Sri Aurobindo Digital Edition
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  1. ALLES LEBEN IST YOGA
  2. Kunst

Kapitel 12

Pilzkunst

Was meinst du mit Pilzgattung1?

Weißt du nicht, was ein Pilz ist? Wie Pilze wachsen? Pilze sprießen überall und scheinen nicht zu irgendeinem Anbau zu gehören. Die Idee ist die von einer Art spontanem Wachstum, das keine Wurzeln in der Totalität der Schöpfung besitzt. Es gibt Dinge, die nicht zu einem Ganzen gehören, die wie fremd sind. Anstatt Pilze hätte ich Parasiten auf Bäumen sagen können. Du weißt, dass es Parasiten auf Bäumen gibt, wie die Mistel auf der Eiche. Auch hier habe ich sie auf gewissen Bäumen gesehen. Ich habe Pflanzen gesehen, die am Baum hafteten, Pflanzen, die vom Leben des Baumes lebten, die nicht ihr eigenes separates Leben, ihre eigenen Wurzeln besaßen, die ihre Nahrung nicht direkt vom Boden aufnahmen. Sie hafteten an einer anderen Pflanze, als ob sie eines anderen Arbeit ausnutzten. Die anderen arbeiten, um die Nahrung zu besorgen, und diese haften an ihnen und leben davon. Wirklich, wie Parasiten auf Tieren leben.

Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin zu sehr ins Detail gegangen. Aber für jene, die es kennen, habe ich genug darüber gesagt… In alten Zeiten, ich meine in den künstlerischen Zeitaltern wie zum Beispiel in Griechenland oder auch während der italienischen Renaissance (aber viel mehr in Griechenland und in Ägypten) wurden Bauten zum öffentlichen Nutzen errichtet. Meistens wurde auch in Griechenland und in Ägypten eine Art Heiligtum gebaut, um ihre Götter zu beherbergen. Nun, was sie zu tun versuchten, war etwas Totales, in sich Schönes, Vollständiges. Und dabei benutzten sie die Architektur, das heißt den Sinn für die Harmonie der Linien und die Skulptur, um zur Architektur das Ausdrucksdetail hinzuzufügen, und die Malerei, um diesen Ausdruck zu vervollständigen. Aber dies alles wurde in einer aufeinander abgestimmten Einheit gehalten, die das geschaffene Denkmal bildete. Die Skulptur bildete einen Teil des Gebäudes, die Malerei bildete einen Teil des Gebäudes. Sie waren keine abgesonderten Dinge, einfach dorthin gestellt, niemand wusste warum – sie gehörten zum allgemeinen Plan. Und wenn also diese Leute beispielsweise einen Tempel erbauten, dann war er ein Ganzes, in dem fast alle Manifestationen der Kunst zu finden waren, vereint in einem einzigen Willen, die Schönheit auszudrücken, die sie auszudrücken wünschten, das heißt ein Kleid für den Gott, den sie anbeten wollten. Alle schönen Kunstepochen waren von dieser Art. Jedoch gerade in dieser Zeit, obwohl nicht in jüngster Zeit – gegen Ende des letzten Jahrhunderts –, wurde die Kunst kommerziell, käuflich, und Bilder wurden gemalt, um verkauft zu werden. Sie wurden auf Leinwand gemalt, gerahmt, und dann wurde ohne bestimmten Grund ein Bild hierhin oder ein anderes dorthin gehängt, oder aber eine Skulptur wurde angefertigt, die den einen oder anderen Gegenstand darstellte, und sie wurde aufgestellt, egal wo. Sie hatte nichts mit dem Haus zu tun, in dem sie aufgestellt wurde. Sie passte nicht hinein. Dinge konnten an sich schön sein, aber sie hatten keine Bedeutung. Es war kein Ganzes, das einen Zusammenhang besaß und etwas auszudrücken versuchte: Es war eine Zurschaustellung von Talent, Klugheit, der Fähigkeit, ein Bild oder eine Statue anzufertigen. Ebenso die Architektur jener Zeit – sie hatte keine bestimmte Bedeutung. Man baute nicht mit dem Gedanken, die Kraft auszudrücken, die man in jenem Gebäude verkörpern wollte. Die Architektur war nicht der Ausdruck einer Aspiration oder von etwas, das deinen Geist emporhebt oder Ausdruck der Herrlichkeit der Gottheit, der man eine Wohnstätte geben wollte. Es waren einfach nur Pilze. Sie stellten hier ein Haus auf, dort ein Haus, machten dieses und jenes, Bilder, Statuen, Gegenstände aller Art. So sah man, wie ich dir gerade erzählt habe, beim Betreten eines Hauses hier ein wenig Skulptur, dort ein wenig Malerei, Schaukästen mit einer Unmenge bizarrer Gegenstände, die keine Verbindung untereinander besaßen. Und warum das Ganze? Um eine Art Ausstellung zu machen, eine Schau von Kunstgegenständen, die nichts mit Kunst und Schönheit zu tun hatte! Man muss die tiefe Bedeutung der Kunst verstehen, um zu fühlen, in welchem Ausmaß dies schockierend war. Sonst erscheint es, wenn man daran gewöhnt ist, wenn man in jener Epoche und in jenem Milieu gelebt hat, ganz natürlich – aber es ist nicht natürlich. Es ist eine kommerzielle Deformation.

