Kapitel 7
Anwendung der Spiritualität auf das Leben
Worte Sri Aurobindos
…man fragt uns manchmal, was wir denn mit Spiritualität in Kunst und Dichtung oder im politischen und sozialen Leben meinen, – ein Eingeständnis der Unwissenheit, das in diesem Stadium unserer nationalen Geschichte seltsam genug im Mund eines Inders klingt. Oder man fragt, wie Kunst und Dichtung denn in irgendeiner Weise besser werden, wenn sie in sich haben, was ich jüngst als das „Schwirren der Spiritualität“ beschrieben fand, und wie die praktischen Probleme der Gesellschaft oder der Politik denn von diesem Element profitieren können. Wir haben hier tatsächlich ein Echo der europäischen Anschauung, die längst überholt ist, dass Religion und Spiritualität auf der einen Seite und intellektuelle Aktivität und praktisches Leben auf der anderen Seite zwei ganz verschiedene Dinge seien und jeweils gemäß ihrem eigenen Entwicklungsgang und der Abhängigkeit von ihren ganz verschiedenen Prinzipien verfolgt werden müssten. Weiter stoßen wir auch auf den Verdacht, Indien, indem wir ihm diese ideale Regel setzen, zum Metaphysischen zu weisen und vom Dynamischen und Pragmatischen wegzuziehen. Wir würden ein verdunkelndes reaktionäres Prinzip mystischer oder irrationaler Religiosität einbringen und das Land von den Pfaden der Vernunft und Moderne abbringen, denen es folgen müsse, wenn es eine effektive und gut organisierte Nation sein soll, die in der Lage ist, angesichts der Schockeinwirkungen der modernen Welt zu überleben. Deshalb müssen wir versuchen, deutlich zu machen, was wir mit einer Renaissance meinen, die vom Prinzip der Spiritualität beherrscht wird.
Doch zuerst wollen wir sagen, was wir nicht mit diesem Ideal meinen. Ganz offenbar bedeutet es nicht, dass wir irdisches Leben als vergänglich und nichtig betrachten und alle zusammen versuchen, so bald wie möglich zu Klosterasketen zu werden, unser gesellschaftliches Leben als Vorbereitung auf das Kloster, die Höhle oder den Berggipfel betrachten oder aus ihm ein statisches Leben machen ohne jedes fortschrittliche Ideal, aber mit einem Ziel, das nichts mit der Erde oder dem kollektiven Fortschritt der menschlichen Rasse zu tun hat. Das mag zeitweilig eine Tendenz des indischen Mentals gewesen sein, aber es war nie die Gesamttendenz. Auch bedeutet Spiritualität nicht Gestaltung der gesamten Art des nationalen Wesens gemäß den begrenzten Dogmen, Formen, Glaubensartikeln einer bestimmten Religion, wie oft genug von den alten Gesellschaften versucht wurde, eine Vorstellung, die kraft alter mentaler Gewohnheit und Assoziation noch in vielen Gemütern fortlebt. Ganz offensichtlich wäre ein solcher Versuch, selbst wenn er wünschenswert wäre, unmöglich in einem Land, in dem es eine so große Vielfalt religiöser Anschauungen gibt und das zudem drei so verschiedene allgemeine Formen wie Hinduismus, Islam und Christentum beherbergt, ganz zu schweigen von den zahllosen besonderen Unterformen, denen diese zur Geburt verhalfen. Spiritualität ist viel umfassender als jede spezifische Religion, und in den weitergefassten Vorstellungen von ihr, die jetzt bei uns aufkommen, bleibt selbst die größte Religion nichts weiter als eine umfassende Sekte oder ein Zweig der einen universalen Religion, unter der wir in Zukunft die Suche des Menschen nach dem Ewigen, dem Göttlichen, dem größeren Selbst, der Quelle der Einheit und seinen Versuch verstehen werden, eine gewisse Angleichung, eine zunehmende Annäherung der Werte des menschlichen Lebens an die ewigen und göttlichen Werte zu erreichen.
