Kapitel 4
Eine Methode, Identifikation zu erlernen
Worte der Mutter
Alles Wissen ist Wissen durch Identifikation. Das bedeutet, man muss das werden, was man wissen will. Man kann erraten, man kann eine Vorstellung haben, man kann seine Schlüsse ziehen, man kann urteilen, aber man weiß nicht.
Dann ist es also schwierig für die Menschen?
Nein, warum?
Man kann lernen, sich zu identifizieren. Man muss es lernen. Es ist unerlässlich, wenn man aus seinem Ego herauskommen will. Denn solange man in seinem Ego eingeschlossen ist, kann man keinen Fortschritt machen.
Wie macht man das?
Es gibt viele Verfahren. Ich will dir von einem berichten.
Als ich in Paris war, ging ich an viele Orte, wo Zusammenkünfte aller Art stattfanden und wo Leute waren, die alle möglichen Untersuchungen anstellten, spirituelle (sogenannte spirituelle), okkulte Untersuchungen und so weiter. Einmal wurde ich eingeladen, um eine junge Dame (ich glaube, es war eine Schwedin) kennenzulernen, die eine Methode zur Erlangung von Wissen gefunden hatte, eben ein Lernverfahren. Und sie erklärte es uns. Wir waren zu dritt oder viert (sie sprach nicht sehr gut Französisch, war aber doch sehr überzeugt davon!). Sie sagte: „Also, Sie nehmen einen Gegenstand, oder Sie machen ein Zeichen auf eine schwarze Tafel, oder Sie nehmen eine Zeichnung – das hat keine Bedeutung, nehmen Sie, was für Sie am praktischsten ist. Angenommen, ich zeichne Ihnen etwas…“ Sie hatte eine schwarze Tafel dabei und machte eine Zeichnung aus halb geometrischen Figuren. „Nun setzen Sie sich vor die Zeichnung und konzentrieren sich mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit darauf – auf diese Zeichnung da vor Ihnen. Sie konzentrieren und konzentrieren sich, ohne etwas anderes in Ihr Bewusstsein dringen zu lassen. Ihre Augen sind fest auf die Zeichnung gerichtet und schweifen nicht mehr umher. Sie sind sozusagen von der Zeichnung hypnotisiert. Sie schauen (und da saß sie so, schauend), Sie schauen, Sie schauen und schauen … Ich weiß nicht, es dauert mehr oder weniger lang, aber wenn man es gewohnt ist, geht es doch recht schnell. Sie schauen und schauen und schauen, und Sie werden diese Zeichnung, die Sie anschauen. Nichts auf der Welt existiert mehr außer der Zeichnung, und dann, plötzlich, gehen Sie auf die andere Seite hinüber; und wenn Sie auf die andere Seite hinübergehen, kommen Sie in ein neues Bewusstsein, und Sie wissen.“
Wir lachten viel, denn es war lustig. Aber das ist sehr wahr, es ist eine ganz ausgezeichnete Art und Weise, es praktisch durchzuführen. Anstatt eine Zeichnung oder einen Gegenstand zu nehmen, kann man natürlich auch einen Gedanken, einige Wörter nehmen. Du hast ein Problem, das dich beschäftigt, du weißt die Lösung des Problems nicht, nun, du stellst dir dein Problem im Geiste vor dich hin, du fasst es in möglichst klaren und deutlichen Worten, und dann konzentrierst du dich, du strengst dich an. Du konzentrierst dich nur auf diese Wörter und wenn möglich auf den Gedanken, den sie darstellen, das heißt auf das Problem – du konzentrierst und konzentrierst und konzentrierst dich, bis nichts mehr existiert als nur noch das. Und es ist wahr, man hat plötzlich das Gefühl, dass sich etwas öffnet – und man ist auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite wovon?… Das bedeutet, du hast eine Tür deines Bewusstseins geöffnet, und augenblicklich hast du die Lösung deines Problems.
