch entstandenen Unwissen aufzutauchen, sich selbst zu finden und zu ihrer ganzen Fülle und zu ihrem höchsten Dasein hin zu entwickeln. Wenn dem Mental dieser Versuch gelingt, dann gibt es keinen Grund, warum es nicht seinen wahren Charakter wiederentdecken und wieder ein Prinzip und eine Kraft des Lichtes werden und dann sogar auf seine eigene Weise das Wirken eines wahren und vollkommenen Wissens unterstützen sollte. Auf seinem Gipfel könnte es dann sogar über seine Grenzen hinaus in die supramentale Wahrheit eintreten, zu einem Teil und zu einem Werkzeug des supramentalen Wissens werden oder zumindest, in Übereinstimmung mit diesem Wissen, einer untergeordneten Arbeit der Differenzierung dienen: Auf den niedrigeren Ebenen unterhalb des Supramentals könnte es sich als eine mentale Gnosis, eine spirituelle oder spiritualisierte Wahrnehmung, als Fühlen, Wirken oder Begreifen offenbaren, das die Werke der Erkenntnis und nicht mehr die der Unwissenheit vollbringen würde. Selbst auf einer noch niedrigeren Ebene wäre es nicht länger ein Labyrinth der Halb-Wahrheit und des Halb-Wissens, sondern ein immer leuchtenderer Weg, der von Licht zu Licht, von Wahrheit zu Wahrheit führte. Dies wäre nicht möglich in einer Welt, in der ein unverwandeltes Mental oder menschliches Mental, belastet wie es jetzt ist, mit seinen hinderlichen Unfähigkeiten, noch der Führer oder die Krone der Entwicklung sein will, wohl aber unter der Führung des Wahrheitsbewusstseins als herrschender Macht, und es könnte sogar als Resultat, ja als beinahe unausweichliches Resultat seiner Herabkunft in die menschliche Welt und seiner Berührung mit dem Mental der Menschheit verstanden werden.
Wie weit das ginge, ob die ganze Menschheit davon berührt würde oder nur jener Teil, der auf die Wandlung vorbereitet ist, hinge davon ab, was in der bleibenden Ordnung des Weltalls möglich oder beabsichtigt wäre. Wenn das alte Entwicklungsprinzip, die alte Ordnung beibehalten werden muss, dann könnte nur ein Teil der Menschheit vorwärtsmarschieren, der Rest würde die alte Stellung, Stufe und Aufgabe des Menschen in der Hierarchie beibehalten. Doch auch dann muss es einen Übergang oder eine Brücke zwischen diesen beiden Ebenen oder Ordnungen des Seins geben, mit deren Hilfe die Entwicklung den Übergang von der einen zur anderen schaffen kann; das Mental wäre da, fähig, mit der supramentalen Wahrheit Fühlung aufzunehmen und dadurch umgewandelt zu werden, und das wäre das Mittel der Seele, sich emporzuschwingen: Es muss einen Status des Mentals geben, in dem es das Licht empfangen und im Licht zum Supramental hinwachsen kann, ohne es allerdings zu erreichen; dadurch würde der Glanz einer größeren Wahrheit seine Strahlen für die Befreiung und Emporhebung der Seele aus der Unwissenheit herabsenden, so wie es sogar jetzt schon in geringerem Maße durch ein trüberes Medium geschieht. Das Supramental ist hier hinter einem Vorhang verborgen und, obwohl für sein eigenes charakteristisches Wirken nicht organisiert, ist es die wahre Ursache aller Schöpfung hier, ist es die Kraft, die die Wahrheit und Erkenntnis wachsen und die Seele zu ihrer verborgenen Wirklichkeit aufsteigen lässt. Wenn aber das Supramental einmal in der Welt erschienen ist, kann es kaum getrennt und isoliert bleiben und wird unabwendbar nicht nur den Übermenschen erschaffen, sondern auch den Menschen verwandeln und emporheben. Eine totale Wandlung des mentalen Prinzips, wie wir sie aufgezeigt haben, kann nicht als unmöglich abgelehnt werden.
