Kapitel 5
An R. – Zu ihrem Geburtstag
Worte Sri Aurobindos
Die Wiederholung deiner gütigen Jahre
Bringt den Morgen deiner Geburt zurück.
Auf dem Kamm der Jugend erscheint dein Leben –,
Ein Wellenberg.
Von Tausend Wimmelnden im Ozean
Muss eine Welle dieser Wassermassen,
Mit stetem Rhythmus drängend zum Ufer hin,
Unser Leben sein.
Die Macht, die sie bewegt, ist des Meeres Kraft,
Unüberwindlich, ewig, frei,
Und mit diesem Antrieb folgt sie ihrem Lauf
Unweigerlich.
Auch wir werden vom Ewig Mächtigen geführt
Zu welchem Ziel Er will.
Unser Ruder übernimmt Er, unser offenes Segel füllt
Sein starker Atem.
Frohlockend von Anmut und Kraft der Jugend,
Strebe zu des Ozeans fernen Gestaden,
Vertrauend dem Worte des Lotsen, des Meisters Sorge,
Der uns umringt.
Erfreue dich und fürchte die steigenden Wogen nicht,
Den tobenden Sturm, den brausenden Wind;
Immer hält unser Kapitän das Ruder fest,
Nie schlummert Er.
Wenn du im Wellental der gewaltigen See
Vor Gischt den Himmel nicht sehen kannst,
Verzage nie, denn unsere Sonne geht mit dir
Bei Nacht und bei Tag.
Selbst jene, die versinken in der siegreichen Flut,
Wo sinken sie hin? An Seine Brust.
Er, der einigen Sieg, Freude und Gutes schenkt,
Schenkt einigen Ruhe.
Du aber, schau auf die strahlenden Tage, die da warten
Jenseits des treibenden Regens und Sturmes.
Ich habe die Vision von einem glücklicheren Geschick gesehen,
Erhellend deine Gestalt.
Vertraue Seiner Gnade, erwarte Seinen Willen;
Lass Ihn führen. Obwohl verborgen das Ziel,
Sieh Ihn in allen Geschehnissen; erfülle das,
Wozu du geboren bist.
Die folgenden Überschriften in diesem Kapitel sind Redewendungen aus dem Gedicht „An R. – Zu ihrem Geburtstag“. Die unter diesen Überschriften wiedergegebenen Textpassagen sind eine Auswahl aus den Werken Sri Aurobindos.
Die Macht, die uns bewegt
Jeder Mensch ist bewusst oder unbewusst das Instrument einer universalen Macht. Aber abgesehen von der Gegenwart im Inneren gibt es keine so wesentliche Unterscheidung zwischen der einen und einer anderen Aktion, zwischen der einen Art von Instrumentation und einer anderen, dass sie einen Schutz garantieren könnte gegen die Torheit eines egoistischen Hochmuts. Das Unterscheidungsvermögen zwischen Wissen und Unwissenheit ist eine Gnade des Geistes. Der Atem der göttlichen Macht weht, wo er will. Er erfüllt heute den einen und morgen den anderen mit dem Wort oder der Macht. Wenn der Töpfer das eine Gefäß vollkommener formt als das andere, liegt der Verdienst dafür nicht beim Topf, sondern beim Schöpfer. Darum darf es keine solche mentale Haltung in uns geben: „Das ist meine eigene Stärke,“ oder „Schau, wie Gottes Macht in mir wirkt!“ Vielmehr muss unsere Haltung so sein: „Eine Göttliche Macht wirkt in diesem Mental und Körper, und sie ist dieselbe, die am Werk ist in allen Menschen, im Tier, in der Pflanze und im Metall, in bewussten, lebendigen Wesen und Geschöpfen ebenso wie in denen, die unbewusst und unbelebt zu sein scheinen.“
