Kapitel 5
Die Beseitigung des Egos auf dem Pfad des Wissens
Auf dem Pfad des Wissens versuchen wir die Beseitigung nach der negativen Seite hin dadurch, dass wir die Wirklichkeit des Egos verneinen. Nach der positiven Seite fixieren wir unser Denken beständig auf die Idee des Einen und Unendlichen an sich oder auf den Einen und Unendlichen überall. Wenn wir das beharrlich tun, verändern wir schließlich unsere mentale Anschauung über uns selbst und über die ganze Welt. Das führt zunächst zu einer Art mentaler Verwirklichung. Danach vertieft sich stufenweise oder vielleicht rasch und zwingend, beinahe schon zu Beginn, die mentale Verwirklichung zur spirituellen Erfahrung, zur Verwirklichung in der eigentlichen Substanz unseres Wesens. Immer häufiger erleben wir Zustände von etwas Undefinierbarem und Unbegrenzbarem, einen Frieden, ein Schweigen, eine Freude, eine unaussprechliche Seligkeit, das Empfinden einer absoluten apersonalen Macht, ein reines Sein, ein reines Bewusstsein, eine alles durchdringende Gegenwart. Das Ego besteht an sich oder in seinen gewohnten Bewegungen noch weiter. Aber der Friede des Einen wird immer mehr zu etwas Gewohnheitsmäßigem, während die anderen Regungen gebrochen, völlig aufgelöst und immer mehr abgewiesen werden, bis sie in ihrer Intensität schwach und kraftlos oder in ihrer Aktion mechanisch sind. Schließlich kommt es dazu, dass wir unser ganzes Bewusstsein in das Wesen des Erhabenen hineingeben. Wenn am Anfang die ruhelose Verwirrung und das verdunkelnde Unreine unserer äußeren Natur noch aktiv sind, während der mentale, vitale und physische Ego-Sinn noch machtvoll ist, finden wir vielleicht diese neue mentale Anschauung und diese Erfahrungen als äußerst schwierig. Sobald jedoch dieser dreifache Egoismus entmutigt wird oder seinem Ende nahe ist und die Instrumente des Geistes zurechtgebracht und in einem völlig reinen, schweigenden, erhellten und ausgeweiteten Bewusstsein geläutert sind, spiegeln sich Reinheit, Unendlichkeit und Ruhe des Einen in uns wider wie der Himmel in einem stillen See. Ein Zusammentreffen oder Hereinnehmen des reflektierten Bewusstseins durch das, was es reflektiert, wird immer dringlicher und leichter möglich. So wird die atmosphärische Kluft zwischen jener unbeweglichen ätherischen, ungeheuren apersonalen Weite und diesem vorher so aufgerührten Wirbel oder dem engen Strom des personalen Daseins immer mehr überbrückt oder beseitigt. Jenes geeinte Bewusstsein ist nun keine mühselig zu erringende Unwahrscheinlichkeit mehr, sondern mag sogar zu einer häufigen Erfahrung, wenn auch noch nicht zu einem andauernden Zustand werden. Aber selbst bevor völlige Läuterung eingetreten ist, kann der Jiva, wenn die Fesseln des egoistischen Herzens und Mentals schon genügend durchgescheuert und gelockert sind, durch ein plötzliches Zerreißen der Hauptbindungen frei werden, wie ein Vogel in die weiten Räume emporsteigt oder wie ein breiter Strom sich als entfesselte Flut in den Einen und Unendlichen ergießt. Zunächst erfahren wir dabei das plötzliche Empfinden eines kosmischen Bewusstseins, als ob wir uns in das Universale hineinstürzen. Von dieser Universalität aus ist unsere Aspiration nach dem Transzendenten dann umso leichter. Es ist, als ob die Wände, die unser bewusstes Wesen einschlossen, zurückgeschoben oder zerbrochen würden und einstürzten. Wir verlieren alles Empfinden unserer Individualität und Personalität. Wir haben unsere Position nicht mehr in Raum und Zeit. Wir unterstehen nicht mehr der Aktion oder dem Gesetz der Natur. Da gibt es kein Ego mehr, keine Person, die definiert oder definierbar wäre. Da ist nur Bewusstsein, nur Dasein, nur Friede und Seligkeit. So wird man zur Unsterblichkeit, zur Ewigkeit, zur Unendlichkeit. Was noch von der personalen Seele übrig blieb, ist eine einzige Hymne des Friedens, der Freiheit und Seligkeit, die irgendwo im Ewigen erklingt.
