Kapitel 3

Haben Tiere einen bösen Willen?

Worte der Mutter

Tiere haben doch keinen bösen Willen?

Ich denke nicht. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, da ich nicht alle Tierarten kenne, aber ich habe Dinge gehört, die uns wie Grausamkeiten erscheinen, aber dennoch nicht Fälle bösen Willens sind. Nehmen wir zum Beispiel die Welt der Insekten; von all den Tierarten ist sie es, die am meisten das Gefühl dessen enthält, was wir Boshaftigkeit nennen – und was man bösen Willen nennen könnte, aber es könnte sehr gut sein, dass dies unser Bewusstsein ist, das auf ihre Regungen angewandt wird und eine Regung der Boshaftigkeit oder bösen Willens sieht… Es gibt Insekten, deren Larven sich nur von einem Lebewesen ernähren können. Sie können sich nur davon ernähren; totes Fleisch ernährt sie nicht. Das Elterninsekt, das Eier legen wird (welche zu Larven werden) beginnt damit, dass es in das Nervenzentrum eines anderen Insekts oder kleinen niederen Tieres sticht und es lähmt, und danach legt es sanft seine Eier in solcher Weise hinein, dass, wenn die Eier gebrütet werden, die Larven sich von jenem gelähmten, aber noch nicht toten Tier ernähren. Das ist sehr hinterlistig, nicht wahr? Ganz offenbar ist es nicht das Resultat bewussten Denkens, es ist ein Instinkt. Kann man dies bösen Willen nennen? Ist dies böser Wille?… Es ist einfach nur der Fortpflanzungsinstinkt.

Wenn wir sagen, dass diese Insekten vom Geist der Spezies bewegt werden, der in sich selbst bewusst ist und einen bewussten Willen hat, so können wir dann vielleicht sagen, dass all diese Vorstellungen (ich gebe dir dieses eine Beispiel, aber es gibt eine Menge anderer, die ebenso furchtbar, monströs für unser menschliches Bewusstsein sind), dass all diese Wesen, Gestalter, die diese Insekten geschaffen haben, schreckliche Wesen sein müssen, nicht wahr, und eine perverse und teuflische Imagination haben. Das ist gut möglich, denn tatsächlich heißt es auch, dass der Ursprung der Insekten-Spezies ein vitaler ist, das heißt, Wesen, die den bösen Willen in der Welt nicht nur symbolisieren, sondern repräsentieren und davon leben. Sie sind sich ihres bösen Willens sehr bewusst, und das ist vorsätzlich. Der böse Wille von Menschen ist gewöhnlich nur eine Art Widerspiegelung – eine Nachahmung oder Widerspiegelung – des Willens der Wesen des Vitals, eines Willens, der der Schöpfung klar feindlich gesonnen ist, um die Dinge so schmerzlich, hässlich, sorgenvoll, monströs wie möglich zu machen. Es heißt, dass diese Wesenheiten Insekten geschaffen haben. Aber die Insekten-Spezies repräsentiert nicht vorsätzlich das Böse. Die Insekten werden von einem unbewussten Instinkt bewegt. Sie tun nicht absichtlich Böses. Sie tun es, weil es in ihrer Natur ist. Was ich bösen Willen nenne, das ist wirklich der Wille, Böses um seiner selbst willen zu tun, zu zerstören um des Zerstören willens, zu schädigen um der Schädigung willen und um die Tatsache böser Handlung zu genießen. Das ist eigentlich böser Wille. Egoismus, so meine ich, beginnt mit der Entstehung des Mentals. Ich kann es nicht sicher sagen, denn stets werden neue Dinge entdeckt. Aber was ich bei der Tierspezies gesehen habe, spezifisch bei den höheren Tieren, kann der Selbsterhaltungstrieb sein, kann Gewaltsamkeit sein, obskure und brutale Reaktionen, aber nennen wir das wirklich bösen Willen?… Es ist möglich. Wenn jemand mir einen Vorfall berichten könnte, den er beobachtet hat und der das Gegenteil beweist, so bin ich bereit, das einzugestehen, aber vorläufig ist es so, dass ich nichts derartiges gesehen habe. Was ich bei Tieren kenne, ist nur ihr Instinkt, der sie zur Handlung treibt, aber sie haben nicht jene Perversion, die sich im menschlichen Mental findet. Ich glaube, mit dieser Art mentaler Funktionen und unter dem direkten Einfluss des Vitals wurde der Mensch zu einem Wesen mit bösem Willen. Die Titanen sind Wesen bösen Willens, aber sie sind Wesen der vitalen Welt, die in den Kräften der Natur manifestiert sind: sie wollen Böses tun, weil ihnen dieses als solches Spaß macht, zerstören um der Freude des Zerstörens willen.