Auch meinen wir nicht die Ausklammerung irgendwelcher Dinge aus unserem Horizont, der großen Ziele des menschlichen Lebens, irgendwelcher großen Probleme unserer modernen Welt, irgendeiner Form menschlicher Aktivität, irgendeines allgemeinen oder inhärenten Impulses oder charakteristischen Mittels des Verlangens der Seele des Menschen nach Entwicklung, Expansion, wachsender Kraft, Freude, größerem Licht, zunehmender Macht und Vollkommenheit. Geist ohne Mental, Geist ohne Körper ist nicht menschliche Art. Deswegen darf menschliche Spiritualität nicht das Mental, das Leben oder den Körper schmälern oder gering achten. Vielmehr wird sie diese hoch achten, ihnen gewaltige Bedeutung beimessen, erst recht, weil sie die Grundbedingungen und Instrumente des spirituellen Lebens im Menschen sind. Die alte indische Kultur maß der Solidität, Entwicklung und Kraft des Mentals, Lebens und Körpers ebenso viel Wert bei wie das alte hellenische oder das moderne naturwissenschaftliche Denken, obgleich mit anderem Ziel und höherem Motiv. Daher gab sie allem, was zur gesunden Fülle dieser Dinge gehört, freies Spiel, der Tätigkeit der Vernunft, der Naturwissenschaft und Philosophie, der Befriedigung des sinnlichen Wesens und den vielen Künsten, ob gering oder bedeutend, der Gesundheit und Kraft des Körpers, dem physischen und ökonomischen Wohlergehen, dem Wohlgefühl und Wohlstand der Menschheit. Es gab nie ein nationales Ideal der Armut in Indien, wie einige Leute uns glauben machen wollen, noch stellten Dürftigkeit oder Elend den wesentlichen Rahmen indischer Spiritualität dar oder seiner allgemeinen militärischen, politischen und sozialen Kraft und Effektivität. Das Ziel der Inder war zwar hoch, aber fest und weit war auch die Basis, die sie zu begründen suchten, und groß die Sorgfalt, die auf diese ersten Instrumente verwendet wurde. Notwendigerweise wird das neue Indien dasselbe Ziel auf neuen Wegen anstreben und dem lebendigen Impuls frischer und weiter Ideen und durch Mittel, die komplexeren Bedingungen entsprechen. Der Umfang seiner Anstrengung und Aktion und die Flexibilität und Vielfalt seines Mentals wird allerdings nicht geringer, eher größer sein als ehedem. Spiritualität ist nicht notwendigerweise ausschließend. Sie kann und muss in ihrer Fülle allumfassend sein.
Aber es gibt noch einen großen Unterschied zwischen der spirituellen und der rein materiellen und mentalen Weltanschauung. Die spirituelle Sicht geht davon aus, dass Mental, Leben und Körper Mittel des Menschen, nicht seine Ziele sind, und nicht einmal seine letzten und höchsten Mittel. Sie sieht in ihnen sein äußeres instrumentales Selbst und nicht sein gesammeltes Wesen. Sie sieht hinter allen endlichen Dingen das Unendliche und beurteilt den Wert des Endlichen anhand höherer unendlicher Werte, deren unvollkommene Übersetzung die endlichen Dinge sind und zu denen sie zwecks wahrer Ausdrucksgebung stets zu gelangen suchen. Sie sieht eine größere Realität als die sichtbare nicht nur hinter dem Menschen und der Welt, sondern sie glaubt, dass im Menschen und in der Welt und dieser Seele, in diesem Selbst, dieser göttlichen Sache im Menschen jenes in ihm sei, das von höchster Bedeutung ist, das alles andere in ihm wie auch immer herauszubringen und auszudrücken suchen muss, und sie glaubt, dass diese Seele, dieses Selbst, diese göttliche Gegenwart in der Welt jenes sei, was der Mensch durch alle Erscheinungen immerdar zu sehen und zu erkennen suchen muss, um sein Denken und Leben mit ihm zu vereinigen und in ihm seine Einheit mit seinen Mitmenschen zu finden. Dies ändert notwendigerweise unsere ganze normale Betrachtungsweise. Selbst wenn sie all die Ziele des menschlichen Lebens beibehält, wird sie ihnen eine andere Bedeutung und Richtung geben.
Wir streben Gesundheit und Kraft des Körpers an; aber mit welchem Ziel? Um ihrer selbst willen, wird gewöhnlich die Antwort lauten, weil es sich lohnt, sie zu besitzen; oder aber wir können dadurch ein langes Leben und eine gesunde Grundlage für unsere intellektuelle, vitale, emotionale Erfüllung erlangen. In gewisser Weise um ihrer selbst willen, ja, aber in dem Sinn, dass auch das Physische Ausdruck des Geistes ist und dass es sich lohnt, seine Vollkommenheit zu besitzen, dass sie Teil des Dharma des vollständigen menschlichen Lebens ist; aber noch mehr als Basis all jener höheren Aktivität, die in der Entdeckung und im Ausdruck des göttlichen Selbstes im Menschen endet. Sariram khalu dharmasadhanam, lautet der alte Sanskrit-Ausspruch, auch der Körper ist unser Mittel zur Erfüllung des Dharma, des auf Gott gerichteten Gesetzes unseres Wesens. Unsere mentalen, emotionalen, ästhetischen Teile sind zu entwickeln, so meint man gewöhnlich, damit sie eine größere Erfüllung finden oder weil dies die feinere Natur des Menschen ist, weil er sich so lebendiger und erfüllter fühlt. Sicherlich, aber nicht dies allein; vielmehr weil diese Dinge auch der Ausdruck des Geistes sind, Dinge, die im Menschen nach ihren göttlichen Werten suchen. Durch ihre Entwicklung, Verfeinerung, Flexibilität, Macht, Intensität ist der Mensch imstande, der göttlichen Realität in der Welt näher zu kommen, sich ihrer in vielfältiger Weise zu bemächtigen, am Ende sein ganzes Leben zur Einheit und Übereinstimmung mit ihr zu bringen. Sittlichkeit ist in der gewöhnlichen Sicht ein gut reguliertes individuelles und soziales Verhalten, das die Gesellschaft aufrechterhält und zu einem besseren, rationaleren, gemäßigteren, mitfühlenderen, gezügelteren Umgang mit unseren Mitmenschen führt. Aber Ethik ist in der spirituellen Betrachtungsweise viel mehr: Sie ist ein Mittel, um sich im Handeln zu entfalten, und, was wichtiger ist, im Charakter unseres Wesens das göttliche Selbst in uns, eine Stufe unserer Entwicklung in das Wesen der Gottheit hinein.
