Kapitel 6

Juwelen aus „Die Synthese des Yoga“

Der vom Integralen Yoga geforderte Glaube

Es gibt eine Art Glauben, die vom Integralen Yoga als unentbehrlich verlangt wird. Man kann ihn als den Glauben an Gott und an die Shakti bezeichnen, den Glauben an Gegenwart und Macht des Göttlichen in uns und in der Welt, als den Glauben daran, dass alles in der Welt das Wirken der einen göttlichen Shakti ist, dass alle Stufen des Yoga, sein Ringen, Leiden und Misslingen wie sein Erfolg, seine Befriedigung und seine Siege, hilfreiche und notwendige Ergebnisse des Wirkens der Shakti sind und dass wir, indem wir uns unbeirrbar auf das Göttliche und seine Shakti in uns verlassen und uns ihnen total unterwerfen, zu Einheit, Freiheit, Sieg und Vollkommenheit gelangen können.

Der höchste Zustand der Einwilligung, das sraddha unseres Wesens, ist erreicht, wenn wir die Gegenwart des Ishwara empfinden, unsere Existenz, unser Bewusstsein, Denken, Wollen und Handeln sicher in seiner Hand fühlen und in allen Dingen, mit jedem Teil unseres Selbstes und unserer Natur dem unmittelbaren, immanenten, uns besitzenden Willen des Geistes unsere Einwilligung geben. Diese höchste Vollkommenheit des sraddha ist Voraussetzung und vollkommene Grundlage für eine göttliche Kraft. Wenn sie vollkommen ist, wird sie das Fundament der Entfaltung, Manifestation und Werke der strahlenden supramentalen Shakti.

Die göttliche Shakti

Das ist die Natur der göttlichen Shakti, dass sie zeitlose Macht des Göttlichen ist, die sich in der Zeit als universale Kraft manifestiert und alles, was sich im Universum bewegt und wirksam entfaltet, erschafft, konstituiert, im Dasein erhält und lenkt. Diese universale Macht tritt auf den niederen Seinsebenen zuerst als mentale, vitale und materielle kosmische Energie in Erscheinung, die all das, was wir mental, vital und physisch tun, verursacht und bewirkt. Für unsere Sadhana ist es notwendig, diese Wahrheit gründlich zu realisieren, damit wir dem Druck der einschränkenden Ansicht des Ich entgehen und uns selbst auf diesen niederen Ebenen universal ausweiten, wo gewöhnlich das Ego in voller Kraft regiert. Das Gesetz des Karma-Yoga ist auch hier das geltende Gesetz: Wir sollen einsehen, dass nicht wir die Urheber des Handelns sind, dass es vielmehr diese Macht ist, die in uns und in den anderen handelt, dass nicht mein Ich oder das Ich anderer der Täter ist, sondern die eine Prakriti.

Öffnung für die universale Energie

Das drückt sich in unserem aktiven Dasein darin aus, dass wir unseren egoistischen, persönlichen, gesonderten, individuellen Willen und dessen Energie ersetzen durch den universalen Willen, den göttlichen Willen, durch Energie, die unser Handeln so bestimmt, dass es in Einklang mit dem universalen Wirken steht. Diese offenbaren sich uns als der direkte Wille und die alles lenkende Macht des Purushottama. Wir ersetzen das niedere Wirken des begrenzten, unwissenden und unvollkommenen persönlichen Willens und seiner Energie in uns durch das Wirken der göttlichen Shakti. Es besteht für uns immer die Möglichkeit, uns für die universale Energie zu öffnen. Sie umgibt uns überall und flutet beständig in uns ein. Sie trägt, erhält und fördert unser inneres und äußeres Wirken. Tatsächlich besitzen wir keine Macht aus uns selbst in einem gesonderten individuellen Sinne, sondern nur als personale Form der einen Shakti. Andererseits ist die universale Shakti in unserem Innern konzentriert. Denn ihre Macht ist im Einzelnen wie im Universum gegenwärtig. Es gibt Mittel und Methoden, durch die wir ihre größere und potentiell unendliche Kraft erwecken und für umfassenderes Wirken freisetzen können.

Alles ist Manifestation des unendlichen Geistes

Alles ist Manifestation des unendlichen Geistes aus seinem Sein und seinem Bewusstsein durch die das Selbst realisierende, vom Selbst her bestimmte und das Selbst zur Erfüllung bringende Macht jenes Bewusstseins. Wir können sagen: Das Unendliche organisiert durch die Macht seines Wissens vom Selbst das Gesetz seiner Seins-Manifestation im Universum, und zwar nicht nur das materielle Universum, das unseren Sinnen gegenwärtig ist, sondern auch alles, was hinter ihm auf anderen Ebenen des Daseins liegt. Alles wird durch den Geist organisiert, nicht durch irgendeinen nichtbewussten Zwang, auch nicht nach mentaler Fantasie oder Laune, vielmehr in der unendlichen Freiheit des Geistes im Einklang mit der Wahrheit seines Seins, mit seinen unendlichen Entfaltungsmöglichkeiten und seinem Willen, diese Möglichkeiten in der Schöpfung aus dem Selbst zu verwirklichen. Das Gesetz dieser Wahrheit im Selbst ist die Notwendigkeit, die erschaffene Dinge zwingt, ihrer Natur gemäß zu handeln und sich zu entfalten.

Der Mensch wird durch eine Macht in seinem Innern gezwungen, auf mehr oder minder bewusste Selbst-Evolution hinzuarbeiten, die ihn zur Herrschaft über sich aus dem Selbst und zum Wissen aus dem Selbst führen soll.

Das wahre Dharma des Menschen

…das wahre Dharma und Wesensgesetz des Menschen muss nach höherer, des Selbstes bewusster Existenz, einer Manifestation des Selbstes suchen, die nicht länger obskur bleibt und von unverstandener Notwendigkeit gelenkt wird. Vielmehr soll sie erleuchtet und dessen bewusst sein, was sich selbst zum Ausdruck bringen will. So kann sie es umfassend und vollkommen in Erscheinung treten lassen. Das oberste Ziel des Menschen muss sein, sich mit seinem höchsten, wirklichen Selbst zu identifizieren, aus ihm heraus zu handeln, oder besser es in spontanem, vollkommenem Wissen und Willen wirken zu lassen (da es die natürliche Existenz des Menschen ist, als Instrumentale Form den Geist zum Ausdruck zu bringen).