Es gibt nur eine Rechtfertigung, und die wäre, es zu einem Mittel für die Erziehung zu machen. Dann wird es zu einem Museum. Wenn du ein Museum errichtest, ist es ein historisches Sammeln all dessen, was gemacht worden ist. Es dient dazu, dir ein historisches Wissen über die Dinge zu vermitteln. Ein Museum ist jedoch nichts an sich Schönes, weit gefehlt! Für einen Künstler ist es etwas ziemlich Schockierendes. Vom Gesichtspunkt der Erziehung aus ist es sehr gut, denn dort sind an einem einzigen Ort Exemplare aller möglichen Dinge gesammelt worden, und auf diese Art kannst du lernen, Gelehrsamkeit erwerben. Vom Gesichtspunkt der Schönheit aus ist es jedoch schrecklich.

Und so gab es später ein Bestreben zurückzukehren (zum Beispiel zu Anfang dieses Jahrhunderts – ich spreche von den ersten Jahren dieses Jahrhunderts), ein Bestreben, das zu schaffen, was man „dekorative Kunst“ nannte (Jugendstil, Art Nouveau, d.Ü.), das heißt zu versuchen, zu einer Schau des Gesamten zurückzukehren und beim Einrichten eines Hauses ein geordnetes Ganzes zu schaffen, in dem sich die Dinge an einem bestimmten Ort befanden, eben weil sie dafür bestimmt waren, und wo jeder Gegenstand nicht nur seinen Daseinszweck besaß, sondern auch seinen genauen Platz und nicht anderswohin gestellt werden konnte. Ein Gesamtes wurde geschaffen, ein Ganzes. Das war also schon ein wenig besser. Sie probierten.

Hier in Indien ist es ganz anders, denn es gibt eine Kunsttradition, die verblieben ist. Das ganze Land ist voller Dinge, die in einem vortrefflichen Augenblick der künstlerischen Geschichte des Landes geschaffen wurden. Man lebt inmitten davon. Man hat kaum die Nachwirkungen dessen erlitten, was in der übrigen Welt geschehen ist, vor allem in Europa. Nur jene Teile Indiens, die ein wenig zu anglisiert sind, haben das Empfinden für Schönheit verloren. Es gibt gewisse Schulen in Bombay, Künstlerschulen, die schrecklich sind. Und dann gab es das Bestreben der Kalkutta-Schule, die indische Kunst wiederzubeleben. Das geschah jedoch nur in sehr geringem Ausmaß. Vom Gesichtspunkt der Kunst aus sind es die alten Schöpfungen, die alten Tempel und Bilder, die sich am meisten in deiner Reichweite befinden. Das alles war sehr gut. Und das wurde gemacht, um einen Glauben auszudrücken. Und es wurde genau mit einem Sinn für das Ganze, nicht in Unordnung angefertigt.

