Kapitel 3

Selbsthingabe im Wirken — der Weg der Gita

Dieses Leben hier – nicht ein fernes stilles oder hoch erhabenes ekstatisches Jenseits – allein dieses Leben ist das Feld unseres Yoga. Sein zentrales Anliegen muss es sein, unser oberflächliches, enges und fragmentiertes menschliches Denken, Sehen, Fühlen und Sein in ein tiefes und weites spirituelles Bewusstsein und in eine integrierte innere und äußere Existenz zu transformieren und unsere gewöhnliche menschliche Lebensweise in die göttliche Lebensweise zu umzuwandeln. Die Methode, dieses erhabene Ziel zu erreichen, ist ein Selbstgeben unserer ganzen Natur an das Göttliche. Alles soll dem Göttlichen in uns, dem universalen Ganzen und dem transzendenten Höchsten dargebracht werden. Der entscheidende Vorgang besteht darin, dass sich das Ego dem unendlich Größeren zuwendet, sich ihm hingibt und sich bedingungslos unterwirft. Dabei ist unser Wille, unser Herz und unser Denken ganz auf dieses eine und vielfältige Göttliche konzentriert, und wir bringen alles, was wir sind, vorbehaltlos Gott allein dar.

Das Leben der menschlichen Kreatur, wie es im allgemeinen gelebt wird, besteht aus einer Masse von halb gefestigten, halb fließenden, ziemlich unvollkommen beherrschten Gedanken, Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühlen, Wünschen, Vergnügungen und Handlungen. Diese sind größtenteils gewohnheitsmäßig und wiederholen sich. Teilweise haben sie nur einen dynamischen Charakter und entfalten sich aus sich selbst heraus, wobei alles um ein oberflächliches Ego zentriert ist. Die Summe der Abläufe dieser Tätigkeiten führt schließlich zu einem inneren Wachstum, das teils in diesem Leben sichtbar wird und sich hier auswirkt, teils nur den Keim für eine weitere Entfaltung in späteren Lebensabläufen bildet. Der ganze Sinn und die Bedeutung des menschlichen Daseins liegt darin, dass das bewusste Wesen in uns wächst, sich ausdehnt, sich immer besser ausdrückt und harmonischer entfaltet. Der Mensch, das mentale Wesen, ist deshalb in den materiellen Körper eingetreten, damit er auf diese sinnvolle Weise sein Bewusstsein durch Denken, Wollen, Fühlen, Begehren, Handeln und durch sein Erleben entwickelt; diese Entwicklung führt ihn schließlich zur Entdeckung seines höchsten Selbstes. Alles andere hat entweder diesem Ziel zu dienen und ist ihm untergeordnet, oder es ist beiläufig und von untergeordneter Bedeutung. Nur das ist für den Menschen wichtig, was die Evolution seiner Natur fördert und unterstützt und wodurch er sein Selbst und seinen Geist wachsen lässt oder immer mehr entfaltet und entdeckt.

Unser Yoga hat keinen geringeren Zweck, als uns schneller zu diesem erhabenen Ziel unseres irdischen Daseins zu führen. Seine Methode lässt die gewöhnliche zögernde Methode des langsamen und verworrenen Wachsens durch die Evolution der Natur hinter sich. Denn die natürliche Evolution vollzieht sich bestenfalls als ein unsicheres Wachsen im Verborgenen, teils durch den Druck der Umwelt, teils durch tastende Erziehung und wenig erleuchtetes absichtliches Bemühen. Dabei werden die günstigen Möglichkeiten des Fortschritts nur teilweise erleuchtet, teilweise halbautomatisch, mit vielen Irrtümern, Fehlern und Rückfällen genutzt. Ein großer Teil dieser Entwicklung besteht aus scheinbaren Zufällen, Begleitumständen und Wechselfällen, obwohl sich dahinter ein geheimes göttliches Eingreifen und Lenken verbirgt. Im Yoga ersetzen wir diesen verwirrenden Krebsgang durch eine schnelle, bewusste, selbstgeleitete Evolution, die geplant ist und uns, soweit dies möglich ist, auf geradem Weg zu dem Ziel führt, das wir uns gesetzt haben. In gewissem Sinne ist es vielleicht falsch, von einem irgendwo gelegenen Ziel zu sprechen, wenn es um ein Vorwärtsschreiten geht, das durchaus unendlich sein kann. Aber wir können ein unmittelbar vor uns liegendes Ziel ins Auge fassen, einen Daseinszweck, der höher liegt als das bisher Erreichte; danach kann die Seele des Menschen streben. Die Möglichkeit einer Wiedergeburt liegt vor ihm. Er kann sich auf eine höhere und weitere Seinsebene erheben, und diese kann zu ihm herabkommen, um seine Organe und Funktionen zu transformieren. Ein erweitertes, erleuchtetes Bewusstsein ist erreichbar, das ihn zu einem befreiten Geist und zu einer vollkommenen Kraft machen kann. Wenn sich dies über die Grenzen des individuellen Menschen hinaus ausbreitet, kann es sogar eine göttliche Menschheit oder sogar eine neue, eine supramentale und daher übermenschliche Menschenart hervorbringen. Diese Neugeburt ist unser Ziel. Die volle Bedeutung unseres Yoga liegt darin, dass wir in ein göttliches Bewusstsein hineinwachsen: eine ganzheitliche Umwandlung zur Göttlichkeit nicht nur der Seele, sondern aller Teile unserer Natur.