Die supramentale Gnosis

Zentrum des mentalen Denkens ist das Ego, die Person des individuellen Denkers. Im Gegensatz dazu wird der supramentale Mensch mehr mit dem universalen Mental denken oder sich sogar darüber erheben…

Der mentale Mensch denkt und handelt in einem Radius, der durch den Umfang seiner Mentalität und seiner Erfahrung bestimmt ist. Die Reichweite des supramentalen Menschen wird die Erde und alles das einschließen, was dahinter auf anderen Ebenen der Existenz liegt…

…der mentale Mensch denkt und schaut nur auf der Ebene des gegenwärtigen Lebens, wenn das auch mit einer nach oben gerichteten Aspiration geschehen mag; seiner Sicht stellen sich überall Hindernisse entgegen… Das supramentale Wesen sieht die Dinge von oben her in weiten Räumen und, auf höchster Ebene, aus den Bereichen des Unendlichen. Sein Blick ist nicht auf den Standpunkt der Gegenwart begrenzt, kann vielmehr in zeitlich aufeinanderfolgende Zusammenhänge oder (vom Standpunkt oberhalb der Zeit) in die Unteilbarkeit des Geistes schauen.

Erst wenn wir über die Mentalität hinausgekommen sind und diese in passives Schweigen versinkt, kann sich die supramentale Gnosis voll enthüllen und in souveränem integralem Wirken hervortreten.

Grundlage jedes Yoga

Die eigentliche Grundlage jedes Yoga ist es, dass das Tapas letztlich allmächtig ist und dass die Idee unfehlbar zu ihrer Erfüllung kommt. Diese Begriffe machen wir im Menschen durch den Willen und Glauben wirksam, durch einen Willen, der letztlich selbsteffektiv ist, da er aus der Substanz des Wissens besteht, und durch einen Glauben, der im niederen Bewusstsein der Widerschein einer Wahrheit oder einer realen Idee ist, die in der Welt der Erscheinung noch nicht verwirklicht wurde. Von dieser Selbstgewissheit der Idee spricht die Gita: „Alles, was eines Menschen Glaube oder die gewisse Idee in ihm ist, das wird er,“ yo yac-chraddhah sa eva sah.

Der entscheidende Akt

Der entscheidende Akt, der wie in einem Samenkorn alle Resultate, die der Yoga zu geben hat, in sich trägt, ist die Annahme einer neuen spirituellen Ideenkraft, die Orientierung unseres Wesens nach oben hin, eine Erleuchtung, eine Hinwendung oder Umkehr, die man mit dem Willen und mit der Aspiration des Herzens festhält. Die bloße Idee oder ein intellektuelles Suchen nach etwas Höherem, Jenseitigem ist, so stark das auch mit dem Interesse des Mentals ergriffen wird, doch unwirksam, wenn das Herz es nicht als das festhält, was allein begehrenswert ist, und wenn der Wille dieses Einzige nicht als das annimmt, was getan werden muss. Denn die Wahrheit des Geistes soll nicht bloß gedacht sondern muss gelebt werden. Sie zu leben erfordert aber die auf ein einziges Ziel hin zur Einheit zusammengefasste Konzentration unseres mentalen Wesens. Eine so große Umwandlung, wie sie durch den Yoga vorgesehen ist, kann nicht durch einen zerteilten Willen, durch einen kleinen Teil unserer Energie oder durch einen zögernden mentalen Geist bewirkt werden. Wer das Göttliche sucht, muss sich ganz Gott weihen und nur Gott allein.

Erschaffe ein neues Zentrum des Schauens

In unserem Yoga nehmen wir uns nichts Geringeres vor, als dass wir das ganze Gebilde unserer Vergangenheit und Gegenwart, das unseren gewöhnlichen materiellen und mentalen Menschen ausmacht, zerbrechen und in uns selbst ein neues Zentrum des Schauens und ein neues Universum der Betätigungen schaffen wollen, das ein göttliches Menschsein oder eine übermenschliche Natur darstellen soll.

Die erste Notwendigkeit besteht darin, den zentralen Glauben und die Sichtweise des mentalen Geistes aufzulösen, die ihn auf seine Entwicklung, Befriedigung und Interessen in der alten, externalisierten Ordnung der Dinge konzentrieren. Es ist uns geboten, dass wir diese oberflächliche Orientierung mit jener tieferen Gläubigkeit und Betrachtung austauschen, die das Göttliche, Gott allein, schaut und sucht. Das nächste Erfordernis ist, dass wir unser niederes Wesen dazu nötigen, diesem neuen Glauben und dieser größeren Schau seine Ehrerbietung darzubringen. Unsere ganze Natur muss eine integrale Hingabe leisten. Sie soll sich in allen ihren Teilen und bei jeglicher Regung Demjenigen darbringen, das dem noch nicht wiedergeborenen Sinnen-Mental als etwas viel weniger Wirkliches als die materielle Welt mit ihren Gegenständen erscheint. Unser ganzes Wesen muss in Seele, Mental, Sinn, Herz, Willen, Leben und Körper alle seine Energien so völlig und auf solche Weise dem Göttlichen weihen, dass sie zu einem geeigneten Träger des Göttlichen werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Jedes Geschöpf in der Welt folgt der festgelegten Gewohnheit, die für es zu einem Gesetz geworden ist, und widersetzt sich einer radikalen Umwandlung. Keine Wandlung kann aber radikaler sein als die Revolutionierung des Menschen, die durch den Integralen Yoga versucht wird. Jede einzelne Regung in uns soll immer wieder auf das zentrale Glauben, Wollen und Schauen zurückberufen werden: Wir sollen jeden Gedanken und Impuls (wie es in der Sprache der Upanishad heißt) daran erinnern: „Das dort ist das göttliche Brahman und nicht das, was die Menschen hier verehren.“ Jede Faser des Vitals soll dazu gebracht werden, dass sie all dem völlig entsagt, was sie bisher für ihre eigene Existenz hielt. Das Mental soll aufhören, nur das Mental zu sein; es soll von einem Lichte widerstrahlen, das jenseits von ihm ist. Das Leben soll sich in etwas Weites, Stilles, intensives und Mächtiges verwandeln, das sein altes blindes, betriebsames, enges Ego oder die armseligen Impulse und das Begehren nicht mehr anerkennt. Selbst der Körper muss sich einer Wandlung unterziehen. Er darf nicht mehr das Tierwesen mit seinen lauten Ansprüchen oder der Erdklumpen mit seinem hemmenden Gewicht sein, wie er es jetzt ist. Statt dessen soll er zu einem bewussten Diener, zu einem strahlenden Instrument und zu einer lebendigen Gestaltung des Geistes werden.

