Kapitel 7

Mut, Ausdauer, Bemühung

Angst ist eine Unreinheit

Angst ist eine Unreinheit, eine der größten, eine von denen, die am unmittelbarsten den antigöttlichen Kräften entstammt, die das göttliche Wirken auf Erden zerstören wollen. Und die erste Pflicht derjenigen, die wirklich Yoga praktizieren wollen, ist es, aus ihrem Bewusstsein mit all der Macht, all der Aufrichtigkeit, all der Ausdauer, derer sie fähig sind, selbst den Schatten einer Angst auszumerzen. Um auf dem Pfad zu wandeln, muss man unerschrocken sein und sich niemals jenem kleinmütigen, armseligen, schwächlichen, hässlichen auf sich selbst Zusammenschrumpfen, welches Angst bedeutet, hingeben.

Ein unbesiegbarer Mut, eine vollkommene Aufrichtigkeit und ein aufrichtiges Sich-Selbst-Geben, so dass man nicht berechnet oder feilscht, man nicht gibt, mit der Absicht zu nehmen, nicht vertraut, mit dem Ziel, beschützt zu werden, keinen Glauben hat, der Beweise fordert – das ist es, worauf man auf dem Pfad nicht verzichten kann, und das allein bewahrt uns wahrhaft vor aller Gefahr.

Angst: Ein Mangel an Vertrauen

Warum hat man Angst?

Ich nehme an, weil man egoistisch ist.

Es gibt drei Gründe. Erstens, eine übermäßige Besorgnis um die eigene Sicherheit. Zweitens, was man nicht kennt, verursacht immer ein unbehagliches Gefühl, das im Bewusstsein durch Angst übersetzt wird. Und vor allem befindet man sich nicht in einem Zustand spontanen Vertrauens in das Göttliche. Wenn man die Dinge tief genug betrachtet, dann ist das der wahre Grund. Es gibt Leute, die noch nicht einmal wissen, dass Das existiert, aber man könnte es ihnen mit anderen Worten erklären: „Du hast kein Vertrauen in deine Bestimmung“, oder: „Du weißt nichts von der Gnade“ – irgend etwas, was auch immer, du kannst es beliebig ausdrücken, aber die Wurzel der Angelegenheit ist immer ein Mangel an Vertrauen. Hätte man immer das Gefühl, es geschähe in allen Umständen das Beste, hätte man keine Angst.

Die Angst überwinden

Eines der mächtigsten Heilmittel, Angst zu überwinden, ist, sich dem, was man fürchtet, tapfer zu stellen. Du stehst der Gefahr, die dich bange macht, Auge in Auge gegenüber, und du fürchtest sie nicht mehr. Die Angst verschwindet. Vom yogischen Gesichtspunkt aus, dem der Disziplin, ist dieses das empfohlene Heilverfahren. Bei den Initiationen des Altertums, vor allem in Ägypten, war es, wie ich euch letztens erläuterte, notwendig, die Angst vor dem Tod vollständig zu beseitigen, um Okkultismus zu praktizieren. Nun, eine der Praktiken jener Tage war, den Neophyten in einen Sarkophag zu legen und ihn dort für einige Tage zu lassen, als wäre er tot. Natürlich wurde er nicht dem Sterben anheimgegeben, weder dem Verhungern noch dem Ersticken, aber dennoch verblieb er dort in liegender Weise, als wäre er tot. Es scheint, als befreie dich dies von aller Furcht.

Wenn sie auftaucht und du sie erfolgreich dem Bewusstsein, dem Wissen, der Kraft und dem Licht aussetzt, kannst du sie ganz und gar besiegen.

