Kapitel 4

Dichtung

Vision ist die charakteristische Kraft des Dichters, so wie scharfes Denken die wesentliche Gabe des Philosophen und analytische Beobachtung der natürliche Genius des Naturwissenschaftlers ist. Der kavi1 war in der Vorstellung der Vorväter der Seher und Offenbarer der Wahrheit, und obgleich wir uns von jenem Ideal weit genug entfernt haben, um von ihm nunmehr nur die Freude des Ohrs und die Unterhaltung der ästhetischen Veranlagung zu verlangen, bewahrt doch alle große Dichtung instinktiv etwas von jener höheren Tendenz ihres eigenen Ziels und ihrer eigenen Bedeutung. Da Dichtung tatsächlich Kunst ist, muss sie denn auch versuchen, uns zur Schau zu verhelfen, und da sie sich an die inneren Sinne richten muss – denn das Ohr ist nur physisches Tor, und selbst dort richtet sich ihr wirklicher Reiz an das innere Hören – und es ihr Ziel ist, uns im Inneren erleben zu lassen, was der Dichter in seinen Vers hineingelegt hat, ist es eine innere Schau, die er in uns öffnet, und diese innere Schau muss intensiv in ihm gewesen sein, bevor er sie in uns erwecken kann. Daher waren die größten Dichter stets jene, die eine große, starke, interpretative und intuitive Schau von Natur, Leben und Mensch hatten, und deren Dichtung sich daraus in einer höchsten offenbarenden Kundgebung erhob. Homer, Shakespeare, Dante, Valmiki, Kalidasa stimmen – wie sehr sie auch in allem anderen differieren mögen – darin überein, dass sie dies als den Grundcharakter ihrer Größe aufweisen. Ihre Vortrefflichkeit liegt nicht essentiell in einer größeren Gedankenkraft, einer reichhaltigeren Metaphorik oder einer tieferen Kraft der Leidenschaft und Emotion. Diese Dinge mögen sie gehabt haben, wobei der eine mehr in der einen Richtung, der andere in anderen begabt ist, aber diese anderen Kräfte waren mehr Stützen für ihren dichterischen Ausdruck als eine Essenz oder Quelle. Oft findet sich mehr gedanklicher Inhalt in einem kurzen Essay Bacons als in einem ganzen Schauspiel von Shakespeare, aber selbst hundert Kryptogramme können ihn nicht zum Autor der Dramen machen. Denn wie er zeigte, als er Dichtung zu schreiben versuchte, war es eben diese Natur seiner Gedankenkraft und die charakteristische Art des Ausdrucks des geborenen philosophischen Denkers, die ihn beim poetischen Ausdruck behinderten. Das ständige Ausströmen von Form, Gedanke und Bild aus einer reichen inneren Lebensschau, dies machte Shakespeare – gleich welches seine anderen Mängel sein mögen – zum überlegenen dramatischen Dichter. Schau ist die wesentliche dichterische Gabe. Der archetypische Dichter in einer Welt von ursprünglichen Ideen ist, so können wir sagen, eine Seele, die in sich selbst innig diese Welt schaut und all die anderen, Gott, Natur und das Leben der Wesen, sieht und von ihrem Zentrum eine Woge von schöpferischem Rhythmus und Wortbilder ausströmen lässt, die zum Ausdruckskörper der Schau werden. Die großen Dichter sind jene, die in einem gewissen Maß diese ideale Schöpfung wiederholen, kavayah satyashrutah, Seher der dichterischen Wahrheit und Hörer ihres Wortes.

Denn weder der Verstand, die Vorstellung noch das Ohr sind die wahren oder zumindest die tiefsten oder höchsten Empfänger der poetischen Freude, genau wie sie nicht ihre wahren oder höchsten Schöpfer sind. Sie sind nur ihre Kanäle und Instrumente: Der wahre Schöpfer, der wahre Hörer ist die Seele. Je schneller und transparenter die anderen ihr Werk der Übermittlung tun, je weniger sie aus ihrem separaten Anspruch auf Befriedigung machen, je direkter das Wort die Seele erreicht und tief in sie sinkt, desto größer die Dichtung. Daher hat Dichtung nicht wirklich ihr Werk vollbracht, zumindest nicht ihr höchstes, bis sie die Freude des Instruments erhöht und in die tiefere Wonne der Seele umgewandelt hat. Ein göttliches Ananda2, eine interpretative, schöpferische, offenbarende, gestaltende Wonne – man könnte fast sagen, eine umgekehrte Widerspiegelung der Freude, die die universale Seele bei ihrer großen Freisetzung von Energie empfand, als sie die spirituelle Wahrheit, die umfassende interpretative Idee, das Leben, die Kraft, das Gefühl der Dinge, versammelt in einer ursprünglichen schöpferischen Vision, in die rhythmischen Formen des Universums hinaustönen ließ –, solche spirituelle Freude ist jene, welche die Seele des Dichters empfindet und die er, wenn er die menschlichen Schwierigkeiten seiner Aufgabe bewältigen kann, auch in all jene einströmen lassen kann, die bereit sind, sie zu empfangen. Diese Freude ist nicht bloß ein göttlicher Zeitvertreib, sie ist eine große gestaltende und erhellende Kraft.