Eine aufrichtige Selbsthingabe an den Ewigen

Jeder Augenblick und jede Regung unseres Wesens sollen entschieden zu einer ständigen und aufrichtigen Selbsthingabe an den Ewigen gemacht werden. Alle unsere Handlungen sollen als Werke opfernder Darbringung getan werden: die kleinsten, gewöhnlichsten und unbedeutendsten nicht weniger als die größten, außergewöhnlichen und edelsten. Unsere individualisierte Natur soll in dem alleinigen Bewusstsein leben, dass jede innere und äußere Regung dem größeren Wesen jenseits von unserem Ego geweiht ist. Welche Gabe es auch sei und wem immer wir sie darbringen mögen, es soll uns beim Tun bewusst werden, dass wir sie dem einen göttlichen Sein in allen Wesen weihen. Unsere gewöhnlichsten und gröbsten materiellen Handlungen müssen diesen verfeinerten Charakter annehmen. Wenn wir essen, sollten wir dessen eingedenk sein, dass wir unsere Nahrung jener Gegenwart in uns darbringen. Das soll wie ein heiliges Opfer in einem Tempel sein. Das Empfinden, dass wir dabei nur unser körperliches Bedürfnis sättigen oder uns durch einen Genuss befriedigen, soll von uns abfallen. Bei jeder großen Arbeit, in jeder hohen Disziplin und in jedem schwierigen oder edlen Unternehmen dürfen wir, auch wenn wir es um unsretwillen, für andere oder für die Menschheit leisten, nicht bei der Vorstellung „wir selbst“, „die Menschheit“, „die anderen“ stehen bleiben. Was wir da tun, soll bewusst als ein Opfer des Wirkens nicht an diese, sondern entweder durch sie oder unmittelbar der Einen Gottheit dargebracht werden. Das innewohnende Göttliche, das durch diese Gestaltungen verhüllt war, soll nicht länger verborgen bleiben, sondern unserer Seele, unserem Mental und unseren Sinnen gegenwärtig sein. So sollen unsere Taten und ihre Ergebnisse in die Hand dieses Einen gelegt werden, weil wir fühlen, dass der Unendliche und Erhabene jene Gegenwart ist, durch die allein unser Arbeiten und Streben möglich ist. Denn in seinem Wesen findet alles statt. Für ihn nimmt die Natur all unser Wirken und Streben entgegen und bringt es auf seinem Altar dar. Auch dort, wo die Natur allein ganz deutlich die Wirkende ist und wo wir ihr Wirken nur beobachten und dessen Gefäß und Träger sind, sollten wir ständig an den göttlichen Meister denken und uns ihn als den Wirkenden nachdrücklich bewusst machen. Sogar unser Einatmen und Ausatmen, ja unser Herzschlag kann und soll als der lebendige Rhythmus des universalen Opfers in uns bewusst gemacht werden.

Letztlich zwingt uns die Praxis dieses Yoga des Opfers dazu, allem zu entsagen, was den Egoismus fördert. Wir wollen sie aus unserem Mental, Wollen und Handeln ausmerzen und ihre Saat, ihre Gegenwart, ihren Einfluss aus unserer Natur ausschalten. Alles soll für das Göttliche allein getan werden. Alles soll auf das Göttliche gerichtet sein. Wir dürfen nichts für uns selbst als für eine abgesonderte Existenz unternehmen. Wir sollen nicht nur deshalb für andere, für unsere Nachbarn, Freunde, Familie, für unser Land, die Menschheit oder andere Geschöpfe etwas tun, weil sie mit unserem persönlichen Leben, Denken und Empfinden verbunden sind oder weil unser Ego Interesse an ihrem Wohlergehen hat. Wenn wir so handeln und denken, wird alles Wirken und Leben zur täglichen dynamischen Verehrung und zum Dienst am Göttlichen im grenzenlosen Tempel seiner kosmischen Existenz.

Aufstieg zu einer größeren spirituellen Wahrheit der Liebe und des Geeintseins

Die intimste Art des seelischen Wesens zeigt sich in seinem Drängen hin zum Göttlichen durch eine geheiligte Liebe, Freude und Geeintseins. Es sucht vor allem anderen die göttliche Liebe. Diese Liebe zum Göttlichen ist sein Sporn, sein Ziel, sein Stern der Wahrheit, der über der lichterfüllten Grotte der neugeborenen göttlichen Kindes in uns und über seiner noch verborgenen Wiege steht. Während des ersten langen Verlaufs seines Wachsens und seiner noch unausgereiften Existenz hat sich das seelische Wesen auf die irdische Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, auf den Guten Willen, das Mitleiden und Wohlwollen und auf alles gestützt, was schön, edel und fein ist, auf das Licht, die Kraft, den Mut und auf alles, was dazu helfen kann, die Grobheit und Gewöhnlichkeit der menschlichen Natur zu verfeinern und zu läutern. Die Seele weiß aber, wie vermischt diese menschlichen Regungen selbst in ihren besten Formen und wie gebrochen sie in ihrem schlimmsten Zustand sind, gebrandmarkt durch den Stempel des Egos, die Selbsttäuschung in sentimentaler Falschheit, von der das niedere Ego dadurch profitiert, dass es eine Regung der Seele nachahmt. Wenn die Seele nun hervortritt, ist sie fertig und bereit; sie gibt mit kühnem Mut alle alten Bindungen und unvollkommenen emotionalen Wirkensweisen auf. Entschlossen ersetzt sie diese durch eine größere spirituelle Wahrheit der Liebe und des Geeintseins. Zwar mag sie die menschlichen Formen und Regungen noch zulassen; sie stellt ihnen jedoch die Bedingung, dass sie sich dem Einen allein zuwenden. Sie akzeptiert nur solche Bindungen, die hilfreich sind: die herzliche Verehrung für den Guru, – die Vereinigung der Gottsucher untereinander, – ein spirituelles Mitleiden mit der unwissenden Menschen- und Tierwelt und mit allem, was sie bevölkert, – die Freude, das Glück und die Befriedigung durch Schönheit, die man findet, wenn man das Göttliche überall wahrnimmt.