Das Mental, wie wir es kennen, besitzt eine Bewusstseinskraft, die ganz verschieden ist von der des Supramentals; es ist keine Kraft mehr, die sich von diesem herleitete, mit ihm verbunden wäre und von ihm abhinge, sondern sie ist praktisch von ihrem leuchtenden Ursprung getrennt und durch verschiedene Merkmale gekennzeichnet, die wir für die eigentlichen Charakteristika ihrer Natur halten; einige von ihnen gehören aber auch zum Supramental, und der Unterschied liegt in der Weise und in der Reichweite ihres Wirkens, nicht in ihrem Stoff oder ihrem Prinzip. Er besteht darin, dass das Mental keine Kraft zu umfassendem Wissen hat und erst dann, wenn es über sich hinauszugehen beginnt, eine Kraft des direkten Wissens wird: Es empfängt Strahlen der Wahrheit, lebt aber nicht in der Sonne; es sieht wie durch Filter, und seine Erkenntnis ist durch seine Instrumente gefärbt, es kann nicht mit dem nackten Auge sehen oder direkt in die Sonne blicken. Es ist dem Mental nicht möglich, sich in die Sonnenmitte zu stellen oder irgendwohin in den leuchtenden Sonnenkörper oder auch nur in den glanzvollen Strahlenkranz des Himmelskörpers der vollkommenen Wahrheit, und damit unfehlbare oder absolute Erkenntnis zu erwerben oder auch nur daran teilzuhaben. Erst wenn es sich dem Lichte des Supramentals schon sehr genähert hätte, könnte es irgendwo in der Nähe dieser Sonne, in dem vollen Glanze ihrer Strahlen leben, in der Nähe der vollen und direkten Flamme der Wahrheit: Das menschliche Mental, selbst das höchst entwickelte, ist weit davon entfernt; es kann bestenfalls in einem begrenzten Kreis, in bescheidenen Anfängen reiner Einsicht, direkter Vision leben, und es würde lange brauchen – selbst wenn es über sich hinausginge –, bis es zu imitierenden oder bruchstückhaften Traumspiegelbildern einer begrenzten Allwissenheit und Allmacht gelangen könnte, die das Privileg einer abgeordneten Gottheit, eines Gottes, eines Demiurgen sind. Es ist eine schöpferische Kraft, die jedoch tastend und unsicher und nur zufällig oder durch die Gunst der Umstände erfolgreich ist, oder aber, auch wenn sie durch eine gewisse Stärke oder praktische Fähigkeit oder durch Genialität sicherer geworden ist, doch Fehlern unterworfen oder in unüberwindliche Schranken eingepfercht bleibt. Sein höchstes Wissen ist oft abstrakt und nicht zu fassen; es muss, um das Ziel zu erreichen, Notbehelfe und unsichere Mittel benutzen, sich auf Erörterungen, Überlegungen und Beweisführungen, auf Schlussfolgerungen und Ahnungen einlassen, Methoden induktiver oder deduktiver Logik anwenden, die nur zum Erfolg führen, wenn die Voraussetzungen richtig und vollständig sind, und ist selbst dann noch der Gefahr ausgesetzt, aus denselben Daten unterschiedliche Ergebnisse mit unterschiedlichen Folgen abzuleiten; es muss Mittel und Ergebnisse einer Methode akzeptieren, die gewagt ist, sogar dann, wenn sie Anspruch auf Sicherheit erhebt, und die es nicht notwendig hätte, wenn es über ein direktes oder überintellektuelles Wissen verfügte. Es ist unnötig, in der Beschreibung noch weiterzugehen; all das ist die eigentliche Natur unserer irdischen Unwissenheit, deren Schatten sich sogar an die Gedanken und Visionen der Weisen und der Seher hängen und denen man nur entkommen kann, wenn das Prinzip eines wahrheitsbewussten supramentalen Wissens auf die Erde herabkommt und die Herrschaft über ihre Natur übernimmt.