Der Meister und Bewirker unserer Werke ist der Eine, der Universale und Höchste, der Ewige und Unendliche. Er ist das transzendente unbekannte oder unerkennbare Absolute, das unausgedrückte und unmanifestierte Unaussprechliche über uns. Er ist aber auch das Selbst aller Wesen, der Meister aller Welten, der alle Welten transzendiert, das Licht und der Lenker, der All-Schöne und All-Selige, der Geliebte und der Liebende. Er ist der Kosmische Geist und die alles erschaffende Energie rings um uns. Er ist der uns Immanente. All das ist er, und er ist Jenes, das mehr ist als alles, was ist. Obwohl wir das nicht erkennen, sind wir doch ein Sein aus seinem Sein, eine Kraft aus seiner Kraft. Wir sind bewusst mit einem Bewusstsein eins, das aus dem seinigen kommt. Selbst unser sterbliches Dasein ist aus seiner Substanz geschaffen, und in unserem Inneren wohnt ein Unsterbliches, das ein Funke ist aus seinem Licht und seiner Seligkeit, die nie vergehen. Das Ziel eines jeden Yoga ist (ob auf dem Weg des Wissens, des Wirkens, der Liebe oder auf anderen Wegen erreicht), dieser Wahrheit unseres Wesens inne zu werden, sie zu verwirklichen und hier oder anderswo wirksam zu machen.
Vertraue dem Worte des Lotsen
Es ist schwer, diesen Glauben und diese Beharrlichkeit auf dem rauen, engen Weg des Yoga zu erwerben oder zu praktizieren, weil unser Herz und unser Mental ungeduldig sind und weil der Wille unserer rajasischen Natur zwar eifrig aber nicht ausdauernd ist. Die vitale Natur des Menschen hungert immer nach der Frucht ihrer Arbeit. Sie verliert den Glauben an das Ideal und an die Führung, wenn ihr die Frucht scheinbar versagt oder lange vorenthalten wird. Das Mental des Menschen urteilt stets nach der äußeren Erscheinung der Dinge, da das die erste, tief eingewurzelte Gewohnheit der intellektuellen Vernunft ist, auf die der Mensch ein so übermäßiges Vertrauen setzt. Nichts ist für uns leichter, als Gott in unserem Herzen anzuklagen, wenn wir lange leiden oder im Finstern straucheln. Dann schwören wir dem Ideal ab, das wir uns vor Augen gestellt hatten. Dann sagen wir vielleicht: „Ich hatte mein Vertrauen auf den Höchsten gesetzt. Er hat mich aber im Stich gelassen, und ich bin in Leiden, Sünde und Irrtum gefallen.“ Oder auch: „Ich hatte mein ganzes Leben an eine einzige Idee gewagt! Nun widersprechen ihr die harten Tatsachen der Erfahrung und widerlegen sie. Es wäre besser gewesen, ich hätte, wie die anderen Menschen, die Begrenzungen akzeptiert und wäre, wie sie, auf dem sicheren Boden der normalen Erfahrung weitergegangen.“ In solchen Augenblicken (die manchmal häufig sind und lange dauern) vergessen wir all unsere höheren Erfahrungen, und unser Herz verschließt sich in seine eigene Verbitterung. Bei diesen dunklen Wegstrecken ist es möglich, dass wir für immer fallen oder dass wir uns von der göttlichen Arbeit abkehren.