Wahrer Mut

Wahrer Mut im tiefsten Sinne ist die Fähigkeit, allem entgegenzutreten, allem im Leben, von den kleinsten bis zu den größten Dingen, von den materiellen bis zu denen des Spirits, ohne ein Schaudern, ohne körperlich… ohne dass das Herz beginnt, schneller zu schlagen, ohne dass die Nerven zittern oder ohne die kleinste Emotion in irgend einem Teil deines Wesens. Begegne allem mit einem ständigen Bewusstsein der göttlichen Gegenwart, mit einer uneingeschränkten Hingabe an das Göttliche und dem ganzen Wesen geeint in diesem Willen. Dann kann man im Leben vorwärtsschreiten, kann, welchen Dingen auch immer, mutig ins Auge sehen. Ich sage, ohne einen Schauder, ohne ein Erzittern. Das, weißt du, ist das Ergebnis eines lang andauernden Bemühens, es sei denn, man ist so geboren, mit einer besonderen Gnade geboren. Aber das ist in der Tat noch seltener.

Vergnügen und Schmerz

Wenn man Leiden mit Mut, Ausdauer, einem unerschütterlichen Vertrauen in die göttliche Gnade auf sich nimmt, wenn man sich, anstatt dem Leiden, wenn es kommt, auszuweichen, mit diesem Willen, mit dieser Sehnsucht, hindurchzugehen und die lichtvolle Wahrheit zu finden vermag, die unveränderliche Freude, die im Kern aller Dinge ist, dann ist die Pforte des Leidens oft direkter, unmittelbarer als die Befriedigung oder die Zufriedenheit.

Ich spreche nicht vom Vergnügen, denn das kehrt seinen Rücken dauernd und fast vollständig dieser tiefen göttlichen Freude zu.

Vergnügen ist eine irreführende und verderbte Maskierung, die uns von unserem Ziel ablenkt, und wir sollten sicherlich nicht nach ihm trachten, wenn wir bestrebt sind, die Wahrheit zu finden. Vergnügen nebelt uns ein, täuscht uns, führt uns vom rechten Wege ab. Schmerz bringt uns zu einer tiefen Wahrheit zurück, indem er uns zwingt, uns zu konzentrieren, um imstande zu sein, es zu ertragen, uns dieser Sache zu stellen, die uns niederdrückt. Im Schmerz entdecken wir am leichtesten die wahre Kraft wieder, wenn wir stark sind. Im Schmerz finden wir am leichtesten wieder wahrhaftes Vertrauen, das Vertrauen in etwas, das sich über und jenseits allen Schmerzes befindet.

Der Grund für Schicksalsschläge

„Oh Du, der Du liebst, schlage mich! Wenn Du mich nicht schlägst, so weiß ich, Du liebst mich nicht.“ (Sri Aurobindo, Thoughts and Aphorisms)

Alle, die nach göttlicher Vollkommenheit streben, wissen, dass die Schläge, die der Herr uns in Seiner unendlichen Liebe und Gnade versetzt, der sicherste und zuverlässigste Weg sind, uns fortschreiten zu lassen. Und je härter die Schläge, desto mehr fühlen sie die Größe der göttlichen Liebe.

Gewöhnliche Menschen bitten Gott ganz im Gegenteil immer darum, ihnen ein leichtes, angenehmes und erfolgreiches Leben zu schenken. In jeder persönlichen Befriedigung sehen sie ein Zeichen göttlichen Erbarmens. Wenn sie jedoch in gegenteiliger Weise von Elend und Missgeschick betroffen werden, beklagen sie sich und sagen: „Du liebst mich nicht.“

Im Gegensatz zu dieser unfertigen und unwissenden Haltung sagt Sri Aurobindo zu dem göttlichen Geliebten: „Schlage mich, schlage hart, lass mich die Fülle Deiner Liebe zu mir spüren.“

Viele Schläge sind notwendig

Mutter, selbst wenn man versucht zu denken, man sei machtlos, gibt es immer noch etwas, das glaubt, man sei es nicht. Nicht wahr?