Ebenso steht es mit all unseren Zielen und Aktivitäten; Spiritualität zieht sie alle heran und gibt ihnen eine größere, göttlichere, vertrautere Bedeutung. Philosophie ist in der westlichen Methodik eine unvoreingenommene Untersuchung – mittels des Lichtes der Vernunft – der ersten Seinswahrheiten, die wir entweder erlangen werden, indem wir jene Fakten beobachten, die die Naturwissenschaft uns zur Verfügung stellt, oder durch sorgfältige dialektische Untersuchung der Konzepte der Vernunft oder durch Kombination der beiden Methoden. Aber vom spirituellen Standpunkt ist die Wahrheit des Seins durch Intuition und innere Erfahrung zu finden und nicht nur durch die Vernunft und wissenschaftliche Beobachtung. Die Aufgabe der Philosophie ist es, die Daten zu ordnen, die von den verschiedenen Erkenntnismitteln gegeben werden, wobei keines ausgeschlossen wird, um sie in ihren synthetischen Bezug zu der einen Wahrheit, der einen höchsten und universalen Wirklichkeit zu bringen. Am Ende ist ihr wirklicher Wert der, eine Basis für spirituelle Verwirklichung und das Hineinwachsen des Menschen in seine göttliche Natur vorzubereiten. Die Wissenschaft selbst wird dann zu einer Erkenntnis der Welt, die zusätzliches Licht auf den Geist des Universums und seinen Modus in den Dingen wirft. Auch wird sie sich nicht auf physisches Wissen und dessen praktische Ergebnisse beschränken, oder auf das Wissen von Leben, Mensch und Mental, das auf der Vorstellung von Materie oder materieller Energie als unserem Ausgangspunkt basiert. Eine spiritualisierte Kultur wird Raum schaffen für neue Forschungsbereiche, für neue und alte psychische Wissenschaften und Resultate, die vom Geist als der primären Wahrheit ausgehen sowie von der Kraft des Mentalen und dessen, was größer als das Mentale ist, um auf Leben und Materie einzuwirken. Das ursprüngliche Ziel von Kunst und Dichtung ist es, Bilder von Mensch und Natur zu schaffen, die das Schönheitsempfinden befriedigen und künstlerisch die Vorstellungen der Vernunft vom Leben und die Reaktionen der Imagination darauf verkörpern sollen. In einer spirituellen Kultur werden sie ihrem Ziel nach auch zu einer Offenbarung größerer Dinge, die im Menschen und in der Natur verborgen liegen und von größter spiritueller und universaler Schönheit sind. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft sind in der ursprünglichen Form menschlichen Lebens schlicht eine Vorrichtung, durch die der Mensch kollektiv leben, produzieren, Wünsche befriedigen, genießen und körperlich, vital und mental Fortschritte effektiv erzielen kann. Das spirituelle Ziel macht sie zu viel mehr als diesem. Es macht sie erstens zu einem Rahmen des Lebens, in dem der Mensch sein wirkliches Selbst und seine Göttlichkeit suchen und in sie hineinwachsen kann, zweitens zu einer wachsenden Verkörperung des göttlichen Seinsgesetzes im Leben, drittens zu dem kollektiven Fortschritt zum Licht, zur Kraft, zum Frieden, zur Einheit, zur Harmonie der göttlicheren Natur der Menschheit, die die Menschenart heranzubilden sucht. Dies und nicht mehr, jedoch auch nicht weniger, dies in all seinen Möglichkeiten ist es, was wir mit einer spirituellen Kultur und der Anwendung der Spiritualität auf das Leben meinen.
Worte Sri Aurobindos
…wenn auch die äußere Handlung dieselbe sein mag, so besteht doch ein großer innerer Unterschied zwischen der Handlung des gewöhnlichen Menschen und der Handlung des Yogin – ein Unterschied im Zustand des Seins, ein Unterschied in Kraft und Vermögen, ein Unterschied in Wille und Temperament.