Du hast diese Kunstbewegung, von der ich spreche und die auf die europäische Zivilisation bezogen ist, sehr wenig verfolgt. Man hat hier nicht sehr viel von ihr verspürt – nur ein wenig, jedoch nicht tief. Hier ist die Mehrzahl der Schöpfungen (dies ist ein sehr gutes Beispiel), die Mehrzahl der Werke, ich glaube sogar fast alle schönen Werke, nicht signiert. All jene Malereien in den Höhlen, jene Statuen in den Tempeln – sie sind nicht signiert. Man weiß überhaupt nicht, wer sie geschaffen hat. Und all das geschah nicht wie gegenwärtig mit dem Gedanken, sich einen Namen zu machen. Man war zufällig ein großer Bildhauer, ein großer Maler, ein großer Architekt, und das war dann auch alles. Es bestand keine Frage, den eigenen Namen auf alles zu setzen und es laut in den Nachrichten zu verkünden, damit niemand es vergäße! In jener Zeit tat der Künstler das, was er zu tun hatte, ohne sich darum zu kümmern, ob sein Name der Nachwelt überliefert würde oder nicht. Alles geschah in einer Regung der Aspiration, um eine höhere Schönheit zum Ausdruck zu bringen, und vor allem mit dem Leitgedanken, der angerufenen Gottheit eine angemessene Wohnstätte zu geben. In den Kathedralen des Mittelalters war es genauso, und ich glaube nicht, dass auch dort die Namen der Künstler, die sie erbauten, geblieben sind. Wenn es irgendwelche gibt, dann ist das ganz außergewöhnlich, und nur durch Zufall ist der Name erhalten geblieben. Während es heute nicht ein winzig kleines Stückchen Leinwand gibt, auf dem sich nicht dennoch eine Signatur befindet, um dir mitzuteilen: Dies hat Herr Sowieso geschaffen!

1 Siehe Kapitel „Musik“, 1. Abschnitt.

Kapitel 13

Wunderkinder

Manche Leute behaupten, die Zahl der Wunderkinder sei erheblich am Zunehmen, und die einen (unter ihnen sogar Amerikaner) erklären, es sei der Einfluss und die Arbeit von Sri Aurobindo, und andere meinen, es sei die Folge der Atombomben! Tatsache ist jedoch, dass es eine recht beachtliche Zahl von Wunderkindern gibt. Ich wollte darüber nicht im Einzelnen sprechen, weil ich keine Beweise an der Hand habe, genau gesagt, ich hatte keine guten Beispiele vorzuweisen. Der Zufall wollte es, dass mir mittlerweile ein französisches Buch gebracht worden ist, das ein achtjähriges Kind geschrieben hat. Natürlich gibt es Leute, die die Möglichkeit bestreiten, aber ich werde euch nachher erklären, wie so etwas möglich ist.

Das Buch ist für ein achtjähriges Kind hervorragend. Das bedeutet nicht, dass man das Buch wunderbar fände, wenn man das Alter des Kindes nicht wüsste, doch es stehen hin und wieder Sätze darin, die einfach erstaunlich sind. Diese Sätze habe ich aufgeschrieben, und ich lese sie euch vor. (Die Mutter blättert in dem Buch.)

Eine Bemerkung wie die folgende etwa: „Wenn wir einander wirklich lieben, können wir voreinander nichts verbergen“. Das ist natürlich gut.

Und dann etwas anderes, an einen Jungen mit Sommersprossen geschrieben…, ihr wisst, was Sommersprossen sind? Sie schreibt ihm: „Du bist doch schön, deine Sommersprossen sind so hübsch. Man könnte sagen, ein Engel habe dir über das ganze Gesicht Getreidekörner gestreut, um die Vögel des Himmels anzulocken.“ Das ist natürlich sehr poetisch.

Und dann schließlich das, was wirklich gut ist und der Schlüssel zu der Erklärung, die ich euch gleich gebe: „Ich bin nur ein Ohr, ein Mund. Das Ohr hört den Sturm der Worte, die ich dir nicht erklären kann, die eine gewaltige Stimme in mir ihm zuwirft, und mein Mund gibt sie wieder, und nichts, was ich sage, gleicht dem Fluten des Lichts, das in mir ist.“

Das ist natürlich sehr schön.