Bei unserem Yoga nehmen wir uns vor, das begrenzte, nach außen schauende Ego zu verbannen und an seiner Stelle Gott als den gebietenden Innewohnenden der Natur auf den Thron zu erheben. Das bedeutet in erster Linie, dass wir das Begehren enterben und den Genuss der Begierden nicht länger als das vorherrschende menschliche Motiv anerkennen. Das spirituelle Leben soll das, was es zu seiner Förderung benötigt, nicht aus dem Begehren beziehen, sondern aus einem reinen selbstlosen spirituellen Entzücken eines wesenhaften Daseins. Einer neuen Geburt und Umgestaltung muss sich nicht nur die vitale Natur in uns unterziehen, die durch das Begehren geprägt wird, sondern ebenso das mentale Wesen. Unser zerteiltes, egoistisches, begrenztes und unwissendes Denken mit seiner Intelligenz soll verschwinden. An seine Stelle soll das allumfassende fehlerlose Spiel einer schattenlosen göttlichen Erleuchtung einströmen, die schließlich ihre Vollendung in einem natürlichen, aus dem Selbst existierenden Wahrheitsbewusstsein finden soll, das von der tastenden Halbwahrheit und dem strauchelnden Irrtum frei ist. Aufhören soll dann unser verworrenes und gehemmtes, im Ego zentriertes, von kleinlichen Motiven getriebenes Wollen und Handeln. Es soll einer göttlich motivierten und gelenkten Kraft Platz machen, damit diese total, rasch, mächtig und lichtvoll automatisch wirken kann. Es soll in all unser Tun ein höchster, apersonaler, unerschrockener und unbeirrbarer Wille eingepflanzt und dort aktiviert werden, der in spontanem und harmonischem Einklang mit dem Willen des Göttlichen steht. Wir sollen das unbefriedigende oberflächliche Spiel unserer schwachen egoistischen Gemütsbewegungen ausschalten. Statt ihrer soll sich ein weites seelisches Herz aus seinen geheimen Tiefen offenbaren, das im Inneren, hinter jenen Gefühlen, auf seine Stunde wartet. Dann werden alle unsere Empfindungen, die von diesem innersten Herzen, dem Sitz des Göttlichen angeregt werden, in die ruhigen, intensiven Regungen einer Zwillingsleidenschaft der göttlichen Liebe und des vielfältigen Ananda umgewandelt werden. Auf diese Weise lässt sich eine göttlich gewordene Menschheit oder ein supramentales Menschentum definieren. Das, und nicht eine auf die Spitze getriebene und stark sublimierte Energie menschlichen Intellekts und Handelns, stellt den Typus des Übermenschen dar, dessen Evolution wir durch unseren Yoga zu bewirken berufen sind.

Im gewöhnlichen menschlichen Dasein macht ein auf die Außenwelt gerichtetes Handeln offensichtlich drei Viertel oder noch mehr unseres Lebens aus. Überwiegend in sich selbst können nur die Ausnahmemenschen leben: der Heilige und der Seher, der außergewöhnliche Denker, der Dichter und Künstler. Diese gestalten sich, zumindest in den wesenhaften Teilen ihrer Natur, mehr in einem inneren Denken und Fühlen als in einem Wirken nach außen. Doch sind diese beiden Seiten nicht voneinander getrennt, sondern eher ist die Harmonie des inneren und die des äußeren Lebens in Fülle eins geworden und umgestaltet in ein Spiel dessen, das über beiden liegt und das die Form vollkommenen Lebens schaffen wird. Darum ist der Yoga des Wirkens ein unerlässliches, unvergleichlich wichtiges Element eines integralen Yoga: das Einswerden mit dem Göttlichen in unserem Wollen und Handeln, nicht nur im Wissen und in den Gemütsbewegungen. Wir hätten nur Stückwerk vollbracht, wenn wir allein unser Denken und Fühlen umgestaltet hätten ohne entsprechende Umkehrung von Geist und Körper unseres Wirkens.

Wenn aber diese totale Umkehrung geleistet werden soll, muss es zu einer Darbringung an das Göttliche ebenso sehr unserer Handlungen und äußeren Betätigungen wie auch unseres Mentals und unseres Herzens kommen. Wir sollen es akzeptieren und fortschreitend leisten, dass wir unsere Befähigung zum Wirken einer hinter uns waltenden höheren Macht überantworten. Dabei soll das Empfinden, wir seien der Handelnde und Täter, verschwinden. Nun ist alles zu einer direkten Verwendung in die Hand des göttlichen Willens zu legen, der durch diese Erscheinungen im Vordergrund noch verdeckt ist. Unser Handeln ist ja erst dadurch möglich, dass jener Wille es zulässt. Der wahre Herr und souveräne Beobachter unserer Handlungen ist eine verborgene Macht. Sie allein besitzt das Wissen von ihrem vollständigen Sinn und letzten Zweck, mitten in all unserer Unwissenheit, Verkehrtheit und Entstellung, die durch das Ego hereingebracht wird. Wir müssen also eine vollständige Transformation unseres begrenzten, entstellten egoistischen Lebens und Wirkens zustande bringen, so dass in breitem, direktem Strömen ein höheres göttliches Leben mit seinem Willen und seiner Energie hervortreten kann, das uns jetzt insgeheim fördert und erhält. Dieser höhere Wille und diese größere Energie sollen in uns bewusst und beherrschend werden. Diese Kraft darf nicht, wie bisher, nur eine überbewusste, unser Dasein erhaltende und zulassende Energie bleiben. Wir sollen es erreichen, dass die allweise Absicht und das Verfahren einer jetzt noch verborgenen allwissenden Macht und eines allmächtigen Wissens ohne Entstellung durch uns hindurchgeleitet werden kann. Diese wird unsere ganze umgewandelte Natur zu ihrem Übermittler machen, der ihr geläutert und ohne Widerstand freudig zustimmt und an ihr teilnimmt. Die grundlegenden Mittel und das letzte Ziel eines integralen Karma-Yoga sind also diese totale Darbringung, diese Überantwortung und die daraus sich ergebende völlige Transformation und freie Transmission.