Wenn man lange und beharrlich auf diesem Pfad gegangen ist, wird der Glaube des Herzens auch unter dem heftigsten Gegendruck stark bleiben. Selbst wenn er verborgen oder scheinbar ganz unterdrückt ist, wird er doch bei der ersten Gelegenheit wieder hervortreten. Eine höhere Macht als unser Herz oder unser Intellekt hält ihn aufrecht, auch wenn wir noch so große Fehltritte begehen und immer wieder versagen. Selbst der erfahrene Sadhaka erlebt solche Schwankungen oder Trübungen, die sein Vorwärtsgehen verzögern. Für den Neuling sind sie äußerst gefährlich. Darum ist es nötig, dass wir von Anfang an verstehen und akzeptieren, dass dieser Pfad hart und schwierig ist, damit wir fühlen, wie notwendig ein Glaube ist, der zwar dem Intellekt blind zu sein scheint, der aber weiser ist als unsere vernünftelnde Intelligenz. Dieser Glaube ist eine Hilfe von oben. Er ist der strahlende Abglanz von einem verborgenen Licht, das den Intellekt und seine Gegebenheiten übertrifft. Er ist das Herz eines geheimen Wissens, das nicht von der Gnade der unmittelbaren Erscheinung lebt. Wenn unser Glaube ausharrt, wird er in seinen Werken gerechtfertigt und schließlich in die Selbst-Offenbarung eines göttlichen Wissens emporgehoben und von diesem umgestaltet. Wir müssen immer dem ausdrücklichen Gebot der Gita gehorchen: „Den Yoga muss man ständig praktizieren mit einem Herzen, frei von Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit.“ Dem zweifelnden Intellekt müssen wir immer wieder das Versprechen des Meisters vorhalten: „Ich will dich gewiss von aller Sünde und von allem Bösen befreien, sei unbesorgt.“ Am Ende wird alles Flackern des Glaubens aufhören. Dann werden wir Gottes Antlitz schauen und stets die Göttliche Gegenwart fühlen.
Fürchte die steigenden Wogen nicht
Der Meister unserer Werke respektiert unsere Natur, gerade wenn er sie umwandelt. Er wirkt stets durch die Natur und nicht durch eine willkürliche Laune. Diese unsere unvollkommene Natur enthält die Materialien für unsere Vollkommenheit, wenn sie sich auch noch unfertig, entstellt, am falschen Ort, in Unordnung zusammengewürfelt oder in unvollkommener Ordnung befinden. Dieses ganze Material muss geduldig vervollkommnet, geläutert, reorganisiert, neu geformt und umgestaltet werden. Wir dürfen es nicht in Stücke zerhacken, von uns abhauen, vernichten oder verstümmeln. Wir dürfen es nicht einfach durch Zwang oder Verleugnung ausmerzen. Diese Welt ist zusammen mit uns, die wir in ihr leben, Gottes Schöpfung und Manifestation. Er geht mit ihr und uns in einer Weise um, die unser enges und unwissendes Mental erst dann verstehen kann, wenn es in das Schweigen versinkt und sich für ein göttliches Wissen öffnet. In unseren Irrtümern liegt der Stoff einer Wahrheit verborgen, die danach ringt, unserer tastenden Intelligenz ihre Bedeutung zu offenbaren. Der menschliche Intellekt schneidet den Irrtum zugleich mit der Wahrheit aus. Dann ersetzt er beides durch eine neue Konstruktion aus halber Wahrheit und halbem Irrtum. Die Göttliche Weisheit duldet aber, dass unsere Irrtümer so lange fortdauern, bis wir zu jener Wahrheit gelangen können, die unter jeder sie verfälschenden Verhüllung verborgen und dadurch geschützt ist. Unsere Sünden sind die falsch gelenkten Schritte einer Macht, die sucht. Sie strebt jedoch nicht nach Sünde, sondern nach Vollkommenheit, nach etwas, das wir göttliche Tugend nennen könnten. Oft sind die falschen Dinge die Verhüllungen einer Eigenschaft, die so umgewandelt werden muss, dass sie aus dieser hässlichen Maske befreit wird. Sonst hätten sie in der vollkommenen Vorsehung der Dinge nicht existieren oder fortdauern dürfen. Der Meister unserer Werke ist weder ein Pfuscher noch ein nur gleichgültig Beobachtender. Er treibt mit dem Luxus unnötiger Übel kein leichtfertiges Spiel. Er ist klüger als unsere Vernunft und weiser als unsere Tugend.