Darum ist der erste Schritt in diesem Yoga, dass wir das Ego aufgeben, dass wir zum apersonalen Selbst und apersonalen Brahman in unserem Bewusstsein werden.
Wie soll das aber geschehen? Die Gita sagt: zuerst durch Einung unserer geläuterten Intelligenz mit der reinen spirituellen Substanz in uns durch Buddhi-Yoga, buddhya visuddhaya yuktah. Diese spirituelle Umkehrung der Buddhi1 von dem nach außen und unten gerichteten zu dem nach innen und oben gerichteten Blick ist die Essenz des Yoga des Wissens. Das geläuterte Verstehen muss das ganze Wesen beherrschen, atmanam niyamya. Es muss uns von der Bindung an das nach außen ziehende Begehren der niederen Natur losreißen durch einen starken und steten Willen, dhrtya, der in seiner Konzentration seinen Blick völlig auf die Apersonalität des reinen Geistes richtet. Die Sinne müssen sich von ihren Gegenständen lösen, das Mental muss Zuneigung und Abneigung, die diese Objekte in ihm erregen, hinter sich lassen – denn das apersonale Selbst hat keine begehrlichen Wünsche und keinen Widerwillen. Das sind vitale Reaktionen unserer Persönlichkeit auf die Einwirkungen der Dinge. Die entsprechende Antwort des Mentals und der Sinne auf diese Einwirkungen ist Stütze und Basis für diese Reaktionen. Wir müssen uns eine völlige Kontrolle über Mental, Reden und Körper aneignen, selbst über vitale und physische Reaktionen wie Hunger, Kälte und Hitze, körperliche Lust und Schmerz. Das Ganze unseres Wesens muss in seinen Reaktionen neutral und indifferent werden, so dass es von diesen Dingen nicht beeinträchtigt wird. Es muss gegenüber allen Berührungen von außen wie den inneren Reaktionen und Antworten auf sie gleichmütig werden. Dies ist die unmittelbarste und machtvollste Methode, der gerade und steile Weg des Yoga. Es muss zu einem völligen Stillstand von Begehren und Verhaftetsein kommen, vairagya. Vom Suchenden wird erwartet, dass er oft die apersonale Einsamkeit sucht und ständig mit seinem innersten Selbst durch Meditation geeint ist. Dennoch ist es nicht Ziel dieser strengen Disziplin, dass wir, in unserem Ego zentriert, in egoistischer Abgeschlossenheit, im ruhigen Dasein des Gelehrten und Denkers, in Abneigung gegen die verwirrende Teilnahme an der Welt-Aktion leben. Ziel ist allein, dass wir von allem Ego frei werden. Zuerst müssen wir die rajasische Art der Ichhaftigkeit völlig ablegen: egoistische Kraftmeierei und Gewalttätigkeit, Anmaßung, Begehren und Zorn, den Sinn und Instinkt für Besitz, den Drang der Leidenschaften und die starken Gelüste des Lebens. Dann müssen wir uns aber auch des Egoismus jeder Art entledigen, sogar der höchsten sattwischen Art. Denn unser Ziel ist, Seele, Mental und Leben schließlich ganz freizumachen von aller gefangennehmenden Bindung an „Ich“ und „Mein“, nirmama. Die uns dargelegte Methode will die Ausmerzung des Egos und seiner Forderungen jeglicher Art. Denn das reine apersonale Selbst, das unerschüttert das Universum trägt, hat keinen Egoismus und erhebt keine egoistischen Forderungen an irgendeine Sache oder Person. Es ist ruhig, erleuchtet und leidenschaftslos. Es betrachtet schweigend alle Dinge und Personen mit gleichmütigem, unparteiischem Blick der Selbst- und Welt-Erkenntnis. So ist denn klar, dass die Seele am ehesten zum Einswerden mit dem unwandelbaren Brahman fähig wird, das alles betrachtet und weiß, aber durch die Formen und Veränderungen des Universums selbst nicht beeinträchtigt wird, indem sie in einer ähnlichen oder identischen Apersonalität im Inneren lebt und vom Ansturm der Dinge erlöst ist.