Selbst für die Suchenden, deren erste natürliche Regung eine Darbringung, eine Überantwortung und eine daraus entstehende völlige Transformation des denkenden Mentals und seines Wissens, oder eine totale Darbringung, eine Überantwortung und Transformation ihres Herzens und seiner Gefühle ist, bildet doch die Weihung der Werke ein notwendiges Element bei einer solchen Wandlung. Sonst könnten sie vielleicht Gott in einem jenseitigen Leben finden, wären aber nicht dazu fähig, das Göttliche in diesem Leben zur vollen Entfaltung zu bringen. Dieses Leben hier wäre dann für sie eine sinnlose, ungöttliche, inkonsequente Sache. Nie würden sie den wahren Sieg erringen, der das Rätsel unserer irdischen Existenz entschlüsselt. Ihre Liebe wäre nicht jene absolute Liebe, die über das Ego triumphiert. Ihr Wissen wäre nicht die totale Bewusstheit und allumfassende Erkenntnis. Es ist wohl möglich, dass man allein mit dem Yoga des Wissens oder mit dem Yoga der auf Gott gerichteten Gefühle oder mit beiden Methoden zugleich beginnt und sich den Yoga des Wirkens für die letzte Phase vorbehält. Das hat aber den Nachteil, dass wir zu ausschließlich in unserem Inneren zu leben bestrebt sind, so dass wir ein verfeinertes Dasein in unserer subjektiven Erfahrung führen und in unsere isolierten inneren Wesensseiten eingeschlossen sind. Wir könnten uns dann in unserer spirituellen Abgeschiedenheit so einkapseln, dass wir es später schwer finden, uns mit sieghafter Kraft nach außen hin zu verströmen und das im Leben zu verwenden, was wir in der höheren Natur gewonnen haben. Wenn wir nachträglich zu unseren inneren Siegen auch dieses äußere Königreich dazugewinnen wollen, würden wir entdecken, dass wir uns zu sehr an eine rein subjektive Aktivität gewöhnt haben, die auf der materiellen Ebene keine effektive Kraft besitzt. Wir würden es dann ungeheuer schwierig finden, unser äußeres Leben und den Körper umzuwandeln. Wir würden auch erkennen, dass unser Handeln mit dem inneren Licht nicht übereinstimmt. Es folgt immer noch den altgewohnten irrigen Wegen und gehorcht immer noch den alten normalen unvollkommenen Einflüssen. Die Wahrheit in unserem Inneren ist immer noch durch eine schmerzliche Kluft von dem unwissenden Mechanismus unserer äußeren Natur abgesondert. Das ist eine häufige Erfahrung, da in einem solchen Prozess das Licht und die Macht in ihr Selbst eingeschlossen auftreten und nicht willens sind, sich im Leben zum Ausdruck zu bringen oder die körperlichen Mittel zu verwenden, die für die Erde und die irdischen Prozesse vorgeschrieben sind. Es ist, als lebten wir in einer anderen, umfassenderen und subtileren Welt und hätten keinen göttlichen Halt und vielleicht überhaupt wenig Halt an der materiellen und irdischen Existenz.

Jedoch muss jeder Mensch seiner eigenen Natur folgen. Immer entstehen dabei Schwierigkeiten, die eben eine Zeitlang akzeptiert werden müssen, wenn wir unseren eigenen natürlichen Yoga-Weg gehen sollen. Der Yoga ist schließlich in erster Linie eine Umwandlung des inneren Bewusstseins und der inneren Natur. Wenn dabei die Gewichte in unseren verschiedenen Wesensseiten so verteilt sind, dass das Innere anfänglich mit einer gewissen Ausschließlichkeit getan und das Übrige für eine spätere Behandlung aufgehoben werden soll, müssen wir uns der hier auftretenden Unvollkommenheit des Vorgangs fügen. Die ideale Ausübung eines integralen Yoga wäre es jedoch, wenn er, von Anfang an, in seinem Ablauf integral und in seinem Fortschreiten umfassend und vielseitig wäre. Jedenfalls haben wir es jetzt mit einem Yoga zu tun, der in seinem Ziel und in seinem ganzen Verlauf integral ist, der vom Handeln ausgeht und durch das Wirken vorwärtsschreitet. Dabei soll die Antriebskraft mit jedem Schritt mehr eine belebende göttliche Liebe sein, und er soll immer mehr durch eine hilfreiche göttliche Erkenntnis erleuchtet werden.

In der Bhagavadgita findet sich das erhabenste Evangelium eines Wirkens aus dem Geist, das der Menschheit bisher geschenkt wurde, das vollkommenste System des Karma-Yoga, das in der Vergangenheit dem Menschen bekannt wurde. In jener berühmten Episode des Mahabharata wurden die Grundlinien des Karma-Yoga für alle Zeiten mit unvergleichlicher Meisterschaft und mit dem unfehlbaren Blick einer gesicherten Erfahrung niedergelegt. Es ist richtig, dass der Weg nur insoweit völlig ausgearbeitet ist, als die Alten ihn sahen. Die vollkommene Erfüllung, das höchste Geheimnis, wird eher angedeutet als ausführlich entwickelt. Es wird als der unausgesprochene Teil eines erhabenen Mysteriums zurückgehalten. Für diese Verschwiegenheit gibt es einleuchtende Gründe. Die Erfüllung ist eine Sache der Erfahrung; keine Belehrung kann sie zum Ausdruck bringen. Sie kann nicht so beschrieben werden, dass sie von einem mentalen Geist, der die aufflammende, umwandelnde Erfahrung nicht besitzt, wirklich verstanden werden könnte. Hat die Seele aber einmal die leuchtenden Portale durchschritten und steht in der Glut des inneren Lichtes, dann ist für sie jede mentale Beschreibung mit Worten ebenso ärmlich wie überflüssig, unangemessen und aufdringlich. Wir müssen die höchsten göttlichen Erlebnisse notgedrungen in unangemessenen und dem Irrtum ausgesetzten Begriffen einer Sprache darstellen, die dazu geschaffen ist, für die normale Erfahrung des mentalen Menschen zu passen. Werden jene Erlebnisse so zum Ausdruck gebracht, können sie nur von denen richtig verstanden werden, die sie bereits wissen und deshalb den dürftigen äußerlichen Begriffen eine veränderte, innerliche und umgestaltende Bedeutung geben können. Die Rishis aus der Zeit des Veda haben schon in jenen Uranfängen behauptet, Worte der erhabensten Weisheit seien nur für solche Menschen ein verständliches Ausdrucksmittel, die schon zu den Weisen gehören. Es mag so aussehen, als ob die Gita an ihrem geheimnisvollen Ende durch ihr Schweigen vor dem Rätsel Halt macht, dessen Lösung wir suchen. Sie bleibt an den Grenzen des höchsten spiritualisierten Mentals stehen, schreitet nicht über sie hinaus in die Herrlichkeiten des supramentalen Lichtes. Dennoch ist das eigentliche, zentrale Geheimnis ihr Mysterium einer dynamischen (nicht nur statischen) Identität mit der inneren Präsenz; ihr höchstes Geheimnis ist eine absolute Überantwortung an den Göttlichen Lenker, Herrn und Bewohner unserer Natur. Diese Überantwortung, Hingabe, ist das unentbehrliche Mittel, um zur supramentalen Wandlung zu gelangen. Die dynamische Identität wiederum wird nur durch eine supramentale Wandlung möglich.