Lass Ihn führen
Unsere Natur irrt sich nicht nur in ihrem Wollen und ist in ihrer Erkenntnis unwissend; sie ist auch an Macht schwach. Doch die Göttliche Kraft ist da und will uns, wenn wir auf sie vertrauen, lenken. Sie wird unsere Unzulänglichkeiten ebenso wie unsere Fähigkeiten für ihre göttliche Absicht verwenden. Der Erfolg bei unseren unmittelbaren Absichten bleibt deshalb aus, weil Gott dieses Versagen beabsichtigt hat. Oft ist unser Fehlschlag oder Misserfolg der rechte Weg zu einer eher wahren Verwirklichung, als sie uns durch einen unmittelbaren völligen Erfolg erreichbar gewesen wäre. Wenn wir leiden, soll dadurch etwas in uns für die seltenere Möglichkeit einer tieferen Freude zubereitet werden. Wenn wir straucheln, sollen wir am Ende das Geheimnis eines vollkommeneren Gehens lernen. Selbst den Frieden, die Reinheit und Vollkommenheit dürfen wir nicht in wilder Eile erjagen wollen. Den Frieden müssen wir wohl erlangen. Das darf aber nicht der Friede einer leeren, verödeten Natur oder der vernichteten, verkrüppelten Befähigungen sein, die nur deshalb zur Unruhe unfähig sind, weil wir sie so lähmten, dass sie keine Intensität, kein Feuer und keine Kraft mehr erleben können. Die Reinheit muss unser Ziel sein. Es darf jedoch nicht zur Reinheit einer des Lebens entleerten, öden, starren Kälte kommen. Vollkommenheit wird von uns gefordert. Das wäre aber keine Vollkommenheit, die ihren Horizont in engen Grenzen hält oder die willkürlich unter die sich stets erweiternde Liste des Unendlichen einen Schlusspunkt setzt. Unser Ziel ist, uns in die göttliche Natur umzuwandeln. Diese göttliche Natur ist aber kein mentaler oder moralischer, sondern ein spiritueller Zustand, den wir nur schwer erlangen können, ja den wir uns mit unserer Intelligenz nur schwer vorzustellen vermögen. Der Meister unseres Werks und unseres Yoga weiß, was getan werden muss. Wir müssen ihm erlauben, dieses durch seine eigenen Mittel und auf seine eigene Weise zu vollbringen.
Alle Vorgänge in der Unwissenheit sind in ihrem Kern und Wesen vom Ego bestimmt. Nichts wird uns schwerer, als von diesem Egoismus frei zu werden, solange wir die Personalität noch zulassen und an einem Handeln im Halbdunkel und mit halber Kraft unserer unfertigen Natur hängen. Es ist leichter, das Ego dadurch auszuhungern, dass wir den Impuls zum Handeln ausschalten, oder das Ego dadurch zu vernichten, dass wir alle Regungen unserer Personalität ausmerzen. Es ist leichter, dieses Ego emporzusteigern in ein selbstvergessenes Versunkensein im Trancezustand des Friedens oder in eine Verzückung göttlicher Liebe. Unser sehr viel schwierigeres Problem liegt darin, wie wir die wahre Person befreien und wie wir ein göttliches Menschsein erlangen, das ein reines Gefäß für die göttliche Kraft und vollkommenes Werkzeug für göttliches Wirken sein wird. Da muss man Schritt für Schritt festen Boden erringen. Wir müssen eine Schwierigkeit nach der anderen gründlich erleben und völlig meistern. Das kann aber nur die Göttliche Weisheit und Macht für uns leisten. Sie wird gewiss alles für uns tun, wenn wir uns ihr in rückhaltlosem Glauben überantworten, uns in ihr Wirken fügen und Gott mit der Beharrlichkeit des Mutes und der Geduld zustimmen.