Zwei Regeln werden die Schwierigkeit vermindern

Zwei Regeln werden die Schwierigkeit vermindern und die Gefahr beseitigen. Wir sollen alles zurückweisen, was aus dem Ego, aus dem vitalen Begehren und dem bloßen mentalen Geist mit seiner anmaßenden, vernünftelnden Unzulänglichkeit herrührt, sowie alles, was diesen Agenten der Unwissenheit zu Diensten steht. Wir sollen lernen, auf die Stimme der innersten Seele zu hören und ihr zu folgen; wir sollen auf die Weisung des Guru, auf das Gebot des Meisters und auf die Einwirkung der Göttlichen Mutter achten. Das wahre innere Gesetz kann nicht finden, wer sich an die Begierden und Schwächen des Fleisches klammert, den Sehnsüchten und Leidenschaften des Vitals in seiner turbulenten Unwissenheit folgt und den Geboten seines persönlichen Mentals gehorcht, das nicht durch höheres Wissen zum Schweigen gebracht und erleuchtet wurde. Er häuft sich vielmehr Widerstände auf seinen Weg zur göttlichen Erfüllung. Wer aber diese verfinsternden Einflüsse erkennen, zurückweisen und den wahren Lenker innen und außen unterscheiden und ihm folgen kann, wird das spirituelle Gesetz entdecken und das Ziel des Yoga erreichen.

Gelassenheit und Auslöschung des Egos

Der Verzicht auf alle Gebundenheit an das Werk und seine Frucht ist der Anfang einer umfassenden Bewegung hin zu absoluter Ausgeglichenheit, Gelassenheit im Mental und in der Seele, die alles in sich einhüllen muss, wenn wir im Geist vollkommen werden wollen. Die Ehrfurcht vor dem Meister der Werke erfordert, dass wir ihn klar erkennen und in Freude anerkennen: in uns selbst, in allen Dingen und Ereignissen. Eine harmonische Ausgeglichenheit ist das Kennzeichen anbetender Ehrfurcht. Sie ist der Grund der Seele, auf dem ein wahres Opfer und ein wahrer Dienst Gottes vollbracht werden können. Der Herr existiert in der Welt in gleicher Weise in allen Wesen. Wir dürfen darum keine wesenhaften Unterschiede zwischen uns und den anderen machen: zwischen dem Weisen und dem Unwissenden, zwischen Freund und Feind, Mensch und Tier, dem Heiligen und dem Sünder. Wir dürfen niemanden hassen, niemanden verachten, uns von niemandem abgestoßen fühlen. Denn wir sollen in allen den Einen sehen, der sich nach seiner Lust verkleidet oder offenbart. In dem einen ist er nur ein wenig, in dem anderen mehr geoffenbart. In anderen ist er verborgen oder gänzlich entstellt, je nach seinem Willen und seinem Wissen dessen, was seiner Absicht am besten dient, wenn er in ihnen Gestalt annimmt und in ihrer Natur wirkt. Alles ist unser Selbst, ein einziges Selbst, das viele Gestaltungen angenommen hat. Hass und Abneigung, Spott und Abscheu, Anhänglichkeit, Zuneigung und Bevorzugung sind auf einer gewissen Stufe natürlich, notwendig und unvermeidlich. Diese Regungen dienen oder helfen dazu, die Entscheidung der Natur in uns zu bilden und durchzuführen. Für den Karma-Yogin sind sie aber etwas Überlebtes, ein Hindernis und Ausdruck der Unwissenheit. Je weiter er fortschreitet, desto mehr fallen sie von seiner Natur ab. Die Kind-Seele benötigt sie für ihr Wachstum. Bei dem Menschen aber, der in der göttlichen Bildung erwachsen wird, fallen sie ab. In der Gottnatur, zu der wir emporkommen sollen, kann es wohl eine stahlharte, ja eine zerstörende Strenge geben, jedoch keinen Hass, eine göttliche Ironie, aber keinen Hohn, eine ruhige, klarblickende und kraftvolle Zurückweisung, aber keinen Abscheu und keinen Widerwillen. Selbst wenn wir etwas vernichten müssen, dürfen wir es nicht verabscheuen und ihm nicht die Anerkennung versagen, dass auch es eine verkleidete und zeitweilige Bewegung des Ewigen ist…

Dieselbe Gelassenheit des Mentals und der Seele werden wir ebenso allen Geschehnissen gegenüber haben, seien sie schmerzvoll oder erfreulich: Niederlage und Erfolg, Ehre und Unehre, guter und böser Ruf, Glück und Unglück. Wir werden in allen Ereignissen den Willen des Meisters jeglichen Wirkens und aller Ergebnisse erkennen und sie als einen Schritt dahin auffassen, dass sich das Göttliche in der Evolution immer vollkommener zum Ausdruck bringt. Gott offenbart sich allen, die das innere Auge des Schauens besitzen, in Kräften, in ihrem Spiel und in ihren Resultaten ebenso wie in Dingen und Geschöpfen. Alle Dinge bewegen sich auf ein göttliches Ereignis hin. Jede Erfahrung, das Leiden und der Mangel nicht weniger als die Freude und Befriedigung, ist ein notwendiges Glied, um die universale Bewegung zum Ziel zu bringen, die zu verstehen und zu unterstützen unsere Aufgabe ist… Wenn wir so die innere Balance einer wahren harmonischen Gelassenheit erlangen, werden wir unseren Weg standhaft fortsetzen und alles mit gleichmütiger Ruhe aufnehmen, bis wir zu einem erhabenen Zustand befähigt sind und in das höchste universale Ananda eingehen können.