Ah ja, ah ja! Ah, es ist sehr schwierig, aufrichtig zu sein… Deshalb häufen sich die Schläge und werden manchmal schrecklich, weil das das einzige ist, was deine Dummheit zerbricht. Das ist die Rechtfertigung von Unheil. Nur wenn du dich in einer äußerst schmerzhaften Situation befindest und tatsächlich vor etwas stehst, das dich zutiefst betrifft, dann lässt dieses deine Dummheit etwas zerschmelzen. Aber wie du schon sagst, selbst wenn da etwas schmilzt, gibt es immer noch ein kleines Etwas, das innen verbleibt. Und deshalb dauert es so lange…

Wie viele Schläge braucht man im Leben, um bis in seine tiefsten Tiefen zu wissen, dass man nichts ist, nichts weiß, nicht existiert, dass man nichts ist, dass es kein Sein gibt ohne das göttliche Bewusstsein und die Gnade. Von dem Augenblick an, in dem man es weiß, ist es vorbei; alle Schwierigkeiten sind überwunden. Wenn man es ganzheitlich weiß und es nichts mehr gibt, das widerstrebt… Und das braucht sehr lange.

Lasse dich niemals entmutigen

Du musst dir sagen: „Mit den Mitteln, die mir für mein Weiterkommen zur Verfügung stehen, habe ich einen gewissen Punkt erreicht, aber diese Mittel erlauben mir nicht, weiter voranzuschreiten. Was soll ich tun?… Dasitzen und mich nicht mehr rühren? – Ganz und gar nicht. Ich muss andere Methoden finden, die mich weiterbringen.“ Dies wird recht oft geschehen, aber nach einer Weile wirst du daran gewöhnt sein. Du musst dich für einen Augenblick niederlassen, meditieren und dann andere Möglichkeiten entdecken. Du musst deine Konzentration erhöhen, deine Aspiration und dein Vertrauen stärken und mit der neuen Unterstützung, die dir zuteil wird, ein neues Programm entwerfen, andere Mittel und Wege ausarbeiten, um die zu ersetzen, über die du hinausgewachsen bist. Auf diese Weise kommt man Stück für Stück vorwärts.

Aber du musst sorgfältig darauf bedacht sein, in jedem Stadium so vollkommen wie möglich das anzuwenden, was du erreicht oder gelernt hast. Wenn du in einem nach innen gewandten Bewusstseinszustand verharrst und den inneren Fortschritt auf physischer Ebene nicht anwendest, wird gewiss der Zeitpunkt eintreten, an dem du nicht fähig sein wirst, überhaupt vorwärtszukommen, denn dein äußeres Wesen, unverändert, wird wie eine Fessel sein, die dich zurückzieht und dich am Fortschreiten hindert. Deshalb ist der wichtigste Punkt (was jeder sagt, aber nur wenige tun), das in die Praxis umzusetzen, was du weißt. Damit hast du gute Aussicht auf Erfolg, und mit Beharrlichkeit wirst du dein Ziel bestimmt erreichen.

Verliere niemals den Mut, wenn du dich vor einer Wand findest, sage niemals: „Oh, was soll ich tun? Es gibt sie immer noch.“ Auf diese Weise wird die Schwierigkeit immer weiterbestehen, immer und immer, bis zum allerletzten Ende. Erst wenn du das Ziel erreicht hast, wird alles plötzlich zusammenfallen.

Wenn man Ausdauer hat

Menschen widerfährt eine wunderbare Erfahrung, und sie sagen: „Ah, das ist es jetzt!…“ Und dann lässt sie nach, schwächt sich ab, wird verschleiert, und plötzlich taucht etwas ganz Unerwartetes, vollständig Alltägliches und offensichtlich völlig Uninteressantes vor dir auf und blockiert deinen Weg. Und dann sagst du: „Ah, welchen Sinn hat dieser Fortschritt, den ich gemacht habe, wenn das Ganze wieder von vorne beginnt? Warum sollte ich das tun? Ich habe mich bemüht, einen Fortschritt erzielt, habe etwas erreicht, und jetzt ist es, als hätte ich nichts getan! Es ist tatsächlich hoffnungslos!“ Denn du hast keine Ausdauer.

