Kapitel 18
Arbeit ist das Gebet des Körpers
Worte der Mutter
Ich spreche von den unternommenen Anstrengungen, Anstrengungen im wahrsten Sinne des Wortes. Arbeit ist das Gebet mit dem Körper. Mit dieser Anstrengung in deinem Werk ist das Göttliche zufrieden; das Auge des Bewusstseins, das sie betrachtet hat, ist in der Tat zufrieden. Nicht dass man vom menschlichen Standpunkt aus gesehen nicht besser sein könnte.
Eine äußere Sichtweise mag viele Dinge zu kritisieren haben und kritisiert auch, aber aus der inneren Sicht ist das, was getan wurde, gut gemacht worden. In der äußeren Sicht der Dinge kommt man mit allen möglichen mentalen, intellektuellen Formationen und stellt fest, dass es nichts Ungewöhnliches an dem gibt, was hier getan wird. Aber dabei übersieht man, was dahinter steckt: die Sadhana. Ein tieferes Bewusstsein würde den Marsch zu einer Verwirklichung sehen, die alles übertrifft. Die äußere Ansicht der Dinge sieht das spirituelle Leben nicht; sie beurteilt nach ihrer eigenen Kleinkariertheit…
Aber das bedeutet nicht, dass ich dich bitte, dich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Das wahre Bewusstsein ist nicht in der Lage, sich überlegen zu fühlen. Es ist nur das kleine Bewusstsein, das versucht, seine Überlegenheit zu zeigen. Selbst ein Kind ist einem solchen Wesen überlegen: Denn es ist spontan in seinen Beweggründen. Erhebe dich über all das. Interessiere dich nicht für etwas anderes als für deine Beziehung zu Gott und was du für Ihn tun willst. Das ist das Einzige, was interessiert.
Kapitel 19
Das wahre Wesen der Arbeit
Worte Sri Aurobindos
Ich meine mit Arbeit nicht eine Handlung, die im Ego und in der Unwissenheit getan, zur Befriedigung des Egos vollzogen und von rajasischer Begierde angetrieben wird. Es kann keinen Karma-Yoga geben, ohne den Willen, das Ego, rajas (Unruhe) und die Begierde zu beseitigen, die die Siegel der Unwissenheit sind.
Ich meine nicht Philanthropie oder Dienst an der Menschheit oder all die übrigen Dinge moralischer oder idealistischer Art, die das Mental des Menschen an die Stelle der tieferen Wahrheit der Arbeit setzt.
Ich meine mit Arbeit eine Tätigkeit, die für das Göttliche und mehr und mehr im Einssein mit dem Göttlichen geschieht – allein für das Göttliche und für nichts sonst. Natürlich ist es zu Beginn nicht einfach, ebensowenig wie tiefe Meditation und leuchtendes Wissen oder selbst wahre Liebe und Bhakti einfach sind. Doch wie alles andere auch, muss es im rechten Geist und in der rechten Haltung begonnen werden, mit dem rechten Willen in dir, dann wird das Übrige kommen.
Arbeit, die in dieser Einstellung verrichtet wird, ist ebenso wirksam wie Bhakti oder Kontemplation. Man gelangt durch die Zurückweisung des Begehrens, des rajas und des Egos zu einer Stille und Reinheit, in die unbeschreiblicher Friede herabkommen kann. Man gelangt, indem man seinen Willen dem Göttlichen weiht – und zwar durch die Auflösung dieses eigenen Willens im Göttlichen Willen –, zum Tod des Egos und zur Ausweitung in das kosmische Bewusstsein oder aber zur Erhebung in das, was sich über dem Kosmischen befindet. Man erfährt die Trennung des Purusha von der Prakriti und wird von allen Fesseln der äußeren Natur befreit. Man gewahrt sein inneres Wesen und sieht das äußere als ein Instrument. Man fühlt, wie die universale Kraft die Werke verrichtet und wie das Selbst oder der Purusha dies beobachtet oder betrachtet, jedoch frei. Man fühlt, wie alles Wirken von einem genommen und von der universalen oder höchsten Mutter verrichtet wird oder von der Göttlichen Macht, die hinter dem Herzen wacht und von dorther wirkt. Indem man fortwährend seinen ganzen Willen und all seine Werke dem Göttlichen zuwendet, wachsen Liebe und Anbetung, und das seelische Wesen tritt hervor. Indem man sich an die Macht darüber wendet, kann man sie und ihr Herabkommen über sich fühlen sowie das Öffnen für ein sich weitendes Bewusstsein und Wissen. Und schließlich vereinen sich Werke, Bhakti und Wissen, und die Selbst-Vervollkommnung wird möglich, was wir die Umwandlung der Natur nennen.
Natürlich kommen diese Ergebnisse nicht alle auf einmal, sie kommen mehr oder weniger langsam, mehr oder weniger vollständig, dem Zustand und dem Wachstum des Wesens entsprechend. Es gibt keinen königlichen Pfad zu göttlicher Verwirklichung.