Dies erste Streben nach Apersonalität, wie es von der Gita so nachdrücklich angeraten wird, erbringt schließlich eine gewisse vollkommene innere Ruhe und ist in seinen innersten Teilen und den praktischen Prinzipien mit den Methoden des Sannyasa2 identisch. Und doch gibt es einen Punkt, an dem die Tendenz der Apersonalität, sich vor den Anforderungen der dynamischen Natur und der äußeren Welt zurückzuziehen, aufgehalten und in Schranken gezwungen wird, damit dieser innerliche Quietismus daran gehindert wird, sich in Verweigerung des Handelns und physische Zurücknahme zu vertiefen. Ihre Zurückweisung der Gegenstände der Sinne, visayams tyaktva, muss von der Art des Tyaga sein und darin bestehen, dass wir alle sinnliche Abhängigkeit, rasa, aufgeben, jedoch die wirklich notwendige Betätigung der Sinne nicht zurückweisen. Wir müssen uns unter den uns umgebenden Dingen bewegen und auf die Gegenstände des Sinnen-Bereiches mit reiner, wahrer und starker, mit einfacher und unbedingter Betätigung der Sinne einwirken, damit sie dem Geist in seinem göttlichen Wirken dienlich sind, kevalair indriyais caran, hingegen keineswegs um einer Befriedigung des Begehrens willen. Vairagya muss sein, jedoch nicht in der allgemeinen Bedeutung von Abscheu vor dem Leben oder Ekel vor dem Wirken in der Welt, sondern im Sinne der Aufgabe von raga sowie von dessen Gegenteil, von dvesa. Wir müssen uns aus jeglicher mentalen und vitalen Vorliebe ebenso zurückziehen wie aus aller mentalen und vitalen Abneigung. Das wird aber nicht verlangt, um jenes auszulöschen, sondern um uns vollkommen zum Gleichmut zu befähigen, Gelassenheit herzustellen, mit dem der Geist ungehindert und unbegrenzt sowohl der integralen und allumfassenden göttlichen Schau der Dinge wie dem integralen göttlichen Handeln in der Natur zustimmen kann. Dass wir ständig unsere Zuflucht zur Meditation nehmen, dhyana-yoga-paro nityam, ist ein sicheres Mittel, durch das die Seele des Menschen ihr Selbst der Macht ebenso wie ihr Selbst des Schweigens verwirklichen kann. Dennoch darf es dabei kein Aufgeben des aktiven Lebens zugunsten eines Lebens der reinen Meditation geben. Das Handeln muss stets als Opfer dem höchsten Geist dargebracht werden. Auf dem Pfad des Sannyasa bereitet dieser Schritt darauf vor, dass man sich völlig aus dem Leben zurückzieht und gänzlich im Ewigen aufgeht und in ihm verschwindet. Und Verzicht auf Leben und Wirken in der Welt ist ein unentbehrlicher Schritt in diesem Prozess. Dagegen ist dies auf dem Pfad der Gita, dem Tyaga, eher eine Vorbereitung darauf, dass wir unser ganzes Leben und Dasein mit all unserem Wirken hinwenden zum integralen Einssein mit dem erhabenen und unermesslichen Sein, Bewusstsein und Willen des Göttlichen. Es dient als Vorspiel und macht es möglich, dass die Seele von einem gewaltigen, totalen Aufschwung aus dem niederen Ego übergeht in die unsagbare Vollkommenheit der erhabenen spirituellen Natur, para prakrti.
