Kapitel 5

Das menschlich Göttliche

1

Der Tod von Satyavan

Dies war der Tag, als Satyavan sterben musste.

Der Tag ist gekommen, der schicksalhafte Tag, der letzte Tag von zwölf glücklichen Monaten, die sie zusammen verbracht haben. Sie wusste es, es war vorhergesagt, es war vorhergesehen worden. Und sie hatte sich die ganze Zeit darauf vorbereitet, hatte einen tiefen Schmerz in ihrem Herzen gehegt, hatte es niemandem verraten, nicht einmal ihrer Mutter, nicht einmal Satyavan. Satyavan war arglos wie ein Kind und ahnte nichts von dem Schicksal, das auf ihn zukam. Die beiden gingen aus der Einsiedelei in den Wald, denn Savitri wollte sich in Satyavans Begleitung inmitten all des glücklichen Grüns bewegen, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Sie beobachtete Satyavan bei jedem Schritt, sie wollte nicht unbemerkt überrascht werden:

Liebe schmerzte in ihrer Brust mit scharfen Kanten

Der Angst und stöhnte bei jedem Schritt vor Qual

Und rief: „Jetzt, jetzt wird seine Stimme vielleicht für immer verstummen.“1

Sie ging wie auf Zehenspitzen, beinahe atemlos, das Ende musste schnell kommen.

Ihr Leben lief nun in Sekunden ab, nicht in Stunden

Und mit jedem Moment ging sie sparsam um…2

Verspielt schlug Satyavan den Ast eines Baumes mit einer freudigen Axt ab und auf seinen Lippen hatte er

…hohe Takte von eines Weisen Lied,

Das von besiegtem Tod und erschlagenen Dämonen tönte,…3

Plötzlich kam das Unheil über ihn, ein stechender Schmerz durchdrang seinen Körper und ein Gefühl der Erstickung bedrängte ihn. Er warf die Axt weg und rief Savitri zu:

„Savitri, ein Schmerz spaltet meinen Kopf und meine Brust …

Es zerreißt mich eine solche Qual…

Lass mich meinen Kopf eine Weile auf deinen Schoß legen…“4

Savitri sah das Ende kommen und war bereit:

Alle Trauer und Angst waren in ihr nun tot

Und es war eine große Ruhe eingekehrt.5

Sein Leben verebbte und

Er rief in einer letzten anklammernden Verzweiflung:

„Savitri, Savitri, oh Savitri,

Beug dich zu mir, meine Seele, und küss mich, während ich sterbe“…

Seine Wange drückte ihren goldenen Arm herab.

Sie suchte seinen Mund noch mit ihrem lebenden Mund, als wenn

Sie seine Seele mit ihrem Kuss zurückgewinnen könnte,

Dann bemerkte sie, sie waren nicht mehr allein.

Etwas war dorthin gekommen, bewusst, gewaltig und schrecklich.

Sie spürte einen stillen, riesigen Schatten neben sich…6

Der Tod ist gekommen, um seine Beute zu holen. Satyavan muss gehen und Savitri verlassen.

2

Der Zwischenbereich

Der Tod trägt Satyavan fort, die leuchtende Seele Satyavans. Der Große Schatten führt auf dem Weg an, Satyavan folgt und Savitri heftet sich an seine Fersen. Der Tod sieht, dass Savitri ihn verfolgt, er wendet sich um und versucht, sie davon abzubringen. Savitri weigert sich, umzukehren. Der Tod warnt sie. Sie hat bereits falsch und anormal gehandelt, indem sie mit ihrem persönlichen, irdischen Wesen in seine Sphäre eingetreten ist. Es ist jetzt an der Zeit, zurückzugehen. Savitri antwortete, dass sie nur zusammen mit Satyavan in seinem irdischen Körper zurückgehen werde. Der Tod wurde ungeduldig und antwortete: „Du verlangst das Unmögliche. Du willst für irdisches Glück zur Erde zurückkehren. Das kannst du in Fülle ohne Satyavan haben. Satyavan ist in das Jenseits übergetreten. Für ihn gibt es keine Rückkehr.„

Aber Savitri blieb fest bei ihrem Entschluss:

„Ich fordere Satyavan zurück, wie er war, mein Glück ist allein mit ihm.“

Sie gingen weiter und stiegen in immer höhere Bereiche des Seins auf. An Savitri vollzog sich eine sichtbare Veränderung. Der Tod erklärte ihr, dass Glück auf der Erde oder im irdischen Leben nicht die wünschenswerteste Sache ist. Die wünschenswerteste Sache sei, sich der Maya des irdischen Lebens, dem Tal der Tränen, zu entledigen und in die wahre Quelle zu steigen, den Ursprung der Schöpfung, den unendlichen Frieden und die Stille. Während der Tod sich auf dies ultimative Nichts zubewegte, manifestierte sich die Gottheit, die Savitri war, die mächtige Gottheit, die einen menschliche Form angenommen hatte, und verströmte überall um sich herum einen immer größeren Glanz, eine mächtige Kraft. Sie hatte des Todes eigenes Versteck betreten und sich mit dem Selbst des Todes identifiziert, das das Göttliche selbst ist. In diesem großen, brennenden Licht wurde der Tod verzehrt und aufgelöst.