Der erste Schritt auf diesem langen Weg besteht darin, dass wir all unsere Tätigkeiten dem Göttlichen in uns und in der Welt als ein Opfer darbringen. Das ist eine Haltung des Mentals und des Herzens, die wir zwar am Anfang ohne große Schwierigkeit einnehmen, die wir aber nur sehr schwer mit einer absoluten und alles durchdringenden Aufrichtigkeit durchhalten. Der zweite Schritt besteht darin, dass wir allen Hang zu der Frucht unseres Wirkens aufgeben. Die einzig wahre, unerlässliche und äußerst erstrebenswerte Frucht des Opfers – das eine, was nottut –, ist die Göttliche Gegenwart und das Göttliche Bewusstseins und die Göttliche Macht in unserem Inneren. Wenn wir das erlangt haben, wird uns auch alles andere zuteil werden. Das ist eine Transformation des egoistischen Willens in unserem vitalen Wesen, unserer Begehrens-Seele und Begehrens-Natur, und das ist weit schwieriger als das andere. Der dritte Schritt ist, dass wir den zentralen Egoismus und auch jenes Ich-Empfinden verlieren, wir selbst seien die Wirkenden. Das ist die allerschwerste Transformation. Ohne dass die beiden ersten Schritte geleistet sind, können wir das nicht in vollkommener Weise tun. Jene ersten beiden Schritte können nicht vollendet werden, wenn nicht der dritte dazukommt, um die Bewegung zu krönen und durch das Auslöschen des Egoismus auch den eigentlichen Ursprung des Begehrens auszumerzen. Wenn dieser niedere Egosinn aus seiner Natur ausgerottet ist, kann der Suchende erst seine eigene wahre Person erkennen, die, als Teil und Macht des Göttlichen, immer über ihm steht. Dann kann er jede andere Kraft zur Motivierung seines Handelns aufgeben, weil nur noch der Wille der Göttlichen Shakti in ihm wirkt.
Schau auf die strahlenden Tage, die da warten
Ein göttliches Leben auf Erden braucht nichts Abgesondertes zu sein, nichts Exklusives, das mit dem gewöhnlichen irdischen Dasein nichts zu tun hätte: Es wird menschliches Sein und menschliches Leben in sich aufnehmen, wandeln, was umgewandelt werden kann, spiritualisieren, was spiritualisiert werden kann, den Rest seinem Einfluss unterwerfen und eine radikale oder eine läuternde Wandlung bewirken, eine tiefere Gemeinschaft zwischen dem Universellen und dem Individuellen zustande bringen, das Ideal mit der spirituellen Wahrheit durchdringen, deren leuchtender Schatten es ist, und ihr helfen, sich in ein größeres oder zu einem höheren Dasein zu erheben. Das Mental wird sich zu einem göttlicheren Licht des Denkens und Willens emporschwingen, das Leben wird zu tieferem und wahrerem Fühlen und Handeln, zu größerer Macht aus sich selbst, zu höheren Motiven und Zielen getragen werden. Was aber noch nicht zur vollen Wahrheit seines Seins erhoben werden kann, wird dieser Fülle doch näher gebracht werden; was auch zu dieser Wandlung noch nicht bereit ist, wird doch den Weg vor sich geebnet finden, wann immer es in seiner noch unvollendeten Entwicklung zur Selbsterfüllung bereit ist…
An Stelle des menschlichen Mentals, das jetzt so beschränkt und unvollkommen ist, jeden Augenblick auf alle mögliche Weise von der Wahrheit abweicht oder sie verfehlt, allen Arten von Irrtum offen ist, sogar den Einflüsterungen totaler Lüge und der Verderbtheit der Natur, ein verblendetes Mental, in Unbewusstheit und Unwissenheit gefallen, das kaum zu Erkenntnissen durchdringt, ein Intellekt, der höheres Wissen nur in Abstraktionen und indirekten Metaphern wiederzugeben vermag, der sogar die Botschaften der höheren Intuition mit unsicherem und zweifelndem Verständnis begreift und festhält, könnte dann ein befreites wahres Mental auftauchen, das fähig wäre zur freien und äußersten Vervollkommnung seiner selbst sowie seiner Instrumente, ein Leben, das durch ein freies und erleuchtetes Mental geleitet und ein Körper, der für das Licht empfänglich wäre und fähig, all das auszuführen, was ein freies Mental und ein freier Wille von ihm verlangen könnten…
Erfülle das, wozu du geboren bist
Ein göttlicher Übermensch und ein vollkommenes Gefäß der Gottheit zu werden – dies ist deine Aufgabe, das Ziel deines Seins und der Grund, aus dem du hier bist. Was immer du sonst zu tun hast, ist nur eine Vorbereitung, eine Freude am Rande des Weges oder ein Abfallen von deiner Bestimmung. Dies aber ist das Ziel und der Zweck; nicht in der Kraft für den Weg und der Freude am Weg, sondern in der Freude des Ziels liegt die Größe und Wonne deines Seins. Der Weg selbst bereitet Freude, weil das, was dich anzieht, bereits mit dir ist auf deinem Pfad; und die Kraft zu steigen ward dir gegeben, damit du deine eigenen Gipfel erklimmen kannst.