1 Verstandesmäßiger Wille, Verstehen, Intellekt, Vernunft, Denken, Mental.
2 Entsagung des Lebens und der Tat.
Kapitel 6
Integrale Befreiung vom Ego
Die Hinwendung zum Ego, jene sich absondernde Bewegung des Wesens, ist der Angelpunkt allen leidvollen Mühens der Unwissenheit und Gebundenheit. Solange man nicht vom Ego-Sinn frei ist, kann es keine wirkliche Freiheit geben. Nach allgemeiner Auffassung ist Buddhi der Sitz des Egos. Das ist aber die Unwissenheit des unterscheidenden Mentals und der Vernunft, die sich irren und fälschlich die Individualität des Mentals, Vitals und Körpers als Wahrheit einer gesonderten Existenz annehmen und sich dadurch von der höheren, die Gegensätze überwindenden Wahrheit der Einheit allen Seins abkehren. Die Ego-Idee stützt jedenfalls im Menschen die falsche Annahme, der Mensch habe eine gesonderte Existenz. Ein wirksames Gegenmittel liegt deshalb im Aufgeben dieser Idee und im Gewinnen eines festen Standes in der entgegengesetzten Idee des Einsseins, des einen Selbstes, des einen Geistes, des einen Wesens der Natur. Das ist allerdings noch nicht absolut wirkungsvoll. Denn das Ego findet, obwohl es sich auf die Ego-Idee stützt, aham-buddhi, die stärksten Mittel für sein hartnäckiges oder leidenschaftliches Beharren in der normalen Aktion des Sinnen-Mentals, im prana und im Körper. Die Ego-Idee auszuschalten, ist nicht möglich oder nicht völlig wirksam, ehe diese Instrumente nicht einer Läuterung unterzogen werden. Da ihr Wirken beharrlich egoistisch ist und sich absondert, wird die Buddhi von ihnen mitgerissen „wie ein Schiff auf See durch die Stürme“, sagt die Gita. Das Wissen der Intelligenz wird dabei dauernd verfinstert oder geht zeitweilig verloren und muss wiedererlangt werden, eine wahre Sisyphus-Arbeit. Wenn aber die niederen Instrumente von egoistischem Begehren, Wünschen, Wollen sowie von egoistischen Gefühlsregungen rein sind und wenn die Buddhi von der egoistischen Idee und ihren Vorlieben geläutert ist, kann das Wissen von der spirituellen Wahrheit des Einsseins feste Grundlage finden. Bis das erreicht ist, nimmt das Ego subtile Formen an. Wir bilden uns wohl ein, wir seien frei von ihm. In Wirklichkeit handeln wir als seine Instrumente. Was wir gewonnen haben, ist nur eine gewisse intellektuell ausgeglichene Haltung, die keine wahre spirituelle Befreiung ist. Überdies ist es nicht genug, das aktive Empfinden vom Ego loszuwerden. Das könnte uns einen inaktiven Zustand in unserem Mentalwesen einbringen. Dann würde eine passive träge Ruhe des abgesonderten Wesens die Stelle der kinetischen Ichhaftigkeit einnehmen. Auch das wäre keine wahre Befreiung. Der Ego-Sinn muss durch Einheit mit dem transzendenten Göttlichen und dem universalen Wesen ersetzt werden.