Konzentration

Unsere Konzentration schreitet fort durch die Idee, die Denken, Form und Namen als Schlüssel verwendet. Diese erschließen dem sich konzentrierenden mentalen Geist die Wahrheit, die hinter allen Gedanken, Formen und Namen verborgen liegt. Durch die Idee steigt das mentale Wesen über jede Ausdrucksform empor zu dem, was zum Ausdruck gebracht wird, zu Jenem, von dem die Idee selbst nur das Instrument ist. Durch Konzentration auf die Idee bricht unser mentales Dasein, das wir jetzt führen, die Schranke unserer Mentalität auf. So erlangt es jenen Zustand des Bewusstseins, des Seins, der Macht des bewussten Seins und der Seligkeit des bewussten Seins, dem die Idee entspricht und dessen Symbol, Bewegung und Rhythmus sie ist. Die Konzentration auf die Idee ist also nur Mittel und Schlüssel, um uns die überbewussten Ebenen unseres Daseins zugänglich zu machen. Ihr Ziel und Höhepunkt ist ein gewisser im Selbst gesammelter Zustand unserer Existenz, die emporgehoben wird in jene überbewusste Wahrheit, in jene Einheit und Unendlichkeit eines selbstbewussten und selbstseligen Daseins. Das ist die Bedeutung, die wir dem Begriff Samadhi verleihen.

Der erste Schritt bei der Konzentration muss immer der sein, dass wir den unstet abschweifenden mentalen Geist dazu bringen, bestimmt und unbeirrt einen einzigen Verlauf zusammenhängenden Denkens über ein einziges Subjekt zu verfolgen. Er muss das tun, ohne sich durch Verführungen und fremde Ansprüche an seine Aufmerksamkeit ablenken zu lassen…

Das ist der Prozess konzentrierter Meditation. Eine anstrengendere Methode besteht darin, dass wir den mentalen Geist allein in der Konzentration auf das Wesenhafte der Idee fixieren, um nicht nur das Denk-Wissen oder die psychologische Erfahrung des Subjekts zu erlangen, sondern um die wirkliche Essenz der Sache hinter ihrer Idee zu begreifen. In diesem Prozess hört das Denken auf und geht in die aufgezehrte ekstatische Kontemplation des Objekts oder (durch Versunkensein) in den inneren Samadhi über…

Eine dritte Methode besteht darin, dass wir uns, weder am Anfang in einer anstrengenden Meditation auf das einzige Subjekt, noch in einer mühevollen Kontemplation auf das einzige Objekt der Gedanken-Schau konzentrieren, sondern dass wir zunächst das Mental vollständig still legen. Das kann auf verschiedene Weise getan werden. Bei der einen treten wir völlig hinter die mentale Aktivität zurück und nehmen gar nicht an ihr teil, sondern beobachten sie einfach, bis sie, müde des Herumspringens oder Herumrennens, in wachsende und zuletzt absolute Stille verfällt. Ein anderer Weg ist, dass wir die Suggestionen des Denkens zurückweisen, sie aus dem Mental verjagen, sobald sie kommen, und dass wir uns fest im Frieden des Seins verhalten, der wirklich und überall hinter der Verwirrung und dem Tumult des Mentals existiert. Wenn dieser verborgene Friede enthüllt ist, legt sich eine große Stille auf unser Wesen. Gewöhnlich kommt mit ihm die Wahrnehmung und Erfahrung des alles durchdringenden schweigenden Brahman, wobei jede Erscheinung zuerst nur eine leere Form und ein Abbild zu sein scheint. Auf der Grundlage dieser Stille kann alles Wissen und alle Erfahrung der tieferen Wahrheit göttlicher Manifestation aufgebaut werden, nicht aber auf den äußeren Erscheinungen der Dinge.

Das Gebet besitzt Macht und Bedeutung

Man zweifelt oft an der Wirksamkeit des Gebetes und vermutet, das Beten selbst sei etwas Irrationales und darum notwendigerweise etwas Überflüssiges und Unwirksames. Es ist wahr, dass der universale Wille immer seine Absichten ausführt und davon nicht durch egoistisches Drängen oder Flehen abgelenkt werden kann. Es ist auch wahr, dass der Transzendente, der sich in der universalen Ordnung zum Ausdruck bringt, allwissend ist und darum in seinem umfassenderen Wissen voraussehen muss, was zu geschehen hat. Er braucht dazu keine Weisungen oder Anregungen durch menschliches Denken. Wahr ist ferner, dass das Verlangen des Individuums in keiner Weltordnung ein wirklich bestimmender Faktor ist oder sein kann. Aber weder diese Ordnung noch die Ausführung des universalen Willens werden durch ein mechanisches Gesetz bewirkt, vielmehr durch Kräfte, von welchen, zumindest für das menschliche Leben, der Wille, die Aspiration und der Glaube des Menschen nicht zu den unwichtigsten gehören. Das Gebet ist nur eine besondere Form, in der sich dieser Wille, diese Aspiration und dieser Glaube zum Ausdruck bringen. Oft sind seine Formen noch sehr primitiv, nicht nur kindlich (was kein Fehler wäre), sondern kindisch. Aber doch hat das Beten eine wirkliche Macht und Bedeutung. Seine Macht und sein Sinn ist, den Willen, die Aspiration und den Glauben des Menschen mit dem göttlichen Willen als dem eines bewussten Wesens in Berührung zu bringen, zu dem wir in bewusste, lebendige Beziehungen treten können…

Das Gebet trägt dazu bei, diese Beziehung für uns zunächst auf der niederen Ebene vorzubereiten, wenn es auch dort mit vielem behaftet ist, was aus reinem Egoismus und bloßer Selbsttäuschung herrührt. Danach können wir uns aber höher hinauf jener spirituellen Wahrheit zuwenden, die dahinter steht. Dann kommt es nicht mehr so sehr auf Gewährung der erbetenen Sache an, vielmehr auf die Beziehung selbst, auf den Kontakt des menschlichen Lebens mit Gott, auf den bewussten Austausch mit ihm. In spirituellen Dingen und beim Suchen nach spirituellen Gütern ist diese bewusste Verbindung eine große Macht. Sie ist eine viel stärkere Macht als unser völlig auf uns selbst gestütztes Kämpfen und Mühen: Sie schenkt uns ein erfülltes spirituelles Wachsen und größere spirituelle Erfahrung. Notwendigerweise findet das Beten schließlich sein Ende in dem Größeren, wozu es uns vorbereitet hat; tatsächlich ist die Ausdrucksform, die wir beten nennen, an sich nicht wesentlich, solange Glaube, Wille und Aspiration vorhanden sind. Oder das Gebet bleibt nur aus Freude an der Beziehung zu Gott bestehen. Es werden auch seine Wunschziele, artha oder Interesse, die es zu verwirklichen sucht, immer höher, bis wir schließlich die höchste, von keinen Motiven mehr bestimmte Hingabe erreichen, die reine einfache göttliche Liebe darstellt ohne Verlangen oder Sehnsucht.