Wenn du eine Pflicht hast, so ist dies deine Pflicht. Wenn du nach deinem Ziel fragst, so lass dies dein Ziel sein. Wenn es dich nach Freude verlangt, so gibt es keine größere Freude, denn jede andere Freude ist stückhaft und begrenzt, die Freude eines Traums, die Freude eines Schlummers oder die Freude des Selbstvergessens. Dies aber ist die Freude deines ganzen Wesens. Solltest du nämlich fragen, was ist denn mein Wesen, dann ist dies dein Wesen, das Göttliche, und alles andere ist nur seine zersplitterte und entstellte Erscheinungsform. Falls du die Wahrheit suchst, dies ist die Wahrheit. Halte sie dir vor Augen und bleibe ihr in allen Dingen treu.
Jemand, der nur durch einen Schleier schaute, aber den Schleier für das Antlitz hielt, hat sehr zutreffend gesagt, dass es dein Ziel sei, du selbst zu werden. Und er sagte ebenso richtig, dass es die Natur des Menschen sei, über sich hinauszuwachsen. Dies ist wahrlich seine Natur, und er selbst zu werden ist in der Tat das göttliche Ziel seiner Selbsttranszendenz.
Was aber ist nun dieses Selbst, das du zu transzendieren hast, und was das Selbst, das du werden musst? Denn hier darfst du keinen Irrtum begehen. Der Irrtum, dich selbst nicht zu kennen, ist nämlich der Ursprung all deines Kummers und der Grund all deines Strauchelns.
Was du zu transzendieren hast ist das Selbst, das du zu sein scheinst; es ist der Mensch, wie du ihn kennst, der scheinbare Purusha. Und was ist dieser Mensch? Er ist ein dem Leben und der Materie versklavtes mentales Wesen; und wo er nicht dem Leben und der Materie versklavt ist, ist er der Sklave seines Mentals. Dies aber ist ein ungeheuer schwerer Sklavendienst; denn der Sklave des Mentals zu sein heißt, der Sklave des Falschen, des Begrenzten und des Scheins zu sein. Das Selbst, das du werden musst, ist das Selbst, das du in deinem Innersten bist, hinter dem Schleier des Mentals, des Lebens und der Materie. Es ist das Spirituelle, das Göttliche, der Übermensch, der wahre Purusha. Denn was über dem mentalen Wesen steht, ist der Übermensch. Es hat zum Meister deines Mentals, deines Lebens und deines Körpers zu werden. Es hat König zu sein über die Natur, der du jetzt als Werkzeug dienst, hoch zu stehen über ihr, die dich jetzt mit ihren Füßen tritt. Es hat frei zu sein und kein Sklave, eins und nicht geteilt, unsterblich und nicht vom Tod überschattet, mit Licht und Seligkeit erfüllt und nicht verfinstert und ein Spielball von Kummer und Leid, in Kraft emporgehoben und nicht in Schwäche niedergeworfen. Es hat im Unendlichen zu leben und das Endliche zu besitzen. Es hat in Gott zu leben und mit ihm wesenseins zu sein. Du selbst zu werden heißt, dies zu sein und alles, was es mit sich bringt.