Welches sind also die Grundlinien des Karma-Yoga, wie sie von der Gita dargelegt werden? Sein Schlüsselprinzip und seine spirituelle Methode kann als Vereinigung der zwei umfassenden und höchsten Mächte des Bewusstseins verstanden werden: Gelassenheit und Einheit. Kern seiner Methode ist vorbehaltlose Annahme des Göttlichen in unserem Leben wie in unserem inneren Selbst und unserem Geist. Dem persönlichen Verlangen innerlich entsagen führt zur Gelassenheit, vollendet unsere Überantwortung an das Göttliche und fördert unsere Befreiung vom absondernden Ego, die uns das Einswerden mit ihm bringt. Dieses Einssein muss in dynamischer Kraft geschehen und nicht nur in statischem Frieden und inaktiver Seligkeit. Die Gita verheißt uns Freiheit für den Geist selbst mitten im tätigen Handeln und in der mächtigen Fülle der Naturkräfte, wenn wir bereit sind, unser ganzes Wesen dem zu überantworten, was höher ist als das absondernde und begrenzende Ego. Sie regt zu einer integralen dynamischen Aktivität an, die sich auf eine stille Passivität gründet. Ihr Geheimnis ist eine möglichst umfassende Tätigkeit auf der unerschütterlichen Grundlage einer unbeweglichen Stille; das Handeln soll ein erhabenes inneres Schweigen nach außen hin frei zum Ausdruck bringen.

Alles, was hier existiert, ist das Eine, unteilbare, ewige, transzendente und kosmische Brahman, das in seiner äußeren Erscheinung in Dinge und Geschöpfe zerteilt ist. Das scheint aber nur so zu sein, denn in Wahrheit ist es immer Eines und gleichmäßig in allen Dingen und Geschöpfen. Die Zerteilung ist nur ein Phänomen der Oberfläche. Solange wir unwissend im äußeren Anschein leben, sind wir das Ego und darum den Zuständen der Natur unterworfen. Ohne uns dagegen wehren zu können, lassen wir uns vom eisernen oder vergoldet-eisernen Rad der Maya herumtreiben: an die äußeren Erscheinungen versklavt, an die Dualitäten gebunden, hin und hergeworfen zwischen gut und böse, Sünde und Tugend, Leid und Freude, Schmerz und Lust, Glück und Unglück, Erfolg und Niederlage. Im besten Fall haben wir nur jene kümmerliche relative Freiheit, die wir in unserer Unwissenheit unseren „freien Willen“ nennen. Das ist aber im Grunde illusionär, da es die Seinsweisen der Natur sind, die sich durch unseren personalen Willen zum Ausdruck bringen. Die Kraft der Natur hat uns in ihrer Gewalt, während wir über sie keine Macht ausüben können; sie bestimmt, was wir zu wollen haben und wie wir es wollen sollen. Es ist die Natur, und nicht ein unabhängiges Ego, die in jedem Augenblick unseres Daseins entscheidet, welches Ziel wir durch unseren vernünftigen Willen oder durch einen nicht reflektierenden Impuls suchen sollen. Wenn wir im Gegensatz dazu in der Wirklichkeit des Brahman leben, die alles in der Einheit zusammenhält, gehen wir über unser Ego hinaus und stellen uns oberhalb und jenseits der Natur. Denn wir kehren dann in unser wahres Selbst zurück und werden Geist. Im Geist stehen wir über den Triebkräften der Natur und sind ihren Seinsweisen und Kräften überlegen. Wenn wir so zur vollkommen harmonischen Ausgeglichenheit in der Seele, im Mental und im Herzen gelangen, realisieren wir unser wirkliches Selbst als Einheit: es ist eins mit allen Wesen und ebenso eins mit Dem, was sich in ihnen und in allem, was wir sehen und erfahren, zum Ausdruck bringt. Diese Gelassenheit und dieses Einssein bilden das unentbehrliche Doppelfundament, das wir legen müssen, um ein Sein göttlichen Wesens, ein göttliches Bewusstsein und ein göttliches Handeln zu erlangen. Sind wir nicht mit allen Wesen eins, dann sind wir auch im Geist nicht göttlich. Wenn wir nicht allen Dingen, Geschehnissen und Geschöpfen gegenüber eine gelassen-gleichmütige Seele haben, können wir nicht spirituell schauen, in göttlicher Weise wissen und anderen gegenüber dem göttlichen Wesen entsprechend fühlen. Die Höchste Macht, der eine Ewige und Unendliche, bleibt allen Dingen und allen Wesen gegenüber völlig der Gleiche. Er kann, weil er immer der Gleichbleibende mit einer absoluten Weisheit ist, im Einklang mit der Wahrheit seines Wirkens und seiner Kraft und ebenso im Einklang mit der Wahrheit jedes Dinges und jedes Geschöpfes wirken.

Das ist die einzige für einen Menschen mögliche wahre Freiheit: eine Freiheit, die er erlangen kann, wenn er über seine mentale Abgesondertheit hinauswächst und zur bewussten Seele in der Natur wird. Der einzige freie Wille in der Welt ist allein der göttliche Wille, dessen Vollstreckerin die Natur ist. Denn er ist der Meister und Schöpfer aller anderen Willensregungen. Der menschliche freie Wille kann in gewissem Sinne etwas Wirkliches sein. Er ist aber wie alle Dinge, die zu den Erscheinungsweisen der Natur gehören, nur relativ wirklich. Das Mental treibt auf einem Wirbel natürlicher Kräfte. Es erhält sich sein Gleichgewicht durch einen Ausgleich zwischen mehreren Möglichkeiten. Es neigt auf die eine und dann wieder auf die andere Seite. Es bringt etwas zuwege und hat dabei das Empfinden der eigenen Wahl. Es kann aber nicht wirklich sehen und gewahrt nicht einmal dunkel die Kraft, die hinter dem steht, was seine Wahl bestimmt hat. Das Mental kann deshalb nicht sehen, weil jene Kraft etwas Totales und darum für unsere Augen Unbestimmtes ist. Das Mental kann höchstens mit einer Annäherung an Klarheit und Genauigkeit aus der komplexen Vielfalt der besonderen Determination einige wenige erkennen, durch die jene Kraft ihre unberechenbaren Absichten zur Auswirkung bringt. Das Mental, das nur etwas Partielles ist, sitzt selbst auf einem Teil der Maschine. Es kann neun Zehntel seiner mechanischen Antriebskräfte, die in Zeit und Umwelt wirken, nicht gewahren; es erkennt auch nicht, wozu es in der Vergangenheit vorbereitet wurde und wohin es in der Zukunft treibt. Da es aber in dieser Maschine fährt, glaubt das Mental, es dirigiere sie. In einem gewissen Sinne stimmt das. Denn jene klare Tendenz des Mentals, die wir unseren eigenen Willen nennen, also jene klare Bestimmung der Richtung, die wir für unsere wohlerwogene Entscheidung halten, ist einer der machtvollsten Bestimmungsfaktoren der Natur. Aber dieser Wille ist nie unabhängig und nie allein maßgeblich. Hinter der belanglosen instrumentalen Tätigkeit des menschlichen Willens wirkt etwas ungeheuer Weites, Machtvolles, Ewiges, das den Überblick über die Tendenz des Willens hat und seinen Druck auf seine Einstellung ausübt. In der Natur herrscht eine totale Wahrheit, die größer ist als unsere individuelle Entscheidung. In dieser totalen Wahrheit (oder eigentlich jenseits von ihr und hinter ihr) regiert das, was alle Ergebnisse entscheidend bestimmt. Seine Gegenwart und sein geheimes Wissen halten im Gang der Natur stetig eine dynamische, fast automatische Ordnung der richtigen Beziehungen, der unterschiedlichen oder immer wiederkehrenden Notwendigkeiten und der unvermeidlichen Schritte des Ablaufs aufrecht. Ein geheimer göttlicher Wille bringt sich ewig und unendlich, allwissend und allmächtig sowohl in den universalen Vorgängen als auch in jedem besonderen Prozess aller dieser erscheinenden vergänglichen und endlichen, unbewussten oder halbbewussten Dinge zum Ausdruck. Das ist jene Macht oder Präsenz, auf welche die Gita hinweist, wenn sie von dem Herrn im Herzen aller Geschöpfe des Daseins spricht, durch den diese sich so im Kreise drehen, als ob sie durch die Illusion der Natur auf eine Maschine montiert wären.

