Kapitel 6
Wie man die supramentale Kraft empfangen kann
Seit Ende Februar habe ich jetzt eine beträchtliche Zahl an Fragen erhalten wie zum Beispiel:
Wie wird das Supramental handeln? Was muss getan werden, um es zu empfangen? In welcher Form wird es sich manifestieren?…
Ich habe so gut ich konnte geantwortet. Aber nun gibt es in Sri Aurobindos Buch Über den Veda auf einer bestimmten Seite eine Bemerkung. Und in dieser Bemerkung beantwortet er diese Fragen. Ich sage den Leuten immer: wenn ihr euch ein bisschen bemühen würdet, zu lesen, was Sri Aurobindo geschrieben hat, würden viele eurer Fragen überflüssig sein, denn Sri Aurobindo hat sie schon beantwortet…
Hört zu:
„Die supramentale Welt muss als Ergebnis einer beständigen Ausweitung und Selbstvervollkommnung in uns vom Göttlichen Willen geformt oder erschaffen werden.“ (The Secret of the Veda, SABCL, Vol. 10, p. 375, Fußnote)
Das bedeutet, wenn wir hoffen, in uns ein supramentales Wesen zu empfangen, zu nutzen und zu bilden – und daraufhin auch eine supramentale Welt, – muss es zuerst eine Erweiterung des Bewusstseins und einen fortdauernden persönlichen Fortschritt geben: nicht nur plötzliche Höhenflüge, kleine Bestrebungen, ein bisschen Bemühen… und dann plötzlich ein Rückfall in die Somnolenz. Dies muss der beständige Plan des Wesens sein, der anhaltende Wille, das ausdauernde Bemühen, die gleichbleibende Hauptbeschäftigung des Wesens.
Wenn du dich für fünf Minuten am Tag zufällig daran erinnerst, dass es im Universum etwas wie die supramentale Kraft gibt, und dass es im Grunde genommen „schön wäre, wenn sie sich in mir manifestieren würde“, du dann aber in der restlichen Zeit an etwas anderes denkst und mit anderen Dingen beschäftigt bist, ist die Chance, dass sie kommen und irgendwie ernsthaft in dir wirken würde, sehr klein. Sri Aurobindo sagt dies sehr klar und deutlich. Er sagt nicht, dass du es erreichen wirst, er sagt, dass es der Göttliche Wille ist. Deshalb komme nicht und sage: „Ah! Ich kann das nicht“. Keiner fordert das von dir. Aber es muss im Wesen genügend Streben und Beharrlichkeit geben, um die Erweiterung des Wesens, des Bewusstseins möglich zu machen. Denn, um die Wahrheit zu sagen, jeder ist klein, klein, klein, so klein, dass kaum genug Raum da ist, um dort irgendein Supramental unterzubringen! Er ist so klein, dass er schon mit all den gewöhnlichen menschlichen Regungen ausgefüllt ist. Es muss eine große Erweiterung geben, um für das Wirken des Supramentals Platz zu schaffen.
Und dann muss es auch ein Streben nach Fortschritt geben: nicht mit dem zufrieden zu sein, was man ist, wie man ist, was man tut, was man weiß oder glaubt zu wissen; sondern man muss ein konstantes Streben nach etwas mehr haben, etwas Besserem, einem größeren Licht, einem weiteren Bewusstsein, einer größeren Wahrheit und universelleren Güte. Und darüber hinaus noch einem nie versiegenden guten Willen.
Das kann nicht in ein paar Tagen getan werden.
Außerdem glaube ich, dass ich in dieser Sache meine Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatte, und dass – als ich verlauten ließ, es wäre der Erde gewährt worden, die supramentale Kraft zu empfangen, um sie zu manifestieren – dies nicht bedeutete, dass die Manifestation sofort offenbar sein würde, und sich jedermann ohne jede Anstrengung plötzlich auf einen Gipfel des Lichts, der Möglichkeiten und Verwirklichung transportiert sähe. Ich sagte sofort, dass es eine lange Zeit brauchen würde. Aber trotzdem haben sich Leute beklagt, dass ihr Kommen Dinge nicht leichter gemacht hat, und dass sie in manchen Fällen schwieriger geworden sind. Es tut mir sehr leid, aber ich kann hier nichts tun. Denn es ist nicht der Fehler der supramentalen Kraft, der Fehler liegt in der Art und Weise, wie sie empfangen wurde. Ich kenne Fälle, in denen das Streben und die Mitarbeit vollkommen waren, und in denen viele Dinge, die in der Vergangenheit sehr schwierig zu sein schienen, plötzlich unendlich viel leichter wurden.
Doch es gibt immer einen sehr großen Unterschied zwischen einer Art mentaler Neugierde, die mit Worten und Ideen spielt, und einer echten Sehnsucht des Wesens, die zeigt, dass es ganz wirklich das ist, was zählt, was wesentlich ist, und nichts anderes, – jenes sehnende Streben, jener innere Wille, dessentwegen nichts von Bedeutung ist außer jenem selbst, jener Verwirklichung; nichts zählt außer jenem; es gibt keinen anderen Grund für das Dasein, das Leben, als jenes.
Und doch ist es das, was gebraucht wird, wenn man möchte, dass das Supramental für das bloße Auge sichtbar wird.
Und beachte, dass ich nicht von einer physischen Transformation spreche, denn jeder weiß dies: ihr erwartet nicht, über Nacht leuchtend und formbar zu werden, euer Gewicht zu verlieren, euch problemlos an einen anderen Ort zu versetzen, an verschiedenen Orten gleichzeitig zu erscheinen und was nicht sonst noch…. Nein, ich glaube, ihr seid vernünftig genug, nicht zu erwarten, dass dies geradewegs so passiert. Es wird einige Zeit brauchen.
Aber trotzdem sollte dies kommen können, schnell kommen, wenn man sich vorbereitet hat. Statt jener verschwommenen und vagen Sicht, die nur die bloßen Äußerlichkeiten sieht, die so trügerisch, so unwirklich, so verkrustet sind, sind einfach nur das Arbeiten des Bewusstseins, einfach eine gewisse Selbstbeherrschung, eine Kontrolle über den eigenen Körper, ein direktes Erkennen der Dinge, eine Fähigkeit zur Identifizierung und eine genauere, innere Sicht, eine klare Vision vonnöten.