Sei frei in dir selbst und somit frei in deinem Mental, deinem Leben und deinem Körper. Denn der Geist ist Freiheit.
Sei eins mit Gott und allen Wesen. Lebe in dir selbst und nicht in deinem kleinen Ego. Denn der Geist ist Einheit.
Sei du selbst und unsterblich, schenke dem Tod nicht deinen Glauben. Der Tod erwartet nicht dich, sondern nur deinen Körper. Denn der Geist ist Unsterblichkeit.
Unsterblich sein heißt, unendlich zu sein im Sein, im Bewusstsein und in der Seligkeit. Denn der Geist ist unendlich und alles Endliche existiert nur durch seine Unendlichkeit.
All dies bist du, und deswegen kannst du zu all dem werden. Wärst du es nicht, so könntest du auch nie dazu werden. Nur was in dir ist, kann in deinem Wesen offenbar werden. Zwar scheinst du anders zu sein, doch warum solltest du dich zum Sklaven des Scheins machen?
Erhebe dich lieber, gehe über dich hinaus, werde du selbst. Du bist Mensch, und die ganze Natur des Menschen ist es, mehr als er selbst zu werden. Er war das menschliche Tier, er ist mehr als der animalische Mensch geworden. Er ist der Denker, der Gestalter, der Sucher nach dem Schönen. Er wird mehr sein als der Denker, er wird zum Scher des Wissens werden. Er wird mehr sein als der Gestalter, er wird zum Schöpfer und Meister seiner Schöpfung werden. Er wird mehr sein als der Sucher des Schönen, denn er wird sich aller Schönheit und aller Wonnen erfreuen. Von körperlicher Beschaffenheit, sucht er seine unsterbliche Substanz; von vitaler Natur, sucht er das unsterbliche Leben und die unendliche Macht seines Wesens; mental und einseitig in seinem Wissen, sucht er das völlige Licht und die äußerste Schau.
Dies zu besitzen heißt, der Übermensch zu werden; denn es bedeutet, sich aus dem Bereich des Mentals in das Supramental zu erheben. Nenne es göttliches Mental oder Wissen oder Supramental; in jedem Fall ist es die Macht und das Licht des göttlichen Willens und des göttlichen Bewusstseins. Durch das Supramental sah und erschuf sich der Geist in den Welten. Durch dieses lebt er in ihnen und regiert sie Durch dieses ist er Swarat Samrat, d.h. Selbst-Herrscher und All-Herrscher.
Das Supramental ist der Übermensch; über das Mental hinauszugelangen ist deshalb die Voraussetzung.
Übermensch zu sein heißt, ein göttliches Leben zu leben, ein Gott zu sein; denn die Götter sind die Mächte Gottes. Sei eine Macht Gottes in der Menschheit.
Im göttlichen Wesen zu leben und sich von dem Bewusstsein, der Seligkeit, dem Willen und dem Wissen des Geistes besitzen zu lassen, ihn mit sich und durch sich spielen zu lassen, das ist der Sinn.
Dies ist deine Verklärung auf dem Berge. Sie besteht darin, Gott in dir zu entdecken und ihn dir in allen Dingen offenbar zu machen. Lebe in seinem Wesen, leuchte mit seinem Licht, handle mit seiner Macht, freue dich mit seiner Seligkeit. Sei jenes Feuer und jene Sonne und jenes Meer. Sei jene Freude und jene Größe und jene Schönheit.
Wenn du dies auch nur zum Teil vollbracht hast, hast du die ersten Stufen der Übermenschheit erklommen.