Das ist der Karma-Yoga, wie er in der Gita dargelegt ist und wie ich ihn für das integrale spirituelle Leben weiterentwickelt habe. Er gründet sich nicht auf Mutmaßung und Schlussfolgerung, sondern auf Erfahrung. Er schließt die Meditation nicht aus und ebensowenig Bhakti, denn die Selbst-Darbringung an das Göttliche und die völlige Selbst-Weihung an das Göttliche, welche die Essenz dieses Karma-Yoga sind, sind im Grunde eine Bhakti-Bewegung. Er schließt lediglich eine lebensabgewandte, ausschließliche Meditation aus oder eine emotionale Bhakti, die in ihrem eigenen inneren Traum gefangen ist, den sie für die ganze Bewegung des Yoga hält. Man kann Stunden reiner, vertiefter Meditation oder innerer, regungsloser Anbetung und Ekstase haben, doch macht dies nicht die Gesamtheit des Integralen Yoga aus.
Kapitel 20
Die richtige Geisteshaltung bei der Arbeit
Worte der Mutter
Wenn du tust, was du zu tun hast – ganz gleich was, welche Arbeit auch immer –, wenn du dabei darauf bedacht bist, das Göttliche nicht zu vergessen und du dem Göttlichen das, was du tust, darbringst, wenn du dich dem Erhabenen dergestalt zu geben versuchst, dass Er all deine Reaktionen wandeln kann – statt dass sie ichbezogen, kleinlich, dumm und unwissend bleiben –, lässt du sie zu etwas Hellem und Großzügigem werden, dann hast du einen Fortschritt gemacht. Und nicht nur hast du selbst einen Fortschritt gemacht, sondern auch dem allgemeinen Fortschritt geholfen. Ich habe noch nie gesehen, dass Leute, die alles liegenließen, um in einer mehr oder weniger leeren Kontemplation zu sitzen (denn sie ist mehr oder weniger leer), Fortschritte gemacht hätten oder höchstens ganz winzige. Ich habe aber Menschen gesehen, die keinerlei Anspruch erhoben, Yoga zu üben, sondern einfach begeistert waren von der Idee der irdischen Transformation und der Herabkunft des Göttlichen auf die Welt, und die ihr bisschen Arbeit mit dieser Begeisterung im Herzen machten, indem sie sich ganz und gar, rückhaltlos gaben, ohne eigensüchtige Vorstellung von persönlichem Heil; und diese habe ich großartige, wirklich großartige Fortschritte machen sehen. Manchmal sind sie tatsächlich bewundernswürdig. Ich habe Sanyasins, Wandermönche, gesehen, auch Klosterleute, auch erklärte Yogis – und für zehn solche würde ich nicht einen von den anderen hergeben (ich meine vom Standpunkt der irdischen Transformation und des Fortschritts der Welt aus, eben alles dessen, was wir anstreben: dass diese Welt nicht länger bleibt, was sie ist, sondern tatsächlich das Werkzeug des göttlichen Willens werde, erfüllt vom göttlichen Bewusstsein). Durch Davonlaufen änderst du die Welt bestimmt nicht. Sondern indem du an ihr arbeitest, bescheiden, demütig, aber mit einer Flamme im Herzen – mit etwas, das wie eine Opfergabe brennt.
Worte der Mutter
Auch in der Arbeit gibt es eine Strenge. Sie besteht darin, keine Vorlieben zu haben und alles mit Interesse zu tun. Für jemanden, der in der Selbstvollendung wachsen will, gibt es keine großen oder kleinen Aufgaben, keine wichtigen und unwichtigen. Alle sind gleich nutzbringend für denjenigen, der nach Fortschritt und Selbstmeisterung strebt. Es wird gesagt, man tut eine Sache nur dann gut, wenn man sie mit Interesse tut. Das ist wahr, aber es ist ebenso wahr, dass man lernen kann, an allem Interesse zu finden, selbst an den scheinbar unbedeutendsten Hausarbeiten. Das Geheimnis zu dieser Fähigkeit liegt in dem Drang nach Selbstvollendung. Welcher Beruf oder welche Aufgabe dir auch immer bestimmt ist, du musst sie mit einem Willen zum Fortschritt ausführen. Was immer man tut, man muss dabei nicht nur sein Bestes geben, sondern gleichsam immer in einer beharrlichen Anstrengung darum bemüht sein, es immer besser und vollkommener zu machen. Auf diese Weise wird alles ohne Ausnahme interessant, von der materiellsten Routinearbeit bis hin zur künstlerischsten und intellektuellsten Arbeit. Das Betätigungsfeld für die Weiterentwicklung ist unendlich und kann auf die kleinste Sache angewendet werden.