Wenn man über Ausdauer verfügt, sagt man: „Es ist in Ordnung. Gut, ich werde so oft beginnen, wie nötig. Tausendmal, zehntausendmal, einhunderttausendmal werde ich, wenn nötig, von neuem anfangen – aber ich werde bis zum Ende durchhalten, und nichts wird die Macht haben, mich auf diesem Weg zu stoppen!“

Das ist das Allernotwendigste. Das Allernotwendigste.

Zahle den Preis

Allen von euch, die hierhergekommen sind, sind viele Dinge erzählt worden. Ihr seid mit einer Welt der Wahrheit in Kontakt gebracht worden, ihr lebt darin, die Luft, die ihr atmet, ist davon erfüllt. Und dennoch, wie wenige von euch wissen, dass diese Wahrheiten nur wertvoll sind, wenn sie in die Tat umgesetzt werden und dass es nutzlos ist, von Bewusstsein, Wissen, Gleichmut der Seele, Universalität, Unendlichkeit, Ewigkeit, höchster Wahrheit, göttlicher Gegenwart und… allen möglichen Dingen dieser Art zu sprechen, wenn ihr selbst keine Anstrengung unternehmt, diese Dinge zu leben und sie konkret in euch zu fühlen. Und sagt euch nicht: „Oh, ich bin hier schon so viele Jahre! Oh, ich hätte jetzt sehr gern die Früchte meiner Anstrengungen!“ Ihr müsst wissen, dass sehr ausdauernde Bemühungen, eine unerschütterliche Beharrlichkeit erforderlich sind, um die kleinste Schwäche, die geringste Kleinigkeit, die mindeste Bösartigkeit in eurer Natur zu meistern. Welchen Nutzen hat es, über göttliche Liebe zu sprechen, wenn man nicht ohne Egoismus lieben kann? Welchen Sinn hat es, über Unsterblichkeit zu reden, wenn man hartnäckig der Vergangenheit und der Gegenwart verhaftet ist und man nichts geben mag, um alles zu empfangen?

Ihr seid noch sehr jung, aber um das Ziel zu erreichen müsst ihr jetzt auf der Stelle lernen, wie der Preis zu entrichten ist, und dass ihr, um die höchsten Wahrheiten zu verstehen, sie in eurem täglichen Leben in die Praxis umsetzen müsst.

Bemühung schenkt Freude

Ein Ziel verleiht dem Leben einen Sinn, einen Zweck, und dieser Zweck schließt eine Bemühung ein. Und es ist die Bemühung, in der man Freude findet.

Genau! Es ist die Bemühung, die Freude schafft. Ein Mensch, der sich nicht zu bemühen weiß, wird niemals Freude erleben. Diejenigen, die im Grunde ihres Wesens träge sind, werden niemals Freude erfahren – sie verfügen nicht über die Kraft, froh zu sein! Es ist die Bemühung, die Freude schenkt. Bemühung versetzt ein Wesen bei einem gewissen Spannungsgrad in Schwingung, was es dir ermöglicht, die Freude zu empfinden…

Es ist nur Bemühung, in welcher Sphäre auch immer – Bemühung auf physischer Ebene, moralische Bemühung, intellektuelle Bemühung – welche in einem Wesen gewisse Schwingungen erzeugt, die dich befähigen, mit universalen Schwingungen in Verbindung zu treten, und das ist es, was Freude verursacht. Es ist die Bemühung, die dich aus der Trägheit herauszieht. Es ist die Bemühung, die dich für die universalen Kräfte empfänglich macht. Und das, was vor allem unmittelbar Freude bereitet, selbst jenen, die nicht Yoga praktizieren, die keine spirituelle Sehnsucht besitzen, die ein ganz gewöhnliches Leben führen, ist der Austausch von Kräften mit universalen Kräften. Die Menschen wissen das nicht, sie wären nicht imstande, dir zu erklären, dass es darauf zurückzuführen ist. Aber es ist so.

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