Kapitel 8
Weitere Anleitungen
Seine Mitte verlegen
Worte Sri Aurobindos
Damit diese Umwandlung aber ihre weiteste Vollständigkeit und ganze Tiefe erlangen kann, muss das Bewusstsein seine Mitte, seine statische und dynamische Position, von der Außenseite in das innere Wesen verlegen. Hier müssen wir die Grundlage für unser Denken, Leben und Handeln finden, denn es kommt zu keiner ausreichenden Transformation, wenn wir draußen in unserer vordergründigen Person verbleiben und vom inneren Wesen her nur Anregungen empfangen und befolgen. Man muss aufhören, die Persönlichkeit der Außenseite zu sein. Man muss zur inneren Person, zum Purusha werden. Das ist aber aus zwei Gründen schwierig. Erstens weil die äußere Natur dieser Bewegung Widerstand entgegenstellt und sich an ihr normales gewohntes Kräfte-Verhältnis und an die veräußerlichte Art des Daseins klammert. Zweitens weil es ein langer Weg von der Außenseite in die Tiefen ist, in denen sich das seelische Wesen vor uns verhüllt und weil dieser Zwischenraum von der subliminalen Natur und ihren Bewegungen erfüllt ist, die keineswegs alle unser völliges Eindringen in das Innere begünstigen.
Beruhigende Läuterung der äußeren Natur
Worte Sri Aurobindos
Die äußere Natur muss sich einer Umwandlung ihres bisherigen Kräfte-Ausgleichs unterziehen. Sie muss ihre Substanz und Energie stilllegen, läutern und in etwas Feineres verwandeln, wodurch die vielen Widerstände in ihr seltener werden, entfallen oder sonstwie verschwinden. Dann wird es möglich, durch sie hindurch in die Tiefen unseres Wesens einzudringen. Von den so gewonnenen Tiefen her kann ein neues Bewusstsein gebildet werden, das sowohl hinter dem äußeren Selbst wie in ihm wirkt und die Tiefen mit der Oberfläche vereinigt. In uns muss ein Bewusstsein emporwachsen oder sich offenbaren, das immer mehr aufgeschlossen ist für das tiefere und höhere Wesen, das empfänglicher wird für das kosmische Selbst, für seine Macht und für alles, was aus der Transzendenz herabkommt, das sich hinwendet zu einem höheren Frieden, durchlässig wird für mehr Licht, Kraft und Entzücken – ein Bewusstsein, das über die kleine Persönlichkeit hinauswächst und das begrenzte Licht und die begrenzte Erfahrung des vordergründigen Mentals, die beschränkte Stärke und Sehnsucht des Lebens-Bewusstseins und die dunkle und begrenzte Reaktionsfähigkeit des Körpers übertrifft.
Gefahren durch gewaltige Anstrengung
Worte Sri Aurobindos
Aber schon bevor diese beruhigende Läuterung der äußeren Natur wirksam oder ausreichend wurde, kann man durch die Gewalt von Anrufung und Erstreben, durch stürmischen Willen, gewaltige Anstrengung, wirkungsstarke Selbstzucht oder einen Denkvorgang die Wand niederbrechen, die unser inneres Wesen gegen unser äußeres Bewusstsein abschirmt. Diese Bewegung mag aber unzeitig früh unternommen werden und ist dann nicht ohne ernstliche Gefahren. Wenn man in den inneren Bereich eindringt, kann man sich mitten in einem Chaos übernormaler Erfahrungen finden, mit denen man nicht vertraut ist und zu deren Verständnis man keinen Schlüssel besitzt. Oder der Druck subliminaler oder kosmischer Kräfte, die unterbewusst, mental, vital, subtil-physisch sind, kann das Wesen übermäßig beeinflussen und hin- und hertreiben. Sie können es in einer Höhle mit Finsternis umgeben, in einer Wüste von Verzauberung, Verführung und Trug herumirren lassen oder auch in ein düsteres Schlachtfeld stoßen, das voll ist von verborgenen, verräterischen und irreführenden oder offen gewalttätig auftretenden Widersachern. Vor den inneren Sinnen, dem Schauen und Hören, mögen Wesen, Stimmen und Einflüsse erscheinen, die von sich behaupten, sie seien das Göttliche Wesen, seine Boten oder Mächte und Gottheiten des Lichts oder Führer auf dem Pfad zur Verwirklichung. In Wahrheit sind sie aber von ganz anderer Art. Ist zu viel Egoismus in der Natur des Suchenden, eine starke Leidenschaft, übermächtiger Ehrgeiz, Eitelkeit oder eine andere ihn beherrschende Schwäche oder ist sein Mental unklar, sein Wille schwankend, seine Lebenskraft schwach, ist er haltlos und unausgeglichen, dann wird er wahrscheinlich an diesen Schwächepunkten angegriffen: Er soll frustriert werden, abirren vom rechten Weg inneren Lebens und Suchens, auf falsche Pfade gelenkt werden oder auf den Irrwegen im Chaos seiner Erfahrungen im Zwischenbereich im Stich gelassen werden und den Ausweg in die wahre Verwirklichung verfehlen. Diese Gefahren waren der vergangenen spirituellen Erfahrung wohl bekannt. Man trat ihnen entgegen, indem man auf die Notwendigkeit von Initiation, Disziplin, Methoden der Läuterung, auf den Test durch das Gottes-Urteil drängte. Man musste sich ganz den Weisungen dessen unterwerfen, der den Pfad gefunden hatte und ihn führte, der die Wahrheit erkannt hatte und sie selbst besitzt, der das Licht, die Erfahrung übermitteln kann, eines Führers, der stark genug ist, den Suchenden bei der Hand zu nehmen und über schwierige Übergänge hinwegzuführen wie auch den Weg zu lehren und auf ihn hinzuweisen.