Dieser göttliche Wille ist für uns keine fremde Macht oder Präsenz. Er ist uns innig vertraut, und wir selbst sind ein Teil von ihm. Denn unser eigenes höchstes Selbst ist es, das ihn besitzt und trägt. Nur ist das nicht unser bewusster mentaler Wille. Jener göttliche Wille in uns verwirft oft genug das, was unser bewusster Wille akzeptiert, und nimmt das an, was unser bewusster Wille ablehnt. Während dieser geheime Eine alles weiß und jedes Ganze und jegliches Detail kennt, weiß das Mental unserer äußeren Person nur einen ganz geringen Teil der Dinge. Unser Wille wird uns im Mental bewusst; was er weiß, weiß er nur durch das Denken. Der göttliche Wille ist für uns überbewusst, weil er seinem Wesen nach supramental ist; er weiß alles, weil er alles ist. Unser höchstes Selbst, das diese universale Macht besitzt und stützt, ist nicht unser Ego-Selbst und nicht unsere personale Natur. Es ist etwas Transzendentes und Universales, wovon diese untergeordneten Erscheinungen nur etwas wie ein Schaum und eine flutende Oberfläche sind. Wenn wir unseren bewussten Willen überantworten und ihn mit dem Willen des Ewigen einswerden lassen, dann, und nur dann, werden wir zur wahren Freiheit gelangen. Wir werden dann in der göttlichen Freiheit leben und uns nicht mehr an diesen gefesselten sogenannten freien Willen klammern, an die Freiheit einer Marionette, die unwissend, illusionär, relativ und an den Irrtum ihrer eigenen unzulänglichen vitalen Motive und mentalen Gedankenbilder gebunden ist.

In unserem Bewusstsein muss streng festgehalten werden: der grundlegende Unterschied zwischen einer mechanischen Natur und dem freien Herrn über die Natur, dem Ishwara, dem einzigen lichtvollen göttlichen Willen und den vielen vollziehenden Wirkensweisen und Kräften des Universums.

Die Natur ist – anders, als sie in ihrer göttlichen Wahrheit die bewusste Macht des Ewigen ist – hier vielmehr so, wie sie uns in unserer Unwissenheit erscheint: die vollziehende Kraft, mechanisch in ihren Prozessen und – wenigstens wie wir sie erfahren – nicht bewusst intelligent, wenn auch all ihre Wirkensweisen von einer absoluten Intelligenz durchdrungen sind. Sie ist nicht an sich Meister und Herr. Vielmehr ist sie von einer ihres Selbst bewussten Macht erfüllt. Diese Macht ist die bewusste göttliche Shakti des Ishwara, die transzendente und universale Mutter. Diese Macht besitzt eine unendliche Meisterschaft. Aus dieser sie treibenden Macht regiert die Natur alles und bringt in genauer Weise das Werk zur Erfüllung, das in ihr vom Ishwara beabsichtigt ist. Sie selbst genießt und besitzt ihr Wirken nicht, sondern dient zu seinem Genuss und muss in sich die Bürde alles dessen tragen, wovon die Geschöpfe leben. Die Natur als Prakriti ist eine in Trägheit aktive Kraft, da sie Abläufe zur Auswirkung bringen muss, die ihr aufgezwungen sind. Aber in ihrem Inneren ist jener Eine, der das Wissen besitzt. Dort thront ein Einiges Wesen, das jede Triebkraft und jeden Prozess in ihr kennt. Prakriti wirkt so, weil sie das Wissen, die Meisterschaft und die Seligkeit des Purusha, des Wesens, in sich enthält, das eng mit ihr verbunden ist oder in ihr wohnt. Sie kann aber an diesen Funktionen nur dadurch teilnehmen, dass sie sich ihm unterwirft und das widerspiegelt, was sie erfüllt. Purusha hat das Wissen; er verhält sich still und inaktiv. Er trägt das Wirken der Prakriti im Inneren seines Bewusstseins und Wissens und hat es zu eigen. Er erteilt dem Wirken der Prakriti seine Zustimmung, und sie bringt das, was von ihm sanktioniert wurde, ihm zur Freude zur Auswirkung. Purusha selbst ist nicht der Vollziehende. Erträgt und fördert Prakriti bei ihrem Wirken und gestattet ihr, in Energie, Verfahren und geformtem Ergebnis das zum Ausdruck zu bringen, was er in seinem Wissen wahrnimmt. Diese Unterscheidung wird in der Philosophie des Sankhya gemacht. Obwohl das nicht die ganze Wahrheit und keineswegs die höchste Wahrheit über Purusha und Prakriti ist, stellt es doch eine gültige, unentbehrliche, praktische Erkenntnis in der niederen Hemisphäre des Daseins dar.