Anscheinend findet man in ihrer Dichtung (sie hat viele Gedichte geschrieben) immer wieder so etwas wie Reminiszenzen, zum Beispiel an Maeterlinck; man hat daraus geschlossen, dass nicht sie das Buch geschrieben hat, weil man mit acht Jahren nicht Maeterlinck liest, es müsse jemand anderes das Buch geschrieben haben. Doch es ist in Wirklichkeit überhaupt nicht nötig, sich einen Schwindel vorzustellen, und der Verleger erklärt, er sei seiner Sache sicher, er kenne die Kleine ganz genau – tatsächlich war er für sie wie ein Pflegevater, weil ihr Vater gestorben war –, und er könne garantieren, dass es kein Schwindel sei. Doch ist es überhaupt nicht notwendig, sich eine Täuschung vorzustellen, um dieses Phänomen zu erklären.

Die Autoren, die Schriftsteller, die in ihrem Schaffen inspiriert und seriös waren, das heißt die sich in einer Art Weihung ihres Wesens auf die Literatur konzentriert haben, bilden in sich eine Art mentale Wesenheit aus, die äußerst gut aufgebaut und koordiniert ist, die unabhängig vom Körper ihr Eigenleben führt, so dass diese mentale Formation im Tod, wenn der Körper zur Erde zurückkehrt, ganz autonom und unabhängig weiter existiert, und da sie für den Ausdruck geschaffen wurde, sucht sie stets irgendwo ein Ausdrucksmittel. Und wenn es sich fügt, dass da ein Kind ist, das unter besonders günstigen Umständen herangebildet wurde – so war zum Beispiel die Mutter dieses kleinen Mädchens selbst Dichterin und Schriftstellerin; vielleicht beseelte diese Mutter eine Sehnsucht, ein Wunsch, ihr Kind möge ein hervorragender, außergewöhnlicher Mensch werden –, kurz, wenn das Kind, das empfangen wird, in besonders günstigen Verhältnissen herangebildet wird, kann eine Wesenheit wie diese im Augenblick der Geburt in das Kind eingehen und versuchen, sich seiner zu bedienen, um sich auszudrücken, und in diesem Fall verleiht dies der kindlichen Denkweise eine Reife, die ganz außergewöhnlich, außerordentlich ist und es ihm gestattet, Dinge zu tun, wie wir sie eben gelesen haben.

Wir könnten sagen, ohne befürchten zu müssen, etwas völlig Absurdes zu behaupten: Wenn das, was sie schreibt, so erstaunlich bestimmten Dingen oder der besonderen Eigenart der Schriften Maeterlincks gleicht, sogar in bestimmten, fast identischen Redewendungen, könnte man sich sehr gut vorstellen, dass eine mentale Formation von Maeterlinck sich in diesem Kind inkarnierte und dieses junge Instrument gebrauchte, um sich auszudrücken.

Ähnliche Beispiele kommen zum Beispiel bei Musikern vor. Es gibt Pianisten, die ihre Hände individualisiert und so wunderbar bewusst gemacht haben, dass diese Hände nicht verwesen – nicht die physischen Hände: die Hände des feinstofflichen Physischen und des Vitalen –, diese verwesen nicht, sie lösen sich im Augenblick des Todes nicht auf. Sie bleiben wie Instrumente, um Klavier zu spielen, und sie versuchen sich immer in den Händen von jemandem, der Klavier spielt, zu inkarnieren. Ich habe Beispiele von Leuten erlebt, die im Augenblick des Spielens gleichsam eine andere Hand fühlten, die in ihre hineinging und ganz wunderbar zu spielen anfing, wie sie selbst es niemals vermocht hätten.

Diese Dinge sind nicht so außergewöhnlich, wie man denken könnte, sie geschehen ziemlich oft.

Ich habe dasselbe auch bei einem Geiger und bei einem Cellisten gesehen – zwei ganz verschiedene Fälle –, die selbst keine glänzenden Künstler waren. Einer von ihnen stand am Anfang seiner Ausbildung, und der andere konnte gut vortragen, aber sie hatten nichts Wunderbares an sich. Doch mit einem Schlag, in dem Augenblick, als sie die Musik bestimmter Musiker spielten, ging etwas von diesen Musikern in ihre Hände über, so dass sie ganz wunderbar spielen konnten.