Zeichen für die Bereitschaft zur Umwandlung
Worte Sri Aurobindos
Trotzdem werden die Gefahren weiterbestehen. Wir können sie nur überwinden, wenn in uns völlige Aufrichtigkeit wächst, der Wille zur Läuterung, die Bereitschaft, der Wahrheit zu gehorchen, sich dem Höchsten völlig zu übergeben und das einengende und sich behauptende Ego aufzugeben oder einem göttlichen Joch zu unterwerfen. Diese Dinge sind ein Zeichen dafür, dass der wahre Wille zur Verwirklichung, zur Umwandlung des Bewusstseins und zur Transformation erlangt worden ist. In einer solchen Verfassung können die Mängel der Natur, die zum menschlichen Wesen gehören, kein dauerndes Hindernis gegen die Umwandlung vom mentalen in den spirituellen Zustand sein. Der Prozess mag nie ganz leicht sein. Doch ist der Weg nun erschlossen und gangbar gemacht worden.
Kapitel 9
Das Eindringen in das innerste Wesen
Das Purusha-Bewusstsein führt zur Befreiung von der Natur
Worte Sri Aurobindos
Eine oft angewandte wirkungsvolle Methode, das Eindringen in unser inneres Selbst zu erleichtern, ist die Trennung des Purushas, des bewussten Wesens, von Prakriti, der geformten Natur. Wenn man so vom Mental und seinen Wirkensweisen zurücktritt, dass sie nach Belieben stille werden oder nur als äußere Bewegung weitergehen, deren gleichgültiger und uninteressierter Beobachter man ist, kann man schließlich erkennen, dass man das innere Selbst des Mentals, das wahre und reine mentale Wesen, der Purusha ist. Tritt man in ähnlicher Weise hinter die Wirkensweisen des Lebens zurück, kann man sich als das innere Selbst des Lebens, als das wahre und reine vitale Wesen, als den Purusha, erkennen. Es gibt sogar ein Selbst des Körpers, dessen wir bewusst werden können als eines wahren und reinen physischen Wesens, Purusha, wenn wir hinter den Körper mit seinen Forderungen und Aktivitäten zurücktreten, in das Schweigen des physischen Bewusstseins eingehen und das Wirken seiner Energie beobachten. Tritt man nacheinander oder gleichzeitig von allem Wirken der Natur zurück, wird es auch möglich, die Wirklichkeit seines inneren Wesens als das schweigende apersonale Selbst wahrzunehmen, als den Zeugen Purusha. Das wird zur spirituellen Erkenntnis und Befreiung führen, aber nicht notwendig auch eine Transformation zustande bringen. Denn der Purusha kann nun, zufrieden damit, frei und er selbst zu sein, die Natur, Prakriti, verlassen, um ihre angehäufte Antriebskraft auszuschöpfen, indem er ihr Wirken nicht mehr unterstützt und ihre mechanische Fortdauer nicht mehr durch seine Zustimmung erneuert, verstärkt, lebendig erhält und verlängert. Er kann diese Zurückweisung als Mittel verwenden, um sich völlig aus aller Natur zurückzuziehen.
