Kapitel 3
Das Schicksal des Menschen – Prophetische Vision von Sri Aurobindo
Worte Sri Aurobindos
Der größere Plan
Mich hält nicht mehr der Lockruf der Lebensmacht,
Ihr Glück und Leid, ihr Reiz, ihres Lachens Klang.
Der Flöte Zaubermomente sind verstummt
Und Form und Farbe und flüchtig währende Ekstase.
In Geistes einsamer Weite lausche ich
Der Stimme, die da spricht wenn sterbliche Lippen still:
Ich suche das Wunder von Dingen, die absolut,
Geboren aus dem Schweigen der Ewigkeit.
In des Menschen Seele tief ein Bedürfnis wohnt,
Das der Oberfläche Glanz nie sättigen kann;
Denn Leben und Mental und deren Glorie und Zwist
Sind größeren Themas langes Präludium,
Eines überirdischen Planes wirrer Entwurf,
Zum Epos des Allerhöchsten erst ein Prolog.
Auszüge aus dem Werk „Das Göttliche Leben“
Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur sozusagen den Menschen erarbeitet hat. Der Mensch mag sehr wohl ein denkendes, lebendiges Laboratorium sein, in dem sie mit seiner bewussten Mitwirkung den Übermenschen, den Gott erarbeiten will. Oder sollten wir nicht besser sagen: Gott offenbaren will? Denn wenn die Evolution die fortschreitende Offenbarung seitens der Natur von dem ist, was in ihr schlief oder involviert in ihr wirkte, ist die Natur auch die offenbare Realisation von dem, was sie insgeheim ist. Wir dürfen sie also nicht auf einer gewissen Stufe ihrer Evolution bitten, innezuhalten, und wir haben auch nicht das Recht, mit den Vertretern der Religion als verkehrt und anmaßend oder, mit den Vertretern des Rationalismus, als Krankheit oder Halluzination ihre etwaige Absicht oder ihr Bemühen zu verurteilen, über die jetzige Stufe hinauszugehen. Wenn es wahr ist, dass Geist in Materie involviert und sichtbare Natur insgeheim Gott ist, dann ist es für den Menschen auf Erden das erhabenste und legitime Ziel, in sich selbst das Göttliche zu offenbaren und Gott im Innern und nach außen hin zu verwirklichen.
Es ist zu beachten, dass das Erscheinen des menschlichen Mentals und Körpers auf der Erde einen folgenschweren Schritt, eine entscheidende Wandlung im Verlauf und Prozess der Evolution darstellt. Es ist nicht nur ein Weiterführen der alten Linien. Bis zum Hervortreten eines entwickelten denkenden Mentals in der Materie war die Evolution nur unterbewusst oder subliminal durch das automatische Wirken der Natur vollzogen worden, nicht aber durch die des Selbstes bewusste Aspiration, Intention, nicht durch den Willen oder das Suchen des lebenden Wesens. Das war so, weil die Evolution mit der Nichtbewusstheit begann und das verborgene Bewusstsein noch nicht genügend aus ihr hervorgetreten war, um durch den des Selbstes bewussten teilnehmenden individuellen Willen ihres lebenden Geschöpfes aktiv mitzuarbeiten. Aber im Menschen hat diese notwendige Umwandlung stattgefunden, das Wesen ist zu seinem Selbst erwacht und seiner inne geworden. Im Mental ist offenbar geworden sein Wille, sich zu entwickeln, an Erkenntnis zu wachsen, das innere Dasein zu vertiefen und das äußere auszuweiten sowie die Fähigkeiten der Natur zu vermehren. Der Mensch hat eingesehen, dass es einen höheren Bewusstseins-Status gibt als seinen eigenen. In den Schichten seines Mentals und Lebens ist der leidenschaftliche Trieb und die Sehnsucht entbunden worden, über sich hinauszukommen. Das ist nun deutlich ausgedrückt: Er ist einer Seele bewusst geworden und hat das Selbst und den Geist entdeckt. So wurde in ihm denkbar und praktisch durchführbar, dass eine unbewusste Evolution durch eine bewusste ersetzt werden kann. Daraus darf man wohl schließen, dass das Bestreben, das Drängen und beharrliche Ringen in ihm ein sicherer Hinweis der Natur darauf ist, dass sie einen höheren Weg zu seiner Erfüllung will und ein höherer Zustand hervortreten soll.
Der Mensch ist hier, um sich im Universum zu behaupten. Das ist seine erste Aufgabe. Er muss sich aber auch entwickeln und schließlich über sich selbst hinauskommen. Sein partielles soll er in das vollständige Wesen ausweiten. Sein partielles Bewusstsein soll er zum integralen Bewusstsein werden lassen. Er soll die Herrschaft über seine Umgebung erlangen, aber auch die Einung der Welt und die Welt-Harmonie. Er soll seine Individualität verwirklichen. Er soll sie aber auch in das kosmische Selbst und in die universale und spirituelle Daseins-Freude ausweiten. Offensichtlich ist es Absicht seiner Natur, dass er sich umwandelt, dass er all das läutert und verbessert, was in seiner Mentalität finster, irrig und unwissend ist. Schließlich soll er zu einer freien und umfassenden Harmonie und Erleuchtung seines Wissens, Wollens, Fühlens, Handelns und Charakters gelangen. Die schöpferische Energie hat seiner Intelligenz dieses Ideal auferlegt. Einen Drang danach hat sie seiner mentalen und vitalen Substanz eingepflanzt. Das kann aber nur dadurch zur Vollendung gebracht werden, dass er in ein umfassenderes Wesen und in ein umfassenderes Bewusstsein hineinwächst. Der Zweck, um dessentwillen er geschaffen wurde, ist, dass er sein Selbst ausweitet, zur Erfüllung bringt und sich über das hinaus entwickelt, was er nur zum Teil und vorübergehend in seiner aktuellen und sichtbaren Natur darstellt, in das, was er in Vollkommenheit in seinem geheimen Selbst und Geist ist und gerade deshalb in seinem manifestierten Dasein werden kann. Diese Hoffnung ist die Rechtfertigung seines Lebens auf Erden inmitten der Erscheinungsformen des Kosmos. Der Mensch, so wie er äußerlich erscheint, ist ein vergängliches Wesen, den Beschränkungen durch seine materielle Verkörperung unterworfen und in eine begrenzte Mentalität eingesperrt. Er soll zu jenem inneren wirklichen Menschen werden, der Herr seiner selbst und seiner Umgebung, sowie in seinem Wesen universal ist. In einer lebendigeren und weniger metaphysischen Sprache ausgedrückt: Der natürliche Mensch soll sich zum göttlichen Menschen entwickeln. Die Kinder des Todes sollen sich als die Kinder der Unsterblichkeit erkennen. Aufgrund einer solchen Auffassung kann man die Geburt des Menschen als den Wendepunkt in der Evolution beschreiben, als die kritische Stufe in der Erd-Natur.
Vom Nichtsein zum wahren Sein,
von der Dunkelheit zum Licht,
vom Tod zur Unsterblichkeit.
OM Friede! Friede! Friede!
Brihadaranyaka Upanishad, I.3.28
[So sei es.]
– Sri Aurobindo