Diese Notwendigkeit rührt von der Tatsache her, dass Buddhi nur Hauptstütze, pratistha, für den Ego-Sinn, ahankara, in seinem mannigfachen Spiel ist. An seinem Ursprung ist er jedoch Erniedrigung oder Entstellung der Wahrheit unseres spirituellen Wesens. Die Wahrheit des Wesens besteht in seinem transzendenten Sein, seinem höchsten Selbst oder seinem Geist, seiner zeitlosen Seele, seinem Ewigen, Göttlichen. Von diesem können wir im Vergleich zu den üblichen mentalen Ideen über die Gottheit als von einem „Über-Göttlichen“ sprechen. Dieses ist hier immanent. Es umfasst alles, verursacht alles und regiert alles. Es ist ein erhabener universaler Geist. Das Individuelle ist eine bewusste Seins-Macht des Ewigen, der Beziehungen zu ihm ewig fähig, aber auch eins mit ihm im eigentlichen Kern der Wirklichkeit seiner ewigen Existenz. Das ist die Wahrheit, die die Intelligenz begreifen kann. Wenn sie einmal geläutert ist, kann sie diese Wahrheit widerstrahlen, übertragen und in abgeleiteter Gestalt festhalten. In ihrem ganzen Umfang kann sie aber nur im Geist erkannt, gelebt und wirksam gemacht werden. Wenn wir im Geiste leben, wissen wir nicht nur diese Wahrheit unseres Wesens, sondern sind wir auch diese Wahrheit. Dann erlebt das Individuum im Geist, in der Seligkeit des Geistes, sein Einssein mit dem universalen Sein, sein Einssein mit dem zeitlosen Göttlichen und allen anderen Wesen. Das ist erst eigentlich der Sinn spiritueller Befreiung vom Ego. Jedoch in dem Augenblick, da die Seele wieder zur mentalen Begrenzung neigt, tritt sofort ein gewisser Sinn spiritueller Trennung in das Bewusstsein. Diese bringt ihre Freuden mit sich, kann aber auch jeden Augenblick in den völligen Ego-Sinn, in Unwissenheit und das Vergessen des Einsseins absinken. Um von dieser Trennung frei zu werden, versucht man, in Idee und Verwirklichung des Göttlichen aufzugehen. In gewissen Formen spiritueller Askese wird daraus der Versuch, von allem individuellen Wesen frei zu werden und in Entrückung und Versunkenheit jede individuelle oder universale Beziehung zum Göttlichen abzulegen. Bei anderen Disziplinen geht man völlig darin auf, Gott innezuwohnen, und ist eigentlich nicht mehr in dieser Welt. Oder man ist immer mehr vom transzendenten Wesen absorbiert und drängt danach, in seiner Gegenwart zu leben, sayujya, salokya, samipya mukti. Im Integralen Yoga wird jedoch eine andere Methode vorgeschlagen. Wir heben unser ganzes Wesen zu ihm empor und überantworten es seiner Hand. Dadurch erlangen wir nicht nur das Einssein mit ihm in unserer spirituellen Existenz, sondern wir wohnen auch in ihm und er in uns. Unsere Natur wird von seiner Gegenwart erfüllt und in die göttliche Natur umgewandelt. Wir erreichen das Einssein mit dem Göttlichen in Geist, Bewusstsein, Leben und Substanz. Zugleich leben wir in jenem Einssein, bewegen uns in ihm und genießen vielfältige Freude daran. Wir sind integral aus dem Ego in den Geist und in die Natur des Göttlichen freigelassen. Sie kann jedoch auf unserer gegenwärtigen Ebene nur eine relative sein. Wir werden sie aber immer vollkommener erlangen, je mehr wir uns für die Gnosis öffnen und zu ihr aufsteigen. Das ist dann die befreite Vollkommenheit.
Kapitel 7
Sind wir eine vorübergehende und wandelbare Gestalt der Natur?