Man erwähnt zum Beispiel immer die Grausamkeit von Katzen, die mit der Maus spielen, bevor sie diese verzehren. Das ist ein Beispiel, das man Kindern gibt; aber ich hatte Katzen beobachtet. Ich weiß, was sie tun. Und es ist keineswegs wahr: Sie tun dies keineswegs aus Boshaftigkeit. Gewöhnlich geschieht es folgendermaßen: die Mutterkatze jagt für die Jungen und fängt eine Maus. Wenn sie den Jungen die Maus gleich geben würde, könnten sie die Maus nicht fressen, denn sie ist hart, zäh, und sie haben nicht die Fähigkeit, so hartes, zähes Fleisch zu fressen. Es ist auch nicht gut in diesem Zustand. Daher spielen die Katzen damit (sie scheinen damit zu spielen), sie werfen sie herum, rollen sie, fangen sie, lassen die Maus rennen, und rennen hinter ihr her, bis sie gut aufgeweicht ist. Und wenn die Maus so aufgeweicht ist, bereit zum Verzehr, und das Fleisch gut bearbeitet, dann geben sie es den Kleinen, die es jetzt fressen können. Aber sicher spielen sie nicht mit der Maus um des Spaßes willen! Sie jagen zuerst und bereiten dann die Mahlzeit zu. Sie haben weder Herd noch Feuer zum Kochen und machen die Sache weich. Sie müssen es vorbereiten für den Verzehr.

Aber es heißt auch, dass der erste Ausdruck von Liebe in Lebewesen Verlangen ist, zu verschlingen. Man will absorbieren, wünscht zu verschlingen. Es gibt ein Beispiel, das zu beweisen scheint, dass dies nicht ganz falsch ist – das heißt, wenn der Tiger seine Beute schnappt oder die Schlange ihr Opfer, dann geschieht es, dass sowohl die Opfer von Tiger und Schlange sich in einer Art Freude des Verschlungenwerdens ergeben. Man berichtet die Erfahrung eines Mannes, der mit seinen Freunden im Busch war, etwas zurückblieb und von einem Tiger, einem Menschenfresser gepackt wurde. Die anderen kamen zurück, als sie sahen, dass er nicht da war. Sie sahen die Spuren. Sie rannten hinter ihm her, gerade noch rechtzeitig, um den Tiger daran zu hindern, ihn zu fressen. Als der Mann wieder zu sich kam, sagten sie ihm, er müsse wohl eine furchtbare Erfahrung durchgemacht haben. Er sagte: „Nein, stellt euch nur vor, ich weiß gar nicht, was mit mir geschah; sobald der Tiger mich packte, und während er mich wegschleppte, empfand ich intensive Liebe für ihn und ein großes Verlangen, von ihm gefressen zu werden!“

Dies ist wirklich wahr, es ist keine Erfindung. Es ist eine wahre Geschichte.

Ja, ich sah es mit eigenen Augen. Ich denke, ich habe diese Geschichte schon erzählt – die Geschichte vom kleinen Kaninchen, das in den Käfig einer Python gesetzt worden war. Es war im Käfig im Jardin des Plantes in Paris. Es war der Tag des Frühstücks für die Schlange. Ich war zufällig dort. Der Käfig wurde geöffnet, das kleine weiße Kaninchen hineingesetzt. Es war ein hübsches kleines weißes Kaninchen und es floh sofort zum anderen Ende des Käfigs und zitterte enorm. Es war ein furchtbarer Anblick, denn das Kaninchen wusste gut, was geschah, es hatte die Schlange gefühlt, es wusste sehr gut, was es erwartete. Die Schlange lag zusammengerollt auf der Matte. Sie schien zu schlafen. Dann streckte sie sehr ruhig ihren Hals und Kopf vor und begann, das Kaninchen anzuschauen. Sie sah es reglos an – blickte es nur an. Ich betrachtete das Kaninchen, das zuerst aufhörte zu zittern; es hatte keine Angst mehr. Es war ganz zusammengezogen und begann sich vom Schreck zu erholen. Dann sah ich, wie es seinen Kopf anhob, seine Augen weit öffnete und die Schlange ansah, und langsam, sehr langsam ging es zu ihr hin, bis es sich genau in der richtigen Entfernung befand. Dann packte die Schlange es mit einem einzigen Vorschnellen – ohne jede Störung, ohne sich auch nur zu entrollen, indem sie einfach blieb, wo sie war – hopp! nahm sie es. Und dann begann sie es zu rollen, für die Mahlzeit vorzubereiten. Das tat sie nicht, um mit ihm zu spielen. Sie bereitete es gründlich vor. Sie zerbrach sorgfältig alle Knochen, ließ sie krachen; dann beschmierte sie es mit einer Art klebriger Substanz, um es ganz schlüpfrig zu machen. Und als alles bereit war, begann sie es langsam, bequem zu verschlingen… Aber sie musste dafür keine Anstrengung unternehmen, sie musste nicht die geringste Bewegung machen außer der einen schnellen, um es zu packen, als es vor ihr stand. Das andere Geschöpf war zu ihr gekommen.

So geschah es also. In der Tat gibt es viele Dinge in der Natur. Es gibt dies, es gibt vielleicht auch schlechten Willen. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob es nicht eine jener Gaben ist, die die mentale Aktivität dem Menschen eingebracht hat… sobald er von seinem Instinkt getrennt wurde und unabhängig handeln wollte…

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