Der Eintritt in das innerste Wesen, jenseits des Purusha ist notwendig für die Transformation
Worte Sri Aurobindos
Der Purusha muss nicht nur der Beobachter werden, sondern der Wissende, der Ursprung, der Meister über alles Denken und Handeln. Das kann aber nur teilweise geschehen, solange man auf der mentalen Ebene verbleibt oder noch die gewöhnliche Instrumentation von Mental, Leben und Körper zu verwenden hat. Gewiss kann man eine gewisse Meisterschaft erreichen, Meisterschaft ist aber noch keine Transformation. Die bisher erreichte Umwandlung kann nicht ausreichen, um vollständig zu sein: Dazu ist wesentlich, dass wir ganz zurücktreten, hinter das Mental-Wesen, das Lebens-Wesen, das Körper-Wesen, noch tiefer nach innen zur seelischen Wesenheit eindringen, die zuinnerst und am tiefsten in uns ist, oder auch, dass wir uns für die überbewussten höchsten Ebenen öffnen. Um in die leuchtende Krypta der Seele eintreten zu können, muss man durch den ganzen sich eindrängenden vitalen Stoff bis zum seelischen Zentrum in uns vordringen, wie lang, mühsam und schwierig dieser Prozess auch sein mag. Eine nützliche Hilfe für diesen schweren Übergang ist die Methode, Abstand zu nehmen von der Bedrängnis durch alle mentalen, vitalen und physischen Ansprüche und durch Forderungen und Antriebe, stattdessen die Konzentration im Herzen, die Askese der Selbst-Läuterung und Zurückweisung der alten Regungen des Mentals und des Vitals, das Verwerfen des Egos unseres Begehrens und das Ablegen der falschen Bedürfnisse und Gewohnheiten. Die wirksamste, zentralste Methode aber ist, dass wir diese oder andere Maßnahmen auf eine Selbst-Darbringung gründen, auf eine Überantwortung unseres Selbstes und aller Schichten unseres Wesens an das Göttliche Wesen, an den Ishwara. Normal und notwendig ist es auch für alle, mit Ausnahme von einigen besonders begabten Suchern, dass sie der weisen und intuitiven Lenkung durch einen Führer gehorchen.
Kapitel 10
Das Erwachen des inneren Wesens im Schlaf
Worte Sri Aurobindos
Deine andere Erfahrung ist ein erstes Erwachen des inneren Wesens im Schlaf. Wenn man schläft, spielt sich gewöhnlich ein komplizierter Vorgang ab. Das Wachbewusstsein ist nicht länger vorhanden, da sich alles nach innen, in die inneren Bereiche, zurückgezogen hat, deren wir uns im Wachzustand nicht bewusst sind, obwohl sie existieren. Denn dann wird durch das Wach-Mental alles verhüllt, und nichts außer dem oberflächlichen Selbst und der äußeren Welt bleibt übrig – etwa so, wie der Schleier des Sonnenlichtes uns die weiten Welten der Sterne dahinter verbirgt. Schlaf ist eine Nach-innen-Wende, durch die das Oberflächen-Selbst und die äußere Welt unseren Sinnen und unserer Schau entschwinden. Im gewöhnlichen Schlaf jedoch werden wir uns der inneren Welten nicht bewusst, das Wesen scheint in ein tiefes Unterbewusstsein versunken zu sein. An der Oberfläche dieses Unterbewusstseins treibt eine dunkle Schicht, in der, wie es uns scheint, die Träume stattfinden – oder richtiger ausgedrückt, in der sie aufgezeichnet werden. Wenn wir in sehr tiefen Schlaf fallen, kommt es uns so vor, als ob wir traumlos schlummern. Tatsächlich aber setzen sich die Träume fort, sie sind aber entweder zu tief unten, um die aufzeichnende Oberfläche zu erreichen, oder sie werden vergessen, und jede Erinnerung daran, selbst dass sie existiert haben, wird in dem Übergang zum Wach-Bewusstsein ausgelöscht. Gewöhnliche Träume sind zum größten Teil zusammenhangslos oder scheinen es zu sein, denn sie werden entweder vom Unterbewusstsein aus tiefliegenden Eindrücken gewoben, die unser vergangenes inneres und äußeres Leben darin zurückgelassen hat – auf eine phantastische Weise gewoben, die der Erinnerung des Wach-Bewusstseins nicht ohne weiteres einen Hinweis auf ihre Bedeutung gibt –, oder sie sind unfertige, meist entstellte Aufzeichnungen von Erfahrungen, die hinter dem Schleier des Schlafes fortdauern – tatsächlich werden diese beiden Elemente größtenteils miteinander vermischt. Denn in Wirklichkeit versinkt ein großer Teil unseres Schlaf-Bewusstseins nicht in diesen unterbewussten Zustand. Es wandert jenseits des Schleiers zu anderen Seins-Ebenen, die mit unseren eigenen inneren Ebenen verbunden sind, zu Ebenen überphysischen Daseins, Welten eines größeren Lebens, Mentals oder einer größeren Seele, die sich im Hintergrund befinden und uns ohne unser Wissen beeinflussen. Gelegentlich gelangt ein Traum von diesen Ebenen zu uns, etwas mehr als ein Traum – eine Traum-Erfahrung, die ein direkter oder symbolischer Bericht dessen ist, was wir dort erleben oder was um uns herum geschieht. In dem Maß, wie das innere Bewusstsein durch die Sadhana wächst, nehmen diese Traum-Erfahrungen an Zahl, Deutlichkeit, Zusammenhang und Genauigkeit zu, und nach einer gewissen Entwicklung der Erfahrung und des Bewusstseins können wir, wenn wir genau beobachten, sie und ihre Bedeutung für unser inneres Leben verstehen lernen. Durch Übung können wir sogar so bewusst werden, dass wir unser Durchwandern vieler Bereiche – unserer Wahrnehmung und Erinnerung gewöhnlich verhüllt – sowie den Vorgang der Rückkehr zum Wach-Zustand verfolgen können. An einem bestimmten Punkt inneren Wachsens kann diese Art von Schlaf, ein Schlaf der Erfahrungen, den üblichen unterbewussten Schlummer ersetzen.