Integraler Bhakti-Yoga

Der Weg des Integralen Bhakti-Yoga wird darin bestehen, diese Auffassung vom Gottwesen universal auszuweiten, ihn in einem innigen, vielseitigen und alles einbeziehenden Verhältnis persönlich zu erleben, seine Gegenwart unserem Wesen ständig bewusst zu machen und ihm unser Wesen zu weihen, hinzugeben, zu unterwerfen. Er soll uns ganz nahe sein, in unserem Innern leben, und wir wollen bei ihm und in ihm sein. Seiner in allen Dingen ständig zu gedenken und ihn immer und überall zu schauen, manana und darsana, ist für diesen Weg innerer Verehrung wesentlich. Betrachten wir die Dinge der physischen Natur, sollen wir das göttliche Objekt unserer Liebe schauen. Blicken wir auf Menschen und Wesen, sollen wir ihn darin sehen. Treten wir mit ihnen in Beziehung, sollen wir fühlen, dass wir mit seinen Gestaltungen kommunizieren. Zerbrechen wir die Begrenzungen der materiellen Welt, erkennen dort die Wesen anderer Ebenen und treten mit ihnen in Verbindung, dann soll derselbe Gedanke und dasselbe Schauen Gottes unserem mentalen Erfassen real sein. So sollte die Gewohnheit unseres mentalen Geistes verschwinden, nur für materielle, sinnlich wahrnehmbare Form offen und zu der gewöhnlichen, verstümmelten Beziehung zu ihr fähig zu sein, aber die in ihrem Innern verborgene Gottheit nicht zu erkennen. Sie sollte durch unablässige Gewohnheit allumfassender Liebe und seliger Freude diesem tieferen und weiteren Verstehen und dieser höheren Beziehung Platz machen. In allen Gottheiten sollen wir den einen Gott schauen, den wir mit unserem Herzen und unserem ganzen Sein verehren; denn sie alle sind Gestalten seiner Divinität. Wenn wir so mit dem Geist einen immer weiteren Bereich durchdringen, erreichen wir einen Punkt, wo er allein alles ist. Die Seligkeit dieses Bewusstseins wird zu unserer ununterbrochenen, normalen Art, die Welt zu betrachten. Das gewährt uns die äußere, objektive Universalität unserer Einung mit ihm.

In unserem Innern soll das Bild des Geliebten für unser geistiges Auge sichtbar werden: Er wohnt in uns als in seinem Hause; er erfüllt unsere Herzen mit der Huld seiner Gegenwart; als Freund, Meister und Liebender waltet er auf der höchsten Höhe unseres Wesens über allem, was wir mit unserem Mental und im Leben bewirken; von oben her eint er uns mit sich selbst im Universum. Ständige innere Kommunion mit ihm ist die Freude, die wir zu etwas Innigem, Dauerndem und nie Versagendem machen sollen. Sie soll nicht nur dann auf außergewöhnliche Nähe und Anbetung begrenzt sein, wenn wir uns aus unseren üblichen Tätigkeiten in uns selbst zurückziehen. Wir sollen sie auch nicht dadurch suchen, dass wir unsere Betätigungen aufgeben. All unsere Gedanken, Impulse, Gefühle und Handlungen sollen ihm zwecks Billigung oder Missbilligung unterbreitet werden. Können wir diesen Punkt noch nicht erreichen, sollen wir sie ihm im Opfer der Aspiration darbringen, so dass er mehr und mehr in unser Inneres herniederkommen, in allen Lebensäußerungen gegenwärtig sein und sie mit seinem Willen, seiner Macht, seinem Licht und Wissen, seiner Liebe und Seligkeit durchdringen kann. Schließlich werden unsere Gedanken, Gefühle, Impulse und Handlungen immer mehr aus ihm, ihrem Ursprung, hervorgehen und sich in eine gottgemäße Saat und Ausdrucksform ihres Selbstes verwandeln. Wir werden uns innerlich so sehr unseres Selbstes bewusst geworden sein, dass wir ein Teil seines Wesens sind, dass zwischen der Existenz Gottes, den wir anbeten, und unserem Leben keine Trennung mehr besteht. Wir sollen ebenso in allen Ereignissen die Maßnahmen des göttlichen Liebenden an uns erkennen und darüber so erfreut sein, dass selbst Kummer, Leiden und körperlicher Schmerz zu seinen Geschenken werden und sich in Seligkeit verwandeln, bis sie sich schließlich in Wonne auflösen. Dann sind sie durch unser Gefühl der Gemeinschaft mit Gott völlig zunichte geworden. Denn seine Hand, die uns anrührt, ist die Hand des Alchemisten einer wunderbaren Transformation. Manche verwerfen das Leben, weil es durch Kummer und Schmerz verunstaltet ist. Wer aber Gott liebt, für den werden Kummer und Schmerz zu Mitteln, ihm zu begegnen. Sie werden zu Spuren des Druckes seiner Hand. Zuletzt hören sie ganz auf, sobald unsere Einung mit seiner Natur so vollständig ist, dass jene Verhüllungen die universale Seligkeit nicht mehr verdecken können; sie verwandeln sich in Ananda.