Bei einer Cellistin war es sogar so, dass sich in dem Moment, als sie Beethoven spielte, der Gesichtsausdruck vollkommen in den Gesichtsausdruck Beethovens verwandelte, und ihr Spiel war so erhebend, wie es nie hätte sein können, wenn nicht etwas vom Geist Beethovens in sie eingegangen wäre.

Kapitel 14

Die höhere und niedere Vollkommenheit

Die höhere Vollkommenheit ist die spirituelle Vollkommenheit, die integrale Vereinigung mit dem Göttlichen, die Freiheit von allen Begrenzungen der niederen Welt. Das ist spirituelle Vollkommenheit, die Vollkommenheit, die vom Yoga kommt – ganz unabhängig vom Körper und von der physischen Welt –, was in alter Zeit bedeutete, zuerst den Körper und das physische Leben zurückzuweisen, um nur zur höheren Welt und schließlich zum Göttlichen eine Beziehung zu haben. Das ist die höhere Vollkommenheit.

Und die niedere Vollkommenheit besteht darin, das menschliche Wesen in seiner gegenwärtigen Form und in seinem Körper, in seiner Beziehung zu allen irdischen Dingen dazu zu befähigen, sein Äußerstes zu vollbringen. Dies ist bei allen großen Menschen mit Genie der Fall: Bei solchen mit künstlerischem Genie, literarischem Genie, Organisationsgenie, bei den großen Regenten, bei jenen, die physische Fähigkeiten zu ihrer größtmöglichen Vollkommenheit, die menschliche Entwicklung zur Grenze ihrer Möglichkeiten weitergeführt haben, und beispielsweise bei all jenen, die völlige Kontrolle über ihren Körper besitzen und denen es gelingt, wunderbare Dinge zu tun, wie wir es zum Beispiel während des letzten Krieges an den Fliegern sahen: Sie brachten ihren Körper dazu, Dinge zu tun, die auf den ersten Blick ganz unmöglich erschienen. Sie erreichten von ihm eine Ausdauer, Geschicklichkeit und Kraft, die fast undenkbar war. Und von jedem Gesichtspunkt aus: vom Gesichtspunkt physischer Stärke, intellektueller Verwirklichung, der physischen Eigenschaften der Energie und des Mutes, der Uneigennützigkeit, Güte, Mildtätigkeit, alle menschlichen Qualitäten bis zu ihren äußersten Grenzen entwickelt. Das ist die niedere Vollkommenheit.

Die höhere Vollkommenheit ist spirituell und übermenschlich. Die niedere Vollkommenheit ist eine bis zu ihren äußersten Grenzen entwickelte menschliche Vollkommenheit, und das kann ganz unabhängig von allem spirituellen Leben sein. Man kann ein Genie sein, ohne jegliche spirituelle Aspiration zu besitzen. Man kann über all die außerordentlichsten moralischen Qualitäten verfügen, ohne jegliches spirituelles Leben zu besitzen. Und gewöhnlich sind jene, die über ein sehr großes Vermögen zu menschlicher Verwirklichung verfügen, auch mit ihrer Lage zufrieden – mehr oder weniger zufrieden. Sie fühlen, dass sie sich selbst genügen, dass sie die Quelle ihrer Verwirklichung und Freude in sich tragen, und es ist im Allgemeinen sehr schwer, sie dazu zu bringen zu verstehen und zu fühlen, dass nicht sie die Schöpfer ihrer eigenen Schöpfungen sind, was diese auch sein mögen. Die meisten von ihnen würden, mit sehr wenigen Ausnahmen, es gar nicht mögen, wenn man ihnen sagte: „Du bist nicht der Urheber dieses Werkes, das du vollbringst. Es ist eine höhere Kraft als du, und du bist nur ihr Instrument“ –, und sie werden dich deines Weges gehen heißen! Daher gehen diese beiden Vollkommenheiten im alltäglichen Leben wirklich sehr weit auseinander. Im alten Yoga sagte man, dass es die erste Bedingung zur Ausübung des Yoga sei, vom Leben angewidert zu sein. Diejenigen, die diese menschliche Vollkommenheit verwirklicht haben, sind jedoch sehr selten vom Leben angewidert, es sei denn, sie sind persönlichen Schwierigkeiten begegnet wie der Undankbarkeit der Leute um sie herum oder dem Mangel an Verständnis für ihr Genie, das nicht genügend gewürdigt wurde – all das widert sie also an, aber sonst sind sie völlig zufrieden, solange sie sich in ihrer Erfolgs- und Schaffensperiode befinden. Und so brauchen sie nach nichts anderem zu suchen, da sie zufrieden sind – vor allem selbstzufrieden.

