Kapitel 5
Tiere verstehen
Worte der Mutter
Welche Art von Liebe haben Tiere zum Menschen?
Es ist fast dieselbe wie jene von recht unintellektuellen Menschen für das Göttliche. Sie besteht aus Bewunderung, Vertrauen und einem Gefühl der Sicherheit. Bewunderung: es scheint etwas wirklich sehr Schönes zu sein. Und es ist nicht bewusst erdacht: eine Bewunderung von Herzen sozusagen, spontan. Hunde zum Beispiel haben dies in einem sehr hohen Grad. Und dann, Vertrauen – natürlich ist dies manchmal mit anderen Dingen vermischt: mit dem Gefühl einer Notwendigkeit und Abhängigkeit, denn jene Person ist es, die mir zu essen geben wird, wenn ich Hunger habe, mir Schutz geben wird, wenn es stürmt und regnet, sich um mich kümmern wird. Dies ist nicht die schönste Seite, und dann wird es unglücklicherweise vermischt mit einer Art Furcht; einem Gefühl der Abhängigkeit und einer Art Furcht vor etwas, was viel stärker ist, viel bewusster, … was dich schädigen kann, und du hast nicht die Kraft, dich zu wehren. Es ist schade, aber ich glaube, es ist ganz und gar der Fehler des Menschen.
Aber wenn Menschen wirklich die Liebe der Tiere verdienten, würde sie von Seiten der Tiere eine Empfindung des Wunderbaren und der Geborgenheit sein. Es ist etwas sehr Schönes, dieses Gefühl der Geborgenheit; etwas, was dich zu schützen vermag, dir alles geben kann, was du brauchst, und in dessen Nähe du stets Zuflucht finden kannst.
Tiere haben ein ganz rudimentäres Mental. Sie werden nicht von ständigen Gedanken geplagt wie die Menschen. Zum Beispiel empfinden sie eine spontane Dankbarkeit für Freundlichkeit ihnen gegenüber, während die Menschen, achtundneunzig Mal von hundert, zu räsonieren beginnen und sich fragen, welches Interesse man daran haben könnte, gut zu sein. Dies ist eines der großen Übel der mentalen Aktivität. Tiere sind davon frei, und wenn man ihnen gegenüber freundlich ist, sind sie einem dankbar dafür, spontan. Und sie haben Vertrauen. Ihre Liebe besteht daraus, und sie wird zu einer sehr starken Gebundenheit, einem unwiderstehlichen Verlangen, in deiner Nähe zu sein.
Es gibt noch etwas anderes. Wenn der Meister wirklich ein guter Meister ist und das Tier treu, so findet ein Austausch von psychischen und vitalen Kräften statt, ein Austausch, der für das Tier zu etwas Wunderbarem wird, ihm eine intensive Freude gibt. Wenn sie dir auf diese Weise gern ganz nahe sind, wenn du sie hältst, so vibrieren sie im Inneren. Die Kraft, die man ihnen gibt – die Kraft der Zuneigung, der Zärtlichkeit, des Schutzes und so weiter, – sie spüren das, und es schafft in ihnen eine tiefe Bindung. Und in einigen der höheren Tierarten wie Hunden, Elefanten und selbst Pferden schafft es sogar recht leicht einen bemerkenswerten Drang zu liebevoller Hingabe (welche in der Tat nicht durch all das Räsonieren und Argumentieren des Mentals vereitelt wird), die spontan und sehr rein in ihrer Essenz ist, etwas, was wirklich sehr schön ist.
Die Funktion des Mentals im Menschen in seiner rudimentären Form, seine erste Manifestation, hat viele Dinge verdorben, die vorher viel reiner waren.
Natürlich können die Dinge einen viel höheren Wert annehmen, wenn der Mensch zu einem höheren Niveau aufsteigt und richtigen Gebrauch von seiner Intelligenz macht; aber er macht sie zu einem Instrument der Berechnung, Beherrschung, Täuschung, und dort wird sie sehr hässlich. Ich habe in meinem Leben Tiere gekannt, die ich für viel höher erachtete als eine große Zahl von Menschen, denn eben jene üble Berechnung, jener Wunsch, zu betrügen und Profit zu machen, war in ihnen nicht vorhanden. Es gibt andere, die sich durch den Kontakt mit dem Menschen anstecken; aber es gibt auch jene, bei denen es nicht geschieht.