Die Vollkommenheit von Chitta1

Die ersten beiden Elemente dieser Vervollkommnung zeichnen sich einerseits aus durch Milde, Aufgeschlossensein, Freundlichkeit, Ruhe und Klarheit; andererseits kennzeichnet sie glühende Kraft und Intensität. Immer sind diese beiden Fäden ineinander verflochten, im göttlich-wesenhaften wie im gewöhnlichen Charakter und Handeln: liebevolle Güte und energische Stärke, Milde und Kraft, saumya und raudra, die Kraft, die trägt und harmonisiert, und die Kraft, die sich durchsetzt und beherrscht, Vishnu und Ishana, Shiva und Rudra. Diese beiden sind in gleicher Weise für vollkommenes Wirken in der Welt notwendig. Die Gewalttätigkeiten der Rudra-Macht in unserem Herzen sind stürmische Leidenschaft, Zorn, Wut und Rohheit, Härte, Brutalität und Grausamkeit, egoistischer Ehrgeiz und Neigung zu Zügellosigkeit und Herrschsucht. Diese und alle anderen verkehrten menschlichen Regungen müssen durch ein ruhiges, klares und mildes seelisches Wesen beseitigt werden.

Andererseits ist Unvermögen an Kraft auch Unvollkommenheit. Lässigkeit und Weichheit, Nachgiebigkeit gegen sich selbst, eine gewisse Schlaffheit und kraftlose Indolenz oder träge Passivität des seelischen Wesens sind schließlich das Ergebnis davon, dass im emotionalen und seelischen Leben Energie und Macht der Selbstbehauptung unterdrückt, entmutigt oder ertötet wurden. Auch das ist keine totale Vollkommenheit, nur die Kraft zu haben, Leid zu ertragen, oder nur ein Herz der Liebe, Güte, Toleranz, Milde, Demut und Geduld zu pflegen. Die andere Seite der Vollkommenheit ist eine im Selbst beheimatete ruhige, vom Ego freie Rudra-Macht, die mit seelischer Kraft, mit Energie des starken Herzens gewappnet ist, fähig, ohne zurückzuschrecken, beharrlich nach außen hin strenge Aktion, wenn nötig mit Gewalt durchzuführen. Diese doppelte Vollkommenheit ist ein grenzenloses Licht von Energie und Macht in harmonischem Einklang mit gütiger Milde des Herzens und einer Klarheit, die im Handeln beide Seiten eint. Blitzstrahl des Indra, der aus dem Bereich der nektarsüßen Mondstrahlen von Soma ausgeht. Diese beiden Dinge, saumyatva, tejas, müssen ihre Gegenwart und ihr Wirken auf starke Ausgeglichenheit des Temperaments und der Seele gründen, die von aller Rohheit, von allem Übermaß oder von jedem Fehler im Licht oder in der Macht des Herzens erlöst sind.

Ein anderes notwendiges Element ist Glaube im Herzen, Vertrauen auf das universale Gute, der Wille dahin und Offensein für das universale Ananda. Das reine seelische Wesen besitzt die Essenz von Ananda; es entstammt der Seligkeits-Seele im Universum. Das Herz des äußeren Menschen mit seinen Gefühlen ist jedoch von den miteinander in Konflikt befindlichen Erscheinungen der Welt überwältigt und erleidet darum Reaktionen von Kummer, Furcht, Depression, Leidenschaft und kurzlebiger partieller Freude. Zur Vollkommenheit ist ein gelassenes Herz notwendig, doch darf es nicht nur von passiver Gelassenheit sein. Es muss vom Empfinden göttlicher Macht, die hinter allen Erfahrungen für das Gute wirkt, erfüllt sein und von Glauben und Willen, das Gift der Welt in Nektar umzuwandeln, hinter dem Unglück die glückvollere spirituelle Absicht zu erkennen, das Geheimnis der Liebe hinter dem Leiden und die Blüte göttlicher Stärke und Freude in der Saat des Schmerzes. Dieser Glaube, kalyana-sraddha, ist für das Herz und das geöffnete seelische Wesen notwendig, damit sie auf das verborgene göttliche Ananda antworten und sich selbst in ihre wahre, ursprüngliche Wesenheit umwandeln können. Dieser Glaube und Wille muss eng verbunden sein mit unbegrenzbarer und intensiver Fähigkeit zur Liebe und soll zu ihr hinführen. Denn Hauptanliegen des Herzens und seine wahre Funktion ist die Liebe. Sie ist das uns vom Schicksal bestimmte Instrument, um zum völligen Einssein zu gelangen. Es reicht nicht aus, durch den Verstand das Einssein in der Welt nur zu schauen, wenn wir es nicht auch mit dem Herzen und im seelischen Wesen fühlen. Das bedeutet Seligkeit in dem Einen und innige Freude an allem, was in der Welt in ihm sein Dasein hat, Liebe zu Gott und zu allen Wesen. Glaube und Wille des Herzens zum Guten gründen sich auf Wahrnehmung des einen Göttlichen, das allem immanent ist und die Welt lenkt. Die universale Liebe soll sich auf das Schauen des Herzens und das seelische Empfinden für das eine Göttliche gründen, auf das eine Selbst in allem Seienden. Dann werden alle vier Elemente eine Einheit bilden. Selbst die Rudra-Macht, für das Rechte und Gute zu kämpfen, wirkt dann vom Fundament universaler Liebe her. Das ist die höchste Vollkommenheit des Herzens, prema-samarthya.

Das Shastra des Integralen Yoga

Das höchste Shastra des Integralen Yoga ist der ewige Veda, der im Herzen eines jeden denkenden Wesens verborgen ist. Der Lotus ewigen Wissens und ewiger Vollkommenheit ist eine Knospe in uns. Sie öffnet sich rasch oder allmählich, ein Blütenblatt nach dem anderen, durch eine Aufeinanderfolge von Verwirklichungen, sobald sich das Mental des Menschen dem Ewigen zuzuwenden beginnt und sein Herz, nun nicht mehr durch sein Haften an den endlichen Erscheinungen zusammengepresst und eingeengt, von einer wachsenden Liebe zu dem Unendlichen glüht. Von nun an werden das ganze Leben, alles Denken, jede kräftige Entfaltung der Befähigungen, alle aktiven oder passiven Erfahrungen zu vielen Schockwirkungen, wodurch die Umhüllungen der Seele zerrissen und die Hindernisse gegen ihr unvermeidliches Aufblühen beseitigt werden. Wer den Unendlichen erwählt, ist selbst vom Unendlichen erwählt worden. Er hat die göttliche Berührung empfangen, ohne die es für ihn kein Erwachen und kein Sich-öffnen des Geistes gibt; wer diese aber einmal empfangen hat, kann sich dessen sicher sein, dass er zu Gott gelangt, ob nun rasch im Verlauf eines einzigen menschlichen Lebens oder geduldig durch viele Stadien des Kreislaufs der Existenz im manifestierten Universum.