Kapitel 21
Leben und Harmonie
Worte der Mutter
Das einzige Mittel, das Leben vollkommen zu machen – ich meine natürlich hier auf Erden –, besteht darin, es von so hoch oben zu betrachten, dass man es in seiner Gesamtheit sieht, nicht nur der jetzigen, sondern jener der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – was es gewesen ist, was es ist und was es sein wird. Man muss fähig sein, alles auf einmal zu sehen. Denn das ist der einzige Weg, alles an seinen Platz zu stellen. Nichts kann verdrängt werden, nichts darf verdrängt werden, alles muss in völliger Harmonie mit dem Übrigen an seinem Platz sein. Und da würden all diese Dinge, die dem puritanischen Geist so „schlecht“, so „verwerflich“ und „unannehmbar“ vorkommen, zu Regungen der Freude und der Freiheit eines völlig göttlichen Lebens. Und dann würde nichts uns daran hindern, dies wundervolle Lachen des Erhabenen zu kennen, zu begreifen, zu fühlen und zu leben, Der unendliche Freude darin findet, sich unendlich leben zu sehen.
Diese Freude, dies wundervolle Lachen, das alles Schattige, alle Schmerzen, alle Leiden auflöst! Man braucht nur tief genug in sich zu gehen, um die innere Sonne zu finden, in ihr zu baden; und dann ist alles ein Wasserfall harmonischen, strahlenden, sonnenhaften Lachens, das nirgends mehr Schatten und Schmerz zulässt.
Worte der Mutter
Aber wenn man Meinungen über die Leute hat und vor allem Reaktionen auf die Art ihrer Lebensweise, macht man ihnen zum Vorwurf, dass sie nicht so sind, wie wir denken, dass sie sein sollen. Wenn man nie vergessen würde, dass es im Universum nicht zwei gleiche Dinge geben kann, geben darf, denn das zweite wäre überflüssig, da es vorher schon ein solches gegeben hätte, und weil das Universum für die Harmonie einer unendlichen Vielfalt geschaffen worden ist, wo nie zwei Bewegungen – und noch viel weniger zwei Bewusstseinsweisen – gleichartig sind, mit welchem Recht kann man dann eingreifen und wollen, dass jemand unserem eigenen Denken entsprechen soll? … Denn wenn man auf eine bestimmte Art denkt, wird der andere sicher nicht auf dieselbe Art denken können. Und wenn man eine bestimmte Art hat, wird der andere sicher nicht dieselbe Art haben können. Und du musst lernen, alles, was in der Welt nicht zusammenpasst, in Einklang zu bringen, es zu einer Synthese zu vereinen und alles an seinen Platz zu stellen! Die totale Harmonie liegt überhaupt nicht in einer Identität, sondern in einer Harmonisierung, die nur kommen kann, wenn jedes Ding an seinen Platz gestellt wird.
Worte der Mutter
Es ist immer ein Fehler, sich über die Umstände unseres Lebens zu beschweren, denn sie sind der äußere Ausdruck dessen, was wir selbst sind.
Worte der Mutter
Für den Aspiranten und den Sadhak kommt alles, was in seinem Leben passiert, als eine Hilfe, die Wahrheit zu erkennen und sie zu leben. Sei zuversichtlich, du wirst siegen – es wird ein großer Schritt nach vorne sein.
Worte der Mutter
Die Schwierigkeiten kommen immer wieder, um uns voranzubringen. Je größer die Schwierigkeit, desto größer kann der Fortschritt sein.
Sei zuversichtlich und halte durch.
Kapitel 22
Ein Gebet für jene, die dem Göttlichen dienen wollen
Worte der Mutter
Heil Dir, O Herr,
Der Du über alle Hindernisse triumphierst.
Gewähre, dass nichts in uns
Deinem Werk im Wege stehe.
Gewähre, dass nichts Deine Offenbarung verzögere.
Dein Wille geschehe
in allem und in jedem Augenblick.
Wir stehen vor Dir,
dass Dein Wille in uns sich erfülle,
in allen Teilen und allen Tätigkeiten unseres Wesens,
von den höchsten Höhen unseres Bewusstseins
bis in die geringsten Zellen unseres Körpers.
Gewähre, dass wir Dir ganz und gar und auf ewig
treu ergeben seien.
Wir wollen völlig unter Deinem Einfluss stehen,
jeder andere ausgeschlossen.
Gewähre, dass wir nie vergessen,
Dir tief und innig dankbar zu sein.
Gewähre, dass wir nie etwas vergeuden
von all dem Wunderbaren,
das Du uns jeden Augenblick gibst.
Gewähre, dass alles in uns mitarbeite an Deinem Werk,
dass alles bereit sei für Deine Verwirklichung.
Heil Dir, O Herr,
Erhabener Meister aller Verwirklichungen.
Gib uns einen glühenden, tätigen,
absoluten, unerschütterlichen Glauben an Deinen Sieg!