Es ist natürlich ein inneres Wesen oder Bewusstsein oder ein Teil des inneren Selbstes, das auf diese Weise wächst, nicht wie es üblicherweise der Fall ist hinter dem Schleier des Schlafes, sondern im Schlaf selbst. In dem Zustand, den du beschreibst, wird es sich gerade des Schlafes und Traumes bewusst und beobachtet sie – vorläufig aber noch nicht mehr –, es sei denn, dass dir etwas in der Natur deiner Träume entgangen ist. Aber das innere Wesen ist so weit erwacht, dass sich das Oberflächen-Bewusstsein dieses Zustandes erinnert, das heißt die Aufzeichnung empfängt und sie bewahrt, selbst im Übergang vom Schlaf zum Wachzustand, in welchem durch Vergessen meist alles außer Bruchstücken der Aufzeichnung der Schlaf-Ereignisse ausgelöscht wird. Deine Empfindung, dass das Wach-Bewusstsein und das, was im Schlaf wacht, nicht das Gleiche sind, ist richtig – es sind verschiedene Teile des Wesens.
Wenn dieses Wachsen des inneren Schlaf-Bewusstseins beginnt, besteht oft, selbst wenn man nicht müde ist oder das Bedürfnis zu schlafen hat, ein Sog, sich nach innen zu wenden und die Entwicklung wieder aufzunehmen. Eine weitere Ursache trägt zu diesem Sog bei. Es ist meist der vitale Teil des inneren Wesens, der zuerst im Schlaf erwacht, und die ersten Traum-Erfahrungen (im Gegensatz zu den gewöhnlichen Träumen) sind meist überwiegend Erfahrungen der vitalen Ebene – einer Welt überphysischen Lebens, voller Mannigfaltigkeit und Anziehungskraft, mit vielen Bereichen, leuchtend oder dunkel, schön oder gefährlich, häufig äußerst verlockend, in der wir auch viel Wissen erwerben können, sowohl über die verborgenen Teile unserer Natur als auch über Dinge, die uns hinter dem Schleier widerfahren, und über anderes, was für die Entwicklung unserer Wesensteile wichtig ist. Das vitale Wesen in uns kann sich dann von diesem Erfahrungs-Bereich sehr stark angezogen fühlen und lieber darin leben wollen als im äußeren Leben. Darauf wäre dann jener Wunsch zurückzuführen, zu etwas Interessantem und Fesselndem zurückkehren zu wollen, der vom Verlangen, in Schlaf zu fallen, begleitet wird. Dies darf aber in den Wachstunden nicht gefördert, sondern sollte für jene Stunden bewahrt werden, die für den Schlaf vorgesehen sind, in denen es seinen natürlichen Rahmen erhält. Im anderen Fall könnte Unausgeglichenheit eintreten, ein Hang, mehr und zu viel in den Visionen der überphysischen Bereiche zu leben und ein Nachlassen des festen Haltes in den äußeren Realitäten. Die Kenntnis dieser Bereiche der inneren Natur und die Erweiterung unseres Bewusstseins in ihnen sind sehr wünschenswert, müssen aber auf ihren Platz verwiesen und in ihren Grenzen gehalten werden.