Die individuelle Seele oder das in einer menschlichen Gestalt bewusst gewordene Wesen kann sich entweder mit diesem Purusha, der die Erfahrung macht, oder mit dieser aktiven Prakriti identifizieren. Wenn sie sich mit der Prakriti identifiziert, ist sie nicht der Herr, der Genießende und der Wissende. Vielmehr spiegelt sie die Seinsweisen und Wirkensarten der Prakriti wider. Durch ihre Identifikation gerät sie in jene Abhängigkeit und in jene mechanische Wirkensweise, die für Prakriti charakteristisch ist. Wenn nun die Seele vollständig in Prakriti untertaucht, wird sie überhaupt unbewusst oder unterbewusst. Sie versinkt in ihren Gestaltungen in einen Schlaf, wie in der Erde und im Metall, oder in einen Halbschlummer, wie im Pflanzenleben. In jener Unbewusstheit ist sie der Herrschaft des Tamas unterworfen, des Prinzips, der Macht und der qualitativen Seinsweise der Dunkelheit und Trägheit. Die beiden höheren Prinzipien Sattwa und Rajas sind zwar dort auch vorhanden, sie sind aber unter einem dichten Überzug von Tamas verborgen. Wenn nun das verkörperte Wesen in seine, ihm eigentümliche Natur des Bewusstseins emportaucht, jedoch noch nicht wahrhaft bewusst ist, da sich in der Natur immer noch eine allzu große Beherrschung durch Tamas vorfindet, wird es immer mehr dem Rajas unterworfen, dem Prinzip, der Macht und der qualitativen Seinsweise von Aktion und Passion, die durch das Begehren und den Instinkt getrieben sind. So wird die Tier-Natur gebildet und entfaltet. Sie ist im Bewusstsein eng, in der Intelligenz rudimentär, eine Mischung von Rajas und Tamas im vitalen Verhalten und im Impuls. Taucht das verkörperte Wesen noch höher aus der großen Unbewusstheit bis zu einem spirituellen Status empor, dann setzt es das Sattwa, die Seinsweise des Lichtes, frei. Dadurch erwirbt es eine relative Freiheit, eine Meisterschaft, ein Wissen und zugleich damit das – wenn auch noch beschränkte und bedingte – Empfinden einer inneren Befriedigung und Freude. Das ist die Natur, die der Mensch, das mentale Wesen in einem physischen Körper, darstellen sollte. Bis jetzt sind aber nur wenige unter der großen Masse beseelter Körper von solcher Natur. Im Allgemeinen hat der Mensch noch zu viel von der dunklen Trägheit der Erde und der verworrenen, unwissenden Lebenskraft des Tieres an sich, als dass er eine Seele des Lichtes und der Seligkeit oder sogar das Mental eines harmonischen Wollens und Wissens wäre. Der Aufstieg des Menschen zum wahren, freien Charakter des Purusha, des Meisters, des Wissenden und des souveränen Besitzers, ist jetzt noch unvollständig, voller Hindernisse und Rückschläge. Denn diese Seinsweisen sind in der menschlichen und irdischen Erfahrung noch etwas Relatives. Keine von ihnen trägt die ihr eigentümliche absolute Frucht. Alle sind miteinander vermischt, so dass es nirgends zur reinen Wirkensweise einer einzigen von ihnen kommt. Ihr verworrenes und unbeständiges Ineinanderwirken bestimmt die Erfahrungen des egoistischen menschlichen Bewusstsein, das in einem unsicheren Gleichgewicht der Natur hin- und herpendelt.

Kennzeichnend für das Versunkensein der verkörperten Seele in Prakriti ist es, dass das Bewusstsein auf das Ego beschränkt ist. Man kann den Charakter dieses begrenzten Bewusstseins deutlich daran sehen, dass das Mental und das Herz ständig unausgeglichen sind. Sie befinden sich in einem verworrenen Widerstreit und in einer Disharmonie bei ihren vielartigen Reaktionen auf die Einwirkungen der Erfahrung. Die menschlichen Reaktionen pendeln ständig zwischen Gegensätzlichkeiten hin und her. Diese werden dadurch verursacht, dass die Seele der Natur unterworfen ist und oft intensiv, aber eingeengt, um ihre Meisterschaft und Verfügung über die Natur ringt; der Kampf ist meistenteils erfolglos. Die Seele läuft in einem unendlichen Kreislauf zwischen den verführerischen und quälenden Gegensätzlichkeiten der Natur herum: Erfolg und Fehlschlag, Glück und Unglück, das Gute und das Böse, Sünde und Tugend, Freude und Leid, Schmerz und Lust. Erst dann kann die Seele von diesen Dingen frei werden und ihre richtige Beziehung zu dieser vollziehenden Weltnatur finden, wenn sie aus ihrem Versunkensein in Prakriti aufwacht und ihr Einssein mit dem Einen und mit allen existierenden Wesen wahrnimmt. Dann wird sie den niederen Seinsweisen der Natur gegenüber gleichgültig; inmitten ihrer Gegensätzlichkeiten wird sie gleichmütig; sie kann über sie Herr und von ihnen frei werden. Nun nimmt die Seele ihre Stellung oberhalb von Prakriti ein als der auf seinem hohen Thron sitzende Wissende und Beobachter, der von der stillen, intensiven, unvermischten Seligkeit seines eigenen ewigen Daseins erfüllt ist. Der verkörperte Geist bringt seine Mächte immer weiter im aktiven Wirken zum Ausdruck. Er ist aber nicht länger in die Unwissenheit verwickelt und wird durch seine Werke nicht mehr gebunden. Seine Handlungen tragen in ihm selbst keine Konsequenz mehr, sondern nur eine Konsequenz außerhalb, in der Prakriti. So wird der ganze Ablauf der Natur für die Erfahrung des Geistes zu einem Steigen und Fallen von Wellen an der Oberfläche, die keine Einwirkung mehr auf seinen unergründlichen Frieden, seine weite Seligkeit, seine universale Ausgeglichenheit und sein grenzenloses Sein in Gott ausüben.1

Das sind die Grundbedingungen für unser Bemühen. Sie weisen auf ein Ideal hin, das in den folgenden oder in gleichwertigen Begriffen formuliert werden kann:

Wir sollen in Gott leben und nicht im Ego. Darum werden wir uns viel mehr in dem Bewusstsein der All-Seele und des Transzendenten bewegen, das auf einer weitesten Grundlage ruht, und nicht in dem kleinen egoistischen Bewusstsein.

Wir sollen allen Geschehnissen und allen Wesen gegenüber völlig ausgeglichen sein und sie in ihrem Einssein mit dem eigenen Selbst und mit dem Göttlichen sehen und fühlen; wir sollen sie alle im eigenen Selbst und alle in Gott erleben; wir sollen Gott in ihnen allen erfahren und uns selbst in allen.

