Kapitel 6

Warum bin ich eigentlich hier?

Worte der Mutter

Es gibt so viele Dinge, die du denkst, fühlst, willst und sogar tust, ohne es zu wissen. Bist du dir deiner voll bewusst und all dessen, was in dir vorgeht? Nicht im Geringsten! Wenn ich dich zum Beispiel plötzlich, ohne dass du es erwartest, in einem bestimmten Augenblick frage: „Woran denkst du?“, wird deine Antwort in 99 von 100 Fällen sein: „Ich weiß es nicht.“ Und wenn ich genauso eine andere Frage stelle: „Was willst du?“, wirst du ebenfalls sagen: „Ich weiß es nicht.“ Oder: „Was fühlst du?“ – „Ich weiß es nicht.“ Allein jenen, die es gewohnt sind, sich zu beobachten, achtzugeben, wie sie leben, die auf dieses Erfordernis konzentriert sind zu wissen, was in ihnen vorgeht, kann man eine exakte Frage wie diese stellen, und nur sie können sofort darauf antworten. Ja, in gewissen Augenblicken im Leben ist man absorbiert von dem, was man fühlt, denkt, will, und dann kann man sagen: ,Ja, ich will das, ich denke an jenes, ich empfinde dieses“, es sind aber nur Momente im Dasein, es ist nichts Dauerndes.

Hast du das nicht bemerkt? Nein?

Nun, herauszufinden, was man wahrhaft ist, warum man auf Erden ist, was der Sinn des physischen Daseins ist, dieses Hierseins auf Erden, dieser Gestaltung, dieses Daseins … die überwiegende Mehrheit der Menschen lebt, ohne sich dies auch nur einmal zu fragen! Nur eine kleine Elite stellt sich diese Frage mit wirklichem Interesse, und noch weniger arbeiten darauf hin, die Antwort zu erhalten. Es ist auch nicht so einfach, es herauszufinden, es sei denn, man hat das Glück, auf jemanden zu stoßen, der es weiß. Nimm zum Beispiel an, es ist niemals ein Buch von Sri Aurobindo in deine Hände geraten oder eines jener Schriftsteller oder Philosophen oder Weisen, die ihr Leben dieser Suche widmeten, wenn du also in der gewöhnlichen Welt lebtest, so wie Millionen von Menschen in der gewöhnlichen Welt leben, die niemals oder selten – heutzutage sogar ziemlich selten – von irgendetwas gehört haben, von Göttern oder einer bestimmten Religionsform, die mehr eine Gewohnheit als ein Glaube ist und die, nebenbei bemerkt, dir nur selten sagt, warum du auf Erden bist… Daher fällt es einem gar nicht ein, darüber nachzudenken. Man lebt den Ablauf jeden Tages, Tag für Tag. Wenn man sehr jung ist, denkt man an Spielen und Essen und ein wenig später an Lernen, und danach denkt man an all die täglichen Umstände des Lebens. Aber sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen, ihm zu begegnen und sich zu fragen: „Warum bin ich eigentlich hier?“ Wie viele tun das? Es gibt Menschen, denen das nur dann einfällt, wenn sie mit einer Katastrophe konfrontiert sind. Wenn sie einen geliebten Menschen sterben sehen oder wenn sie sich in besonders leidvollen und schwierigen Situationen befinden, dann wenden sie sich nach innen und fragen sich: „Wirklich, in welchem Trauerspiel leben wir eigentlich, was ist sein Zweck, was ist sein Sinn?“

Und erst in diesem Augenblick beginnt man die Suche nach Wissen.

Und erst wenn man gefunden hat, siehst du, was Sri Aurobindo sagt, dass man ein göttliches Selbst besitzt und dass man daher danach trachten muss, dieses göttliche Selbst zu erkennen… Das kommt viel später, und doch, trotz allem, vom ersten Augenblick der Geburt in einem physischen Körper an besteht in den Tiefen des Wesens diese seelische Gegenwart, die das ganze Wesen zu dieser Erfüllung drängt. Doch wer kennt und erkennt es, dieses seelische Wesen? Auch das findet nur unter besonderen Umständen statt, und leider müssen das meist leidvolle Umstände sein, andernfalls lebt man dahin ohne nachzudenken. Und in den Tiefen des Wesens ist dieses seelische Wesen, das danach trachtet und sucht, sucht, das Bewusstsein zu erwecken und die Einung wiederherzustellen. Man weiß nichts davon…

Im Grunde ist es erst dann, wenn man seiner Seele gewahr wurde, wenn man mit seinem seelischen Wesen identifiziert wurde, dass man blitzartig das Bild der eigenen individuellen Entwicklung durch die Zeiten erkennen kann. Dann allerdings beginnt man zu wissen … doch nicht zuvor. Dann allerdings, das versichere ich dir, wird es sehr interessant. Es verändert den Standpunkt im Leben.

Es ist ein solch großer Unterschied, ein undeutliches Gefühl, einen unschlüssigen Eindruck von etwas zu haben, von einer Kraft, einer Regung, einer Neigung, von etwas, das dich im Leben treibt – aber es ist noch so vage, so unbestimmt, es ist verschwommen –, es besteht solch ein Unterschied zwischen dem und dem Umstand, eine klare Schau zu haben, eine genaue Wahrnehmung, ein volles Verstehen der Bedeutung des eigenen Lebens. Und erst dann beginnt man, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nicht vorher. Erst dann kann man dem Faden seiner Bestimmung folgen und klar das Ziel erkennen und den Weg, es zu erreichen. Das aber geschieht nur durch aufeinanderfolgende innere Erweckungen, es ist, als würden sich plötzlich Türen zu neuen Horizonten öffnen – wahrhaft eine neue Geburt in ein wahreres, tieferes und beständigeres Bewusstsein.

Bis dahin lebst du in einer Wolke, tastend, unter dem Gewicht eines Geschicks, das dich manchmal erdrückt und dir das Gefühl gibt, dass du auf bestimmte Weise geschaffen wurdest und nichts daran ändern kannst. Du trägst die Bürde eines Daseins, das dich niederdrückt, das dich am Boden kriechen lässt, anstatt dich darüber zu erheben und alle Fäden zu sehen, die Leitfäden, jene Fäden, die verschiedene Dinge zu einer einzigen Bewegung des Fortschreitens auf eine erkennbar werdende Verwirklichung hin zusammenbinden.

Man muss aus diesem Halbbewusstsein, das im Allgemeinen als ganz natürlich empfunden wird, herausschnellen – es ist deine „normale“ Art zu sein, und du hast nicht den ausreichenden Abstand davon, um diese Ungewissheit, diese mangelnde Genauigkeit erkennen und dich darüber wundern zu können; wohingegen zu wissen, dass man sucht und bewusst sucht, überlegt, beständig und methodisch, tatsächlich die Ausnahme ist, der beinahe „abnormale“ Zustand. Und dennoch, nur auf diese Weise beginnt man wahrhaft zu leben.

Worte der Mutter

Es gibt eine Reihe grundlegender Fragen, die sich diejenigen stellen, die sich um das Schicksal der Menschheit sorgen und sich nicht mit den aktuellen Lösungen zufrieden geben. Sie können ungefähr wie folgt formuliert werden:

Warum wird man geboren, wenn auch nur um zu sterben?

Warum lebt man, wenn auch nur um zu leiden?

Warum liebt man, wenn auch nur um getrennt zu sein?

Warum denkt man, wenn auch nur um sich zu irren?

Warum handelt man, wenn auch nur um Fehler zu machen?

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