Kapitel 11
Merkmale des inneren Bewusstseins
Worte Sri Aurobindos
Nimm die Krankheit. Solange wir nur im äußeren physischen Bewusstsein leben, wissen wir meist erst dann, dass wir krank sein werden, wenn die Symptome der Krankheit sich im Körper zeigen. Doch wenn wir das innere physische Bewusstsein entwickeln, gewahren wir eine feine, uns umgebende physische Hülle und können die Kräfte der Krankheit durch diese auf uns zukommen fühlen. Wir können sie sogar in einiger Entfernung und, wenn wir wissen wie, mit Hilfe des Willens oder sonstwie aufhalten. In gleicher Weise fühlen wir um uns eine vital-physische oder Nerven-Hülle, die vom Körper ausstrahlt und ihn beschützt, und wir können spüren, wie die feindlichen Kräfte diese zu durchbrechen suchen, und sie daran hindern, sie aufhalten oder die Nerven-Hülle stärken. Oder wir spüren die Symptome der Krankheit, wie Fieber oder Kälte, in der feinstofflich-körperlichen Schicht, bevor sie sich im groben, stofflichen Körper offenbaren, zerstören sie dort und hindern sie daran, sich im Körper festzusetzen. Nimm nun den Ruf nach der Göttlichen Macht, dem Licht, der Glückseligkeit. Wenn wir nur im äußeren physischen Bewusstsein leben, mögen diese herabkommen und hinter dem Schleier wirken, doch werden wir nichts fühlen und vereinzelte Ergebnisse erst nach langer Zeit erkennen. Oder es ist das, was wir bestenfalls fühlen, eine gewisse Klarheit, ein Friede im Mental, eine Freude im Vital, ein glückliches Befinden im Physischen, und wir schreiben dies dem Kontakt mit dem Göttlichen zu. Doch sind wir im Physischen erwacht, werden wir das Licht, die Macht, den Ananda durch den Körper fließen fühlen, durch die Glieder, die Nerven, das Blut, den Atem und durch den feinstofflichen Körper. Wir werden fühlen, wie sie die allerstofflichsten Zellen beeinflussen, sie bewusst und selig machen, und werden unmittelbar die Göttliche Macht und Gegenwart empfinden. Dies sind nur zwei mögliche Beispiele aus tausend, wie sie fortwährend vom Sadhak erfahren werden können.
Kapitel 12
Folgen des Eintritts in das innere Wesen
Das erste Ergebnis des Eintritts: eine Führung durch die Seele
Worte Sri Aurobindos
Zerspringt die Verkrustung der äußeren Natur, fallen die Wände der inneren Abtrennung, bricht das innere Licht durch, das innere Feuer brennt im Herzen, die Substanz der Natur und der Stoff des Bewusstseins verfeinern sich zu größerer Subtilität und Reinheit, die tieferen seelischen Erfahrungen, solche, die nicht allein von innerer mentaler oder innerer vitaler Art sind, werden in dieser subtileren, reineren und feineren Substanz möglich. Die Seele beginnt, sich zu enthüllen, die seelische Personalität erlangt ihre volle Gestalt. Nun offenbart sich die Seele, die seelische Wesenheit, als das zentrale Seiende, das Mental, Leben und Körper samt allen anderen Mächten und Funktionen des Geistes trägt und erhält. Sie übernimmt ihre höhere Funktion, die Natur zu führen und zu beherrschen. Eine Lenkung und Regierung von innen fängt an, die jede Regung unter das Licht der Wahrheit stellt, alles zurückweist, was falsch und dunkel ist, was sich der göttlichen Verwirklichung widersetzt. Jeder Bereich des Wesens, jeder Winkel, jede Ecke wird mit dem irrtumsfreien seelischen Licht aufgehellt, jede Bewegung, Gestaltung, Richtung, Neigung von Denken und Wollen, Gefühl und Empfindung, Wirkung und Gegenwirkung, Motiv und Planung, Neigung und Begehren, Gewohnheit des bewussten oder unbewussten Physischen, selbst das, was am meisten verborgen, getarnt, stumm und entlegen ist. Ihre Verwirrungen werden zerstreut, ihre Verstrickungen aufgelöst, ihre Unklarheiten, Täuschungen und Selbst-Täuschungen genau aufgezeigt und beseitigt. Alles wird geläutert und in Ordnung gebracht; die ganze Natur wird harmonisiert, auf die seelische Note abgestimmt und spirituell geordnet. Dieser Prozess mag je nach der noch in der Natur übrig gebliebenen Finsternis und Widersetzlichkeit rasch oder langsam verlaufen. Es geht aber unbeirrbar weiter, solange er noch nicht vollständig ist. Als endgültiges Ergebnis wird das bewusste Wesen ganz und gar dazu befähigt, spirituelle Erfahrungen aller Art zu machen. Es wird hingelenkt zur spirituellen Wahrheit von Denken, Fühlen, Empfinden und Handeln. Es wird auf die richtigen Reaktionen eingestimmt, befreit von der Dunkelheit und Sturheit des trägen Tamas, vom Trubel, den Verwirrungen und unreinen Leidenschaften von Rajas mit seiner ruhelosen, unharmonischen Dynamik, von den erleuchteten Starrheiten und Engstirnigkeiten von Sattwa oder von den unausgeglichenen Kräfteverhältnissen eines nur konstruierten Gleichgewichts, die für die Unwissenheit charakteristisch sind.