Wir sollen in Gott wirken und nicht im Ego. Man soll hier das Wirken nicht in erster Linie im Hinblick auf persönliche Bedürfnisse und Auffassungen wählen, sondern im Gehorsam gegenüber den Geboten der lebendigen höchsten Wahrheit, die über uns ist. Ferner sollen wir, sobald wir im spirituellen Bewusstsein genügend fest gegründet sind, nicht mehr durch unseren abgesonderten Willen oder aus egoistischen Regungen handeln, sondern unser Wirken soll immer mehr unter dem Impuls und der Lenkung durch einen göttlichen Willen geschehen, der höher ist als der unsrige. Schließlich sollen wir – und das ist das höchste Ergebnis – in eine Identität mit der Göttlichen Shakti in Wissen, Kraft, Bewusstsein, Handeln und Daseinsfreude erhoben sein. Wir werden dabei eine dynamische Regung fühlen, die nicht durch das sterbliche Begehren, den vitalen Instinkt und Impuls oder den trügerischen freien Willen beherrscht, sondern lichtvoll empfangen und in unsterblichem Entzücken des Selbstes und in unendlichem Wissen des Selbst entfaltet wird. Das ist die Wirkensweise, die durch bewusste Unterwerfung und Versenkung des natürlichen Menschen unter und in das göttliche Selbst und den ewigen Geist zustande kommt. Der Geist allein ist es, der diese Weltnatur für immer transzendiert und dennoch lenkt.

Durch welche praktischen Schritte einer Selbstdisziplin können wir aber zu diesem hohen Ziele gelangen?

Der Schlüssel zu der Vollkommenheit, die wir erstreben, besteht eindeutig darin, dass wir jegliche egoistische Betätigung und ihr Fundament, das egoistische Bewusstsein, ausschalten. Da nun auf dem Wege des Wirkens das Handeln der Knoten ist, den wir zuerst aufzulösen haben, müssen wir uns bemühen, ihn dort aufzubinden, wo er zentral geknüpft ist: im Begehren und im Ego. Denn sonst schneiden wir nur ein paar unwichtige äußere Fäden durch, aber nicht den Hauptstrang unserer Gebundenheit. Das sind die beiden Knoten, durch die wir dieser unwissenden und zerteilten Natur unterworfen sind: das Begehren und der Ego-Sinn. Von diesen beiden hat das Begehren seinen Ursprung in den Gefühlen, Empfindungen und Instinkten. Von dorther beeinträchtigt es das Denken und die Willensbildung. In diesen Regungen lebt eigentlich der Ego-Sinn. Er senkt aber seine tiefen Wurzeln auch in das denkende Mental und in seinen Willen hinab. Dort wird er erst völlig seiner selbst bewusst. Das sind die dunklen Zwillingsmächte der weltweiten Unwissenheit, von der wir besessen sind und die wir aufzuhellen und auszuschalten haben.

Auf dem Gebiet des Handelns nimmt das Begehren viele Formen an. Am mächtigsten ist die Begierde des vitalen Egos oder das eigensüchtige Streben nach dem Ertrag unserer Werke. Wir mögen dabei als Frucht etwa den Lohn einer inneren Freude an unserem Handeln begehren. Vielleicht ist es der Erfolg einer Lieblingsidee, eines besonders gehegten Wunsches, die Befriedigung egoistischer Gefühle oder der Stolz, dass unsere höchsten Hoffnungen und ehrgeizigen Pläne zum Erfolg kamen. Es kann auch ein äußerer Lohn sein, eine völlig materielle Vergütung: Reichtum, Stellung, Ehre, Sieg, Glück oder irgendeine andere Erfüllung unseres vitalen oder körperlichen Begehrens. Sie alle sind in gleicher Welse die Verführungen, durch die unser Egoismus uns in Fesseln hält. Diese Befriedigungen verführen uns immer wieder dazu, uns als die Herren zu empfinden. Oder sie wirken durch die Idee der Freiheit, während wir doch in Wirklichkeit von irgendeiner groben oder feinen, edlen oder unedlen Form des blinden Begehrens, das die Welt treibt, an der Kandare gehalten, gelenkt, geritten und vorwärtsgepeitscht werden. Darum ist es die Grundregel für das Wirken, die in der Gita niedergelegt ist: wir sollen das Werk, das getan werden muss, tun ohne Verlangen nach seiner Frucht, niskāma karma.

Das sieht wie eine ganz einfache Regel aus. Wie schwer ist es jedoch, sie absolut aufrichtig und befreiend vollständig durchzuführen! Bei dem größeren Teil unseres Wirkens verwenden wir diesen Grundsatz recht wenig, wenn überhaupt. Aber auch dann ist das zumeist nur eine Art Gegengewicht gegen das normale Prinzip des Begehrens, um die äußerste Auswirkung jenes tyrannischen Impulses ein wenig zu mildern. Im besten Falle sind wir zufrieden, wenn wir zu einem gemäßigten disziplinierten Egoismus gelangen, der unseren moralischen Sinn nicht zu sehr schockiert und für die anderen Menschen nicht zu brutal anstößig ist. Unserer teilweisen Selbstdisziplin geben wir verschiedene Namen und Formen. Wir gewöhnen uns durch diese Praxis an das Pflichtbewusstsein, an Prinzipientreue, an eine stoische Tapferkeit, eine religiöse Resignation und an eine stille oder ekstatische Unterwerfung unter Gottes Willen. Das ist es aber nicht, was die Gita beabsichtigt, wenn diese Dinge auch an ihrem Orte nützlich sein mögen. Sie erstrebt etwas Absolutes, nicht etwas Herabgemindertes; sie will etwas Kompromissloses, eine Einstellung und Haltung, welche die Grundstimmung der Seele verändert. Ihre Vorschrift ist nicht, dass das Mental den vitalen Impuls beherrschen soll, sondern sie strebt nach der unbeweglichen Stärke eines unsterblichen Geistes.

Als Test dafür empfiehlt sie eine absolute harmonische Ausgeglichenheit des Mentals und des Herzens allen Ergebnissen, allen Reaktionen und Geschehnissen gegenüber. Wenn uns Glück und Unglück, Achtung und Beleidigung, Ansehen und Schmach, Sieg und Niederlage, erfreuliche und leidvolle Ereignisse nicht nur unerschüttert, sondern sogar unberührt und in unseren Gefühlen, Nervenreaktionen und im neutralen Schauen so frei lassen, dass wir an keiner Stelle unserer Natur mehr mit der geringsten Verwirrung oder Vibration reagieren, nur dann besitzen wir die absolute Befreiung, zu der uns die Gita anleitet. Die kleinste Reaktion ist ein Beweis dafür, dass unsere Disziplin noch unvollkommen ist, dass irgendeine Seite in uns noch die Unwissenheit und Gebundenheit als ihr Gesetz akzeptiert und sich noch an die alte Natur klammert. Die Eroberung unseres Egos ist dann nur teilweise vollendet. Sie ist noch unvollkommen oder auf irgendeinem Gebiet, in einem Teil oder Punkt unserer Natur noch nicht wirklich geworden. Dieser kleine Schleuderstein der Unvollkommenheit könnte den ganzen Erfolg des Yoga zu Fall bringen.