Das ist eine ganz ausgezeichnete Methode zu lernen, wie man sich identifiziert. Du bist zum Beispiel mit jemandem zusammen. Diese Person sagt etwas zu dir, du sagst genau das Gegenteil (wie es normalerweise vorkommt, einfach aus Widerspruch), und es beginnt eine Diskussion. Natürlich führt das nie zu etwas, es gibt nur Streit, wenn du ein schwieriger Mensch bist. Sagt man sich aber, statt zu diskutieren und andauernd in seinem Kopf oder in seinen Worten gefangen zu sein: „Halt inne! Ich will mal zu erkennen versuchen, warum der oder die mir das gesagt hat. Ja, warum wohl?“ Und du konzentrierst dich: „Warum, warum, warum?“ Du probierst es einfach mal so, und die andere Person hört nicht auf zu reden, nicht wahr, und sie ist sehr glücklich, weil du ihr nicht mehr widersprichst! Sie redet und redet und ist sich sicher, dass sie dich überzeugt hat. Du konzentrierst dich nun immer mehr auf das, was sie sagt, wobei du das Gefühl hast, dass du ganz allmählich durch ihre Worte hindurch in ihren Kopf eindringst. Damit dringst du plötzlich in ihre Denkweise ein, und stell dir vor, dann verstehst du, warum sie so redet! Und wenn du eine recht rasche Auffassungsgabe hast und das, was du jetzt verstehst, mit dem vergleichst, was du zuvor verstanden hast, dann hast du die beiden Verstehensweisen beisammen und kannst die Wahrheit finden, die die beiden versöhnt. Dann hast du wirklich einen Fortschritt gemacht. Und das ist die beste Art, sein Denken zu erweitern.
Wenn du eine Diskussion beginnst, schweige sofort, augenblicklich. Du musst schweigen, nichts mehr sagen und dann versuchen, die Sache so zu sehen, wie die andere Person sie sieht – dabei brauchst du gar nicht deine eigene Ansicht zu vergessen, sondern du kannst beide zusammenbringen. Dann hast du wirklich einen Fortschritt gemacht, einen echten Fortschritt.
Das gilt für alles. Alles, was du mit anderen Personen zu tun hast – wenn du nicht einverstanden bist, nimm es als göttliche Gnade, als eine wunderbare Gelegenheit, die dir gegeben ist, damit du einen Fortschritt machen kannst. Und es ist einfach: Anstatt auf dieser Seite zu sein, bist du auf der anderen. Anstatt sich selbst zu betrachten, gehst du in den Andern hinein und schaust. Du brauchst ein ganz klein wenig Vorstellungskraft, etwas mehr Kontrolle über deine Gedanken, über deine Regungen. Aber das ist nicht sehr schwierig. Wenn du ein wenig versuchst hast, merkst du nach einer gewissen Zeit, dass es sehr leicht ist.
Du darfst nicht einfach nur schauen und dich dann mental anstrengen und dich fragen: „Warum ist es so und so? Warum tut er das, oder warum sagt er das?“ So erreichst du nie etwas. Du wirst nichts verstehen, du wirst dir allerlei Erklärungen vorstellen, die nichts taugen und bei denen du überhaupt nichts lernen wirst, außer dass du dir sagst: „Diese Person ist dumm, oder sie ist böse“, Dinge, die zu nichts führen. Wenn du dagegen nur diesen kleinen Schritt ausführst und versuchst, in den Andern hineinzugehen, statt ihn nur wie einen fremden Gegenstand zu betrachten, kommst du da hinein, in diesen kleinen Kopf da vor dir, und ganz plötzlich befindest du dich auf der anderen Seite und betrachtest dich von dort aus und verstehst sehr gut, was der oder diejenige sagt – alles ist klar, das Warum, das Wie, der Grund, das Gefühl, das hinter dem Ganzen steht… Das ist eine Erfahrung, zu der du hundertmal am Tag Gelegenheit hast.
Zunächst gelingt es einem nicht so gut, aber wenn man beharrlich dabei bleibt, wird man schließlich sehr schöne Erfolge haben. Dadurch gewinnt das Leben viel an Reiz. Und zudem ist es eine Arbeit, die dich wirklich Fortschritte machen lässt, denn sie veranlasst dich, aus deinem kleinen Panzer herauszutreten, in dem du so fest eingeschlossen bist und mit dem du überall anstößt. Du kennst die Falter, die gegen das Licht stoßen…? So ist das Bewusstsein eines jeden, es stößt da an, stößt dort an, denn das sind die Dinge, die ihm fremd sind. Geht man aber hinein, statt dagegen zu stoßen, dann beginnt das allmählich, ein Teil von einem selbst zu werden. Man wird weit, man hat Luft zum Atmen, man hat Platz, sich zu bewegen, man stößt nicht an, man tritt ein, man kommt dahinter, man versteht. Und man lebt an vielen Orten zu gleicher Zeit. Das ist sehr interessant, man macht es automatisch.