Das zweite Ergebnis des Eintritts: ein Einströmen aller Arten von spiritueller Erfahrung
Worte Sri Aurobindos
Das ist das erste Ergebnis. Das zweite ist ein freies Einströmen aller Arten von spiritueller Erfahrung: Erfahrungen des Selbsts, Erfahrungen des Ishwara und der Göttlichen Shakti, Erfahrungen des kosmischen Bewusstseins, unmittelbare Berührung mit den kosmischen Kräften und mit den geheimen Bewegungen der universalen Natur, seelisches Mitfühlen und Einheit, innere Kommunikation und vielfacher Austausch aller Art mit den anderen Wesen und mit der Natur, Erleuchtungen des Mentals durch das Wissen, Erleuchtungen des Herzens durch Liebe, fromme Hingabe, spirituelle Freude und Ekstase, Erleuchtungen der Sinne und des Körpers durch höhere Erfahrung, Erleuchtungen dynamischen Handelns in der Wahrheit und der umfassenden Weite eines geläuterten Mentals, Herzens und der Seele, die Gewissheiten des göttlichen Lichts und der Führung, die Freude und Macht der göttlichen Kraft, die im Willen und in der Lebensführung wirkt. Diese Erfahrungen kommen, weil sich das innere und innerste Wesen und seine Natur nach außen hin öffnen. Denn nun tritt die Seelen-Macht eines nie irrenden ursprünglichen inneren Bewusstseins in das Kräftespiel ein, seine Schau, seine Einwirkung auf die Dinge, die jeder anderen mentalen Erkenntnis überlegen ist. Dort gibt es, dem seelischen Bewusstsein in seinem reinen Wirken eingeboren, ein unmittelbares Empfinden der Welt und ihrer Wesen, direkten Kontakt mit ihnen, unmittelbare Berührung mit dem Selbst und mit dem Göttlichen, ein unmittelbares Wissen und Schauen der Wahrheit und aller Wahrheiten, ein ohne Vermittlung eindringendes spirituelles Empfinden und Fühlen, direkte Intuition des rechten Willens und rechten Handelns, eine Macht zu regieren und eine Ordnung des Seienden zu schaffen, ohne dass das vordergründige Selbst danach zu suchen braucht, vielmehr von innen her, aus der inneren Wahrheit des Selbsts und der Dinge und aus den geheimen Wirklichkeiten der Natur.
Manche dieser Erfahrungen können schon durch ein Sich-Öffnen des inneren Mentals und vitalen Wesens eintreten, durch das innere und umfassendere subtile Mental, das Herz und das Leben in uns, ohne dass die Seele, die seelische Wesenheit, voll hervortritt, da auch dort die Macht zu einem unmittelbaren Kontakt des Bewusstseins vorhanden ist. Die Erfahrung könnte aber dann von vermischter Art sein. Denn es könnte dabei nicht nur das subliminale Wissen, sondern auch die subliminale Unwissenheit hervortreten. Leicht könnte es dabei zu einer ungenügenden Ausweitung des Wesens kommen, zu einer Begrenzung durch eine mentale Idee, durch ein zu enges und auswählendes Gefühl oder durch die Form des Temperaments, so dass nur ein unvollkommenes Erschaffen und Wirken des Selbsts zustande käme und nicht das freie Hervortreten der Seele. Kommt aber das seelische Wesen nicht oder nicht vollständig in den Vordergrund, könnten gewisse Erfahrungen, solche höheren Wissens und einer größeren Kraft sowie ein Überschreiten der gewöhnlichen Grenzen zu einem aufgeblähten Ego führen. Sie würden dann statt des Aufblühens dessen, was göttlich und spirituell ist, einen Ausbruch des Titanischen oder Dämonischen hervorrufen. Sie könnten auch Organisationen oder Mächte herbeirufen, die, wenn auch nicht verhängnisvoller, so doch von machtvoller, aber niederer kosmischer Art sind. Regiert und lenkt jedoch die Seele, bringt sie in alle Erfahrungen die Tendenz von Licht, Einbeziehung, Harmonie, Rechtschaffenheit, wie sie der seelischen Wesenheit eigen ist. Eine seelische oder, in weiterem Sinn, seelisch-spirituelle Transformation dieser Art wäre bereits eine gewaltige Umwandlung unserer mentalen menschlichen Natur.