Man darf jedoch nicht vergessen, dass es sogar im Innersten dieser Involution des Höchsten, in der blinden Versunkenheit des Bewusstseins in der Materie, in dem eigentlichen Wirkungsbereich des Nichtbewussten, Hinweise auf das Wirken einer unfehlbaren Kraft, auf das Drängen eines geheimen Bewusstseins und seine Eingebungen gibt, als ob das Nichtbewusste selbst insgeheim von einer Kraft informiert und angespornt würde, die unmittelbares oder absolutes Wissen besitzt; seine Schöpfungsakte sind unendlich viel sicherer als die besten unseres menschlichen Bewusstseins oder auch als das normale Wirken der Lebenskraft. Die Materie oder vielmehr die Energie in der Materie scheint ein sichereres Wissen zu besitzen, eine unfehlbarere Wirkungsweise zu haben, und man kann sich darauf verlassen, dass ihr Mechanismus, wenn er einmal in Bewegung gesetzt ist, seine Rolle richtig und gut spielen wird. Und so ist der Mensch fähig, sich materieller Energie zu bemächtigen und sie für seine eigenen Zwecke zu verwenden, und unter bestimmten Bedingungen kann er sich darauf verlassen, dass sie für ihn arbeitet. Die selbstschaffende Lebenskraft, so erstaunlich reich in ihrer Erfindungsgabe und Fantasie sie ist, scheint eher zu Fehlern, Irrtümern oder Versagern zu neigen; es sieht so aus, als ob ihr größeres Bewusstsein eine größere Fähigkeit zum Irrtum in sich berge. Und doch ist sie gewöhnlich in ihrem Wirken sicher genug; je bewusster aber die Formen und Operationen des Vitals werden, und zwar besonders dann, wenn das Mental hinzukommt, desto mehr nehmen auch die Verwirrungen zu, als ob das Anwachsen des Bewusstseins nicht nur einen größeren Reichtum an Möglichkeiten überhaupt mit sich brächte, sondern eben auch an Möglichkeiten zu Fehltritten, Irrtümern, Fehlern und Versagen. Im Mental, im Menschen, scheinen wir den Gipfel dieses Widerspruchs zu erreichen, die größte, höchste und umfassendste Leistung des Bewusstseins, aber auch die größte Unsicherheit, die meisten Fehler, Niederlagen und Irrtümer. Das mag daran liegen, so können wir unterstellen, dass in der nichtbewussten Natur eine Energie mit ihrer Wahrheit am Werke ist, die unfehlbar ihrem eigenen Gesetze folgt, eine Energie, die blind drauflosmarschieren kann, ohne zu stolpern, weil das automatische Gesetz der Wahrheit in ihr lebt und mit Sicherheit wirkt, ohne Abschweifung oder Fehler, wenn nichts von außen dazwischenkommt oder eingreift. Aber in allen normalerweise automatischen Prozessen des Daseins herrscht dieses Gesetz; selbst der Körper besitzt ein unausgedrücktes Wissen um sich selbst, ein instinktiv richtiges Verhalten innerhalb gewisser Grenzen, und wenn er durch keine vitalen Wünsche und Fehlurteile des Mentals gestört wird, kann er mit einer gewissen Genauigkeit und Sicherheit arbeiten. Das Supramental allein aber besitzt das Wahrheitsbewusstsein in seiner ganzen Fülle, und wenn das herabkommt und eingreift, dann könnten auch das Mental, das Leben und der Körper zur vollen Kraft der Wahrheit gelangen und ihre ganze Möglichkeit zur Vollendung erreichen. Sicherlich würde dies nicht in einem Mal geschehen, aber der Entwicklungsprozess würde in Gang kommen und mit wachsender Geschwindigkeit ablaufen. Nicht alle Menschen mögen sofort zu dieser Fülle kommen, aber das menschliche Mental könnte sich doch vollkommen im Lichte befinden, und eine neue Menschheit könnte ihren Platz als Teil der neuen Ordnung einnehmen.
Das ist die Möglichkeit, die wir zu prüfen haben. Wenn das Mental dazu bestimmt ist, in sich selbst Erfüllung zu finden, wenn der Mensch nicht dazu verurteilt ist, auf immer ein Knecht der Unwissenheit zu bleiben, dann sind die Unfähigkeiten des menschlichen Mentals, mit denen wir uns beschäftigt haben, nicht so, dass sie unwiderruflich von ihm Besitz ergriffen hätten und für immer mit ihm verbunden wären. Es könnte höhere Organe und Instrumente entwickeln, die letzten Grenzen der Unwissenheit hinter sich lassen und in ein höheres Wissen eintreten und zu stark werden, um von seiner tierischen Natur zurückgehalten werden zu können. Es würde ein befreites Mental geben, das aus dem Unwissen in das Licht geflüchtet wäre, das seiner Verschmelzung mit dem Supramental gewahr wäre, ein natürlicher Vertreter des Supramentals und fähig, den supramentalen Einfluss in die niedrigeren Bereiche des Daseins herabzubringen, ein Schöpfer im Licht, ein Entdecker in den Tiefen, ein Lichtbringer in der Dunkelheit, der vielleicht helfen würde, sogar das Nichtbewusste mit den Strahlen eines geheimen Überbewusstseins zu durchdringen. Es würde ein neues mentales Wesen geben, das nicht nur fähig wäre, erleuchtet im Glanze des Supramentals zu stehen, sondern auch, bewusst in seine Höhen vorzudringen und in es einzutreten, das Vital und den Körper zu trainieren, etwas von dem supramentalen Licht, der Macht und der Seligkeit widerzuspiegeln und zu halten, danach zu streben, die verborgene göttliche Natur durch einen Prozess der Selbstfindung, Selbsterfüllung und des Ruhens in sich selbst zu befreien, voller Sehnsucht, in das göttliche Bewusstsein aufzusteigen und fähig, das herabkommende göttliche Licht und die göttliche Kraft zu empfangen und zu ertragen und ein geeignetes Gefäß des göttlichen Lebens zu werden.