Wenn du zum Beispiel ein Buch liest, das dich sehr interessiert, einen wunderbaren Roman voll spannender Abenteuer, wenn du ganz in der Geschichte „drin“ bist, vergisst du darüber manchmal, wann es Zeit ist für die Schule oder für das Essen oder für das Schlafengehen. Du lebst ganz in dem, was du liest. Nun, das ist ein Phänomen der Selbst-Identifikation. Und wenn du eine gewisse Vollkommenheit erreicht hast, ist dir schon im Voraus klar, was geschehen wird. Ist man ganz in die Geschichte vertieft, kommt ein Augenblick, in dem es einem gelingt zu wissen (ohne dass man versuchte, es herauszubekommen), zu welchem Ziel einen der Autor führt, wie er seine Geschichte entwickelt und zum Abschluss bringt. Dann hat man sich mit dem schöpferischen Denken des Autors identifiziert. Man macht das mehr oder weniger gut, ohne zu wissen, dass man es macht, aber das sind Phänomene der Selbst-Identifikation.
In Paris gibt es dritt- oder viertklassige Theater, in denen Sensationsdramen gespielt werden. Das sind Theater in den Außenbezirken. Sie sind nicht für das intellektuelle Publikum, sondern für die breite Masse. Alle Elemente des Spiels sind stets äußerst dramatisch und aufregend. Nun, dort findet man fast immer sehr einfache Leute, und die vergessen vollkommen, dass sie im Theater sind. Sie identifizieren sich mit dem Stück. Und da passiert dann folgendes: Auf der Bühne ist der Verräter hinter der Tür versteckt, und der Held erscheint, der natürlich nicht weiß, dass der Verräter im Versteck lauert und er gleich getötet wird. Nun sitzen manche Leute ganz oben (man nennt das Galerie), im dritten Rang, und rufen: „Pass auf, dort ist er!“ (Gelächter) Das ist nicht nur einmal, das ist Hunderte von Malen ganz spontan passiert. Ich habe ein solches Stück gesehen, das, so glaube ich, „Der Bucklige“ hieß. Nun, es war ein reines Sensationsstück und wurde im Théatre de la Porte Saint-Martin gespielt. In diesem Stück gab es ein Zimmer. Man sah ein großes Zimmer auf der Bühne und auf der Seite ein kleines Kabinett, und … ich erinnere mich nicht mehr an die Geschichte, aber in der kleinen Kammer war ein Knopf angebracht, auf den man drückte, und durch den Knopfdruck senkte sich die Decke des großen Zimmers auf die Leute herab, die dort waren, und zermalmte sie mit tödlicher Sicherheit! Und man war gewarnt worden, einige Leute hatten schon etwas gesagt, es war abgesprochen. Ein Verräter war da, er hatte sich in dem kleinen Nebenraum versteckt und kannte den Trick mit dem Knopf, und dann trat der Held mit anderen Leuten ein, und sie begannen zu diskutieren, und man wusste, dass die Decke herunterkommen würde… Ich sagte nichts. Mir war klar, dass ich im Theater war. Ich wartete ab, wie sich der Autor aus der Affäre ziehen würde, um seinen Helden zu retten (denn es war klar, dass er ihn nicht einfach so vor allen Leuten in den Tod schicken konnte!). Aber die anderen waren gar nicht so eingestellt. Nun, einige riefen, schrien regelrecht: „Achtung, die Decke!“ So war das.
Das sind Phänomene der Selbst-Identifikation. Nur sind sie unwillkürlich. Und das ist sogar eine der Methoden, die man jetzt anwendet, um Nervenkrankheiten zu heilen. Wenn jemand nicht schlafen kann, wenn jemand nicht zur Ruhe kommen kann, weil er zu nervös und aufgeregt ist und weil seine Nerven krank und geschwächt sind durch ein Übermaß an Unruhe und Geschäftigkeit, wird ihm empfohlen, sich vor ein Aquarium zu setzen – ein Aquarium ist sehr hübsch, nicht wahr –, vor ein Aquarium mit niedlichen kleinen Fischen, Goldfischen. Er solle sich da hinsetzen, sich auf einen Liegestuhl niederlassen und an nichts denken (vor allem nicht an seine Sorgen) und die Fische betrachten. Da schaut man also den Fischen zu, wie sie sich bewegen, wie sie hin und her schwimmen, gleiten, sich wenden, sich begegnen, einander überholen, sich verfolgen, ohne Ende, und außerdem das Wasser, das sich leicht bewegt, und die dahinziehenden Fische. Im Nu lebt man das Leben der Fische: Man schwimmt hin, man schwimmt her, man gleitet dahin, man spielt. Und nach einer Stunde sind die Nerven vollständig wieder hergestellt, Grund sitzen Yogis immer und man ist vollkommen ausgeruht!