Die selbstlose Regung, ohne zu berechnen, ist eine der schönsten Formen seelischen Bewusstseins in der Welt. Aber je höher man in der Skala mentaler Aktivität aufsteigt, desto seltener wird sie. Denn mit der Intelligenz kommt all das Geschick und die Cleverness, Korruption und Berechnung. Wenn zum Beispiel eine Rose blüht, so tut sie dies spontan, um der Freude am Schönsein willen, um süß zu duften, all ihre Lebensfreude auszudrücken, und sie berechnet nicht, sie hat nichts davon zu erwarten: sie tut es so spontan, in der Daseins- und Lebensfreude. Nehmen wir nun aber einen Menschen: Abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen versucht er in dem Augenblick, wo sein Denkbewusstsein aktiv ist, einen Vorteil aus seiner Schönheit und seiner Cleverness zu ziehen; er will, dass sie ihm etwas einbringen, entweder die Bewunderung der Menschen oder noch viel niedrigere Dinge. Daher ist vom seelischen Standpunkt aus die Rose besser als die Menschen.
Aber wenn du eine Sprosse höher kletterst und bewusst tust, was die Rose unbewusst tut, dann ist es viel schöner. Aber es muss dasselbe sein: ein spontanes Aufblühen von Schönheit, ohne zu berechnen, nur einfach um der Daseinsfreude willen. Kleine Kinder haben dies bisweilen (bisweilen, nicht immer). Unglücklicherweise lernen sie unter dem Einfluss ihrer Eltern und ihrer Umwelt schon in sehr jungem Alter, berechnend zu sein.
Aber dieser Wunsch, zu profitieren durch das, was man hat oder tut, ist wirklich eines der hässlichsten Dinge in der Welt. Und es ist eines der weitverbreitetsten, so weitverbreitet, dass es fast spontan im Menschen ist. Nichts kann der göttlichen Liebe totaler den Rücken kehren als jenes, jener Wunsch, zu kalkulieren und zu profitieren.
Worte Sri Aurobindos
Das emotionale Wesen der Tiere ist häufig seelischer als das der Menschen, die sehr gefühllos sein können. Kürzlich sah ich Bilder eines zahmen Tigers, der zuerst bei einer Familie lebte, die ihn später einem Zoo übergab. Der Ausdruck des Leids in dem Gesicht des Tigers in seinem Käfig, sanft und gleichzeitig tragisch-schmerzlich, war herzzerbrechend.
Worte Sri Aurobindos
Es ist ein einfacheres und ehrlicheres Bewusstsein – das des Tieres. Natürlich erwartet es etwas, aber selbst wenn es nichts bekommt, bleibt die Zuneigung. Viele Tiere verlieren nicht ihre Liebe, selbst wenn sie schlecht behandelt werden, was auf eine bemerkenswerte seelische Entwicklung im Vital hinweist.
Worte Sri Aurobindos
Die meisten Tiere greifen in der Regel nicht an, wenn sie nicht bedroht oder erschreckt oder irgendwie provoziert werden – und sie können die Atmosphäre der Leute spüren.
Worte der Mutter
Woher kommt die Abstoßung, die man instinktiv gegenüber gewissen Tieren wie Schlangen und Skorpionen fühlt?
Es ist nicht eine unvermeidliche Notwendigkeit, dass man diese oder irgendeine andere Abstoßung spürt. Keine Abstoßung zu fühlen, ist eines der Grundresultate des Yoga.
Die Abstoßung, von der du sprichst, kommt von der Furcht; wenn es keine Furcht gäbe, würde sie nicht existieren. Diese Furcht basiert nicht auf Verstand, sie ist instinktiv; sie ist nicht individuell, sondern in der Menschenart veranlagt; es ist eine allgemeine Suggestion und gehört dem Bewusstsein der Menschheit in ihrer Gesamtheit an. Wenn man den menschlichen Körper annimmt, akzeptiert man damit gleichzeitig eine Menge dieser allgemeinen Suggestionen, Rassenvorstellungen, Rassengefühle der Menschheit, Assoziationen, Anziehungen, Abstoßungen, Ängste.
Aber von einem anderen Standpunkt aus liegt etwas sehr Persönliches in der Natur einer Anziehung oder Abstoßung; denn diese Regungen sind nicht dieselben für jedermann und hängen meist von der Qualität der Schwingung des vitalen Wesens in verschiedenen Leuten ab. Es gibt Menschen, die nicht nur keine Abstoßung gegenüber Geschöpfen wie Schlangen empfinden, sondern sie sogar mögen, sich sehr zu ihnen hingezogen fühlen.