Der schreckliche, universale Schatten verschwand

Und löste sich in die Leere auf, aus der er gekommen war…

Und Satyavan und Savitri waren allein.7

Sie standen dem höchsten Göttlichen allein gegenüber.

Eine letzte Entscheidung ist noch zu treffen. Der Tod war vernichtet und Unsterblichkeit erlangt. Man kann dort ruhen und jenseits der sterblichen Schöpfung die Unsterblichkeit genießen. Aber die menschliche Seele hat eine größere Bestimmung. Unwissenheit ist wahrlich Dunkelheit, aber allein ins Licht zu gehen bedeutet, in eine noch größere Dunkelheit einzutreten. Und Savitri hat die Unsterblichkeit als Mensch erlangt, als menschliche Persönlichkeit. Sie muss diese Unsterblichkeit in das menschliche Geschöpf auf der Erde herunterbringen. Sie weist den immerwährenden Tag zurück und kehrt um, um mit ihrer ganzen unsterblichen Gestalt wieder in die zwielichtige Sterblichkeit herabzukommen, damit die Menschen in diese Form umgebildet werden können.

Satyavan and Savitri kommen also aus den Höchsten Himmeln wieder herab. Sie eilen sozusagen als Segen des Himmels durch die ätherischen Atmosphären herunter, nehmen allmählich die Beschaffenheit der irdischen Form wieder an, bis sie ihren materiellen Körper auf dieser konkreten Erde wiederfinden.

Eine Kraft neigt sich hinab, ein Glück hat sein Heim gefunden.

Über die weite Erde sinnierte unendliche Seligkeit.8

3

Die Rückkehr

Satyavan lag auf dem grünen Gras. Über ihm und um ihn herum verbreiteten grüne Zweige ihre friedvolle Seligkeit. Sein Kopf ruhte auf Savitris Schoß, genau wie er in der letzten, schicksalhaften Stunde gelegen hatte und dem mächtigen Schatten begegnet war, als gäbe es dazwischen keine Lücke oder Unterbrechung. Die große dazwischenliegende Erfahrung war nur eine momentane Vision und nicht das zeitlose Martyrium, das es in der anderen Sphäre zu sein schien. Aber jetzt:

Die wache Freude in ihren Gliedern spürte

Das Gewicht des Himmels in seinen Gliedern…

Und ihr ganzes Leben war sich seines Lebens bewusst…

Menschlich war sie wieder, der Erde Savitri,

Doch fühlte sie in sich einen unermesslichen Wandel.9

Satyavans Wesen war dort:

Rein, glühend mit dem Feuer der Götter.

Kein Verlangen regte seine Flügel, denn alles war

Wie eine Überwölbung aus himmlischen Strahlen gemacht

Wie die absorbierte Kontrolle des Firmaments auf der Ebene

Neigte sich der Himmel herab, um die Erde von allen Seiten zu umarmen…10

Satyavan wandte sich nun Savitri zu. Vage Erinnerungen stiegen in ihm auf und er rief verwundert:

„Von wo hast du mich gefangen zurückgebracht,

Liebesgefesselt an dich und die Mauern des Sonnenlichts, oh goldener Strahl

Und Behältnis aller Lieblichkeit, Savitri,

Gottheit und Frau, Mondlicht meiner Seele?“11

Als er sie ansah, wurde sein Erstaunen mit einem neuen Leuchten der Verehrung in seinen Augen immer größer, und er rief noch einmal:

„Welch ein großer Wandel ist in dir, oh Savitri?

Strahlend warst du immer schon, eine Göttin, still und rein,

Doch lieber mir durch deine lieblichen, menschlichen Teile,

Die die Erde dir gab und dich noch göttlicher machte.“12

Das verkörperte Göttliche verwirft oder verkleinert das Menschliche nicht, es vergrößert und erhöht im Gegenteil das irdische Sein. Es ist ein grundlegender Wandel, der sich im Inhalt und einer bestimmten Art und Weise der Form vollzieht, aber die essentielle Form und der essentielle Inhalt bleiben, ähnlich dem Vorgang der Fossilierung, die Sterblichkeit wird ausgedrückt und alles wird in die Unsterblichkeit gegossen. Die Göttlichkeit ist in ihrer ganzen Fülle da, aber ihr wird die Köstlichkeit hinzugefügt, die die Erde dem Menschen bringt.

Und also sagt Savitri:

„Wir haben die Identität mit dem Höchsten ertragen

Und kennen seine Bedeutung in unserem sterblichen Leben…

Doch nichts von der Freude der sterblichen Liebe ist verloren.

Die Berührung des Himmels erfüllt, aber löscht unsere Erde nicht aus…

Ich bin noch die, die zu dir kam, inmitten des Raschelns

Der sonnenerleuchteten Blätter am Rande dieses Waldes.

Ich bin die Madran, ich bin Savitri.“13

Dies ist so menschlich, wie ein Mensch sein kann, die Quintessenz der Menschlichkeit, denn es ist menschlich auf göttliche Weise.

1 Sri Aurobindo: Savitri, SABCL, Vol. 29, p. 563.

2 Ibid.

3 Ibid.

4 Ibid., 29, p. 564.

5 Ibid.

6 Ibid., p. 565.

7 Ibid., p. 668.

8 Ibid., p. 712.

9 Ibid., p. 715.

10 Ibid., p. 716.

11 Ibid., p. 717.

12 Ibid., S. 718.

13 Ibid., p. 719.