Voraussetzung ist aber, dass man nicht an seine Sorgen denkt: Man darf nur die Fische betrachten.
Kann man auf diese Weise das Göttliche erreichen?
Du weißt, die einzige Art, das Göttliche zu erkennen, ist die, sich mit Ihm zu identifizieren. Es gibt keine andere, es gibt nur eine einzige Art und Weise. Wenn du daher erst einmal diese Methode zur Identifikation beherrschst, kannst du dich identifizieren. Du wählst dir dann dein Objekt der Identifikation, du identifiziert dich mit dem Göttlichen. Aber solange du dich nicht identifizieren kannst, wird es immer hundert und eine Sache geben, die dir in die Quere kommen und dich nach hier und nach da ziehen, dich zerstreuen, und du identifiziert dich nicht mit Ihm. Hast du es aber gelernt, dich zu identifizieren, brauchst du deiner Identifikation nur noch eine Richtung zu geben, ihr den gewünschten Platz einzuräumen und nicht davon abzulassen, bis du Erfolg hast. Der Erfolg stellt sich rasch ein, wenn du dein Identifikationsvermögen beherrschst. Ja, er stellt sich sehr rasch ein. Ramakrishna sagte, es variiere zwischen drei Tagen, drei Stunden oder drei Minuten. Drei Tage bei sehr Langsamen, drei Stunden bei etwas Schnelleren, drei Minuten bei denen, für die es zur Gewohnheit geworden ist.
Drei Tage bei den sehr Langsamen?
Ja, bei den sehr Langsamen. Man fragte ihn: „Wie lange dauert es, bis man sich mit dem Göttlichen identifiziert hat?“ Er gab das zur Antwort.
Bedeutet das, drei Tage, ohne dass man etwas tut!
Nein, nicht ohne dass man etwas tut! Es ist nicht notwendig, im Nicht-Tun zu verweilen, um sich ganz und gar mit dem Göttlichen zu identifizieren. Selbstverständlich kannst du nicht drei Tage lang sitzenbleiben, ohne etwas zu tun – du wärst schon auf einer Stufe außerordentlicher Vollkommenheit angelangt, wenn du das könntest, all deine Bedürfnisse zu vergessen und drei Tage lang ohne Bewegung zu bleiben. Nein, das meint er damit nicht. Er meint, dass das Denken einzig und allein auf das Göttliche konzentriert ist. Er schaffte es in drei Minuten. Und er machte es vor der betreffenden Person, um ihr zu zeigen, ihr zu beweisen, dass das, was er sagte, wahr sei. Bei ihm dauerte es nicht länger als drei Minuten.
Nun wird aber die Erfahrung gerade dadurch verhindert, dass es an Praxis der Konzentration fehlt und dann auch an einer Einzigartigkeit, Ausschließlichkeit des Willens (im Englischen nennt man das „one-pointedness“). Man „will“ eine Minute lang, zwei, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine Stunde lang, und danach will man vieles andere… Man „denkt“ einige Sekunden, und danach denkt man an tausend andere Sachen. Dann kann das natürlich eine Ewigkeit dauern. Denn man kann es auch nicht addieren: Wenn es sich wie Sandkörner anhäufen ließe, wenn du bei jedem Gedanken an das Göttliche irgendwo ein Sandkörnchen hinlegst, würde das nach einer gewissen Zeit einen Berg ergeben. Aber so ist es nicht, das bleibt nicht. Das hat keine Wirkung. Es sammelt sich nicht an. Man kann es nicht zusammenzählen und in der Menge vorankommen – man kann Fortschritte in der Intensität und in der Qualität machen. Man kann innerlich lernen, wie man es macht, ja, aber was man zustande gebracht hat, zählt nur auf diese Weise. Es sammelt sich nicht an wie Sandkörner auf der Düne. Sonst würde es genügen, ganz raffiniert zu sein und sich zu sagen: „Also, ich werde dem Göttlichen mindestens ein Zehntel meiner Gedanken täglich widmen.“ Und mit solchen kleinen Punkten bekäme man dann nach einiger Zeit einen Hügel…