Kapitel 5

Dies, zusammengefasst, wird von uns gefordert

Worte Sri Aurobindos

Dies, zusammengefasst, wird also von uns gefordert: wir sollen unser ganzes Leben in ein bewusstes Opfer umwandeln. Jeder Augenblick und jede Regung unseres Wesens sollen entschieden zu einer ständigen und aufrichtigen Selbsthingabe an den Ewigen gemacht werden. All unsere Handlungen sollen als Werke opfernder Darbringung getan werden: die kleinsten, gewöhnlichsten und unbedeutendsten nicht weniger als die größten, außergewöhnlichen und edelsten. Unsere individualisierte Natur soll in dem alleinigen Bewusstsein leben, dass jede innere und äußere Regung an Etwas jenseits von unserem Ego geweiht ist. Welche Gabe es auch sei und wem immer wir sie darbringen mögen, es soll uns beim Tun bewusst werden, dass wir sie dem einen göttlichen Sein in allen Wesen weihen. Unsere gewöhnlichsten und gröbsten materiellen Handlungen müssen diesen verfeinerten Charakter annehmen. Wenn wir essen, sollten wir dessen eingedenk sein, dass wir unsere Nahrung jener Präsenz in uns darbringen. Das soll wie ein heiliges Opfer in einem Tempel sein. Das Empfinden, dass wir dabei nur unser körperliches Bedürfnis sättigen oder uns durch einen Genuss befriedigen, soll von uns abfallen. Bei jeder großen Arbeit, in jeder hohen Disziplin und in jedem schwierigen oder edlen Unternehmen dürfen wir, auch wenn wir es um unsretwillen, für andere oder für die Menschheit leisten, nicht bei der Vorstellung „wir selbst“, „die Menschheit“, „die anderen“ stehen bleiben. Was wir da tun, soll bewusst als ein Opfer des Wirkens nicht an diese, sondern entweder durch sie oder unmittelbar der Einen Gottheit dargebracht werden. Das innewohnende Göttliche Wesen, das durch diese Gestaltungen verhüllt war, soll nicht länger verborgen bleiben, sondern unserer Seele, unserem Mental und unseren Sinnen gegenwärtig sein. So sollen unsere Taten und ihre Ergebnisse in die Hand dieses Einen gelegt werden, weil wir fühlen, dass der Unendliche und Erhabene jene Präsenz ist, durch die allein unser Arbeiten und Streben möglich ist. Denn in seinem Wesen findet alles statt. Für ihn nimmt die Natur all unser Wirken und Streben entgegen und bringt es auf seinem Altar dar. Auch dort, wo die Natur allein ganz deutlich die Wirkende ist und wo wir ihr Wirken nur beobachten und dessen Gefäß und Träger sind, sollten wir ständig an den göttlichen Meister denken und uns ihn als den Wirkenden nachdrücklich bewusst machen. Sogar unser Einatmen und Ausatmen, ja unser Herzschlag kann und soll als der lebendige Rhythmus des universalen Opfers in uns bewusst gemacht werden.

Drei Resultate dieser Praxis

Es ist klar, dass eine solche Auffassung und deren praktische Verwirklichung drei Ergebnisse enthalten müssen, die für unser spirituelles Ideal von zentraler Bedeutung sind. Zunächst ist offensichtlich, dass eine solche Disziplin selbst dann, wenn sie ohne innige Hingabe begonnen wurde, doch direkt und unvermeidlich zur höchstmöglichen Verehrung des Göttlichen führt. Denn sie muss sich ganz natürlich in die denkbar vollkommenste Anbetung und innigste Gottesliebe vertiefen. Verbunden damit ist ein wachsendes Empfinden für das Göttliche in allen Dingen, eine immer tiefer werdende Kommunion mit dem Göttlichen in all unserem Denken, Wollen und Handeln. Ferner kommt es in jedem Augenblick unseres Lebens zu einer immer tiefer motivierten Darbringung der Gesamtheit unseres Wesens an Gott. Nun sind aber diese Begleiterscheinungen des Yoga der Werke auch das Wesen einer integralen und absoluten Bhakti…

Weiterhin verlangt die Praxis dieses Yoga, dass wir uns ständig an das eine zentrale Wissen erinnern. Wenn wir dieses Wissen dann stetig nach außen hin im Wirken aktivieren, wird unsere Erinnerung daran immer mehr intensiviert: In allem ist das eine Selbst; das eine Göttliche ist alles. Alle Wesen sind im Göttlichen; alle sind das Göttliche. Im Universum gibt es nichts anderes. Dieser Gedanke oder dieser Glaube ist so lange unser tragender Grund, bis er vollends zur Substanz im Bewusstsein des Wirkenden wird…

Dieser Weg kann nicht zu seinem Ende gelangen, ohne dass wir das Wirken des universalen Geistes überall so lebendig und vital, auf seine Weise so konkret schauen wie beim physischen Sehen. Auf seiner höchsten Höhe erhebt sich dieser Yoga dazu, dass wir ständig in der Gegenwart des Supramentals und des Transzendenten leben, denken, wollen und handeln. Wir sollen dann alles, was wir sehen und hören, berühren und empfinden oder dessen wir bewusst werden, als Jenes wissen und fühlen, das wir innig verehren und dem wir dienen. So wandelt sich alles in ein Ebenbild der Göttlichkeit um, es wird als eine Wohnstatt der Gottheit wahrgenommen und ist in die ewige Allgegenwart eingehüllt. Dieser Pfad des Wirkens verwandelt sich an seinem Ende, wenn nicht schon lange vorher, durch die Kommunion mit der Göttlichen Gegenwart, dem Göttlichen Willen und der Göttlichen Kraft in einen Pfad des Wissens, das vollständiger und integraler ist, als natürliche Intelligenz es konstruieren oder der forschende Intellekt es entdecken könnte.

Letztlich zwingt uns die Praxis dieses Yoga des Opfers dazu, allem zu entsagen, was den Egoismus fördert. Wir wollen ihn aus unserem Mental, Wollen und Handeln ausmerzen und seine Saat, seine Gegenwart, seinen Einfluss aus unserer Natur ausschalten. Alles soll für das Göttliche allein getan werden. Alles soll auf das Göttliche gerichtet sein. Wir dürfen nichts für uns selbst als für eine abgesonderte Existenz unternehmen. Wir sollen nicht nur deshalb für andere, für unsere Nachbarn, Freunde, Familie, für unser Land, die Menschheit oder andere Geschöpfe etwas tun, weil sie mit unserem persönlichen Leben, Denken und Empfinden verbunden sind oder weil unser Ego Interesse an ihrem Wohlergehen hat. Wenn wir so handeln und denken, wird alles Wirken und Leben zur täglichen dynamischen Verehrung und zum Dienst am Göttlichen im grenzenlosen Tempel seiner kosmischen Existenz. Das Leben wird immer mehr zu einem Opfer, das der Ewige im Individuum ständig der ewigen Transzendenz darbringt. Das Opfer geschieht auf dem weiten Opferplatz des ewigen kosmischen Geistes. Die Kraft, die das Opfer darbringt, ist die ewige Kraft, die allgegenwärtige Mutter.

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