Das dritte Ergebnis des Eintritts: eine Öffnung nach oben und die Herabkunft
Worte Sri Aurobindos
Aber diese ganze Umwandlung und Erfahrung würde sich, auch wenn sie in Wesen und Art seelisch und spirituell ist, hinsichtlich ihrer Einwirkung auf das Leben noch auf der mentalen, vitalen und physischen Ebene vollziehen. Ihr dynamisches Ergebnis1 wäre ein Aufblühen der Seele in Mental, Vital und Körper. In Handeln und Form wäre sie aber, wenn auch umfassender, emporgehoben und verfeinert, in den Grenzen einer niederen Instrumentation eingeengt. Sie wäre ein Spiegelbild, eine abgewandelte Manifestation der Dinge, deren volle Wirklichkeit, Intensität, Weite, Einheit und Verschiedenheit an Wahrheit, Macht und Seligkeit höher sind als wir, höher als das Mental, darum auch höher als jede Vollkommenheit in den eigenen Gestaltungen des Mentals, der Grundlagen oder des Überbaus unserer gegenwärtigen Natur. In die seelische oder seelisch-spirituelle Umwandlung muss eine höchste spirituelle Transformation eingreifen. Die seelische Bewegung nach innen zum inneren Wesen hin, zum Selbst und zur Göttlichkeit in uns muss dadurch vervollständigt werden, dass wir uns nach oben zu einem erhabenen spirituellen Zustand hin oder einem höheren Sein öffnen. Wir können das tun, indem wir uns in das, was über uns ist, aufschließen, indem sich das Bewusstsein in die Bereiche der obermentalen und supramentalen Natur erhebt, in denen das Empfinden für das Selbst und den Geist unverhüllt und beständig vorhanden ist. In ihnen wird die selbst-erleuchtete Instrumentation des Selbsts und des Geistes nicht eingeschränkt und zerteilt wie in unserer Mental-, Lebens- und Körper-Natur. Auch das macht die seelische Umwandlung möglich. Wie sie uns öffnet für das kosmische Bewusstsein, das jetzt noch durch viele Wände der begrenzenden Individualität vor uns verborgen ist, macht sie uns auch den Zugang frei zu dem, was unserer normalen Art jetzt noch überbewusst ist, da es durch den starken, festen, hellen Verschluss des Mentals vor uns verborgen ist – des Mentals, das begrenzt, zerteilt, sondert. Dieser Verschluss wird dünner, spaltet sich und zerbricht, oder er öffnet sich und verschwindet unter dem Druck der seelisch-spirituellen Umwandlung und durch das natürliche Drängen des neuen spiritualisierten Bewusstseins zu dem hin, das es hier ausdrückt. Dieses Bewirken einer Öffnung mit ihren Konsequenzen könnte aber gar nicht stattfinden, käme es nur zu einem teilweisen seelischen Hervortreten, das mit der Erfahrung der Göttlichen Wirklichkeit innerhalb der normalen Grade des spiritualisierten Mentals zufrieden ist. Wenn jedoch das Bewusstsein irgendwie zur Erfahrung des Daseins dieser höheren übernormalen Ebenen wach geworden ist, kann ein Verlangen nach ihnen den Verschluss brechen oder einen Spalt weit öffnen. Das kann lange vorher stattfinden, bevor die seelisch-spirituelle Umwandlung vollständig ist oder auch bevor sie anfing oder weit fortschritt, weil die seelische Persönlichkeit die Überbewusstheit wahrnahm und sich nun eifrig auf sie konzentriert. Als Ergebnis des Strebens danach oder einer inneren Bereitschaft dafür kann es zu früher Erleuchtung von oben oder dazu kommen, dass diese obere Membran zerreißt. Das kann auch eintreten, ohne dass man danach verlangt oder ohne dass es durch einen bewussten Teil des Mentals herbeigerufen wurde, vielleicht durch eine geheime subliminale Notwendigkeit oder durch Einwirkung und Druck von den höheren Ebenen her, durch etwas, das wir als Berührung durch das Göttliche Wesen, als Berührung des Geistes fühlen – und dessen Resultate können außerordentlich machtvoll sein. Wenn es durch vorzeitiges Drängen von unten bewirkt wurde, können dabei Schwierigkeiten und Gefahren auftreten, die fehlen, wenn das seelische Wesen hervortritt, bevor wir Zutritt bekommen zu den höheren Bereichen unserer spirituellen Evolution. Die Entscheidung darüber liegt nicht immer bei unserem Willen. Denn die Vorgänge der spirituellen Evolution in uns sind sehr unterschiedlich. Je nach der Richtung, in der sie verläuft, wird auch die Wendung sein, die in jeder kritischen Phase von der Bewusstseins-Kraft bei ihrem Drängen nach höherer Selbst-Offenbarung und Gestaltung unseres Daseins eingeschlagen wird.