Das Leben des Egos ist auf eine Konstruktion der vordergründigen mentalen, vitalen und physischen Wahrheit des Daseins aufgebaut, auf eine Verknüpfung sachlicher Beziehungen zwischen der individuellen Seele und der Natur, auf eine intellektuelle, emotionale und sinnenhafte Erklärung der vom begrenzten Ich in uns verwendeten Dinge, um dadurch die Vorstellungen und Sehnsüchte seiner eingeengten gesonderten Persönlichkeit inmitten der gewaltigen Aktion des Universums aufrechtzuerhalten und zu befriedigen. All unsere Dharma1, die gewöhnlichen Maßstäbe, durch die wir unsere Betrachtung der Dinge, unsere Erkenntnis und unser Handeln bestimmen, gehen von dieser engen und begrenzenden Basis aus. Und wenn wir ihnen auch in den weitesten Umkreisen um unser Ego-Zentrum folgen, so bringt uns das doch nicht aus diesem zu engen Kreis heraus, jenem Zirkel, in dem die Seele einerseits ein zufriedener, andererseits ein aufsässiger Gefangener ist, für immer den vermischten Zwängen der Natur unterworfen…
Das erste Tor, das wir sehen, um dieser Beschränkung unserer Möglichkeiten, dieser wirren Vermischung von Dharma, zu entkommen, ist eine bestimmte zur Apersonalität hochstrebende Tendenz, eine Bewegung nach innen zu etwas Weitem, Universalem, Ruhigem, Freiem, Richtigem und Reinerem, das jetzt noch durch das begrenzende Mental des Egos verborgen ist…
Das Betonen der reinen Apersonalität ist für uns schwierig und unvollständig, weil es die innere Person, den spirituellen individuellen Menschen, jenes ständige Wunder unseres innersten Wesens, auf eine nur vorübergehende, illusionäre und wandelbare Gestalt des Unendlichen reduziert. Der Unendliche existiert allein, und außer in einem vorübergehenden Spiel schenkt er der Seele des lebendigen Geschöpfs keine wahre Aufmerksamkeit. So kann es keine wirkliche und dauernde Beziehung zwischen der Seele im Menschen und dem Ewigen geben, wenn diese Seele ebenso wie der immer erneuerungsfähige Körper nichts weiter ist als eine vorübergehende Erscheinung im Unendlichen.
Es ist wahr, dass das Ego und seine begrenzte Persönlichkeit eben solch zeitweilige und wandelbare Gestalt der Natur sind und deshalb zerbrochen werden müssen, damit wir uns als eins mit Allen und mit dem Unendlichen fühlen können. Aber das Ego ist nicht die wahre Person. Sobald es aufgelöst worden ist, bleibt noch der spirituelle Einzelne, gibt es noch den ewigen Jiva2. Die Ego-Beschränkung verschwindet, und die Seele lebt in einer tiefen Einung mit dem Einen und fühlt ihre universale Einheit mit allen Dingen. Und dennoch ist es immer noch unsere eigene Seele, die sich dieser Ausweitung und dieses Einsseins erfreut. Selbst wenn wir die universale Aktion als die Aktion ein und derselben Energie in allen fühlen und sogar wenn wir sie als die vom Ishwara3 verursachte Aktion von Bewegung erfahren, nimmt sie dennoch in verschiedenen Seelen der Menschen verschiedene Formen an, amsah sanatanah. Sie bewirkt in deren Natur eine Wandlung zu einem anderen Wesen: Das Licht der spirituellen Erkenntnis, die vielfältige universale Shakti4, die ewige Seins-Wonne strömen in uns ein und umgeben uns, konzentrieren sich in der Seele und ergießen sich in die umgebende Welt eines jeden Menschen wie aus dem Mittelpunkt eines lebendigen spirituellen Bewusstseins, dessen Peripherie sich im Unendlichen verliert…