Worte der Mutter
Mir wurde einmal eine psychologische Frage gestellt, und zwar von einem Mann, der Handel mit wilden Tieren betrieb. Er hatte eine Menagerie, und pflegte wilde Tiere überall aufzukaufen, in allen Ländern, wo sie gefangen werden, um sie auf dem europäischen Markt wieder zu verkaufen. Ich glaube, er war Österreicher. Er war nach Paris gekommen und sagte mir: „Ich habe es mit zwei Arten von Dompteuren zu tun. Ich würde gern wissen, welcher von beiden mutiger ist. Es gibt jene, die Tiere sehr lieben. Sie lieben sie so sehr, dass sie in den Käfig eintreten ohne die geringste Vorstellung, dass es sich als gefährlich erweisen könnte, wie ein Freund in das Haus eines Freundes eintritt, und sie lassen sie tätig werden, bringen ihnen bei, wie man die Dinge tut, und sie tun dies ohne die geringste Furcht. Ich kannte einige, die nicht einmal eine Peitsche in der Hand hielten; sie kamen herein und sprachen ihren Tieren so freundlich zu, dass alles gut ging. Das verhinderte jedoch nicht, dass sie eines Tages gefressen wurden. Aber dies ist die eine Art. Die andere Art sind jene, die sich vor dem Eintreten so fürchten, dass sie zittern; dadurch wird ihnen gewöhnlich ganz unwohl. Aber sie unternehmen eine Anstrengung, sie unternehmen eine beträchtliche seelische Anstrengung, und ohne jegliche Furcht an den Tag zu legen, treten sie ein und lassen die Tiere vorführen.“
Dann sagte er mir: „Ich habe zwei Meinungen gehört: einige sagen, es sei viel mutiger, Furcht zu überwinden, als sie gar nicht zu haben… Hier haben wir das Problem. Welcher von beiden ist also wirklich mutig?“
Es gibt vielleicht eine dritte Art, die wahrlich mutig ist, noch mutiger als sie beide. Das ist jener Dompteur, der sich der Gefahr vollkommen bewusst ist, der sehr gut weiß, dass man diesen Tieren nicht trauen kann. Eines Tages, wenn sie in einem sehr erregten Zustand sind, können sie ohne weiteres tückisch auf dich springen. Aber für die Dompteure bedeutet es keinen Unterschied. Sie gehen dorthin um der Freude an der Aufgabe willen, ohne zu fragen, ob es ein Unglück geben wird oder nicht, und in voller geistiger Ruhe, mit all der notwendigen Kraft und dem erforderlichen Bewusstsein im Körper. Dies war in der Tat der Fall dieses Mannes selbst. Er hatte einen so enormen Willen, dass er die Tiere ohne Peitsche, durch bloßen beharrlichen Willen dazu brachte, alles zu tun, was er wollte. Aber er wusste sehr wohl, dass es ein gefährlicher Beruf war. Er hatte keine Illusionen. Er sagte mir, dass er diese Arbeit mit einer Katze erlernt hatte, – einer Katze!
Er war ein Mann, der abgesehen von seiner Arbeit als Tierhändler auch ein Künstler war. Er zeichnete gern, liebte die Malerei, und hatte eine Katze in seinem Studio. Und es geschah auf diese Weise, dass er Interesse an Tieren zu entwickeln begann. Diese Katze war ein äußerst unabhängiges Wesen und hatte keinen Sinn für Gehorsam. So wollte er zum Beispiel ein Porträt der Katze anfertigen. Er setzte sie auf einen Stuhl und setzte sich an die Staffelei. Frrr… die Katze rannte davon. Dann ging er sie suchen, brachte sie zurück, setzte sie wieder auf den Stuhl, ohne auch nur die Stimme anzuheben, ohne sie zu tadeln, ohne irgendetwas zu sagen, ohne sie natürlich zu peinigen oder zu schlagen. Er nahm sie und setzte sie wieder auf den Stuhl. Die Katze nun wurde immer cleverer. Im Studio lagerten in einigen Winkeln Leinwände, die dort verborgen lagen und aufeinander geschichtet waren, hinten in den Ecken. So ging die Katze dorthin und saß hinter ihnen. Sie wusste, dass ihr Meister einige Zeit brauchen würde, all diese Leinwände zu entfernen und sie zu fangen; der Mann entfernte sie ruhig eine nach der anderen, fing die Katze und setzte sie wieder an ihren Platz.