Wenn sich der Spalt im Verschluss des Mentals öffnet, offenbart sich unserer Schau etwas, das über uns ist, oder wir erheben uns zu diesem, oder seine Mächte kommen in unser Wesen herab. Bei dieser Schau sehen wir über uns eine Unendlichkeit, eine ewige Gegenwart oder ein unendliches Sein, eine Unendlichkeit von Bewusstsein, eine Unendlichkeit von Seligkeit, – ein grenzenloses Selbst, ein grenzenloses Licht, eine grenzenlose Macht, ein grenzenloses Entzücken. Vielleicht ist auf lange Zeit alles, was erreicht wird, deren gelegentliche, häufige oder ständige Schau und eine Sehnsucht, ein Streben danach. Man kommt aber nicht weiter, weil sich zwar das Mental, das Herz oder eine andere Seite des Wesens für diese Erfahrung geöffnet hat, die niedere Natur jedoch als Ganzes noch zu schwer und unklar ist für weiteres. Statt dieses ersten umfassenden Gewahrwerdens von unten her oder als Folge davon, kann es aber zu einem Aufschwung des Mentals zu Höhen über ihm kommen. Vielleicht erkennen wir die Art dieser Höhen noch nicht, können wir sie noch nicht klar unterscheiden, doch macht sich eine gewisse Auswirkung dieses Aufstiegs fühlbar. Oft werden wir auch eines unendlichen Emporkommens und einer Rückkehr bewusst, doch bleibt uns keine unmittelbare Erinnerung, keine Übertragung dieses höheren Zustands. Denn das alles ist für das Mental überbewusst. Wenn sich dieses dorthin erhebt, ist es zuerst nicht fähig, hier sein Vermögen bewusster Unterscheidung und definierender Erfahrung zu behalten. Wenn diese Macht aber allmählich erwacht und wirkt und das Mental stufenweise in dem bewusst wird, was für es überbewusst war, beginnt die Erkenntnis und Erfahrung der höheren Ebenen des Seins. Diese Erfahrung steht im Einklang mit dem, was uns durch die erste Öffnung unseres inneren Schauens eingebracht wird: Das Mental erhebt sich in eine höhere Ebene des reinen Selbsts. Es wird schweigend, ruhig, unbegrenzbar. Oder es steigt weiter empor in Regionen von Licht oder Glückseligkeit oder in Ebenen, wo es eine unendliche Macht oder eine göttliche Gegenwart fühlt. Oder es erfährt die Berührung durch die göttliche Liebe oder Schönheit, die Atmosphäre eines umfassenderen, größeren und erleuchteteren Wissens. Bei der Rückkehr bleibt der spirituelle Eindruck bestehen. Nur die mentale Wiedergabe davon ist oft verzerrt und bleibt als eine nur vage oder bruchstückhafte Erinnerung. Das niedere Bewusstsein, von dem der Aufschwung ausging, fällt in das zurück, was es vorher war, wozu nur noch eine ungenaue oder nur eine erinnerte, aber nicht mehr dynamische Erfahrung hinzukommt. Im Lauf der Zeit können wir diesen Aufstieg nach Belieben machen; das Bewusstsein bringt dann von seinem zeitweiligen Aufenthalt in diesen höheren Gefilden des Geistes eine Nachwirkung zurück oder behält sonst einen Gewinn. Bei vielen finden diese Erlebnisse des Aufschwungs in Trance statt. Sie sind aber sehr wohl in einer Konzentration des wachen Bewusstseins möglich oder, wenn dieses Bewusstsein genügend seelisch geworden ist, auch in jedem Augenblick ohne besondere Konzentration, wenn wir von jenen Höhen angezogen werden oder uns zu ihnen hinwenden. Wenn diese beiden Arten einer Berührung mit dem Überbewussten auch stark erleuchtend, ekstatisch oder befreiend sein mögen, sind sie doch an sich noch nicht ausreichend wirksam. Wenn es zur vollen spirituellen Transformation kommen soll, ist mehr notwendig: ein dauernder Aufstieg aus dem niederen in das höhere Bewusstsein und ein wirkungsstarkes dauerndes Herabkommen der höheren Natur in die niedere.
1 Das seelische und das spirituelle Sich-öffnen können mit ihren Erfahrungen und Folgen vom Leben weg- oder zu einem Nirvana hinführen. Wir betrachten sie hier aber einzig und allein als Stufen einer Transformation der Natur.