Kapitel 8

Die Zahlen 7 und 100 im Veda

Worte Sri Aurobindos

Die Zahl 7 spielt eine äußerst wichtige Rolle im vedischen System, ebenso wie in den meisten sehr alten Schulen der Denker. Wir sehen sie ständig wiederkehren: die sieben Wonnen, sapta ratnani, die sieben Flammen, Zungen oder Strahlen Agnis, sapta arcisah, sapta jvalah, die sieben Formen des Gedanken-Prinzips, sapta dhitayah, die sieben Strahlen oder Kühe, Formen der unschlachtbaren Kuh, Aditi, Mutter der Götter, sapta gavah, die sieben Flüsse, die sieben Mütter oder nährenden Kühe, sapta matarah, sapta dhenavah, ein Begriff, der in gleicher Weise auf die Strahlen und die Flüsse angewandt wird. Alle diese Siebener-Formeln hängen, so scheint mir, mit der vedischen Klassifizierung der Grundprinzipien, tattvas, des Daseins zusammen. Die Ergründung der Zahl dieser tattvas interessierte den spekulativen Geist der Vorväter sehr, und in der indischen Philosophie finden wir verschiedene Antworten, die vom Einen aufwärts bis in die zwanziger Zahlen reichen. Im vedischen Denken wählte man als Basis die Zahl der psychologischen Prinzipien, weil alles Sein von den Rishis als eine Bewegung bewussten Wesens konzipiert wurde. Wie sehr diese Spekulationen und Klassifikationen dem modernen Mental auch seltsam oder inhaltslos erscheinen mögen, waren sie doch keine bloß trockenen metaphysischen Unterscheidungen, sondern eng verknüpft mit einer lebendigen psychologischen Praxis, für die sie in großem Umfang die Gedanken-Basis bildeten. In jedem Fall müssen wir sie klar verstehen, wenn wir uns ein präzises Bild von diesem alten und fernen System machen wollen.

Im Veda finden wir also die Zahl der Grundprinzipien vielfältig dargestellt. Das Eine wurde als Grundlage und Enthaltendes anerkannt. In diesem Einen gab es die beiden Prinzipien göttlich und menschlich, sterblich und unsterblich. Die Zahl 2 kommt auch an anderer Stelle zur Anwendung: in den beiden Prinzipien Himmel und Erde, Mental und Körper, Seele und Natur, die als der Vater und die Mutter aller Wesen betrachtet werden. Es ist jedoch bezeichnend, dass Himmel und Erde, wenn sie zwei Formen natürlicher Energie symbolisieren, das mentale und das physische Bewusstsein, nicht mehr der Vater und die Mutter sind, sondern die beiden Mütter. Das Dreier-Prinzip wurde zweifach anerkannt, erstens im dreifachen göttlichen Prinzip, das dem späteren Sachchidananda entspricht, dem göttlichen Sein, Bewusstsein und der göttlichen Seligkeit, und zweitens im dreifachen weltlichen Prinzip, Mental, Leben und Körper, worauf die dreifache Welt von Veda und Puranas errichtet ist. Aber die gewöhnlich anerkannte volle Zahl ist 7. Zu dieser Zahl gelangte man, indem man die drei göttlichen Prinzipien zu den drei weltlichen hinzufügte und ein siebtes oder Binde-Prinzip einschaltete, das eben das des Wahrheitsbewusstseins ist, ritam brihat, später bekannt als Vijnana oder Mahas. Letzterer Begriff bedeutet das Weite und ist daher die genaue Entsprechung von brihat. Es gibt andere Klassifikationen von fünf, acht, neun und zehn, ja, wie es scheint, sogar zwölf…

All jene Prinzipien, dies ist zu beachten, gelten als wirklich untrennbar und allgegenwärtig und beziehen sich daher auf jede einzelne Gestaltung der Natur. Die sieben Gedanken zum Beispiel sind das Mental, das sich jeder der sieben Ebenen, wie wir sie jetzt nennen würden, zuwendet und das Materie-Mental bildet, wenn wir es so nennen dürfen, das nervliche Mental, das reine Mental, das Wahrheits-Mental und so fort bis zum höchsten Gipfel, parama paravat. Die sieben Strahlen oder Kühe sind Aditi, die unendliche Mutter, die unschlachtbare Kuh, höchste Natur oder unendliches Bewusstsein, Urquelle der späteren Vorstellung von Prakriti oder Shakti – der Purusha ist in dieser frühen ländlichen Bildersprache der Bulle, Vrishabha –, die Mutter der Dinge, die auf den sieben Ebenen ihrer Weltaktion Gestalt annimmt als Kraft des bewussten Wesens. Ebenso sind auch die sieben Flüsse bewusste Strömungen, die der siebenfachen Substanz des Ozeans des Seins entsprechen, die uns in den von den Puranas aufgezählten sieben Welten dargestellt werden. Ihr volles Strömen im menschlichen Bewusstsein ist es, was die gesamte Aktivität des Wesens bildet, seinen vollen Fundus an Stoff, sein volles Spiel von Energie. Im vedischen Bild trinken seine Kühe vom Wasser der sieben Flüsse.