Eine intuitive offenbarende Dichtung der Art, die wir anvisieren, würde eine höchste Harmonie von fünf ewigen Kräften ausdrücken, Wahrheit, Schönheit, Freude, Leben und Geist. Dies sind in der Tat die fünf größeren idealen Lampen oder vielmehr die fünf Sonnen der Dichtung.

Das Licht der Wahrheit, der Atem des Lebens, mögen sie auch große und kraftvolle Dinge sein, genügen nicht, um der Poesie den Anflug der Unsterblichkeit und Vollkommenheit zu geben, wovon selbst nur ein wenig genügt, um sie sicher durch die Zeitalter zu tragen – es sei denn, die Seele und Form der Freude und Schönheit ergriffen Besitz vom Sehen der Wahrheit und verliehen dem Atem und Körper des Lebens Unsterblichkeit. Freude ist die Seele des Daseins, Schönheit der intensive Eindruck, die konzentrierte Form der tiefen Freude, und diese beiden fundamentalen Dinge haben die Tendenz, für den Geist des Künstlers und Dichters eins zu sein, obgleich sie in unserer gröberen vitalen und mentalen Erfahrung häufig genug getrennt sind. Diese beiden Zwillingskräfte begegnen sich, erzeugen einen Zusammenklang der vollkommenen Harmonie seines Werkes und sind die ersten Gottheiten, denen er dient. Alle anderen gruppieren sich nur um sie herum, streben danach, zur Seele der Freude und zum Privileg der Schönheit zugelassen zu werden, und müssen sich ihnen akzeptabel machen, bevor sie sich mit ihnen in einer zwingenden und anziehenden Einheit vermischen können. Für den Dichter ist der Mond der Schönheit und Freude eine größere Gottheit als selbst die Sonne der Wahrheit oder der Atem des Lebens, wie im symbolischen Bild des vedischen Mondgottes Soma, dessen Rauschpflanze auf einsamen Berghöhen im Mondlicht zu sammeln ist und dessen gereinigter Saft und gereinigte Essenz der heilige Wein und Nektar der Süße ist, rasa, madhu, amrita, ohne den die Götter selbst nicht unsterblich sein könnten. Eine kleinste Kleinigkeit wird, wenn sie es fertigbringt, von dieser Süße poetischer Freude und Schönheit erfüllt zu werden, um ihrer selbst willen bewahrt bleiben, während die höchste angestrengte Arbeit des denkenden Mentals und die stärkste Bekräftigung der Lebenskraft, wenn sie dieser subtilsten unsterblich machenden Essenz beraubt wird oder es ihr an ihr mangelt, zwar eine Zeitlang fortleben kann, aber bald verfällt, alt wird, in den Abgrund der Vergessenheit sinkt oder im besten Fall ein lebloses Überleben aufweist und der toten Geschichte der Literatur angehört, nicht ihrer ewigen Gegenwart. Aber Schönheit und Freude, welche Form sie auch nimmt – denn wir können hier von den beiden als einem sprechen –, hat eine nie alternde Jugend, einen ewigen Augenblick, eine unsterbliche Präsenz.

Das Mantra, dichterischer Ausdruck der tiefsten spirituellen Wirklichkeit, ist nur möglich, wenn drei höchste Intensitäten dichterischer Sprache zusammenkommen und untrennbar eins werden: eine höchste Intensität an rhythmischer Bewegung, eine höchste Intensität an ineinander verwobener verbaler Form und Gedankensubstanz, des Stils also, sowie eine höchste Intensität an Wahrheitsschau der Seele. Alle große Dichtung entsteht durch Einklang dieser drei Elemente. Das Unzulängliche des einen oder anderen bewirkt die Schwankungen im Werk auch der größten Dichter, und das Versagen eines dieser Elemente ist der Grund für ihr gelegentliches Scheitern, für die Schlacken in ihrem Werk, die Sonnenflecken. Erst auf einer bestimmten höchsten Stufe der verschmolzenen Intensitäten wird das Mantra möglich.