Dies Geheimnis unserer Existenz weist darauf hin, dass das, was wir sind, nicht nur ein vorübergehender Name und eine Gestaltung des Einen ist, sondern – wie wir sagen könnten – eine Seele und ein Geist des Göttlichen Einsseins. Unsere spirituelle Individualität, von der das Ego nur ein irreführender Schatten und eine Projektion in die Unwissenheit ist, hat oder ist eine Wahrheit, die über die Unwissenheit hinaus fortdauert. Es gibt etwas in uns, das auf ewig in der höchsten Natur des Purushottama5 daheim ist, nivasisyasi mayi. Dies ist die tiefgründige umfassende Einsicht der Lehre der Gita. Während sie die Wahrheit der universalisierten Apersonalität anerkennt, in die wir durch das Erlöschen des Egos eingehen, brahma-nirvana – denn ganz gewiss kann es ohne dies Erlöschen keine Befreiung, zumindest keine absolute Erlösung geben –, betont sie auch die stetige spirituelle Wahrheit unserer Persönlichkeit als einen Faktor der höchsten Erfahrung. Nicht dieses natürliche, sondern jenes göttliche und zentrale Wesen in uns ist der ewige Jiva. Es ist der Ishwara, Vasudeva, der alle Dinge ist und der unser Mental, Leben und den Körper in Anspruch nimmt, um die niedere Prakriti zu erfreuen. Es ist die höchste Prakriti, die ursprüngliche spirituelle Natur des höchsten Purusha, der das Universum zusammenhält und in ihm als der Jiva erscheint. Dieser Jiva ist also ein Wesensteil des ursprünglichen göttlichen Seins des Purushottama, eine lebendige Macht des lebendigen Ewigen. Er ist nicht nur eine zeitweilige, vergängliche Gestalt der niederen Natur, sondern ein ewiger Wesensteil des Erhabenen in seiner höchsten Prakriti, ein ewiger bewusster Strahl des göttlichen Seins und ebenso immerwährend wie jene höchste Prakriti. Es muss also die eine Seite unserer höchsten Vollkommenheit und Verfassung unseres befreiten Bewusstseins sein, dass wir den wahren Platz des Jiva in der höchsten spirituellen Natur einnehmen, um dort in der Herrlichkeit des höchsten Purusha zu wohnen und dort die Freude des ewigen spirituellen Einssein zu genießen.
Dies Mysterium unseres Wesens setzt notwendig ein ähnliches höchstes Mysterium im Wesen des Purushottama voraus, rahasyam uttamam. Das höchste Geheimnis ist nicht eine exklusive Apersonalität des Absoluten. Das höchste Geheimnis ist das Wunder, dass eine erhabene Person und ein scheinbar unermessliches Apersonales eins sind, ein unwandelbares erhabenes Selbst aller Dinge und ein Geist, der sich hier am eigentlichen Fundament des Kosmos als unendliche und vielfältige Persönlichkeit manifestiert, die überall wirkt – ein Selbst und ein Geist, der sich unserer äußersten, innigsten und tiefsten Erfahrung als ein unbegrenzbares Wesen offenbart, das uns annimmt und zu sich holt, und zwar nicht in die Leere eines gestaltlosen Seins, sondern ganz ausdrücklich, tief und wundervoll hinein in alles, was Er Selbst ist, und in alle Arten seines und unseres bewussten Daseins.
1 Gesetz, Gesetz des Seins, Prinzip der Wahrheit, Regel oder Gesetz des Handelns, die indische Auffassung des religiösen, sozialen und moralischen Gesetzes, eines der vier menschlichen Anliegen: das ethische Verhalten und das rechte Gesetz des individuellen und gemeinsamen Lebens.
2 Der individualisierte Geist (Spirit), der von Geburt zu Geburt das lebende Wesen aufrechterhält. (Der volle Ausdruck ist Jivatman.)
3 Herr, Meister, das Göttliche, Gott.
4 Energie, Kraft, Stärke, Wille, Macht, die selbstbestehende, selbst-erkennende, selbst-wirkende Macht Gottes, die sich in dem Wirken der Prakriti ausdrückt.