Im Grunde genommen stimmt das nicht, aber so geschehen die Dinge eben im Allgemeinen, und solange sich in diesem Genie nicht eine Seele befindet, die ihrer selbst vollkommen bewusst und gekommen ist, um auf Erden eine bestimmte Arbeit zu verrichten, kann es sehr wohl geboren werden, heranwachsen und sterben, ohne zu wissen, dass es irgendetwas anderes als dieses irdische Leben gibt. Und vor allem ist es dies, weißt du, dieses Gefühl, die äußerste Verwirklichung erreicht zu haben, das eine Befriedigung vermittelt, die einen davon abhält, etwas anderes zu brauchen… Wenn sie eine Seele haben, die sich ihrer selbst und ihrer Absicht in der physischen Welt vollkommen bewusst ist, könnte es ein vages Gefühl geben, dass all dies ziemlich hohl sei, dass all diese Leistungen ein wenig zu oberflächlich seien und dass etwas fehle, aber das kommt nur zu jenen, die vorbestimmt sind, und davon gibt es doch schließlich in der Masse der Menschheit nicht sehr viele.

Nur diejenigen, die vorbestimmt sind, können diese beiden Vollkommenheiten kombinieren und etwas Ganzheitliches verwirklichen… Das ist sehr selten. Die großen spirituellen Führer waren sehr selten große Verwirklicher in der physischen Welt. Es ist geschehen, aber es ist sehr selten. Nur diejenigen, die bewusste Inkarnationen des Göttlichen sind, tragen natürlich die Möglichkeit der beiden Vollkommenheiten in sich, aber das ist außergewöhnlich. Leute, die ein spirituelles Leben besaßen, eine bedeutende spirituelle Verwirklichung, waren in gewissen außergewöhnlichen Momenten dazu in der Lage, dass sie eine Fähigkeit zur äußeren Verwirklichung hatten. Auch das war außergewöhnlich, aber es war Schwankungen unterworfen und besaß niemals die Integralität, die Totalität, die Vollkommenheit jener, die sich auf die materielle Verwirklichung konzentrierten.

Ich habe viele Leute getroffen – „viele“, nun, eine ganze Anzahl –, die demonstrieren wollten, dass spirituelle Mächte eine bedeutende Fähigkeit zur äußeren Verwirklichung verleihen und die in gewissen außergewöhnlichen spirituellen Zuständen versuchten zu malen, Musik zu komponieren oder Dichtung zu schreiben. Nun, alles, was sie produzierten, war durchaus zweitrangig und ließ sich nicht mit den Werken der großen Genies vergleichen, die die materielle Natur gemeistert hatten – und dies gab den Materialisten natürlich eine gute Gelegenheit: „Seht ihr, eure sogenannte Macht ist überhaupt nichts.“ Das war aber deshalb so, weil sie in ihrem äußeren Leben gewöhnliche Menschen waren, denn die größte spirituelle Macht wird, wenn sie in Material eingeht, das nicht ausgebildet ist, zwar ein Ergebnis hervorbringen, das dem weit überlegen ist, was das Individuum in seinem normalen Zustand hätte erreichen können, das jedoch weit unter dem liegt, was ein Genie hervorbringen kann, das die Materie gemeistert hat. Es reicht nicht aus, dass „der Geist weht“, das Instrument muss auch dazu fähig sein, ihn zu manifestieren.