Alles Leben ist eins, und ein neuer menschlicher Geist bewegt sich auf die Verwirklichung seiner Totalität und Einheit hin. Die Dichtung, die die Einheit und Ganzheit unseres Wesens und unserer Natur und der Welten und Gottes ausdrückt, wird nicht die Realität unseres irdischen Lebens mindern, sondern den Menschen realer und reicher, voller, weiter und lebendiger machen. Andere Länder zu kennen heißt nicht, unser eigenes Land zu schmälern, sondern es auszuweiten und ihm zu einer größeren Kraft seines eigenen Wesens zu verhelfen, und die anderen Länder der Seele zu kennen heißt, unsere Grenzen zu weiten und die Erde, auf der wir leben, reicher und schöner zu machen. Die Götter in unser Leben hereinzubringen heißt, es zu seinen eigenen göttlicheren Kräften zu erhöhen. In enger und dauerhafter Innigkeit mit der Natur und dem Geist in ihr zu leben heißt, unser tägliches Leben von seinem Gefängnis enger Beschäftigung mit dem unmittelbaren Augenblick und Handeln zu befreien und dem Augenblick die Inspiration aller Zeit und den Hintergrund der Ewigkeit zu geben und der täglichen Handlung die Grundlage eines ewigen Friedens und den weiten Schwung einer universalen Macht. Gott in das Leben zu bringen, das Gefühl des Selbstes in uns in all unsere Persönlichkeit und all unser Werden, die Kräfte und Ausblicke des Unendlichen in unsere mentale und materielle Existenz, die Einheit des Selbstes in allem in unsere Erfahrung, in unsere Gefühle und Beziehungen des Herzens und Mentals mit allem, was um uns herum ist, heißt unser eigentliches Wesen und Leben vergöttlichen helfen, seine Gatter der Teilung und Blindheit niederzureißen und die menschliche Gottheit zu entschleiern, zu der der individuelle Mensch und seine Rasse werden können, wenn sie wollen, und uns zu unserer vitalsten Vollkommenheit zu führen. Dies ist es, was eine künftige Dichtung für uns in der Weise und in dem Maß tun kann, in dem Dichtung diese Dinge zu vollbringen vermag, durch Schau, Kraft des Wortes, durch die Attraktion der Schönheit und Freude dessen, was sie uns zeigt. Was Philosophie oder anderes mentales Nachsinnen unserem Denken präzise oder vollständig macht, kann die Dichtung durch ihre schöpferische Bildkraft und ihr Ansprechen der Gefühle dem Herzen und der Seele lebendig machen. Diese Dichtung wird uns denn auch in Formen der Kraft und Schönheit all das wirkliche Leben des Menschen präsentieren, seine wunderbare und fruchtbare Vergangenheit, seine lebendige und strebende Gegenwart, seine noch lebendigere Sehnsucht und Hoffnung der Zukunft, wird sie aber in tieferer Schau präsentieren, als das Leben des weiten Selbstes und Geistes in der Rasse und als verschleierte Gottheit im Individuum, als einen Akt der Kraft und Freude universalen Seins, in der Größe einer ewigen Manifestation, in der Gegenwart und Innigkeit der Natur, in Harmonie mit der Schönheit und dem Wunder der Bereiche, die sich jenseits der Erde und ihres Lebens erstrecken, im Vormarsch zur Gottheit und zu den Bedeutungen der Unsterblichkeit, in den immer deutlicheren Buchstaben und Symbolen des selbst-offenbarenden Mysteriums und nicht nur in seinen ersten groben und unvollständigen Wirklichkeiten. Diese Wirklichkeiten selbst werden mit einer festeren und feineren Schau behandelt werden, ihre eigene größere Bedeutung finden und für unsere Schau Faden des feineren Gewebes und Gebindes des kosmischen Werkes des Geistes werden. Diese Dichtung wird die Stimme und rhythmische Äußerung unserer größeren, totalen, unendlichen Existenz sein und wird uns das starke und unendliche Gefühl, die spirituelle und vitale Freude, die erhöhende Kraft eines größeren Lebensatems geben.

1 Das Sanskrit-Wort für Dichter. Im klassischen Sanskrit wird es für jeden Verfasser von Vers oder sogar Prosa verwandt, aber im Vedischen bedeutete es Dichter-Seher, der die Wahrheit sah und in einem subtilen Wahrheitshören das inspirierte Wort seiner Schau fand.

2 Ananda, in der Sprache indischer spiritueller Erfahrung die Grundfreude, die das Unendliche an sich selbst und seiner Schöpfung empfindet. Durch das Ananda des unendlichen Selbstes existiert alles, für das Ananda des Selbstes wurde alles erschaffen.

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