Es gibt gewisse Ähnlichkeiten mit einem ausgeglichenen Geist, die man nicht mit jener tiefen, weiten, spirituellen Gelassenheit verwechseln darf, wie sie die Gita lehrt. Dazu gehört die gleichmütige Haltung einer enttäuschten Resignation, ein Gleichmut des Stolzes oder eine unbewegte Haltung der Härte und Gleichgültigkeit. Das alles ist seiner Natur nach egoistisch. Diese Haltungen stellen sich im Laufe der Sadhana unvermeidlich ein. Sie müssen aber zurückgewiesen oder in die wahre innere Stille transformiert werden. Auf einer höheren Ebene gibt es auch den Gleichmut des Stoikers, die Ausgeglichenheit einer frommen Resignation oder eine weise Abgeschiedenheit, den Gleichmut der Seele, die über die Welt erhaben und ihrem Treiben gegenüber gleichgültig ist. Auch diese Haltungen sind unzureichend. Sie können die ersten Zugänge zum Karma-Yoga sein. Bestenfalls sind sie aber nur frühe Phasen der Seele oder unvollkommene mentale Vorbereitungen für unser Eingehen in das wahre, absolute Einssein des Geistes, das aus dem Selbst existiert, weit und gelassen ist.

Denn das ist gewiss: zu einem so hohen Ergebnis kann man nicht unmittelbar und ohne vorhergehende Stufen gelangen. Zuerst müssen wir lernen, in der Mitte unseres Wesens verharrend, ungerührt und schweigend die Erschütterungen der Welt zu ertragen, selbst wenn dadurch Mental, Herz und Leben an der Außenseite stark erregt werden. Wir sollen dort, auf dem Felsengrund unseres Lebens, die beobachtende Seele absondern, die dahinter oder tief im Inneren unantastbar durch die äußeren Wirkensweisen unserer Natur existiert. Wenn sich dann die Stille und Stetigkeit der freien, losgelösten Seele auf ihre Instrumente auswirkt, wird es allmählich möglich werden, dass sie aus der leuchtenden Mitte auch Frieden auf die dunkleren Bereiche, an der Peripherie ausstrahlt. Bei diesem Prozess können wir vorübergehend viele niederen Phasen zuhilfe nehmen: ein gewisser Stoizismus, eine bestimmte ruhige Weltbetrachtung und auch eine religiöse Ergriffenheit können uns dazu helfen, dass wir unserem Ziele näherkommen, oder wir verwenden die weniger starken und hohen, jedoch ebenfalls nutzbringenden Kräfte unserer mentalen Natur. Am Ende müssen wir uns aber entweder aller dieser Hilfen entledigen oder sie umwandeln. Dadurch sollen wir zur harmonischen Ausgeglichenheit (Gelassenheit) und einem vollkommenen, im Selbst gegründeten inneren Frieden und, wenn wir können, zu einer totalen, unerschütterlichen, im Selbst ruhenden spontanen Seligkeit in allen unseren Wesensschichten gelangen.

Wie können wir dann überhaupt noch handeln? Gewöhnlich wird das menschliche Wesen doch nur deshalb aktiv, weil es ein Begehren hat oder ein mentales, vitales oder physisches Bedürfnis oder einen Mangel verspürt. Der Mensch wird durch die Notdurft seines Körpers, durch das Verlangen nach Reichtum, nach Ehre oder Ruhm angetrieben. Oder ihn beherrscht eine Sehnsucht nach der persönlichen Befriedigung seines Mentals oder Herzens, oder ein Drang nach Macht oder Vergnügen. Er mag auch von einem moralischen Bedürfnis oder zumindest von der Notwendigkeit oder dem Verlangen ergriffen und gedrängt werden, seine Ideen, seine Ideale, seinen Willen, seine Partei, sein Land oder seine Götter in der Welt dominierend zu machen. Wenn nun kein solches Verlangen und auch kein anderes die Triebfeder unseres Handelns sein darf, dann könnte es scheinen, als ob jeder Anreiz oder jede Motivkraft fehlt und das Handeln selbst aufhören müsse. Die Gita antwortet mit dem dritten großen Geheimnis des göttlichen Lebens: alles Handeln muss mehr und mehr in einem auf Gott ausgerichteten und schließlich ganz von Gott beherrschten Bewusstsein geleistet werden. Unsere Werke sollen ein Opfer an Gott sein. Zuletzt soll eine Unterwerfung unseres ganzen Wesens, unseres Mentals und Willens, des Herzens und der Empfindungen, des Lebens und Körpers unter den Einen die Liebe zu Gott und den Dienst an der Gottheit zu unserem einzigen Motiv machen. Diese Transformation der Motivkraft und des eigentlichen Charakters des Wirkens ist die Hauptidee der Gita. Sie ist die Grundlage ihrer einzigartigen Synthese von Wirken, Lieben und Wissen. Am Ende verbleibt nicht unser Verlangen, sondern der bewusst gefühlte Wille des Ewigen als die einzig treibende Macht unseres Handelns und als der einzige Urheber seiner Initiative.

Gelassenheit, Verzicht auf alles Verlangen nach der Frucht unseres Wirkens, Handeln, das als ein Opfer dem erhabenen Herrn unserer Natur dargebracht wird – das sind die drei wichtigsten Zugänge zu Gott auf dem Weg des Karma-Yoga der Gita.

1 Der Karma-Yoga braucht nicht ohne weiteres die ganze Weltanschauung der Gita anzunehmen. Wir können diese als die Darstellung einer psychologischen Erfahrung ansehen, die als praktische Grundlage für den Yoga verwendbar ist. In unserem Zusammenhang ist sie gültig und steht in völliger Übereinstimmung mit einer hohen und weiten Erfahrung. Aus diesem Grund wollte ich sie hier, soweit das möglich ist, in der Sprache des modernen Denkens darstellen und dabei alles weglassen, was mehr in die Metaphysik gehört als in die Psychologie.