Wenn wir einmal von der Existenz solcher Konzepte ausgehen, ist ersichtlich, dass dies die natürliche Bildersprache für ein Volk ist, das wie die alten Arier lebt und sich in seiner Umwelt befindet – ebenso natürlich für sie und unvermeidlich wie für uns das Bild der „Ebenen“, mit dem das theosophische Denken uns vertraut gemacht hat. Wenn diese Metaphorik also akzeptiert wird, so wird die Stellung von Saraswati als einem der sieben Flüsse deutlich. Sie ist der Strom, der vom Wahrheitsprinzip herkommt, vom ritam oder Mahas, und wir sehen, dass von diesem Prinzip auch tatsächlich im Veda gesprochen wird…

Worte Sri Aurobindos

Die beiden noch verbleibenden Riks zeigen das Ergebnis auf, das diese Aktion von Himmel und Erde sowie ihr Freigeben verborgener Formen und nicht-geoffenbarter Kräfte auf die Bewegung Vayus hat, während sein Wagen zum Ananda galoppiert. Zunächst einmal sollen seine Pferde ihre normalerweise vollständige gewöhnliche Zahl erlangen. „Mögen die neunundneunzig angeschirrt werden und dich tragen, jene, die vom Mental angeschirrt werden.“ Die ständig wiederkehrenden Zahlen 99, 100 und 1000 haben im Veda eine symbolische Bedeutung, die sich kaum präzise ausmachen lässt.

Das Geheimnis liegt vielleicht in der Multiplikation der mystischen Zahl 7 mit sich selbst und ihrer doppelten Wiederholung, wobei am Anfang und am Ende eine Einheit hinzugefügt wird, so dass wir 1 + 49 + 49 + 1 = 100 erhalten. 7 ist die Zahl der Grundprinzipien in der manifestierten Natur, der sieben Formen des göttlichen Bewusstseins, die in der Welt aktiv sind. Jede enthält, vielfach formuliert, die anderen sechs in sich. So ergibt sich die volle Zahl 49. Ihr wird die Einheit oben hinzugefügt, aus der sich alles entwickelt, so dass wir eine Gesamtzahl von 50 erhalten, die die vollständige Skala aktiven Bewusstseins bildet. Aber wir haben auch ihre Duplikation durch eine aufsteigende und herabkommende Reihe, die Herabkunft der Götter, den Aufstieg des Menschen. Dadurch erhalten wir 99, jene Zahl, die im Veda vielfach auf Pferde, Städte, Flüsse angewandt wird, in jedem einzelnen Fall mit einer gesonderten, jedoch verwandten Symbolik. Wenn wir eine dunkle Einheit unten, in die alles herabkommt, der leuchtenden Einheit oben, zu der alles aufsteigt, hinzufügen, erhalten wir die volle Summe von 100.

Eine komplexe Kraft von Bewusstsein soll daher das Resultat von Vayus Bewegung sein. Es ist das Auftreten der vollsten Bewegung der mentalen Aktivität, die jetzt nur latent als Potential im Menschen liegt – die 99 Stuten, die vom Mental angeschirrt sind. Und im nächsten Vers wird die gipfelnde Einheit hinzugefügt. Wir haben dort 100 Pferde, und weil die Aktion jetzt jene vollständig erleuchteter Mentalität ist, sind diese Stuten, obgleich sie noch Vayu und lndra tragen, nicht mehr bloß niyut, sondern hari, der Farbe von Indras glänzenden Stuten. „Joche, Vayu, hundert von den Strahlenden an, die vermehrt werden sollen.“

Aber warum vermehrt? Weil 100 die allgemeine Fülle der vielfältig kombinierten Bewegungen repräsentiert, nicht ihre äußerste umfassende Vollständigkeit. Jedes 100 lässt sich mit 10 multiplizieren. Alle können in ihrer eigenen Art vermehrt werden: Das ist das Wesen der Vermehrung, angedeutet durch das Wort posyanam. Daher, so sagt der Rishi, komme entweder mit der allgemeinen Fülle der 100, die später zu ihrer vollen Komplexität von 100 10er zu nähren sind, oder, wenn du willst, komme sogleich mit deinen 1000 und lass deine Bewegung in der äußersten Masse ihrer vollständigen Energie eintreffen. Es ist die vollständige und vielfältige, alles umgebende, alles dynamisierende mentale Erleuchtung, mit ihrer ganzen Vollkommenheit von Sein, Macht, Seligkeit, Wissen, Mentalität, vitaler Kraft, physischer Aktivität, die er begehrt. Denn wenn sie erlangt ist, wird das Unterbewusste dazu gezwungen, auf den Willen des vervollkommneten Mentals hin all seine verborgenen Möglichkeiten für die reiche und überfließende Bewegung des vervollkommneten Lebens freizugeben.

Worte Sri Aurobindos

Ashwa oder das Pferd ist das Symbol der Lebenskraft, wie die Kuh das Symbol des Lichtes ist. 50, 100, 1000 sind Zahlen, die Vollständigkeit symbolisieren.

Worte Sri Aurobindos

1000 symbolisiert absolute Vollständigkeit…

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