5 Die Höchste Göttliche Person, das Höchste Wesen, das Göttliche Wesen.
Bibliographie
Zitat
- CWSA Vol. 13, p. 199
Des Menschen wichtigste Arbeit
- CWSA Vol. 23, p. 356
- CWSA Vol. 21, pp. 710-22
Die Wirkensweise der universalen Natur
- CWSA Vol. 19, pp. 552-55
Hinter der äußeren Erscheinung der Dinge
- CWSA Vol. 23, pp. 213-17
- CWSA Vol. 32, pp. 242-43
Das egoistische Leben ist nur ein Vorspiel
- CWSA Vol. 21, pp. 64-65
Das Ego und seine Beschaffenheit
- CWSA Vol. 28, p. 97
- CWSA Vol. 18, p. 25
- CWSA Vol. 23, pp. 440-41
- CWSA Vol. 21, pp. 382-83
Die Ursache der Dualitäten
- CWSA Vol. 17, pp. 56-57
- CWSA Vol. 17, p. 87
- CWSA Vol. 17, p. 18
- CWSA Vol. 21, p. 63
Die Funktionen des Egos
- CWSA Vol. 21, p. 551
- CWSA Vol. 31, p. 217
- CWSA Vol. 25, p. 167
- CWSA Vol. 21, pp. 646-48
Das vitale Ego
- CWSA Vol. 21, p. 552
- CWSA Vol. 21, pp. 644-45
Das mentale Ego
- CWSA Vol. 23, p. 330
Das tamasische, rajasische und sattwische Ego
- CWSA Vol. 31, p. 228
- CWSA Vol. 31, p. 225
- CWSA Vol. 13, p. 83
- CWSA Vol. 31, p. 798
- CWSA Vol. 31, pp. 227-28
- CWSA Vol. 13, p. 83
- CWSA Vol. 19, p. 544
- CWSA Vol. 31, p. 798
- CWSA Vol. 31, p. 227
- CWSA Vol. 31, pp. 226-27
- CWSA Vol. 19, p. 544
- CWSA Vol. 25, pp. 627-28
Das verstärkte Ego und das Substrat des Egos
- CWSA Vol. 31, p. 231
- CWSA Vol. 23, pp. 228-29
- CWSA Vol. 23, p. 248
- CWSA Vol. 30, p. 30
- CWSA Vol. 23, p. 60
- CWSA Vol. 30, p. 30
- CWSA Vol. 23, p. 360
Gleichwertige Werkzeuge
- CWSA Vol. 23, p. 250
Die richtige Einstellung und das wahre Verhalten
- CWSA Vol. 23, pp. 188-90
- CWSA Vol. 23, pp. 765-66
Die Auslöschung des Egos – Einige Anleitungen
- CWSA Vol. 31, pp. 217-18
- CWSA Vol. 31, p. 237
- CWSA Vol. 31, p. 218
- CWSA Vol. 31, p. 229
- CWSA Vol. 31, p. 229
- CWSA Vol. 31, p. 219
- CWSA Vol. 31, p. 236
- CWSA Vol. 31, p. 238
- CWSA Vol. 12, p. 469
Die Vernichtung des Egos auf dem Pfad der Werke
- CWSA Vol. 23, pp. 113-14
- CWSA Vol. 23, pp. 221-31
Die Beseitigung des Egos auf dem Pfad des Wissens
- CWSA Vol. 23, pp. 363-64
- CWSA Vol. 19, pp. 533-35
Integrale Befreiung vom Ego
- CWSA Vol. 23, pp. 676-79
Sind wir eine vorübergehende und wandelbare Gestalt der Natur?
- CWSA Vol. 19, pp. 543-50

CWM: Collected Works of the Mother, 2nd ed., Vols. 1-17
CWSA: Complete Works of Sri Aurobindo, 2012, Vols. 1-37