Ich glaube, das ist eines der Dinge, die Sri Aurobindo erklären wird (in The Supramental Manifestation): Warum es notwendig ist, dem physischen, äußeren Wesen seine volle Entwicklung zu geben, die Fähigkeit, die Materie direkt zu kontrollieren. Dann stellst du dem Geist ein Instrument zur Verfügung, das fähig ist, ihn zu manifestieren, sonst… Ja, ich kannte mehrere Leute, die in ihrem normalen Zustand keine drei Zeilen schreiben konnten, ohne einen Fehler zu machen, nicht nur Rechtschreibfehler, sondern auch Sprachfehler, das heißt die nicht einen Gedanken klar ausdrücken konnten – nun, in ihren Augenblicken spiritueller Inspiration pflegten sie sehr schöne Dinge zu schreiben, aber dennoch waren diese sehr schönen Dinge nicht so schön wie die Werke der bedeutendsten Schriftsteller. Diese Dinge erschienen bemerkenswert im Vergleich zu dem, was sie in ihrem normalen Zustand leisten konnten. Es stimmte schon, ihre gegenwärtigen Möglichkeiten wurden bis zum Äußersten genutzt. Es war etwas, das dem einen Wert verlieh, was anderenfalls überhaupt keinen gehabt hätte. Aber angenommen, du nimmst ein wirkliches Genie – einen genialen Musiker, Künstler oder Schriftsteller –, der sein Instrument vollkommen gemeistert hat, der es dazu verwenden kann, Werke zu produzieren, die die äußerste menschliche Möglichkeit ausdrücken, wenn du dazu noch ein spirituelles Bewusstsein, die supramentale Kraft hinzufügst, wirst du etwas wahrhaft Göttliches haben.

Bibliographie

Zitate

  • CWSA Vol. 12, p. 440
  • CWM Vol. 3, p. 104

Schönheit im Leben

  • CWSA Vol. 23-24, p. 516
  • CWSA Vol. 25, pp. 136-45
  • CWSA Vol. 25, pp. 229-30
  • The Spiritual Significance of Flowers, p. 181

Das Göttliche als Schönheit

  • CWSA Vol. 27, p. 699
  • CWSA Vol. 27, p. 699
  • CWSA Vol. 1, p. 443
  • CWSA Vol. 23-24, pp. 591-92
  • CWSA Vol. 27, p. 700
  • CWSA Vol. 27, p. 701

Der unverkennbare Charakter der indischen Kunst

  • CWSA Vol. 20, pp. 267-69
  • CWSA Vol. 20, p. 270
  • CWSA Vol. 20, pp. 287-88
  • CWSA Vol. 20, pp. 301-02

Dichtung

  • CWSA Vol. 26, pp. 31-32
  • CWSA Vol. 26, p. 12
  • CWSA Vol. 26, p. 222
  • CWSA Vol. 26, pp. 254-55
  • CWSA Vol. 26, p. 19
  • CWSA Vol. 26, pp. 251-53

Schöpfung durch das Wort

  • CWSA Vol. 29, p. 322
  • CWSA Vol. 29, pp. 322-23

Der wahre Daseinszweck der Kunst

  • CWM Vol. 5, pp. 331-32

Kunst und Yoga

  • CWM Vol. 3, pp. 104-10

Das Ziel des Yogis in den Künsten

  • CWM Vol. 8, pp. 157-58

Der inspirierte Künstler

  • CWM Vol. 5, pp. 45-47

Keine Begrenzung für den Ausdruck des Göttlichen

  • CWM Vol. 5, pp. 322-23

Wer ist ein Künstler?

  • CWM Vol. 5, p. 324

Was die Menschen „künstlerisch“ nennen

  • CWM Vol. 9, pp. 28-29

Schönheit ist universal

  • CWM Vol. 5, pp. 329-30

Moderne Kunst

  • CWM Vol. 5, pp. 332-36

Warum ist moderne Kunst hässlich?

  • CWM Vol. 4, pp. 296-302

Musik

  • CWM Vol. 3, pp. 110-13
  • CWM Vol. 5, pp. 68-84
  • CWM Vol. 8, pp. 235-36

Pilzkunst

  • CWM Vol. 5, pp. 337-41

Wunderkinder

  • CWM Vol. 8, pp. 316-20

Die höhere und niedere Vollkommenheit

  • CWM Vol. 9, pp. 91-94

CWM: Collected Works of the Mother, 2nd ed., Vols. 1-17
CWSA: Complete Works of Sri Aurobindo, 2012, Vols. 1-37

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