Das erste bestimmende Element der Siddhi

Der Prozess des Yoga besteht darin, dass sich die menschliche Seele vom egoistischen Zustand des Bewusstseins, das von den äußeren Erscheinungen und der Anziehungskraft der Dinge gefangengenommen wird, loslöst und einem höheren Zustand zukehrt, wo dann das Transzendente und Universale sich selbst in die individuelle Gestaltung ergießen und sie umformen kann. Das erste bestimmende Element der siddhi ist darum die Intensität der Umkehrung, also die Kraft, welche die Seele nach innen lenkt. Der Maßstab für diese Intensität sind die Macht des sehnsuchtsvollen Strebens des Herzens, die Kraft des Willens, die Konzentration des Mentals sowie die Ausdauer und Entschlossenheit der eingesetzten Energie. Der ideale Sadhaka sollte mit dem Bibelwort sagen können: „Mein Eifer für den Herrn hat mich verzehrt.“ Dieser Eifer für den Herrn, utsaha, das eifrige Ringen der ganzen Natur, um zu ihrer göttlichen Vervollkommnung, vyakulata, zu kommen, und das unablässige Begehren des Herzens, zu Gott zu gelangen, zehren das Ego auf und zerbrechen die Begrenzungen seiner kleinlich engen Form. So wird es erfüllt, weit und aufnahmefähig für das, was es sucht. Es geht, weil es universal ist, sogar über das umfassendste und höchste individuelle Selbst und dessen Natur hinaus und lässt sie, da es selbst transzendent ist, hinter sich zurück.

Das ist aber nur die eine Seite der Kraft, die für die Vollkommenheit wirkt. Der Prozess des Integralen Yoga hat drei Stufen, die tatsächlich nicht scharf voneinander unterschieden werden oder abgesondert sind, die aber in einem bestimmten Maß aufeinanderfolgen. Zuerst soll ein Bemühen da sein, das eine anfängliche wirksame Transzendierung des Ego und den Kontakt mit dem Göttlichen erlangen will. Dann soll das, was jenseits des Ego liegt und mit dem wir in Kommunion gekommen sind, in uns selbst aufgenommen werden, damit wir unser ganzes bewusstes Wesen transformieren. Schließlich soll unser so umgewandeltes menschliches Dasein als ein göttliches Zentrum in der Welt verwendbar werden.

Zuerst muss der persönliche Wille des Sadhaka die egoistischen Energien fest in seinen Griff bekommen und sie dem Licht und dem Richtigen zuwenden. Sind sie dorthin eingestellt, dann muss er sie weiter dazu trainieren, dass sie das immer anerkennen, akzeptieren und ihm stets folgen. Bei weiterem Fortschritt lernt er, zwar immer noch seinen persönlichen Willen, sein persönliches Bemühen und seine persönlichen Energien zu gebrauchen. Er verwendet sie nun aber als die Repräsentanten der höheren Macht und im bewussten Gehorsam gegenüber dem Einfluss von oben her. Schreitet er noch weiter vorwärts, dann bleiben sein Wille, sein Bemühen und seine Energie nicht länger etwas Persönliches und Abgesondertes. Vielmehr werden sie zu Aktivitäten jener höheren Macht und jenes Einflusses, die sich im Individuum auswirken. Doch besteht noch immer eine Kluft und Distanz. Daraus kommt mit Notwendigkeit ein unklarer Ablauf, weil nicht immer eine genaue, oft sogar eine entstellende Übermittlung zwischen dem göttlichen Ursprung und den aus dem Menschen hervorbrechenden Kraftströmen geschieht. Am Ende der weiteren Entwicklung wird auch mit dem progressiven Verschwinden des Egoismus, der Ungeläutertheit und der Unwissenheit diese letzte Absonderung beseitigt. Dann wird alles im individuellen Menschen zu einem göttlichen Wirken.

Lenker und Lehrer des Integralen Yoga

Ist das höchste Shastra des Integralen Yoga der ewige Veda im geheimen Grund des Herzens eines jeden Menschen, so ist sein höchster Leiter und Lehrer der innere Lenker, der Welt-Lehrer, jagad-guru, verborgen in unserem Innern.

Was ist nun seine Methode und sein System? Er hat keine und doch jede Methode. Sein System ist eine natürliche Organisation der höchsten Prozesse und Abläufe, derer die Natur fähig ist. Da diese bei den scheinbar geringfügigsten Einzelheiten und bedeutungslosesten Aktionen ebenso wie bei den größten mit derselben Sorgfalt und Gründlichkeit angewandt werden, heben sie schließlich alle in das Licht empor und transformieren alles. Denn ihm ist in seinem Yoga nichts zu klein, um noch verwendet, und nichts zu groß, um versucht zu werden. So wie der Diener und Schüler des Meisters keinen Stolz und keinen Egoismus aufkommen lassen darf, da ja alles für ihn von oben her getan wird, so hat er auch kein Recht, niedergeschlagen zu sein über seine persönlichen Mängel und die strauchelnden Fortschritte seiner Natur. Denn die Kraft, die in ihm wirkt, ist unpersönlich – oder überpersönlich – und unendlich.

Auf dem Pfad der integralen Vervollkommnung ist es von äußerster Wichtigkeit, dass wir diesen inneren Lenker, den Meister unseres Yoga, den Herrn, das Licht und ihn, den Empfänger und das Ziel allen Opfers und Bemühens, völlig anerkennen.

1 Grundlegendes Bewusstsein; Mental-Stoff, der allgemeine Stoff des mentalen Bewusstseins; passives Gedächtnis; „Herz und Mental“.

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