Er sagte mir, dass er dies einmal ohne Unterlass von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang tat. Er aß nicht, und auch die Katze nicht, er tat dies den ganzen Tag; am Ende des Tages blieb er siegreich. Als ihr Meister sie auf den Stuhl setzte, blieb sie dort und versuchte hinfort nie wieder wegzulaufen. Dann sagte er sich: „Warum nicht dasselbe mit den größeren Tieren versuchen?“ Er versuchte es, und es gelang ihm.
Natürlich konnte er nicht in derselben Weise einen Löwen nehmen und auf einen Stuhl setzen, das sicher nicht, aber er wollte sie dahin bekommen, Bewegungen zu machen – unsinnige Bewegungen, gewiss, wie sie es im Zirkus machen: sie setzen ihre Vorderbeine auf einen Hocker, oder setzen sich mit allen vier Pfoten eng zusammen auf eine sehr kleine Stelle, alle Arten von unsinnigen Dingen, aber so ist es ja Mode, das wollen sie zur Schau stellen; oder sie stellen sich vielleicht wie ein Hund auf die Hinterbeine, oder brüllen sogar – wenn man einen Finger vor den Löwen hält, beginnt er zu brüllen – Dinge dieser Art, ganz und gar töricht. Es wäre viel besser, die Tiere sich frei herumbewegen zu lassen, das wäre viel interessanter. Aber wie ich schon sagte, ist jenes die Mode.
Aber er brachte es ohne jedes Peitschen fertig, er trug nie eine Pistole in seiner Tasche, und er ging mit dem vollen Bewusstsein in den Käfig, dass die Tiere ihm eines Tages, wenn sie nicht gut gestimmt wären, den tödlichen Schlag versetzen könnten. Aber er tat dies ruhig und mit derselben Geduld wie mit der Katze. Und wenn er seine Tiere ablieferte – er gab seine Tiere den Zirkussen, den Dompteuren – dann waren sie wunderbar.
Natürlich fühlen jene Tiere – überhaupt alle Tiere –, wenn man Angst hat, selbst wenn man es nicht zeigt. Sie fühlen es sehr stark, mit einem Instinkt, den Menschen nicht besitzen. Sie fühlen, dass du Angst hast, dein Körper erzeugt eine Schwingung, die eine äußerst unangenehme Empfindung in ihnen hervorruft. Wenn es starke Tiere sind, so macht es sie wild; wenn es schwache Tiere sind, so versetzt es sie in Panik. Aber wenn du keinerlei Furcht hast, wenn du mit einem absoluten Vertrauen hingehst, einem großen Vertrauen, wenn du freundlich zu ihnen bist, wirst du sehen, dass sie keine Furcht haben; sie fürchten sich nicht, sie haben keine Angst vor dir und verachten dich nicht; sie sind dann auch voller Zutrauen.
Das soll dich nicht ermutigen, in die Käfige aller Löwen, die du besuchst, einzutreten, aber so stehen die Dinge. Wenn du einem bellenden Hund begegnest, wird er dich beißen, wenn du Angst hast; wenn du keine Angst hast, wird er weggehen. Aber du musst wirklich frei von Furcht sein, es soll nicht nur der Anschein der Furchtlosigkeit sein, weil es nicht der Schein ist, der zählt, sondern die Schwingung.
Worte der Mutter
In Paris gibt es einen Garten, der den Namen „Pflanzengarten“ trägt: es sind dort auch Tiere, ebenso wie Pflanzen. Sie hatten gerade einen herrlichen Löwen bekommen. Natürlich war er im Käfig. Und er war wild. Es befand sich eine Tür im Käfig, hinter der er sich verbergen konnte. Und er pflegte sich gerade dann zu verbergen, wenn die Besucher kamen, um ihn zu sehen! Ich bemerkte das, und eines Tages ging ich zum Käfig und begann mit ihm zu sprechen (Tiere sind sehr sensitiv gegenüber gesprochener Sprache, sie hören wirklich zu). Ich begann meinem Löwen sanft zuzureden und sagte ihm: „Oh! Wie hübsch du doch bist, wie schade, dass du dich so verbirgst, wie gern würden wir dich sehen…“ Er hörte zu. Dann allmählich schaute er mich fragend an, streckte langsam seinen Hals vor, um mich besser sehen zu können; später brachte er seine Pfote hervor und drückte schließlich seine Nasenspitze gegen das Gitter, wie wenn er sagen wollte: „Hier ist nun endlich jemand, der mich versteht!“